Gaston blickte auf, der Regimentskommandeur kam über die Hügelwelle
geritten. Anscheinend ohne jede Inspizierungsabsicht. Seine beiden
Foxterriers jagten kläffend über das schon gelblich gefärbte kurze Gras,
und neben ihm ritt seine jüngste Tochter. Ein blondlockiges Mädel von
sechzehn oder siebzehn Jahren, das im Herrensitze seinen Pony lenkte.
Gaston bestieg seinen irischen Fuchswallach, riß den Säbel aus der
Scheide. Wie eine Fanfare erklang das Kommando: »An die Pferde! --
Fertig zum Aufsitzen! -- Aufgesessen!« Und nach gemessener Pause: »Richt
-- Euch!«
Er ritt an den Flügel, die Richtung stimmte ausgezeichnet, die
Bewegungen hatten geklappt. »Augen -- links!« kommandierte er und
sprengte dem Kommandeur entgegen, die Schwadron zu melden.
Oberstleutnant Harbrecht winkte ab.
»Lassen Sie sich nicht stören, Herr Rittmeister, ich bin nur ganz
zufällig herausgebummelt.« Er stellte sein Töchterchen vor und sagte:
»Lassen Sie, bitte, rühren.«
»Rührt Euch!« schrie Gaston über die Schulter zurück, und der Kommandeur
fragte: »Na, zufrieden?«
»Danke, Herr Oberstleutnant, bis auf ganz geringfügige Kleinigkeiten.«
»Sehr nett von Ihnen -- gegen Ihren Herrn Vorgänger! Na, und was haben
Sie weiter vor, Herr Rittmeister?«
»Ich beabsichtige, die Schwadron eine halbe Stunde lang zu exerzieren.
Hauptsächlich, um selbst nach langer Entwöhnung wieder in Uebung zu
kommen.«
Der Oberstleutnant lächelte.
»Bescheidenheit ziert den Ritter. Na, viel Vergnügen.« Er hob grüßend
die Rechte an den Mützenschirm, das Töchterchen verabschiedete sich mit
einem Kopfnicken. Gaston ritt zu seiner Schwadron zurück.
»Stillgesessen -- Eskadron Terab!«
Die Schwadron ritt an, jeder einzelne Mann nahm sich zusammen, in der
hellen Kommandostimme des neuen Führers lag etwas Anfeuerndes.
»Trompeter: Galopp!«
Gaston gab seinem irischen Fuchswallach die Sporen, daß er wie ein
abgeschossener Pfeil über das Blachfeld flog. Hinter ihm kam die
Schwadron wie ein Ungewitter. Nach fünfhundert Schritt ungefähr sprengte
er nach links, schwenkte um und parierte auf der Stelle, blickte prüfend
auf die in einer Linie dahinfegende Schlachtreihe. Die Kerls gaben sich
offensichtlich Mühe, Fühlung und Richtung waren gut.
»Eskadron mit Zügen brecht ab,« rief er, scharf kamen die Kommandos der
Zugführer danach, das Manöver verlief exakt. Bei keinem Garderegiment
konnte es besser gehen.
»Famos,« rief das Kommandeurstöchterchen begeistert. »Papa, ich glaube,
mit diesem Herrn von Foucar haben wir eine glänzende Akquisition
gemacht!«
Der Oberstleutnant lachte.
»Meinst Du?«
»Aber positiv! Der Unterschied gegen früher ... Also den muß doch ein
Blinder mit dem Krückstock fühlen!«
»Na dann komm, Kind, wollen wieder nach Hause reiten. Auch ich hab'
genug gesehen, die Schwadron ist in guten Händen. Und merk' Dir eins:
eine Truppe ist wie ein edles Pferd mit allen Vorzügen und Untugenden.
Unter einem miserablen Reiter im Sattel bockt es, unter einem tüchtigen
gibt es sein letztes her.«
Die Julisonne brannte sengend vom wolkenlosen Himmel herab, die Gäule
warfen Schaum von den Gebißstangen und bekamen nasse Flanken. Die Reiter
hatten schwarze Gesichter von Staub und Schweiß, seltsam blänkerten die
glänzenden Augen daraus hervor. Gaston brach das Exerzieren ab, er
fühlte, er hatte die Schwadron in die Hand bekommen. Mit einem gewissen
Stolz führte er sie in die Stadt zurück, ins Quartier.
Als die Spitze vom großen Platze unter die schattigen alten Bäume
lenkte, die den Weg zum Städtchen umsäumten, drehte er sich im Sattel:
»Wachtmeister, jeder Dragoner kriegt heute abend zwei Glas Bier in der
Kantine auf meine Rechnung. Ich bin mit der Schwadron zufrieden! Und
jetzt bitte ich mir ein Lied aus.«
Durch die in Marschkolonne reitende Truppe ging es wie ein Rauschen, der
neue Rittmeister hatte sie auf Anhieb erobert. Schneid hatte er,
verstand seinen Kram und besaß ein Herz für seine Kerls. Einer der
Unteroffiziere erhob seinen wohlklingenden Tenor, die Mannschaft fiel
mit rauher Kehle ein
»An der Grenze fern im Osten
Hält ein Reiter still auf Posten,
Sieht hinaus ins weite Feld.
Drüben fahren auf Kanonen,
Sammeln sich Schwadronen,
In dem weiten, weiten Feld.«
Gaston von Foucar ritt an der Spitze seiner Truppe. Das Lied schien ihm
wie eine gute Vorbedeutung. Vor Tagen schon hatte er's gehört, als sein
Herz sich aus Skrupeln und Nöten zu lösen begann ...
Karl von Gorski ritt neben seinem älteren Bruder an der Queue der
Schwadron. Er kratzte sich mit der gesunden Rechten hinter dem Ohr.
»Du, Hans, ich glaube, die schönen Tage von Aranjuez sind vorüber.«
»Na Gott sei Dank, das vorher war ja auch zum Speien. Man fängt wieder
an, Spaß am Dienst zu kriegen! Aber Du wolltest mir doch vorhin was von
Annemarie ...?«
»Ach so, ja ... also ich sehe sehr schwarz auf unseren guten
Brinckenwurff. Das dürfte im August an Annemiezens Geburtstag eine böse
Ueberraschung geben. Möglicherweise auch schon vorher. Mit der
Vereinigung von Kalinzinnen und Orlowen sieht es sehr nach Essig aus.«
Hans von Gorski tippte sich respektlos gegen die Stirn.
»Kleiner, ich glaube, Du träumst mit offenen Augen!«
»Ah nein, mein Jungchen, sondern meine bekanntlich in hohem Grade
entwickelte Geistesschärfe gestattet mir einen Blick in die Zukunft, die
gewöhnlichen Sterblichen verschleiert ist. Morgen kaufe ich mir einen
Dreifuß mit einem Pfund Weihrauch und frisier' mich als Pythia.«
»Mensch, red' endlich vernünftig! Was ist passiert?«
»Na dann hör' zu!« Karl von Gorski dämpfte unwillkürlich seine Stimme:
»Also der 'Moltke', mit dem ich heute früh telephonierte, war
selbstverständlich Annemarie. Schon gestern erschien mir die Geschichte
mit der Zigarettendose nicht geheuer. Es war für mich natürlich eine
Kleinigkeit, dem harmlosen Tierchen alles abzufragen, was ich wissen
wollte. Sie ist mit unserem neuen Rittmeister von Königsberg an zusammen
gefahren, ihr gefiel er sehr, dem Alten weniger. Der machte sogar etwas
Krach, bis sie ihn auf seinen geliebten Polenschimmel brachte, da hielt
er Vorträge. Und als Annemarie den Herrn von Foucar nach Kalinzinnen
einlud, bestätigte er die Einladung nicht. Da ließ sie absichtlich ihre
goldene Zigarettendose im Coupé liegen, um ihm einen triftigen Vorwand
zu baldigem Besuche zu geben.«
»Und das hat sie Dir so ganz offen gesagt?«
»Ne, mein Jungchen, aber verschwiegen! Und -- bewundere meinen
Scharfsinn -- das ist das Schlimme bei der Geschichte! Hätte sie mir
nach all dem übrigen ganz harmlos gesagt: 'Du, Karl, denk' Dir bloß, ich
habe dabei meine kostbare Zigarettendose im Coupé verloren, mit all den
himmlischen Widmungen, und ich gräme mich ganz fürchterlich, ob ich sie
wohl wiederkriegen werde', wäre ich ja gar nicht auf den Spurius
gekommen. Aber so liegt es doch klar auf der Hand, daß sie sich in
unseren neuen Rittmeister arg verschossen hat. Und das ist kein Wunder.
Er hat etwas an sich -- also ich kann's verstehen, daß sich die Mädels
in ihn verlieben.«
»Unsinn,« sagte Hans von Gorski, aber es klang nicht ganz überzeugt.
»Und dagegen spricht doch, daß Herr von Foucar anscheinend nicht den
geringsten Wert darauf gelegt hat, das Fundstück persönlich
zurückzubringen!«
Der jüngere der beiden Brüder zuckte mit den Achseln.
»Dafür gibt's 'ne Masse Erklärungen. Vielleicht hat er die
liebenswürdige Absicht gar nicht bemerkt. Das glaube ich nämlich aus
einem ganz bestimmten Grunde, und ebenso bin ich überzeugt, es tut ihm
heute schon leid. Andererseits aber ist es auch möglich, er ist so
maßlos verwöhnt, daß er auf diese neue Eroberung keinen sonderlichen
Wert legt. Aber vielleicht kommt das noch ... Wenn er unser 'trautstes
Cousinchen' erst näher kennen lernt.«
»Hm,« sagte der Aeltere, »Du red'st wie ein Buch! Jedenfalls müßte man
dem Hermann Brinckenwurff einen kleinen Wink geben, damit er die Augen
offen hält.«
»Um Himmels willen! Hast Du Lust, Deinen Daumen in eine Türangel zu
klemmen? Damit knackt man Haselnüsse! Und uns beiden muß doch die
Annemieze näher stehen! Ich bin kein Tugendbold, aber sag' mal selbst:
Wenn Du die Aussicht hättest, eine Annemarie von Gorski zu heiraten,
würdest Du es da fertig kriegen, eine nach übler Pomade duftende Mamsell
auf den Mund zu küssen, mit dem sie kurz vorher -- na sagen wir mal --
Gänseleber mit Zwiebeln abgeschmeckt hat?«
Hans von Gorski schüttelte sich lachend.
»Nicht um tausend Taler!«
»Na also!«
Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her, dann fragte der
Jüngere unvermittelt: »Du, Hans?«
»Was denn?«
»Kannst Du Dir vorstellen, daß uns beiden so ein Mädel wie Annemarie
blanke Augen machen würde oder zur Ermunterung eine goldne
Zigarettendose im Coupé liegen lassen?«
»Schwerlich!«
»Na siehst Du,« versetzte der Jüngere tiefsinnig, »ich habe es schon
immer gesagt, und die Geschichte eben bestärkt mich von neuem in der
Meinung: wir hätten uns rechtzeitig zusammentun müssen, unseren
Urgroßvater zu erschlagen. Von ihm stammt nämlich, nach dem Bild im
großen Saal zu schließen, in einem grotesken Sprung über Generationen,
das ganze Malheur. Die krummen Beine, die großen Ohren, die
Sommersprossen und der weit vorspringende Nasengiebel. Wobei ich
annehme, der damalige Maler hat in Ansehung des Honorars noch
beträchtlich geschmeichelt.«
8.
Die Wochen vergingen in scharfem Dienstbetriebe, der Oberstleutnant
Harbrecht hielt sein Regiment in Atem. Ob die politische Spannung
schärfer wurde oder schwächer, kümmerte ihn blutwenig. Er tat seinen
Dienst an der Grenze, wie ein Soldat, der mit offenen Augen auf
verantwortungsvollem Posten stand.
Die Aufgabe, die er mit dem Kommandeur des in Ordensburg liegenden
Infanterieregiments zu erfüllen hatte, war einfach, aber anstrengend.
Nachts paßten die Grenadiere an den von Osten kommenden Einfallstraßen,
am Tage die Dragoner. Und dahinter hielten die beiden Regimenter in
einer Art von Bereitschaftsstellung. Felddienst und Exerzieren gingen
ihren Gang wie sonst, nur man war dabei fortwährend auf der Lauer. Um
sich dem Stoß, wenn er endlich von drüben kam, rechtzeitig
entgegenzuwerfen, ihn mit Einsetzen des letzten Mannes so lange
aufzuhalten, bis weiter rückwärts der Aufmarsch vollzogen war. Dieses
dauernde Warten aber auf ein Ereignis, das jede Stunde kommen konnte
oder vielleicht auch ganz ausbleiben, machte mürbe, kostete Nerven. Und
noch etwas anderes kam hinzu, was dem Oberstleutnant Harbrecht Sorgen,
Aerger und schlaflose Nächte bereitete, eine ekle Spionengeschichte.
Von der Division war ihm mitgeteilt worden, die große Berliner Zentrale
für diesen wohl notwendigen, aber wenig dekorativen Dienst hätte
bestimmte Gründe für die Annahme, daß im Ordensburger Kreise eine
Persönlichkeit dem feindlichen Informationsbureau Nachrichten lieferte,
die im Ernstfalle für die deutsche Armee geradezu verhängnisvolle Folgen
haben müßten. Der schimpfliche Verräter verfügte über Kenntnisse, die
auf eine genaue Vertrautheit mit den diesseitigen Mobilmachungsplänen
und der Lage der Sperrforts schließen ließen, und er, der Oberstleutnant
Harbrecht, wurde aufgefordert, sich dazu zu äußern. Ob ihm dienstlich
oder außerdienstlich etwas aufgefallen wäre, was den Verdacht auf eine
bestimmte Persönlichkeit lenken könnte. Da ging er in Sorge und
Aufregung umher, bis ihm eine Art von Erleuchtung kam.
In der Waldschenke, in der Nähe der Schießstände in der großen Beldahner
Forst, hauste der Wirt Burdeyko, von dem er wußte, daß er alle paar
Monate einmal eine geheimnisvolle Fahrt über die Grenze unternahm. Es
wäre ja nicht das erste Mal gewesen, daß solche Kerle zweispännig
fuhren, heute für diese Seite ihr dunkles Handwerk trieben, morgen für
die andere ... Und es gab einen im Regiment, der diesen Burdeyko ein
wenig genauer kannte, weil er schon seit Wochen bei ihm russischen
Sprachunterricht nahm, den Rittmeister von Foucar!
Er schickte eine Ordonnanz ins Revier der fünften Schwadron und ließ ihn
bitten, für ein paar Minuten ins Regimentsbureau zu kommen. Aber auch
diese Unterredung brachte nicht die erwünschte Klarheit. Herr von Foucar
konnte nichts anführen, was den Verdacht des Kommandeurs bestätigt
hätte. Im Gegenteil, er hielt den Wirt Burdeyko für einen durch und
durch patriotisch gesinnten Mann, der seinen gefährlichen Beruf gegen
verhältnismäßig geringe Entlohnung ausübte. Aus einer Art von Passion,
aber er hätte erst unlängst einmal geäußert, er gedächte demnächst
Schluß zu machen. Einmal erwischte man ihn doch da drüben, und er hätte
keine Lust, sein Leben in den Bleibergwerken Sibiriens zu beschließen.
Da sagte der Oberstleutnant ärgerlich:
»Na schön, dann sollen die Herrschaften aus Berlin so einen Sherlock
Holmes herschicken, vielleicht kriegt der es 'raus! Mir sind solche
Geschäfte ekelhaft. Aber Sie, lieber Rittmeister, -- gut, daß ich Sie
einmal unter vier Augen habe! Sie gefallen mir ganz und gar nicht. Sie
muten sich zu viel zu.«
»Verbindlichsten Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich befinde mich
ausgezeichnet.«
»Nee, mein Lieber, so kommen Sie mir nicht weg! Ihr Diensteifer in
Ehren! Sie haben das Kunststück fertig gebracht, aus einer Schwadron,
die -- na sagen wir mal -- zu wünschen übrig ließ, in kurzen Wochen eine
Truppe zu machen, die sich sehen lassen kann. Das soll Ihnen nicht
vergessen und dick angekreidet werden. Aber nun können Sie sich auf
diesen Lorbeeren auch ein bißchen verpusten. Wir haben ja so schon
Dienst zum Ueberlaufen, da ist es -- weiß Gott -- nicht nötig, daß Sie
sich noch 'ne Extraportion einschwenken. Russische und polnische
Sprachstudien, ausgedehnte Ritte ins Gelände -- es ist ja manchmal
verblüffend, wie gut Sie Bescheid wissen in unserem verzwickten Terrain
mit den vielen Einschnitten und Gewässern -- und neulich wurde mir
erzählt, wenn man spätnachts an Ihrem Häuschen vorbeikäme, da draußen
vor dem Tore, könnte man Sie egalweg am Schreibtisch sitzen sehen vor
Ihrer Studierlampe.«
»Nochmals heißen Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich fühle mich bei
dieser angestrengten Tätigkeit sehr wohl! Nur von jetzt an werde ich
abends meine Fensterläden schließen.«
»Na, wie Sie wollen! Aber einen Rat möchte ich Ihnen noch geben, ganz
freundschaftlich. Aller Welt fällt es auf, wie Sie sich in diesen Wochen
verändert haben. Sogar meiner Frau fällt es auf, wie spitz Sie im
Gesicht geworden sind. Gestern erst stellte sie mich darauf. Und gab mir
zugleich als sorgsame Regimentsmutter ein kleines Avis: Sie halten sich
zu sehr von dem gesellschaftlichen Verkehr fern in unseren Familien.
Vorige Woche gab unser Etatsmäßiger ein Gartenfestchen -- Sie glänzten
durch Abwesenheit! Herr und Frau von Lüttritz feierten ihren
zehnjährigen Ehekontrakt, die ganze Gentry aus Stadt und Umgegend war
da, bloß Sie nicht! Und ähnliche Klagen sind mir von unseren Herren zu
Ohren gekommen. Mittags essen Sie schweigsam im Kasino Ihr kärgliches
Menü und fertig, Mahlzeit! Abends sind Sie nie zu sehen. Auch nicht in
den bürgerlichen Exkneipen, wo unsere Herren sich mit denen von der
Infanterie treffen und etlichen aus dem Zivil. Das wird Ihnen verdacht,
als Hochmut ausgelegt. Und gerade auf Sie hatte man nach Ihrem Aussehen
und ersten Auftreten hier besondere Hoffnungen gesetzt in
gesellschaftlicher Beziehung! Also -- wenn sich's machen läßt -- nehmen
Sie sich die freundschaftliche Aussprache eben zu Herzen! Guten Morgen,
lieber Herr von Foucar.«
»Empfehle mich gehorsamst, Herr Oberstleutnant.«
Einen Augenblick hatte Gaston gezögert, ehe er mit einer Verneigung das
Regimentsbureau verließ, um in sein Schwadronsrevier zu der
unterbrochenen Besichtigung der Pferde zurückzukehren. Das Wort, das dem
so wohlwollenden Vorgesetzten für sein Verhalten die Erklärung gegeben
hätte, hatte ihm schon auf den Lippen gelegen: »Herr Oberstleutnant, ich
habe innerlich mit etwas fertig zu werden, was mich arg bedrückt. Eine
Angelegenheit, über die ich aus naheliegenden Gründen nicht sprechen
kann. Hoffentlich kriege ich sie unter, und dann will ich den mir so
gütig gegebenen Ratschlag gerne befolgen.« Die Scheu, sein
Allerinnerstes selbst vor noch so teilnehmendem Auge zu entblößen, band
ihm die Zunge.
Als er nach dem Mittagessen in das kleine Häuschen vor dem Tore kam, das
er sich so recht behaglich eingerichtet hatte, ging er geradenwegs in
das Schlafzimmer und musterte sein Gesicht aufmerksam in dem großen
Spiegel. Aehnlich wie vor jenen langen Wochen in Berlin. Nur diesmal
blickte ihm ein anderer entgegen. Ein hohläugiger Kerl mit hagerem
Gesicht, aus dem eine spitze Nase sprang, zwei tiefe Falten rechts und
links. Kein Wunder, denn der Kerl war krank. Zwei Geier fraßen zugleich
an seiner Leber, die Reue und die Sehnsucht. Da »bearbeitete« er sich
nach dem Wort, das er von dem dicken Freiherrn von Lindemann gehört
hatte. Aber das Mittel half nicht immer. Zuweilen fiel ihn die Sehnsucht
nach dem lieben blonden Mädel an wie ein körperlicher Schmerz ... Dann
sah er sie vor sich, die Annemarie von Gorski, wie sie ihm im Coupé
gegenübersaß auf der viel zu kurzen Fahrt damals, oder wie sie mit den
schmalen Füßen durch die spritzenden Regentropfen schritt, ohne sich
umzublicken. Kaum eine Stunde brauchte er zu reiten, und er konnte sie
wiedersehen, aber vor diesem Wege türmte sich ein grobes Hindernis. Das
Wort, das er einer anderen verpfändet, und von dem diese ihn noch immer
nicht gelöst hatte.
Jedesmal, wenn er nach Hause kam, schlug ihm das Herz, heute endlich
mußte doch die Antwort da sein! Aber der Platz auf dem Schreibtische war
leer. Nur zuweilen, alle Woche einmal, lag ein Brief da mit
zweisprachiger Adresse, russisch und deutsch, und dem Poststempel
Warschau. Wenn er ihn ausschnitt, fielen Papierschnitzel heraus, Stücke
einer polnischen Zeitung. Er versuchte, sie zusammenzusetzen, aber sie
ergaben keinen Sinn. Auch sein Lehrer Burdeyko vermochte sie nicht zu
erklären. Da warf er die rätselhaften Briefe ungelesen in den
Papierkorb. Nur ein unheimliches Gefühl beschlich ihn jedesmal dabei.
Als zwei Wochen vergangen waren, ohne daß er von Josepha eine Antwort
hatte, wandte er sich an ein Berliner Detektivbureau, dessen Adresse er
in einer Zeitungsannonce gelesen hatte. Ersuchte mit der Bitte, die
Spesen durch Nachnahme zu erheben, um Auskunft, ob Frau Rheinthaler,
Kolonie Grunewald bei Berlin, Prinz-Handjery-Straße, verreist wäre. Nach
drei Tagen kam die Antwort unter gleichzeitiger Nachnahme von dreißig
Mark: »Angefragte lebt höchst zurückgezogen in ihrer Villa, ganz der
Trauer um ihren, in der Blüte der Jahre verstorbenen Gemahl hingegeben.
Verschiedene Anzeichen lassen darauf schließen, daß sie in nächster
Zeit eine längere Reise anzutreten gedenkt, vermutlich ins Ausland.«
Da schrieb er einen neuen Brief in zwei Ausfertigungen. Einen an
Josepha, den zweiten an diese unheimliche alte Hexe, die ihm den Bericht
über die Ereignisse am Tage seiner Abreise geschickt hatte. Und diesmal
wurde er deutlicher in seinem gerechten Zorn, schrieb sich alles
herunter, was er auf der Seele hatte. Auf dem Papier sah es schroffer
aus, als er es sich zurechtgelegt hatte, aber er mochte nichts ändern.
Er schloß damit, daß er sein Wort unter falscher Voraussetzung abgegeben
hätte. Einer geschiedenen Frau hätte er es wohl halten können, aber
niemals einer, die schon vorher nicht die Anforderungen erfüllte, die
ein anständiger Mann an seine zukünftige Gattin zu stellen berechtigt
wäre. Und an einer flüchtigen Sinnesregung ließ er sich nicht
festhalten. Er wollte endlich wieder reinen Tisch haben in seinem Leben,
innerlich und äußerlich.
Die beiden Briefe trug er persönlich zur Post, ließ sie »eingeschrieben«
an ihre Adressen befördern. Die Tage vergingen, es kam keine Antwort.
Nur ein merkwürdiger Kerl stellte sich ein in der Nähe seiner kleinen
Villa, der ihn anscheinend beobachtete. Ein Kerl mit einem konfiszierten
Galgengesicht, der ihm auf die Dauer unheimlich wurde.
Drüben, auf der anderen Seite der Straße, war freies Feld. Da hatte der
Mann ein Stück von der Größe eines mäßigen Gartens gekauft, grub den
Acker um und ließ von einigen Arbeitern ein kleines Häuschen aufführen.
Jedesmal, wenn Gaston ausritt oder heimkehrte, fühlte er, daß der Mann
ihm forschend nachsah. Auch mit seinem Burschen hatte er sich bekannt
gemacht, stand zuweilen plaudernd am Gartenzaun. Nach näherer
Erkundigung aber stellte sich heraus, der unheimliche Fremde wäre ein
pensionierter Kanzleibeamter aus Königsberg, der sich hier einen
Ruhesitz einrichtete, auf dem er als bescheidener Rentner zu leben
gedächte. Die vermeintliche Beobachtung war nichts weiter als
spießbürgerliche Neugierde.
Da fing Gaston an, allmählich ruhiger zu werden, und zugleich stellte
sich ihm eine Erklärung ein, daß er auf seine beiden Briefe keine
Antwort erhalten hatte. Den zweiten hätte er sich eigentlich sparen
können, der erste war ja schon deutlich genug gewesen. So deutlich, daß
eine Frau wie Josepha darauf nichts mehr zu erwidern brauchte. Und er
zerfleischte sich mit bitteren Selbstvorwürfen, er hätte die notwendige
Befreiung vielleicht mit zarteren Mitteln durchsetzen können. Die
Aermste konnte doch nichts dafür, daß sie aus einem Gefühl
unerklärlicher Sympathie ihre Hoffnung auf einen setzte, der sie
bitterlich enttäuscht und -- weshalb, war gleichgültig -- die
beschworene Treue brach ...
Am eigenen Leibe verspürte er's jetzt, wie es einem zumute war, der sich
in hoffnungsloser Sehnsucht verzehrte. Wie eine Krankheit war das, die
den Befallenen ganz schwach und elend machte. Stundenlang ging man herum
wie ein Gesunder, dann kam plötzlich das bittere Weh über einen, daß man
hätte aufschreien mögen vor Schmerzen und Bangen und Qual.
Einmal vor ein paar Tagen hatte er das Fräulein von Gorski
wiedergesehen. Sie hielt in einem Selbstfahrer mit einem schnittigen
Trakehner Halbblut auf dem Marktplatz, sprach eifrig mit ihrer Freundin
Lüttritz, der Gattin des Rittmeisters der zweiten Schwadron. Er grüßte
respektvoll, sie dankte kurz, blickte kaum nach ihm hin. Wenn sie nicht
gar so kühl zurückgegrüßt hätte, wäre er an den Wagen getreten, hätte
sich entschuldigt, daß er wegen vielen Dienstes leider noch immer nicht
dazu gekommen wäre, in Kalinzinnen seinen pflichtschuldigen Besuch
abzustatten. So ging er weiter und schalt sich einen Narren, weil er
sich im innersten Winkel seiner Seele immer noch mit törichten
Hoffnungen und Wünschen getragen hatte. Die Einladung damals auf der
Reise war nichts weiter als eine belanglose Liebenswürdigkeit gewesen,
stammte aus irgend einer gehobenen Stimmung, die vielleicht mit der
Heimkehr nach langer Abwesenheit zusammenhing oder mit der glücklichen
Genesung ihres Vaters. Da hätte sie jeden anderen an seiner Stelle wohl
ebenso eingeladen. Und das vermeintlich absichtliche Vergessen der
kostbaren Zigarettentasche? Wenn es wirklich Absicht war, war es die
Laune einer verwöhnten jungen Dame, die sich in kindischem Trotz gegen
den Vater auflehnte einen Augenblick lang ...
Ein paar Stunden später war die ganze Angelegenheit wieder vergessen.
Und von seinem russischen Lehrer, der ihm nach beendigter Lektion bei
einer Zigarette zuweilen Neuigkeiten aus dem Kreise erzählte, erfuhr er,
die Verlobung im Herrenhause von Kalinzinnen stände kurz bevor. In der
letzten Augustwoche würde Fräulein von Gorski einundzwanzig Jahre alt,
und dann würde die Verlobung mit dem Besitzer des Nachbargutes Orlowen
veröffentlicht. Schon jetzt träfe man die Vorbereitungen zu dem Fest.
An dem Abend litt es ihn nicht in der Einsamkeit seines kleinen
Häuschens, er mußte sich irgendwie Gewißheit schaffen.
Er machte sich auf und ging ins Kasino. Es waren zehn oder zwölf Herren
da im Spielzimmer, aber er stieß auf frostigen Empfang. Alle gingen sie
nach kurzer Zeit fort, weil sie heim wollten nach anstrengendem Dienst
oder irgendeine Verabredung hatten. Nur sein »Schwadronskücken« blieb
bei ihm sitzen, der jüngere Leutnant von Gorski. Er lud ihn auf eine
Flasche Mosel ein, der Kleine akzeptierte dankend, saß aber dann
verfroren auf seinem Stuhl und blinzelte den Schwadronschef von Zeit zu
Zeit verwundert an, als wenn er fragen wollte, weshalb er gerade zu
dieser plötzlich über sein ahnungsloses Haupt sich ergießenden Ehrung
käme. Zudem war der Mosel sauer wie Essig. Eine jener Sorten, denen,
seiner Ansicht nach, vornehmlich die Zunahme der Temperenzlerbewegung zu
verdanken war.
Erst allmählich wurde der kleine Gorski wärmer, als sein Rittmeister ihm
bei der zweiten Hälfte der Flasche die unerwartete Eröffnung machte, ihm
wäre es leider nicht gegeben, mit leichtem Sinn Anschluß zu finden. Dazu
brauchte er immer erst eine gewisse Zeit, aber von jetzt an würde er
sich öfter zum abendlichen Schoppen im Kasino einfinden. Darauf erklärte
Karl von Gorski, die Ausführung dieser liebenswürdigen Absicht würde im
Kreise der Kameraden allseitige Freude erregen. Als jedoch danach das
Gespräch wieder ins Stocken geriet, begann er, seinem Vorgesetzten die
neuesten jüdischen Witze zu erzählen. Aber es war ein undankbares
Beginnen. Bei Pointen, die jedem an der polnischen Grenze Aufgewachsenen
das Zwerchfell erschütterten, verzog der kaum den Mund. Da beschloß er,
auf einen baldigen Rückzug zu sinnen, gleich den übrigen, die sich vor
dem steifleinenen Gesellen da rechtzeitig gedrückt hatten, in der
gemütlichen kleinen Kneipe am Gerichtsplatze saßen und würziges Bier
tranken statt sauren Mosels.
Unbegreiflich erschien es jetzt auch ihm, wie er an diesem zugeknöpften
und hochmütigen Generalstäbler in den ersten Tagen hatte Gefallen finden
können. Die andern hatten schon recht, dem waren die paar Jahre hier
nichts als eine belanglose Durchgangsstation. Sie aber waren mit dem
Regiment schon seit Generationen verwachsen. Alles, was an 'Cadets'
heranwuchs auf den Gütern um Ordensburg, diente bei den Dragonern.
Plötzlich aber hob der Kleine den Kopf mit den lächerlich großen Ohren.
Und mit einem Male fing es ihm an zu dämmern, weshalb der da drüben
seine Gesellschaft gesucht hatte.
»Was ich schon immer fragen wollte,« sagte der Rittmeister, »wie geht es
eigentlich Ihrem Herrn Onkel in Kalinzinnen? Ich fuhr am Tage meiner
Ankunft mit ihm in der Bahn zusammen, und wenn ich mich recht entsinne,
war damals von einer Operation die Rede, die er glücklich überstanden
hatte. Der alte Herr, glaube ich, war mit dem Pferde gestürzt?«
»Ganz recht,« versetzte Karl von Gorski, »aber es geht ihm
ausgezeichnet. Im Herbst hofft er schon wieder unsere Jagden mitreiten
zu können.«
»Freut mich sehr! Ihr spezielles Wohlsein, lieber Herr von Gorski.«
»Löffle mich gehorsamst, Herr Rittmeister.« Der Kleine leerte tapfer
sein Glas, hüllte sich danach aber in Schweigen. Der andere konnte ja
anfangen, wenn er mehr aus Kalinzinnen zu erfahren wünschte.
»Ich finde, dieser Mosel schmeckt ein wenig säuerlich,« sagte Herr von
Foucar nach einer Pause. Und er erwiderte:
»Mit allem schuldigen Dank für die gütige Einladung, aber ich bin der
Ansicht, man müßte den Kasinovorstand wegen Vorspiegelung falscher
Tatsachen belangen, weil er dieses Getränk mit 'Josephshöfer'
bezeichnet. Vielleicht aber hat bloß eine Verwechslung stattgefunden.
Wir haben nämlich auch ein Faß Essig im Keller liegen, da machen wir
wahrscheinlich mit Mosel den Salat an, während diese Flüssigkeit hier
sich sehr viel besser eignen würde zur Vermischung mit Oel und
Mostrich.«
Gaston lachte auf.
»Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt? Wollen wir ein Glas Sekt
trinken?«
Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen.
»Mein angeborenes Disziplingefühl gestattet mir nicht, eine solche
Anfrage aus dem Munde eines Vorgesetzten zu verneinen. Und da ich
persönlich zudem auf dem Standpunkte stehe, der Sekt müßte das
Nationalgetränk des preußischen Leutnants werden, namentlich, wenn er
eingeladen wird ...« Und er beschloß in seinem milder gestimmten Herzen,
sich zu revanchieren. Dem anderen da die Frage zu ersparen, zu der er
sich anscheinend nur schwer entschließen konnte.
Die Ordonnanz hatte den Eiskühler mit der silberbehalsten Flasche
gebracht, der Kleine schenkte nach eingeholter Erlaubnis die Gläser
voll.
»Uebrigens meine Cousine Annemarie hat sich riesig gefreut, als sie ihre
verloren geglaubte Zigarettentasche wiederbekam.«