»Kolossal hat sie sich gefreut. Nur sie hat sich -- aber ich bitte um
die Erlaubnis, ganz offen sein zu dürfen ...«
»Aber selbstverständlich ...«
»Also, sie hat sich erheblich gewundert, daß Herr Rittmeister das
Fundstück nicht persönlich überbrachten. Namentlich, da sie sich doch
das Vergnügen gemacht hatte, Herrn Rittmeister aufzufordern, in
Kalinzinnen recht bald Besuch zu machen.«
Gaston fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Zu dumm war das!
Und er nahm sich gewaltsam zusammen.
»Es tut mir selbst am meisten leid, daß ich dieser freundlichen
Einladung wegen zu vielen Dienstes nicht folgen konnte. Und jetzt möchte
ich meinen Besuch in Kalinzinnen verschieben, bis das Fest vorüber ist.
Es wäre mir doch peinlich. Das würde aussehen, als wollte ich dazu
eingeladen sein.«
Karl von Gorski blickte auf. Er hatte wohl bemerkt, daß sein
Vorgesetzter plötzlich Farbe in die Wangen gekriegt hatte, aber noch
tappte er im dunkeln, konnte sich keinen rechten Vers auf die ganze
Geschichte machen.
»Welches Fest meinen Herr Rittmeister?«
»Nun, die ... die Verlobung von Fräulein Annemarie. Erst heute hörte ich
zufällig, sie würde sich demnächst öffentlich verloben. Mit dem Herrn
von Brinckenwurff, den ich am ersten Abend hier kennen lernte, als ich
ankam.«
Der Kleine schwieg darauf, und Gaston mußte weitersprechen. Er fühlte
deutlich, daß der Wein auf ihn zu wirken begann -- seit Wochen hatte er
keinen mehr getrunken. Zu Mittag ein Glas Wasser und abends bei der
Arbeit einen leichten Tee. Er hätte den Kleinen anschreien mögen: 'Gib
mir Gewißheit! Du hast sie doch in diesen Tagen öfter gesehen, weißt
vielleicht, was sie fühlt und denkt.' Statt dessen mußte er höflich
weitersprechen: »Eine sehr passende Verbindung, soweit ich's beurteilen
kann. Nachbarskinder, die Besitz zu Besitz bringen, und dann ... sie
kennen sich von Jugend auf.«
Karl von Gorski nickte. Er wußte Bescheid. Die Worte klangen
gleichgültig, nur das Drum und Dran war verräterisch. Wäre ja auch
merkwürdig gewesen, wenn der da drüben sich in das schöne Cousinchen
nicht verliebt hätte. Alle verliebten sich ja in das herrliche Mädel,
die es kennen lernten. Er selbst fühlte bei allem philosophischen
Gleichmut einen Stachel im Herzen, wenn er daran dachte, daß sie einen
anderen heiraten sollte. Aber er war -- Gott sei Dank -- immer noch in
der Lage, sich mit einem guten Witz darüber hinwegzusetzen. Jetzt hatte
es den da auch gefaßt, ganz wie er's vorausgesagt hatte. Nur es war zu
spät, er hatte seinen günstigen Augenblick verpaßt. In vierzehn Tagen
gab es in Kalinzinnen Verlobung. Und er sann darüber, wie er's ihm am
schonendsten beibringen sollte, daß da nichts mehr zu hoffen war.
»Ja, Herr Rittmeister,« begann er tiefsinnig, »zu dieser Verlobung wäre
manches zu bemerken. Wie zum Beispiel zu der Preußischen Klassenlotterie
... Nicht immer gewinnt der Würdigste das Große Los. Manchmal fällt es
an einen Kommerzienrat, der sich nicht sonderlich viel daraus macht. Und
die anderen stehen 'rum, beneiden ihn -- wie der ergebenst
Unterfertigte. Einer kann es ja nur gewinnen, aber weshalb muß es immer
der andere sein? Das frißt einem am Herzen, namentlich wenn man sich
schmeicheln darf, ein außergewöhnlich begabter junger Mann zu sein ...
Sehen der Herr Rittmeister mich mal an! Haben Sie eben bemerkt, wie
brillant ich mit den Ohren wackeln kann? Zwei Zentimeter Ausschlag nach
oben und nach unten. Im Panoptikum könnte ich damit auftreten unter
riesigem Zulauf, wäre auch in der Lage, das Publikum in den Pausen zu
unterhalten! Durch Humor ... Auf diese glänzenden Eigenschaften legt
mein Cousinchen keinen Wert. Als ich sie unlängst fragte: 'Annemieze, na
wie wär's? Wenn Du mich nehmen wolltest, würdest Du aus dem Lachen nicht
'rauskommen,' zuckte sie mit den Achseln: 'Mein Jungchen, Du hast Deine
Chance verpaßt. Mir ist nicht mehr lächerlich zumute -- in vierzehn
Tagen ist Verlobung und in sechs Wochen Hochzeit. Die Kochfrau ist
schon bestellt aus Königsberg, denn es soll natürlich 'was Feines zu
essen geben.' Da tröstete ich mich ein bißchen, weil ich nämlich eminent
feinschmeckerisch veranlagt bin ...«