Die Hand bebte ihm, er schrieb seinen Namen nicht so sicher wie sonst.
Und als er den fertigen Brief durchlas, hätte er ihn am liebsten wieder
zerrissen. Erschrecklich banal war das alles, aber was sollte er viel
anders schreiben? Etwa, daß er schon nach der Nacht in dem Ballokal zur
Besinnung gekommen wäre? Oder daß er am Tage darauf aus Mitleid und mit
erregten Sinnen einen Meineid geschworen hätte? Oder gar schließlich,
daß in ihrer Vergangenheit etwas wäre, über das kein Mann hinweg könnte?
Das ging nicht an. Das einzige wäre gewesen, mit der Absendung dieses
brutalen Briefes noch ein paar Tage zu warten, bis sie sich nach den
entsetzlichen Geschehnissen ein wenig beruhigt hätte. Dann aber schickte
er den Brief da vielleicht überhaupt nicht mehr fort, ergab sich mit
einer Art von Fatalismus in sein selbstverschuldetes Schicksal.
Sein Blick fiel auf eine Stelle in dem anderen Schreiben, das vor ihm
lag. »Der gnädige Herr ist gestorben, ohne daß er sein Testament hat
ändern können. Josepha erbt sein ganzes Vermögen.« Der Ekel würgte ihn
am Halse.
Er schloß seinen Brief in ein Kuvert, schrieb die Adresse und trug ihn
selbst nach dem nahen Bahnhof hinüber, steckte ihn in den blauen
Postkasten.
Als er wieder oben in seinem Zimmer saß, war ihm ein wenig leichter
zumut. Nur hätte er viel darum gegeben, wenn er den Brief da eben hätte
schreiben können, ohne an eine andere zu denken, die er seit ein paar
Stunden erst kannte. Immerfort mußte er an sie denken mit zehrender
Sehnsucht im Herzen ...
Unten die Musik spielte einen Walzer, den er vor einigen Nächten getanzt
hatte. Mit einer verführerisch schönen Frau, der er in plötzlicher Laune
den weißen Hals küßte.
Er verstopfte sich mit den Fingern die Ohren und stierte in das
aufgeschlagene Buch. Seite 24 stand da:
»Unter allen Umständen und in jedem Gelände muß die Eskadron, auch
unrangiert, alle reglementarischen Bewegungen sicher und schnell
ausführen können und stets -- auch in aufgelöster Ordnung -- fest in der
Hand des Führers sein.«
Nur seine Augen lasen den Satz, den er ja längst schon auswendig kannte,
seine Gedanken waren ganz wo anders -- -- --
7.
Die fünfte Eskadron des Dragonerregiments Graf Schmettau stand in Linie
zu vier Zügen auf dem großen Ordensburger Exerzierplatze, der sich
zwischen der Eisenbahn und dem Walde der Domäne Mrosen dehnte. Die Gäule
schlugen mit den Schwänzen und schlackerten die Köpfe der vielen Fliegen
wegen, die Mannschaft saß stumpfsinnig dösend da in den Sätteln. Es gab
einen neuen Schwadronschef, von dem ein unbestimmtes Gerücht ging in den
Mannschaftsstuben, er wäre ein besonders scharfer. Aber nur die im
ersten und zweiten Jahrgang verspürten ein leichtes Bangen in der Brust,
die »alten Leute« blickten ziemlich gleichgültig drein. Ihnen konnte
nicht mehr viel passieren in den paar Wochen, bis Reserve Ruhe hatte.
Wenn's aber Krieg gab, pumpte man ganz von selbst das letzte aus den
Knochen. Dazu brauchte man nicht erst »getrietzt« zu werden, um der
Gesellschaft da drüben zu zeigen, was 'ne ostpreußische Dragonerfaust
war.
Die Offiziere hielten in einem Pulk vor der Front und tauschten halblaut
ihre Meinungen. Sie erörterten die auffällige Tatsache, daß ein
Generalstäbler sechs Wochen ungefähr vor der reglementsmäßigen Zeit
seine Schwadron gekriegt hatte. Daraus konnte man zweierlei Schlüsse
ziehen. Entweder hatte man ihn in Berlin vorzeitig »als unbrauchbar
abgegeben«, oder er war eines von den ganz großen Kirchenlichtern, die
eine außergewöhnliche Karriere machten.
»Das letzte, meine Herren, das letzte,« sagte Karl von Gorski, der
jüngere der beiden Brüder. Er hatte sich am frühen Morgen zu dem
feierlichen Anlaß des Kommandowechsels wieder gesund gemeldet, trotzdem
das verstauchte Handgelenk ihm bei der Zügelführung noch arge Schmerzen
verursachte. Und mit pfiffigem Lächeln fügte er hinzu: »Derweil die
Herren noch schliefen, habe ich schon ein informatorisches
Telephongespräch mit jemand gehabt, der sehr gut unterrichtet ist über
unseren neuen Chef. Wir verdanken ihn der väterlichen Fürsorge meines
angeheirateten Onkels Wegener für sein altes Regiment. Er soll uns hier
die Schlachtpläne ausarbeiten, wie wir es fertig kriegen, mit
fünfhundert Mann eine Division Russen aufzuhalten. Und um auch gleich
Ihre Neugierde nach seiner Familie zu befriedigen: sie war vor genau
hundertzwanzig Jahren noch stockfranzösisch. Als man damals in Paris die
unangenehme Gepflogenheit einführte, sämtliche Aristokraten um ein
Stückchen kürzer zu schneiden -- am oberen Ende natürlich --, wanderte
sie nach Deutschland aus, weil das dort noch nicht Sitte war. Wissen Sie
jetzt Bescheid, meine Herren?«
»Vollkommen,« sagte der Leutnant Uhlenburg, wegen seiner Neigung zur
Korpulenz das »Tonnchen« genannt. »Aber von wem haben Sie denn diese
Kenntnisse bezogen?«
»Von wem denn sonst als von meinem alten Gönner Exzellenz von Moltke,
höchstpersönlich? Zuerst war er ein bißchen knurrig, weil ich ihn durch
dringliches Gespräch aus dem Schlaf geweckt hatte und er mit bloßen
Beinen am Telephon stand. Im Generalstab zieht es nämlich. Als er aber
hörte: 'Hier Karl von Gorski, der prominenteste Leutnant der
Ordensburger Dragoner', wurde er wie Zucker! Sie hat er auch grüßen
lassen, Tonnchen. Sie sollten nicht so viel dickes Bier trinken, sonst
würden Sie nie General werden!«
Die anderen Herren lachten, nur der ernsthafte Oberleutnant Gusovius,
der ein paar Schritte abseits hielt, verzog keine Miene. Er hatte die
Schwadron von dem Tage an geführt, an dem der Rittmeister Kaminski sich
krank meldete. Und daß da plötzlich vom Generalstabe einer ins Regiment
schneite, hatte ihm stille Hoffnungen zerstört. Wenn's Glück gut war,
wäre er zum Herbst auch an der Reihe gewesen, eine Schwadron zu kriegen.
Im günstigsten Falle kam er jetzt in ein fremdes Regiment, wer weiß
wohin, und an seiner Seele fraß gekränkter Ehrgeiz.
Auf dem Kamm der leichten Hügelwelle, die den Exerzierplatz von dem
Gartenlande des Städtchens schied, erschien ein einzelner Reiter. Der
Oberleutnant Gusovius wandte sich im Sattel: »Die Herren, bitte, auf
ihre Posten! Stillgesessen!«
Er spornte seinen Gaul und kanterte dem Kommenden entgegen. Auf drei
Schritt Entfernung parierte er und meldete: »Die Eskadron ist rangiert
in vier Zügen zu dreizehn Rotten mit zwei blinden!«
Rittmeister von Foucar streckte ihm die Hand entgegen.
»Danke, mein lieber Herr Gusovius! Und würden Sie es mir übelnehmen,
wenn ich gleich zu Anfang und ohne alle Umschweife ein offenes Wort mit
Ihnen spreche?«
Der Oberleutnant lenkte seinen Gaul an die Respektseite seines neuen
Vorgesetzten.
»Wie sollte ich wohl, Herr Rittmeister?«
»Na also, im königlichen Dienst darf es ja wohl keine Empfindlichkeit
geben, aber wir alle sind doch nur Menschen. Vorhin, als ich mich bei
unserem Kommandeur meldete, glaubte ich aus einer beiläufigen Bemerkung
entnehmen zu dürfen, daß meine Versetzung ins hiesige Regiment gerade
Ihnen nicht besonders willkommen gewesen wäre. Das tut mir leid, aber
die Versetzung ist nur zum geringen Teil durch mein Zutun erfolgt. Es
ist sehr ungewöhnlich, daß ich mich mit Ihnen darüber ausspreche -- ich
weiß es -- aber ich möchte nicht, daß unsere Beziehungen durch eine
leicht begreifliche Verstimmung getrübt werden. Und zwar nicht bloß die
dienstlichen. Also, wollen wir gute Kameradschaft halten?«
Das finstere Gesicht des Oberleutnants Gusovius erhellte sich, jetzt
streckte _er_ dem Vorgesetzten die Hand hin.
»Sehr wohl, Herr Rittmeister, von Herzen gern!«
Gaston von Foucar aber fühlte, daß er in diesem Augenblicke einen Freund
gewonnen hatte, und das gab ihm in seiner Lampenfieberstimmung die
Sicherheit wieder. Er ritt vor die Front, rief laut und fest: »Die
Schwadron hört von jetzt an auf mein Kommando! Guten Morgen, Dragoner!«
»Guten Morgen, Herr Rittmeister,« schrie es wie aus einer einzigen Kehle
zurück. Danach kam das Kommando »Absitzen«, Gaston begrüßte die
Offiziere und ließ sich die Unteroffiziere vorstellen. An jeden richtete
er eine kurze Frage, und jeder von ihnen hatte das Gefühl, der Mann da
mit dem gewinnenden Gesicht und den klaren Augen meinte es gut mit ihm,
würde seinen Namen nicht vergessen.
Hans von Gorski stand neben seinem jüngeren Bruder. Die Offiziere hatten
ebenso absitzen müssen wie die Mannschaft.
»Du, Karl,« sagte er leise.
»Na was denn?«
»Ich kann mir nicht helfen, er gefällt mir!«
»Mir schon gestern, wie er mich mit der Landkarte belapste. Und jetzt,
daß er keine Rede gehalten hat. Besinnst Dich noch auf seinen Vorgänger
Kaminski? 'ne halbe Stunde lang hat er gepredigt von Pflicht und Ehre
und nochmal Pflicht, zum Schluß: 'Seine Majestät der oberste Kriegsherr,
hurra, hurra, hurra!' Nachher war er der erste, der schlapp machte. Aber
erinner' mich nachher, ich hab' Dir was von unserem Cousinchen zu
erzählen! Augen wie Wagenräder wirst Du machen.«
»Warum nicht gleich?«
»Weil die Geschichte zu lang ist. Aber paß auf den Dienst, mein Sohn!
'Er' dreht sich schon nach uns um.«
Gaston ging langsam die Front entlang und musterte eingehend Mannschaft
und Pferde. Jeden einzelnen der Dragoner fragte er nach Namen und
Zivilverhältnis. Wenn ihm etwas Tadelnswertes auffiel an der Sattelung
oder am Anzuge, sagte er nichts, sondern sah nur den neben ihm
schreitenden Wachtmeister mit kurzem Blicke an. Der aber gab den Blick
an die einzelnen Gruppenführer weiter, nur in erheblich verstärktem
Maße. Ein Donnerwetter zog sich über schuldigen Häuptern zusammen, die
da geglaubt hatten, der alte Schlendrian könnte so weiter gehen.