Den Brief hatte er damals so oft gelesen, daß er ihn auswendig konnte.
Aber die Mutter war selbst durch dieses im Angesicht des Todes
geschriebene Bekenntnis nicht umzustimmen gewesen, hatte daraus nur eine
neue Kränkung gelesen. Und er konnte es begreifen, denn als ein
verwöhntes reiches Mädchen hatte sie unter zahlreichen Bewerbern dem
Einen den Vorzug gegeben, der sich -- ihrer Meinung nach -- nachher als
ein Wortbrüchiger und Treuloser erwies. Und im Laufe der Jahre hatte sie
sich immer mehr in ihrem Urteil verstockt, suchte bei allen ähnlichen
Konflikten, von denen sie vernahm, die Schuld nur auf seiten des Mannes.
Da hätte sie vielleicht auch in seinem Fall ohne Ansehung der besonderen
Umstände entschieden, und damit war ihm nicht gedient. Er brauchte einen
glatten Freispruch, sonst hätte sich die weite Reise nicht gelohnt.
Der Tag ging herum unter vielfältigen Besorgungen wie eine kurze Stunde.
Die Uhr zeigte auf fünf, und da konnte er sich immer noch entschließen,
ob er den kurzen Abschied mündlich besorgte oder durch ein paar Zeilen,
die sein getreuer Bursche Häberle überbrachte. Aber das hätte
vielleicht wie eine Art von Feigheit ausgesehen, als schämte er sich
seines Rückzuges.
Das Auto hielt vor dem hohen schmiedeeisernen Gitter, das die prunkvolle
Rheinthalersche Villa von der Straße schied.
Der Diener, den er mit seiner Karte hineingeschickt hatte, kam zurück:
»Herr und Frau Rheinthaler lassen bitten.« Gaston folgte ihm durch die
weite Halle in ein halbdunkles Zimmer, in dem sich das ans helle
Tageslicht gewöhnte Auge erst allmählich zurechtfand. Eine Art von
Boudoir schien es zu sein mit einem Stutzflügel in der Mitte ... Bilder
in Goldrahmen an den Wänden.
Hinter einem mit Patiencekarten bedeckten Tische erhob sich mühsam eine
hagere Gestalt, ein paar unruhige Augen flackerten in einem verfallenen
Gesicht.
»Ei sieh da, Herr Baron, das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie
sich nach uns umsehen!« Herr Rheinthaler streckte dem Eintretenden die
Hand entgegen: »Sie bleiben selbstverständlich zum Abend da. Wir
telephonieren rasch ein paar nette Leutchen zusammen.«
Gaston tat, als hätte er die Bewegung nicht gesehen. Erbärmlich wäre er
sich vorgekommen, wenn er dem Manne da die Hand gereicht hätte. Er
verneigte sich, den Helm in der Rechten.
»Ich bedauere lebhaft, Herr Rheinthaler, meine Zeit ist leider sehr
knapp. Ich komme nur, um mich zu verabschieden. Gestern nacht, als ich
nach Hause kam fand ich ein Telegramm vor, das mir meine Versetzung
ankündigte. Nach Ordensburg in Ostpreußen, zu dem Dragonerregiment Graf
von Schmettau.«
Frau Josepha, die mit einem Buche am Fenster gesessen hatte, kam näher.
Sie sah blaß und übernächtig aus, um ihre Augen lagen tiefe Schatten.
Als Gaston ihre von blitzenden Ringen bedeckte Hand an die Lippen zog,
spürte er einen leisen, zärtlichen Druck, der ihm das Blut in die Wangen
trieb. Sie machte eine zum Platznehmen einladende Bewegung, setzte sich
selbst auf einen niedrigen Hocker ganz in seiner Nähe.
»Die Versetzung ist Ihnen wohl sehr überraschend gekommen?«
Er sah sie ein wenig unsicher an. In der anscheinend so harmlosen Frage
hatte ein geheimer Unterton angeklungen, fast wie ein Vorwurf: »Weshalb
hast Du mir das gestern verschwiegen?«
»Ueberraschend? Doch nicht so ganz, gnädige Frau! Mein Abteilungschef,
der mir sehr gewogen ist, hatte sie mir schon vor Wochen angekündigt. Es
ist eine große Auszeichnung, und ich freue mich sehr darüber.«
Herr Rheinthaler, der seine Patience wieder aufgenommen hatte, warf ein:
»Daß Sie nach Ordensburg kommen? Ich kenne das Nest! Vor ein paar Jahren
war mir da in der Nähe ein Jagdgut angeboten. Wenn ich im Hotel nicht
einen Weinreisenden getroffen hätte, der mit mir um die halben Pfennige
Piquet spielte -- ich wäre umgekommen vor Langerweile. In zwei Tagen!
Wie vernünftige Menschen es dort ein Leben lang aushalten, ist mir ein
Rätsel!«
»Nun,« sagte Frau Josepha mit einer gewissen Schärfe, »dafür gibt es
eine sehr einfache Lösung: sie arbeiten! Haben irgend eine Tätigkeit,
die sie ganz ausfüllt. Nur die Leute, die dem lieben Gott den Tag
abstehlen, langweilen sich.« Und zu Gaston gewandt, fuhr sie fort: »Ich
kann es mir sehr gut vorstellen, das Leben in so einer kleinen Stadt.
Auch für eine Frau ... Kein Theater, keine Bälle, keine rauschenden
Vergnügungen, nur Ruhe und Stille. Einen Mann, den man von ganzem Herzen
liebt, dem man genug ist. Man richtet ihm das Haus so behaglich, als es
nur möglich ist, streicht ihm die Falten aus der Stirn, wenn er müde und
verärgert vom ... von der Arbeit kommt ... und abends plauscht man,
macht ein bisserl Musik oder liest ein gutes Buch. Wundervoll denk' ich
mir das! Keine lästigen Menschen ringsum, nur zwei für sich ganz
allein.«
Sie brach ab und sah mit sehnsüchtigen Augen durch das von dichtem Grün
umrankte Fenster ins Weite, als erblickte sie dort ein fernes Glück.
Gaston spürte deutlich, all das war für ihn gesagt. Die Antwort war es
auf die Frage, die er ihr durch die Alte am Vormittag gestellt hatte. Da
dauerte es ihn fast, daß er diesen Glückstraum mit rauher Hand zerstören
mußte.
Herr Rheinthaler lachte kurz auf und zwinkerte ihm vertraulich zu.
»Das sind so Stimmungen, mein verehrter Herr Hauptmann! Oder muß man
schon Rittmeister sagen, weil Sie jetzt doch bei der Kavallerie sind?
Ich kenne mich als gänzlicher Nichtsoldat da nicht aus.«
»Es ist ziemlich egal, Herr Rheinthaler.«
»Na dann, von dieser Schwärmerei eben für die kleine Stadt müssen Sie
ein bißchen Jammer in Abrechnung bringen! Ehe wir in dem Ballokal
landeten, hatten wir schon eine recht ausgiebige Sitzung hinter uns. Und
meine teure Gattin hatte sich geärgert. Da trinkt sie noch mehr Sekt als
gewöhnlich.«
»Ist nicht wahr,« fuhr Frau Josepha auf. Die Zornröte färbte ihr die
Wangen.
»Aber Peperl, ich hab' Dir doch zugesehen! Du kannst ja einen ganz
gehörigen Posten vertragen, aus langjähriger Uebung, aber gestern ...
Und wie Du gegen das arme Wurm, die Sandori, losgingst, wußte ich
Bescheid.«
Gaston fühlte einen Knäuel im Halse aufsteigen. Zwei Trunkene hatten
gestern leichtfertige Liebesschwüre ausgetauscht. Und da hatte der Narr
sich darum eine schlaflose Nacht gemacht, eine Nacht voll peinigender
Selbstvorwürfe ... Er griff nach seinem Helm und erhob sich.
»Verzeihen Sie gütigst, gnädige Frau, ich möchte um die Erlaubnis
bitten ...«
Frau Josepha sah ihn erschreckt an. »Um Gottes willen,« sagte sie
unwillkürlich. Und Herr Rheinthaler legte seine Patiencekarten hin und
trat auf ihn zu.
»Aber, mein bester Herr Baron, weshalb denn? Weil meine Frau sich mit
mir ein bißchen gekabbelt hat? Das kommt in den besten Ehen vor! Und
wir sind schon auf dem Wege, uns wieder zu vertragen -- sie schmollt nur
noch ein wenig!«
»Herr Rheinthaler, ich möchte wirklich nicht länger ...«
»Ne, ne,« sagte der Hausherr und drückte ihn auf den Stuhl zurück. »Es
wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie in Ihr kleines Nest da oben eine
schlechte Erinnerung an uns mitnehmen würden. Außerordentlich peinlich
wäre mir das! Und wo der Zufall Sie dazugeführt hat, wie wir uns gestern
verzankten, müssen Sie jetzt auch hören ... Also, das sah alles
schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war! Ich hatte auch ein bißchen
mehr Sekt im Leibe, als mir der Doktor erlaubt hat, und dann -- sehen
Sie -- das kommt ja vor, daß man sich mal in eine andere vergafft. Nur
äußerlich! Das sind so temporäre Verrücktheiten ... man besinnt sich
wieder. Kehrt zu dem allein seligmachenden Hausaltar zurück, vor dem man
in überirdischem Glück geopfert hat. Das Bild, das darauf thront, wird
ja nicht immer unerbittlich bleiben, sich dem reumütigen Sünder wieder
in Gnade neigen.«
Er sprach an seinem Gaste vorbei, seine Augen hingen bettelnd an der
Frau, die sich zum Fenster gewandt hatte.
Ein glattrasierter Kammerdiener mit der Vornehmheit eines englischen
Lords kam aus der zum Nebenzimmer führenden Tür, räusperte sich leicht
und blieb schweigend stehen. Herr Rheinthaler wandte ärgerlich den
Kopf.
»=What is the matter?=«
»=Excuse Sir, the Professor Abner is waiting for you!=«
Herr Rheinthaler sah seine Gattin mit einem gewissen Mißtrauen an: »Wer
hat denn den um diese Zeit bestellt? Mitten aus seiner Sprechstunde?«
Frau Josepha zuckte die Achseln: »Vielleicht Du selbst? Ich kümmere mich
doch nicht um Deine Kuren.«
Gaston blickte zu Boden. Das Herz schlug ihm bis in den Hals. In wenigen
Augenblicken war er allein mit der Frau da drüben, und dann mußte er
allerhand unbarmherzige Worte sprechen.
Herr Rheinthaler hatte dem Diener Bescheid gesagt, jetzt wandte er sich
zu seinem Besucher.
»Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Baron, aber ich kann den Professor
nicht warten lassen. Jede Minute bei so einer Kapazität kostet ein
kleines Vermögen, und ich möchte meiner Frau doch nach meinem Tode noch
einiges hinterlassen. Der Abner wird mich ein bißchen trösten, ein
bißchen massieren und wieder trösten. Was wirklich mit mir los ist, weiß
ich doch bloß allein. In spätestens vier Wochen schwimm' ich ab.« Wieder
richteten seine Augen sich bettelnd zum Fenster, ein leichter
Hustenanfall erschütterte seine Brust. Er unterdrückte ihn mühsam, um
seine schmalen Lippen flog ein verzerrtes Lächeln. »Eins ist jedenfalls
vorläufig noch sicher: in einer Viertelstunde bin ich wieder hier! Ich
hoffe Sie dann zu sehen.«
»Ich muß lebhaft bedauern, Herr Rheinthaler ...«
»Sie sind ein komischer Mensch. Immer, wenn man Sie einladet, bedauern
Sie! Na schön, dann glückliche Reise und -- auf Wiedersehen kann ich
armer Hund leider nicht mehr sagen! Aber wenn Sie mal auf Urlaub nach
Berlin kommen, besuchen Sie meine 'lustige Witwe'. Sehen mal nach, mit
wem sie sich getröstet hat.« Er streckte seine Hand aus, und diesmal
konnte Gaston nicht ausweichen. Die Hand war kalt und feucht, umspannte
seine Rechte mit kraftlosem Druck. Ein fröstelndes Gefühl flog ihm über
den Rücken. Der Mann konnte nichts dafür. Das lag wohl an seiner
Krankheit, aber er konnte sich nicht überwinden, den Händedruck zu
erwidern.
In der Tür wandte sich Herr Rheinthaler noch einmal um.
»Du, Peperl, wirf mir um Himmels willen die Karten nicht durcheinander!
Die Patience da habe ich auf einen ganz besonderen Herzenswunsch gelegt,
und es scheint fast, als sollte sie diesmal aufgehen.«
Die Portiere schloß sich hinter ihm, die beiden waren allein. So still
wurde es in dem halbdunklen Zimmer, daß man das leise Ticken der kleinen
Uhr hörte, die in der Ecke auf einem zierlichen Schreibtische stand.
Frau Josepha blieb am Fenster und sah in die grünen Ranken hinaus, die
es von außen fast ganz überspannten. Sie neigte den Kopf mit den
schweren Flechten nach vorn, ein lautloses Schluchzen erschütterte ihren
Körper. Nur an dem Zucken der Schultern war es zu merken. Gaston stand
regungslos. Das Mitleid riß ihn am Herzen, aber er konnte sich nicht
überwinden, näher zu treten. Nichts anderes konnte er denken, als daß
die Frau da, deren schlanke und doch üppige Gestalt in dem lang
herabfließenden Kleid sich prachtvoll von dem hellen Hintergrunde hob,
in diesen ekeln Händen gewesen war, deren feuchten Druck er noch zu
spüren glaubte. Er richtete sich auf, es mußte ein Ende gemacht werden!
Seine Stimme klang heiser vor Erregung.
»Gnädige Frau, es ist wohl am besten, wenn ich mich jetzt entferne?«
Sie flog herum und auf ihn zu, warf ihm die Arme um den Hals. Ganz nahe
hob sie ihr tränenüberströmtes Gesicht zu dem seinigen.
»Was denn? Jetzt willst fort, wo wir endlich ein paar kostbare Minuten
für uns allein haben?«
Er stöhnte auf, versuchte, sich sanft loszumachen.
»Also das hier ... das alles ist so fürchterlich.«
Sie umklammerte ihn fester, schmiegte sich ganz an ihn, so daß er ihren
bebenden Körper spürte.
»Um Jesu Barmherzigkeit willen, laß mich jetzt nicht allein. Geh nicht
so von mir! Ich kann das begreifen, aber Du mußt darüber hinwegsehen.
Ich konnte es ja unmöglich wissen, daß Du ihm noch einmal begegnen
würdest! Wie eine Klette hängt er sich an mich, bettelt und bettelt.
Weil er sah, daß ich Ernst gemacht hatte mit dem Davongehen, hat er
plötzlich seinen Sinn gewandelt. Vielleicht erschien ich ihm dadurch
wieder begehrenswert, aber ich schwöre Dir, er wird mich nicht mit
einer Fingerspitze berühren. Und übermorgen lauft er doch wieder der
anderen nach, ich kenn' ihn ja. Also da darfst kein Mitleid mit ihm
haben! Und, geh', sag', daß Du so kalt dastehst, das ist doch nur, weil
wir hier in seinem Haus sind, gelt? Mußt nicht so arg verfroren sein,
lieber Bub' ... ich hätt' halt dran denken sollen, wie Du bist, Dich gar
nicht erst herkommen lassen! Aber, schau, seit sechs Uhr in der Früh,
wie er heimgekommen ist, geht das schon so. Da war ich halt ein bisserl
verwirrt! Und der Doktor sagte mir: 'Wenn Sie jetzt von ihm gehen, ist
es sein Tod! Sein Zustand ist schlimmer, als er ahnt. Das viele Morphium
hält ihn nur noch aufrecht. Jede Minute kann es den Zusammenbruch geben,
wieso wollen Sie sich da erst scheiden lassen?' Da bin ich geblieben.
Und jetzt sag mir ein liebes Wort! Nur ein einziges kleines Wort, aus
dem ich wieder Hoffnung schöpfen kann. Die Zweifel zerreißen mir das
Herz. Die Ursel hat mir zwar erzählt, wie glücklich Du gewesen wärst
über meinen Brief, aber jetzt sprich das einzige kleine Wörtel: Willst
mein sein und mir treu bleiben?« Sie umklammerte ihn fester, starrte ihm
angstvoll in die Augen.
Da atmete er auf. Das ging über Menschenkraft, jetzt auszusprechen, was
er sich vorgenommen hatte. Er beugte sich hinab, küßte ihre Stirn, und
dann fanden sich ihre Lippen.
»Du bleibst mir treu?« stammelte sie zwischen zwei Küssen.
»Ich werde mein Wort halten!«
»Ah na, ob mich lieb hast, will ich wissen?«
Von ihrem warmen Körper, der eng an den seinen geschmiegt war, zog ein
heißer Strom durch seine Adern.
»Ja, ich habe Dich lieb!«
»So arg, daß Du nie an eine andere denken wirst? Und wär' sie noch
tausendmal schöner als ich?«
Da flüsterte er trunken: »Schöner als Du? Du bist für mich die Schönste,
Herrlichste und Reinste auf der Welt.«
Sie hob sich auf den Zehenspitzen, biß ihn in die Wange, daß er einen
jähen Schmerz verspürte: »Da, daß Du dieses letzte Wort nimmer vergißt!
Und jetzt geh', daß ich mich ein wenig beruhigen kann, bis er
wiederkommt.« -- -- --
Er stand draußen im grellen Sonnenlicht des heißen Sommernachmittags und
ging langsam die Straße zurück, die zur Stadt führte. Ein großes Gefühl
weitete ihm die Brust, wie ein Sieger kam er sich vor, wie ein Sieger
über kleinliche Fürchte und Bedenken. Mochte sie nun aus den entzündeten
Sinnen stammen oder aus dem übergewaltigen Mitleid -- die Liebe war
gekommen, erfüllte ihn ganz und gar! Und war er nicht etwa Manns genug,
sich über alles hämische Gezischel und Geraune hinwegzusetzen, das sich
vielleicht erheben konnte? Er brauchte sich nur herauszurecken mit
allem, was er war, und die bösen Zungen verstummten! ...
Vor ihm auf der Straße ging einer dahin, der es ebensowenig eilig zu
haben schien, nach der Stadt zurückzukommen, wie er. Ein untersetzter
kleiner Herr in modischem Jackett und Strohhütchen, der ihm bekannt
vorkam. Gaston verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt und gedachte,
die andere Seite zu gewinnen. Es wäre ihm unangenehm gewesen, jetzt, in
dieser Stimmung irgend einem Schwätzer Rede und Antwort stehen zu
müssen.
Da blieb der Voranschreitende plötzlich stehen, wandte sich um: »Guten
Tag, Herr von Foucar!« In einem aschfahlen Gesicht flackerten ein paar
Augen in irrem Glanz.
»Wodersen!« sagte er überrascht. »Wie kommen Sie hierher?«
»Ich hatte vor Ihnen in der Villa Rheinthaler einen Besuch machen
wollen, wurde aber nicht angenommen. Da sah ich Sie stolz im Auto
anfahren und, weil ich mir dachte, Sie werden doch nicht ewig
drinbleiben, hab' ich auf Sie gewartet.«
»Na, das ist nett von Ihnen. Da kann ich Ihnen gleich Adieu sagen.«
»Sie verreisen?«
»Nee, ich bin versetzt worden. Zu den Ordensburger Dragonern.«
»Donnerwetter, so mitten aus der Tour? Wem haben Sie denn das zu
verdanken?«
Gaston lachte bitter auf. So dachten sie alle, die mal mit ihm Schulter
an Schulter ihren Dienst getan hatten. Und seine Antwort klang schärfer,
als es der im Grunde unbeträchtliche Anlaß erfordert hätte.
»Natürlich allem anderen, nur nicht mir selbst. Der unbekannten hohen
Dame, die angeblich meine Schicksale überwacht, oder meiner Fähigkeit,
mich bei meinen Vorgesetzten zu schustern und in den Vordergrund zu
drängen ... na dann Adieu, Herr von Wodersen! Ich habe es ein bißchen
eilig.«
Der andere achtete gar nicht darauf und ging rasch neben ihm her in
gleichem Schritt.
»Meinen Sie vielleicht, ich hätte deshalb hier drei Stunden auf Sie im
Sonnenbrand gelauert, um mich so abspeisen zu lassen?«
»Wie? Sie haben ...«
»Auf Sie gewartet! Schon heute vormittag hatte ich natürlich
telephonisch ausführlichen Bericht, was gestern passiert war. In dem
Ballokal, und daß Sie nachher Frau Josepha im Auto allein nach Hause
gebracht haben. Nachmittags war ich dienstfrei, da bin ich ohne Urlaub
fortgefahren. Das übrige konnte ich mir ungefähr denken. Sie hatte mich
in diesen Wochen ja fast ein dutzendmal gequält, ich sollte Sie endlich
heranschleifen. Daß ich es nicht tat, werden Sie nach dem, was wir
neulich mal gesprochen hatten, begreiflich finden.«
»Allerdings! Und was steht jetzt zu Diensten?«
Der kleine Husar blickte zornig zu ihm auf.
»Erst klopfen Sie sich mal den Puder von Brust und Kragen! Sonst sieht
es womöglich noch einer von den bezahlten Aufpassern, daß Sie eben
Abschied genommen haben. Von einer schönen Frau, die die Gepflogenheit
hat, sich Gesicht und Arme zu pudern.«
Gaston schielte auf seinen Ueberrock hinab und wurde unwillkürlich rot.
Wahrhaftig, man sah es ganz deutlich! Und jetzt wußte er plötzlich,
weshalb der glattrasierte Kerl, der ihm in der Rheinthalerschen Villa
beim Hinausgehen die Tür öffnete, so süffisant gelächelt hatte. Er zog
das Taschentuch und wischte heftig über das dunkle Tuch, aber der feine
weiße Staub drang nur um so tiefer ein, war nicht fortzubringen. Da gab
er's ärgerlich auf.
»Nun also, was wünschen Sie von mir, Herr von Wodersen?«
»Nur eine kurze Auskunft. Wie Sie sich von jetzt an zu Frau Josepha
verhalten werden.«
»Und wenn ich das zurückweisen müßte? Als einen unangemessenen Eingriff
in meine ganz persönlichen Angelegenheiten?«
Der Landsberger Husar schüttelte den Kopf.
»Das werden Sie nicht tun! Wenn einer den Anspruch hat, es zu erfahren,
bin ich es. Das wissen Sie!«
»Also, wo wir mal schon so weit sind, meinetwegen! Es wird auch dazu
beitragen, diese Unterredung, die uns beiden ja nur peinlich sein kann,
abzukürzen. Ich habe -- also ich bin mit Frau Josepha übereingekommen
... wenn sie die Trennung von ihrem Manne vollzogen hat, werde ich sie
heiraten.«
»Dann ist's gut ... und danken Sie Gott!«
»Herr von Wodersen, ich muß doch sehr bitten ...«
»Danken Sie Gott,« wiederholte der andere hartnäckig. »Im anderen Falle,
wenn's Ihnen nur ein Spiel gewesen wäre, hätte ich Sie provoziert und
abgeschossen. Es geht nicht an, daß einer umkommt vor Durst und Hunger,
während der andere in frivolem Spiel ... also es ist gut! Adieu, Herr
von Foucar.« Er sah starr geradeaus mit schwimmenden Augen, und
plötzlich kam ein lautes Aufschluchzen aus seiner Brust, er wandte sich
ab. Gaston aber stand ratlos dabei und wußte nicht, wie er sich in
dieser seltsamen Situation zu benehmen hatte. Trösten ging nicht an, das
beste war, sich still zu entfernen.
»Adieu, Wodersen,« sagte er leise und schritt langsam weiter.
Der arme Kerl tat ihm leid, schrecklich war es, wie es den
zusammengerissen hatte, daß er von jetzt an nichts mehr zu hoffen hatte.
Zugleich aber schwellte ihm selbst ein gewisses Stolzgefühl die Brust.
Daß er die Liebe dieser herrlichen Frau errungen hatte, für die ein
anderer ohne Zaudern sein Leben eingesetzt hätte. Fast eine Steigerung
des eigenen Glückes war es ihm.
Eine heisere Stimme erklang neben ihm.
»Entschuldigen Sie, Foucar, wenn Sie mich eben als altes Weib gesehen
haben ...«
»Ach Sie noch mal, Wodersen? Wäre es nicht besser, wir hätten eben
Schluß gemacht?«
»Vielleicht! Nur, Sie werden begreifen, man steht da neben einem frisch
zugeschütteten Grab, kann nicht sogleich weggehen. Eigentlich aber hätte
ich's voraussehen müssen, die Frau war ja krank nach Ihnen! Gab mir
hundert Aufträge für Sie. Immer sollte ich Ihnen bestellen, wo Sie sie
abends treffen würden. Ich hab's natürlich nie ausgerichtet. Sie werden
das begreifen.«
»Selbstverständlich! Und nun wollen wir wirklich Schluß machen! ... Sie
werden einsehen, daß es mir einigermaßen peinlich ist.«
Herr von Wodersen lachte plötzlich schrill auf.
»Ihnen? Wo Sie im Glück sitzen!«
»Na ja, aber peinlich natürlich auch für Sie.«
»Das braucht Sie nicht zu bekümmern! Und ich müßte ersticken oder
verrückt werden, wenn ich jetzt nicht -- ich weiß überhaupt noch nicht,
ob ich drüber wegkomme. Also, Foucar, Sie schwören mir, Sie werden sie
gut behandeln!«
»Aber das ist doch selbstverständlich!«
»Na ja! Und ich werde natürlich weiter aufpassen.«
Gaston blieb stehen.
»Herr von Wodersen, alles hat seine Grenzen.«
»Ach Gott, wollen doch jetzt nicht zimperlich sein wie kleine
Pensionsmädchen! Ich bin ja halb verrückt, ich hatte doch immer noch
gehofft, sie würde mich kleinen unansehnlichen Kerl ...« Er brach ab und
sah in angestrengtem Nachdenken vor sich hin. »Also, was wollte ich doch
gleich ... ja richtig! Noch vor etwas anderem müssen Sie sich in acht
nehmen, vor Josepha selbst! Wissen Sie, was sie ihrem Mann antun wollte,
jetzt wegen dieser Geschichte mit der Sandori? Kein Teufel kann sich
Aergeres ausdenken, denn das ist so auf die ganze Art dieses Menschen
zugeschnitten, mußte ihn gerade aufs tödlichste verwunden. Sie hat sich
eine Szene schreiben lassen, einen Sketch, wie man das im Theaterjargon
nennt. Mit einem Dutzend raffinierter Tricks ... ich war bei einer Probe
dabei im Apollotheater -- es war doll! Hinreißend ... zum
Wahnsinnigwerden. Eine große Menschendarstellerin, die ihre ganze Kunst
in eine einzige Szene preßt ... Alles, was sie kann, zeigt sie da ...
und dann war da ein Tanz, wo sie sich aus einem Schleier nach dem andern
löst, bis sie mit ihrem herrlichen Körper dasteht in einem ganz leichten
Gewand ... also ich sage Ihnen, ganz Berlin wäre verrückt geworden bei
dieser Darstellung. Ich ging wie ein Betrunkener aus der Probe.«
Der Kleine schwieg und sah mit verzückten Augen geradeaus. Gaston spürte
ein widerwärtiges Gefühl, zugleich aber stachelte ihn die Neugierde.
»Weiter,« sagte er heiser.
Herr von Wodersen blickte verwirrt auf, als müßte er sich erst besinnen,
wovon er eben gesprochen hatte.
»Ach so ... ja! Wer das nicht gesehen hat, kann nicht begreifen, daß ich
von der Stunde an noch verrückter war als vorher ... total verrückt! Ich
schlafe seit dem Tag nicht mehr ... und ja, verstehen Sie denn nicht,
was das alles bedeutete? Josepha hätte an dem Abend doch nur für einen
gespielt und getanzt, für ihren Mann! Dann aber, wenn seine
aufgestachelte Begierde wieder lichterloh brannte, hätt' sie ihn
verdursten lassen. Hätte ihn vor aller Welt lächerlich gemacht mit
irgend einem häßlichen, hirnlosen Halbaffen -- so einem vielleicht wie
ich ...«
»Wodersen, hören Sie auf!«
Der andere lachte höhnisch.
»Das ist Ihnen peinlich, was? Ja, meinen Sie vielleicht, ich habe vor
Freude getanzt, als ich heute früh die Nachricht bekam, für mich ist es
aus? Nichts mehr zu hoffen, rein gar nichts ...« Er dämpfte plötzlich
seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern: »Das dürfen Sie aber
niemandem weiter sagen, ich kam mit einer ganz andern Absicht hierher
... Daß Sie noch leben, verdanken Sie ihr! Der Josepha! Sie hätte sich
ja die schönen Augen blind geweint um Sie ...«
»Herr von Wodersen, ich nehme Rücksicht, daß Sie sich offenbar in einer
Gemütsverfassung befinden ...«
Der Kleine nickte.
»Ja, nehmen Sie nur ... ist auch ganz recht! Heute früh hat sich mir da
oben im Kopf was 'rumgedreht, ich hab's ganz deutlich gespürt. Von dem
Augenblick an habe ich Mühe, meine Gedanken zu sammeln. Und das weiß
kein Mensch, was das heißt, sich vor Qualen winden und schreien, während
andere mit sattem Bauch ruhig schlafen. Aber ich hab' etwas für Sie, da
werden Sie auch nicht schlafen. _Ich_ hätte mich darüber hinweggesetzt,
denn ich bin ja längst schon ein kleiner Lump geworden, innerlich. Von
außen, wenn ich meine Uniform anhabe, merkt man es nicht so. Ja, also,
Ihre zukünftige Frau Gemahlin, wie sie noch in Brünn am Stadttheater
war, zusammen mit so einem nichtswürdigen Kerl von Schauspieler, da hat
sie einen Selbstmordversuch gemacht.«
Gaston schritt schneller aus, um sich von der Gesellschaft des offenbar
plötzlich Irrgewordenen zu befreien. Aber weit und breit war keine
Fahrgelegenheit zu erblicken auf der sonnenbeschienenen Straße, und der
andere neben ihm hielt gleichen Schritt.
»Rennen Sie doch nicht so, Foucar! Das muß Sie doch auch interessieren,
daß Josepha damals sich umzubringen versuchte, weil der Kerl sie nicht
wieder ehrlich machen wollte ... so ein gemeiner Hund! Sie kennen ihn
auch ... er war gestern auch in der Loge, der glattrasierte Schuft ...
er hat mir auch die Zeitungen gegeben, wo alles drinstand ... Sie müssen
natürlich jetzt Ihren Abschied nehmen ... ich hätte ihn ja auch
genommen.«
Gaston fühlte, wie es ihm rot vor den Augen wurde. Ob der da neben ihm
nun klar im Kopfe war oder nicht -- dafür gab es nur eins:
niederschlagen! Er hob den Arm, aber der Kleine sprang wie eine Katze
zur Seite, rannte ein paar Dutzend Schritte zurück und lachte gellend
auf.
»Ach, Sie haben sich wohl eingebildet, ich wär' so leicht zu kriegen?
Und die Zeitungen schick ich Ihnen zu -- nach Ordensburg.«
Gaston wandte sich ab. Grauenhaft war das. Wie in einer Betäubung ging
er weiter, zur Stadt zurück. Was sollte er jetzt tun? Einen Irrsinnigen
zur Rechenschaft ziehen? Das erledigte sich von selbst, da war kein Wort
darüber zu verlieren. Aber das, was dieser Irre zuletzt gesprochen
hatte, das blieb hängen, wie ein Pfeil, der mit dem Widerhaken in die
Weichen gedrungen war. Das alles war Lüge, eine Ausgeburt krankhafter
Phantasie, sicherlich, aber woher sollte er sich Gewißheit holen? Noch
einmal in die Rheinthalersche Villa zurückkehren, den Mann beiseite
schieben: »Erlauben Sie mal, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin ein paar
Worte unter vier Augen zu sprechen?« Oder einen Brief schreiben, den man
zu Händen der alten Hexe sicher an die eigentliche Adresse beförderte?
Vielleicht hätte Josepha in ihrem stolzen, jede Lüge verabscheuenden
Sinn die Wahrheit geantwortet!
Aber darauf kam es ja nicht an. Es war schon genug, daß gegen die Frau,
die er heimzuführen gedachte, sich überhaupt ein so schmählicher
Verdacht erheben konnte. Daß es einen Menschen geben konnte auf der
Welt, der sich brüsten durfte, mit Recht oder Unrecht, sie wäre sein
gewesen. Da konnte er nicht drüber hinweg, dafür konnte er seinen Namen
nicht einsetzen, das ging nicht an! Es war schon genug, daß er sich
damit abgefunden hatte, daß er sie aus den eklen Händen ihres Gatten
nehmen mußte ... Nur, wenn man weiter dachte, wo war da ein Unterschied?
Weshalb sollte er ihr gerade den ersten verübeln? Dem hatte sie sich
vielleicht in heißer Leidenschaft geschenkt, oder sie war in törichter
Unerfahrenheit seinen ruchlosen Künsten erlegen, den zweiten aber ... er
konnte nicht weiter. Da verwirrten sich auch ihm die Gedanken. Schluß
mußte es sein, oder er verlor sich selbst! Und keine Auseinandersetzung
mehr. Wie die enden würde, wußte er. Vor ein paar Wochen hatte er über
den angeblichen Zauber gelacht. Heute hatten ein paar Augenblicke, in
denen diese Frau an seinem Halse hing, hingereicht, damit er sich selbst
und sein Schicksal verschwor.
Er hatte vormittags im Fahrplan nachgesehen, gegen neun Uhr ging ein Zug
nach dem Osten. Den konnte er noch erreichen, einen Tag in Königsberg
verbringen, ehe er weiter nach Ordensburg fuhr. Nur fort und hinaus ...
Nur das Notwendigste wurde eingepackt, alles übrige besorgte der
Spediteur. Jedesmal, wenn die Klingel ging, fuhr Gaston zusammen. Als
könnte sich noch irgend ein Zwischenfall ereignen, der ihn an der
Abreise hinderte. Oder es könnte noch eine Auseinandersetzung geben.
Davon hatte er genug. Nur fort und hinaus ...
Erst als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete er auf. Ein blödes
Wort, das er einmal an der Biertafel gehört hatte, ging ihm nicht aus
dem Sinn. »Ein Kavalier reißt nicht aus. Nur, wenn er in Gefahr
befindlich ist. Dann aber schnell.« Das paßte auf ihn. Auch er riß aus.
Vor einer, der seine Sinne erlagen, wenn sie in seiner Nähe war. Je
weiter er eilte, desto weniger konnte sie ihn erreichen. Nur eins
beunruhigte ihn ... dort, weit hinten, von wo er kam, blieb sein Wort.
Immer länger und dünner wurde der Faden, an dem es hing, aber er riß
nicht ab. Noch tausend Meilen konnte er fahren, er riß nicht ab.
Freiheit konnte es nur geben, wenn die, die den Faden am anderen Ende
hielt, in gutem Willen ihre Hand öffnete. Wort war Wort.
5.
Der nachmittags von Königsberg abgegangene Personenzug bummelte
gemächlich nach Südosten, der russischen Grenze zu. Eintönig klang das
Läutewerk der Lokomotive, die mit Aechzen und Stöhnen etwa vier Meilen
in der Stunde zurücklegen mochte. Ein schnelleres Tempo hätte zu viel
Kohlen gekostet bei dem wenig lohnenden Betrieb.
Die brütende Julihitze ließ den sechs oder sieben Reisenden, die am
Südbahnhofe eingestiegen waren, die Fahrt noch langsamer erscheinen, als
sie in Wirklichkeit war. Der leichte Sommerwind, der ein wenig Kühlung
gebracht hatte, war drückender Gewitterschwüle gewichen. Die Schwalben
flogen dicht über dem Boden beim Nahrungsfang für die ewig hungrige
Brut, und flimmernd, gleich durcheinanderschwingenden Silberfäden,
zitterte die sonnendurchglühte Luft über der erntebereiten Erde.
Gaston von Foucar hatte die am Bahnhofe gekauften Berliner Zeitungen
gelesen, es stand nichts Neues darin. Eine Erörterung darüber, ob auch
Deutschland fechten müßte, wenn sein österreichischer Bundesgenosse von
Rußland angegriffen würde. Das war doch selbstverständlich. Alles
übrige, wie weit in diesem Falle die Bündnisklausel zuträfe, leeres
Geschwätz. Es ging dabei ums eigene Leben. Und töricht wäre es doch
gewesen, die äußersten Bastionen aufzugeben, wenn sie mit
verhältnismäßig geringen Opfern zu halten waren. Viel wichtiger erschien
ihm, daß man auch hier, im Osten des Vaterlandes, auf Posten war. An
jeder kleinen Brücke standen Wachen. Das war sehr verständig. Bei dem
mangelhaften, noch aus der Zeit der »ewigen russischen Freundschaft«
stammenden Ausbau der zur Grenze führenden Bahnen hätten ein paar
Sprengpatronen genügt, um den strategischen Aufmarsch um Tage zu
verzögern ...
Der Vormittag in der alten Handelsstadt hatte Gaston wohlgetan. Es gab
vieles zu sehen, was ihm neu war. Das Leben am Hafen, in dem neben
leichten Segelschiffen auch stattliche Dampfer lagen. Krane schwenkten
sich mit schwerer Last vom steinernen Kai zu den Schiffen, Ketten
rasselten, und Maschinen stöhnten. Dazwischen ein emsiges Getriebe von
Menschen, die in allerhand Sprachen durcheinanderschrien, Deutsch,
Russisch, Englisch. Ueber dem allen ein undefinierbarer Duft von Wasser
und Teer, der unwillkürlich in die Ferne lockte.
Lange hatte er gestanden und dem Treiben zugesehen. Die Menschen
hasteten an ihm vorüber, keiner kannte ihn, keiner gab auf ihn acht,
alle rannten sie emsig hinter ihrer Arbeit her, die einem einzigen
Ganzen diente. Einen Unfall sah er mit an. Ein Arbeiter mit dem schweren
Getreidesack auf der Schulter glitt auf schmaler Planke aus, stürzte
rücklings ins Wasser. Es gab eine kurze Stockung, bis der Mann, der mit
einem Notizbuch in der Hand die Zahl der in den Schiffsbauch wandernden
Säcke zählte, sich durch einen flüchtigen Blick überzeugt hatte, daß man
dem ins Wasser Gestürzten von Bord aus ein Tau zuwarf. Danach schloß
sich wieder die Kette der lasttragenden Arbeiter, zog in ständiger Reihe
von dem hohen Speicher ins Schiff, von dem Schiff auf schmaler Planke
zurück in den Speicher.
Etwas von der Unbeträchtlichkeit eines Einzelschicksals verspürte er. So
wäre es auch ihm gegangen, wenn er in diesen letzten Tagen gestrauchelt
wäre. Das Leben ringsum ging seinen Gang, nur wenige hätten den Kopf
nach ihm gewandt, wenn er in Gewissensbedrängnis den kurzen Schritt ins
Dunkle getan hätte. Ein Mann über Bord ... Geschah ihm recht, das Schiff
ging weiter.
Und merkwürdig, wie anders die Dinge aussahen, wenn man sie aus einiger
Entfernung betrachtete. Wie geringfügig da die ungeheuren Wichtigkeiten
erschienen, mit denen man sich geplagt hatte.
Eine kurze Episode war das, die hinter ihm lag. Er hatte jetzt an
anderes zu denken, an Pflichten, die einen ganzen Mann erforderten.
Eine Melodie summte ihm im Kopfe, die er am frühen Morgen gehört hatte,
als er zum Hotelfenster hinausblickte. Die Königsberger Kürassiere kamen
in langer Schlangenlinie zu vieren nebeneinander die krumme Straße
entlanggeritten. Grell schien die Sonne auf die schwarz-weißen Fähnlein
und die blanken Helme. Die Trompeten bliesen die Melodie, und ein paar
halbwüchsige Jungen, die mitmarschierten, sangen mit heller Stimme den
Text:
»An der Grenze fern im Osten
Hält ein Reiter still auf Posten,
Späht hinaus ins weite Feld.
Drüben fahren auf Kanonen,
Sammeln sich Schwadronen,
In dem weiten, weiten Feld.«
Ein Zwischenspiel kam danach, Musik und Gesang zogen weiter, aber die
Worte waren ihm haften geblieben: »An der Grenze fern im Osten hält ein
Reiter still auf Posten.« Zu dem Dienst war er berufen neben vielen
anderen, und hoffentlich blieb es nicht nur bei dem Postenstehen. Hier,
näher an der Grenze, war auch die Erregung größer als in dem
gleichgültigen Berlin. Ueberall auf der Straße, wenn er still hinhörte,
klangen zwei Worte an sein Ohr: Rußland und Krieg. Aber eine gewisse
Entschlossenheit lag in diesen Menschen, die einen seltsam breiten
Dialekt sprachen. Es sollte endlich einmal losgehen! Das ewige »Hin- und
Hergezodder« hatte man satt.
Gaston blickte zum Fenster hinaus. Zwischen goldgelb leuchtenden Roggen-
und Weizenfeldern führte der Zug dahin, an schier endlosen
Kartoffelschlägen vorüber, auf denen das Kraut noch üppig im Safte
stand, und nur in weiten Zwischenräumen lugten die roten Ziegeldächer
der Gutshöfe hinter grünen Baumgruppen hervor. Das typische
Landschaftsbild des Großgrundbesitzes. Wenig Menschen auf den Feldern,
dafür um so mehr Vieh aller Art. Wimmelnde Schafherden auf vorjährigem
Brachland, weidende Edelfohlen in eingezäunten Koppeln und gewaltige
Scharen weißbunter Kühe, die auf grünen Triften in träger Verdauungsruhe
lagerten. Und dann wieder, so weit das Auge reichte, ein in starrer Ruhe
stehendes Heer von gelben Halmen, die auf die Sense des Schnitters
warteten. In ein paar Wochen vielleicht schon schwang hier ein anderer
die Sense, aber nicht Halme lagen auf seinem Schwad ...
Der alte Herr in grauem Spitzbart, der Gaston am Fenster gegenüber saß,
schien die Gegend sehr genau zu kennen. Aufmerksamen Auges musterte er
Felder und Herden und äußerte von Zeit zu Zeit eine wohlgefällige oder
kritische Bemerkung, aus der hervorging, daß er sogar mit den Namen der
an der Bahnstrecke liegenden Güter und ihrer Besitzer vertraut war.
Die neben ihm sitzende Tochter, ein schlankes junges Mädchen in
geschmackvollem Reisekleid aus hellblauem Leinen, gab nur einsilbige
Antworten. Sie las in einem durch sein großes Format recht unhandlichen
Buche und schien so vereifert, daß sich ihre Stirn über dem geraden
Näschen in krause Falten legte. Da flog um die bärtigen Lippen des alten
Herrn ein schalkhaftes Lächeln.
»Annemarie,« rief er plötzlich, »da in der Wiesenschlenke am Haferschlag
steht ein kapitaler Rehbock!«
Das Buch fiel zu Boden, das junge Mädchen sprang auf und beugte sich
hastig zum offenen Fenster hinaus.
»Wo, wo?«
»Ja, jetzt ist er wieder weg. Bist eben zu spät gekommen!«
»Ach, Unsinn! Hast mich bloß angeführt, Papa!«
Sie setzte sich mit enttäuschtem Gesicht auf ihren Platz zurück. Der
alte Herr aber lachte herzlich auf. Ein seltsam innerliches Lachen war
es, das seinen ganzen gewaltigen Körper und mit ihm die Polster des
Wagens erschütterte.
»Na ja, mein Kind! Wenn Dein Vater Worte der Weisheit spricht und Du ihm
nur mit halbem Ohr zuhörst!«
Gaston hatte das zu Boden geglittene Buch aufgehoben und überreichte es
Annemarie mit leichter Verneigung. Während des Niederbeugens hatte er
unwillkürlich den Titel gelesen. Ueber sein Gesicht huschte ein
verwundertes Lächeln.
»Bismarcks 'Gedanken und Erinnerungen'? Für eine junge Dame eine etwas
ungewöhnliche Lektüre.«
Annemarie nahm mit leichtem Erröten das Buch, sperrte es in die neben
ihr auf dem Sitze stehende Handtasche und dankte mit kurzem Kopfnicken.
Ihre Antwort klang feindseliger, als sie beabsichtigt hatte.
»Jeder liest, was ihn am meisten interessiert.«
Ihr Vater hob begütigend die Hand.
»Na, na, Annemiechen, der Herr hat's doch nicht böse gemeint! Und gewiß
ist es für ein junges Mädchen heutzutage ungewöhnlich, wenn es so ernste
Bücher liest!« Zur Erklärung aber für den Mitreisenden fügte er hinzu:
»Nämlich sie schwärmt für unseren Bismarck wie für einen Heiligen. Ihr
ganzes Zimmer hat sie mit Bildern von ihm austapeziert, und das Buch da
nebst seinen Briefen an Johanna führt sie auf allen Reisen bei sich. Wie
fromme Leute das Gesangbuch oder die Bibel.«
Gaston verneigte sich höflich.
»Es ist wohl überflüssig zu versichern, daß mir eine Respektlosigkeit
vollkommen ferngelegen hat. Im übrigen stimme ich Ihnen aufrichtig bei.
Das sind für jeden guten Deutschen ein paar wahre Erbauungsbücher. Sie
müßten nur noch mehr gelesen werden.«
Das kaum begonnene Gespräch geriet wieder ins Stocken, Annemarie hatte
dabei aber Gelegenheit gefunden, den dem Vater gegenübersitzenden Herrn
unauffällig ein wenig genauer anzusehen. Daß er über ihre beiden
Lieblingsbücher so vernünftig urteilte, war ihr sympathisch. Und auch
sonst gefiel er ihr wohl. Ueber breiten Schultern saß ein kluger Kopf,
unter scharf gezeichneten Brauen sprang eine kräftige Nase hervor, die
in ihrer Mitte einen ganz kleinen lustigen Knick nach links hatte.
Darüber ein paar kluge blaue Augen ... Augen, die klar und lauter
schienen und Vertrauen einflößten auf den ersten Blick. Nach der blassen
Gesichtsfarbe zu schließen, war er vielleicht ein Gelehrter, aber dazu
stimmte nicht sein sonstiges Auftreten. Kurze, fast militärische
Bewegungen, und seinen eleganten Reiseanzug hatte sicherlich auch kein
Zivilschneider gefertigt. Dafür hatte sie ein untrügliches Auge.
Die Hitze in dem sonnenbestrahlten Wagen fing an, unerträglich zu
werden. Der alte Herr fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und
Hemdkragen und stöhnte auf.
»Herrgott, himmlischer Vater, dieses Blindschleichentempo ist ja kaum
noch auszuhalten! Wenn ich ein paar Ackergäule vorspanne und hau' sie
ordentlich über den Zagel, geht's rascher vorwärts. Und dieses ewige
Angehalte an den kleinen Nestern -- steigt ja doch kein Mensch ein oder
aus!«
Annemarie öffnete eilig ihre Reisetasche, netzte ein frisches Tuch mit
Kölnischem Wasser und kühlte ihrem Vater die Stirn. Und, während er ihr
mit zärtlichem Händedruck dankte, flog ein schelmisches Lächeln um
ihren hübsch geschnittenen Mund. »Wie würdest Du aber erst schimpfen,
Papa, wenn er an _unserer_ Station vorüberfahren wollte?«
Gaston nahm die Gelegenheit wahr, sich die junge Reisegefährtin
unauffällig ein wenig genauer anzusehen. Herrgott, war das Mädel schön
gewachsen! Eine gertenschlanke Figur voll unbewußter Anmut in jeder
Bewegung, ein zierliches Köpfchen auf biegsamem Halse. Fast zu wuchtig
erschien dazu der dicke, in einem straffen Neste zusammengesteckte
blonde Zopf. Zwei Reihen gesunder weißer Zähne zeigte sie beim Lachen
und in der linken Wange ein Grübchen, das dem vorhin so abweisend
strengen Gesicht einen Zug hinreißender Liebenswürdigkeit verlieh. Ueber
allem aber ein Hauch unberührter Reinheit wie der leichte Schimmer auf
der Haut einer reifenden Frucht, die noch niemand in begehrlicher Hand
gehalten hatte. Wer das liebe Mädel mal heimführte, trug etwas Sauberes
in sein Haus ... Ein schmerzhafter Stich flog ihm durchs Herz. Auf
sonnenbeschienener Straße gingen zwei dahin, und der eine sprach in
plötzlich ausbrechendem Irrsinn häßliche Worte, und diese Worte krochen
wie ekelhafte Kröten über das Bild einer bemitleidenswerten Frau.
Die Wagenbremsen zogen kreischend an, es gab einen Ruck, und der Zug
hielt wieder einmal an einer der zahlreichen kleinen Stationen. Neben
dem rotbemützten Stationsvorsteher stand ein dicker kleiner Herr in
weißem Staubmantel, das volle Gesicht schier rostrot verbrannt, und mit
bläulich schimmernder Nase unter weinfrohen Aeugelein.
Der alte Herr öffnete die Coupétür und winkte lebhaft mit der Hand.
»Tag, Lindemann! Erwarten Sie wen?«
Der Dicke blickte überrascht auf und setzte sich in der Richtung des
Wagens erster Klasse in Bewegung.
»Tag, Herr von Gorski! Das ist ja 'ne Riesenfreude, daß Sie wieder
zuwege sind! Und ob ich wen erwarte? Dieses nu weniger, ich wollt' bloß
mal ein bißchen Großstadtluft schnappen. Da bin ich nach der Station
gefahren, in dem Aberglauben, der Zug bringt 'was davon aus Königsberg
mit. In meinem Dachsbau ist's jetzt, kurz vor der Ernte, zum Auswachsen
langweilig!«
»Sie sollten heiraten,« sagte Annemarie und zeigte lachend die weißen
Zähne. »Ich wüßte Ihnen eine, da würden Sie sich in Ihrem Ritterschloß
keine Minute mehr langweilen!«
Der Dicke kniff listig das linke Aeuglein ein.
»Nachtigall, ich hör' Dir trapsen! Na dann grüßen Sie man das gnädige
Fräulein in Marczinowen recht schön, und ich hätt' noch nich genug
gesündigt, um so hart gestraft zu werden!« Er schüttelte sich in
komischem Entsetzen und wandte sich zu Annemaries Vater.
»Aber es ist mir lieb, daß ich Sie treffe, mein verehrter Herr von
Gorski. Ich wollte als Ihr Stellvertreter schon eine Sitzung des
Parteivorstandes einberufen. Dazu müssen wir unbedingt Stellung nehmen.«
»Was' denn passiert?«
»Der Heidereuter in Sucholasken will verkaufen. An einen Polen.«
Dem alten Herrn stieg die Zornröte ins Gesicht.
»Schwerenot noch mal! Schämt der Mensch sich nicht in den Grund seiner
Seele hinein?«
Herr von Lindemann zuckte mit den Achseln.
»Ich habe ihm zugeredet wie 'nem kranken Schimmel -- alles umsonst! Er
sitzt in Schulden bis an den Hals. Der Besitzer der letzten Hypothek
schnürt ihm die Gurgel zu -- auch natürlich auf Betreiben der Polen! Das
Hemd ist ihm näher als der Rock, sagt er, und das polnische Angebot gibt
ihm wenigstens die Möglichkeit, irgendwo mit einer kleinen Pachtung
wieder von vorn anzufangen. Bei 'ner Subhastation müßte er mit 'nem
Prachersack 'rausgehen und einem weißen Stock in der Hand. Ich wollte
ihm zum Abschied 'ne rechte Niederträchtigkeit sagen, aber ich kriegte
sie nicht über die Lippen. Der Mann hat 'ne kranke Frau und sechs
Kinder.«
Herr von Gorski zog die buschigen Augenbrauen zusammen.
»Das ist in zwei Jahren hier in unserem engeren Kreise schon das zehnte
Gut, das aus deutschen Händen in polnische übergeht. Soviel Geld haben
wir nicht, um dieser andringenden Flut standzuhalten!«
Der Stationsvorsteher hob die Hand, das Zeichen zur Abfahrt zu geben,
aber Herr von Lindemann winkte ihm energisch ab. Er hatte den dritten
Mitreisenden im Wagen erspäht, der zu Beginn der Unterhaltung diskret
auf die andere Seite getreten war. Dem Stationsvorsteher rief er zu:
»Lassen Sie die alte Lokomotive man ruhig sich noch ein Weilchen
verpusten! Wird ihr nichts schaden bei der Hitze, und ich bin hier noch
nicht fertig!« Und, wieder zu dem Wagen gewandt, fuhr er lebhaft fort:
»Herr von Foucar! Wie in drei Deuwels Namen kommen _Sie_ hierher? Nach
unserem geliebten Ostpreußen, wo es am tiefsten ist?«
Der Angeredete machte ein befremdetes Gesicht.
»Verzeihung, ich erinnere mich im Augenblick wirklich nicht ...«
»Aber, Mannchen! Blättern Sie mal ein bißchen in dem Buch Ihrer
Erinnerungen an den Stellen, die junge Mädchen aus guter Familie nicht
lesen dürfen -- entschuldigen Sie gütigst, Fräulein Annemarie --, ja,
besinnen Sie sich da nicht auf einen gewissen dicken Lindemann? Freiherr
von Lindemann auf Borzymmen? Mein Vetter Sternheimb hat uns bekannt
gemacht, der lange Kersien von den Königsberger Kürassieren war der
dritte im Bunde. Und wissen Sie nicht, wie ich damals in der Jägerstraße
den ganzen Bums unter Sekt gesetzt habe? Drei Morgen Weizen hat der Spaß
gekostet, aber war doch fidel, was?«
Gaston lachte auf. Jetzt entsann er sich wirklich der lustigen Nacht,
und wie sehr er sich damals über den dicken Agrarier amüsiert hatte, der
in absichtlich vergröbertem ostpreußischen Dialekt allerhand komische
Schnurren erzählt hatte.
»Wahrhaftig, Herr von Lindemann, jetzt fällt's mir wieder ein! Und ich
bitte recht sehr um Entschuldigung ...«
»Nitschewo -- ich bin nicht so übelnehmerisch! Aber der lange Kersien
prophezeite Ihnen damals eine Springerkarriere, wie sie seit
Erschaffung der Welt noch nicht dagewesen. Also was sind Sie inzwischen
geworden? Generalfeldmarschall?«
»Vorläufig mal erst Rittmeister bei den Ordensburger Dragonern!«
»Na, für den Anfang auch ganz schön! Jedenfalls begrüße ich Sie als
schätzenswerte Akquisition unseres Kreises, und man wird sich doch jetzt
öfter sehen.«
Der Stationsvorsteher hatte zu seinem lebhaften Bedauern auf den Wunsch
seines prominentesten Nachbarn nicht länger Rücksicht nehmen können. Der
Aufenthalt auf der kleinen Station hatte schon fünf Minuten über die
vorgeschriebene Zeit gedauert. Er gab hinter dem Rücken des Herrn von
Lindemann heimlich das Abfahrtszeichen. Der Zug setzte sich ächzend und
stöhnend in Bewegung, die Lokomotive stieß pfauchend ein paar weiße
Dampfwolken aus. Der Dicke aber war noch nicht fertig. Erst warf er dem
Beamten in der roten Mütze einen zornigen Blick zu, dann setzte er sich
mit den kurzen Beinen ebenfalls in Bewegung und lief neben dem Wagen
her.
»Entschuldigen Sie nur, daß ich vergessen habe, die Herrschaften
miteinander bekannt zu machen! Herr Landschaftsdirektor und
Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen nebst Fräulein Tochter
-- Herr Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac! Und noch eins, mein
verehrter Herr von Gorski« -- er erhob seine Stimme -- »in der Klinik
alles gut abgelaufen? Keine Beschwerden mehr in dem kaputten Fuß?«
Herr von Gorski winkte mit der Hand.
»Danke, lieber Lindemann, alles im Lot! Ich laufe, Gott sei Dank, wieder
wie 'n alter Fasanenhahn!«
Der Zug fuhr rascher, der Dicke im weißen Staubmantel mußte
zurückbleiben. Dem Stationsvorsteher aber hielt er eine ärgerliche
Standpauke. Was es wohl groß geschadet hätte, wenn der Zug sich noch ein
paar Minuten länger verschnauft hätte? Und wieso er ihn nicht auf die
gute Idee gebracht hätte, ein Billett zu lösen und in angenehmer
Gesellschaft nach Ordensburg mitzufahren? Jetzt könnte er den ganzen
langen Abend allein sitzen mit seinen spärlichen Gedanken und sich zum
Sterben langweilen.
Der Stationsvorsteher legte die Hand an den Mützenschirm.
»Nich immer gleich schimpfen, trautester Herr Baron! Ich hab' nämlich
'ne Idee. Wenn Sie Ihren hochbeinigen Trakehner Kraggen man ein bißchen
den Kopp freigeben, holen Sie den Zug zehnmal ein, sind noch vor ihm in
Ordensburg! Und da is heute mächtig 'was los ... eine Damenkapelle
fiddelt im Hotel zum Kronprinzen! Wenn ich nich Dienst hätt', wär' ich,
warraftigen Gott, heute abend auch 'rübergefahren. Man versauert ja
sonst ganz hier in der Einsamkeit, und e bißche 'was Höheres muß der
Mensch doch von Zeit zu Zeit haben, so was Ideales von Kunst und so!
Nich wahr, Herr Baron?«
Der dicke Herr von Lindemann klopfte ihm die Schulter.
»Kunst ist gut, Vorsteherchen, namentlich wenn sie wie in diesem Falle
von holder Weiblichkeit ausgeübt wird. Na, die Idee ist wirklich
glänzend -- lassen Sie sich dafür morgen bei meinem Oberinspektor einen
Sack Kartoffeln abholen als Erfinderprämie! Guten Abend, Herr
Stationsvorsteher.«
Er hob grüßend die Hand und ging nach der Rückseite des
Stationsgebäudes, wo sein Jagdwagen im Schatten von ein paar
breitästigen Linden hielt.
»Ludwig, wir fahren zur Abwechslung mal nach Ordensburg. Aber sanftes
Reisetempo bitt' ich mir aus, damit die Gäule nicht zu warm werden!«
»Befehl, Herr Baron!«
Ein leises Zungenschnalzen, und die beiden hochgezogenen Trakehner
Halbblüter trabten an, daß hinter dem davonrollenden leichten Gefährt
der Straßenkies spritzte ...
Herr von Lindemann wandte sich um, rief dem dienernden Stationsvorsteher
zu: »Telephonieren Sie, bitte, nach dem Schloß hinüber, die Mamsell
möcht' nicht mit dem Abendbrot auf mich warten ... verstanden?« Und
während er sich zu der raschen Fahrt die Mütze fester ins Gesicht zog,
zankte er schon mit sich selber: eigentlich war diese plötzliche
Eskapade für einen ausgewachsenen Menschen reichlich töricht! Die
Nachbarn mokierten sich auch über den lästerlichen Lebenswandel ... Aber
die hatten gut reden! Waren alle verheiratet und wußten nichts von der
Einsamkeit, die einen in dem großen Haus an den langen Abenden wie ein
Alp überfiel. Mit seiner Nachbarin wollte sie ihn verheiraten, die
blonde Annemarie von Gorski! Mit dem abstinenzlerischen Fräulein von
Streit auf Marczinowen ... Hopfenstange war noch ein Euphemismus für
ihre mangelnden Reize! Sie selbst aber? Was sie wohl für ein Gesicht
machen würde, wenn er mit einem Male in Frack und Claque in Kalinzinnen
antreten wollte: »Also, wie wär's nu mit _uns_ beiden, Fräulein Annemarie?
Könnten Sie sich entschließen, mit Ihren weichen Patschhändchen über
einen blanken Kahlkopp zu streicheln und 'lieber Gottfried' zu mir zu
sagen? Sie können's nicht? Na schön, dann brauchen Sie sich auch nicht
zu wundern, wenn der Freiherr von Lindemann lustige Gesellschaft sucht
und sich einen Ordentlichen einschwenkt. Und na, überhaupt ...«
Er richtete sich auf seinem Sitze auf: »Kerl, zieh den beiden faulen
Kraggen eins ordentlich über den Puckel! Bei dem Tempo kommen wir nach
Ordensburg, wenn der Kunstgenuß im Hotel Kronprinz längst schon zu Ende
ist.«
* * * * *
Das kurze Intermezzo auf der Station Borzymmen hatte den drei Reisenden
die Müdigkeit verscheucht. Etwas von der lustigen Laune des dicken Herrn
von Lindemann war hängen geblieben, die Hitze erschien nicht mehr so
drückend wie noch kurz zuvor. Sogar Herr von Gorski schien für den
Augenblick seine politischen Sorgen vergessen zu haben. Er sah sein
Gegenüber mit lebhaftem Interesse an: »Sie kommen in unser Regiment,
Herr Rittmeister?«
»Zu dienen! Und wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, habe ich Ihnen
Grüße zu bestellen. Ich hatte doch vorhin recht verstanden: Herr
Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen?«
»Allerdings.«
»Dann stimmt es! Ich soll Sie von meinem verehrten Abteilungschef
grüßen. Von Herrn Oberst Wegener im Großen Generalstab.«
Annemarie schlug vor Ueberraschung die Hände zusammen.
»Von Onkel Franz? Ist das eine Freude! Und wie geht's ihm denn?«
»Soweit ich's beurteilen kann, sehr gut. Ein bißchen abgearbeitet
natürlich, denn wir haben saure Wochen hinter uns, kamen aus unseren
Schreibstuben kaum noch heraus.«
Annemarie lachte herzlich auf und rückte vertraulich ein wenig näher.
»Daher Ihre blasse Gesichtsfarbe! Wissen Sie, wofür ich Sie zuerst
gehalten habe?«
»Na?«
»Für einen Professor oder Oberlehrer. Unsere Offiziere in Ordensburg
sehen jetzt, Ende Juli, wie die Neger aus! Na, und hat Onkel Franz nicht
auch von mir gesprochen? Ihnen für mich keine Grüße aufgetragen?«
»Dazu war wohl die Zeit zu knapp, als ich mich vorgestern von ihm
verabschiedete. Er mußte zum Vortrag. Aber gesprochen hat er von Ihnen,
mein gnädiges Fräulein.«
»Was denn?«
»Dazu müßte ich wohl erst seine Erlaubnis einholen, um Ihnen das
wiederzusagen.« Und kecker, als es Damen gegenüber sonst seine Art war,
fügte er hinzu: »Aber er hatte recht! Jetzt, nachdem ich Sie persönlich
kennen gelernt habe, unterschreibe ich's Wort für Wort!«
Annemarie errötete ein wenig und verzog schmollend den Mund.
»Das ist nun eklig von Ihnen! Erst einen neugierig machen und dann
nichts sagen!«
Herr von Gorski hatte schmunzelnd zugehört.
»Ich kann's mir denken! Haben Sie auch seine Frau kennen gelernt?«
»Nur flüchtig bei einem Essen, das der Herr Oberst den Herren seiner
Abteilung gab. Auch mit ihm bin ich sonst bloß dienstlich
zusammengekommen. Da hat's mich eigentlich gewundert, daß er sich für
mich so ins Zeug gelegt hat. Die Auszeichnung, daß ich vor dem Manöver
schon in die Front hinauskam, verdanke ich nur ihm.«
Der alte Herr sah sein Gegenüber prüfend an. War das nun falsche oder
echte Bescheidenheit? Aber die Musterung schien zu seiner Zufriedenheit
ausgefallen zu sein, er nickte.
»Mein Vetter Wegener weiß, was er tut! Und Sie kommen gern zu uns nach
Ostpreußen?«
»Jetzt noch lieber als früher.«
»Na, das ist recht! Welche Schwadron kriegen Sie denn?«
»Herr Oberst Wegener sprach von der fünften ...«
»So, so ... ich bin durch die sechs Wochen Stilliegen ein bißchen 'raus
... Na, und hat mein Vetter Wegener mir nicht noch irgend etwas
Besonderes sagen lassen? Wie's so im allgemeinen aussieht?«
»Nein, Herr von Gorski. Unsere Unterredung dauerte ja auch bloß ein paar
Minuten.«
»Na, mir gegenüber können Sie ruhig und ganz offen sprechen. Ich bin
alter Herr des Regiments, das Offizierkorps geht in meinem Hause aus und
ein, namentlich das unverheiratete,« -- ein lächelnder Seitenblick
streifte die neben ihm sitzende Tochter -- »ja, also da brauchen Sie
sich nicht zu genieren. Auch nicht vor Annemarie. Sie ist der heimliche
Beichtvater und Vertrauensmann von allen jungen Dächsen im Regiment.
Etliche hab' ich sogar im Verdacht, daß sie bei ihr ein bißchen in der
Kreide sitzen!«
Annemarie wurde rot bis unter die blonden Stirnhaare und protestierte
entrüstet.
Gaston aber spürte eine seltsame Regung, als müßte er ihr über das
blonde Köpfchen streicheln und irgend etwas Liebes sagen. So stark war
diese vermessene Regung, daß er sich ordentlich zusammennehmen mußte.
»Himmlischer Kerl von Mädel«, hatte sie der Oberst von Wegener genannt.
Das stimmte, und zu beneiden war der Mann, der sich das mal zum guten
Kameraden gewann. Unwillkürlich flogen seine Gedanken weit fort zu einer
anderen, stellten allerhand Vergleiche an ...
Gaston schreckte zusammen. Der alte Herr da drüben hatte eine Frage an
ihn gerichtet.
»Wie befehlen? Ach so, ja, ganz recht. Es sieht wieder einmal
bedrohlicher aus als sonst. Ich persönlich habe natürlich kein Urteil,
aber mein verehrter Chef gab mir ein privates Avis an meinen neuen
Kommandeur mit. Daraus schließe ich, daß jeder Tag vielleicht die
Katastrophe bringen kann. Oder -- wie man's nehmen will -- die Erlösung
aus einer immer unerträglicher werdenden Spannung.«
Herr von Gorski schüttelte den grauen Kopf. »Ich glaube nicht daran. Die
Verantwortung ist zu ungeheuerlich! Da überlegen sich's die, in deren
Hand die Entscheidung liegt, eher zehnmal als einmal. Namentlich bei
unseren Nachbarn im Osten. Da spielen für die Dynastie im Falle eines
unglücklichen Krieges noch ganz besondere Interessen mit. Ich habe
livländische Verwandte in hohen Hofchargen. Einer von ihnen schrieb mir
erst unlängst, die Truppenansammlungen an unserer Grenze sind nur
befohlen worden, =pour montrer la bonne volonté=. Um den Bundesgenossen
mit dem großen Sparstrumpf bei guter Laune zu halten.«
»Mag sein, Herr von Gorski. Dafür sieht's an unserer Westgrenze um so
bedrohlicher aus. Dort geht's leider nach Stimmungen, nicht nach
Erwägungen. Das ganze Volk schreit nach dem Revanchekrieg. Wie ein
langsam angestautes Wasser ist es, das jeden Augenblick den Damm
zerreißen kann. Mir persönlich wäre es recht. Nichts sehnlicher wünsche
ich mir, als meine Schwadron gleich an den Feind zu führen!«
»Bravo!« sagte Annemarie, und Herr von Gorski lächelte.
»Sie ist nämlich mit ihren jungen Freunden vom Regiment unbedingt fürs
Einhauen. Sie geht dann als Rote-Kreuz-Schwester mit! Aber was ich schon
vorhin fragen wollte, lieber Rittmeister, wo standen Sie eigentlich
früher?«
»Bei den Karlsburger Ulanen. Von dort kam ich auf Akademie und nachher
in den Generalstab.«
»Ein glänzendes Regiment und eine angenehme Garnison,« sagte der alte
Herr. »Und da sind Sie nicht wieder hingegangen?« Die Frage klang ein
wenig argwöhnisch.
»Ich hatte meine besonderen Gründe!« sagte Gaston. Damit sollte es genug
sein, aber er fühlte, daß Annemaries Augen an ihm hingen. Wie ihm
scheinen wollte, mit ganz besonders gespanntem Interesse, und da sprach
er offen und ohne Rückhalt. Als wenn das liebe Mädel ein Anrecht hätte,
genau zu erfahren, was er fühlte und dachte.
»Also einmal, weil ich gerade Ostpreußen kennen lernen wollte, und dann
... in meiner Heimat nicht nur geht eine Legende, die mir jedesmal, wenn
ich auf sie stoße, die Zornröte ins Gesicht treibt. Eine sehr hohe Dame
soll angeblich mit besonderer Fürsorge über meine Karriere wachen. Ich
habe auch sonst genug gelitten unter diesem törichten Gerede. Mein Vater
war Kammerherr dieser hohen Dame an einem der süddeutschen Duodezhöfe.
Er starb, als ich ein Jahr alt war, ich habe ihn nicht gekannt. Als ich
Offizier wurde, gab mir mein Vormund einen Brief von ihm und klärte mich
auf. Mein Vater war im Duell gefallen für die von einem Unwürdigen
angegriffene Ehre dieser hohen Dame, war gestorben wie ein Kavalier und
Held. Aber meine liebe Mutter faßte das anders auf. Glaubte an eine
Schuld, wo nichts weiter gewesen war als die Pflicht eines seiner Herrin
dienenden Kavaliers. Sie ging nach ihrer schwäbischen Heimat zurück und
erzog mich dort auf ihre Art. Es steht einem Sohne nicht zu, mit der
geliebten Mutter zu rechten, aber es wäre vielleicht manches in meinem
Leben anders gekommen, wenn ich eine Jugend hätte haben dürfen wie
andere. Wie ein junges Mädchen verpimpelte sie mich. Aber da gab es
einen Umschwung. Eines Tages hatte ich mal wieder was ausgefressen, aber
kam gerade noch mit blauem Auge davon. Wie und wieso weiß ich nicht
mehr, aber einer meiner Coëtanen meinte: 'Na ja, wenn man eine
Schutzheilige hat -- eine richtige, lebendige Großfürstinwitwe, die ihre
Gefühle vom Vater auf den Sohn überträgt.' Ich fuhr ihm an den Hals, wir
schlugen uns auf schwere Säbel, und in der Festungshaft danach wurde ich
ein ernsthafter Mensch. Ein Streber schlimmster Sorte ...
Kommandierender General zum mindesten wollte ich werden! Aber ohne
weibliche Protektion!«
Annemarie hatte mit aufgeregten Augen zugehört. Ehe ihr Vater etwas
sagen konnte, streckte sie impulsiv dem Rittmeister von Foucar die Hand
entgegen.
»Furchtbar interessant ist das! Und überhaupt, wo Onkel Franz so große
Stücke auf Sie hält. Sind Sie Jäger?«
Gaston blickte ein wenig verwundert auf.
»Sogar mit Passion. Aber bisher hatte ich, zu meinem Bedauern, nur
wenige Male Gelegenheit.«
»Na ja, in Berlin!« sagte sie geringschätzig. »Aber das wird hier anders
werden. Sie sollen bei mir in Kalinzinnen den besten Bock schießen, den
es im Kreise je gegeben hat. Mindestens dreißig Zentimeter Stangenhöhe
und geperlt bis in die Enden hinein ... ein ganz alter Bursche, schlau
wie ein Fuchs, aber in der Brunst werden wir ihn schon kriegen!«
Der alte Herr hatte zum Fenster hinausgesehen. Hallo, was war das? Hatte
sein sonst so zurückhaltender Blondkopf an diesem Rittmeister Feuer
gefangen? Und daß das Mädel mit den Kalinzinner Rehböcken so freigebig
umging, war allein schon ein bedenkliches Zeichen. Sonst war sie damit
sehr knauserig.
»Annemarie,« sagte er, »freust Du Dich, daß wir endlich wieder nach
Hause kommen?«
»Aber natürlich, Papa, riesig!«
»Und was Hermann wohl sagen wird, wenn wir endlich wieder da sind?
Wahrscheinlich wird er an der Bahn sein.«
Annemarie runzelte die Stirn.
»Natürlich wird er da sein. Du hast ihm doch sicherlich geschrieben,
wann wir ankommen. Er ist überhaupt immer da.«
»Bitte sehr, diesmal habe ihm nicht geschrieben!«
»Er wird doch da sein!« sagte sie hartnäckig und legte sich abweisend in
die Wagenpolster zurück. Gaston aber merkte die Absicht des alten Herrn
und griff nach einer der schon längst gelesenen Zeitungen. Eigentlich
war es ja schon deutlich genug gewesen, daß Herr von Gorski die
Jagdeinladung der Tochter nicht bestätigt hatte. Und dieser Hermann, der
auf der Station warten würde, war ein Wink für ihn: »Gib Dich nicht
unnützen Hoffnungen hin.« Der Wink war überflüssig. Wer sich selbst eine
Kette um den Fuß gelegt hatte, durfte seine Augen nicht aufheben zu
einem stolzen und freien Herrenkind.
Annemarie hatte ein paar Minuten schweigend gesessen, jetzt schob sie in
leichtem Trotz die Unterlippe vor.
»Ach, entschuldigen Sie, Herr Rittmeister ...«
»Bitte sehr, mein gnädiges Fräulein.«
»Sie müssen so freundlich sein, mir noch einmal recht deutlich Ihren
Namen zu sagen. Vorhin, als Herr von Lindemann vorstellte ...«
»Aber mit Vergnügen! Gaston Baron Foucar von Kerdesac!«
Annemarie blickte überrascht auf: »Aber das ist ja ein rein
französischer Name!«
»Zu dienen! Mein -- einen Augenblick, ich muß nur nachrechnen -- ja,
also, mein Ururgroßvater kam als achtjähriger Knabe nach Deutschland.
Seine Eltern waren auf die Guillotine geschleppt worden, ihm gelang es,
als die Schergen des Konvents das Schloß durchsuchten, sich zu
verstecken. In einer Regentonne. Dann wanderte er nach Osten, bis er an
andere Flüchtlinge Anschluß fand. Mit zweiundzwanzig Jahren focht er
unter Blücher gegen Napoleon.«
»Merkwürdig,« sagte Herr von Gorski, und aus dem Tone seiner Bemerkung
war starke Mißbilligung herauszuhören, »ja, also merkwürdig, wie eine
Familie mit Traditionen in so kurzer Zeit ihren vaterländischen
Standpunkt verändern kann! Das Vaterland ist doch immer das Primäre! Und
ich frage mich manchmal ... Die Abkömmlinge der französischen
Refugiéfamilien ... ja, mit welchen Gefühlen werden die wohl einmal
satteln, wenn es gegen ihr altes Vaterland Frankreich geht?«
Gaston verneigte sich leicht, Kampflust in den blauen Augen.
»Das haben sie schon einmal bewiesen, jetzt vor mehr als vierzig Jahren!
Und ich darf wohl dagegen fragen, mit welchen Empfindungen werden Sie
sich tragen, Herr von Gorski, wenn es morgen nach der anderen Seite
losgehen sollte? Gegen Rußland?«
Der alte Herr steckte sich in einer gewissen Erregung eine Zigarette an.
»Sie verstehen zu fechten, Herr von Foucar! Aber es ist ein Irrtum
dabei. Mein Geschlecht ist von Anbeginn an rein deutsch gewesen -- trotz
seines polnischen Namens. Darüber existieren unanfechtbare Urkunden.
Mein erster nachweislicher Vorfahr ist als Gefolgsmann des Großmeisters
Heinrich von Plauen urkundlich aufgeführt, Berger hieß er. Als nach dem
Niedergange des Ordens die slawische Welle wiederkam, wurde sein guter
deutscher Name ins Polnische übersetzt. Gorski heißt nämlich auf deutsch
Berger, und das Schicksal, das ihn ereilte, traf auch all die anderen,
ursprünglich deutschen Familien. Nicht nur aus dem Stande der
Ritterbürtigen. Auch unter der bäuerlichen Bevölkerung können Sie noch
heute herauskennen mit einiger Sicherheit, was ursprünglich mal deutsch
war. Schon an der Körperlänge. Der slawische Masur ist klein, kaum daß
mal einer über Mittelgröße hinauswächst.«
»Aehnlich wie in meiner Heimat,« versetzte Gaston. »Nur daß man da
zwischen Normannen mit Wikingerblut unterscheidet und den kleineren
Abkömmlingen der Römer. Aber ich meine, der ganze Streit ist
unfruchtbar. Jeder hält zu dem Lande, dem er sich verbunden fühlt. Der
alte Name ist nur eine Erinnerung. Das Nationalgefühl entscheiden die
Mütter.«
»Haben Sie Ihre alte Heimat einmal besucht?« warf Annemarie ein.
Gaston wiederholte die Frage.
»Meine alte Heimat? Nein, aber im vorigen Jahre machte ich eine Reise
durch Nordfrankreich. Ich sage das absichtlich, um von vornherein meine
Empfindungen bei dieser Reise zu kennzeichnen. Nichts sprach zu mir, was
irgendeinen sentimentalen Widerhall in mir geweckt hätte ... oder
vielmehr einmal mußte ich an mich halten, um als preußischer Offizier
nicht eine Unbesonnenheit zu begehen. Am zweiten September war es, in
Havre. Zu Hause bei uns feierte man den Gedenktag von Sedan, hier
schleifte ein Haufe halbtrunkener Gassenjungen eine Strohpuppe im
Straßenkot, die wie ein deutscher Soldat ausstaffiert war mit ein paar
bunten Fetzen. An der Spitze schritt ein Bengel, der ein freches
Spottlied auf die '=sales Prussiens=' sang. Die andern grölten den
Refrain. Da mußte ich mich mit Gewalt zusammenreißen, um dem Lümmel an
der Spitze das Maul nicht mit einer Ohrfeige zu stopfen ... Und ein paar
Tage später war ich in dem Städtchen Kerdesac. Auf einem Hügel in der
Nähe lag eine verfallene Ruine ... ein Rest des alten Gemäuers war
wohnlich eingerichtet, ein weißbärtiges Männchen hauste darin ... Der
Letzte der Foucar der französischen Linie. Ich machte ihm meine
Aufwartung, ohne meinen Namen zu nennen, und fragte so nebenher, ob
nicht ein Zweig des Geschlechts in Deutschland lebte. Da richtete der
alte Herr sich auf und spie aus. 'Verflucht sei er und verdorren möge
er! Meine Arme sind vertrocknet, aber wenn wir morgen marschieren
sollten, marschiere ich mit. Und Gott wird mir helfen, die zu züchtigen,
die ihr Vaterland vergessen konnten ...' Ich empfahl mich und ging. War
nicht im geringsten betroffen, hatte nur das Gefühl einer Seltsamkeit
... einen fast schnurrigen Gedanken: daß nämlich anscheinend in jedem
Lande der liebe Gott eine andere Nationalität hat. Und daß er jedesmal
helfen soll, die Leute jenseits der Grenze totzuschlagen ...«
Das Gespräch verstummte. Annemarie holte mit einem leichten Seufzer die
»Gedanken und Erinnerungen« hervor, die sie vorhin beiseite gelegt
hatte, Herr von Foucar griff nach einer Zeitung, und nach einer Weile
schien es so, als wären die drei, die der Zufall für eine kurze Reise
zusammengeführt hatte, einander so fremd wie zu der Zeit, als der
lustige Herr von Lindemann sie noch nicht vorgestellt hatte. Nur ein
kleiner Unterschied war dabei. Nach kurzer Pause hob Annemarie den Kopf
von der Lektüre, Herr von Foucar tat desgleichen, ihre Blicke begegneten
sich und hielten stumme Zwiesprache miteinander. Der eine sagte: »Ist
das nicht ärgerlich, daß unser erstes Beisammensein mit solch einem
Mißklang enden soll?« Und der andere meinte: »Es wäre doch jammerschade,
wenn nun aus der so freundlich gebotenen Jagdeinladung nichts werden
sollte!« Da huschte über das feingeschnittene Gesichtchen ein
schalkhaftes Lächeln. Sie legte das dicke Buch wieder beiseite und
wandte sich besorgt zu dem neben ihr sitzenden Vater.
»Willst Du es Dir nicht lieber ein bißchen bequemer machen, Papa? Ich
kann mich ja ganz in die andere Ecke setzen, Du aber streckst das Bein
auf das Polster.« Und wie zur Erklärung für Herrn von Foucar fügte sie
hinzu: »Nämlich mein Papa hat vor sechs Wochen einen schweren Sturz mit
dem Pferde getan, weil er noch immer so verwegen drauflos reitet, als
sprengte er an der Spitze seiner alten Schwadron. Das ganze Schienbein
war gesplittert, und ich fürchte beinahe, bei aller Kunst des
Königsberger Professors, ganz so wie früher wird es wohl nicht mehr
werden.«
»Unsinn,« brummte Herr von Gorski in seinen kurzgeschnittenen grauen
Spitzbart, »der Mann hat sein Handwerk verstanden! Ist alles wieder in
Ordnung, und, wenn ich ehrlich sein soll, ich muß mich immer erst
besinnen, welcher Fuß eigentlich kaput war, der rechte oder linke!«
Sein Gegenüber pflichtete ihm bei, um ihn bei guter Laune zu erhalten.
»Ja, es ist erstaunlich, was heutzutage die Herren Chirurgen alles
leisten! Einer meiner Kameraden beim alten Regiment hatte von einem
schweren Sturze eine Gehirnerschütterung gekriegt, Schlüsselbein kaput
und das ganze rechte Bein ein einziger schlotternder Lappen ... vier
Wochen Klinik in Tübingen, und er konnte wieder in den Sattel steigen!
Zwei Monate danach aber gewann er sein erstes Rennen.« Die Geschichte
war frei erfunden, aber was tat man nicht einem Paar blauer Mädchenaugen
zuliebe, die einen lustig anlachten?
Der alte Herr sprang prompt auf die kleine Kriegslist ein und nahm die
abgebrochene Unterhaltung wieder auf.
»Siehst Du, da hast Du's! Morgen laß ich mir meinen alten 'Perkuhn' an
die Rampe führen, probier' mal, ob's nicht schon wieder geht!« Und nach
einer kleinen Pause fuhr er fort: »Was aber unseren vorhin
angeschnittenen Hammel anlangt, Herr von Foucar -- also ich möchte da
kein Mißverständnis aufkommen lassen. Ich habe inzwischen nachgedacht.
Ich verstehe zwar immer noch nicht, wie geborene Franzosen in ein paar
Menschenaltern reine Deutsche werden können, aber da ich ein
überzeugendes Beispiel vor mir sehe, muß ich die Tatsache anerkennen.
Und sie interessiert mich sehr, denn vielleicht liegt in ihr irgendein
Fingerzeig verborgen für unsere Arbeit in den Grenzprovinzen, den Kampf
gegen das Polentum. Wenn Sie unsere Parlamentsverhandlungen der letzten
Jahre ein wenig verfolgt haben, werden Sie wissen, daß ich bisher immer
einer der Hauptvertreter der gemäßigten Richtung gewesen bin in der
Behandlung unserer polnischen Mitbürger. Während meiner unfreiwilligen
Muße aber, jetzt in der Klinik, habe ich eine Art von Inventur gemacht
über die Ergebnisse meiner Tätigkeit. Und, wenn man so losgelöst daliegt
von allen verwirrenden Eindrücken der kleinen Tageskämpfe, sieht man
wohl schärfer als sonst. Ja also, da hat sich mir die niederschmetternde
Erkenntnis aufgedrängt, daß all unsere Arbeit bis zur Stunde vergeblich
war. Statt vorwärts zu kommen, haben wir Boden verloren, und da fragt
man sich unwillkürlich, ob die bisherige Methode die richtige war.«
»Verzeihen Sie, Herr von Gorski,« sagte der Rittmeister, »ich habe mich
bisher mit diesen Dingen zu wenig beschäftigt, um ein eigenes Urteil zu
haben. Aber was ich von Ihnen, einem berufenen Sachverständigen, höre,
macht mich stutzig.«
Der alte Herr lächelte trübe.
»In unseren Industriegebieten finden Sie ganze Stadtteile und
Niederlassungen, in denen kaum noch ein Wort Deutsch gesprochen wird.
Und gehen Sie in die Mark, nach Sachsen, Pommern oder Mecklenburg -- die
Leute, die dort auf den Feldern arbeiten, sprechen Polnisch! Das hängt
ja nun mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte
zusammen, aber muß doch mit in Rechnung gebracht werden, wenn man sich
das Gesamtbild vergegenwärtigen will. Und das übrige ... das Ende ...«
Er brach ab und sah sinnend vor sich hin.
Herr von Foucar hatte gespannt und achtungsvoll zugehört. Als der alte
Herr plötzlich schwieg, erlaubte er sich in bescheidenem Tone die Frage:
»Nun und? Wenn all diese Polen den deutschen Gesetzen gehorchen, ihre
Steuern bezahlen und als Soldaten ihre Pflicht und Schuldigkeit tun?
Unsere Armee ist doch noch intakt. Und gerade unsere polnischen
Regimenter haben sich im letzten Feldzuge doch mit Auszeichnung
geschlagen. Geben wir den Polen vollkommene politische Freiheit und
wirtschaftliche Vorteile, die ihnen die Ueberzeugung wachrufen müssen,
unter keiner Herrschaft der Welt könnte es ihnen besser gehen als unter
der preußischen oder deutschen, und sie werden -- unter dem Zwange
dieser Einsicht -- treue und gute Staatsbürger werden.«
Um den bärtigen Mund des alten Herrn flog ein nachsichtiges Lächeln.
»Sehr schön und sehr nobel gedacht, aber das Mittel ist schon längst
versucht worden -- bisher ohne Erfolg! Zu keiner Zeit wurde wohl in
polnischen Kreisen mehr komplottiert, das alte Königreich wieder
auszurichten, als in jenen Jahren, in denen die Polen verhätschelt und
mit Zuckerbrot gefüttert wurden. Das ermutigte die Herrschaften nur, die
bisher im stillen betriebene großpolnische Agitation auf die Gasse zu
tragen! Wie Pilze schossen allenthalben die nationalen Hetzblätter
empor, und ganz unversehens war ein neues Moment in die Bewegung
gekommen: Der bisher indifferente kleine Mann in den Städten und auf dem
Lande war zum Bewußtsein seiner polnischen -- wie heißt doch das
neugeprägte Wort? -- ja richtig, zum Bewußtsein seiner polnischen
'Volkheit' gelangt! ... Aus solchen geschichtlichen Prozessen muß man
lernen, solange es noch Zeit ist. Alles auf dieser Welt verläuft in
Wellenlinien, nicht einmal der Strahl des Lichts fährt in schnurstracks
gerader Bahn dahin, also muß es auch wohl in der politischen Bewegung
der Völker ein Auf und Nieder geben. Es muß nur die gewaltige
Persönlichkeit kommen, die stark genug ist, die Hand zu heben: Halt!«
Der alte Herr schwieg erschöpft, wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Herr von Foucar wollte etwas erwidern, aber Annemarie gab ihm ein
heimliches Zeichen, das Gespräch abzubrechen. In dem Coupé war es
plötzlich so finster geworden, daß man Mühe hatte, das Gesicht des
Gegenübersitzenden zu erkennen, eine jäh aufgestiegene dunkle Wolkenwand
hatte sich vor die Sonne geschoben. Die drückende Schwüle wurde schier
unerträglich, da, mit einem Male gleißende Helle, vor der sich
unwillkürlich die Augen schlossen ... in derselben Sekunde ein
schmetternder, kurzer Schlag, ein Reißen und Krachen, daß die
Wagenfenster klirrten. Einen zuckenden leichten Schmerz gab es in den
Gelenken, ein schwefliger Geruch drang zu den Fenstern herein, Annemarie
hob die Hand und deutete nach außen: »Da ... sieh nur, Papa, sieh.« Eine
rank aufgeschossene Kiefer, die mitten in einer abgeholzten Lichtung
etwa hundert Schritt vom Bahndamme stand, leuchtete rot auf, züngelnde
Flammen leckten an dem Stamme in die Höhe, und um die grüne Krone
breitete sich eine weißliche Wolke. Ueber das Gesicht des alten Herrn
aber flog ein heller Schein, seine Augen blitzten auf.
»Das sei ein Zeichen,« sagte er laut, »und so möge sich erfüllen, was
ich eben vorausgesagt habe.«
Die Bremsen an den Rädern zogen kreischend an, der Zug hielt vor einer
Art von ziegelgedecktem Schuppen, neben dem ein Wärterhäuschen aus
Wellblech stand. Und plötzlich kam mit Rauschen und Brausen der Regen
gezogen wie eine graue Wand. Hagelschlossen prasselten dazwischen, der
gelbe Sand des Bahnsteiges spritzte auf, und unablässig schmetterte und
krachte der Donner. Ein triefend nasser Schaffner kam gelaufen, riß die
Tür auf: »Kalinzinnen, eine Minute!«
»Um Gottes willen, schon?«
Annemarie sprang auf, stopfte Buch und Zeitungen eilig in die
krokodillederne Handtasche, der Rittmeister half dem alten Herrn in
einen Gummimantel, ohne für seinen Dienst mehr als ein kurzes »Danke!«
zu ernten. Aus der grauen Regenwand trat ein Diener, einen großen,
aufgespannten Leinenschirm in der Hand: »Willkomm zu Hause, gnäd'ger
Herr,« sagte er respektvoll. »Und der gnä'ge Herr müssen schon so gut
sein, ein paar Minutchen unter die Wartehalle zu treten. Die beiden
alten Kobbeln vor dem Kutschwagen sind von dem großen Blitz rein wie
verrückt geworden. Der Gottlieb mußt sie laufen lassen, aber er is wohl
gleich wieder 'ran.«
Der alte Herr verabschiedete sich von dem Reisegefährten mit kurzem
Gruße, kletterte ein wenig schwerfällig den Wagentritt hinab. Annemarie
rief ihm nach: »Papa, Du hast wohl nur vergessen ...?« Er hörte nicht,
oder vielleicht tat er auch nur so, denn der Zuruf war laut genug
gewesen, und in dem Rollen des Donners hatte es gerade eine kurze Pause
gegeben. Da flog über ihr Gesicht ein trotziger Zug, sie streckte dem
Rittmeister die Hand entgegen: »Entschuldigen Sie, mein Papa ist nur
durch die plötzliche Ankunft ein bißchen durcheinander, sonst hätte er
sicherlich ... jedenfalls sind Sie uns in Kalinzinnen herzlich
willkommen!« Und mit einem Lächeln fügte sie hinzu: »Seien Sie ein
bißchen nett mit meinen beiden Vettern, sie stehen bei Ihrer Schwadron!«
Der Schaffner an der offenen Tür, dem das Wasser vom Mützenschirm über
die Nase rann, hob mahnend die Hand.
»Trautstes Freileinchen, beeilen Sie sich, der Zug hat sowieso all
Verspätung.«
Da gab es noch einen kurzen Händedruck. »Also gut, und auf bald.« Hastig
sprang sie von dem Tritte, der Diener, der den alten Herrn schon nach
der Wartehalle geleitet hatte, eilte mit dem großen Regendache herbei.
Eine Pfeife schrillte, der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Gaston
trat ans Fenster, um vielleicht noch einen Blick oder Gruß zu erhaschen,
aber Annemarie stapfte eilig dahin, zwischen den vom Boden schnellenden
Spritzern. Der über die Knöchel gehobene Rock zeigte ein paar schlanke
Fesseln über schmalen Füßen. Der alte Herr unter der Wartehalle schien
ungeduldig geworden zu sein, sprach lebhaft auf die Tochter ein, nach
dem abfahrenden Zuge sah er nicht mehr hinüber. Die graue Wand schob
sich dazwischen, der ziegelgedeckte, offene Schuppen und ein
heranfahrender Wagen waren noch wie durch einen Schleier zu erkennen.
Dann nichts als unablässig strömender Regen, nach jedem der rollenden
Donnerschläge schien er nur noch stärker zu fallen, als wenn da oben an
irgendeiner himmlischen Talsperre ein Staudamm gebrochen wäre, so
schüttete es hinab.
Gaston hatte das Fenster hochgezogen und setzte sich auf seinen Platz
zurück. Trocknete sich Gesicht und Hände von den durch die offene Tür
gespritzten Regentropfen, und ihm war seltsam lustig und aufgeräumt
zumute. Mit dem alten Herrn schien er's ja gründlich verdorben zu haben,
nach anfänglichem Wohlgefallen hatte es ein ziemlich unverhohlenes
Mißvergnügen gegeben. Aber was lag daran -- dafür hatte die Tochter
einen um so freundlicheren Abschied genommen. Wie hatte sie gesagt? »Auf
Wiedersehen, recht bald.« Na, das konnte ja besorgt werden! Und ein
Vorwand war gar leicht gefunden. Da drüben, zwischen Rückwand und
Wagenpolster blitzte etwas auf, als hätte es spitzbübisch bloß auf den
rechten Augenblick gewartet, sich bemerkbar zu machen. Eine kleine
goldene Zigarettendose, mit einem Saphir als Druckknopf und einem, aus
funkelnden Brillanten gefügten »=A=« auf dem Deckel. Eine siebenzinkige
Krone darüber, deren Zacken in hellem Rubinrot leuchteten. Und allerhand
Widmungen daneben, in Schrift oder figürlicher Darstellung. Ein
blau-weiß-roter Emailschild mit der Umschrift: »Masovia sei's Panier!
Der holden Korpsschwester die Füchse des Sommersemesters 1911.« Viele,
sauber ausgeführte Wappen mit Jahreszahl und Datum, und endlich auf der
Rückseite ein Emailbild der beiden »bösen Buben«, Max und Moritz. Eine
Inschrift besagte, daß unter dieser allegorischen Darstellung die beiden
Vettern Hans und Karl von Gorski zu verstehen wären. Nur eine Ecke auf
dem goldenen Untergrunde war noch frei. Gaston schob mit einem Lächeln
die Dose in die Brusttasche: da war er ja, der gute Vorwand! In ein paar
Tagen überbrachte man das kostbare Fundstück persönlich, und inzwischen
war auf der letzten freien Ecke von einem geschickten Goldschmied ein
Kleinod ganz besonderer Art eingefügt worden zur Erinnerung an die
Stunde der ersten Begegnung. Ein tiefblauer kleiner Saphir von
altertümlich flachem Schliff, der ein winziges Zeichen trug. Man mußte
eine Lupe zu Hilfe nehmen, um es zu erkennen: der gefiederte
Sarazenenpfeil war es aus dem Wappenbilde der Foucar, mit dem sie
zeichneten, was ihnen gehörte. Nach einer alten Familiensage stammte der
Stein von einem Ringe, den ein Ahnherr am heiligen Grabe geweiht hätte,
und sollte seinem Besitzer Glück bringen, ihn vor jeder Art von Gefahr
bewahren. Wem aber wünschte er wohl von Herzen mehr Glück als dem
blonden Mädel, das ihm ein gütiges Geschick hier in den Weg geführt
hatte.
Er brauchte nur die Augen zu schließen, und er sah es wieder vor sich
auf dem Platze da drüben ... die biegsame, schlanke Gestalt, das feine
Gesichtchen mit dem lustigen Grübchen in der Wange und den klaren,
blauen Augen. Ganz dunkel schienen sie in der Abwehr und leuchteten hell
auf, wenn sie lachte. Allmählich aber verwischte sich das Bild. Es hing
eine an seinem Halse, drängte sich ganz nahe an ihn und biß ihn in
bitterem Trennungsweh, daß er sie nie mehr vergessen sollte und immer an
ein Wort denken, das er selbst gesprochen hatte. Sie wäre für ihn die
Herrlichste und Reinste auf der ganzen Welt. In einer Art von
Trunkenheit hatte er es gesprochen, aber es stand da. Wahnsinn war es
doch, zu denken, mit seiner raschen Flucht wäre alles zu Ende. Die
Wirrsal fing jetzt erst an ... die Wirrsal für einen, den die Natur mit
mancherlei Gaben ausgestattet hatte, nur nicht mit einem robusten
Gewissen ...
Das Gewitter war vorübergezogen, kaum eine Viertelstunde hatte es
gedauert. Nur im Westen stand noch eine dunkle Wolkenwand, von der
untergehenden Sonne wie mit Blut und Feuer übergossen. Der Zug hielt im
freien Felde. In der Ferne blaute ein See mit spärlich bewaldeten Ufern,
ein schlanker Kirchturm, dessen Kreuz im Sonnenlicht blitzte, ragte
zwischen roten Ziegeldächern in die Höhe.
Auf dem anderen Gleise rollte ein langer Zug vorüber. Mehr als fünfzig
Wagen zählte Gaston, alle mit Menschen dicht besetzt. An den Oeffnungen
der Türen und Fenster drängten sie sich Kopf an Kopf, schauten mit einer
Art stumpfer Neugierde heraus. Gesichter von fremdartigem Schnitt ...
kleine blaue Augen über breiten Backenknochen, stumpfe Nasen und
blondes Haar. Die Frauen in bunten Tüchern, die Männer in grauen Röcken,
breitschirmige Mützen tief in die Stirn gezogen.
Der aus seinem Bremserhäuschen gestiegene Schaffner gab unaufgefordert
die Erklärung: »Polnische Auswanderer. Jeden Tag kommen vier solcher
Züge von der Grenz'. Alles wegen dem Krieg. Da drüben haben se,
scheint's, noch mehr Angst wie bei uns. Möcht's man endlich losgehen,
sonst reißen se uns noch alle aus.«
Gaston nickte.
Ja, wenn's nur endlich losgehen wollte!