Wenn nun aber gar dieses drolligte geheime Gericht, Männer, die für

ihr Vaterland gehandelt, die Ehre, Vortheile, Aussichten, alles,

für dasselbe aus der Schanze geschlagen, die allgemein anerkannte

Beweise gegeben, daß sie nicht aus einer wilden brausenden Tugend, die

keinen Sporn als die Ehre kennt, sondern aus dem innigsten, feinsten

Geschmack für alles Schöne, Reizende und Gefällige in der Natur, aber

auch aus eben so schnellkräftigem Gefühl für das Große und Erhabene,

bloß durch die Wärme fürs Vaterland getrieben, alles aufopferten, und

sonst nach nicht anders suchten, arbeiteten, strebten, litten, als

daß Alle, Alle _verhältnißmäßig gleichen_ Antheil an dem durch die

Künste und Wissenschaften hervorgebrachten allgemeinen Glück nehmen

sollten -- Wenn solche Leute, mit denen güti- [21] gere Mächte von

oben eine Nation alle Jahrtausende einmal heimsuchen[E], durch dieses

drolligte, geheime Gericht nicht bloß in Schatten gestellt, nicht bloß

durch glänzenden Rauch einer gewissen Art Lobes oder einer gewißen

Art Stillschweigens vernebelt, sondern wo es ohnbeschadet der guten

Meynung, die man doch dem Volk von sich lassen will, geschehen kann,

aufs abwürdigendste gemißhandelt und verkleinert werden, wenn das, was

nach dem Demosthenes so schwer zu erhalten und ihnen eben deswegen so

theuer ist, die Hochachtung und Liebe ihrer Nation ihnen wie jenem

durch subtile und grobe Kunstgriffe zu rauben versucht wird, ohne daß

man sich jemals in ein förmliches Gefecht mit ihnen einläßt, so daß man

die Hauptsache, die sie mit soviel Hitze und Eyfer vertheidigten und

_vertheidigen mußten, unausgemacht läßt_, und durch lauter unnütze und

unbeträchtliche Scharmützel über _Nebensachen_ sie zu ermüden denkt --

welchem Patrioten, der nur noch Blut fürs Vaterland fühlt, [22] mußt da

nicht endlich die Geduld ausreißen und er mit dem δικαιος in den Wolken

ausrufen:

τουτι και δη

χωρει το κακον δοτε μοι λεκανην.

Es ist hier nicht um Privatvortheilchen, nicht um beleidigte

Autorempfindlichkeit, nicht um Neckereyen zu thun, sondern um die _Ehre

unserer Nation_ bey den Nachbaren, und bey der Nachkommenschaft. Daher

alles Zureden, alle Warnungen, alle Drohungen meiner Freunde diesen

tobenden Eyfer, mag er immer unzeitig, mag er immer ungestüm seyn, mir

nicht benehmen konnten, können noch können werden, bis die Ursache

desselben aufgehoben ist. Wie gesagt, ich bin in diesem geheimen

Gericht außerordentlich glimpflich behandelt worden, aber es verdreußt

mich von wegen meines Vaterlandes, und ich will mir lieber Geschmack,

Einsicht, Güte des Herzens, alles absprechen lassen (Beschuldigungen

die mir weher thun als körperliche Angriffe auf mein Leben) lieber ein

Ungeheuer scheinen, als zu den Ungerechtigkeiten meines Vaterlandes

stillschweigen.

[23] Uebrigens bin ich von dem Nutzen gelehrter Anzeigen zu sehr

überzeugt, als daß ich auf eine unvernünftige Art mich über Gelehrte

ereyfern sollte, die mit _Kenntniß der Sache_, wovon sie reden,

gewafnet, ihrem studierenden Vaterlande von neu herausgekommenen

Büchern auch nicht einen bloßnackten Schattenriß, sondern von dem,

was in denselben neu und der Aufmerksamkeit würdig ist, auch ein

männliches Urtheil geben, das Falsche und Schielende anzeigen, das

Schlechte aber mit Stillschweigen übergehen oder kurz weg sagen, das

ist unter _unserer_ Kritik. Ich begreife aber nicht, wie unter diesen

Voraussetzungen von Privatabsichten freye Gelehrte gezwungen seyn

sollten, ihren Namen zu verstecken, in einem Lande wie Deutschland,

das durch soviel besondere Staatssysteme und Verbindungen eben denen

darinn befindlichen Gelehrten die größte Freyheit, ihre Meynung

herauszusagen, und keinen weitern Zusammenhang läßt, als der der

Wahrheit so vortheilhaft ist, den sie als gemeinschaftliche Diener

einer und derselben Wahrheit haben, sie auszubreiten, und zu befördern.

Wenn in einem Lande, wo wenig oder gar keine politischen Rücksichten zu

nehmen sind, wo Luther allein dem Aberglauben einer halben [24] Welt

die Spitze bieten konnte, da er in jedem andern bald seinen Platz im

Tollhause oder auf den Galeeren gefunden haben würde, wenn da nicht

Freyheit zu denken und _zu schreiben_ herrschen soll, wo soll sie denn

herrschen? -- Ich sage, ich begreife nicht, warum würdige Kunstrichter

das Publikum nicht in den Stand setzen wollten, einzusehen, ob sie

auch die Männer seyn, die über diese und jene Schrift zu urtheilen

befugt sind, ob sie nicht ganz und gar außer ihrem Felde gelegen und

von welchem Gewicht diesesmal ihre Stimme seyn müsse, seyn könne und

dürfe. Ich begreife nicht, wie ihr eigenes Gefühl von Ehre ihnen

gestatten kann, hierüber einen Menschen in Zweifel zu lassen. Denn von

einigen Seiten Rezension auf die ganze Kenntniß eines Kunstrichters

Schlüsse zu machen (wie wohl heut zu Tage leyder!!! von jungen Leuten

geschieht) gerechter Himmel, wie betrüglich! wie gefährlich! wie leicht

sodann der Weg zum gelehrten Manne! da der Rezensentenstyl, wie der

stylus curiae, so bald auswendig gelernt ist, und man nur mit der

Miene der Selbstzufriedenheit seinen Autor (aus dem man doch das in

der Stelle erst lernen muß, was man wieder ihn sagt) über die Schulter

[25] herab ansehen darf, wie der Herr N.[F]. Man messe mir hier nicht

zu viele Wiedrigkeit gegen diesen Mann bey, den ich als Buchhändler

und anfänglichen Liebhaber und Beförderer der deutschen Litteratur,

auch in seinem N. als unterhaltenden Romanendichter schätze -- sobald

er aber Kunstrichter und mehr als das, Impresario und _Direcktor_

aller Kunstrichter, Herr aller Herren werden will, mit allen seinen

aufgeblasenen Anmaßungen verspotte und verlache. Mag er mich rezensiren

lassen!

Da aber einer Nation nichts heiliger als ihr Geschmack seyn kann,

sobald Geschmack die Summe der Gefühle eines ganzen Volkes ist, so

sollten gelehrte Zeitungen sich auch bescheiden, von Werken des

Geschmacks nichts weiter als die Anzeige, aufs höchste die Anzeige

von den Wirkungen, die sie hier und da gemacht, mit nichten aber

ein Urtheil zu geben, das nicht ihnen, sondern der Nation [26] und

denen zusteht, _denen sie es aufträgt_, mögte es auch von noch so

einem ausgedörrten Professor oder Fresser der schönen Wissenschaften

niedergeschrieben seyn, dessen ganzes Verdienst darinn besteht, uns

die Unverdaulichkeiten seiner Lecktüre für güldene Bullen der Kunst zu

geben, und in einer mehr als Zoiluskühnheit sich jungen Leuten, die so

eben zu leben anfangen, als den Priester auf dem Dreyfuß anzupreisen,

durch den das Vaterland seine Orakelsprüche thut. Wer anders, als

sie selber, hat diesen Herren jemals das zugestanden? Leute, die

Sylben stechen und an Buchstaben feilen, Milzsüchtige, denen ein

außerordentlich groß geschriebenes H. Gewissensbisse macht, Leute, die

so wenig die Zeit und die Welt kennen, in der sie leben, als die, in

der ehemals Dichter und Weise gelebt und gehandelt haben, daß sie wie

die ausgedünstete Nymphe Echo nur im Stande sind, die letzten Sylben

davon nachzustammeln, sonst aber mit allen Geheimnissen der Kunst so

unbekannt, als der König Midas in Herrn Wielands Singspiel nur immer

seyn konnte, Leben und Tod über die Werke unserer Dichter aussprechen.

--

[27] Diese wachsgelben Aristarchen, die mit einem Blick das ganze

Teutschland und wills Gott alle vergangene und zukünftige Nationen

übersehen, verdienen also nicht allein verlacht und verspottet, sondern

auch, wenn sie sich wie Paillasse unter schnellkräftigen Seiltänzern

unbehelfsam herumtummeln, wie Strohsäcke behandelt zu werden.

Wiedrigenfalls sie uns unsere jungen Leute irre machen, und durch das

nirgends schädlichere =jurare in verba magistri= eine ganze Posterität

verhunzen könnten. Das ist die Meinung über den in den Wolken doch nur

leichtgestreiften Herrn Wetterhahn und die Herrn Wetterhähne, Collegen

auf allen unsern deutschen Akademien, deren Ahndung und Züchtigung ich

mich gleichfalls unterwerfe.

Nachdem ich nun die dringenden Veranlassungen der Wolken dargelegt,

darf ich mit mehrerem Fug und Recht Herrn W. gegen die Anschuldigungen

zu rechtfertigen unternehmen, die ihm von seinen Zeitverwandten daraus

gemacht werden könnten, und die mehr in einer unglücklichen Verbindung

der Umstände, in denen er sich befunden, als in seinem eigenen Willen

ihren Grund haben.

[28] Man wird mich hoffentlich nicht für so roh oder so verwegen

halten, den Namen Sokrates in einer Schrift ist dieser Art über die

Zunge springen zu lassen, ohne zu wissen oder zu ahnden, mit welcher

Ehrfurcht ein Name, wie der, ausgesprochen werden müsse. Wenn ich

auch nichts weiter als das Gastmal Xenophons von ihm gelesen hätte,

so müßte ich schon, sobald ich diesen Namen, um ihn geringschätziger

oder verächtlicher zu machen, niederzuschreiben gewagt hätte, von einem

heiligen Schauer durchdrungen und wie ein Bösewicht in dem Augenblicke

des Verbrechens von einer göttlichen Erscheinung zurückgehalten worden

seyn. Dieser Mann, der sein ganzes Leben und alle dessen Vortheile

der Erforschung der Wahrheit aufopferte, die er sich nie getraute

ganz gefunden zu haben, dieser Mann, dem nichts unwillkommen war,

das ihn näher dazu führen konnte, so wenig Schmach als körperliche

Leiden, dieser Mann, dem nicht, weil er sich gerne hörte, sondern

weil es ihm darum zu thun war, was wahr und gut ist, unter die Leute

zu bringen, und in seinen Reden die allerwürdigste Lebensklugheit

und Behandlungsart anderer nachgelassen hat, durch Nachgeben immer

über die zu siegen, die ihn besiegen wollten, und dessen [29] Worte

selbst in seinem freundschaftlichen Umgange und in seinen Scherzen

immer in dem Betracht wahre goldene Worte sind, an denen unsere

Philosophen, bey denen freylich _der Stoff, den sie zu behandeln

haben, sich sehr verändert hat_, lebenslang zu studieren hätten --

Diesen Mann in unseren Zeiten heruntersetzen oder geringschätzig

machen zu wollen, hielte ich für eine wahre Gotteslästerung. Nur die

Sokratidien, die schon zu seiner Zeit Aristophanes Galle rege machten,

die bey veränderten Umständen, Menschen und Menschengesinnungen in

seinem Geleise blindzu marschiren für marschiren halten, also immer

auf einer Stelle bleiben, anstatt daß sie von ihm lernen sollten,

neue Wege zu treten, Sokratidien in Purpur und köstlicher Leinwand,

die der Wahrheit, dem armen Lazarus vor ihrer Thür, noch keinen

kahlen Groschen aufgeopfert, anstatt für sie Hunger, Mangel, Blöße,

ja selbst dem Tode entgegen zu gehen, wie jener -- -- nur diese

möchte ich durch Erinnerung an jenen großen Namen in Schröcken setzen

und bescheidener machen. -- Und warum hat Herr W., der so _große

anderweitige Verdienste_ hat, die Anzahl dieser vermehren wollen? Etwa

seine Gedichte dadurch besser in Abgang zu bringen? [30] Freilich

hat er diesen Zweck dadurch erreicht, und als Dichter kann er auch

hierinn entschuldiget werden, es war das Bedingniß seiner Zeit und der

Umstände, in denen er lebte, aber =mihi res=, =non me rebus=, sagt

er selber. Hat er sich etwa dadurch verleiten lassen, daß Sokrates

in seiner Jugend Grazien geschnitzelt? -- Aber er schrieb keine

Philosophie der Grazien, sondern wenn er von der himmlischen Venus

redte, war er nichts weniger als gefälliger komischer Dichter[G].

Der Dichter weiset anschauend und sinnlich, wie es ist, aufs höchste

wie es nach gewissen gegebenen Umständen seyn kann, der _Philosoph

sagt wie es seyn soll_. Nun hoffe ich doch in aller Welt nicht, daß

Herr W. verlangen wird, alle junge Amadisse, das heißt, edle junge

Gemüther, die mehr als eine bloß sinnliche Liebe suchen, sollen und

müssen durch eben die Klassen gehen, die der Held seines neuesten

komischen Gedichts durchlaufen ist? So lang er sich also neben

Fieldingen hinstellt, nehmen wir keinen Anstand, seine Schriften,

[31] anstatt sie zu verbieten, vielmehr jungen Leuten in die Hände zu

geben, um die Welt, in der sie zu leben haben, um alle die Gefahren,

an denen ihre Tugend geübt werden soll, vor ihre Augen zu bringen:

sobald er sich aber neben Sokratessen stellt, und doch der Hauptheld

seines Stücks eine lächerliche Rolle spielt, so müssen wir dafür ärger

warnen, als für das korrosivste und beschleunigendste Gift, das jemals

von einem Menschenfeinde in den Eingeweiden der Erde ist zubereitet

worden. Mag man mir immer einwenden, er habe an diesem Charakter nur

die Schwachheiten lächerlich machen wollen, so sind an einem solchen

Charakter auch die Schwachheiten verehrungswerth, und verdienen eher

die Thränen des Menschenfreundes, als das Gelächter von Leuten, die

solche Schwachheiten zu begehen niemals im Stande waren, weil sie sich

in Ansehung dieses Lasters nie den geringsten Zwang angethan. Ein

Sokrates kann freylich über dergleichen Schwachheiten lachen, aber

wenn er sich als Sokrates nennt und ausgiebt, und doch zugleich mit

den lebendigsten Farben bis auf das genaueste die Geschichte dieser

Schwachheiten ausmahlt, werden die _Mitlacher_ mit seinem Sinn und in

seinem Geiste lachen? Wird nicht vielmehr das Gelächter zu-[32]letzt

auf diesen Charakter zurückfallen, und ihn, da er ohnehin auf unserer

Welt so selten ist, sobald er nur die geringsten Kennzeichen von sich

giebt, zum Gegenstande des allgemeinen Hohns und der allgemeinen

Verachtung machen? Sollte man einen Weg, der ohnehin mit so vielen

Dornen besetzt ist, durch allgemeine Schmach und Infamie, daß ich so

sagen mag, nun völlig ungangbar machen?

Mit alledem bin ich weit säuberlicher mit Herrn W. gefahren, als er

mit mir, ich habe ihn nicht an dem Flecken anzutasten gesucht, wo es

ihm am wehesten thun mußte, wie er wohl gegen mich, und das mit aller

möglichen Feinheit, die Genie und Witz ihm nur an die Hand geben

konnten, obwohl dennoch vergeblich versucht hat. Er sah, daß ich mich

durchaus in Shakespears Manier und die Komposition, die aufs Große

geht, und sich auf Zeit und Ort nicht einschränken kann, hineinstudiert

hatte, was that er? er suchte diese Manier als kunstloß und ungebunden

verdächtig zu machen, in dem Augenblick, da sie ohnedem durch unsere

eingealterten Theaterverträge überall Wiederspruch genug finden mußte.

Wie, wenn ich nun das Blatt umgekehrt, und nicht mit der [33] Miene

eines rüstigen Knaben, sondern eines alten, erfahrnen, untrüglichen

Kunstrichters seine Oper durchzugehen angefangen, sie in den letzten

Akten langweilig, die Entwickelung nicht übereilt, aber zu schwach

vorbereitet, zu kalt ausgeführt gescholten hätte? -- Shakespears Manier

ist nicht ungebunden, mein ehrwürdiger Herr Danischmende, sie ist

gebundener, als die neuere, für einen, der seine Phantasey nicht will

gaukeln lassen, sondern fassen, darstellen, lebendig machen, wie er

that. Die dramatische Behandlung eines großen Gegenstandes ist _nicht

so leicht_, als Sie es wollen glauben machen; und eben der Mangel

der sonst _bequemen Stützen der Täuschung_, der _Zeit_ und des _Orts_

macht die Schwürigkeiten _größer_, und sollte alle die, so in der Kunst

_des würklich üblichen Theaters nicht alle Schritte durchgemacht_,

von einem Unternehmen von der _Art zurückschröcken_. Durchaus nicht

Unbekanntschaft mit dem wirklichen Theater und dessen Erfordernissen,

sondern Ueberdruß allein kann einen Schritt zu der höheren Gattung

rechtfertigen. Theater bleibt immer Theater, und Vorstellungs und

Fassungsart dieselben, so wie dieselben Regeln der Perspecktive für ein

Kaminstück und für ein Altarblatt gelten, [34] nur daß jeder Gegenstand

auch eine andere Behandlungsart erfodert. Die Hauptsache wird immer die

_Wahrheit_ und der _Ausdruck_ des Gemähldes bleiben, von der ein Mensch

allein nie urtheilen kann, besonders wenn ihm Leidenschaften die Augen

verdunkeln.

Daß ich aber wieder auf meinen Hauptzweck zurück komme, Herrn W. als

Dichter gegen die Philosophen seiner Zeit, denen zu Gefallen er sich

mit hat einkleiden lassen, und die die zaubervollen Pinselstriche

seiner Phantasey als Weißheitssprüche des Pythagoras ansehen, zu

rechtfertigen, so muß ich diesen Herren hier öffentlich erklären,

daß ich ihre Weißheit verachte. Man höre mich aus, und alsdenn, wenn

man noch das Herz hat, mich zu verdammen, so verdamme man mich, ich

verlange nichts bessers.

Worinn besteht die ganze Weißheit dieser Herren, mit der sie so

geheim thun? -- In der Zufriedenheit -- ein süßes Wort -- das aber,

wenn mans herunter hat, im Magen krümmet -- im Aufgeben aller Rechte

der Menschheit, Zusammenlegen der Hände in den Schooß, Genuß zweyer

Wurzeln, die etwa in [35] unserer Nachbarschaft liegen, und zu denen

man reichen kann, ohne aufzustehen -- mehr als kriechenden Geiz über

diesen Genuß, auch wol hie und da Schleichhändel und dergleichen,

um etwas von unsern Nachbaren dazu zu betteln, übrigens gewisse

Versicherung, daß uns diese Weißheit, diese Mäßigung unsrer Begierden

und Wünsche im Himmel tausendfach werde belohnt werden, was die

Herren Religion schimpfen. Den armseligen Genuß, der einer solchen

Faullenzerey übrig bleiben kann, schmückt man sodann mit tausend

Bildern aus, die doch immer nur das Zaubergewand einer _ekelhaften

Armida_ bleiben, und alsdenn, wie glücklich, wie weise, wie groß! --

Wohl denn, ich will gegen diese großen Leute gern ein Zwerg und ein

boßhafter, ungesitteter, unartiger Gnome bleiben, nur hören Sie, weil

doch hören keine Mühe kostet, meine Gründe bis zu Ende.

Wer ist es, den Sie lächerlich zu machen suchen? wer ist der Thor, über

den Sie sich nicht ereyfern, behüte Gott! den Sie der Aufmerksamkeit,

des Wiederlegens, des Bestrafens nicht würdig, sondern _nur_ -- o

welche Großmuth! -- _belachenswerth ihn finden?_ -- [36] Der Jüngling,

der noch dem ersten Stempel der Natur (ha, gewiß dem Bilde Gottes)

getreu; für den Trieb, der eben darum der heiligste seyn sollte,

weil er der süßeste ist; auf den allein alle Güte der Seelen, alle

Zärtlichkeit für _gesellschaftliche Pflichten_ und Beziehungen, alle

häußliche, alle bürgerliche, alle politische Tugend und Glückseligkeit

gepfropft werden kann, weil er für diesen Trieb am Ende seiner

Laufbahn, die er sich heldenmäßig absticht, die höchste Belohnung _von

dem Wesen_ erwartet, das ihn ihm anerschaffen hat, der sich diese

höchste Belohnung, so lange er sie noch nicht kennt, mit allen Farben

seiner glühenden Phantasey ausschmückt, und endlich, wenn er sie

findt, diese einzige, die dem geliebten Ideenbilde am nächsten kommt,

die es vielleicht nach dem Urtheil seiner reiferen Erkenntnißkräfte

unendlich weit übertrift, sich dem ganzen Taumel seiner Entzückungen

überläßt, wohin sie ihn reißen wollen, (einen solchen Augenblick

hat Goethe gehascht, um uns das höchste Tragische, das je in die

Seele eines vom Gott erfüllten Dichters gekommen ist, anzuschauen

zu geben) -- einen solchen Jüngling lächerlich machen zu wollen? Ihn

mit einem halbwahnwitzigen Ritter von der trau- [37] rigen Gestalt

in eine Klasse zu werfen, und zum Haupthelden eines komischen Romans

zu formen, so lang dies nichts als Scherz bleiben soll, können wirs

gestatten; so bald aber der Autor, oder die ihn lesen, eine ernsthafte

Miene annehmen, und uns ihren Muthwillen, ihre Thorheit für Weißheit

aufdringen wollen -- wer sollte da nicht wüthen?

Erlauben Sie, meine Herren Sokraten, daß ich Ihnen den Vorhang vor

unserer gegenwärtigen Welt aufziehe, und denn lachen Sie noch, wenn

Sie das Herz dazu haben. Sehen Sie da alle gesellschaftlichen Bande

unangezogen und ungespannt aus einander sinken, sehen Sie da junge

Leute mit den Mienen der Weißheit und allen Waffen der Leichtfertigkeit

versehen, in allen Künsten der Galanterie unterrichtet, auf die

schwachen Augenblicke Ihrer Geliebten und Ihrer Töchter Jagd machen,

sehen Sie da eben diese jungen Leute mit der größten Verachtung für

das Geschlecht, das allein aus Männern Menschen machen, und durch die

Liebe ihren regellosen Kräften und Fähigkeiten eine Gestalt geben

konnte, mit mehr als thierischer Ungebundenheit sich nicht allein für

ihre künftigen Gattinnen, nein auch für [38] ihre Freunde, auch für

den Staat, der sie nähren muß, völlig entnerven und untüchtig machen.

Wo ist Aufmunterung, wo ist Belohnung, wo ist Ziel? Der wilde Ehrgeitz

macht Unterdrücker, da aber die äußerlichen Anstalten in unsern Zeiten

zu einer gewissen Vollkommenheit gediehen sind, so findet auch der

überall Wiederstand, und artet sodann in einen unthätigen und deswegen

um desto unleidlichern, unerträglicheren Hochmuth aus. Die Religion,

so lange sie weiter nichts als eine Anweisung auf den Himmel, auf --

der menschlichen Natur ganz fremde und undenkbare Güter ist, ist viel

zu ohnmächtig, in dem entscheidenden Augenblick der Versuchung, den

in uns stürmenden Leidenschaften die Waage zu halten; und brauchen

wir sie daher gemeiniglich wie den Deckel, den Brunnen zu zu machen,

wenn das Kind hinein gefallen ist. Wie nun, daß wir den lezten Keim

aller Moralität, alles Genusses, den Gott in unsere Natur gelegt,

herausreissen wollen, den Glauben und die Hofnung auf Entzückungen, die

eben durch die Leiden, Zweifel und Aengstigungen vorbereitet werden

müssen, um ihren höchsten Reiz zu erhalten.

[39] Sehen Sie weiter die meisten unserer Ehen an. Verträge sind sie,

einander gegen gewisse anderweitige Vortheile, die, gleich als ob man

sich mit seinem ärgsten Feinde verbände, mit der größten Behutsamkeit

von der Welt obrigkeitlich müssen gesichert seyn, _alles_ zu erlauben.

_Und was zu erlauben?_ Sachen, wozu Ihnen die Natur die Kräfte schon

versagt hat: eine Erlaubniß, die keine ist, und die Sie nicht nöthig

hätten, so theuer zu kaufen, mit Verlust Ihrer häußlichen Ruhe, Ihrer

Freyheit, Ihrer Ehre, wie oft Ihrer Ehre? -- Sich Liebe zu erlauben,

die keinen Gegenstand mehr findet, weil alle Gegenstände von eben

dieser Freyheit zu denken eben so verderbt, eben so entnervet sind.

Wohin also mit diesem glänzenden Betruge, den man sich alle Tage

erneuert, alle Tage _neue Plane_ macht, die _am Abend vergessen_

werden, und so am Ende seines Lebens _immer glaubte genossen zu haben_

und _nie genossen hat_. -- Nehmen Sie nun aber die Unglückseligen, die

keine solchen Merkantilischen _Verträge_ aufrichten können. Nehmen Sie

die blühende Schöne, die keine weiteren Reize hat, als die ihr die

Natur und ihre Tugend gab, und die jetzt auf ewig ungebrochen an ihrem

Stock absterben [40] muß. Nehmen Sie die unzähligen _Schlachtopfer der

Nothwendigkeit_ und die _furchtbaren_ Geschichten, die, so wie sie

wirklich geschehen, und wie ich deren _hundert_ weiß, keine menschliche

Feder aufzuzeichnen vermag. Nehmen Sie die _heruntergekommenen_

Familien, und die andern, denen ein gleiches Schicksal drohet, die

alle _vereinzelt_ sind, unter denen alle Bänder, die vielleicht machen

könnten, daß sich eine an der andern wieder aufrichtete, zerhauen

und zerstückt sind, und für die alle menschliche Klugheit keine

Hülfsmittel mehr auszusinnen im Stande ist. Die nunmehr alle, anstatt

einen gemeinschaftlichen Quell der Freuden (und welche Freuden sind

inniger und wärmer, als die von zwey vereinigten Familien?) ausfindig

zu machen, eine auf der andern _Ruinen triumphiren_. Man schreiet über

den Luxus, daß er die Ehen hindere, nein, meine Herren, es ist nicht

der Luxus, der Luxus ist das einzige Mittel, die _Freuden der Ehe auch

von außen glänzender und herrlicher zu machen_, es ist, was Sie sich

alle selbst nicht gestehen wollen, die Pestbeule in Ihrer Brust, die

Verderbniß der Sitten, die Geringschätzung höherer Wonne für einen

thierischen Augenblick, der Ihnen freylich heut [41] zu Tage leicht

genug gemacht wird. Ihre Mütter, Ihre Väter, Ihre Weiber, Ihre Kinder

-- wenn gleich das dumpfe und unentwickelte Gefühl ihres Elendes sie

stumm macht -- verwünschen in den Augenblicken, wo die gesammten Folgen

Ihrer Grundsätze auf sie herein brechen -- ohne es zu wissen, ohne es

zu wollen, Sie. -- Sie, die jetzt des allgemeinen Elendes lachen.

Vertheidigung des Herrn Wieland gegen die Wolken, von dem Verfasser der Wolken Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, No. 121, Dritte Folge No. 1 · 第 2 / 3 段