Wenn nun zu den äußern Bewegungsgründen noch die innern hinzu kommen,

eines Triebes zu schonen, den uns die Natur gab, um damit zu _wuchern_,

nicht ihn, eh wir mündig werden, zu verschleudern; wenn die gänzliche

Vertäubung unsers innern Nerven uns mit einer _furchtbaren Armuth

an Wonnegefühl für unser ganzes Leben bedroht_: worauf könnten wir

Jünglinge, die an der Schwelle des Lebens stehen, wohl eifersüchtiger

seyn, als auf die geringste Verletzung der Grundsätze, die uns

die richtige Anwendung dieses Triebes auf ewig befestigen? Hier

Schwärmerey zu rufen, wo der _erste_ Entschluß _alles_ ist -- seitab

vom Rosengebahnten Wege herzhaft auf Dornen zu treten, die uns zum

Glück eines Halbgotts führen, von [42] dem unsern Gegnern bis auf die

Vorempfindung fehlt -- ist, und muß uns wahres Kriegesgeschrey sein,

daß alle unsere moralischen Gefühle empört, mag auch die Stimme, die

uns das zurief, noch so süß und Syrenenmäßig tönen. Ja, je zaubrischer

sie ist, desto mehr verdopple sich unsere Wuth, ihr zu entweichen, nach

dem Maaß, als die Waffen, die man gegen unsern Entschluß anwendet,

gefährlicher werden, der wahrhaftig keiner von den leichten ist. Ach

in einer Welt, wo das geringste Wanken und Zweifeln an seiner Hofnung

schon Fall und Untergang ist, wo tausend Augen uns entgegen buhlen,

tausend Busen uns entgegen streben, die oft von der Nothwendigkeit, oft

von der Falschheit, oft, welches die fürchterlichste aller Versuchungen

ist, vom Irrthum, mitleidenswürdigen Irrthum, der ihnen nicht benommen

werden kann, gegen uns bewafnet werden, die, da Liebe und Leiden-

[43] schaft auf ihrer Seite sind, uns keine andere Wahl als die eines

Bösewichts oder eines Elenden übrig lassen -- ach meine Freunde,

der Kranz hängt oben, und der Fels ist glatt. Nur eine kann eure

_Leidenschaft_ haben, wenn die andern euer Mitleiden, eure Liebkosungen

vielleicht, eure Dienstleistung (denn wem seyd ihr sie mehr schuldig,

als dem in unsrer kalten Welt so hülflofen Geschlecht?) kurz allen

äußerlichen Anschein eurer Leidenschaft haben. Laßt euch das nicht

reuen, seyd edel, opfert auf, ohne Wiederwillen, alles, was man von

euch fodert, alles -- nur nicht euer Herz. Dies kann niemand fodern,

niemand -- auch die behendesten Kokettenkünste nicht -- erschleichen,

und wenn euer Herz euer ist, wird _eure Tugend gewiß sicher seyn_.

Bleibt Meister eurer Herzen, und ihr bleibt Meister der Welt. Verachten

könnt ihr sie mit all ihrem Gewirr äußerer Umstände und Zwangmittel,

die [44] nur Zwangmittel für Sclaven sind, die den Adel des Funkens

nicht kennen, der in ihnen lodert, und der die Verheißungen der ganzen

Erde hat.

Wer kann das Namenlose, ängstige Gefühl, für welches wir doch immer

nur Zerstreuungen vergeblich aufsuchen, dunkel genug ausmahlen, daß

alle unsere Fiebern tödlich durch schauert, wenn wir, bey Erschöpfung

unseres inneren Sinnes, das ganze irrdische und sterbliche unserer

Substanz inne werden, inne werden die furchtbare Lücke, die sich

zwischen unserer Anhänglichkeit an die Welt und zwischen allem, was wir

sonst in ihr schätzbar und genießbar fanden, einstellt. Da also alles

Glück in der Welt auf unsere innere Beschaffenheit und Empfänglichkeit

desselben ankommt, welche Drachen sind feurig genug, diesen Eingang

desselben zu bewahren? sollte auch die Gefahr, [45] womit er bedroht

wird, durch einen optischen Betrug sich uns größer abbilden, als sie in

der That ist. Selbst dieser optische Betrug ist ein Verwahrungsmittel

der Natur, das uns wenigstens in Betracht derer heilig seyn sollte,

die noch nicht reife Einsichten genug erworben haben, die wirkliche

Gestalt dieser Gefahren mit ihrem Verstande zu beleuchten. Für diese

aber Karten aufzuzeichnen und zu illuminiren, ist, wie Herr W. selbst

eingestehen wird, ein höchst mißliches und gefahrvolles Unternehmen, zu

dem nicht bloß poetisches Talent und Kenntniß der Welt, sondern auch

eine große Dosis von Güte des Herzens erfodert wird, die sich lieber in

ein dunkles Licht stellen, als durch ein verborgtes feyerliches Ansehen

und Hohngelächter allen Muth in jungen zur Tugend aufstrebenden Herzen

niederschlagen will.

Wie aber, wenn Herr W. selbst ein [46] Märtyrer der Philosophie seiner

Zeiten geworden wäre, und durch eine der schönsten und unglücklichsten

Leidenschaften bis auf einen Grad der Verzweiflung gebracht, den man

an gefühligen Seelen nicht innig genug bedauren und verehren kann, aus

Verdruß übers menschliche Geschlecht einer Schwärmerey gespottet hätte,

die seine Jugend so unglücklich machte. Wenn der Beyfall, mit dem seine

ohnehin dahin gestimmten Zeitgenossen diese mit allen Waffen seines

Witzes und seiner aufgebrachten Einbildungskraft gerüsteten Spöttereyen

aufgenommen, ihn auf dem einmal beschrittenen Wege immer weiter

fortgerissen, bis er aus dem süßen Taumel des allgemeinen Zujauchzens

erwachte, inne hielt, die leeren Köpfe, die mit ihm gelaufen waren,

seitab auf bessere Wege zu führen suchte, wo sie wenigstens nicht

Ursache hätten, zu bereuen, daß sie die Verirrungen eines feurigen

Genies für Lehren der Weißheit und Tu- [47] gend gehalten -- -- o mein

liebenswürdiger Freund! reichen Sie mir Ihre Hand, und ich will Ihr

Herz so sehr verehren, als ich Ihren Geistesgaben meine Bewunderung nie

habe entziehen können. Und wie könnte Ihr Vaterland sodann undankbar

gegen einen Dichter seyn, der selbst durch den zufälligen Schaden, den

er verursacht, unzählige Jünglinge, _besserer Zeiten_ belehrt hat, die

Abwege einer zu schnellen Einbildungskraft, eines zu empfindlichen

und reitzbaren Herzens zu vermeiden und sowohl aus Ihrem Exempel als

aus den Abdrücken nicht aus der Luft gehaschter, sondern bewährter

Erfahrungen menschlichen Lebens (dem ächten Probierstein wahrer

Dichter) weise zu werden. Wie könnte Ihr Vaterland, ohne alles Blut in

seinen Adern empört zu fühlen, eine Niobe in Ihrem Zimmer vermuthen und

nicht die Ursache dieser Thränen zu erforschen und wegzuräumen suchen?

Nein, würdiger Kriegesmann, der [48] noch in seinem Alter dem Feinde

entgegen gehen und irgend eine Kugel auffangen will, einem Jüngeren

das Leben zu retten, das sollen Sie nimmer, nimmer, sondern Ruhe --

Dichterruhe auf Lorbeern Ihre Strafe seyn.

=Beilagen=.

=I. Aus der Handschrift des »Pandämonium

Germanicum«.=

_Gleim_ tritt herein mit Lorbeern ums Haupt, ganz erhitzt,

in Waffen. Als er den neckischen tollen Hauffen sieht, wirft er

Rüstung und Lorbeer von sich, setzt sich zu der Leyer und spielt.

Der ernsthafte Zirkel wird aufmerksam, Utz tritt aus demselben

hervor, und löst _Gleimen_ ab. Der ernsthafte Zirkel tritt näher.

_Ein junger Mensch_ folgt _Utzen_, mit verdrehten Augen, die

Hände über dem Haupt zusammengeschlagen:

Ω πω ποι, was für ein Unterfangen, was für eine zahmlose und

schaamlose Frechheit ist dies? Habt ihr sowenig Achtung für diese

würdige Personen, ihre Augen und Ohren mit solchen Unfläthereyen zu

verwunden? Erröthet und erblaßt, ihr sollt diese Stelle nicht länger

mehr schänden, die ihr usurpirt habt, heraus mit euch Bänkelsängern,

Wollustsängern, Bordellsängern, heraus aus dem Tempel des Ruhms!

Ein Paar Priester folgen dicht hinter ihm drein, trommeln

mit den Fäusten auf die Bänke, zerschlagen die Leyer und jagen

sie alle zum Tempel hinaus. _Wieland_ bleibt allein stehen, die

Herren und Damen beweisen ihm viel Höflichkeiten, für die

Achtung die er ihnen bewiesen.

_Wieland_. Womit kann ich den Damen itzt aufwarten, ich weiß in

der Geschwindigkeit wahrhaftig nicht -- sind Ihnen Sympathieen

gefällig -- oder Briefe der Verstorbnen an die Lebendigen -- oder ein

Heldengedicht, eine Tragödie?

Kramt all seine Taschen aus. Die Herrn und Damen

besehen die Bücher und loben sie höchlich. Endlich weht sich die

eine mit dem Fächer, die andere gähnend:

Haben Sie nicht noch mehr Sympathieen?

_Wieland_. Einen Augenblick Geduld, wir wollen gleich was anders finden

-- nur einen Augenblick, gnädige Frau! lassen Sie sich doch die Zeit

nur nicht lang werden. (Geht herum und findt die zerbrochene Leyer,

die er zu stimmen anfängt.) Wir wollen sehn, ob wir nicht darauf was

herausbringen können.

Spielt. Alle Damen halten sich die Fächer vor den Gesichtern.

Hin und wieder ein Gekreisch:

Um Gottes willen, hören Sie auf!

Er läßt sich nicht stören, sondern spielt immer feuriger.

_Die Franzosen_. =Oh le gaillard! Les autres s'amusoient avec des

grisettes, cela debauche les honnetes femmes. Il a bien pris son parti

au moins.=

_Chaulieu und Chapelle_. =Ah ça, descendons notre petit= (lassen

_Jakobi_ auf einer Wolke von Nesseltuch nieder, wie einen Amor

gekleidt), =cela changera bien la machine.=

_Jakobi_ spielt in den Wolken auf einer deinen Sakvioline.

Die ganze Gesellschaft fängt an zu danzen. Auf einmal läßt er

eine ungeheure Menge Papillons fliegen.

_Die Damen_ (haschen). Liebesgötterchen! Liebesgötterchen!

_Jakobi_ (steigt aus der Wolke in einer schmachtenden

Stellung). Ach mit welcher Grazie! --

_Wieland_. Von Grazie hab ich auch noch ein

Wort zu sagen.

Spielt ein anderes Stück. Die Dames minaudiren entsetzlich.

Die Herren setzen sich einer nach dem andern in des

_Jakobi_ Wolke und schaukeln damit. Viele setzen die Papillons

unters Vergrösserungsglaß und einige legen den Finger unter

die Nase, die Unsterblichkeit der Seele daraus zu beweisen. Eine

Menge Offiziers machen sich Kokarden von Papillonsflügeln, andere

kratzen mit dem Degen an _Wielands_ Leyer, sobald er zu spielen

aufhört. Endlich gähnen sie alle.

Eine _Dame_, die, um nicht gesehen zu werden, hinter

_Wielands_ Rücken gezeichnet hatte, unaufmerksam auf alles was

vorgieng, giebt ihm das Bild zum Sehen. Er zuckt die Schultern,

lächelt bis an die Ohren hinauf, reicht aber doch das Bild

großmüthig herum. Jedermann macht ihm Complimente darüber, er

bedankt sich schönstens, steckt das Bild wie halb zerstreut in die

Tasche und fängt ein ander Stück zu spielen an. Die Dame erröthet.

Er spielt. Die Palatine der Damen kommen in Unordnung,

weil die Herrchen zu ungezogen werden. Er winkt ihnen

lächelnd zu und Jakobi hüpft wie unsinnig von einer zur andern

umher. Alle klatschen wohllüstig gähnend:

=Bravo, bravo, bravo! le moyen d'entendre quelque

chose de plus ravissant!=

_Goethe_ (stürzt herein in den Tempel, glühend, einen

Knochen in der Hand). Ihr Deutsche? -- Hier ist eine

Reliquie eurer Vorfahren. Zu Boden mit euch und angebethet,

was ihr nicht werden könnt.

_Wieland_ macht ein höhnisches Gesicht und spielt fort.

_Jakobi_ bleibt mit offenem Mund und niederhangenden Händen

stehen.

_Goethe_ (auf Wieland zu). Ha daß du Hecktor wärst

und ich dich so um die Mauren von Troja schleppen könnte!

(Zieht ihn an den Haaren herum.)

_Die Frauenzimmer_. Um Gotteswilln, Herr

Goethe, was machen Sie?

_Goethe_. Ich will euch spielen, obschon's ein verstimmtes Instrument

ist. (Setzt sich, stimmt ein wenig und spielt. Alles weint.)

_Wieland_ (auf den Knieen). Das ist göttlich!

_Jakobi_ (hinter ihm, gleichfalls auf Knieen). Das ist

eine Grazie, eine Wonnegluth!

_Eine ganze Menge Damen_ (Goethen umarmend).

O Herr Goethe! Die Chapeaux werden ernsthaft, einige lauffen

heraus, andere setzen sich die Pistolen an die Köpfe, setzen aber

gleich wieder ab. Der _Küster_, der das sieht, läuft und stolpert

aus der Kirche.

=II. Aus den »Meynungen eines Layen«.=

=Leipzig= 1775 S. 113-119.

Nun noch ein Wort für die galante Welt. Wir haben itzt das Säkulum der

schönen Wissenschaften. Paradox und seltsam genug würd' es lassen, zu

sagen, daß sich aus den Schriften der Apostel so wie überhaupt aus der

Bibel, eben so [114] gut eine Theorie der schönen Künste abstrahiren

ließe, wie aus dem großen Buche der Natur. Verstehn Sie mich nicht

unrecht, ich sage dies nicht grade zu, ich will Ihnen nur einen Wink

geben, daß die wahre Theologie sich mit dem wahren Schönen in den

Künsten besser vertrage, als man beym ersten Anblick glauben möchte.

Diesen Satz weiter auszuführen, würde mich hier zu weitläufig machen,

erlauben Sie mir nur, ein paar hier nicht her zu gehören scheinende

Anmerkungen anzuhängen, ehe ich schließe. Man fängt seit einiger Zeit

in einer gewissen Himmelsgegend sehr viel an, von =Sensibilité= (bey

den Deutschen Empfindsamkeit) zu diskuriren, zu predigen, zu dichten,

zu agiren, und ich weiß nicht was. Ich wette, daß der hundertste,

der dies Wort braucht, nicht weiß was er damit will, und doch wird

das Wort so oft gebraucht, daß es fast der Grundsatz aller unsrer

schönen Künste, ohne daß die Künstler es selbst gewahr werden,

geworden ist. Der Grundsatz unserer schönen Künste ist also noch eine

=qualitas occulta=, denn wenn ich alle Meynungen derer, die das Wort

brauchten, auf Zettel geschrieben, in einen Topf zusammen schüttelte,

wette ich, ein jeder würde dennoch dieses Wort auf seine ihm eigene

Art verstehen [115] und erklären. Und das ist auch kein Wunder, da

wir als Individua von einander unterschieden sind, und seyn sollen,

und also jeder sein individuelles Nervengebäude, und also auch sein

individuelles Gefühl hat. Was wird aber nun aus der Schönheit werden,

aus der Schönheit, die wie Gott ewig und unveränderlich, sich an keines

Menschen Gefühl binden, sondern in sich selbst die Gründe und Ursachen

ihrer Vortreflichkeit und Vollkommenheit haben soll? Homer ist zu

allen Zeiten schön gefunden worden, und ich wette, das roheste Kind

der Natur würde vor einem historischen Stücke von Meisterhand gerührt

und betroffen stehen bleiben, wenn er nur auf irgend eine Art an diese

Vorstellungen gewöhnt wäre, daß er gewisse bestimmte Begriffe damit

zu verbinden wüste. Dessen kann sich aber das Miniaturgemählde und

das Epigramm nicht rühmen, und jener macht eben so wenig Anspruch auf

den Titel eines Virtuosen in der Mahlerey, als dieser auf den Titel

eines Genies κατ εξοχην, eines Poeten, wie Aristoteles und Longin

dieses Wort brauchten, eines Schöpfers. Das muß doch seine Ursachen

haben. Ja, und die Ursachen liegen nicht weit, wir wollen nur nicht

drüber wegschreiten, um sie zu suchen. Sie liegen[116] darinn, daß jene

Produkte hervorzubringen, mehr Geist, mehr innere Konsistenz, und Gott

gleich stark fortdaurende Wirksamkeit unserer Kraft erfordert wurde,

welche bey dem, der sie lieset oder betrachtet, eben die Erschütterung,

den süßen Tumult, die entzückende Anstrengung und Erhebung aller in uns

verborgenen Kräfte hervorbringt, als der in dem Augenblicke fühlte, da

er sie hervorbrachte. Es ist also immer unser Geist, der bewegt wird,

entflammt, entzückt, über seine Sphäre hinaus gehoben wird -- nicht

der Körper mit samt seiner =Sensibilité=, mag sie auch so fein und

subtil seyn als sie wolle. Denn das Wort zeigt nur ein verfeinertes

körperliches Gefühl an, das ich durchaus nicht verkleinere, verachte,

noch viel weniger verdamme, behüte mich der Himmel! verfeinert euren

Körper ins unendliche wenn ihr wollt und wenn ihr könnt, distillirt

ihn, bratet ihn, kocht ihn, wickelt ihn in Baumwolle, macht Alkoholl

und Alkahest draus, oder was ihr wollt -- der ehrliche Deutsche,

der noch seiner alten Sitte getreu, Bier dem Champagner, und Tabak

dem =eau de mille fleurs= vorzieht, der nur einmal in seinem Leben

heyrathet, und wenn sein Weib ihm Hörner aufsetzen will, sie erst

=modice castigat=, dann prügelt, [117] dann zum Haus nausschmeißt,

hat einen eben so guten Körper als ihr, und noch bessern wann ihr

wollt, wenigstens dauerhafter, weiß er ihn nicht so schön zu tragen

als ihr, nicht so artig zu beugen, nicht so gut zu salben und zu

pudern, er braucht ihn wozu er ihn nöthig hat -- und sucht das Schöne

-- wenn der Himmel anders unser Vaterland jemals damit zu beglücken,

beschlossen hat -- nicht in dem, was seine verstimmte Sensibilität

in dem Augenblicke auf die leichteste Art befriedigt, oder vielmehr

einschläfert, sondern in dem, was seine männliche Seele aus den

eisernen Banden seines Körpers losschüttelt, ihr den elastischen Fittig

spannt, und sie hoch über den niedern Haufen weg in Höhen führet, die

nicht schwärmerisch erträumt, sondern mit Entschlossenheit und Bedacht

gewählt sind. =Da mihi figere pedem=, ruft er, nicht mit halbverwelkten

Blumen zufrieden, die man ihm auf seinen Weg wirft, sondern Grund will

er haben, felsenvesten Grund und steile Höhen drauf zaubern, wie Göthe

sagt, die Engel und Menschen in Erstaunen setzen. Ist es Geschichte, so

dringt er bis in ihre Tiefen, und sucht in nie erkannten Winkeln des

menschlichen Herzens die Triebfedern zu Thaten, die Epochen machten,

ist [118] es Urania, die seinen Flug führt, ist es die Gottheit, die

er singt, so fühlt er das Weltganze in allen seinen Verhältnissen wie

Klopstock, und steigt von der letzten Stuffe der durchgeschauten und

empfundenen Schöpfung zu ihrem Schöpfer empor, betet an -- und brennt

-- ist es Thalia, die ihn begeistert, so sucht er die Freude aus den

verborgensten Kammern hervor, wo der arbeitsame Handwerker nach vieler

Mühe viel zu genießen vermag, und der Narr, der euch zu lachen machen

soll, ein gewaltiger Narr seyn muß, oder er ist gar nichts. Ists

endlich die Satire selbst, die große Laster erst zur Kunst machten,

wie große Tugenden und Thaten die Epopee, so schwingt er die Geißel

muthig und ohne zu schonen, ohne Rücksichten, ohne Ausbeugungen,

ohne Scharrfüße und Komplimente grad zu wie Juvenal, je größer, je

würdigerer Gegenstand zur Satire, wenn du ein Schurke bist -- kurz --

Wo gerathe ich hin? Ich habe nur mit zwey Worten anzeigen wollen,

daß weder Nationalhaß, noch Partheylichkeit, noch Eigensinn und

Sonderbarkeit mich begeisterten, wenn ich jemals Unzufriedenheit über

die französische Bellitteratur, die so wie alle ihre Gelehrsamkeit

[119] mit ihrem Nationalcharakter wenigstens bisher noch immer in

ziemlich gleichem Verhältniß gestanden, bezeugt habe: doch das ist grad

zu und ohne Einschränkung noch nie geschehen, und geschicht auch jetzt

nicht.

Fußnoten

[A] Zu Weinholds Angaben und den infamierenden Bruchstücken S. 331 ff.

füge man etwa noch den Satz auf einem Strassburger Folio: »So lange

Philosophie restinirter Müssiggang und Beschaulichkeit des Lebens

anderer ist, so bedank ich mich vor denen Sokraten. Und insofern hat

Aristophanes immer recht wider sie gehabt.«

[B] Wobey man sich freylich die Hand beschmieren muß.

[C] In den Berlinischen Litteraturbriefen.

[D] Siehe die vom seel. Prof. Hartmann in den Merkur eingerückte

Skiagraphie einer Weltgeschichte.

[E] Ich verstehe hier den Verfasser der deutschen Philosophie der

Geschichte und der Ursachen des gesunkenen Geschmacks, die in

Berlin den Preiß erhalten.

[F] Ich habe mich geirrt, es gehört auch noch eine gewisse Belesenheit

in andern Journalen und irgend ein Buch, das von einer ähnlichen Materie

handelte, zur Hand dazu, aus denen man denn allenfalls einige =Citata=

nachschlägt und ausschreibt. Siehe die neuesten Rezensionen.

[G] Meine Freunde werden wissen, mit welchem Enthusiasmus ich sonst von

diesem Meisterstück der sanfteren komischen Muse W., ich meyne der

Musarion zu reden gewohnt bin. Welche ruhige Farbemischung, welche

herrliche lebendige Schattirung der Characktere!

Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.

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| Anmerkungen zur Transkription |

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| Folgende Änderung wurde vorgenommen: |

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| S.12 Z.28-29 "ver-verdammte" in "verdammte" geändert. |

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Vertheidigung des Herrn Wieland gegen die Wolken, von dem Verfasser der Wolken Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, No. 121, Dritte Folge No. 1 · 第 3 / 3 段