Eine seltsam gekleidete alte Frau erhob sich, trat einen Schritt näher.
Unter einem bunten Kopftuch stand ein schneeweißer Scheitel. Die Füße
steckten in schwarzen Schnürschuhen, in der Rechten trug sie einen
derben Schirm, auf den sie sich stützte, als wenn ihr das Stehen schwer
fiele. Aus dunklen Augen sah sie Gaston prüfend an. Schließlich seufzte
sie leicht auf und kam langsam ins Zimmer. Gaston schloß hinter ihr die
Tür.
»Sie wollten mich persönlich sprechen?«
»Ja, Herr Hauptmann,« sagte sie, »und sehen! Damals als Sie zum ersten
Male bei uns waren, hatte ich keine Gelegenheit.«
Sie sprach ein ganz korrektes Deutsch, nur in der harten Betonung
gewisser Vokale verriet sich ein slawischer Anklang.
Gaston wurde es unter den musternden Blicken unbehaglich zumute.
»Sie stehen zu Frau Rheinthaler wohl in einem besonders vertrauten
Verhältnis?«
»Ihre Mutter war zu eitel, da hab' ich sie genährt. Seit sie zum ersten
Male in meinen Arm gelegt wurde, habe ich sie nicht mehr verlassen.«
»Na, das ist sehr nett von Ihnen!« Ihm fiel im Augenblick nichts anderes
ein als diese banale Wendung. Und, mit einem Versuche zu scherzen,
fügte er hinzu: »Sie sehen mich so prüfend an. Gefalle ich Ihnen nicht?«
Sie zuckte mit den Achseln.
»Darauf kommt es nicht an. Nur eins: Sie haben ihren Brief gelesen.
Danach mußte ich fast eine halbe Stunde warten! Haben Sie so lange Zeit
gebraucht, sich Ihre Antwort zu überlegen?«
Gaston fuhr mit gemachtem Unwillen auf.
»Hätte ich Sie vielleicht im Schlafzimmer empfangen sollen? Ich mußte
mich doch erst anziehen!«
Sie schüttelte den Kopf, ohne die forschenden Augen von seinem Gesicht
zu wenden.
»Ich bin ein altes Weib, vor mir brauchten Sie sich nicht zu genieren. Und
es ist schon richtig. Sie sehen nicht aus wie einer, der sich vor Freude
nicht zu lassen weiß! Aber ich werde ihr was vorlügen. Sie würde sterben,
wenn ich ihr die Wahrheit sagen wollte! Seit dem ersten Tag, wo sie mir
von Ihnen erzählte, ist sie krank. Erst als ich ausgekundschaftet hatte,
daß Sie es mit keiner anderen hielten, daß Sie frühmorgens in das große
rote Haus am Königsplatz fuhren und erst spät in der Nacht wieder
heimkehrten, beruhigte sie sich.«
Gaston richtete sich auf. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung
weiterzuführen, bei der er wie auf einem Armesünderbänklein saß.
»Es ist genug. Empfehlen Sie mich Ihrer Herrin, ich werde mir erlauben,
um fünf Uhr bei ihr zu sein!«
»Weiter soll ich ihr nichts ausrichten?«
»Nein!«
Die Alte trat näher, umklammerte seinen Arm.
»Lieber, guter Herr, seien Sie nicht böse. Ich müßte mich ja selbst
verfluchen, wenn ich mir sagen müßte, ich hätte etwas bei Ihnen
verfehlt. Nur, weil ich sie so sehr liebe, daß ich mein Herzblut
verspritzen könnte für sie, meine ich immer, allen anderen müßte es
ebenso gehen. Also, Herr, sagen Sie mir nur ein einziges Wort, damit ich
mich vor meinem Kind nicht so zu verstellen brauch' ...«
Gaston machte sich unwillig los.
»Aber, meine Verehrteste, wer mutet Ihnen denn zu, daß Sie sich
verstellen sollen! Richten Sie der gnädigen Frau einen schönen Gruß von
mir aus! Alles, was unsere Zukunft angeht, werde ich heute nachmittag
persönlich mit ihr besprechen.«
»Dazu wird vielleicht keine Gelegenheit sein. Heute nacht hatten wir
alles gepackt, um fortzugehen. Da kam der Herr nach Hause, von der
anderen. Wie er unsere Vorbereitungen sah, gab es einen schrecklichen
Anfall. Ich glaubte, es ging schon zu Ende, aber er erholte sich wieder.
Dann hat er geweint und gebettelt, sich die Haare gerissen und
geschworen, er würde der anderen den Laufpaß geben. Die Josepha hat ihm
nicht geantwortet, und jetzt läßt er sie nicht aus den Augen. Sitzt in
seinem Stuhl und spricht kein Wort, bettelt nur immer mit den Augen.«
Gaston wandte sich ab, unsäglich widerwärtig war das alles.
»Na, dann sagen Sie Ihrer Herrin, es tut mir leid, aber unter diesen
Umständen kann ich keinen Fuß in das Haus ihres Mannes setzen! Sie wird
mir das nachfühlen.«
Die Alte hob die dürre Hand.
»Um Gottes willen, Herr, das geht nicht! Sie wartet auf Sie wie auf den
Heiland. Um Sie noch einmal zu sehen und daraus Mut zu schöpfen für
alles, was ihr noch bevorsteht. Wollen Sie ihr da dies kleine Opfer
nicht bringen?«
»Es ist gut,« sagte er mit einem Aufatmen, »ich komme! Und da es unter
all den Umständen wohl keinen anderen Weg gibt -- richten Sie ihr etwas
aus, was ich ihr sonst persönlich gesagt hätte. Ich setze allerdings
dabei voraus, daß ich Ihnen vollkommen vertrauen darf.«
Die Alte reckte ihre hagere Gestalt, über ihr vertrocknetes Gesicht flog
ein heller Schein.
»Sie vertraut mir, das muß Ihnen genug sein. Wie an einer Mutter hängt
sie an mir.«
»Nun denn ... Also sagen Sie der gnädigen Frau, ich hätte heute meine
Versetzung in die Front bekommen. In ein kleines Nest an der russischen
Grenze. Ob ich nach Berlin zurückkehre, hängt nicht von mir allein ab.
Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht bestimmt. Es kann ebenso gut sein,
daß ich dort unten für immer bleiben muß. Ich bitte die gnädige Frau
daher, sie möchte es sich noch einmal reiflich überlegen. Ob sie mir
dorthin folgen will, in die engen und beschränkten Verhältnisse ...«
Um die welken Lippen der Alten flog ein bitteres Lächeln.
»Ich verstehe! _Sie_ möchten sich's noch einmal überlegen. Aber das geht
nicht an, sie würde es nicht verwinden. Und nun hören Sie mir gut zu!
Ich leide es nicht, daß Sie ihr wehe tun. Strafen wird die heilige
Mutter Gottes Sie, wenn Sie Ihr Wort brechen, und ich werde ihr Werkzeug
sein. Ich schwöre Ihnen, Sie können an das Ende der Welt fliehen, ich
werde Sie erreichen!« Hochaufgerichtet stand sie da, die dunklen Augen
in dem gelben Gesicht blitzten in fanatischem Glanz.
Gaston hatte ihr ärgerlich ins Wort fallen wollen, aber die Alte war
nicht zu beirren. Da ließ er sie aussprechen. Ueber die Drohung zum
Schluß mußte er lachen. Sie war auch überflüssig, er hatte sich ja
längst schon entschieden. Nur es war etwas in ihm, was ihn trieb, genau
so ehrlich zu sprechen wie die andere da, die ihrer Herrin in blinder
Treue ergeben war.
»Sie haben richtig geraten, Frau ... Frau ...«
»Ursula heiß' ich,« fiel die Alte ein, »Ursula Blazitschek aus
Deutsch-Brod in Böhmen.«
»Also, Frau Ursula, sagen Sie Ihrer Herrin, daß ich heute nacht noch
gewissenhaft mit mir zu Rate gegangen bin. Daß ich auch heute noch
überlegte, ob ich sie nicht bitten sollte, mir mein Wort wieder
zurückzugeben. Das ist jetzt anders geworden. Nach dem Brief da ...
nicht nach Ihren Drohungen. Die würden mich nicht einen Schritt weiter
treiben, als ich zu gehen entschlossen wäre. Ich habe vieles zu
überwinden, aber ich hoffe, es wird mir gelingen. Ich will ihr die Treue
halten, mehr kann ich heute nicht versprechen. Wenn sie damit zufrieden
ist, soll sie mir folgen. Gott gebe, daß es ihr und mir zum Guten
ausschlägt.«
Die Alte beugte sich hinab. Ehe er es verhindern konnte, hatte sie den
Schoß seines Ueberrockes an die Lippen gezogen.
»Dank, Herr! Jetzt wird sich alles zum besten wenden. Nur ihr werde ich
nicht alles wiedersagen, was wir gesprochen haben. Wozu soll sie sich
mit Zweifeln betrüben? Sie hat genug gelitten in dieser Zeit! Um Euer
Glück aber ist mir nicht bange ... Und jetzt, Gott befohlen, Herr! Ich
werde zusehen, ob es nicht möglich sein wird, daß Ihr Euch heute
nachmittag für ein paar Minuten allein sehen könnt.«
Sie knixte und ging eilig hinaus, ohne sich umzublicken. Ein paar
Augenblicke war ihm zumute, als ginge das alles nicht ihn an, sondern
einen Fremden. Wie in einem Theater kam er sich vor, in dem sich
allerhand seltsame Geschehnisse abspielten. Wenn der Vorhang fiel, war
die Täuschung vorüber. Man zog sich den Paletot an und trat wieder in
die Wirklichkeit hinaus. Er schüttelte den Kopf und begann nachzudenken.
Ein Mann, der sich fest in der Hand zu halten glaubte, trieb willenlos
in dem Strom des Schicksals, Zufälle bestimmten ihm den Weg, blinde und
alberne Zufälle, die jählings einfielen, wie eine aus verkehrter
Richtung in die Segel schießende Böe. Einen Tag später war die Arbeit
fertig, und er hätte die Frau, die jetzt sein Schicksal wurde,
vielleicht nie wiedergesehen. Oder der Hauptmann Sternheimb, der gestern
die Arrangements des lustigen Abends besorgte, wäre auf die Idee
gekommen, ein anderes Ballokal für den Nachtbummel vorzuschlagen.
Verrückt konnte man werden, wenn man darüber nachdachte.
Der Bursche brachte das Frühstück herein, Gaston stürzte hastig eine
Tasse Tee hinunter. Es war höchste Zeit, sich in den Dienst zu begeben.
Und allmählich mußte er sich auch in eine Art von Freudengefühl
hineinsteigern, damit seine Danksagung bei dem Oberst Wegener nicht der
nötigen Wärme entbehrte. Aber es gelang nicht. Immer mußte er denken,
daß er in den so heiß ersehnten neuen Wirkungskreis nicht eine lockende
Hoffnung mitnahm, sondern eine drückende Last -- -- --
* * * * *
Der Oberst war sehr guter Laune, als er seinen Schützling empfing. Nur
hatte er wenig Zeit, denn er war zum Vortrage befohlen worden, konnte
jeden Augenblick abgerufen werden. Er ordnete Papiere und Akten, als
Gaston in sein Zimmer trat.
»Na, lieber Foucar, wie ist Ihnen jetzt zumute?« rief er ihm entgegen.
»Freuen Sie sich?«
»Außerordentlich! Und ich weiß gar nicht, wie ich Herrn Oberst für all
die Güte und Fürsorge ...«
»Ist schon gut, ich freue mich mit, daß ich's hab' zurechtschieben
können. Hauptsächlich für den Ordensburger Kommandeur. Der kann Leute
wie Sie gebrauchen. Ich hab's Ihnen wohl schon neulich gesagt, er ist
ein guter Freund von mir, der Oberstleutnant Harbrecht -- noch von der
Kriegsschule her. Ich hab' ihn um ein paar Nasenlängen überholt ... na
schön. Grüßen Sie ihn von mir! Und sagen Sie ihm im Vertrauen, er soll
den alten Säbel schleifen. Es liegt eine verdammt schwüle Spannung in
der Atmosphäre.«
Gaston atmete tief auf. Und jetzt kam endlich die Freude über ihn. Das
war vielleicht die Lösung aus all der Wirrsal, in die ihn diese
vergangene Nacht gestürzt hatte.
»Glauben Herr Oberst wirklich?«
Der Chef zuckte mit den Achseln.
»Ich vermute nur! Ich habe mich in dieser Zeit schon so oft mit meinen
Prophezeiungen blamiert. Vielleicht heißt's morgen, wieder 'rin in die
Kartoffeln! Aber wo der Oberstleutnant Harbrecht mit seinen Dragonern an
_der_ Seite sozusagen am dransten ist, kann's nicht schaden, wenn er noch
schärfer aufpaßt als sonst. Ich glaube, unsere Herren Nachbarn im Osten
werden sich im Ernstfalle nicht lange mit der Vorrede aufhalten. Sie
haben um Szuczin, Grajewo, und wie die Nester alle sonst heißen mögen,
einen ganz anständigen Pulk Kosaken versammelt, und unsere Grenze bis zu
dem masurischen Seendefilee ist offen. In einer Nacht können sie bis
Lötzen reiten.«
»Ich danke Herrn Oberst für die Mitteilung. Ich werde es Herrn
Oberstleutnant Harbrecht ausrichten.«
»Na, dem erzählen Sie mit dem letzten keine Neuigkeiten, der weiß in
seinem Kram Bescheid. Das war mehr für Sie, damit Sie sich gleich zu
Anfang bei ihm ein bißchen nett einführen können!«
»Herzlichen Dank, Herr Oberst. Ich hatte inzwischen auch schon
Gelegenheit genommen, mich wenigstens oberflächlich über die dortigen
Verhältnisse zu unterrichten. Herr Major Nahmacher hatte die Güte, mir
auf meine Bitte das einschlägige Material in seinem Bureau für eine
Stunde zur Einsicht zu überlassen.«
Der Chef nickte wohlgefällig.
»Um so besser! Aber jetzt einen kleinen Tropfen Wermut in den Becher der
Freude: Urlaub is nich! Wenn die Zeiten wider Erwarten ruhig bleiben
sollten, nach dem Manöver.«
»Sehr wohl, Herr Oberst. Ich hatte sowieso nicht darauf gerechnet. Jetzt
natürlich erst recht nicht, ich müßte mich ja schämen. Und ich habe hier
nicht viel zu besorgen. Ein paar Abschiedsbesuche. Die ärgste
Zeitversäumnis wäre die neue Uniform. Sonst könnte ich schon heute abend
reisen.«
Der Oberst Wegener lachte laut auf.
»So doll ist das Vaterland nun nicht in Gefahr! Die Russen werden ja
nicht gleich morgen anfangen.«
Eine Ordonnanz betrat das Zimmer, stand an der Tür stramm.
»Was' los?«
»Exzellenz erwarten den Herrn Oberst.«
»Es ist gut, ich komme sofort!«
Der Chef griff nach seiner Mappe.
»Tut mir leid, lieber Foucar, ich hätte gerne noch ein Weilchen mit
Ihnen geplaudert. Von meinem lieben Ostpreußen. Ich hab' da 'ne Masse
Verwandte, denen können Sie Grüße bestellen! Die Leitners in Prawdowen,
die Ahrens in Sarken, den Reichs- und Landtagsabgeordneten Gorski auf
Kalinzinnen ... mit einem himmlischen Kerl von Tochter. Ich alter Esel,
als ich das letzte Mal auf Urlaub war, verschoß mich in das Mädel, daß
meine gute Alte beinahe eifersüchtig wurde ... Na, das soll natürlich
kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Von diesen herrlichen Edelfohlen
läuft da auf dem Lande noch eine ganze Masse herum. Also, jetzt Schluß,
lieber Foucar, und adieu!« Er schüttelte seinem gewesenen Untergebenen
kräftig die Hand: »Alles Gute auf den Weg, und schreiben Sie mir mal!«
Gaston fühlte es heiß im Herzen aufsteigen. Ganz unwillkürlich beugte er
sich über die Hand, die seine Rechte hielt. Wie die Hand eines Vaters
kam sie ihm vor.
Der Oberst machte eine rasche Bewegung.
»Unsinn,« sagte er, aber seine Stimme klang ein wenig rauh. »Ich hatte
vom ersten Tage an ein Auge auf Sie geworfen, um Sie für mein geliebtes
altes Regiment und die Heimat einzuheimsen. Und jetzt Schluß ... Gott
befohlen!« Er wandte sich ab, ging eilig zur Tür hinaus. Gaston aber
stand noch eine Weile allein, ehe er sich in sein Zimmer zurückbegab. Er
fühlte sich bedrückt von diesem Vertrauen und kam sich nicht mehr so
sauber vor wie früher.
Sein alter Stubenkamerad, Hauptmann von Sternheimb, hob bei seinem
Eintritt den Kopf.
»Sie, Foucar, hier in der Abteilung hat sich eine seltsame Mär
verbreitet. Die Herren im Nachbarzimmer haben es deutlich gehört: der
Alte soll ein paarmal gelacht haben, während Sie Audienz bei ihm hatten.
Richtig gelacht. Also das ist ein so merkwürdiges Vorkommnis ... Morgen
haben wir entweder Erdbeben oder Krieg nach drei Fronten.«
»Vielleicht habe ich ihm einen guten Witz erzählt.«
Herr von Sternheimb lachte.
»So sehen Sie aus! Aber, wenn es nicht indiskret ist: Was wollten Sie
eigentlich bei ihm? So feierlich im besten Ueberrock, mit Zylinderhut
und Säbel?«
»Mich abmelden! Ich bin als Rittmeister zu den Ordensburger Dragonern
versetzt worden.«
Hauptmann von Sternheimb sprang auf.
»Mann Gottes, und das sagen Sie mit so einer Leichenbittermiene? Sausen
wieder mal über ein paar Dutzend Vordermänner weg -- unter anderen auch
über mich -- kommen in die Front, während wir hier wie die Kulis im
Schwitzkasten sitzen müssen. Die hohe Dame, die da unten in der kleinen
süddeutschen Residenz Ihre Schicksale lenkt, scheint wieder einmal recht
tätig gewesen zu sein.«
Gaston verfärbte sich.
»Wie meinen Sie das, Herr von Sternheimb?«
Der andere wurde ein wenig verlegen.
»Entschuldigen Sie, das ist mir so herausgefahren. Aber es geht hier
unter uns eine Legende, Sie erfreuten sich da unten in Süddeutschland,
noch von Ihrem seligen Herrn Vater her, ganz besonders guter
Beziehungen.«
»Das ist ein Irrtum. Mein Papa ist gestorben, als ich kaum ein Jahr alt
war. Ich habe mir mein bißchen Weg allein gemacht, ohne jede Protektion!
Die Versetzung jetzt zu so ungewöhnlicher Zeit verdanke ich unserem
Abteilungschef. Er hat sie mir selbst angetragen!«
Herr von Sternheimb lächelte vielsagend.
»Er schien Ihnen schon immer wohlgewogen zu sein. Na dann: gratuliere
herzlichst!«
Gaston runzelte die Stirn. So wie der hier, dachten alle übrigen.
Kameradschaft existierte doch nur dort, wo einer den anderen nicht zu
beneiden hatte.
»Ich hatte die Absicht, die Herren in unserer Abteilung heute abend zu
einem Abschiedstrunk zu laden. Bitte, empfehlen Sie mich ihnen! Ich muß
früher in Ordensburg antreten, als ich gedacht hatte. Nach der
Stichprobe hier eben zu schließen, wird man mir ja auch nicht allzu viel
Tränen nachweinen.«
Herr von Sternheimb machte eine lässige Handbewegung.
»Ihre eigene Schuld, Herr von Foucar! Sie haben sich ja immer von uns
zurückgezogen. Gestern kriegten wir eine Art von Erklärung und verziehen
Ihnen mit schnödem Neid im Herzen. Minnedienst geht vor Kameradschaft.«
»Wie meinen Sie das?« fragte er, ein wenig unsicher.
»Na, das feuchte Weib, mit dem Sie allein im Auto nach Hause gondelten.
Donnerwetter noch mal, war das 'ne pompöse Erscheinung! Und anscheinend
eine Klasse für sich. Eigenes Auto mit Chauffeur und Diener.«
»Herr von Sternheimb, ich mache Sie darauf aufmerksam. Sie sprechen von
einer Dame der Gesellschaft!«
»Ah, pardon! Der Ansicht war ich nämlich auch, als wir nachher noch bei
einem Gläschen Pilsner beisammensaßen, aber der lange Bledow hatte
zufällig neben Ihnen getanzt und ganz deutlich gesehen, wie Sie Ihrer
Partnerin einen zärtlichen Kuß auf den schneeweißen Schwanenhals
applizierten! Das gab er natürlich unter allgemeiner Heiterkeit zum
besten.«
Gaston wandte sich ab und biß sich auf die Lippen. Herr von Sternheimb
trat näher und legte ihm die Hand auf den Arm.
»Na, Foucar, nichts für ungut! Wollen nicht im Aerger auseinandergehen.
Wir haben in der Zeit hier doch immer sehr brav zusammengehalten! Und
soll ich vielleicht noch feierlich erklären, daß ich nicht die geringste
Absicht hatte, der Dame zu nahe zu treten?«
»Ist nicht nötig,« erwiderte er mühsam. »Nach den Beobachtungen, die
Herr von Bledow gemacht hatte, konnte es sehr wohl den Anschein haben
... also erledigt!«
Herr von Sternheimb sah ihn nicht ohne Teilnahme an.
»Es tut mir furchtbar leid, lieber Foucar, falls ich da an etwas gerührt
haben sollte ... Ich habe mir nichts dabei gedacht! Aber Sie werden mir
zugeben, es ist doch, gelinde gesagt, ein bißchen ungewöhnlich, daß eine
Dame der Gesellschaft sich mitten unter diese kleinen Mädchen mischt.«
»Ist ja schon gut,« sagte Gaston gequält, »wollen die Sache nicht unnütz
breittreten! Nur so viel noch: wenn sich jemand Vorwürfe zu machen hat,
bin ich es, ganz allein. Ich habe die junge Frau, die sich in Begleitung
ihres Mannes und noch einiger Herrschaften den Balltrubel aus Neugierde
'mal ansehen wollte ... dabei ist doch nichts, nicht wahr? ... Ja also,
ich habe die Dame dazu verleitet, mit mir einmal herumzutanzen. Daß ich
mir nachher diese unbegreifliche Unverschämtheit erlaubte, dafür kann
sie nichts. Ich muß gestern nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Sie
würden mich zu Dank verpflichten, lieber Sternheimb, wenn Sie den
Herren, die gestern mit von der Partie waren, in dieser Richtung --
gelegentlich einmal -- eine Aufklärung geben würden.«
»Aber natürlich! Herzlich gerne,« beeilte sich der andere zu versichern.
»Wir hatten ja alle gestern ein bißchen scharf getrunken. Wenn man da
einer schönen Frau ein wenig allzu keck huldigt, noch dazu in einer
solchen Umgebung ... na, das läßt sich begreifen. Sie scheint es Ihnen
ja auch nicht übelgenommen zu haben, stieg mit Ihnen ganz vergnügt in
das Auto ... Der lange Below rief Ihnen noch zu: Viel Vergnügen! aber
Sie hörten nicht mehr.«
»Nein, allerdings nicht ... ist mir ganz entgangen, sonst hätte ich dem
Herrn wohl eine recht deutliche Zurechtweisung ... Na ist gut! ... Also
dann adieu, Sternheimb.«
»Adieu, lieber Foucar, grüßen Sie mir das liebe alte Nest da an der
Grenze. Wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir uns zum Herbst
vielleicht wieder. Ich habe da einen weitläufigen Vetter, der hebt mir
immer ein paar gute Rehböcke auf. Sie kennen ihn übrigens auch. Vor 'nem
Jahr ungefähr hat er mich hier besucht, und Sie waren so liebenswürdig,
den endlosen Nachtbummel mitzumachen. Der junge Kersten war noch dabei,
von den Königsberger Kürassieren.«
»Ganz recht, jetzt entsinne ich mich. Na dann nochmals adieu und
hoffentlich auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen, lieber Foucar, und alles Gute.«
Als Gaston nach der Erledigung der üblichen Formalitäten und den
notwendigen Abmeldungen das große Gebäude am Königsplatz verließ, würgte
ihn etwas am Halse.
Ganz erbärmlich kam er sich vor, aber es ging nicht anders, er mußte die
Fessel wieder abstreifen, in die er sich bei nicht ganz klaren Sinnen
verstrickt hatte. Was er sich unter dem Eindruck des Briefes am frühen
Morgen zurechtgelegt hatte, als könnte er mit Frau Josepha in dem
kleinen Städtchen wie auf einer Insel leben, war frommer Selbstbetrug
gewesen. Torheit war es doch, zu glauben, daß dort niemand hinkommen
könnte, der Josephas Vergangenheit kannte. Das Gespräch eben mit dem
Hauptmann von Sternheimb war lehrreich genug gewesen.
Zwei Dinge gab es nur, zwischen denen er zu wählen hatte: seine Karriere
als Soldat oder die Frau. Da mußte man hart sein, alle sentimentalen
Regungen über die linke Schulter werfen und sich frei machen!
Und schließlich, wenn man sich die ganze Angelegenheit jetzt einmal im
klaren Tageslichte besah, was war denn Großes geschehen? Eines jener
hysterischen Weibchen, die in Berlin zu Tausenden herumliefen, hatte
sich in ihn verliebt. Sah in ihm den Retter aus aller Not und -- mal das
Ding beim richtigen Namen genannt -- warf sich ihm an den Hals. Er hatte
sich einfangen lassen in der seltsam gesteigerten Stimmung der Nacht.
Jetzt war es wieder heller Tag, und da kam man zur Besinnung. Richtete
seinen Weg nach vernünftigen Ueberlegungen, statt nach unklaren und halb
trunkenen Empfindungen. Wenn es dabei auch nicht ohne eine gewisse
Brutalität abging. Das war gesunder Selbsterhaltungstrieb!
Und unwillkürlich mußte er denken, ein anderer an seiner Stelle hätte
vielleicht skrupellos die Gelegenheit benutzt, die schöne Frau zu
seiner Mätresse zu machen. Er aber, in dem Respekt, den nur von einer
Mutter erzogene Männer vor allem hegten, was Weib hieß, er hatte gleich
sich selbst eingesetzt und seinen Namen. Da stand denn doch Gewinn zu
Verlust in einem zu argen Mißverhältnis. Und wenn er wenigstens noch
eine Spur von Liebe empfunden hätte! Aber nichts, rein gar nichts als
ein bißchen Mitleid.
Er stöhnte auf und ballte im hastigen Dahinschreiten die Faust: Schwerenot
noch einmal, das war nicht genug, um darauf ein Mannesschicksal
aufzubauen! Er konnte sich an diesem Mitleid doch nicht einfangen lassen
wie an einem Strick. Da mußte man sich losreißen mit ein paar kurzen
Worten heute nachmittag und nach dem Abschied nicht rückwärts schauen.
Auch nicht grübeln und sich selber Moralpauken halten. Eine dunkle Stunde,
an die er nicht ohne eine gewisse Scham zurückdachte, hatte schließlich
jeder in seinem Leben. Das mußte man nicht tragisch nehmen. Namentlich,
wenn es um eine Frauenzimmerangelegenheit ging. Da gab es ein bißchen
Geflenn und Geplärre, man plagte sich selbst eine Weile lang mit
Gewissensbissen, schimpfte sich mal Schweinehund -- wenn's gar zu arg
wurde, betäubte man sich mit einer guten Flasche. Und dann kam die liebe
Zeit, brachte allmählich Vergessenheit. Man mußte sich nur von gewissen
altfränkischen Vorstellungen losmachen. Daß Wort Wort war! Ob man es nun
einem Manne abgegeben hatte oder einem Weibe, in der Trunkenheit oder bei
vollkommen klaren Sinnen.
4.
Als Gaston nach Hause kam, lag auf dem Tische die offizielle Bestätigung
der privaten Nachricht, die er in der gestrigen Nacht erhalten hatte.
Er überlegte. Wenn er eine Depesche an seinen neuen Kommandeur schickte,
hätte der ihm die paar Tage Urlaub wohl nicht abgeschlagen. Eigentlich
brauchte er nicht viel mehr als sechsunddreißig Stunden, um zu seinem
alten Mütterchen hin und zurück zu fahren. Und da hätte er sich in einer
Aussprache wohl Klarheit und Trost holen können. Aber wie sollte er es
anfangen, der schlichten alten Frau all das zu schildern, was in seinem
besonderen Falle mitspielte? Sie hätte ihn vielleicht gar nicht
verstanden, nach dem altüberkommenen Schema Schwarz oder Weiß geurteilt.
Daß modern empfindende Menschen da allerhand Schattierungen und
Zwischenstufen einschoben und danach ihr verständnisvolles Urteil
einrichteten, hätte sie wohl nicht begriffen. Und danach wäre sie, wie
immer, auf den eigenen Kummer gekommen, der ihr ganzes Leben zerstört
hatte. Auf den allzufrühen Verlust des Gatten, der nach kaum
zweijähriger Ehe in den sicheren Tod gegangen war. Als Kammerherr und
Hofmarschall der Großfürstin Anna Feodorowna, die sich als Witwe an den
heimatlichen kleinen Hof zurückgezogen hatte. Für den Ruf seiner Herrin
hatte er sich geschlagen, den ein frecher Höfling in den Staub gezerrt.
Aus glatter, blanker Vasallentreue hatte er sich geschlagen, wie ein
Kavalier des =Ancien régime=, aber seine Frau witterte etwas anderes
dahinter, ein Verhältnis mit der leichtlebigen Großfürstin. Und davon
war sie nicht abzubringen, auch nicht, nachdem sie den Brief gelesen
hatte, der ihrem Sohne von dem Vormunde eingehändigt wurde an dem Tage,
als er Offizier wurde.
»Mein Junge, es wird etwas lange dauern, bis Du nach meiner
Bestimmung diesen Brief zu lesen bekommst. Du sollst erst reif genug
sein, Dir selbst ein Urteil über Deinen Vater zu bilden. Ich werde
morgen früh im Zweikampfe erschossen werden, denn mein Gegner hat in
der Handhabung der Pistole eine größere Fertigkeit. Ich weine bei dem
Gedanken, Dich und Deine Mutter allein zurückzulassen, aber ich
sterbe im Dienst. Im Dienst der Herrin, der ich mich gelobt habe. Sie
ist ein Racker, ich weiß es, aber ihr Ruf wurde öffentlich
beschimpft, und ich muß als der =Cavaliere servente= dafür eintreten.
Getreu dem Wahlspruch unseres alten Geschlechts: =mon âme à Dieu, mon
épée au roi, mon coeur aux dames!= Deine Mutter als reine Deutsche
versteht das nicht. Sie glaubt, ich hätte ein sträfliches Verhältnis
mit meiner Herrin. Dir gebe ich mein Wort, es war nicht der Fall,
trotz öfterer Gelegenheit. Dazu hatte ich Deine Mutter viel zu lieb.
In den hundert Jahren, die unser Geschlecht jetzt in dem
schwerfälligen Deutschland lebt, ist uns jene frohe und leichtblütige
Galanterie abhanden gekommen, die an unverbindliche Zärtlichkeiten in
schwüler Stunde nicht den Maßstab eines Wüstenpredigers legt. Da
langweilte sich meine hohe Herrin mit mir, wählte für ihr =loisir=
einen Burschen, der nicht luftdicht war, der im Trunk mit der
genossenen Gnade großsprecherisch prahlte. Es tut mir leid, daß ich
wegen mangelnder Fertigkeit diesen Lumpen nicht gebührend züchtigen
kann. Der Schlag ins Gesicht war nicht genug.
Und nun leb' wohl, mein Junge. Es tut mir leid, daß ich Dich der
Erziehung Deiner Mutter überlassen muß. Sie wird einen deutschen
Pedanten aus Dir machen, der mal eine wohlerzogene Geheimratstochter
heiratet. Das letzte Tröpfchen gallischen Abenteurersinnes wird
verloren sein. Aber vielleicht ist es gut so -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Ich habe in dem Brief eine Pause gemacht, eine ganze Weile saß ich an
Deinem Bettchen. Du schliefst ruhig, die kleinen, runden Fäuste gegen
das Näschen gestemmt. Deutlich erkannte ich das Zeichen der Foucar,
den leichtsinnigen kleinen Knick nach links, aber man wird ihn Dir
schon austreiben. Danach bettelte ich noch einmal an einer
verschlossenen Tür -- sie tat sich mir nicht auf. Vielleicht wäre
dann noch alles anders gekommen.
Also adieu, mein Junge! Einen Rat gebe ich Dir auf den Weg: bleibe
ledig! Dann bleibst Du auch frei. Die Nation mit den langen Haaren
ist von kurzem Sinn. Eine Beleidigung, die Du ihrer Eitelkeit angetan
hast, verzeihen sie selbst auf dem Totenbette nicht. Du kannst sie
schlagen, sie werden Dir verzeihen. Aber haben sie Dich im Verdacht,
eine andere hätte mal Deine Sinne gereizt, bist Du ein Verbrecher,
der am Allerheiligsten gefrevelt hat!
Unten fährt der Wagen vor, man holt mich zu meinem letzten Gange.
Grüß Deine Mutter, denk von dieser Stunde über Deinen Vater anders,
als man Dich bisher gelehrt hat!