Zweifel

Die müde Sonne geht zur Neige,

Noch einmal streut sie im Verglühn

Ihr Märchengold durch alle Zweige

Des Waldes, auf sein Rot und Grün.

Des Abends Farben, sie ermatten,

Des Himmels warme Pracht erbleicht,

Schnell huscht wie eines Blitzes Schatten

Der Vogel, der vorüber streicht.

Ein Zauber quillt in tiefem Strome

Aus allen Dingen, leise rinnt

Er durch das Leben, dess' Atome

Beseligt, glücklich, göttlich sind.

Aus weiter Ferne hallt begehrlich

Der dumpfe Lärm der großen Stadt ...

Woher der Schreck, der unerklärlich

Die Seele mir benommen hat?

O Gott, wie uns die Weisheit blendet,

Wenn stumm wir vor den Dingen stehn,

Den Bettlern wird ein Mahl gespendet,

Die staunend diese Tafel sehn!

Die wir in Einfalt nach Dir streben,

Wir finden Dich zu jeder Frist,

O Gott, in diesem reichen Leben,

Der Du vielleicht nicht einmal bist.

Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen · 第 199 / 211 题