Er hob sein Glas: »Gestatte mir gehorsamst zum Wohle, Herr Rittmeister!«

Gaston trank schweigend. Er wußte genug. Und der andere da drüben hatte

anscheinend nicht das geringste gemerkt. Daß er nur deshalb mit ihm hier

zusammensaß, um ihn auszuhorchen. Und jetzt hätte er mit der empfangenen

Auskunft wieder heimgehen können, aber ihm graute vor dem Alleinsein mit

den Gedanken, die aus allen dunklen Ecken gekrochen kamen in seinem

stillen Häuschen da draußen ...

Die Flasche war leer, er griff nach dem Klingelzuge, der von der Lampe

herabhing: »Ordonnanz, noch so eine ... Das heißt, wenn Sie freundlichst

gestatten, Herr von Gorski?«

Der Kleine klappte die Hacken zusammen, verneigte sich lächelnd. Er

selbst vertrug einen Stalleimer voll Sekt, brauchte am anderen Morgen

den Kopf nur fünf Minuten unter die kalte Brause zu stecken, um

vollkommen frisch zu sein. Sein Schwadronschef aber hatte schon die

»Fahne« aufgezogen, glühte im Gesicht wie ein Fieberkranker. Da gelang

es vielleicht, ihm listig noch allerhand abzufragen, was ihn selbst --

nicht bloß aus Neugierde -- interessierte.

Vor jenen Wochen, gleich nach der Rückkehr aus Königsberg, war sein

Cousinchen arg verstimmt gewesen. Schon damals glaubte er zu wissen,

weshalb, und heute war er seiner Sache sicherer denn je. Nur ein Rätsel

gab es noch zu lösen: warum hatte der dumme Kerl da sich am Tage nach

der gemeinschaftlichen Reise nicht auf seinen Gaul geschwungen, war nach

Kalinzinnen geritten? Da wäre manches vielleicht anders gekommen. Und --

ein gewisses Positionsgefühl sagte ihm das wie beim Schachspiel -- die

Lösung war vielleicht in jener Zeitungsnachricht zu suchen, über die sie

damals auf dem Heimwege vom Kasino gesprochen hatten.

Die Ordonnanz hatte sich nach dem Einschenken wieder zurückgezogen,

Gaston hob sein Glas: »Na prosit, Herr von Gorski! Es ist nett von

Ihnen, daß Sie mir Gesellschaft leisten. Die anderen Herren werden über

meine Absentierung vielleicht auch milder urteilen in einigen Tagen. Ich

hatte mir selbst eine Aufgabe gestellt, die mich außerordentlich

beschäftigte. Sie werden natürlich nicht darüber sprechen.«

»Selbstverständlich nicht, Herr Rittmeister.«

»Nun denn: es ist eine Möglichkeit vorhanden, die Herrschaften von

drüben, wenn sie uns ohne Ankündigung überfallen, in eine große

Mausefalle reiten zu lassen. Die Vorbereitungen dazu sind

verhältnismäßig einfach und, wenn ich dem Kommandeur Vortrag gehalten

habe, werden die Herren Kameraden mir hoffentlich Absolution erteilen.

Die Arbeit hat mich in der letzten Zeit ganz und gar in Anspruch

genommen.«

»Vielleicht auch noch etwas anderes,« dachte der Kleine, laut aber sagte

er: »Diese Mitteilung wird alle Mißverständnisse natürlich mit einem

Schlage beseitigen! Aber da auch ich keine Gelegenheit hatte, mit Herrn

Rittmeister außerdienstlich zusammenzukommen: wie hat sich eigentlich

der Fall des Oberleutnants Wodersen aufgeklärt, von dem wir damals

sprachen? In der Zeitung standen allerhand dunkle Andeutungen, er hätte

sich infolge eines amerikanischen Duells das Leben genommen. Vor dem

Hause der Dame, die gewissermaßen den Einsatz bildete. Haben Herr

Rittmeister das nicht gelesen? Ich glaube, die Nummer des obskuren

Wochenblättchens, die einer unserer Herren auf dem Bahnhof gekauft hat,

muß noch irgendwo zu finden sein.«

Gaston sah sein Gegenüber unsicher an.

»Weshalb kommen Sie auf die Idee, daß ich gerade in diesem traurigen

Fall Bescheid weiß?«

»Weil Herr Rittmeister damals sagten, Sie wären mit Herrn von Wodersen

noch kurz vor der Katastrophe zusammen gewesen.«

»So ... habe ich das gesagt? Na ja, es ist ja auch die Wahrheit.«

Gaston spürte, daß er sich nicht mehr so in der Hand hatte wie sonst.

Nur er fühlte unklar, das war vielleicht die Gelegenheit, die junge Dame

in Kalinzinnen wissen zu lassen, daß er sich nicht aus Feigheit

zurückgehalten hatte. Zehn solche Kerle wie dieser Herr von

Brinckenwurff hätten dastehen können, das wäre ihm herzlich gleichgültig

gewesen, wenn er mit reinen Händen gegen sie hätte anreiten können. Er

nahm einen hastigen Schluck.

»Wovon sprachen wir doch eben?«

»Davon, daß Herr Rittmeister mit diesem Herrn von Wodersen noch kurz vor

der Katastrophe ...«

»Ach so! Was in den Zeitungen steht, ist natürlich Unsinn. Ich habe

allen Grund zu der Annahme, er hat sich infolge eines Mißverständnisses

totgeschossen. Freilich nicht mit ganz klaren Sinnen. Ich habe früher

immer darüber gelacht, daß ein Mann sich so 'was in dieser Weise zu

Herzen nehmen könnte -- der Fall da hat mich eines Besseren belehrt. Der

arme Kerl war mit Haut und Haaren in eine vielumworbene Frau verliebt.

Und die machte sich nichts aus ihm. Er aber hoffte immer noch ...

Als er's mir zum ersten Mal erzählte, in einer jener seltenen Stunden,

wo man das Visier hochschlägt, lächelte ich darüber. Er sagte: 'Um die

Frau schieß ich mich noch einmal tot.' Ich aber zuckte mit den Achseln:

'Verstiegene Redensarten!' Sonst vielleicht ... na schön, an dem

verhängnisvollen Tage traf ich ihn. Er war sehr aufgeregt, erzählte mir,

er hätte allen Grund zu der Annahme, daß die schöne Frau sich einem

anderen hinzugeben beabsichtigte. Und da unterließ ich es leider, ihn

trotz besseren Wissens aufzuklären, trotzdem ich diesen anderen und

seine eigentlichen Pläne ziemlich gut kannte. Ich wußte, dieser andere

war -- nicht ohne eigene Schuld natürlich -- in eine Verstrickung

geraten, die ihm bei klaren Sinnen eine Fessel war, nur er besaß nicht

die Rücksichtslosigkeit, sich sofort davon zu befreien.

Zum allergrößten Teil war es Mitleid, denn die Frau lebte in einer

unglücklichen Ehe, klammerte sich an ihn wie an den Heiland. Und jetzt

ist er bei dem ganzen traurigen Handel eigentlich am meisten zu

bemitleiden. Er hatte das Pech, sich hinterher in eine junge Dame zu

verlieben, der er anscheinend auch recht gut gefiel. Aber die alte

Schuld band ihm die Zunge ... Und jetzt --«

Gaston fühlte deutlich, daß er Worte wiederholte, die vor einigen Wochen

ein anderer gesprochen hatte, aber er konnte sich nicht helfen, er mußte

sie aussprechen.

»Jetzt kommt es ihm nicht mehr so lächerlich vor, wenn einer sagt, er

will sich aus unglücklicher Liebe totschießen. Der arme Kerl, der

Wodersen, hat alles aus dem Kopf. Ihm aber frißt ein Geier an der Leber,

daß er manchmal ...« Er brach plötzlich ab, starrte mit weit

aufgerissenen Augen in eine der dunklen Zimmerecken.

Der Kleine erschrak heftig, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

Den Zustand kannte er, in dem man allerhand Spuk sah mit wachen Augen.

Er hatte ihn einmal durchgemacht, als er mit Urlaub acht Tage in

Königsberg verlumpt hatte, um auch so 'was unterzukriegen, was ihn

schwer bedrückte. Als er sich daheim aus notwendiger Enthaltsamkeit

wieder ausnüchterte, saß in den ersten Nächten immer ein kleines

Männchen mit einem runden Kürbiskopfe auf dem Fußende seines Bettes. Der

da drüben sah jetzt wohl etwas anderes ... ein blasses Gesicht mit

durchschossener Schläfe ... Und aus anderer Ursache. Weil er sich vor

Kummer die Nerven zuschanden gearbeitet hatte, die der ungewohnte

Alkohol jetzt noch mehr auspeitschte. Da gab es nur ein Mittel: den

Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben! Den armen Kerl so vollzugießen,

daß er bewußtlos wie eine Tümpelkrähe ins Bett fiel, keine Dummheiten

mehr anrichten konnte. Und das war eine Aufgabe nach seinem Herzen. Er

schenkte den Rest der Flasche in die Gläser.

»Hoch zu verehrendes Wohlsein, Herr Rittmeister! Hat mich

außerordentlich interessiert, was Sie da von dem Herrn von Wodersen

erzählten -- überflüssig, zu versichern, daß ich's für mich behalte!

Aber ich meine, er muß wirklich verrückt gewesen sein. Oder er hatte

keine Spur von Pflichtgefühl im Leibe. Wer schießt sich denn tot, wenn

er vom Vaterlande gebraucht wird? Da kann man sich doch in

entscheidender Stunde vielleicht noch ein wenig nützlich machen. Indem

man seinem Zuge bei 'Lanzen gefällt, Marsch, Marsch, Hurra!' mit Gebrüll

voranreitet ...«

»Oder seiner Schwadron,« warf Gaston mit schwerer Zunge ein.

»Ganz recht,« sagte der Kleine, »je nach der Stellung, die man auf der

militärischen Stufenleiter einnimmt. Das Totschießen besorgt dann

nachher die mit Recht so beliebte feindliche Bleikugel. Aber da der

Deutsche schon seit Tacitus' Zeiten einen Lokalwechsel braucht, um immer

noch einen zu trinken, möchte ich gehorsamst vorschlagen, wir tun

desgleichen. Hier in der Nähe gibt es ein vorzügliches Glas Bier. Und da

sitzen noch einige Kameraden, die sich mächtig freuen werden, den Herrn

Rittmeister zu begrüßen.«

»Meinen Sie, lieber Gorski?«

»Aber selbstverständlich! Herr Rittmeister hatten sich -- wenn mir's

gestattet ist, das zu bemerken -- ganz vorzüglich bei uns eingeführt im

Regiment. Bloß Sie müßten sich öfter sehen lassen.«

»Na, dann vorwärts!«

Im Hinausgehen flüsterte Karl von Gorski der Ordonnanz zu: »Marsch, ins

Revier der fünften Schwadron! Der Kutscher vom Krümperwagen soll

anspannen, an der kleinen Kneipe vorfahren, gegenüber vom Landgericht!«

Die Ordonnanz nahm schweigend die Hacken zusammen. Solche Aufträge waren

nichts Außergewöhnliches. Nach einem Liebesmahl fuhren die meisten der

Herren mit dem Krümperwagen nach Hause, um unliebsamen Begegnungen

auszuweichen. Und der Rittmeister von der Fünften wohnte ein ganzes Ende

weit vor der Stadt ...

Auf der Straße hielt Karl von Gorski sich dicht neben seinem

Vorgesetzten, um erforderlichen Falles zur Hand zu sein, wenn dem der

Fuß in unsicherem Tritte stocken sollte. Aber die Fürsorge war unnötig,

der Rittmeister ging ohne Schwanken die Straße entlang. Da stieg seine

Hochachtung gewaltig: der Mann mußte eine fabelhafte Energie besitzen,

um sich so zusammenreißen zu können! Und nach einigen Minuten blieb Herr

von Foucar plötzlich stehen, sagte mit ganz klarer Stimme: »So, das hat

wohlgetan. Aber noch eins, Herr von Gorski ...«

»Herr Rittmeister?«

»Ich bin vorhin ein bißchen zusammengesackt. Ich lege keinen Wert

darauf, daß das in weiteren Kreisen bekannt wird. Ich hatte meinen

Nerven in den letzten Wochen zu viel zugemutet, und vorher die Zeit im

Generalstabe -- ja, das war auch alles andere, nur keine Sommerfrische.«

Der Kleine blickte auf.

»Sehr wohl, Herr Rittmeister! Aber die Mahnung zur Diskretion war etwas

kränkend, nachdem Sie die Güte gehabt hatten, mir ein wenig Vertrauen zu

schenken. Ich mache nicht immer schlechte Witze, ich kann auch manchmal

leidlich ernst sein.«

Gaston legte in einer impulsiven Regung seinem Leutnant den Arm um die

Schulter, zog ihn näher an sich.

»Weiß ich, kleiner Gorski, weiß ich! Und zuverlässig. Sonst wäre ich

wohl nicht so aus mir herausgegangen. Die, denen das sogenannte Herz

immer gleich auf der Zunge liegt, haben es leichter.«

Er ließ seinen Arm wieder sinken und fuhr lächelnd fort: »Aber diese

neue Freundschaft wird mich natürlich nicht hindern, Sie im Bedarfsfalle

unter vier Augen wieder einmal gründlich anzulappen! Falls Sie morgen

nämlich, wie neulich, zehn Minuten zu spät zum Dienst kommen sollten.«

»Es wird mir ein Hochgenuß sein,« sagte der Kleine. »Und noch eine

Frage: die junge Dame, in die sich 'der andere' verliebt hat, von der

Herr Rittmeister vorhin sprachen ...?«

»Die ist mit ihm zusammen in der Eisenbahn gefahren, da lernte er sie

kennen. Leider zu spät. Für ihn selbst. Ein Skrupelloser hätte sich

vielleicht darüber hinweggesetzt, daß er noch an eine andere gebunden

war. Ihm ist es nicht gegeben, das einer Frau verpfändete Wort wie eine

Seifenblase zu behandeln. Aber das ist ja auch egal ... in vierzehn

Tagen verlobt sich die mehrfach genannte junge Dame ...«

Karl von Gorski blickte tiefsinnig vor sich hin.

»Selten ist wohl von einem Weisen ein wahreres Wort gesprochen worden

als der Satz: 'Verlobt ist nicht verheiratet.' Und von allen Sagen, die

ich kenne, erschien mir immer die vom Tannhäuser am vernünftigsten: es

kann alles verziehen werden. Namentlich wenn der Tannhäuser

gewissermaßen nur aus Versehen in den Venusberg geraten war.«

Gaston atmete tief auf, eine verrückte Hoffnung regte sich ihm im

Herzen. Aber das war natürlich Unsinn. Der Kleine da neben ihm hatte

eine Flasche Sekt im Leibe. Da sprach er mehr, als er verantworten

konnte. Genau wie er selbst. Nur der ungewohnte Trunk hatte ihn doch

verleitet, ein sorgfältig gehütetes Geheimnis zu verraten. Dem er's

anvertraut hatte, war ein Edelmann, behielt es bei sich. Wenn nicht, war

es auch egal. Von morgen fing ein neues Leben an, trinken war besser als

arbeiten. Beim Arbeiten saß man allein, beim Trinken in lustiger

Gesellschaft. Und man geriet nicht in den Verdacht, daß man sich

hochmütig und streberisch von den Kameraden absonderte ...

In der von Tabaksqualm erfüllten kleinen Kneipe gab es nach anfänglichem

Stutzen großes Halloh. Der dicke Herr von Schnakenburg, der

unverheiratete Major vom Stabe, erhob seine dröhnende Stimme: »Zeichen

und Wunder! Der Gerechte verirrt sich unter die Gottlosen? Was

verschafft uns denn die Ehre, Herr von Foucar?«

»Die bessere Einsicht, Herr Major,« versetzte Gaston. »Die Einsicht, daß

es verdienstvoller ist, zu trinken, als leeres Stroh zu dreschen. Ist es

gestattet, meine Herren?«

»Aber mit Vergnügen!«

Major von Schnakenburg, der mit dem Rücken zur Wand saß, tippte seinem

Nachbar, dem einzigen Zivilisten in der Tafelrunde, auf die Schulter:

»Sie, junger Brinckenwurff, rücken Sie mal 'ne Rotte weiter nach unten.

Ich möchte den unerwarteten Rittmeister gern an meiner grünen Seite

haben. Vorausgesetzt, daß er noch über den Tisch klettern kann.«

»Wird sofort gemacht!«

Dem Kleinen stand der Atem still, das gab sicherlich ein Unglück. Er

nahm eine Art von Bereitschaftsstellung ein, um bei einem Sturze zur

Hand zu sein, aber die Befürchtung war grundlos. Herr von Foucar stieg

sicher hinüber, nahm auf dem Stuhle Platz, den der lange Brinckenwurff

soeben freigemacht hatte. Und ein paar Minuten später hatte er die

Führung des Gespräches übernommen an dem runden Tische. Plauderte mit

glänzender Laune über alles mögliche, erzählte kleine Anekdoten aus dem

internen Betriebe des Generalstabes, bezauberte die ganze Gesellschaft.

Der allgemeine Aufbruch fand später als sonst statt. Hermann von

Brinckenwurff ging mit den beiden Brüdern Gorski nach dem Bahnhofe zu,

im Hotel zum Kronprinzen hatte er sein Fuhrwerk eingestellt.

»Ich kann mir nicht helfen,« sagte er, »der Mensch ist mir unsympathisch

mit seinem sprunghaften Wesen. Schließlich ist er doch keine Primadonna

im Regiment, die sich den Luxus gestatten darf, Launen zu haben!

Wochenlang hat er uns geschnitten, mit einem Male taucht er auf, spielt

den Liebenswürdigen und Geistreichen ...«

»Entschuldige,« fragte Karl von Gorski, scheinbar harmlos, »wen meinst

Du eigentlich?«

»Na, Euren neuen Rittmeister, diesen Baron von Foucar!«

»So, so! Dazu ließe sich bemerken, geistvolle Leute haben ein gewisses

Recht, launenhaft zu sein, denn der Geist läßt sich nicht kommandieren.

Etwas anderes ist es mit dem Stumpfsinn. Der ist bei seinem Besitzer

immer gleichmäßig vorhanden. Man sagt nur ab und zu einmal 'Prost' --

was keine besondere Anstrengung kostet -- trinkt acht halbe Liter und

fährt mit der Befriedigung, sich glänzend unterhalten zu haben, nach

Hause.«

Herr von Brinckenwurff begehrte auf.

»Karlchen, wahr' Deine Zunge! Schon neulich hatte ich die Empfindung, Du

legst es darauf an, Dich an mir zu scheuern.«

Der Kleine stieß einen komischen Seufzer aus.

»Da wunderst Du Dich darüber? Wo ich in Deine zukünftige Braut so

unglücklich als nur irgend möglich verliebt bin? Mich tröstet nur eins:

daß Du in Bälde nämlich den geliebten Topp Echtes am Abend entbehren

wirst! Samt den Mikoschwitzen Deines Freundes Tonnchen, die Dir so viel

Vergnügen machen. Dann mußt Du als ein gebändigter Herkules bei Deiner

Omphale sitzen, die Spindel drehen und Heines Buch der Lieder

deklamieren. Ich denke es mir wonnig!«

Herr von Brinckenwurff lachte.

»Entschuldige, Karlchen, daß ich Dich einen Augenblick ernst genommen

habe. Aber das mit dem Herkules am Spinnrocken ist Phantasie. Oder

vielmehr ganz richtig für die ersten paar Wochen. Nachher zieht man

langsam die Kandaren an, lebt wieder, wie es einem paßt. Im ersten Jahre

mault sie. Im zweiten hat sie so einen kleinen Quarrsack in der Wiege,

da begibt sie sich.«

»Sehr richtig! Und -- was ich schon immer fragen wollte -- gibt's Krebse

bei Eurem Verlobungsdiner?«

»Selbstverständlich! Schon seit acht Tagen lasse ich in der ganzen

Umgegend sammeln. Kerle wie Hummern -- pro Nase gibt es mindestens ein

ausgewachsenes Dutzend.«

»Dann komme ich bestimmt. Für Krebse lasse ich mein Leben. Außerdem

aber« -- seine Stimme klang plötzlich scharf -- »interessiert es mich

immerhin, zu sehen, wie einer geborenen Gorski die Kandaren angezogen

werden. Das überlegst Du Dir vielleicht noch! Na, gute Nacht, Hermann,

ich muß jetzt nach rechts ab.«

Er bog in eine Seitenstraße, die zu der dunklen Bahnhofsallee im rechten

Winkel stand. Der Lange rief ihm nach: »Manchmal weiß man wirklich

nicht, was man von Dir halten soll!«

»Beruhige Dich,« rief er zurück, »manchmal weiß ich's auch nicht.«

Die beiden Brüder Gorski schritten der gemeinschaftlichen Wohnung zu,

der ältere sagte mißbilligend: »Du wirst den Hermann Brinckenwurff so

lange anulken, bis er Dir eines Tages an den Hals fährt. Diese Anzapfung

eben war doch zum mindesten höchst überflüssig!«

»Vielleicht nicht so ganz! Im Gegenteil! Wenn ich so sagen darf, für

mich eine Gewissensberuhigung. Neulich sagte ich, ich würde mich als

Pythia frisieren. Mit 'nem Dreifuß. Morgen kaufe ich mir eine große

Schere, reite nach Kalinzinnen, um -- möglicherweise -- einen

Verlobungsfaden abzuschneiden!«

»Karlchen, Du bist verrückt!«

»Ah nein, mein Jungchen, sondern der einzig Vernünftige in der ganzen

Pastete. Zwei Leutchen sind da drin, die aneinander vorbeigehen. Aus

Mißverständnis. Die sollen sich aussprechen dürfen. Was sie nachher tun,

ist ihre Sache. Das bin ich beiden schuldig. Ihr, weil ich mal blöd in

sie verliebt war, dem anderen, weil ich vor einer Stunde ungefähr eine

gewaltige Hochachtung vor ihm gekriegt habe. Fast schon Zuneigung. Und

nicht zuletzt handle ich aus Familiengefühl. Es war schon einmal so ein

Skandal in der Familie Gorski, vor jenen zwanzig oder mehr Jahren. Ich

kenne ihn aus mangelnder Anciennität nur vom Hörensagen, aber ich kann

ihn mir nachträglich vorstellen. Hinterher wird geschossen, die

Leidtragende ist das arme Wurm von Frau, das sich ein paar Jahre zu früh

verheiratet hat. Ehe sie den kennen lernte, der vielleicht besser zu ihr

gepaßt hätte. Der nachher Hausfreund wird, weil der Herr Gemahl seine

Zerstreuung in der Kneipe sucht.«

»Und Hermann von Brinckenwurff? Der uns doch als Jugendfreund

nahesteht?«

Der Kleine hob die Achseln.

»Der andere steht mir näher, seit einer Stunde. Einer mit Irrtümern und

Fehlern vielleicht, aber ein Edelmann! Ich habe beschlossen, mir höhere

Stiefelabsätze zuzulegen, weil er mich seiner Freundschaft würdigte. Um

schon äußerlich diese neue Würde zu dokumentieren. Ich werde auch neue

Visitenkarten drucken lassen, wie jener, dadurch berühmt gewordene Herr

Müller: '=Ami de Beethoven!=' Das gibt immerhin ein gewisses Relief.«

»Karlchen, ich glaube, Du bist betrunken!«

»Möglich, Herr Majoratserbe, möglich. Aber was beweist das? Ich bin

immer der Meinung, die genialsten Einfälle sind im Rausch zustande

gekommen. Im Rausch, wo man mit beschwingter Phantasie aufs Ganze geht,

statt sich an allerhand Kleinkram zu stoßen. Und jetzt lese ich auf

Deinen Lippen das Wort 'Philosoph'. Da irrst Du Dich. Ich bin wirklich

nur betrunken. Und morgen nachmittag reite ich nach Kalinzinnen, erzähl'

der Annemieze, daß sie sich fälschlicherweise geärgert hat wegen einer

ausgeschlagenen Einladung. Dann kann sie hinterher immer noch tun, wozu

sie Lust hat. Den einen nehmen oder den anderen.«

»Karlchen, misch Dich nicht in Dinge, die Dich nichts angehen! Neulich

gabst Du mir doch selbst den Rat, den Daumen nicht in eine Türangel zu

stecken!«

»Das war neulich! Inzwischen aber bin ich zu der Erkenntnis gekommen,

daß es unmöglich das Ideal einer Ehe sein kann, wenn der Gatte

allabendlich in die Stadt fährt, um dickes Bier zu trinken. Stumpfsinnig

dasitzt, bis der Leutnant Uhlenburg einen Witz erzählt, und dann sagt:

'Na prost! Sollst leben, Tonnchen!' Dazu ist mir unser Cousinchen zu

schade!«

9.

Die Augustsonne brannte mit sengenden Strahlen vom Himmel herab, auf den

Roggenfeldern stand der liebe Erntesegen schon in Hocken. Nur der Weizen

war noch zu schneiden und der Hafer, aber Gott allein wußte, ob die

reife Frucht noch im Frieden in die Scheuern kommen würde. Allerhand

wilde Gerüchte schwirrten in der Luft, flogen von Mund zu Mund. Und das

abergläubische Landvolk sah unheilkündende Zeichen. Die Kraniche zogen

früher als in anderen Jahren nach dem Süden, in dem Sternbilde des Bären

stand eine feurige Rute. Mit bloßem Auge war sie noch schwer zu

erkennen, aber sie wuchs und wurde größer wie damals im Kriegsjahre

siebzig.

Da ließen auch die Besonnenen sich hinreißen, und ein dumpfer Zorn

sammelte sich allmählich in der Bevölkerung des Grenzlandes gleich einer

Gewitterwolke. Was sollten diese immer neuen Beunruhigungen von rechts

und links, von denen man in der Zeitung las; konnte man nicht in Frieden

nebeneinander leben? Auch dem Langmütigsten lief einmal die Galle über,

und dann gab es Kleinholz ringsum. Aber wenn schon einmal abgerechnet

werden mußte, dann bald! Damit es endlich Ruhe gab. Den ewigen

Alarmzustand hielt niemand mehr aus.

Die fünfte Schwadron der Ordensburger Dragoner war auf Felddienstübung

nach der Grenze zu. Patrouillen ritten im Vorgelände, brachten Meldungen

von dem weitaus stärkeren Feind, der durch einen Rekognoszierungsvorstoß

zu vorzeitiger Entwicklung gebracht werden sollte. Der Befehl, den der

Führer erhalten hatte, war kurz und entsprach dem Ernstfalle, wie alle

Uebungen, die der Oberstleutnant Harbrecht ansetzte. Fliehende

Landbewohner hatten die Meldung gebracht, daß der Feind über die

Dombrowker Berge im Anmarsch wäre. Rittmeister von Foucar bekam den

Auftrag, seine Stärke und Zusammensetzung zu erkunden. Da traf er nach

kurzer Ueberlegung seine Maßnahmen, ließ die Schwadron antraben.

Während er an der Tête ritt, fuhr es ihm durch den Sinn, daß der jüngere

Leutnant Gorski ihm in der vorgestrigen Nacht eine Art von Versprechen

gegeben hatte. Ein Versprechen, das er am nächsten Morgen wahrscheinlich

schon wieder vergessen hatte. Nichts deutete darauf hin, daß er ihm

vielleicht etwas zu sagen hatte. Gelegenheit dazu wäre reichlich genug

gewesen, als die Schwadron noch auf dem Kasernenhofe hielt. Er brauchte

ja nur zu sagen: »Herr Rittmeister, ich war gestern in Kalinzinnen, habe

Grüße zu bestellen.« Statt dessen hatte er, wie ihm scheinen wollte,

geflissentlich zur Seite gesehen, als er mit fragendem Blick sein Auge

suchte. Und es war schließlich erklärlich. Der Tag hatte ein anderes

Gesicht als die Nacht -- in der Nacht versprach man manches, was man im

hellen Tageslichte nicht halten konnte, weil sich dann die kühlen und

nüchternen Erwägungen einstellten. Das wußte er selbst am besten ...

Die Schwadron hatte den Beldahner Wald hinter sich, das Gelände wurde

übersichtlicher. Im Hintergrunde standen die Dombrowker Berge, eine

kahle Hügelkette, über deren Kamm die Grenze führte. Davor Oedland mit

Wacholderbüschen, links im weiten Bogen eine zwanzigjährige

Kiefernschonung, deren Rand von Infanterie besetzt war. Als die linke

Seitenpatrouille der in Zugkolonne reitenden Schwadron auf dreihundert

Schritt heran war, bekam sie Feuer. Eine Reihe blauer Uniformen tauchte

auf, eine helle Kommandostimme klang klar herüber: »Auf die hinter der

Patrouille anreitende Kavallerie ... Visier achthundert Meter ...

Schnellfeuer ...« Leichte Wölkchen hoben sich am Waldrande, ein

seltsames Knattern war vernehmbar wie das Rasseln einer Maschine.

Gaston hob den Säbel, ließ rechtsum Kehrt schwenken, bis die Schwadron

hinter einer Bodenwelle in Deckung war. Der erste Halbzug saß ab,

eröffnete unter Begleitung von drei Flaggen, die die beigegebene

Infanterie markierten, ein heftiges Feuer, das den Feind zur weiteren

Entwicklung nötigen sollte. Aus einer Schlucht zwischen zwei Hügeln in

der Front quoll Kavallerie, formierte sich in der Vorbereitung zur

Attacke in Linie, auf dem Berge halb rechts zeigten sich gelbe Flaggen.

Zwei Batterien Artillerie stellten sie vor.

Da lachte Gaston kurz auf, es gab Gelegenheit, ein schneidiges

Reiterstücklein auszuführen, das durchaus im Sinne der Uebung lag. Nicht

umsonst hatte er in den vergangenen Wochen das Gelände an der Grenze

durchstreift zu Rade oder im Sattel. Rechts von der Senkung, in der er

hielt, führte eine breite Schlucht, die gedecktes Anreiten gestattete,

in die Flanke der feindlichen Artillerie. Nur dreihundert Schritt

ungefähr waren zum Schluß mit »Marsch, Marsch, Hurra!« zu durchreiten in

offenem Feld, um sie zu überrennen und zu vernichten. Und im Ernstfalle

hätte wohl mehr da oben gestanden als zwei plundrige Batterien, ein

Schlag hätte es werden können, der den ganzen Erfolg des ersten

Vorstoßes zum Scheitern brachte.

Die Meldungen über das bisher Gesehene gingen nach hinten an den dicken

Major von Schnakenburg, der auf dieser Seite die Uebung

»beschiedsrichterte«, wie der respektlose Leutnantsausdruck diese

Tätigkeit nannte. Um die in der Front anreitende Kavallerie kümmerte

sich Gaston nicht. Die machte zunächst 'mal einen »Luftstoß«, weil er

mit seinen hundert Männerchen nämlich nicht mehr da war. Weiter hinten

aber geriet sie in das Feuer der Infanterie, das freilich nur durch

einige geschwenkte Flaggen markiert wurde.

Das Kommando ging durch halblaute Zurufe weiter, die Schwadron trabte an

in Zugkolonne, die Schlucht war breit genug. Sie öffnete sich zu einem

Hange, der zu der Bergkuppe führte. Gaston schwenkte den Säbel, ließ die

Eskadron in Linie aufmarschieren, und dann klangen die Kommandos, die

Trompetensignale schmetterten.

»Zur Attacke Lanzen gefällt ... Marsch, Marsch, Hurra!« ... Wie eine

Windsbraut fegte die Schwadron den sanftgeneigten Hang hinan, der

Artillerie in die Flanke, mächtig erklang das Hurragebrüll aus hundert

rauhen Kehlen. Der Rittmeister von Foucar sprengte auf die Kuppe, winkte

mit dem Säbel in einer Art von Siegerfreude nach dem Tal hinab, zum

Zeichen, daß das verwegene Reiterstücklein gelungen war ...

Von der russischen Seite des Hügels kam ein fremdartig klingendes

Hornsignal, der Boden erdröhnte unter Rossehufen. Gaston wandte den

Kopf, eine Schwadron russischer Dragoner kam in Linie den Hang

hinaufgesprengt, die Lanzen gefällt. Dreißig Schritt vor der Grenze hob

der Führer den Säbel: »=Stoi!=« Die Dragoner fielen in Trab, um in Linie

zu halten. Der linke Flügelunteroffizier des ersten Zuges schien jedoch

die Herrschaft über seinen Gaul verloren zu haben, jagte weiter, über

die Grenze. Der preußische Infanterieunteroffizier, der die Flaggen

kommandierte, ein Koloß von sechs Fuß Größe, warf sich dem Gaul entgegen

und riß ihn am Zügel in die Knie, so daß der Reiter kopfüber aus dem

Sattel flog.

Es war einer jener Augenblicke, in denen den Zuschauern das Blut in den

Adern stillstand. Ein kleiner Funke sprang auf in einer mit Elektrizität

überladenen Atmosphäre. Wenn man ihn nicht mit besonnener Hand dämpfte,

konnte es unabsehbares Unheil geben. Aber es war eine höllische

Schwierigkeit dabei. Man stand in diesem Augenblicke vor dem ganzen

Vaterlande, durfte gerechtem Stolze nichts vergeben.

Der Führer der Grajewoer Dragoner schrie mit zornrotem Kopfe etwas auf

russisch hinüber. Gaston verstand genug, um zu wissen, daß der da drüben

ungestüm und mit wenig gewählten Worten die Freigabe seines auf

feindliches Gebiet geratenen Mannes forderte. Er wandte sich im Sattel,

seine Stimme klang ruhig: »Oberleutnant Gusovius!«

»Herr Rittmeister?«

»Lassen Sie scharf laden!«

»Zu Befehl! ...«

Das war ein Bluff, seine Kerls führten nur Platzpatronen bei sich. Aber

er wirkte. Der Offizier auf der anderen Seite verstummte plötzlich, als

die Karabinerschlösser rasselten.

Gaston ritt hart an die Grenze, salutierte mit dem Degen.

»Herr Kamerad, ich bitte um die Mitteilung Ihrer Wünsche. Nur ich muß

Sie darauf aufmerksam machen, auf deutschem Boden verstehe ich nur

Deutsch!«

Der Russe erwiderte den Salut und sprach mit finsterem Gesicht in dem

harten Dialekt, der in den Ostseeprovinzen gesprochen wurde: »Errsuche

höfflichst, meinen Unteroffizier freizugebben. Sein Gaul ist ein

Durchgänger, er hatte durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen auf eigene

Faust Krieg anzufangen.«

Gaston verneigte sich leicht im Sattel.

»Das habe ich nicht einen Augenblick lang befürchtet.« Er rief über die

linke Schulter: »Unteroffizier, geben Sie den Mann wieder frei. Er ist

nur aus Versehen über die Grenze geritten.«

Der baumlange Unteroffizier, der den Russen im Genick hielt, nahm die

Hacken zusammen.

»Zu Befehl, Herr Rittmeister!« Und mit einem gutmütigen Schubs gab er

dem Gefangenen den Kragen frei: »Lauf, kleiner Russ', aber komm mir nich

noch 'mal in die Finger! Sonst nehm' ich Dich unterm Arm nach Hause,

mach' Biefstick aus Dir.«

Die Ordensburger fünfte Schwadron lachte hell auf. Der Führer der

Grajewoer Dragoner bekam einen roten Kopf.

»Herr Kamerad, ich bitte, Ihrem Untergebenen diese Redensarten zu

untersaggen!«

»Herr Kamerad, dazu habe ich nicht die geringste Veranlassung,« war die

kühle Antwort. »Es ist ein Zeichen für die gegenseitige Stimmung. Und

jetzt wären wir wohl fertig?«

»Serr wohl! Bis auf eine Kleinigkeit. Für ein ernsteres Zusammentreffen

möchte ich gerne Ihren Namen wissen. Ich selbst heiße Freiherr von

Heidedorff!«

Gaston mußte unwillkürlich lächeln.

»Mein Name ist Gaston Baron Foucar von Kerdesac.«

Der andere stutzte.

»Franzose?«

»Nein, Deutscher! Auf Wiedersehen, Herr Kamerad.«

Er salutierte und ließ seine Schwadron kehrtmachen, in Zügen den Weg

zurückreiten im Schritt, den sie gekommen war. Und er lächelte noch, als

er schon wieder an der Spitze seiner Truppe ritt.

Der Russe da drüben war von Herkunft ein Deutscher. Ihm selbst floß

französisches Blut in den Adern, und er führte eine deutsche Schwadron.

Im Ernstfalle hätte er sie auch gegen die andere Seite geführt, ohne

Wimperzucken. Gegen das Land, das seine Vorfahren vor hundert Jahren

noch Vaterland genannt hatten. Was war da der Name? Wie man fühlte, war

alles. Und in ernsterem Erwägen sprang ihn die Frage an, weshalb wohl

zwischen den Völkern der alten Welt, die doch so viel Gemeinsames hatten

an Blut und Kultur, diese feindselige Spannung entstanden war. Nur, weil

die Franzosen den Verlust zweier Provinzen nicht verschmerzen konnten,

die sie einstmals doch selbst geraubt hatten? Oder weil das große Raufen

anhub um das letzte Stück Erde, das noch zu verteilen war? Oder weil ein

Wettlaufen begonnen hatte, welche Nation am meisten Baumwolle, Kanonen

und Maschinen verkaufte? Oder weil in dem ewigen Kreislauf des

Geschehens nach dem verschwommenen Weltbürgertum vergangener

Jahrhunderte eine Periode aufkam, voll von Egoismus? Müßig war es,

darüber zu grübeln. Vielleicht lag die Lösung in einer Art von

Eifersucht, welche Nation in Zukunft dazu berufen wäre, der Welt den

Stempel ihres Wesens aufzudrücken. Das war ein hohes Ziel. Nur man

konnte sich vorstellen, daß es auch im Frieden zu erreichen war, ohne

daß Hekatomben von Menschen hingeschlachtet wurden ...

Die Schwadron trabte in der breiten Schlucht zurück, die ihr den

gedeckten Anritt ermöglicht hatte. Karl von Gorski spornte seinen

hochbeinigen Trakehner vor, lenkte ihn neben den Fuchswallach seines

Schwadronschefs. Er zitterte vor Begeisterung.

»Verzeihen, Herr Rittmeister -- es ist gegen alle Kleiderordnung, ich

weiß es, aber ich kann mir nicht helfen, und wenn ich dafür eingesperrt

werde.« Er hob den rechten Arm, rief mit heller Stimme: »Dragoner!

Unser Herr Rittmeister Baron von Foucar, unser Führer für Tod und

Leben ...«

Gaston fuhr dazwischen: »Leutnant von Gorski, sind Sie des Teufels?«

Aber der Kleine ließ sich nicht beirren, schrie weiter: »unser Herr

Rittmeister hurra, hurra, hurra!«

In den staub- und schweißbedeckten Gesichtern wurden die Augen blank,

dreimal rollte der Ruf gleich krachenden Salven durch die Mittagsstille

und brach sich im Widerhall an den Wänden der Talschlucht.

Gaston wollte seinem Leutnant eine energische Strafpredigt halten, aber

auch die anderen Offiziere der Schwadron kamen herzugeritten,

Oberleutnant Gusovius streckte seinem Vorgesetzten in impulsiver

Aufwallung die Hand entgegen.

»Nichts für ungut, Herr Rittmeister, unser Kleiner hat nur das

ausgelöst, was uns allen auf der Seele lag. Es war großartig! Und wir

alle sind stolz darauf, daß wir dabei waren!«

»Na also, dann besten Dank, meine Herren! Sie aber, Herr von Gorski,

möchte ich bitten, Ihrem Temperament in Zukunft ein wenig den Zügel

anzulegen, Selbstverständlichkeiten nicht immer gleich mit Hurra zu

begrüßen.«

Der Kleine machte ein zerknirschtes Gesicht, aber der Schalk blitzte ihm

aus den Augen.

»Sehr wohl, Herr Rittmeister! Sonst käme die fünfte Schwadron

Dragonerregiments Graf Schmettau aus dem Hurraschreien überhaupt nicht

mehr heraus.«

Da mußte auch Gaston auflachen und freute sich herzlich, daß seine Leute

an ihm hingen.

Vom Waldrande her kam der Offiziersruf, auf einem niedrigen Hügel hielt

der Regimentskommandeur zur Kritik. Die Schwadron wurde von dem

Wachtmeister weitergeführt, die Herren setzten ihre Gäule in

beschleunigte Gangart, Karl von Gorski ritt neben seinem Chef.

»Herr Rittmeister, ich bitte um Entschuldigung, aber ich konnte vorhin

wirklich nicht anders! Die Begeisterung hatte mich so gepackt.«

»Ist ja schon erledigt!«

»Gehorsamsten Dank! Und es scheint, ich kann heute überhaupt nicht dicht

halten. Eigentlich nämlich hatte ich mir vorgenommen, auch über 'was

anderes nicht eher zu sprechen, als bis ...«

»Na schon raus damit! Was ist los?«

»Also ich war gestern drüben in Kalinzinnen. Ich habe Grund zu der

Annahme, Herr Rittmeister werden demnächst noch mal eingeladen werden.«

Gaston fühlte, wie es ihm ganz licht und weit wurde in der Brust.

»Wahrhaftig?«

»Sehr wohl, Herr Rittmeister. Ich habe sogar triftigen Grund!«

»Na, dann schön Dank, Kleiner! Heute mittag trinken wir die beste

Flasche, die im Kasinokeller liegt.«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister! Schon am frühen Morgen, als ich aufstand,

sagte ich zu mir selbst: Karlchen, paß auf! Heute gibt es noch einen

Lichtpunkt in Deinem kümmerlichen Leutnantsleben.«

Der Oberstleutnant Harbrecht hielt mit dem Major vom Stabe, seinem

Adjutanten und einem Hauptmann von der Infanterie auf der Hügelkuppe,

die vom Uebungsfelde heransprengenden Offiziere rangierten sich im

Kreise. Gaston trieb seinen Fuchswallach drei Schritt vor, bat um die

Erlaubnis, eine Meldung abstatten zu dürfen, und berichtete kurz über

den Zwischenfall an der Grenze. Der auf demselben Gelände manövrierenden

russischen Schwadron wäre ein Gaul mit dem Reiter durchgegangen auf

preußisches Gebiet. Er habe geglaubt, aus diesem Versehen keine

Staatsaktion machen zu müssen, und befohlen, den Russen wieder

freizulassen, ohne erst an höherer Stelle um Genehmigung nachzusuchen.

»Hat sich der Herr von drüben gebührend entschuldigt?«

»Er bat höflich, seinen Mann, der ein durchgängerisches Pferd ritte,

wieder freizulassen.«

»Dann ist's gut, danke!«

Gaston ritt wieder in den Kreis, und nun kam eine Kritik wie ein

Hagelwetter. Der Oberstleutnant Harbrecht pflegte kein Blatt vor den

Mund zu nehmen. Zunächst bekam die Infanterie ihr Teil, weil sie sich

durch eine einzige Schwadron Dragoner zu vorzeitiger Demaskierung ihrer

gedeckten Stellung hätte verleiten lassen. Dann aber prasselte es auf

die Führer der zweiten und dritten Schwadron hernieder, daß die beiden

Rittmeister wie zwei begossene Pudel dasaßen. Was die Herren sich wohl

dabei gedacht hätten, als sie aus ihrer Bereitschaftsstellung zum

Angriff übergingen, ohne die Stärke des Feindes auch nur annähernd durch

die in diesem Falle gebotene Nahaufklärung festzustellen? Und den Führer

der zweiten, den Rittmeister von Lüttritz, fragte er noch im besonderen,

weshalb er es wohl verabsäumt hätte, der Artillerie eine ausreichende

Bedeckung beizugeben. Wo er sich doch durch einen einzigen Blick auf die

Karte hätte überzeugen müssen, daß ein kurz entschlossener Führer auf

der Gegenseite nicht lange fackeln würde, der feindlichen

Verteidigungsstellung durch einen schneidigen Vorstoß die Zähne

einzuschlagen.

Dem Oberstleutnant Harbrecht war in gerechtem Zorn der Atem ausgegangen,

er mußte eine kurze Pause machen. Karl von Gorski neigte sich nach

rechts, flüsterte leise: »Du, Hans.«

»Was' los?«

»Ein Jammer, daß die Kommandeure nicht befugt sind, die Todesstrafe zu

verhängen. Wenn die verbrecherischen Rittmeister immer gleich geköppt

würden, würde das die Avancementsverhältnisse der unteren Chargen doch

sehr günstig beeinflussen.«

»Sehr richtig, aber halt den Schnabel, -- jetzt kommen wir an die

Reihe!«

»Aber mit Schlagsahne natürlich ...«

Und die Prophezeiung traf ein. Der Oberstleutnant sang einen wahren

Hymnus auf den Führer der fünften Schwadron. Seine Dispositionen wären

klar und richtig gewesen, der plötzliche Angriff aber auf die

feindliche Artillerie ein Meisterstück kavalleristischer Taktik. Den

günstigen Augenblick wahrnehmen und danach kurz entschlossen handeln,

das machte den echten Reiterführer aus! Und er schilderte, wie sich im

Ernstfalle die Affäre weiter entwickelt hätte. Die Artillerie zum

Schweigen gebracht und überritten, die feindliche Kavallerie im Rücken

gefaßt, zu Krautsalat verhauen ... Nach allem Ungewitter schloß der

Kommandeur mit der humoristischen Wendung, es wäre immerhin ein Trost,

daß die »feindliche Armee« die Niederlage bezogen hätte, nicht aber die

eigene.

Der Kreis löste sich auf, die drei Schwadronen, die an der Uebung

beteiligt gewesen waren, ritten ins Quartier zurück. Die Fünfte, als die

Siegerin, hatte die Ehre, hinter der Regimentsmusik zu reiten, aus

nächster Nähe die aufmunternden, lustigen Weisen zu hören. Und auf dem

Heimwege bekam der Führer der Fünften noch eine neue Ladung von

Lobsprüchen auf sein lorbeergeschmücktes Haupt. Karl von Gorski hatte

dem Etatsmäßigen eine begeisterte Schilderung von dem Zusammentreffen an

der Grenze gegeben, der dicke Major von Schnakenburg übermittelte sie

dem Kommandeur, und dieser setzte sich in Trab, lenkte seinen Gaul neben

den Fuchswallach Gastons.

»Hören Sie mal, lieber Rittmeister, Sie haben mich vorhin ein bißchen

beschwindelt. Der Zwischenfall mit den Russen war bedeutend sengeriger,

als Sie ihn mir in Ihrer Bescheidenheit darzustellen beliebten!«

Gaston lächelte.

»Verzeihung, aber ich konnte doch wohl nicht gut melden: Herr

Oberstleutnant, es ist mir soeben gelungen, den Ausbruch des großen

europäischen Krieges zu verhindern?«

»Na,« meinte der Kommandeur, »wenn auch nicht ganz so doll, aber in dem

Augenblick roch es doch sehr nach Pulver! Die Stimmung ist zum Platzen

gespannt, und es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, sich

auszumalen, was alles hätte geschehen können, wenn Sie die Angelegenheit

nicht in einer so -- ich möchte sagen -- überlegenen Art und Weise in

Ordnung gebracht hätten!«

Gaston verneigte sich leicht im Sattel, die Hand am Helmrande.

»Gehorsamsten Dank! Es erfüllt mich mit Stolz, daß Herr Oberstleutnant

mit mir zufrieden sind.«

»Papperlapapp, 'zufrieden'! Imponiert hat's mir, wie Sie das gemacht

haben! Das glänzendste war, daß Sie mit Platzpatronen scharf laden

ließen. Ich habe hell aufgelacht, als Major von Schnakenburg mir es eben

schilderte! Und jetzt muß ich Ihnen was erzählen. An dem Tage, als Sie

Ihre Schwadron übernahmen, war ich zufällig mit meinem Töchterchen auf

dem Großen Platz.«

»Ich entsinne mich sehr wohl. Die junge Dame hat mich mit ihren blauen

Guckäugelchen recht scharf gemustert.«

»Ja! Und Sie haben ihr sehr gut gefallen. Als Sie mit Ihrer Schwadron

einige wohlgelungene Bewegungen ausgeführt hatten, sagte sie: 'Papa,

ich glaube, wir haben mit diesem Herrn von Foucar eine glänzende

Akquisition gemacht'. Ich stimmte ihr schon damals zu, aber heute möchte

ich's mit besonderem Nachdrucke wiederholen, daß ich ganz und gar der

Meinung meines Töchterchens bin! Und meinem alten Freund Wegener

dankbar, daß er Sie mir ins Regiment gebracht hat. Na, und inzwischen

habe ich ja auch zu meiner Freude gehört, daß Sie sich aufgemacht haben,

den bisher versäumten Anschluß an die Kameraden zu suchen.«

»Sehr wohl, Herr Oberstleutnant! Aber ich möchte gehorsamst bemerken,

dieses Uebermaß von Lob erdrückt mich. Ich bitte, mich Ihrem Fräulein

Tochter angelegentlichst zu empfehlen und hinzuzufügen, daß ihre so klar

prüfenden Augen mir damals ein ganz besonderer Ansporn waren.«

Der Kommandeur lachte.

»Ne, lieber Foucar, den zweiten Teil richt' ich nicht aus. Das Jöhr ist

sowieso schon verschossen in Sie. Meine gute Alte auch. Und aus ihren

Erzählungen entnehm' ich, noch nie hätte sich die gesamte Weiblichkeit

im Städtchen für einen neu ins Regiment gekommenen Herrn so interessiert

wie für Sie. Sie hätten 'so was an sich ...' Na, ich will Sie nicht noch

eitler machen, wie Sie wahrscheinlich wohl schon sind.«

Gaston erwiderte darauf nichts, er spürte einen leichten Stich im

Herzen. Es hatte wohl seine Richtigkeit, daß die Frauen in ihm etwas

Besonderes sahen. Sonst wäre es doch kaum erklärlich gewesen, daß die da

in Berlin ihm schon nach der ersten flüchtigen Begegnung eine Zuneigung

geschenkt hatte, die sonst vielleicht erst nach längerer Bekanntschaft

zustande kam. Ein anderer an seiner Stelle wäre mit dieser Mitgift

wahrscheinlich ein skrupelloser Don Juan geworden. Er aber war, dank der

Erziehung durch Frauenhand, ein respektvoller Jüngling geblieben, der in

jedem Weibe etwas Heiliges sah. Und mit einer gewissen Bitterkeit mußte

er daran denken, wie anders vielleicht alles gekommen wäre, wenn er in

jener Nacht in dem Ballokal gesagt hätte: »Charmant, gnädige Frau, ich

wohne Rankestraße Numero so und so viel. Falls Sie mir dort gelegentlich

einmal Ihr Herz ausschütten wollen, stehe ich Ihnen gerne zur

Verfügung.« Das wäre der richtige Ton gewesen für diese frivole

Gesellschaft. Statt dessen war er gleich mit dem schweren Geschütz eines

veritablen Heiratsantrages herausgerückt. Lächerlich war das gewesen!

Und noch lächerlicher, daß er hinterher die ganze Angelegenheit so

tragisch genommen hatte, daß er darüber sein wirkliches Glück

verscherzte. Aber, Gott sei Dank, noch winkte ja ein Hoffnungsstrahl

nach der finsteren Nacht der Verzweiflung. Und den gedachte er am Zipfel

zu fassen, sich draufzuschwingen, wie das Schneiderlein im Märchen, das

auf einem feinen Lichtfaden in den Himmel kletterte.

Der Regimentskommandeur an seiner Seite traktierte schon eine Weile lang

ernsthafte Angelegenheiten. Daß die Augen- und Ohrenzeugen der

Grenzaffäre nachher auf dem Regimentsbureau zusammenzukommen hätten, um

über den Vorgang ein genaues Protokoll aufzunehmen. Für den Fall, daß

die Sache auf irgend einem Wege in die Zeitungen käme. Man wüßte ja, wie

es in solchen Fällen zuginge. Die Kerls erzählten den Vorfall in der

Kneipe, zwei Tage später stände er, in entstellter Form und auf dem

Umwege über das Ordensburger Blättchen, in den Berliner Zeitungen. Da

gälte es, der Brigade rechtzeitig einen Bericht einzureichen, der ihr

gestattete, erforderlichen Falles mit einem Dementi aufzuwarten.

Und dann kam der Kommandeur auf sein Steckenpferd, den zukünftigen

Feldzug zwischen, gleichermaßen mit allen Errungenschaften der Neuzeit

ausgestatteten Nationen. Grauenhaft müßte der werden -- von der Zeit, in

der er den Russisch-Japanischen Krieg als Attaché mitgemacht hätte,

wüßte er ein Lied davon zu singen! Das Schlachtfeld von einer

unheimlichen Leere, nur die Shrapnells schwirrten in der Luft auf

ausgerechnete Ziele. Und die beiden Heere buddelten sich gleich

Maulwürfen aneinander heran. Zur Nachtzeit überfiel man sich

gegenseitig, wie im Dunkeln schleichende Mörder gingen die Truppen

aufeinander los, statt wie ehrliche Kämpfer im Tageslicht.

Drahthindernisse mußte man zerschneiden, Wolfsgruben überklettern, und

dann gab's ein Ringen in stockfinstrer Nacht, Mann gegen Mann mit

Bajonett und Kolben. Gott allein mochte wissen, wie die Taktik in

zwanzig Jahren aussah, wenn die Vervollkommnung der Kriegswaffen, die

einen Angriff auf gedeckt liegende Infanterie bei Tage schon jetzt fast

unmöglich machte, so weiter ging.

So sprach der Kommandeur, der neben ihm reitende Untergebene hörte

respektvoll zu, aber seine Gedanken waren ganz wo anders. Bei einer,

nach der er sich all diese Wochen in Sehnsucht verzehrt hatte, und die

er jetzt in gemessener Frist wiedersehen sollte. Die ihm zugesagte

nochmalige Einladung war eine Verheißung besonderer Art, da mußte er

sich mit einigem auseinandersetzen, ehe er sie annahm. Und da quoll ein

Gefühl -- wie ihm scheinen wollte -- gesunder Selbstsucht in ihm empor.

Sollte er sein ganzes Leben in Sack und Asche vertrauern, weil eine

unglückliche Frau sich an ihn gehängt hatte? Mit einer Leidenschaft, die

er nicht erwidern konnte? Zum Teufel noch mal, er hatte sie nicht

eingeladen, sich in ihn zu verlieben! Und von dem Wort, das er ihr

gegeben, hatte er sich zweimal gelöst. Damit sollte sie sich abfinden,

wie mit manchem anderen in ihrem bewegten Leben.

Eine Art von Haß stieg in ihm auf. Ohne seine pinselige

Gewissenhaftigkeit hätte er schon seit Wochen vielleicht ein anderes

Leben führen können. Ein Leben, bei dem man fröhlich war mit den

Fröhlichen, wie ein rechter Reitersmann, der sich um das Gestern nicht

quälte und um das Morgen. Und, wenn er schon beim Anreiten gegen den

Feind sein Herz beschwerte, auch wußte, weshalb. Weil daheim im Quartier

eine zurückblieb, um derenwillen er gerne heil wiedergekommen wäre. Eine

Reine und Feine, von der er genau wußte, daß sie in ihrer Vergangenheit

nichts zu verstecken hatte.

Die Schwadronen, die an der Uebung teilgenommen hatten, zogen mit

klingendem Spiel zum Städtchen hinein, auf dem Kasernenhofe wurden sie

vom Kommandeur entlassen. Die Offiziere der Fünften ersuchte er, in die

Regimentskanzlei zu kommen, um dort, noch unter dem frischen Eindruck,

alle Einzelheiten des Zusammentreffens mit den russischen Dragonern

festzustellen, in einem für die Brigade bestimmten schriftlichen

Berichte niederzulegen. Und da ergab es sich, daß Karl von Gorski, weil

er auf dem Heimwege den Vorgang wohl ein halb Dutzend Male mit

Begeisterung erzählt hatte, am besten Bescheid wußte, sich noch jedes

einzelnen Wortes entsann, das von hüben und drüben gewechselt worden

war. Da übertrug der Kommandeur ihm die Abfassung des Berichtes, wie er

mit einem Lächeln hinzufügte, zur Belohnung für den bei der Affäre

bewiesenen Eifer.

Erst als die anderen Herren schon die Treppe hinabgingen mit klappernden

Säbeln, dämmerte dem Kleinen eine Ahnung, daß er diesmal der

Hereingefallene war. Mit einem wahren Dreimännerdurst in heißer

Schreibstube an einem ellenlangen Bericht bauen mußte, während sein

Bruder Hans mit dem Oberleutnant Gusovius in der schattigen Laube des

Kasinogartens jetzt schon das erste Glas Bayrisch über die ausgedörrte

Zunge rinnen ließ. Da verschwor er sich heftig, niemals mehr wieder

vorwitzig mit Kenntnissen zu prunken, deren Anerkennung von seiten der

Vorgesetzten ehrenvoll war, aber mit vermehrter Arbeit verbunden.

Als Gaston durch die schattenlose Hauptstraße ritt, den Burschen hinter

sich, winkte von einem mit Blumen bestandenen Balkon ein Batisttüchlein,

eine helle Frauenstimme rief: »He, Herr von Foucar!«

Er hob den Kopf, Frau von Lüttritz, die jugendliche Gattin des

Kommandeurs der zweiten Schwadron, stand zwischen blühenden Geranien,

lachte ihn fröhlich an. Da ritt er näher: »Gnädige Frau befehlen?«

»Sie möchten mal zu meinem Mann 'raufkommen! Er probiert gerade ein

neues Erfrischungsgetränk, das ich heute erst aus Königsberg bekommen

habe. Melonenextrakt mit eisgekühltem Selter und einem leichten Schuß

Kognak. Davon will er Ihnen großmütig 'was abgeben, trotzdem Sie ihn in

den Dombrowker Bergen so greulich besiegt haben!«

Er rief zurück: »Gnädige Frau, mir läuft das Wasser im Munde zusammen,

aber ich muß leider nach Hause. Ich erwarte eine Nachricht, von der für

mich allerlei abhängt. Außerdem bin ich in einem absolut nicht

präsentablen Zustande ... einen halben Zentimeter Chausseestaub

innerlich und äußerlich.«

»Glauben Sie, mein Mann sieht anders aus? Und manchmal erfährt man schon

unterwegs mündlich, was man erst zu Hause schriftlich zu finden hofft!«

Da lachte er und schwang sich aus dem Sattel und stieg mit froher

Erwartung im Herzen die Treppe empor.

In dem behaglichen Wohnzimmer, dessen Fenster zur Abwehr der draußen

herrschenden Hitze durch dicke Vorhänge verdunkelt waren, empfing ihn

das Ehepaar Lüttritz. Eine junge Dame, die mit dem Rücken zum Fenster

gesessen hatte, stand auf und kam näher. Ihr Gesicht konnte er nicht

erkennen, denn seine Augen waren noch vom hellen Sonnenlicht geblendet

und mußten sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Aber er spürte im

Herzen, wer da auf ihn zukam.

Frau von Lüttritz sagte lächelnd: »Die Herrschaften sind sich wohl nicht

mehr fremd. Fräulein von Gorski hatte im Städtchen zu tun und war so

liebenswürdig, mich zu besuchen.«

Gaston verneigte sich schweigend. Eine seltsame Beklommenheit hatte ihn

plötzlich überfallen, wie vor einer kommenden Entscheidung. Annemarie

streckte ihm die Hand entgegen. Ihre Stimme klang ein wenig unsicher.

»O ja, ich entsinne mich. Ich kam damals mit Papa aus der Königsberger

Klinik.«

Er wollte ihre Hand an die Lippen ziehen, sie aber wehrte ab, und eine

feine Röte stieg in ihren Wangen empor.

Frau von Lüttritz mischte mit Eifer und Sachverständnis das kühlende

Getränk, ihr Gatte, ein gutmütiger, dicker Herr mit blondem,

kurzgestutztem Barte, sah ihr interessiert zu.

»Nimm nicht so viel von dem teuren Kognak rein, Lottchen! Nachdem er

mich schon militärisch geschädigt hat, der brave Foucar, ist es doch

nicht nötig, daß er mich jetzt arm macht.«

Man setzte sich lachend um den Tisch herum, das Gespräch wandte sich den

Ereignissen des Vormittags zu. Und der Rittmeister von Lüttritz bekannte

ehrlich, er wäre heilfroh, nicht an der Stelle seines Kameraden Foucar

gewesen zu sein. Er hätte den ersten zornigen Zuruf des russischen

Schwadronschefs wahrscheinlich mit einer hahnebüchenen Grobheit

beantwortet, und der Ramsch wäre fertig gewesen! Und da Annemarie noch

nicht wußte, um was es sich handelte, schilderte er den Zusammenstoß an

der Grenze, wie er ihm von dem jüngeren Gorski auf dem Heimwege erzählt

worden war. Er wurde ordentlich lebhaft dabei und schloß mit der

neidlosen Anerkennung, er hätte eine so elegante Abfuhr nicht fertig

gekriegt mit seinem schwerfälligen Temperament. Dazu gehörte doch wohl

ein Tröpfchen von dem Blute derer, die gewöhnt wären, das leichte

Florett zu führen statt des schweren Säbels.

Die Damen hatten mit glänzenden Augen zugehört. Gaston verwahrte sich

dagegen, daß man aus einer Unbeträchtlichkeit eine Heldentat machte,

aber sein Protest klang nicht mehr so echt wie noch wenige Stunden

zuvor, als er den kleinen Gorski anschrie. Nun, wer an seiner Stelle

hätte wohl anders gehandelt, wenn vor der heimlich Geliebten sein

Loblied gesungen wurde?

Frau von Lüttritz wurde plötzlich ins Kinderzimmer abgerufen. Sie warf

im Abgehen dem Gatten einen Blick zu. Da entsann sich dieser mit einem

Male, er hätte der im Nebenzimmer wartenden Ordonnanz ein paar eilige

Unterschriften zu geben, und entschuldigte sich mit der Versicherung, er

komme sofort wieder zurück. Gaston merkte, daß freundliche Hände ihm die

Gelegenheit zu einer Aussprache bereitet hatten, und da gab er sich

einen Ruck. Wer mochte wissen, wie lange die Zeit des Alleinseins

dauerte, und dann war der günstige Augenblick verpaßt. Nur, als er zu

sprechen begann, klang seine Stimme heiser vor Erregung.

»Mein gnädiges Fräulein, Sie werden sich gewundert haben, daß ich Ihrer

so freundlichen Einladung bisher nicht gefolgt bin. Das hatte seine

Gründe. Ich schleppte etwas mit mir herum, wovon ich mich erst später

freigemacht habe. Damit wollte ich Ihnen nicht unter die Augen treten.

Ich erschien mir zu unwürdig. Ehe ich aber weiter spreche, müssen Sie

die Güte haben, mir eine kurze Frage zu beantworten. Mir ist erzählt

worden, Sie würden sich demnächst verloben. Ist das wahr?«

Annemarie saß verwirrt da, die Wangen mit Blut übergossen. Sie selbst

hatte ihre Freundin Lüttritz gebeten, den Herrn von Foucar anzurufen,

wenn er vorüberreiten würde, weil sie ihm etwas zu sagen hätte. Jetzt

aber war sie erschreckt von dem Ungestüm, mit dem er auf sein Ziel

losging. Und es dauerte ein Weilchen, bis sie die Antwort fand.

»Nein,« sagte sie leise, »ich habe ihm geschrieben, er dürfte sich keine

Hoffnungen mehr machen. Er würde selbst am besten wissen, weshalb nicht

mehr. Also ich werde mich nicht verloben.«

Da überflutete ihn das Glück, machte ihn übermütig und froh. Er lachte

auf.

»Das wollen wir denn doch nicht verreden! Ich rechne sogar sehr stark

darauf, aber mit mir!« Und als sie ihr Gesicht noch tiefer senkte, griff

er nach ihrer Hand.

»Fräulein Annemarie, das ist wie heute vormittag, wenn der Augenblick da

ist, muß man nicht zaudern, sondern handeln. Seit dem ersten Tage, wo

ich Sie gesehen habe, bin ich krank vor Sehnsucht, und daß ich Ihnen

auch nicht gleichgültig bin -- also sonst wären Sie doch nicht hier! Na

und jetzt ...« Ob er sie nun an der Hand in die Höhe gezogen hatte, oder

ob sie aus eigenem Antrieb aufgestanden war, wußten sie später nicht zu

sagen. Das war wohl ganz von selbst gekommen, daß sie mit einem Male in

seinen Armen lag.

So standen sie eine ganze Weile lang, wie in eine ferne Welt entrückt,

in der lauter Glück herrschte und Seligkeit. Küßten sich stumm und

freuten sich, daß sie zueinander gefunden hatten, als es noch Zeit war.

Und dann saßen sie wieder auf ihren Stühlen, schwatzten törichtes Zeug,

wie es alle Verliebten taten seit Anbeginn der Welt.

Frau von Lüttritz kam wieder ins Zimmer und schlug in komischem

Erstaunen die Hände zusammen.

»Um Gottes willen, Annemieze, wie siehst Du aus! Im Gesicht ganz bemalt

und die Bluse voll Flecken. Ich hatte mir's gleich gedacht, Du hättest

zu der Unterredung mit dem bestaubten Reitersmann 'was Helleres anziehen

sollen.«

Da warf Annemarie sich ihr mit Lachen und Weinen in die Arme: »O Gott,

Lottchen, das ist ja ein ganz schrecklicher Mensch! Meinst Du, er hätte

mich gefragt? Er nahm mich einfach in seine Arme.«

Frau von Lüttritz klopfte ihr den Rücken. »Aber es war Dir nicht

unangenehm! Das ist die Hauptsache. Na, ich gratuliere herzlich.«

Der Hausherr kam aus dem Nebenzimmer, merkwürdigerweise mit einer

eisgekühlten Flasche Sekt in der Linken, während hinter ihm der Bursche

ein Tablett mit vier Gläsern trug. Es folgte eine frohe Viertelstunde,

in der man an nichts anderes dachte als an das Glück des Augenblicks.

Der Rittmeister von Lüttritz hob sein Glas.

»Na prost, junges Brautpaar, von Herzen alles Gute! Jetzt fange ich auch

an, vor Ihren strategischen Talenten Respekt zu kriegen, lieber Foucar.

Das war eben noch fixer als die Eroberung der beiden Batterien. Aber

jetzt würde ich an Ihrer Stelle 'was opfern, wie der hochselige König

Polykrates. So viel Glück an einem Tag war ja noch nicht da.«

Die Gläser klangen aneinander, draußen auf dem Vorplatze schrillte die

Türglocke. Unwillkürlich horchten die Vier im Zimmer auf. Eine barsche

Stimme war zu hören: »Ist Fräulein von Gorski bei Ihnen?«

»Ich weiß nich, Herr Leutnant,« antwortete der Bursche, »ich muß mal

erst fragen.«

»Um Gottes willen,« sagte Annemarie halblaut, »sein Bruder! Er kommt,

mich zur Rede zu stellen.«

Herr von Lüttritz kratzte sich den Kopf.

»Ich hab's vielleicht beschrien. Der Ernst des Lebens meldet sich! Und

was macht man da bloß?«

Gaston richtete sich auf.

»Wenn Sie _mir_ gestatten würden, lieber Lüttritz, den Leutnant von

Brinckenwurff in Ihrem Arbeitszimmer zu empfangen?«

»Nicht um alle Länder, die das Meer umspült. Sie kennen ihn nicht so gut

wie ich. Der riskiert Kopf und Kragen, wenn er sich 'was auf die Hörner

genommen hat. Sie können sich nicht vorstellen, was das Festlein, das

wir eben feierten -- also was für einen Affront das für die Familie

Brinckenwurff bedeutet. Da muß die Angelegenheit diplomatisch behandelt

werden!«

Während die beiden Herren noch sprachen, war der Bursche ins Zimmer

gekommen und hatte gefragt, welchen Bescheid er dem draußen wartenden

Herrn von Brinckenwurff ausrichten solle. Annemarie warf den Kopf

zurück, ihre feinen Nasenflügel bebten vor Erregung, aber ihre Stimme

klang frei: »Erlaubst Du, liebes Lottchen? Dann sagen Sie dem Herrn

Leutnant, ich bin hier!«

Ein baumlanger Offizier trat auf die Schwelle, in dem bartlosen, fast

noch knabenhaften Gesicht stand eiserne Entschlossenheit. Er verneigte

sich in gemessener Haltung.

»Gnädige Frau -- Herr Rittmeister ... ich bitte um Entschuldigung, wenn

ich störe ... mein Bruder sitzt in meiner Wohnung, ganz niedergebrochen

und zerschmettert ... bei dem nahen Freundschaftsverhältnis, in dem Sie

zu Fräulein von Gorski stehen, werden Sie wohl schon wissen, weshalb.

Und da werden Sie es mir vielleicht nachsehen, daß ich hier so formlos

eingedrungen bin. Ich bitte um die Erlaubnis, Fräulein von Gorski unter

vier Augen sprechen zu dürfen.«

Annemarie war zu Gaston getreten. Sie hob den Kopf, aus ihren blauen

Augen sprühte heller Zorn.

»Hat Dein Bruder Hermann nicht meinen Brief bekommen?«

»Allerdings. Aber wäre es nicht besser, wenn wir die Erörterung

darüber ...«

»Ich habe vor keinem Menschen 'was zu verbergen. Und meinem Brief nichts

hinzuzufügen. Er war doch deutlich genug?«

»Nicht ganz. Es fehlte jeder vernünftige Grund. Auf ein paar unbewiesene

Klatschereien hin oder aus einer augenblicklichen Laune macht man einen

anständigen Menschen doch hier nicht vor aller Welt zum Kindergespött.«

Annemarie lachte bitter auf.

»Ach, darum geht es Euch? Und 'Laune' nennst Du das, wenn ich mich

nächtelang gewunden habe vor Qual und Scham? Als ich die Wahrheit

erfahren hatte ... Und jetzt sag' Deinem Bruder, es ist vorbei. Ich habe

mich eben mit Herrn von Foucar verlobt. Weil ich ihn achte und liebe.

Deinen Bruder aber ...«

Frau von Lüttritz schrie auf.

»Um Gottes willen, Kind, bedenk', was Du sprichst!«

Annemarie biß einen Augenblick lang die Zähne aufeinander, dann machte

sie eine heftige Bewegung.

»Er hätte mich nicht herausfordern sollen!« Und vor Erregung bebend

wandte sie sich zu dem jungen Offizier.

»Grüß' Deinen Bruder, die Annemarie von Gorski läßt sich keine Kandaren

anlegen! Und er soll seinem Schöpfer danken, daß ich ihn nur verachte.

Wenn ich ihn lieb gehabt hätte, hätte ich ihn mit der Reitpeitsche vom

Hofe gejagt für den Schimpf, den er mir angetan hat. Während er bei mir

um das Jawort bettelte, dachte er an eine andere. Und an was für eine!

An eine, zu der man im Dunkeln schleicht, und der hat er dasselbe

geschworen wie mir.«

Die Stimme brach ihr, sie tastete mit der Hand rückwärts. Gaston trat

hinzu und fing sie auf.

Der jüngere Brinckenwurff zuckte mit den Achseln. Sein Gesicht blieb

ruhig, nur die Stimme flatterte ihm ein wenig.

»Das sind unbewiesene Klatschereien, ich wiederhole es nachdrücklich.

Mit Dir, Annemarie, kann sich mein Bruder jetzt wohl nicht mehr

auseinandersetzen. Aber es sind ja andere vorhanden, die Deine Worte

vertreten werden.«

Gaston hob die Hand.

»Das letzte war überflüssig, Herr von Brinckenwurff. Es dürfte sich

empfehlen, daß Sie meiner Braut weitere Betrachtungen über die

Empfindungen Ihres Herrn Bruders ersparen. Wir beide werden uns an

anderem Orte aussprechen.«

Der Lange klappte die sporenbewehrten Absätze zusammen.

»Sehr wohl, Herr Rittmeister! Darf ich fragen, wann Herr Rittmeister

heute nachmittag für den Beauftragten meines Bruders zu sprechen sein

werden?«

»Zwischen fünf und sechs. Bis dahin habe ich Dienst!«

»Sehr wohl, Herr Rittmeister. Gnädige Frau, ich bin todunglücklich, daß

ich in Ihr friedliches Haus eine solche Aufregung gebracht habe -- es

war nicht meine Schuld. Empfehle mich ganz gehorsamst.«

Er schloß hinter sich die Tür, Annemarie lehnte mit geschlossenen Augen

an der Brust ihres Verlobten, die beiden anderen in dem halbdunklen

Zimmer standen schweigend. Wie ein aus heiterem Himmel plötzlich

hereinbrechendes Gewitter war das eben gekommen ...

Nach einem kleinen Weilchen kratzte Herr von Lüttritz sich den Kopf:

»Verflucht, verflucht! Wenn man das hätte voraussehen können.«

Seine Gattin fuhr auf.

»Ah nein! Das alles ist doch Unsinn! Wohin sollen wir denn kommen, wenn

ein junges Mädchen sich nicht mehr frei entschließen kann, ohne daß der

abgewiesene Freier sofort mit der Pistole herumfuchtelt? Aber wir stehen

und schwatzen, und das arme Mädel kommt nicht wieder zu sich.« Frau von

Lüttritz eilte hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einer Flasche

Kölnischen Wassers zurück. Gaston hatte die immer noch Bewußtlose zum

nächsten Stuhle getragen, erst unter den Bemühungen der Frau von

Lüttritz kam sie wieder zu sich. Aber es dauerte eine Weile, bis sie

sich entsann, was eben geschehen war. Da entschuldigte sie sich bei

ihrer Freundin wegen der Ungelegenheiten, die sie ihr bereitete. Sonst

wäre es nicht ihre Art, gleich einem nervösen Pensionsfräulein in

Ohnmacht zu fallen. Und mit einem matten Lächeln fügte sie hinzu, das

läge wohl daran, daß sie in den letzten vierundzwanzig Stunden vor

Zorn, Aufregung und Bangen keinen Bissen über die Lippen gebracht hätte.

Herr von Lüttritz lachte geräuschvoll auf, bedeutete dem neben ihm

stehenden Rittmeister von Foucar durch einen heimlichen Rippenstoß das

gleiche zu tun.

»Ha ha, ja natürlich ... und dann auf den nüchternen Magen 'ne Verlobung

... zu komisch ist das! Na dann, Lottchen, sorg dafür, daß unsere kleine

Freundin 'was zu essen kriegt. Wir aber, lieber Foucar, lassen die

beiden Damen wohl jetzt allein. Vielleicht holen Sie Ihr Fräulein Braut

in einer Stunde ab, um mit ihr nach Kalinzinnen zu fahren. Zu dem

zunächst ergrimmten, dann aber in Rührung zerschmelzenden Herrn

Schwiegerpapa.«

Annemarie streckte ihrem Verlobten die Hand entgegen. »Es wird nicht so

schlimm werden -- dazu hat er mich viel zu lieb.« Herr und Frau von

Lüttritz hatten sich diskret abgewandt, da stand sie auf, bot Gaston

ohne Zieren die Lippen. Dann aber raunte sie an seinem Ohr: »Verzeih',

daß ich mich vorhin so fortreißen ließ! Es war viel Angst dabei, sie

könnten uns wieder auseinander bringen. Und weißt Du, wann ich mich in

Dich verliebt habe? Als Du mir in der Eisenbahn damals das Buch

aufhobst. Deine lieben blauen Augen hatten es mir angetan.«

Er nahm sich gewaltsam zusammen, obwohl es ihn wie ein körperlicher

Schmerz durchzuckte. Diese selben Worte hatte vor langen Wochen eine

andere gesprochen. Oder geschrieben, das wußte er nicht mehr genau.

Aber mit diesen sentimentalen Erinnerungen mußte es endlich aus sein.

Er war doch kein Verbrecher, dem bei jeder Gelegenheit das Gewissen

schlagen mußte.

Herr von Lüttritz hatte seinen Gast bis auf die Straße hinausbegleitet.

»Gott sei Dank,« sagte er, »Fräulein von Gorski scheint es gar nicht

gehört zu haben, daß der ältere Brinckenwurff Ihnen ans Leder will. Und

es ist gut so, daß sie sich nicht unnütz beunruhigt. Mein liebes

Lottchen hat mir vorhin den Denkapparat geschärft. In diesem Falle wäre

es wirklich Unsinn, wenn Sie sich ihm stellen wollten. Sie können doch

-- weiß Gott -- nichts dafür, daß Herr von Brinckenwurff sich bei

Fräulein von Gorski einen Korb geholt hat. Also werde ich mir meinen

besten Frack anziehen und zum Kommandeur steigen. Ich schätze, er wird

danach Gelegenheit nehmen, den eigentlich törichten Konflikt im Keim zu

ersticken.«

Gaston hob den Kopf.

»Heißen Dank, lieber Lüttritz, für die gute Absicht, aber ich möchte Sie

bitten, diesen Besuch zu unterlassen. Die zukünftige Baronin Foucar von

Kerdesac hat sich das Vergnügen gemacht, einen Lästigen temperamentvoll

in seine Schranken zu weisen. Mir steht es nicht zu, daran Kritik zu

üben. Es hat ihr so beliebt, und ich habe nichts weiter zu tun, als für

die Folgen einzutreten!«

»Donnerwetter noch mal,« sagte der dicke Rittmeister in ehrlicher

Bewunderung, »ein Standpunkt! Ein bißchen =Ancien régime= ... aber ihr mit

dem französischen Blut: Immer noch '=mon coeur aux dames='!«

»Ja,« erwiderte Gaston, »das ist ein Teil aus dem Wappenspruch der

Foucar. Jedenfalls werde ich Sie bitten, mir bei der kommenden

Auseinandersetzung als Sekundant zur Seite zu stehen.«

»Aber mit Vergnügen! Dem Ehrenrat werden wir dann sagen, es hätten so

triftige Gründe vorgelegen, na und so weiter, =et cetera p. p.=«

»Selbstverständlich!«

Der Bursche, der mit den beiden Gäulen im Schatten des Torwegs auf die

Wiederkehr seines Herrn gewartet hatte, kam herbei, Gaston schwang sich

in den Sattel.

»Na dann, heißen Dank, lieber Lüttritz, für all Ihre Liebenswürdigkeit

und auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

Gaston ritt zum Städtchen hinaus seinem kleinen Häuschen zu, das

inmitten eines großen Obstgartens eine Strecke weit vor dem Tore lag. So

recht heimlich und abgeschlossen. Wenn man sich darin einspann mit

seinen Gedanken, war man allein wie auf einer Insel.

Die Eisen seines Irländers klapperten auf dem holperigen Steinpflaster,

ganz unversehens flog ihn eine Erinnerung an. An die Szene, die ihm vor

Wochen die alte Hexe gemacht hatte in seiner Wohnung in der Rankestraße.

Allerhand Drohungen hatte sie ausgestoßen, wenn er Josepha die Treue

bräche. Darüber lachte er natürlich, heute wie damals. Was sollte sie

ihm anhaben? Das Unheil kam schon ganz von selbst, aber von anderer

Seite. Das liebe blonde Mädel war ein wenig zu temperamentvoll gewesen.

Und er hatte für sie einzutreten, denn sie war seine Braut. Nur er

hätte sich für solche Fälle eifriger im Pistolenschießen üben sollen.

Darin war er kein sonderlicher Held ... genau wie sein Vater damals, als

er für die hohe Dame eintrat, deren Kavalier er war ...

Das Häuschen, das der pensionierte Kanzleibeamte auf der anderen

Straßenseite erbaute, war schon halb fertig. Ueber den unverputzten

Ziegelmauern hoben sich die Dachsparren, eine Richtkrone hing am Giebel.

Der Besitzer stand am Zaun und dienerte mit abgenommener Mütze. Während

Gaston die Rechte dankend an den Helmrand hob, glaubte er in einer der

noch unverglasten Fensteröffnungen ein gelbes Frauenantlitz zu

erblicken, mit einem bunten Kopftuch darüber. Ein eiskalter Schauder

flog ihm über den Rücken in der Glut des Spätsommertages, aber das lag

bloß an seinen überreizten Nerven. Bunte Kopftücher wurden von fast

allen masurischen Bauernweibern getragen. Nur die Art des Bindens war

eine andere, aber darin hatte er sich vielleicht getäuscht. Als er

schärfer hinblickte, war das gelbe Gesicht in der Fensteröffnung da

drüben verschwunden.

10.

Der alte Herr von Gorski auf Kalinzinnen hielt neben einem gewaltigen

Getreidestoggen auf freiem Felde, der langsam in den Rachen einer mit

Dampf betriebenen Dreschmaschine wanderte. Oben fielen die

körnerbeschwerten Garben hinein, die kleinen Hämmer rasselten und

trommelten. In einem einzigen Strom rieselte der grauglänzende

Erntesegen in die bereitstehenden Säcke, die Spreu türmte sich zu

Haufen, und die leergedroschenen Bunde wanderten auf einem Riemengang

zur Seite, um von zulangenden Händen zu einem neuen Stoggen getürmt zu

werden.

Das nach dem alten Preußengotte Perkuhn benannte Leibroß, ein Gaul von

der Größe und Stärke eines Kürassierpaukenpferdes, stand ruhig unter der

schweren Last seines Herrn. Nur von Zeit zu Zeit prustete es schnaubend,

wenn ihm die feinen Getreidespelzen, die der Luftzug von der Maschine

herüberbrachte, in die Nüstern fuhren.

Herr von Gorski sah auf den rieselnden Strom der Roggenkörner, aber er

hatte an dem über alles Erwarten reichlich ausfallenden Segen keine

rechte Freude. Wie lange mochte es noch dauern, so erwog er in sorgenden

Gedanken, daß auf diesem Boden hier in Frieden gesät und geerntet wurde?

Die Sturmzeichen mehrten sich. Von dem Vorstande seiner Partei hatte er

die vertrauliche Mitteilung empfangen, die Regierung bereite eine

Heeresverstärkung vor, die an die Opferwilligkeit des ohnedies mit

Steuern überlasteten Volkes bisher unerhörte Anforderungen stellen

würde. Und es gälte, die Vertrauensmänner im Kreise zu überzeugen, daß

diese Verstärkung nichts anderes wäre als die notgedrungene Antwort auf

im Kommen begriffene Rüstungen der Nachbarn. Vielleicht, daß es dadurch

gelänge, den Zusammenstoß noch um einige Zeit hinauszuschieben. Und das

verdroß den alten Herrn, dem von den reisigen Vorfahren her streitbares

Blut in den Adern floß. Viel würdiger wäre es ihm erschienen und

zugleich richtiger, wenn der Michel mit der starken Faust auf den Schild

gehauen hätte: »Hier heran, so Ihr was von mir wollt! ... Krieg? ... Ist

mir recht! Lieber als diesen faulen Frieden, an dem wir uns langsam

verbluten. Und dieses heimliche Spinnen im Dunkeln wird auf die Dauer

unerträglich!«

Und von den Sorgen um die leidige Politik kam der alte Herr zu denen im

eigenen Hause ... In vierzehn Tagen sollte seine Tochter sich dem Manne

verloben, den er ihr schon vor langer Zeit ausgesucht hatte. Weil er ihn

für tüchtig hielt und an seiner Seite das geliebte Kind nicht zu

entbehren brauchte. Da drüben hinter dem blauen Streif des Waldes hob

sich der alte Turm des Schlosses Orlowen. Zweimal am Tage konnte er

hinüberreiten, wenn ihn die Sehnsucht trieb, die Sehnsucht nach dem

lieben blonden Mädel, das in seinem einsamen Herzen ein Sonnenstrahl

gewesen war. Der zukünftige Bräutigam konnte den Tag kaum erwarten, an

dem er endlich das Jawort erhielt. Sie aber entzog sich ihm, so oft sie

nur konnte. Ging mit verschlossenem und verhärmtem Gesicht herum, als

trüge sie an einem geheimen Kummer, und gab auf besorgte Fragen

ausweichende Antworten.

Ein paar Tage nach der Rückkehr aus der Königsberger Klinik hatte es

damit angefangen. Vorher war sie ein lustiges und unbekümmertes Mädel

gewesen, hatte an seinem mehr langweiligen als schmerzhaften Lager

geplaudert wie ein Starmatz, vorgelesen und gesungen, um ihm die Zeit zu

kürzen, alles in überquellender Laune und Lebensfreudigkeit. Ordentlich

hell wurde es jedesmal in dem nüchternen Zimmer, wenn sie hereinkam, und

jetzt ging sie herum wie ein Schatten von dem, was sie früher gewesen

war. Da forschte er natürlich nach der Ursache dieser Veränderung, aber

der Verdacht, den er zuerst gefaßt hatte, bestätigte sich, Gott sei

Dank, nicht. Aus dem interessanten und so vielbesprochenen Herrn von

Foucar, den sie auf der Reise damals kennen gelernt hatte, machte sie

sich nichts. Im Gegenteil, sie meinte, daß ihr das Verhalten der

Ordensburger Weiblichkeit recht unwürdig und unbegreiflich vorkäme. Von

ihrer Freundin Lüttritz hätte sie gehört, daß verschiedene junge Damen

der Gesellschaft, die Töchter des Gymnasialdirektors, des

Landgerichtspräsidenten und noch etliche andere ihre Spaziergänge jetzt

zum Polnischen Tor hinaus unternähmen, an dem Häuschen des Rittmeisters

von Foucar vorbei, statt wie früher nach dem nahen Beldahner Walde.

Geradezu verächtlich wäre das, sich so anzubieten. Das nahm er mit

Befriedigung zur Kenntnis, aber es brachte ihn der Lösung, weshalb sein

liebes Mädel nun eigentlich das Köpfchen hängen ließ, nicht näher ...

Und seine Gedanken flogen in eine Zeit zurück, in der er an einer

anderen diese augensichtliche Veränderung des Wesens wahrgenommen hatte

von ausgelassener Laune zu Trübsal, bis er nach langer Unsicherheit zu

der trostlosen Gewißheit gekommen war. Aus einer lächerlichen Ursache

war er an jenem Morgen von der Fahrt zur Treibjagd wieder umgekehrt.

Weil er in der Eile des Aufbruches vergessen hatte, sich mit Zigaretten

zu versorgen. Da ließ er den Wagen am anderen Parkende halten, eilte zu

Fuß ins Haus zurück. Und erst das erschreckte Gesicht seines Dieners,

eines schuftigen, bestochenen Kerls, löste in ihm den entsetzlichen

Verdacht aus. Da rannte er nach dem Schlafzimmer, die Tür war

verschlossen. Unter einem Fußtritt brach sie in Splitter, ein Glück war

es, daß er keine Waffe bei sich hatte. Die Frau schrie gellend auf in

Todesangst, der Baron Totberg verneigte sich lächelnd.

»Keine unnützen Emotionen, Herr von Gorski, ich stelle mich Ihnen zur

Verfügung. Ich war im Begriff, Ihre Frau Gemahlin zu fragen, ob sie die

Meine werden wollte. Ort und Zeit sind ein wenig ungewöhnlich, ich gebe

es zu, aber es dürfte sich empfehlen, keine Katastrophe zu veranstalten,

sondern mich in ordnungsmäßigem Verfahren hinzurichten. Andernfalls

würde ich mich zur Wehr setzen, und der Skandal würde zum Himmel

stinken.«

Da ließ er ihn schweigend den Rückzug gewinnen durch das Balkonfenster

in den Park. Die Frau warf sich ihm schreiend zu Füßen. Sie könnte

nichts dafür, wie ein Blitz wäre es in ihre Seele gefahren, als sie den

anderen zum ersten Male erblickte. Sie hätte mit sich gerungen in

namenloser Qual, aber die Leidenschaft wäre stärker gewesen als die

Pflicht gegen Mann und Kind. Und dann hatte er seine Rache genommen. Den

Verführer fraßen schon lange die Würmer, die Frau aber trieb sich als

eine Ausgestoßene in der Welt herum. Herzzerreißend waren ihre Briefe

... Das letzte Geld hatte er nach Rußland geschickt, wo sie bei

Verwandten einen kärglichen Unterschlupf gefunden hatte, das bittere

Brot der Fremde aß und sich noch immer mit Selbstvorwürfen zerfleischte,

daß sie damals nicht genug Charakterfestigkeit besessen, gewissenlosen

Einflüsterungen Widerstand zu leisten. Das waren nachträgliche Ausreden,

gewiß. Doch ab und zu kamen ihm wohl Gedanken, die mit den

altüberkommenen Selbstverständlichkeiten schwer vereinbar waren. Ob es

damals nicht besser gewesen wäre, dem bunten Vogel, der sich bei ihm

langweilte, die Freiheit zu geben? Statt den niederzuschießen, von dem

sie sich aus ungewohntem, einförmigem Dasein eine Erlösung erhoffte. Er

hatte damals vielleicht auch manches verabsäumt bei der an Zerstreuungen

aller Art gewöhnten jungen Frau, die ihm aus geräuschvollem Leben in die

Einsamkeit gefolgt war aus Liebe ... Darum spähte er manchmal sorgenvoll

das Wesen seiner Tochter, ob sie von diesem flatterhaften und unruhigen

Sinn vielleicht etwas geerbt hätte, sich gleich der Mutter einem

posierenden Blender ohne Widerstand gefangen geben könnte.

Und heute sprang ihn zum ersten Mal eine Wahrnehmung an, daß ihm vor

Erregung die den Zügel haltende Hand zitterte: genau so war es damals

gewesen! Da hatte auch eine über die Damen des Städtchens, die sich dem

interessanten Fremden würdelos anboten, höhnisch und verachtungsvoll

gespottet, weil sie selbst sich in Eifersucht verzehrte. Aber das war

doch Unsinn, sein liebes Mädel hatte diesen Herrn von Foucar nur ein

einziges Mal gesehen! Und der hatte es nicht einmal für nötig befunden,

der Einladung von Annemarie zu folgen, der Einladung, mit der er damals

so wenig einverstanden gewesen war, daß er es unterlassen hatte, sie zu

bestätigen ...

Ueber die kahlen Roggenstoppeln kam von Orlowen her ein Reiter gerast,

als gälte es, in einem Jagdrennen den ersten Preis zu gewinnen. Dem

Gaul flog der weiße Schaum von der Gebißstange, auf drei Schritt

Entfernung riß ihn der Reiter zusammen, daß er in der Hinterhand

einknickte, sich rücklings fast überschlagen hätte. Im Sattel saß

Hermann von Brinckenwurff, sein Gesicht war verstört, die Augen lagen

ihm tief im Kopfe.

»Jetzt weiß ich Bescheid, weshalb sie immer nicht mit Ja oder Nein

'rausrücken wollte!« schrie er ohne jede Einleitung neben der

geräuschvoll arbeitenden Dreschmaschine. »Annemarie hat sich eben mit

dem Rittmeister von Foucar verlobt!«

Dem alten Herrn griff eine kalte Hand nach dem Herzen, aber er bezwang

sich mühsam.

»Junge, ich glaub', Du bist nicht recht bei Trost! Sie hat ihn meines

Wissens doch nur ein einziges Mal gesehen?!«

»Das ist in diesen modernen Zeiten vielleicht genug! Die Frauenzimmer

hier rennen ihm ja alle nach, wie verrückt benehmen sie sich. Wie die

Hühner, wenn man einen fremden Hahn zwischen sie gesetzt hat. Da wackeln

sie alle kokett mit dem Pürzel und ersterben in Zerflossenheit, nur weil

er ein paar ausländ'sche Federn trägt!«

Herr von Gorski winkte dem Erregten, ihm ins Feld hinaus zu folgen, und

legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.

»Na na na, Hermann! Ich will's Deiner Erregung zugute halten, aber so

spricht man nicht von meiner Tochter! Und jetzt klar und deutlich, was

ist los?«

Der Lange, der neben ihm ritt, schluckte auf.

»Da ist nicht viel zu erzählen. Heute früh bekam ich den Absagebrief.

Ich wüßte schon weshalb -- keine Ahnung hatte ich! Ich telephonier' bei

Euch an, der Diener sagt mir, das gnädige Fräulein wär' in die Stadt

gefahren, wahrscheinlich zu ihrer Freundin Lüttritz. Ich lauer' meinen

Bruder Adolf ab, der auf Felddienstübung war, und lass' sie stellen. Da

gibt es eine dramatische Szene. Allerhand Zwischenträgereien sind am

Werk gewesen. Sie sagt, sie müßte mich verachten, und wirft sich diesem

Herrn von Foucar an den Hals. Als seine Braut! Mein Bruder Adolf fand

darauf, Gott sei Dank, a tempo die passende Antwort. Aber ich gedenke

außer diesem interessanten Herrn Rittmeister noch einem anderen an den

Kragen zu fahren. Diesem frechen Lausbub, Deinem Neffen Karl, mit seiner

Kodderschnauze! Der hat das ganze Unglück angerichtet -- ich kann ihn,

Gott sei Dank, auf einem Wort festnageln, das er nur allein der

Annemieze hinterbracht hat!«

Herr von Gorski hob die Hand.

»Was war das für ein Wort?«

»Ach Gott, was man so in gereizter Stimmung hinspricht, wenn man dazu

ein paar Schoppen im Leibe hat. Und noch außerdem gehänselt wird, von so

einem kleinen Frechdachs. Da habe ich gesagt, ich würde ... ja also, ich

würde die Annemarie mir schon bändigen. Das hat er ihr hinterbracht.«

Der alte Herr ritt eine Weile lang schweigend, in Nachdenken versunken.

Endlich -- sie bogen in die lange Allee, die vom Kätnerdorfe zum

Schlosse führte -- fing er wieder an zu sprechen.

»Das mit den Forderungen überlegst Du Dir wohl noch! In Anbetracht

dessen, daß damit jede -- vielleicht noch mögliche -- Einigung im Guten

ausgeschlossen wäre. Ich möchte meine Tochter nicht im Mittelpunkt eines

Skandals sehen. Das mit diesem Herrn von Foucar hoffe ich ihr

auszutreiben. Das ist vielleicht nur eine vorübergehende Laune. Und wenn

Du gesonnen bist, an Deiner Werbung festzuhalten ...«

»Selbstverständlich, lieber Onkel Gorski! Jetzt, wo ich sie verlieren

soll, merke ich erst eigentlich, wie lieb ich sie habe. Weißt Du, vorher

nahm man das als eine Art von Selbstverständlichkeit hin, aber jetzt

bäumt sich mir da drinnen alles auf, wenn ich daran denke, daß

vielleicht ein anderer -- na schön ... da nützt kein Beschwichtigen!

Wenn die Sache nicht restlos aus der Welt geschafft wird, hat dieser

interessante Herr nur noch einen Tag zu leben.«

»Lieber Hermann,« sagte der alte Herr, »das sind frivole Redensarten!

Mir selbst würde ein Lieblingswunsch zerstört, wenn meine Tochter Dich

nicht heiraten würde. Aber sie ist ein ernsthafter Mensch. Ich kann mir

kaum vorstellen, daß sie wegen eines einzigen, unbedachten Wortes ...«

Hermann von Brinckenwurff machte sich etwas an dem Zaumzeug seines Gauls

zu schaffen.

»Gott, lieber Onkel, es wird viel geklatscht. Kleinigkeiten werden zu

Riesenverbrechen aufgeblasen. Ich bin nicht anders als andere junge

Leute von meinem Kaliber. Und den Rittmeister von Lüttritz lang' ich mir

auch einmal bei Gelegenheit. Weil seine Frau zu dieser Kuppelei die Hand

geboten hat.«

Der alte Herr fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Mir ist das eben wie ein Gußregen über den Kopf gepladdert. Du wirst

begreifen, daß ich im Augenblick keinen Entschluß fassen kann. Nur eins

darfst Du glauben: wenn meine Tochter Dich zu Unrecht schlecht behandelt

hat, aus einer unerfindlichen Laune, gibt's kein Erbarmen. Launen gibt's

nicht, wenn Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... na, ist gut!«

Auf der Freitreppe, deren schlanke Säulen von hundertjährigem Efeu

überwuchert waren, standen zwei Hand in Hand. Annemarie und der

Rittmeister von Foucar. Herr von Gorski schwang sich aus dem Sattel,

stieg mit finsterer Stirn die Stufen empor.

»Herr von Foucar, ich glaube zu wissen, weshalb Sie hier sind. Ich sage

Ihnen gleich, ich bin dessen nicht froh. Ehe ich Ihnen jedoch die

Antwort gebe, muß ich ein paar Worte mit meiner Tochter sprechen.«

Der wartende Reitknecht hatte den alten Perkuhn nach dem Stall geführt.

Hermann von Brinckenwurff hielt noch im Sattel, die drei anderen standen

auf der Freitreppe. Annemarie preßte einen Augenblick lang die Hand auf

die Brust, dann trat sie vor.

»Lieber Vater, ich glaube, es wird nicht nötig sein, daß Herr von

Brinckenwurff sich hier noch länger aufhält. Ich wundere mich, daß er

die Stirn hat, mir unter die Augen zu treten, nach dem, was ich seinem

Bruder gesagt habe.«

»Liebe Annemarie,« warf der im Sattel ein, »das sind doch törichte

Klatschereien ...«

»Ah nein, sondern die Wahrheit, die schimpfliche Wahrheit! Durch einen

blöden Zufall habe ich sie erfahren von zwei Mägden, die im Garten

Bohnen pflückten, ohne mich zu sehen. Die unterhielten sich über das

Schicksal, das mir bevorstände als Gattin des Orlower jungen Herrn. Und

jetzt helf' mir Gott, wenn ich zwischen Euch Männern nicht zimperlich

spreche wie ein junges Mädchen, das von nichts eine Ahnung hat. Ich bin

ja kein Kind mehr! Mit allem, was lange Zöpfe trüge in Orlowen, hätte

ich die Gunst meines zukünftigen Herrn Gemahls zu teilen, vom

Stubenmädchen bis hinauf zur Mamsell! Ich flog am ganzen Körper, aber

hielt mich still, um noch mehr zu hören. Und eine Stunde später ritt ich

nach Orlowen und fischte mir die Mamsell. Erst leugnete sie, dann wurde

sie frech. Ich sollte mir auf meine Schönheit nur nichts einbilden. Der

junge Herr fände sie viel schöner und hätte ihr versprochen, sie gleich

nach der Verheiratung wieder nach dem Hof zu bringen, wenn seine

unbequeme alte Dame nach der Uebergabe des Gutes nichts mehr zu sagen

hätte! Da spie ich aus und schrieb Dir, Hermann, den Absagebrief. Und

jetzt verantworte Dich, wenn Du kannst!«

Der im Sattel lachte verlegen auf. Das Spiel war verloren, jetzt galt es

nur, einen nicht unrühmlichen Rückzug zu gewinnen.

»Weißt Du, Annemieze, man sollte es kaum glauben, daß Du ein Mädel vom

Lande bist! Das ist doch überspannter Kram, und nenn' mir nur einen der

Herren in unserem Kreise, der als Lediger ...«

Gaston wollte vortreten mit einem heftigen Wort auf den Lippen. Der alte

Herr aber hob die Hand.

»Hermann, ich frage Dich auf Ehre und Gewissen als ein Edelmann den

andern: Was meine Tochter da eben sagte, ist das wahr?«

Der andere blickte trotzig in die Höhe.

»Wozu soll ich's leugnen -- etwas ist schon dran! Nur die Geschichte ist

maßlos übertrieben natürlich. Ich weise es ganz energisch zurück, daß

ich deswegen auf ein Armesünderbänkchen soll. Ich lebe, wie es mir paßt.

Und habt Euch bloß um Gottes willen nicht so! Schließlich bin ich doch

ein Brinckenwurff! Wenn ich Deiner Tochter die Ehre antue, um sie zu

freien, soll sie froh sein, statt hinter mir her zu spionieren!«

Aus der Brust des alten Herrn kam ein Stöhnen.

»O Du ... jetzt habe ich Dich auch erkannt! Aber eins sage ich Dir: Wenn

Du nach denen suchst, die meine Tochter vertreten, zuerst stehe _ich_ da

und lass' mir dieses Recht nicht nehmen! Hörst Du, zuerst! Halt' Dich zu

Hause, damit Dich meine Zeugen treffen! Und jetzt marsch, fort von

meinem Hof!«

Hermann von Brinckenwurff verneigte sich im Sattel.

»Das letzte hättest Du Dir sparen können! Und Gott sei davor, daß ich

mich an Deinem weißen Haupt vergreife. Es sind Jüngere da, an die ich

mich halten kann!« Er wandte seinen Gaul mit einem Schenkeldruck, ritt

in gestrecktem Galopp die lange Allee zurück, die über das Kalinzinner

Kätnerdorf nach Orlowen führte.

Annemarie warf sich mit einem Aufschluchzen an die Brust ihres Vaters.

»Um Gottes willen, Papa, das leide ich nicht, daß Du ... Und was heißt

das, daß er sich gewissermaßen herabgelassen hätte, wenn er um mich

warb?«

Herr von Gorski antwortete mühsam: »Das ist eine gedankenlose Frechheit

gewesen, mein Kind, nichts weiter. Weil die Brinckenwurffs sich

bekanntlich einbilden, sie wären mit dem lieben Herrn Jesus Christus

zugleich in dieses heidnische Land gekommen!« Und nach einer kleinen

Pause der innerlichen Sammlung fuhr er fort: »Herr von Foucar, ich bitte

Sie, mir es nachzusehen, wenn ich Sie jetzt nicht als Gast in mein Haus

lade. Ich muß mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich einen Entschluß

fassen kann.«

Gaston verneigte sich respektvoll.

»Sehr wohl, Herr von Gorski. Es wird sich eine Stunde finden, in der Sie

die Güte haben werden, mir zuzuhören. Ihr Fräulein Tochter hatte die

Gnade, meiner Werbung Gehör zu schenken. Morgen werde ich anfragen, wann

Sie für mich zu sprechen sind.«

Herr von Gorski nickte schweigend, Annemarie bot ihm die Hand zum Kusse.

In ihren Augen glaubte er jedoch eine leichte Enttäuschung zu lesen.

Aber er konnte ihr nicht helfen. Es wäre gar leicht gewesen, sich einen

effektvollen Abgang zu sichern. Sich als ein Edelmütiger aufzuspielen,

der es als seine Pflicht ansähe, für den Vater des geliebten Mädchens in

die Bresche zu treten. Das war eine Selbstverständlichkeit, über die

sprach man nicht. Und als ihn der Kalinzinner Sandschneider, aus dem er

jetzt die Zügel führte, in schneller Fahrt zum Städtchen zurücktrug,

überlegte er, wie er am raschesten wohl dem Herrn von Brinckenwurff die

Forderung zustellen könnte, ehe ihm der alte Herr zuvorkäme.

Persönlich nach Orlowen zu fahren und mit ein paar kurzen Worten Ort und

Zeit festzusetzen, ging nicht an. Nach altüberkommenem Brauche, der in

manchen Fällen vielleicht lächerlich sein mochte, aber an dem man nicht

zu rütteln hatte. Und da fiel ihm ein, daß er auf halbem Wege zur Stadt

die Möglichkeit hatte, den Rittmeister v. Lüttritz telephonisch

anzurufen, er möchte ohne jede Zeitversäumnis nach Orlowen reiten, dem

Herrn von Brinckenwurff die Forderung zu überbringen. Wegen einiger

unziemlicher Worte, die er sich Fräulein von Gorski gegenüber

herausgenommen hätte. Dann war die Angelegenheit erledigt, und Annemarie

brauchte sich nicht um ihren alten Vater zu sorgen.

Unter den rostbraunen Kiefern des Beldahner Waldes, zwischen denen die

sandige Straße hinführte, stand die sonnendurchglühte Luft wie in einem

Backofen. Der nur unwillig trabende Gaul hatte nasse Flanken, unter dem

Riemenzeug bildete sich weißlicher Schaum, und Hunderte von blutgierigen

Bremsen schwirrten ihm um die Stellen, an denen er wehrlos war. Gaston

versuchte, ihm mit der Peitsche zu helfen, so gut es ging, sobald er

aber in Schritt fallen wollte, trieb er ihn unbarmherzig vorwärts. Er

hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er dem alten Herrn zuvorkommen

wollte.

Und wie den armen Gaul die Bremsen, stachen ihn die Gedanken. Daß nach

allem menschlichen Ermessen sein Glück nur kurzen Bestand hatte --

morgen um diese Zeit war er schon ein toter Mann. Weil der andere aus

seiner Kaste in der Handhabung der Waffe mehr Uebung besaß. Er selbst

hatte vor wichtigeren Aufgaben dazu keine Zeit gehabt. Ein junger Herr,

dessen reichliche Mußestunden ihm gestatteten, sich zu einem Virtuosen

im Pistolenschießen herauszubilden, schoß ihn morgen über den Haufen.

Einer, dessen Leben für die Allgemeinheit so unbeträchtlich war, als

wenn da um den schwitzenden Gaul eine Bremse mehr flog oder weniger,

streckte einen Mann in den Sand, der in schweren Zeiten dem Vaterlande

vielleicht Nützliches hätte leisten können. Verrückt war das, wenn man

sich die Anschauungen derer zu eigen machte, die, von keiner Tradition

beschwert, an jedem durch Jahrhunderte geheiligten Brauch zersetzende

Kritik übten. Entweder gehörte man zu der Kaste, die den Begriff der

persönlichen Ehre mit besonderen Gesetzen umschrieben hatte, oder man

stand draußen. Ein Aussuchen von Fall zu Fall gab es da nicht. Und eine

unwillige Regung erhob sich in ihm gegen sich selbst, daß er auch nur

einen Augenblick lang eine Anwandlung gehabt hatte, die, genau besehen,

reichlich nach Feigheit schmeckte. Als wenn er nach einem Auswege

gesucht hätte. Eins aber konnte ihm niemand verwehren, daß er mit Trauer

daran dachte, das Leben aufs Spiel setzen zu müssen, als es eigentlich

erst anfing. Das Leben voll von Glück, von dem er zuweilen in müßigen

Stunden geträumt hatte ...

Vor einer kurzen Weile erst hatte er einen Vorgeschmack von den

Seligkeiten bekommen, die seiner vielleicht gewartet hätten. Als er auf

dem Heimwege mit seiner langen und aufrichtigen Beichte fertig gewesen

war. Da hatte die neben ihm sitzende Annemarie geantwortet: »Was soll

ich dazu sagen? Du hast mich damals doch nicht gekannt. Wir alle gehen

durch Irrtümer. Ehe ich Dich kannte, gab es Zeiten, in denen ich mit

meinem Los ganz zufrieden war.« Und, weil sie mit den Zügeln in der Hand

auf den Weg passen mußte, neigte sie sich nur ein wenig zur Seite und

bot ihm die Wange. Ihm aber weitete sich die Brust unter einem bisher

nicht gekannten Gefühl. Von aller Erdenschwere befreit flog man dahin in

einer einzigen Glückseligkeit ...

Zwischen grünen Tannenwipfeln leuchtete ein rotes Ziegeldach. Die

Waldschenke neben den Schießständen, von denen in kurzen Zwischenräumen

gellende Kugelschläge durch die Mittagsschwüle drangen. Wie scharfes

Peitschenknallen. Der Wirt Burdeyko, ein hagerer kleiner Mann mit

ausdrucklosem Gesicht, kam eilig durch den Garten, als das Fuhrwerk mit

dem schaumbedeckten Gaul auf der Straße hielt.

»Guten Tag, Herr Rittmeister. Was steht zu Diensten?«

Gaston vermochte im ersten Augenblick nicht zu antworten. Aefften ihn

seine erregten Nerven, oder war das Wirklichkeit, was er eine Sekunde

lang hinter einem rasch wieder vorgezogenen Fenstervorhang zu sehen

geglaubt hatte? Ein gelbes Gesicht mit einem bunten Kopftuch darüber,

anders geknüpft, als es hier die Bauernfrauen trugen. Er deutete mit der

Peitsche nach dem Hause.

»Was ist das für ein altes Weib in Ihrer Wohnstube, Herr Burdeyko?«

Der andere blickte erstaunt auf.

»Wie meinen der Herr Rittmeister? Ein altes Weib? Da müssen Sie sich

versehen haben. Nur mein Kellnerjunge ist im Hause. Sonst keine

Menschenseele.«

»So, nicht? Na, ist gut! Kann ich bei Ihnen ungestört telephonieren?«

»Aber gewiß doch, Herr Rittmeister. In der Zelle neben meinem

Kontorchen. Ich hab' ja auch manchmal nötig, was zu sprechen, wo kein

andrer was davon hören darf.«

Gaston gab die Zügel dem hinter ihm sitzenden Kutscher und ging über den

kiesbestreuten Gartenweg mit einem Angstgefühl im Herzen, das ihm den

Schweiß aus allen Poren trieb. War er denn im Begriff, verrückt zu

werden, weil er am hellen Tage Spukgestalten sah? Wenn er sich

vielleicht auch beim ersten Male getäuscht haben konnte, diesmal

erschien es ihm fast unmöglich. Wenn er sich eben nicht in einem

Zustande befand, in dem man Halluzinationen hatte? Ganz deutlich hatte

er das Gesicht gesehen, das ihm damals von der Begegnung in der

Rankestraße im Gedächtnis geblieben war ... Da beschloß er, sich

Gewißheit zu schaffen. Ohne sich an das verwunderte Gesicht des Wirtes

zu kehren, durchschritt er rasch die Räume der Schenke, stieg in den

niedrigen Keller und blickte auf den Hof hinaus. Wenn außer dem Gläser

spülenden Kellner jemand im Hause gewesen wäre, hätte er ihn sehen

müssen ... Ein Schauder flog ihm über den Rücken wie am Vormittag,

diesmal aber von anderer Art. Vor sich selbst bekam er Angst und er fing

an zu zweifeln, ob er noch nach klaren Erwägungen handelte ...

Das Fräulein auf dem Amte weigerte sich zunächst, die Verbindung

herzustellen, wegen drohender Gewittergefahr. Es bedurfte erst einigen

Zuredens und des Hinweises, daß es sich um eine wichtige militärische

Meldung handle. Dann aber pochte und knatterte es in dem Apparat, er

vernahm wohl, daß der Rittmeister von Lüttritz am andern Ende sprach,

aber eine Verständigung war unmöglich. Da gab er es auf, die erhoffte

Zeitersparnis war ärgerliche Versäumnis gewesen.

Als er wieder zu seinem Fuhrwerk kam, meldete Herr Burdeyko, soeben wäre

ein ganzer Wagen mit Herren vom Dragonerregiment vorübergefahren,

dazwischen die beiden Herren von Gorski.

»Schade,« sagte Gaston, »den jüngeren hätte ich gerne gesprochen,« und

stieg in den Kutschiersitz. »Na, dann los, Braunerchen.«

Herr Burdeyko lief ein paar Schritte neben dem Wagen her.

»Wann soll ich zur nächsten Stunde kommen, Herr Rittmeister?«

»Weiß ich nicht,« rief er zurück, »ich lasse es Ihnen noch sagen.«

Als Gaston schon ein Ende weit gefahren war, fiel ihm plötzlich ein: wie

kamen die Brüder Gorski eigentlich dazu, ohne Urlaub die Garnison zu

verlassen? Beide hatten doch am Nachmittage Dienst? Der ältere beim

Turnen, der jüngere beim Baden. Aber er vermochte nicht weiter zu

denken. Eine Art von Stumpfheit war über ihn gekommen nach all den

Aufregungen des Tages. Er dachte nur noch einen Gedanken, mit

möglichster Beschleunigung den Rittmeister von Lüttritz aufzutreiben,

damit dieser dem Herrn von Brinckenwurff in Orlowen die Forderung

überbrachte und die blonde Annemarie Gorski ihn nicht für einen Feigling

hielt, der gemächlich abwartete, bis andere vor ihm in die Bresche

sprangen.

In der Wohnung des Herrn von Lüttritz erfuhr er, der Rittmeister wäre

ausgegangen, ohne zu sagen, wohin. Da hinterließ er die Weisung, er bäte

ihn, sofort zu ihm herauszukommen, und fuhr nach Hause, mit ohnmächtigem

Zorn im Herzen. An wen sollte er sich in der Eile wenden? Jedem anderen

hätte er einen langen Sermon erzählen müssen, ohne das Kind beim rechten

Namen zu nennen. Und hinterher wäre die glatte Antwort gekommen, ohne

vorausgegangene Anrufung des Ehrenrates wäre der Auftrag nicht

auszuführen. Da gab es also nichts als warten. Und es gereute ihn fast,

daß er auf der Freitreppe des Kalinzinner Schlosses in vornehmer

Gesinnung mit seinen Absichten hinter dem Berge gehalten hatte.

Im Flur seines Häuschens empfing ihn der Bursche.

»Herr Rittmeister, vor einer Viertelstunde ist eine Depesche gekommen.

Ich hab' sie auf den Schreibtisch gelegt.«

»Eine Depesche? Von wem denn?«

Die Frage war töricht, das wußte er. Mit zwei langen Schritten stand er

im Zimmer, riß das zusammengefaltete Papier auseinander.

»Ihre Frau Mutter schwer erkrankt, ersuche dringend, sofort

hierherzukommen. Ableben stündlich zu erwarten. Justizrat König.«

Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich in den vor dem Schreibtisch

stehenden Lehnstuhl setzen. Stumpfsinnig starrte er auf die mit

Blaustift geschriebenen Zeilen des Telegramms, bis ihn der Schmerz

jählings übermannte. Sein liebes altes Mütterchen, an das er in diesen

letzten langen Wochen nicht mit einem einzigen Gedanken gedacht hatte,

lag im Sterben. Die Tränen schossen ihm aus den Augen, er legte die

Stirn auf die harte Tischkante, und ein Aufschluchzen erschütterte

seinen Körper. Erst ganz allmählich gewann er seine Fassung wieder, fing

er an zu überlegen, was zu geschehen hätte.

Der Justizrat König war der Vermögensverwalter und vertraute Freund

seines Mütterchens schon seit langen Jahren. Allabendlich spielten sie

ihre geruhsame Partie Bézigue, und es war ein rührendes Verhältnis

zwischen den beiden alten Leutchen. Von seiten des Justizrates, der

unverheiratet geblieben war, vielleicht ein wenig Pietät und wehmütige

Erinnerung. An eine vor langen Jahren begrabene Hoffnung. Aber mit dem

Alter war er ein Krakeeler geworden. Fast immer verzankte er sich mit

seiner Partnerin, um am nächsten Vormittag mit einem poetischen

Brieflein wieder um gut Wetter zu bitten, weil er ohne die abendliche

Partie nicht leben konnte. Da war es eigentlich verwunderlich, daß er in

so dürren Worten telegraphiert hatte, was ihn doch nicht minder

schmerzlich treffen mußte als den Sohn der alten Freundin. Aber wer

überlegte wohl in einem so trüben Augenblicke, ob er der notwendigen

Nachricht noch ein Wort der Teilnahme hinzufügen sollte?

Also da galt es, die Vorbereitungen zu einer schleunigen Reise zu

treffen. Alles übrige, was er sich vorgenommen hatte, mußte er bis zu

seiner Rückkehr aufschieben. Und wenn er Annemarie ein paar Zeilen

schrieb, würde sie es wohl verstehen, daß es für ihn im Augenblick keine

andere Sorge gäbe als die einzige, ob er sein Mütterchen noch am Leben

fände. Schier zum Verzweifeln war es, daß er hier noch stundenlang

untätig sitzen mußte, indessen das alte Frauchen da unten im fernen

Schwaben sich gegen den Tod wehrte. Mit keiner anderen Waffe als der

Sehnsucht, den einzigen Jungen vielleicht noch einmal im Arm zu halten,

seinen Kopf an ihrer Brust zu fühlen ...

Der nächste Zug, mit dem er den von Eydtkuhnen kommenden Schnellzug

erreichen konnte, ging erst gegen acht Uhr abends. Bis dahin hatte er

reichlich Zeit, Urlaub zu nehmen, die Schwadron dem Oberleutnant

Gusovius zu übergeben und den Brief an Annemarie zu schreiben. Wenn er

den durch seinen Burschen beförderte, konnte sie ihn in anderthalb

Stunden haben und brauchte keine verwunderten Augen mehr zu machen ...

daß er beim Abschied unterlassen hatte, das Wort zu sprechen, das sie

von ihm wohl erwartet hatte.

Als er die Schublade seines Schreibtisches aufzog, um einen seiner

besten Briefbogen mit der farbigen Wappenprägung herauszulangen, fiel

ihm auf, daß zwischen allem, was er dort aufbewahrte, nicht die gewohnte

Ordnung herrschte. Die Brieftasche mit dem letzten Schreiben seines

Vaters lag nicht auf ihrem richtigen Platz. Ganz ausgeschlossen war es,

daß er selbst sie dorthin gelegt haben konnte, er hielt in allem, was

ihn umgab, eine geradezu pedantische Ordnung. Wenn er an seinen

Bibliothekschrank ging, konnte er im Dunkeln den gesuchten Band

herausholen.

Also es gab keinen Zweifel, hier hatte jemand in seiner Abwesenheit die

Schublade durchsucht. Jemand, der zu dem kunstvoll gearbeiteten Schlosse

einen Nachschlüssel besaß. Den eigentlichen Schlüssel trug er nebst

einigen Anhängseln an einer silbernen Kette. Nachts lag sie auf dem

Tischchen neben seinem Bett, beim Aufstehen befestigte er sie an der

Uniformhose. Die Möglichkeit, daß er den Schlüssel aus Versehen einmal

hätte stecken lassen, war überhaupt nicht zu erörtern. Aber wer sollte

nur ein Interesse daran haben, hier seine Andenken, Briefe und

Familienpapiere zu durchstöbern?

Und plötzlich schlossen sich die Wahrnehmungen des Tages, die er für

Ausgeburten seiner überreizten Sinne gehalten hatte, mit einigen anderen

zu einem Verdacht, den er zunächst nur unklar fühlte. Er griff nach der

Stelle der Schublade, an der er die letzten der seltsamen russischen

Briefe aufgehoben hatte, die Stelle war leer. Da gefror ihm das Blut fast

in den Adern, hier war gegen ihn etwas im Werke, wie es nur ein Teufel

ersinnen konnte -- oder eine im Innersten ihres Herzens gekränkte Frau!

Die Viertelstunde fiel ihm ein, in der er mit dem schon halb verwirrten

Herrn von Wodersen über die sonnenbeschienene Straße im Grunewald gegangen

war. Da hatte der von einer Rache gesprochen, die Josepha an ihrem Gatten

zu nehmen gedachte, weil er sie mit einer Tänzerin oder Schauspielerin

betrog -- dieser Person mit der seltsamen, wie eine geborstene Glocke

klingenden Stimme. Nur das hier war noch teuflischer. Heute nacht, wenn er

längst schon in der Eisenbahn saß, legte man hier in diese Schublade die

entwendeten Briefe, nur mit einem anderen Inhalt. Einem Inhalt, der klipp

und klar bewies, daß der Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac vom

Dragonerregiment Graf Schmettau mit dem russischen Geheimbureau in

Warschau landesverräterischen Verkehr hatte. Morgen stand hier in diesem

Zimmer ein von der Division entsandter Kriegsgerichtsrat, fand die

Beweise, und auf telegraphischen Befehl wurde er an dem Sterbebette seiner

Mutter unter dem Verdachte des Landesverrats verhaftet. Selbst wenn es ihm

gelang, sich von diesem Verdacht zu reinigen, war er für alle Zeiten

verfemt. Es blieb immer etwas hängen, selbst wenn er sich in geweihtem

Wasser wusch ... ein unbestimmter Geruch, vor dem sich die innerlich und

äußerlich Sauberen zurückzogen. Und blitzähnlich reihte er alles

aneinander, was gegen ihn sprach, wenn er sich verteidigen wollte. Da war

schon vor seiner Versetzung das merkwürdige Interesse für die

Geheimpapiere im Generalstabe, die von der strategischen Bestimmung

Ostpreußens handelten im Falle eines Krieges nach zwei Fronten. Dann war

da sein auffälliges Absondern von den Kameraden, seine ausgedehnten Ritte

und Fahrten im Aufmarschgelände, und zuletzt der Inhalt der in seinem

Schreibtisch beschlagnahmten Briefe. Die waren in Warschau aufgegeben laut

Poststempel, und in ihnen stand, Gott mochte wissen, was ... Die

Aufforderung vielleicht, noch über diese Position im Mobilmachungsplan

nähere Auskunft zu geben oder über jene ... Und noch etwas anderes kam

hinzu, woran er zuallerletzt, die anderen aber vielleicht zuallererst

denken mochten: sein französischer Name und das Tröpfchen französischen

Blutes, das in zehnfacher Verdünnung noch in seinen Adern floß. Ganz

deutlich entsann er sich der Aeußerung des alten Herrn damals auf der

Fahrt von Königsberg. Den Wortlaut wußte er nicht mehr, aber es war eine

Art von Zweifel gewesen, ob Abkömmlinge einer fremden Nation wohl restlos

im deutschen Volkstum aufgehen könnten. Und das Netz, das sich ihm um die

Glieder schnüren sollte, war schon seit langem gesponnen. Die große

Nachrichtenzentrale in Berlin war ja schon vor Wochen alarmiert, daß hier

an der Grenze ein Verräter saß. Heute kam die Mitteilung, die seine

Persönlichkeit genau bezeichnete, und morgen, während seiner Abwesenheit,

der vernichtende Schlag. Er aber hatte nichts zu seiner Verteidigung

anzuführen, als daß da vielleicht ein Racheakt vorläge. Die Rache einer in

leidenschaftlicher Liebe verratenen Frau. Er _sah_ ordentlich das

ungläubige Lächeln seiner Richter ...

Die Haare sträubten sich ihm, so grauenhaft war das. Nur ein Glied

fehlte noch in der Kette der Voraussetzungen, nämlich daß da die auf dem

Tische liegende Nachricht von der schweren Erkrankung seines Mütterchens

gefälscht war. Dann war das alles kein leeres Hirngespinst, sondern

grausige Wirklichkeit. Da erhob er sich mühsam, ging zu dem an der Wand

hängenden Telephon.

Gott sei Dank, der Apparat funktionierte wieder, das Amt Ordensburg

meldete sich.

»Liebes Fräulein,« sagte er, »wenn ich jetzt dringend nach Eßlingen

telegraphieren würde, mit dringender Rückantwort bezahlt, wann könnte

wohl die Antwort wieder hier sein?«

»Eßlingen in Württemberg?«

»Jawohl!«

»Etwa eine Stunde. Wenn Sie mir nämlich die Depesche telephonisch

aufgeben.«

»So, kann man das?«

»Aber natürlich, schon immer!«

Da diktierte er: »Justizrat König, Eßlingen. Erhalte soeben von Ihnen

Depesche über schwere Erkrankung meiner Mutter. Habe Gründe zur Annahme,

daß diese Depesche nicht von Ihnen herrührt, sondern andere Zwecke

verfolgt. Bitte dringende Antwort. Gaston.«

Das Fräulein auf dem Amte wiederholte den Wortlaut, als sie den Namen

»Gaston« aussprach, bekam ihre Stimme einen schmelzenden Klang.

»Herr Rittmeister Baron von Foucar?«

»Allerdings!«

»Gott, wie interessant! Die Depesche wird noch in dieser Minute

abgeschickt werden!«

Da mußte er, mitten in aller Aufregung, lachen. Die kleine Telephondame

schien eine jener stillen Verehrerinnen zu sein, von deren Existenz er

selbst keine Ahnung hatte.

»Freut mich sehr, mein gnädiges Fräulein! Wenn Sie nun noch die Güte

haben wollten, mir die aus Eßlingen eintreffende Nachricht telephonisch

mitzuteilen, statt durch Boten, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Das geht

doch hoffentlich auch?«

»Aber selbstverständlich!«

Gaston hing den Hörer an und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

Noch eine ganze lange Stunde hatte er zu warten, bis er die

entscheidende Nachricht bekam. Inzwischen aber mußte er die

Vorbereitungen zur Abreise treffen, um keinen Argwohn zu erregen. Er

rief seinen Burschen.

»Wichotta, ich muß heute abend auf mehrere Tage verreisen. Legen Sie mir

Zivil zurecht, und holen Sie den großen Lederkoffer vom Boden!«

»Befehl, Herr Rittmeister!« sagte der vierschrötige Masur und machte

sich daran, den Auftrag auszuführen. Gaston hatte ihn scharf angesehen,

er traute keinem Menschen mehr. Er hätte darauf geschworen, der Kerl war

mit im Komplott, aber in dem sonnenverbrannten, stumpfsinnigen Gesicht

zuckte keine Muskel.

Der Zweifel sprang ihn an, ob er sich vielleicht nicht bloß mit

selbstgeschaffenen Gespenstern quälte, und er durchforschte sein

Gedächtnis. Aber es gab keinen Irrtum, er wußte genau, er hatte die

letzten aus Warschau gekommenen Briefe hier in der Schublade verwahrt.

Aus einem instinktiven Angstgefühl, er könnte sie vielleicht irgendwie

einmal als Beweismittel gebrauchen. Und diese Briefe waren fort. Von

einem Unbekannten hier aus seinem Schreibtisch entwendet. Dieser

Diebstahl mußte doch einen Zweck haben. Und von neuem überfiel ihn das

Grausen, was geschehen wäre, wenn ein Zufall nicht seinen Verdacht

geweckt hätte.

Der Zeiger an der kleinen Stutzuhr auf dem Schreibtische kroch wie eine

Schnecke; Gaston versuchte den Brief zu schreiben, den er sich

vorgenommen hatte, aber er konnte seine Gedanken nicht sammeln, die

Unruhe fraß ihn fast auf. Draußen erklang die Türglocke, er schrak

unwillkürlich zusammen. Ein eisiger Schauder flog ihm über den Rücken.

Wie, wenn er nun mit seiner Entdeckung zu spät gekommen wäre?

Sturmzeichen · 第 16 / 18 题