Als Erste erschien auf dem Kampfplatz, um gegen den bestehen

[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : ~kursiv~ : =fett= ]

Bibliothek für Sport und Spiel

Der

Damen-Reitsport

von

Richard Schoenbeck

Major a. D.

Präsidial-Mitglied des Deutschen Sportvereins

Mit 50 Abbildungen

Leipzig

Grethlein & Co.

Alle Rechte von der Verlagshandlung vorbehalten.

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.

[Illustration: Kaiserin Elisabeth von Österreich auf Merry Andrew.]

Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Einleitung 7

I. Abschnitt.

Die Reiterin.

1. Aus welchem Grunde reiten Damen? 15

2. Sollen Damen im Seit- oder Reitsitz reiten? 18

3. Vom Reitajustement der Damen und deren Erscheinung zu Pferde 40

4. Der Kavalier 49

II. Abschnitt.

Das Damenreitpferd.

1. Äußere Kenntnis des Pferdes 52

2. Charakteristik des Pferdes 55

3. Anforderungen an das Damenreitpferd 58

III. Abschnitt.

Das Ajustement des Damenreitpferdes.

1. Die technische Wirkung der Zäumung 65

2. Das Kopfzeug 77

3. Der Damensattel 84

IV. Abschnitt.

Die Grundregeln der Damenreitkunst.

1. Schwerpunkt, Gleichgewicht, Aufrichtung und Bezäumung 98

2. Vom Reitergefühl 100

3. Vom Sitz der Dame auf dem Damensattel 104

4. Von den Gewichtshilfen 112

5. Von der Zügelführung und -wirkung 115

6. Behandlung des Pferdes unter dem Sattel 119

V. Abschnitt.

Praktische Reitkunde.

1. Vorbereitungen 124

2. Das Handhaben der Zügel 125

3. Die Hilfen 128

4. Die Strafen 130

5. Anhalten und Parieren 131

6. Die halben Anhaltungen 132

7. Die Wendungen 133

8. Das Reiten der verschiedenen Gangarten 134

9. Auf- und Absitzen 149

10. Reitunterricht in der Bahn 155

11. Lehrgang nach der Methode des Grafen D. Széchényi 157

12. Das Reiten im Freien 164

Schluß 169

Einleitung.

[Illustration]

Der Damenreitsport wird in deutschen Landen nicht untergehen, er blüht im

Gegenteil -- zu Nutz und Frommen aller reitfreudigen Damen -- lustig empor.

Vor mehreren Jahren hatte es allerdings den Anschein, als wenn das Fahrrad

siegreich emporsteigend und jeden andern Bewegungssport überflügelnd,

sich die Welt erobern wollte, und die Weisen des Fahrradsports erklärten

unumwunden, daß damit die bisher unbestrittene Herrschaft des Pferdes

als vornehmstes Luxus- und Sportmittel zu Ende sei. Die Erscheinungen, auf

denen diese Ansicht basierte, waren allerdings danach angetan, sie nicht

unmotiviert erscheinen zu lassen. Sie traten ganz besonders in Amerika,

England und Frankreich hervor, wo die Tattersalls und Reitinstitute leer

standen und deren Besitzer sorgenvolle Gesichter machten, denn viele

ihrer Klienten und Pensionäre waren vom lebenden Roß auf das Stahlroß

gestiegen. Dieses jedoch hat längst den Kulminationspunkt seiner

Siegeslaufbahn überschritten. In der besseren Gesellschaft aber, --

wenigstens bei uns in Deutschland -- hat das Fahrrad wohl nie recht festen

Fuß zu fassen vermocht, und heute ist das edle Luxuspferd ein eben so

gesuchter Artikel, wie er es stets gewesen.

»Wer nie im Morgensonnenlicht

Auf flüchtgem, leichtbehuftem Pferde

Den Wald durchflog -- der kennt sie nicht,

Die höchste Wonne dieser Erde!«

Tausende und Abertausende von Reitern werden die Wahrheit dieses Verses

bestätigen. Aber nicht nur sie, sondern auch die Vertreterinnen des

schönen Geschlechts, denen es vergönnt ist, sich dieser edelsten aller

Sportarten hingeben zu können, werden das tun, denn das Reiten ist nicht

ausschließlich ein Vorrecht der Männer, war es zu keiner Zeit!

Von jeher haben sich auch Frauen zur Fortbewegung und zum Vergnügen

je nach Bedürfnis der Reittiere bedient. Nur daß ehemals

vielfach Notwendigkeit war, was heute ein ebenso angenehmer, wie

gesundheitsfördernder Sport ist. Wagen waren beispielsweise im Mittelalter

bei der Unebenheit, ja Unergründlichkeit -- auch Unsicherheit können

wir noch hinzufügen -- der Straßen für längere Reisen außerordentlich

unbequem, oft geradezu unmöglich zu gebrauchen, abgesehen davon, daß ihre

Bauart noch höchst primitiver Natur war. Die Damen der besseren Stände

mußten ihre Reisen deshalb zu Pferde unternehmen, und da sie unter dem

Diagonaltrab des Pferdes arg zu leiden hatten -- auch die Damensättel

waren zu jener Zeit recht mangelhaft -- dressierte man zu ihrer

Erleichterung den Damenpferden, »Zeltern«, eine künstliche Gangart, den

»Paß« an, bei dem statt der diagonalen Vorwärtsbewegung der vorderen

und hinteren Gliedmaßen des Pferdes sie sich gleichseitig vorwärts

bewegten, womit, gleich wie bei dem Kamel, eine zwar etwas schwankende,

aber ungleich sanftere und daher für lange Touren bequemere Gangart

erzielt wurde.

Daß die Reiterin übrigens auch schon in den dem Mittelalter

voraufgehenden Jahrhunderten eine bekannte Erscheinung gewesen sein muß,

geht aus der großen Zahl von rossetummelnden Frauen hervor, von denen uns

Dichtung und Sage zu berichten wissen. So zogen, wie erzählt wird, um die

Mitte des 12. Jahrhunderts dreihundert tapfere Jungfrauen wohlberitten mit

Kaiser Konrads Kreuzheer ins heilige Land, und auch im Frieden taten

sich deutsche Frauen oft genug in dieser chevaleresken Kunst hervor. Gern

begleiteten sie ihre Herren und Gebieter auf die Hatz von Hirsch und

Eber; als ganz besonderen Sport aber betrieben sie die Reiherbeize mit

dem Falken. Freilich nicht immer mit Glück: beide Gemahlinnen Kaiser

Maximilians, Maria von Burgund und Blanka Sforza, verloren dabei durch

Sturz vom Pferde ihr Leben, ebenso erlitt Katharina von Medici dabei

zweimal bedeutende Verletzungen.

Was den heut üblichen Quersitz der Damen betrifft, so scheint er vor dem

12. Jahrhundert nur ausnahmsweise angewendet worden zu sein. Wir haben

allerdings keine Nachrichten darüber, wie die Frauen des Altertums zu

Pferde saßen; wir wissen nichts davon, weder von Semiramis, noch Dido,

Cloelia, der persischen Königin Rhodoguna, Zenobia, Cäsonia, den Frauen

des Caligula, Hiera, der schönen Mysierin, den Frauen Palästinas usw.

Amianus Marcellinus scheint anzudeuten, daß die Frauen nur auf einer Seite

des Pferdes, so wie heute, gesessen haben; indessen ist es wahrscheinlich,

daß in früheren Zeiten des Altertums die Frauen nach Männerart zu

Pferde saßen. Es heißt, daß Anna, die Tochter eines böhmischen Königs,

angefangen habe, sich eines Quersattels zu bedienen, und daß dessen

Gebrauch dann sehr allmählich nach Deutschland und Westeuropa überging.

Noch im 13. Jahrhundert scheint er nur hier und da als vornehme Sitte gern

aufgenommen und erst im 14. Jahrhundert allgemeiner geworden zu sein. In

den Kommentaren von Stowe lesen wir, daß Richard I., als er sich von den

Rebellen von Kent bedroht sah, sich von Tower nach Milesend begab, zugleich

mit seiner Mutter, welche krank und schwach war, und in einem Whirlikote

fuhr, welcher als ein abscheulicher Wagen beschrieben wird, der aus vier

roh miteinander verbundenen Brettern bestand. Das Jahr darauf heiratete

er Anna von Luxemburg, welche den Gebrauch der Damensättel einführte.

Gelegentlich der Beschreibung der Turniere sagt der um die Mitte des

14. Jahrhunderts lebende Chronist Keighton: »Eine große Anzahl Damen

höchsten Ranges und von ausgezeichneter Schönheit wohnten diesen

Turnieren bei. Sie sind in buntfarbige Tuniken gekleidet, halb von einer,

halb von einer andern Farbe. Ihre Pelerinen sind sehr kurz, ihre Hüte

bemerkenswert klein und auf dem Kopfe durch Schnüre befestigt. Ihre

Gürtel und Börsen sind mit Gold und Silber verziert. Sie tragen

kleine Degen (Dagues), vorn hängend, etwas unter der Taille. Sie reiten

prachtvolle Pferde mit reichem Sattel- und Zaumzeug, und in solchem Aufzuge

begeben sie sich von einem Ort zum andern, Turniere aufsuchend.« Ein

englischer Chronist zur Zeit Richards II. erzählt, daß die damaligen

Edeldamen hohe Mützen und Hüte und Roben mit langer Schleppe zu Pferde

trugen und sich nach dem Beispiel der Königin Anna, die diese Mode zuerst

in England einführte, des Seitensattels bedienten; »denn vordem ritten

Frauen jeglichen Standes, gleichwie die Männer pflegen«. Der von Anna

und ihren Nachfolgerinnen gebrauchte Sattel war übrigens nur ein einfaches

Reitkissen, auf dem man wie auf einem Stuhl saß, wobei es die höfische

Regel verlangte, daß die Reiterin das Gesicht gegen den Kopf des Tieres

kehrte. In diesem Sitz, der eben so unsicher wie unbequem, und für die

Führung des Pferdes ungeeignet war, sehen wir z. B. auf einem alten

Kupferstich die neunzehnjährige Gemahlin des großen Kurfürsten, Luise

Henriette von Oranien, abgebildet. (Fig. 1.)

[Illustration: Fig. 1. Der große Kurfürst mit seiner Gemahlin Louise

Henriette von Oranien auf der Reiherbeize.]

Übrigens hat dieses Damenreiten, »gleichwie die Männer pflegen«, sich,

wie aus Abbildungen mannigfacher Art zu ersehen ist, teilweise noch bis um

die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten, Beweis genug, daß diese Sitte

vor dem Zartgefühl auch einer vorgeschritteneren Zeit Stand zu halten

vermochte. So ist z. B. die Prinzessin Kunigunde zu Sachsen in dieser

Weise im Schloß zu Koblenz abgebildet, und auch die Prinzessin Friederike

Sophie Wilhelmine von Preußen sehen wir auf einem alten Kupferstich im

Herrensattel. (Fig. 2.)

[Illustration: Fig. 2. Prinzessin Friedericke Sophie Wilhelmine von

Preußen auf Herrenart im Sattel.]

Es ist ganz zweifellos, daß der Damenreitsport in neuster Zeit immer mehr

an Anhang gewinnt, ganz besonders in den höheren und höchsten Ständen.

Das Erscheinen der deutschen Kaiserin bei den Paraden zu Pferde in dem

kleidsamen Kostüm ihres Kürassierregiments, eine bisher ganz ungewohnte

Sitte, entfesselt stets ein wahres Entzücken bei dem Publikum. Auch die

Kaiserin Friedrich, die hier und da in der Uniform ihres Husarenregiments

bei Paraden erschien, war eine vorzügliche Reiterin, ebenso wie ihre

Tochter, die Erbprinzessin Charlotte von Sachsen-Meiningen. Bekanntlich

war auch die unglückliche Kaiserin Elisabeth von Österreich eine der

berühmtesten und unerschrockensten Reiterinnen der Neuzeit. Dabei kann es

denn nicht ausbleiben, daß viele Damen der höchsten und hohen Stände dem

gegebenen Beispiel mit Vergnügen folgen.

Allerdings sind dem Reitsport der Damenwelt, was seine Ausbreitung

betrifft, Grenzen gezogen, denn der Kostenpunkt spielt dabei eine nicht

unwesentliche Rolle, ebenso wie die geistige und körperliche Befähigung,

die Figur und das Taktgefühl der Dame, also die Ästhetik -- und zwar

in weit höherem Maß, als bei den Herren. Wenn eine Dame nicht ganz

einwandsfrei reitet und dabei eine in Figur, Haltung und Kleidung tadellose

Erscheinung zu Pferde bildet, so ist sie dem unliebsamen Urteil des

Publikums, das vielfach instinktiv das Richtige trifft, verfallen. Zeigt

sich daher eine Dame öffentlich zu Pferde, so muß sie bereits in jeder

Beziehung gefestigt sein und darf keine schülerhaften Allüren mehr

an sich tragen, was beiläufig auch in bezug auf ihre eigene Sicherheit

gefährlich wäre. Findet sich jedoch alles beisammen, ein gutes Pferd,

eine elegante Figur mit graziöser Haltung, eine sichere Zügelführung,

die jedes Ängstlichkeitsgefühl vermissen läßt, eine schicke,

sportgerechte Bekleidung und ein elegantes Reitajustement, so bildet

sie unter allen Umständen eine der sympathischsten öffentlichen

Erscheinungen, die man sehen kann. Dazu gehört allerdings der _Seitsitz_,

an den sich das Auge gewöhnt hat und der auch für die Sicherheit der

Amazone vom equestrischen Standpunkt aus als am empfehlenswertesten

erscheint.

Dabei möchte ich es allerdings nicht unterlassen, zu erwähnen, daß eine

Dame, deren Mittel es gestatten, sich dem edlen Reitsport hinzugeben, nicht

früh genug anfangen kann. Das ist also ein Avis für Eltern, welche ihren

Kindern diesen eleganten, gesundheitfördernden Sport gewähren wollen. Die

Erfahrung hat gelehrt, daß von allen sportlichen Zerstreuungen denen

sich die gegenwärtige Generation überläßt, keine der Jugend, wie dem

reiferen Lebensalter lebhafteres und heilsameres Vergnügen verschafft, als

der Reitsport. Nur durch frühes Anfangen allerdings wird die Möglichkeit

geboten, einst voll und ganz die Reitkunst zu beherrschen und den

außerordentlichen Genuß zu empfinden, den das _Können_ gewährt. Ein

späterer Unterricht kann nur selten ersetzen, was in der Jugend spielend

erlernt wird, -- ohne Unterricht, oder fast ohne einen solchen. Es wird

stufenweise eine Geschicklichkeit erworben, die mit dem Kinde wächst und

sich mit seiner Kraft entwickelt. Wenn der Wuchs es ihm gestattet, den

kleinen Pony mit einem größeren zu vertauschen, und später mit einem

Pferde, dann ist die junge Dame vollständig fähig, dasselbe in allen

seinen Gangarten zu beherrschen. Außerdem liegt in der Hand der Dame, die

an das Landleben gewöhnt ist, und die ihre Reitübungen in der Kindheit

begann, ein Grad der Bestimmtheit, die zu einer Übereinstimmung zwischen

ihr und ihrem Pferde führt, wie er in späteren Jahren nur noch in

selteneren Fällen erworben wird. --

I. Abschnitt.

Die Reiterin.

1. Aus welchem Grunde reiten Damen?

Pardon, mes dames, wenn ich diese, Ihnen vielleicht etwas verblüffend

erscheinende Frage voranstelle. Ich erwarte von Ihnen auch keine Antwort

darauf, sondern werde -- um als »männliche Partei« nicht boshaft

zu erscheinen -- die Antwort darauf einer bekannten französischen

Schriftstellerin überlassen, die ihre Schwestern ziemlich genau zu kennen

scheint, wenn sie das für einen Mann etwas heikle Thema in nachstehender

Weise behandelt:

»Ehedem war die Dame zu Pferde eine Ausnahme. Heutzutage reiten fast alle

Damen der guten Gesellschaft, und, was noch mehr, sie reiten meist gut.

Aber -- sie reiten aus recht verschiedenen Gründen.

Nur eine geringe Anzahl von Damen reitet zum Vergnügen. Diese, welche am

seltensten sind, empfinden eine wahre Genugtuung, sich in einer schnellen

Gangart davontragen zu lassen, oder in der so angenehmen Gleichförmigkeit

einer gutgeregelten Gangart, vorwärts zu streben. Sie finden, daß man

zu Pferde besser atmet, daß die Luft frischer erscheint, oder daß keine

andere Körperübung mit der des Reitens verglichen werden kann. Sie

reiten, um zu reiten, und nicht, um sich bewundern zu lassen, und sie

lieben ebenso ein gutes Galopptempo in der Haide, fern von allen Augen, wie

einen Morgenspazierritt in den Park.

Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, wechselt gern ihre Pferde. Sie

kümmert sich wenig darum, ob das Pferd, auf welchem sie sitzt, sie »zur

Geltung« bringt, -- sie denkt nur daran, ihr _Pferd_ zur Geltung zu

bringen. Es ist ihr gleichgültig, wenn man sagt: »Ich bin heute Frau

F. auf einem Pferde begegnet, das ihr vorzüglich steht; sie war noch

hübscher als gewöhnlich«. Aber sie ist vor Freude außer sich, wenn

sie im Vorbeireiten die Bemerkung hört: »Ich weiß nicht, wie es Frau F.

macht, aber dieser Schinder sieht nach etwas aus, wenn sie darauf sitzt.«

Sie liebt es, allein zu reiten, oder doch wenigstens mit Leuten, mit denen

sie keine Umstände machen zu müssen glaubt. Sie plaudert gern, wenn sie

ein schlechtes oder auch nur ein langweiliges Pferd hat. Hat sie aber ein

gutes, so amüsiert sie sich mit ihm, und dieses Amüsement allein genügt

ihr.

Sie liebt es zu springen, aber nur über natürliche Hindernisse. Das

künstliche Hindernis mag sie nicht. Ebenso hart, wie sie gegen das Pferd

ist, das auf der Jagd »refüsiert«, so viel Güte wie Nachsicht findet

sie in ihrem Herzen gegen dasjenige, welches vor einem künstlichen

Hindernis scheut. Sie verabscheut die belästigenden Begleiter, welche

sie gegen das Gebüsch oder den Bürgersteig drängen. Sie verabscheut die

Begleiter, welche sich nicht mit ihr in einer Linie halten, und wenn

sie etwas nervös machen kann, so sind es Leute, die ihr Pferd nicht

vollständig in der Gewalt haben.

Besondere Kennzeichen: Die Dame, welche zum Vergnügen reitet, ist fast

immer von einer blühenden Gesundheit. -- Andere Damen reiten, weil sie

es für schick halten. Diese beschäftigen sich einzig und allein mit dem

Exterieur ihres Pferdes, der Form ihres Hutes, dem Sitz ihres Reitkleides

und der Stunde, wo die Promenade mit Modekavalieren bevölkert ist. Sie

fühlen sich auf dem Pferde sehr unglücklich und möchten die ganze

Zeit über, welche sie auf demselben zubringen, fast weinen, -- aber sie

gehorchen dem Zwange der Mode und müssen sich alle Tage zur Promenadenzeit

zeigen. Sie reiten zwar schlecht, aber sie sind davon überzeugt, daß sie,

wenn man ihnen schmeichelt, niedlich, elegant und selbst graziös sind. Nur

aus Eitelkeit, nur um sich bewundern zu lassen, und ohne irgend ein Gefühl

für die Freuden der Reitkunst, liegen sie im Sattel. In ihrem Innern aber

empfinden sie unwiderstehliche Furcht, wenn sie sich dieser Körperübung

hingeben, die sie zu spät begonnen haben, um darin noch etwas leisten zu

können.

Es gibt auch Damen, welche aus Reklame reiten. Diese sind nach der

Schönheit ihres Pferdes und der Eleganz ihrer Kleidung zu bewerten. Das

Amt oder Bankgeschäft ihres Gatten oder Vaters verraten sie oft in einem

anscheinend unbedeutenden Detail. Sie reiten im allgemeinen recht mäßig

und ohne Vergnügen. Sie würden lieber die Läden ablaufen, wo sie in der

verhältnismäßig frühen Morgenstunde, die sie dem Sport widmen, viele

Chancen haben, nicht gestört zu werden. Nur Talermillionären gestatten

sie, sie zu begleiten. Man darf ihnen keinesfalls mit Leuten begegnen,

welche weder ein großes Vermögen oder einen hervorragenden Titel

besitzen, denn sonst wäre ja der Zweck, um dessentwillen sie in den

Sattel steigen, verfehlt. Ihr Reitkleid, der Reithut, das Zaumzeug und der

Reitstock sind von einer äußerst gesuchten und hypermodernen Vollendung.

Die Damen, welche ihrer Gesundheit wegen reiten, sind sehr zahlreich.

Sie reiten, um mager zu werden, um stark zu werden, um ihre Gesichtsfarbe

aufzufrischen, um Appetit zu bekommen, um Schlaflosigkeit zu bekämpfen

usw. Indem sie sich nur ihrer Kur widmen, gehen sie dreiviertel ihrer Zeit

so gründlich zu Werke, daß sie erbarmungslos alle friedfertigen Reiter

durcheinander bringen. Für sie existiert das Pferd nur als Heilmittel,

und an dem Tage, an dem sie mager oder stark geworden sind, an dem sie

mit Appetit gegessen oder die Nacht ruhig geschlafen haben, werden sie mit

Freuden aufhören, sich einer Körperübung hinzugeben, die in ihren Augen

nur ein Frondienst war. Aber so lange sie reiten, werten sie ihre Zeit

gewissenhaft ab.

Dann gibt es noch eine Kategorie von Damen, nämlich solche, welche aus

Nachahmungstrieb reiten. Diese reiten oft gut, weil sich bei ihnen mit

der fixen Idee, einer intimen Freundin oder einer Klostergefährtin

nachzuahmen, sehr schnell die noch fixere, sie zu übertreffen, vereinigt.

Sieht eine dieser Damen bei ihrer Freundin ein Reitkleid aus London, dann

muß sie sich ebenfalls ein solches von dort kommen lassen. Besitzt ihre

Freundin Alice einen Hengst mit Elefantenfüßen und einem Nilpferdkopf,

dann wird sie nicht eher ruhen, als bis ihr der liebe Gatte ein Tier

gekauft bat, das eher einem Rhinozeros als einem Pferde gleicht. Eine

der Damen, denen sie öfter auf der Promenade begegnet, reitet auf

einem kleinen Sattel, den man beinahe gar nicht sieht. Die Dame mit dem

Nachahmungstrieb wird nicht schlafen können, bevor sie nicht ganz ohne

Sattel reitet und so ihre Nebenbuhlerin übertrumpft.

Überaus viel zu schaffen macht dieser Kategorie die Abwechslung in den

Reitkleidern. Alle Tage sucht man eine neue Mode aufzubringen oder ein

System einzuweihen, welches der von der Nachbarin aufgebrachten Mode oder

dem von dieser eingeweihten Systeme den Todesstoß versetzt.«

So, mes dames, ehe Sie nun das Pferd besteigen, um dem edlen Reitsport

zu huldigen, wählen Sie, in welche der gezeichneten Klassen Sie sich

einreihen wollen, -- aber machen Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube!

2. Sollen Damen im Seit- oder Reitsitz reiten?

Bevor eine Dame sich dem Rücken des Pferdes anvertraut, sollte sie sich

darüber klar sein, in welcher Art und Weise sie reiten will, allerdings

eine Vorbedingung, welche seit mehreren Jahrhunderten kaum zur Frage

geworden ist. Aber die Emanzipierungsbestrebungen der Damen in neuerer Zeit

auf allen Gebieten hat auch auf diesem eine Propaganda gezeitigt, welche

nicht unbeachtet vorübergehen konnte, und ich halte es demnach für

notwendig und meine Pflicht, diese Frage etwas eingehender zu erörtern.

In erster Linie erscheint es verwunderlich, daß für die -- wir können

mit vollem Recht sagen »antiquierte« -- Reitart (im Reitsitz) eine

_Propaganda_ gemacht wird. Wir sollten meinen, es müsse dem eigenen

Willen und -- wie wir auch später sehen werden -- der individuellen

Körpergestaltung der Dame überlassen bleiben, ob sie von dem nun doch

längst gebräuchlich gewordenen _Seitsitz_ (Quersitz) abgehen und sich dem

_Reitsitz_ (à la cavalier) zuwenden will. Niemand wird sie daran

hindern, wenn ihr gerade diese Art zu reiten Vergnügen macht. Ob es aber

_praktisch_ ist, das ist eben die Frage, und wenn sie es _für sich_ als

praktisch erachtet, so ist es doch noch eine große Frage, ob es auch für

_andere_ praktisch ist. Eines schickt sich eben nicht für alle! Warum also

Propaganda? Danach haben wir den Reitsitz der Damen von drei verschiedenen

Gesichtspunkten aus zu betrachten, und zwar erstens vom _reitsportlichen_

überhaupt, zweitens vom _medizinischen_ und drittens endlich auch vom

_ästhetischen_ Standpunkt aus.

Ich will dabei nicht nur meine eigene Ansicht, welche vielen Damen

vielleicht nicht kompetent erscheinen könnte, in die Wagschale werfen,

sondern möglichst international sein. -- Bekanntlich sind England,

Amerika, Frankreich und noch viele andere Länder unserem Deutschland auch

mit Bezug auf den Damenreitsport noch weit überlegen, und so wollen wir

denn auch Stimmen aus jenen Ländern hören -- natürlich nur um zu lernen

und dann das Fazit zu ziehen.

Wie schon eingangs angeführt, ging der zweifellos ursprüngliche Reitsitz

der Damen zum Seitsitz über, nachdem die zunehmende Verbesserung des

Damensattels diesen Sitz angenehmer und bequemer gemacht hatte. Aber --

die Zeichen des neuen Jahrhunderts sind die auf allen Gebieten zunehmenden

Emanzipationsbestrebungen der Damen -- logischerweise mußten sie sich

demnach auch auf den Reitsport erstrecken. Die Damen wollen es auch darin

den Männern gleich tun und à la cavalier reiten.

Das ist nur -- pardon, beinahe hätte ich wieder gesagt »logisch«, --

doch kaum ist mir das Wort entfahren, möcht ich's im Busen gern bewahren!

Denn, so leid es mir auch tut, es aussprechen zu müssen, einen _anderen_

Grund, den bisherigen Reitsitz der Damen zu ändern, habe ich nicht finden

können![A] Aber die Frage ist zur cause célèbre geworden, seitdem sogar

die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« -- wie ich voranschicken will,

leider nur in gänzlich unzureichender Weise, d. h. mehr vom sportlichen,

laienhaften, wie vom wissenschaftlich medizinischen Standpunkte aus -- sich

damit beschäftigt hat. Es ist das eigentlich recht bedauerlich, denn die

Gegner des angestrebten Reitsitzes können nicht mit diesem schwersten

Geschütz dagegen vorrücken, bevor nicht die Wissenschaft gesprochen hat.

Der praktische Reiter aber kann dann mindestens mit dem Maschinengewehr

vorgehen. -- Doch -- wie immer -- wollen wir den Damen den Vorrang lassen

und ihre Forderungen nebst den Gründen dafür hören.

[A]: Confiteor, daß auch ich in früheren Jahren zu denen gehörte,

welche dem Damensitz nach Herrenart das Wort geredet, und daß ich

dieser meiner Meinung in älteren Schriften mehrfach Ausdruck verliehen

habe. Seitdem aber bin ich infolge der mannigfachen Erfahrungen, die

ich auf diesem Gebiete machte, vom Saulus zum Paulus geworden, und auf

Grund dessen kann ich nicht anders, als mich ohne Einschränkung für

den bisherigen Seitsitz der Damen zu entscheiden.

Als Erste erschien auf dem Kampfplatz, um gegen den bestehenden Seitsitz

eine Lanze zu brechen, schwer gerüstet, aber mit offenem Visier,

niemand geringeres als Fräulein Dr. Anita Augspurg, und der »Berliner

Lokal-Anzeiger« hatte die Ehre, als Herold zu fungieren. Ich weiß nicht,

ob die Dame selbst Reiterin ist, oder ob sie nur akademisch spricht --

letzteres ist ja durchaus modern -- jedenfalls tritt sie als eifrige

Verfechterin des Herrensitzes auf, und ich will einige ihrer Sentenzen hier

anführen, ohne ihnen deshalb durchaus zustimmen zu können. So z. B.

kann ich mich durchaus nicht unbedingt ihrer Meinung anschließen, daß der

Damensattel -- wir kommen auf denselben später zurück -- nach mehreren

Jahrhunderten seiner Herrschaft (sic!) ein widersinniges Marterinstrument

für Pferd und Reiterin sei. _Doch nur unter Umständen!_ Mit Vergnügen

aber stimme ich ihrer Ansicht bezüglich Verwerfung des Korsetts zu, dem

ich -- nach den Belehrungen meiner Frau -- nur insoweit eine Berechtigung

zugestehen kann, als es sich um das Tragen, bezw. die Befestigung der

Unterkleider handelt. Da diese aber -- es dürfen nur Reitbeinkleider

getragen werden, die sich auch anders befestigen lassen -- beim Reiten

fortfallen, so kann es das Ungeschöpf wohl auch.

Wie schon angedeutet, ist Fräulein Augspurg denn auch der Ansicht, daß

das Reiten im Herrensattel _gesünder_, _gefahrloser_, _interessanter_ und

vor allem _schöner_ sei, als im Damensattel.

Was das erstere betrifft, so kann ich nur sagen, daß ich unter den

Hunderten von Damen, welche ich als Reitdamen kennen lernte, noch keine

einzige gefunden habe, welche durch das Reiten im Damensattel ihre

Gesundheit geschädigt hätte, außer einer einzigen, welche sich durch den

Sturz aus dem Damensattel eine schwere Kreuzverletzung zugezogen hatte. Ein

Sturz aber kann vom Herrensattel aus _noch viel leichter_ eintreten, wie

wir es bei _Herren_ leider sehr oft hören und sahen. »_Gefahrloser_« --

das widerlegt sich aus dem eben Gesagten von selbst. Jemand, der infolge

langer Beine in der Lage ist, sich bei gewissen Bewegungen des Pferdes mit

den Beinen an dasselbe anklammern zu können -- sit venia verbo -- reitet

relativ gefahrloser, als ein solcher mit kurzen Beinen, der nur auf Balance

angewiesen ist. Und letzteres würde doch in den meisten Fällen bei

den Damen zutreffen. Beim Damensattel aber, wo beide Beine an den

beiden Hörnern einen durchaus sicheren Halt finden, ist die Gefahr des

Herabstürzens eine ganz bedeutend geringere. Ob es _interessanter_ ist, im

Herren- oder Damensitz zu reiten, darüber kann allerdings nur jemand ein

Urteil fällen, der beide Reitarten ausübt; ich sehe jedoch nicht ein,

weshalb die eine weniger interessant sein soll, als die andere. Und

_schöner_ -- das ist Geschmackssache. Ich für meine Person finde eine

elegante, gut sitzende und ihr Pferd anmutig führende Reiterin im Seitsitz

interessanter und _schöner_ aussehend, als eine solche im Herrensitz, die

mich -- als Erscheinung -- gar nicht interessiert. Pardon! Also -- darüber

läßt sich streiten.

»Einem unvoreingenommenen Auge«, sagt die Verfasserin, »muß eine

Reiterin im Quersitz (der Herrensitz ist gemeint!) gefälliger erscheinen,

denn wenn man imstande ist, von der Gewöhnung zu abstrahieren und den

Anblick, den sie im Damensattel bietet, ganz objektiv zu erfassen, so muß

man diesen fast von allen Seiten für direkt unschön erklären. Von

vorne wie von hinten gesehen, hat die Figur von Pferd und Reiterin eine

unglückliche Kontur. Man sucht ängstlich, wo wohl der Schwerpunkt dieser

Unform sich befinde; nicht ganz so schlimm ist es von der rechten, am

erträglichsten von der linken Seite (na also!), zeigt uns aber der

Zufall die Rückansicht einer »englisch« trabenden Dame, so fühlen sich

Ästhetik und Anstandsgefühl in gleicher Weise gekränkt (na na!) und

alle Grazien verhüllen entsetzt das Haupt. Hierbei ist natürlich nur

das _anerzogene_ Anstandsgefühl gemeint, das die Existenz bestimmter

Körperteile, die es hier besonders zum Ausdruck gebracht sieht, nun einmal

ignoriert wissen will. (Und unsre heutige Damenmode???)«

Ich bekenne offen, mich nicht zu jener Objektivität aufschwingen zu

können, um mich dieser Auffassung anzuschließen. Im Gegenteil finde ich,

daß z. B. eine graziös und korrekt englisch trabende Dame von allen

Seiten ein äußerst sympathisches Bild abgibt, vorausgesetzt, daß sie

eine gute Figur hat und tadellos reitet. Von Karikaturen brauchen wir nicht

zu sprechen. Sobald aber in die Haltung der Damen eine Pose hineinkommt,

welche wir nicht zu sehen gewöhnt sind -- eine Dame pflegt doch auch sonst

nie Spreitzsitz oder -Stellung einzunehmen -- so wird das bald für die

meisten Männer uninteressant, vielfach sogar widerwärtig. Dies allein

schon sollte für die Damen maßgebend sein.

»Auch das ärztliche Urteil«, führt die Autorin ferner aus, »sofern

es sachverständig ist hinsichtlich des Reitens, (?) bevorzugt stets den

Quersitz (Herrensitz) für die gesunde Frau: Die wahrhaft verschrobene

Haltung, die ein guter Sitz im Damensattel erfordert (sic!), hemmt die

Zirkulation des Blutes und bringt für den noch nicht ausgewachsenen

jugendlichen Körper entschieden ernstliche Gefahr des Verkrümmens

und Schiefwerdens, für den voll Erwachsenen aber zum mindesten große

Unbequemlichkeit, die man erst zu ermessen versteht, wenn man nach

längerer Gewöhnung an den Quersitz wieder einmal den Damensattel

probiert. Viele Ärzte gestatten ihren Patientinnen das Reiten nur unter

der Bedingung, daß es im Herrensattel geschieht.«

Ein definitives ärztliches Urteil darüber steht wohl noch aus, obwohl --

wie schon angeführt -- die »Deutsche Medizinische Wochenschrift« sich

in zwei Artikeln mit diesem Thema beschäftigt hat, leider nicht klinisch

genug, um auch den hippologischen Fachmann zu befriedigen, der anders

darüber denkt. Ich komme noch einmal darauf zurück.

Ich muß es durchaus leugnen, daß ein korrekter Damenreitsitz auf _gutem_

Damensattel zu den angeführten Körperschäden führt. Ich führe wiederum

die Hunderte von Reiterinnen an, die ich kenne -- aber keine einzige ist

krumm oder schief geworden, noch hat sie, infolge des Seitsitzes, irgend

eine körperliche Verunstaltung erfahren. Ich habe selbst vielfach im

Damensattel geritten, um mich von der Wirkung des Sitzes auf den Körper zu

überzeugen, mich aber sehr bald und ohne die geringste Unbequemlichkeit

zu haben daran gewöhnt. Gewiß, ich, als Herr, der ich mich von frühester

Jugend an an meinen Sitz gewöhnt habe, würde nur ungern zum Damensitz

übergehen, -- vielleicht würde es auch eine Dame nicht tun, welche von

Jugend auf als Herr geritten hat -- im übrigen aber werde ich Damen,

welche erst in späteren Jahren das Reiten lernen wollen, stets den Sitz

auf dem Damensattel empfehlen. _Das Reiten im Herrensitz_ ist -- bei dem

in den meisten Fällen dafür ungünstigeren Bau des weiblichen Körpers

-- _viel schwerer zu erlernen und wird, wiederum in den meisten Fällen,

unvollkommener bleiben, als im Seitsitz_.

Leider kann ich demnach wieder nicht mit Fräulein Dr. Anita Augspurg

übereinstimmen, wenn sie sagt:

»Es braucht nicht erst eingehend dargelegt zu werden, welche Gefahren

der Damenreitsitz für die Reiterin hat. Ich kenne vernünftige Väter und

Gatten genug, die mit eiserner Konsequenz ihren weiblichen Angehörigen

das Reiten ganz untersagen, weil sie als tüchtige Reiter und

Sachverständige (?) sonst wegen der furchtbaren Gefahren des

Damensattels (!) in steter Angst um ihr Leben schweben würden. Aber nicht

nur die Gefahr, geschleift zu werden (welche beiläufig im Herrensattel

noch viel größer ist! Der Verf.) oder mittels der Hörner sich

schwere Verletzungen zuzuziehen (bei den neuen Sätteln fast unmöglich!

Der Verf.) ist vorhanden, auch die Gewalt über das Pferd wesentlich

geringer als im einseitigen Sitz (pardon, nur die Schenkelwirkung!

Der Verf.), und die Reiterin ist infolgedessen wesentlich abhängiger von

den Launen, Unarten, oder von dem Scheuen des Tieres: ein tückisches Pferd

unter Damensattel zu reiten, ist immer eine Tollkühnheit.«

Das einzig Richtige an dieser ganzen These ist, daß die Reiterin, d. h.

auch nur eine nur mittelmäßige, das Tier nicht so in der Gewalt hat, wie

ein Herr. Ich bezweifle aber auch, daß die Reiterin im Herrensitz dieselbe

Gewalt haben würde, wie der Mann. Ich habe Reiterinnen gesehen und

gekannt, welche Pferde ritten, die für Herren höchst unbequem, ja

gefährlich zu reiten waren. Das liegt zunächst an der Führung, ferner

daran, daß die Pferde nicht mit den ihnen oft unbequemen Schenkeln

gequängelt wurden. Im übrigen aber wird man für Damen, ob sie nun

auf die eine oder die andere Art reiten, stets mit besonderer Vorsicht

_zuverlässige_ Pferde _ohne_ besondere Launen oder Unarten, und besonders

mit _gutem Maul_ aussuchen müssen, d. h. relativ _sichere_ Pferde.

_Absolut_ sichere gibt es nicht. Passiert dann doch einmal ein Unglück, so

werden eben ganz besondere, unvorhergesehene Geschehnisse die Schuld daran

tragen.

Was das _Alleinreiten_ der Damen anbetrifft, für welches die Verfasserin

ebenfalls schwärmt, so kann ich mich wiederum nicht ihrer Meinung

anschließen. Man mag es ja auf eigene Gefahr hin tun, aber es ist weder

vorsichtig noch -- schick. Wie eine Dame nicht ohne Kutscher oder Groom

selbst kutschieren wird -- ein solcher gehört nun einmal dazu, und

die Damen sind doch sonst den Anforderungen der Mode gegenüber so sehr

peinlich -- so auch beim Reiten. Entweder ein Kavalier oder ein Groom. Wenn

ganz korrekt geritten werden soll, so muß stets ein Groom, auch dem Paare,

folgen.

Den Schluß des Artikels bildet eine begeisterte Dithyrambe auf den

Herrensitz für Damen, welcher meiner Ansicht nach mehr dem _Wollen_ wie

dem _Können_ gewidmet ist. Wir haben seit jenen Zeiten, als die Damen

(noch) à la califourchon ritten, so unendliche Fortschritte auf allen

Gebieten der Kultur gemacht, daß das Einnehmen des Seitsitzes zweifellos

auch als ein solcher betrachtet werden muß. Es müssen doch selbst damals

schon sehr dringende Gründe vorgelegen haben, um mit dem alten Brauch

zu brechen und dafür den doch mindestens ungewöhnlichen Seitsitz

einzuführen. »Nichts Schöneres, als sich selbst ein Pferd satteln und

zäumen zu können, frei aufzusitzen und zu reiten, durch Wälder und

Täler im sicheren Bewußtsein der vollen Herrschaft und Unabhängigkeit

(Schritt, Schritt!), Rast zu machen, sich auf- und abzuschwingen

nach Belieben: da kommt man zu seinem Tiere in ein weit vertrauteres,

kameradschaftliches Verhältnis, das die Freude am vornehmsten aller

Sports wesentlich erhöht. Möchte sich die kleine Gemeinde der Damen vom

›Amazonensattel‹ bald erheblich vergrößern!«

Das alles, meine Gnädigste, können Sie, wenn Sie eine perfekte Reiterin

sind, auch im Damensattel haben. Nur vor dem »Selbstsatteln« möchte ich

-- für beide Arten -- dringend warnen! --

Um nicht einseitig zu erscheinen, soll auch die Ansicht einer Dame in ihren

wichtigsten Punkten gehört werden, welche, Renegatin geworden, d. h. zum

Herrensitz übergegangen ist, für letzteren ebenfalls eine Lanze bricht.

Frau Rittergutsbesitzer Happoldt-Langenöls schrieb seiner Zeit einem

Sportblatt u. a. folgendes:

»Dem Damensattel will ich in gewissen Fällen die Berechtigung nicht

absprechen. Er eignet sich für diejenigen Reiterinnen, welche der

Abwechslung wegen, aus Modesache oder aus was sonst für Gründen (vergl.

den Anfangsartikel, aus welchen Gründen eine Dame reitet! D. Verf.),

ein Pferd besteigen, in günstigem Terrain, womöglich auf wohlgepflegten

Reitwegen großstädtischer Parks ein Stündchen spazieren reiten. (Und die

englischen Damen, welche die schweren Jagden mitreiten? D. Verf.) Das

ist aber in meinen Augen nicht reiten, sondern Spielerei. Wer sich aber

lediglich aus Passion in den Sattel setzt, bei nicht immer günstigen

Boden- und Witterungsverhältnissen meilenweite Ritte macht, der wird sehr

bald die großen Vorteile schätzen lernen, die der Herrensitz gewährt.

Ich bekenne offen, daß, nachdem ich soviele Jahre ausschließlich den

Damensattel benutzt habe, der veränderte Sitz mir anfangs Schwierigkeiten

machte. Außer der Zügelführung war alles neu, der »Schluß« fehlte,

und vor allem war die Balance eine ganz andere. Das Lernen wäre mir

entschieden leichter geworden, hätte ich den Damensattel vorher nicht

gekannt. Doch mit Lust und festem Willen läßt sich vieles erreichen. Ich

habe unermüdlich geübt und mit meines Mannes Hilfe an mir gearbeitet,

bis ich sicher war. Und jetzt möchte ich um keinen Preis den als praktisch

erprobten und mir lieb gewordenen Sitz gegen den zuerst erlernten wieder

austauschen. -- -- Bei langem Trabtouren kommt mir der Herrensitz

ungeheuer zu statten, er ermüdet viel weniger, als der ehemalige Seitsitz.

Und nun zum Hauptvorteil des Herrensattels! Welcher von uns wahren

Reiterinnen liegt nicht das Wohl und Wehe ihres Pferdes am Herzen,

als wäre es das eigene? Der einseitige Sitz mit der ungleichen

Gewichtsverteilung, die selbst der allerkorrekteste Damensitz nicht

vermeiden kann, strapaziert das Pferd ungeheuer, besonders auf langen

Strecken, abgesehen von der trotz neuester Sattelkonstruktion immer noch

bestehenden Gefahr des Gedrücktwerdens.«

Pardon, meine Gnädige, wenn ich mir da eine Einschaltung erlaube. Wir

wollen -- nochmals pardon -- immer logisch bleiben. Daß der Herrensitz

für das _Pferd_ praktischer ist, als der Seitsitz, ist ja eine von

niemandem bestrittene Tatsache. Und daß man im Herrensitz unter allen

Umständen technisch besser reitet, als im Seitsitz, hat auch noch niemand

bestritten. Hier handelt es sich aber darum, ob eine _Dame_ im Herrensitz

besser reitet, als im Seitsitz. Warum also offene Türen einrennen? Wenn

die _einzelne_ Dame ihrer körperlichen und seelischen Veranlagung nach auf

diese Weise sich auf dem Pferde wohler fühlt, so mag sie doch in Gottes

Namen so reiten! Warum aber dafür _Propaganda_ machen? Der weitaus

größere Teil der reitenden Damen aber wird im Damensattel besser

aufgehoben sein -- jedenfalls sicherer, und ich will mich gar nicht

scheuen, es auszusprechen: auch eine ganz hübsche Kollektion reitender

Herren würden es sein, wenn es angängig wäre -- denn zu _diesem_ Reiten

gehört ein _Können_, was nicht jeder erreicht oder erreichen kann. --

Also nochmals: _Eines_ schickt sich nicht für alle! --

»Die Darlegung meiner Ansichten und Erfahrungen«, so schließt Frau H.

sehr vernünftigerweise, »soll durchaus nicht als Propaganda für den

Herrensitz gelten, das liegt mir fern. Ich lasse jedermann nach seiner

Façon selig werden. Die betreffenden Damen werden selbst am besten den

für sie geeigneten Sitz herausfinden. Ich glaube selbst, daß von

hundert Damen, die den Herrensitz erlernen wollen, neunundneunzig zu dem

altgewohnten zurückkehren, denn, wie gesagt, so einfach ist die Sache

nicht, es gehört fester Wille, Ausdauer, Ausdauer und abermals Ausdauer

dazu (vorausgesetzt, daß der Körperbau der Dame überhaupt für diesen

Sitz geeignet ist, der Verf.) und wenn wahre Passion die Triebfeder zum

Reiten ist. Wem diese Eigenschaften innewohnen, der wird gleich mir für

den Herrensattel stimmen.«

Na bravo, da sind wir ja einig!

In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, No. 46, 1901 findet sich

ein K. S. und Dr. F. F. unterzeichneter Aufsatz, welcher dasselbe Thema

behandelt, welcher zweifellos von einer Dame, vielleicht unter Assistenz

eines Arztes geschrieben ist und der zu ganz entgegengesetzten Resultaten

kommt, wie die beiden bereits erwähnten Damen. Ich halte den Inhalt für

wichtig genug, um ihn hier wörtlich wiederzugeben; und das um so mehr, als

hier auch der ärztliche Standpunkt endlich einmal ein wenig mehr in den

Vordergrund tritt.

[Illustration: Fig. 3. Der Reitsitz auf dem alten Damensattel.]

»Schon seit Jahren sind viele Sportsleute und Ärzte der Ansicht, daß

eine Reform in der Damenreiterei not tue, und zwar, wie man meint, aus rein

sportlichen und dann aus sanitären Gründen. Besagte Reform besteht in der

Einführung des Herrensitzes anstatt des herkömmlichen Seitsitzes.[B] In

früherer Zeit mag man vieles am Seitsitz auszusetzen gehabt haben: er war

für Reiterin und Pferd noch recht mangelhaft; das trifft sogar heute noch

zu, wenn man den deutschen Damensattel betrachtet. Seine Fehler schädigten

allerdings viel mehr das Pferd als die Reiterin, welche nur über

Unbequemlichkeit zu klagen hatte. (Fig. 3.) Der neue englische

Damensattel, der den deutschen vollständig verdrängt hat, weist keinen

jener Mängel (Fig. 4) auf und würde allen Anforderungen entsprechen;

aber man ist noch immer nicht zufriedengestellt, der ganze Sitz soll

geändert werden! Kein stichhaltiger Grund dafür ist vorhanden. Sehen

wir die Sache vom Standpunkt des Sports an, so müssen wir uns sagen, daß

überhaupt die wenigsten Damen das Reiten als das auffassen, was es ist

-- nämlich als eine Wissenschaft. Den meisten genügt es, ein gut

zugerittenes Damenpferd zu meistern, die Dressur, die dann allenfalls im

Winter vorgenommen wird, ist eine sehr leichte, da das Tier ja bereits auf

Gehorsam dressiert ist und alle Hilfen kennt. Mit der wirklichen Dressur

eines rohen Pferdes gibt sich keine Dame ab, die nicht gerade besonders

passioniert ist, und deren gibt es sehr wenige. Für jene Sorte Reiterinnen

würde also der Herrensattel, der doch eine größere Herrschaft über das

Pferd einräumen soll, ganz überflüssig sein, und für die anderen Damen

ist er, wie wir sehen werden, entbehrlich. Man lasse ihnen daher ruhig

ihren gewohnten Sitz, der nicht nur ästhetisch ungleich besser wirkt,

sondern auch gesundheitlich nichts zu wünschen übrig läßt. Einen

wirklich auch auf widerspenstige Pferde stark wirkenden Schenkeldruck

würde kaum eine Dame zuwege bringen, da bei den Frauen die Muskelkraft,

besonders in den Beinen, nicht so ausgebildet ist wie beim Manne, erstens

von Natur aus nicht, zweitens durch das Wegfallen der körperlichen

Übungen, die Knaben durch Turnen, Klettern und Springen haben. Und die

Einwirkung des Schenkeldrucks ist der einzige Grund, der in Frage kommen

würde. Reiterinnen, die es wirklich darauf anlegen, ihr Pferd tüchtig

durchzuarbeiten, kriegen das auch im Seitsitz fertig, dafür hat man

viele Beispiele. Ich habe mir mein Pferd, einen jungen temperamentvollen

ungarischen Wallach, der niemals einen Sattel auf dem Rücken gehabt hatte,

in sechs Wochen im gewöhnlichen Seitsitz vollständig zugeritten; das

Tier folgte jeder Hilfe, ging auf bloße Schultereinwirkung hin tadellose

Seitengänge und war weich und durchgearbeitet im Genick, letzteres nicht

etwa infolge von Kandarenwirkung, sondern durch richtiges Durcharbeiten,

Abbiegen und Abbrechen mit einer Wassertrense. Beiderseitiger Schenkeldruck

waren dem Tier unbekannt geblieben, weshalb es, als ein Herr es bestieg,

nichts mit sich anfangen ließ, sondern offen seine Empörung über diese

neue Behandlung zeigte. Später natürlich gewöhnte es sich auch daran. Es

war dies nicht das erste Pferd, das ich zurechtritt; man sieht also, daß

man mit Geduld und Ausdauer auch im Seitsitz nachhaltigen Einfluß auf ein

Pferd haben kann.

[B]: Im Original steht immer Quersitz. Da ich, um Verwechslungen

vorzubeugen, den Sitz im Damensattel stets als Seitsitz bezeichnet

habe, da andere Autorinnen unter Quersitz sogar den Herrensitz

verstehen, so setze ich ein für allemal dafür »Seitsitz«.

Der Verf.

Was nun die sanitäre Frage betrifft, so halte ich den Herrensitz für eine

Frau auf die Dauer für unbedingt schädlich, obwohl auch da individuelle

Faktoren mitsprechen können. Die Frau eignet sich schon ihrer Bauart und

geringeren Muskelkraft wegen nicht dazu. Der gespreizte Sitz, bei welchem

die Stellung der Beine einen Winkel von ca. 60-70° bilden, also ein wenig

natürlicher, ist für die äußeren wie die inneren weiblichen Organe

von großem Nachteil, da einesteils entzündliche Reizungen, andererseits

innere Zerrungen und Dehnungen der Verbindungsbänder entstehen. Auch jene

scheinbar geringen und harmlosen mechanischen Reizungen rufen durch ihre

dauernde Wirkung oft fest eingewurzelte und häufig unheilbare chronische

Schleimhautentzündungen hervor. Die inneren Lockerungen und Dehnungen

werden sich natürlich verschieden intensiv äußern, wenn es sich um eine

Frau, die bereits mehrere Kinder gehabt hat, oder um ein junges Mädchen

handelt. Im letzteren Falle nämlich, wo jene Bänder noch kurz und straff

sind, mag sich erst nach Monaten eine schmerzhafte Zerrung bemerkbar

machen, bei einer Frau hingegen, bei der die Bänder bereits gelockert

sind, wird die Dehnung schneller und leichter erfolgen, und infolgedessen

müssen die weiblichen Organe, ihres Halts beraubt, nach vorn sinken. Auf

diese Weise wird die Frau dauernd und unwiederbringlich den schönsten

weiblich-ästhetischen Reiz, ihre schlanke Figur, verlieren. Wenn man

bedenkt, daß es schon nach jeder Geburt einer besonders sorgfältigen,

konsequent durchgeführten Binden-, resp. Massagebehandlung bedarf, um die

vergrößerten und gelockerten Teile wieder zur Rückbildung zu bringen,

und daß sehr viele junge Frauen, die als Mädchen wirklich schlanke,

graziöse Erscheinungen waren, nach der ersten Geburt eben infolge

unvollständiger Rückbildung der inneren Organe etwas Plumpes bekommen

und leider behalten, so ist es ohne weiteres verständlich, daß die

unnatürliche, bei weitem gewaltsamere Dehnung und Verlängerung jener

Bänder, wie sie durch das fortgesetzte Reiten im Herrensitz hervorgerufen

werden muß, erst recht nicht zu beseitigen wäre. Bei jungen Mädchen

werden sich diese Verunstaltungen, wenn auch in geringerem Grade,

allmählich entwickeln. Das hier Gesagte gilt auch nur für die

Allgemeinheit, wo es maßgebend sein dürfte. Ausnahmen gibt es überall.

[Illustration: Fig. 4. Der Reitsitz auf dem neuen engl. Damensattel.]

Vom ästhetischen Standpunkte aus betrachtet, steht die Sache noch

ungünstiger. Solange man die Reiterin, die rittlings auf dem Pferde

sitzt, im Profil sieht, kann man nichts direkt Unschönes daran finden,

ausgenommen in Fällen, wo die Betreffende sehr korpulent ist; dann ist

der Anblick in jeder Richtung geradezu grotesk. Aber auch die schönste

schlanke Figur sieht, von vorn oder rückwärts gesehen, äußerst

unästhetisch aus.[C] Das Kostüm ist schon häßlich, der gepriesene

geteilte Rock sieht lächerlich aus;[D] das Unschöne des Herrensitzes

besteht ja nicht darin, daß man die Beine sieht, sondern lediglich in der

Stellung selber. In Beinkleidern ist man auf den Pferderücken verbannt:

eine Frau in Reithosen zu Fuß sieht entschieden nicht gut aus; jeder

feinfühligen Dame muß das Aufsehen, das sie in diesem Kostüme erregt,

peinlich sein.[E]

[C]: De gustibus non est disputandum. Also grade das Gegenteil von dem,

was Frau Dr. Anita Augspurg findet. Der Verf.

[D]: Sehr richtig! Der Verf.

[E]: Allerdings hatte man ja mit dem Aufkommen des Radfahrsportes

Gelegenheit, sich an manchen Anblick gewöhnen zu müssen, der alles

andere als schön war! Der Verf.

Der Damen-Reitsport · 第 1 / 11 段