Ich meinerseits bin daher auf Grund meiner eigenen Erfahrungen von

jeder Teilung der Kräfte in Afrika abgekommen. Eine vernichtende

Umfassung des Gegners kann auch auf dem Gefechtsfelde selbst erstrebt

werden, wie dies 1897 in dem Gefechte an der Gamsibschlucht gegen

die Afrikaner[159] geschehen ist. Gelingt eine solche jedoch nicht,

bleibt immer noch die Möglichkeit, mit den zusammengehaltenen Kräften

über den Feind die Feuerüberlegenheit zu gewinnen und ihm schwere

Verluste beizubringen. Letztere, wenn häufig wiederholt, vermögen

den Eingeborenen gleichfalls zu entmutigen. Aus diesem Grunde ist es

auch erforderlich, das Schießen auf weite Entfernungen zu vermeiden,

vielmehr dem Feind von Hause aus möglichst nahe auf den Leib zu rücken.

Aus einer wenig verlustreichen Schießerei auf weite Entfernungen,

während deren der Eingeborene, sobald es ihm beliebt, unvermerkt

wieder verschwinden kann, macht sich dieser gar nichts. Dagegen können

auch mehrere mit schweren Verlusten verknüpfte Niederlagen rasch

hintereinander bei ihm dieselbe Wirkung hervorbringen wie ein einziger

gelungener Vernichtungsschlag, nämlich Kriegsmüdigkeit. Um aber

diese Stimmung rechtzeitig ausnutzen zu können, ist es erforderlich,

stets in Fühlung mit dem eingeborenen Gegner zu bleiben. Denn, falls

der richtige Augenblick verpaßt wird, läuft er auseinander, um den

Guerillakrieg zu beginnen, und wir haben das Nachsehen. Eigentlich muß

man daher die Eingeborenen nach jeder erlittenen Niederlage fragen, ob

sie noch nicht genug hätten, denn von selbst sagen sie dies in ihrem

Mißtrauen dem weißen Manne gegenüber nie.

Der allerschwierigste Teil der Kriegführung ist jedoch in Südwestafrika

die Aufklärung, sei es mittels einzelner Patrouillen, sei es im

Sicherungsdienst während des Marsches, dies namentlich Hottentotten

gegenüber. Wie oft haben wir 1905 gelesen: »Auf Patrouille gefallen:

1 Offizier, so und so viel Mann«, ferner auch: »Im Gefecht von .....

gefallen 1 Offizier, 5 bis 6 Reiter, leicht verwundet 2 bis 3 Reiter«.

Man darf als sicher annehmen, daß in beiden Fällen die deutschen Reiter

lediglich einem Versteck der unsichtbar hinter ihren Klippen liegenden

Hottentotten auf 20 bis 30 Schritt Entfernung zum Opfer gefallen sind.

War es eine Spitze, so entwickelt sich die dahinter marschierende

Abteilung zum Gefecht, in dem dann die 2 bis 3 Leichtverwundeten als

weitere Verluste hinzutreten. Die Hottentotten aber berauben die dicht

vor ihrer Front Gefallenen und pflegen nach einem kurzen Feuergefecht

wieder zu verschwinden, sich auf Grund ihres Raubes aber triumphierend

den Sieg zuzuschreiben, während die deutschen Reiter schließlich

eine leere Stellung erstürmen. Dann kann dasselbe Spiel von neuem

beginnen und so ein Feldzug in Südwestafrika sich auf unabsehbare Zeit

ausdehnen. Eine Teilnahme von Eingeborenen auf unserer Seite gibt

dagegen die Möglichkeit, die vorausgesendeten Sicherheitsabteilungen

mit diesen zu mischen, und sie sind bei deren weit besserem Seh- und

Orientierungsvermögen vor Überraschungen geschützter als weiße Reiter

allein.

Auf Grund von Erwägungen vorstehender Art habe ich seinerzeit in einem

1898 in der Militärischen Gesellschaft in Berlin gehaltenen Vortrag

für die südwestafrikanische Kriegführung nachstehende Schlußfolgerungen

gezogen:[160]

Sonach bin ich zum Schlusse meines Vortrags gelangt und gestatte

mir nur noch kurz zu rekapitulieren, daß der Südwestafrikanische

Kriegsschauplatz uns folgende Gefechtslehren bietet, die mitunter wohl

auch für europäische Verhältnisse beachtenswert sein mögen, und zwar:

1. Beginn des Gefechts stets auf möglichst nahen Entfernungen, dies

auch von der Artillerie (wegen der besseren Wirkung. Es ist auch

durchführbar, da der Gegner keine Artillerie besitzt).

2. Angriff von allen Seiten umfassend, stets einen Vernichtungsschlag

anstrebend.

3. Von Hause aus in der Regel alle Kräfte einsetzen. Selten

Ausscheiden einer Reserve -- sei es zu Fuß, sei es zu Pferde --, denn

Überraschungen drohen so gut wie nicht. Es genügt daher Sicherung des

Gefechtsfeldes durch Patrouillen (d. h. in den Flanken).

4. Auch in Afrika muß das Endziel jedes Angriffs der Sturm mit dem

Bajonett sein. Aber auch dort ist gute Vorbereitung durch Feuer

Bedingung.

5. Für Kavallerie bestätigt der südwestafrikanische Kriegsschauplatz

die Lehre, daß man unerschütterte Infanterie nicht attackieren soll.

6. Auf dem Gebiete des Vorposten- und Aufklärungsdienstes ist in

Afrika noch weniger wie in Europa ein Schema angezeigt. Eine lagernde

Abteilung bedarf dort der Sicherung nach _allen_ Seiten, daher muß der

Postengürtel stets eng gezogen sein. Durch vorgeschobene Lauerposten

denselben zu verstärken, wie solches in Europa üblich ist, lohnt sich

indessen bei uns nur, wenn die Stellung des Gegners genau bekannt

ist, so daß die Patrouillen bis zu dieser herangeschoben werden

können. Wir bedürfen daher weniger der sogenannten »defensiven«, als

vielmehr der »offensiven« Aufklärung. Und diese ist in Südwestafrika

der schwierigste Teil der Kriegführung. Zu einer nahezu unlösbaren

Aufgabe wird sie dagegen, wenn wir über eingeborene Hilfsvölker nicht

zu verfügen vermögen. Löblich zeigte sich z. B. im letzten Feldzuge

das Bestreben der Witboois, zuverlässige Nachrichten zu bringen, was

auch die Hereros, die es andernfalls weniger genau genommen haben

würden, einmal zur Nachahmung begeistert und die Entdeckung des Feindes

vor dem Gefecht bei Otjunda ermöglicht hat. Dort hatte Witbooi mir

gegenüber den Verdacht geäußert, daß die Hereros ein falsches Spiel

spielten, und gebeten, selbst eine Patrouille schicken zu dürfen.

Dies regte wiederum die Eifersucht der Hereros an, und so erlebten

wir das wundersame Schauspiel, daß zwei Patrouillen 18 Stunden lang

hintereinander herjagten, wobei die vorne befindlichen Hereros immer

aufsattelten, sobald sie hinter sich die Witboois am Horizonte

auftauchen sahen, so daß _sie_ schließlich doch die Entdecker des

Feindes wurden.

7. Auf dem Gebiete der Kriegführung im großen wird die Lehre, daß

die einmal mit dem Gegner gewonnene Fühlung nicht wieder verloren

gehen darf, wie Sie im Verlauf des Vortrags gesehen haben, bei uns

vollständig ad absurdum geführt. Nach jedem Gefecht stiebt der Feind

auseinander und pflegt für einige Zeit verschwunden zu sein.[161]

Eine unmittelbare Verfolgung verbietet sich daher von selbst -- und

-- da heißt es für den Sieger, sich in Geduld zu fassen, an der

eroberten Wasserstelle tage-, ja wochenlang kleben zu bleiben und durch

eingeborene Patrouillen, Spione oder diplomatische Unterhandlungen

den neuen Aufenthaltsort des Gegners zu ermitteln. Ist dies gelungen,

dann aber kein Zögern mehr, sondern Eilmärsche bei Tage und bei Nacht,

um den Gegner jeder Möglichkeit, sich einem erneuten Zusammenstoße

zu entziehen, zu berauben. Beinahe einer Niederlage aber ist es

gleichzuachten, wenn dies nicht gelingt, und sogar einem verlorenen

Feldzuge, wenn sich solches häufig wiederholt. Denn jeder Tag drohender

Kriegsgefahr bedeutet einen Aufenthalt in der Entwicklung der

Kolonie. Der eingeborene Gegner vermag sich daher mit Recht den Sieg

zuzuschreiben, wenn es ihm nur gelingt, den Krieg in unabsehbare Länge

zu ziehen.

* * * * *

Diesen Ausführungen habe ich auch heute noch nur diejenigen

Einschränkungen hinzuzufügen, die aus den beigefügten Bemerkungen

hervorgehen.

Schließlich sei noch eines drastischen Beispiels für die Überlegenheit

des Eingeborenen über den weißen Soldaten im Kleinkriege Erwähnung

getan. Etwa vom Jahre 1900 ab hatte eine kleine Räuberbande unter der

Führung eines »Blauberg« genannten Kaffern den Bezirk Otjimbingwe

unsicher gemacht. Mehrfach gegen sie ausgesandte weiße Patrouillen

-- einmal sogar die ganze 2. Feldkompagnie unter Hauptmann Fromm --

hatten die Bande nicht unschädlich zu machen vermocht. Als dann die

Klagen über deren Viehräubereien immer mehr anschwollen und schließlich

sogar nach Berlin drangen, ersuchte ich im Jahre 1903, kurz vor dem

Bondelzwartsaufstande, den Kapitän Witbooi um Überlassung von 20 seiner

besten Leute. Diese wurden als deutsche Soldaten eingekleidet und

unter Führung eines Offiziers, des schon mehrfach genannten Leutnants

Müller v. Berneck, gestellt, der imstande war, wenn es sein mußte, auch

einmal 24 Stunden im Sattel zu sitzen. Nach sechs Wochen war die ganze

Räuberbande ausgerottet; es stellte sich heraus, daß sie nur aus etwa

sechs Gewehren bestanden hatte; ein trüber Ausblick auf die Zukunft

des Schutzgebietes, falls es jetzt nicht gelingen sollte, _sämtliche_

Eingeborenen zum Frieden zu bringen. Daß die Witboois diese Leistung

ohne ihren tüchtigen Führer nicht hätten vollbringen können, ist

sicher; aber ebenso sicher ist, daß der letztere, wenn lediglich auf

weiße Reiter angewiesen, hierzu auch nicht in der Lage gewesen sein

würde.

Eine Kolonialarmee.

Der Aufstand in Südwestafrika hat neben allem Schmerzlichen, das er uns

gebracht hat, doch auch sein Gutes gezeitigt. Er hat uns über manchen

Irrtum und manche Unterlassungssünde aus der Vergangenheit aufgeklärt,

und so auch unsere Augen auf die Lücken gelenkt, die innerhalb unserer

kolonialen Wehrkraft bestanden haben, unter anderem auf das Fehlen

einer stets zum Ausrücken befähigten Reserve im alten Vaterlande. Zwar

ist dort den Seebataillonen eine derartige Rolle zugedacht. Indessen

sind diese für die besonderen Aufgaben des Kolonialkrieges nicht

vorgebildet, außerdem aber leiden sie unter dem Mißstande einer für

ihre Zwecke zu kurzen Dienstzeit. Ihre ältesten Soldaten dienen zwei

Jahre, ihre jüngsten vielleicht nur wenige Monate, je nach der Zeit,

in der die Notwendigkeit des Ausrückens an die Truppe herantritt.

Endlich aber erscheinen die Seebataillone für unsere überseeischen

Aufgaben zur Zeit nicht mehr als ausreichend. Sowohl in China wie

jetzt in Südwestafrika konnten sie nur als erste Staffel sowie zur

Ausfüllung des dringendsten Bedarfs in Tätigkeit treten, während die

Masse der erforderlichen Streitkräfte improvisiert werden mußte. Diese

Improvisationen aber wiesen alle Mängel von solchen auf.

Die südwestafrikanische Kriegführung verlangt von jedem

Kriegsteilnehmer besonders gutes Schießen sowie eine gewisse

Reitfertigkeit. Nimmt man daher zu den Improvisationen den Ersatz

aus der Kavallerie, so fehlt das erstere, wenn aus der Infanterie,

das letztere. In Friedenszeiten konnten beide Lücken im Schutzgebiet

ausgefüllt werden, in Kriegszeiten dagegen blieb nur die Wahl, den

Beginn der Kriegshandlungen zu vertagen, oder die Truppe unfertig an

den Feind zu führen. Daß beides seine Schattenseiten hat, liegt auf der

Hand. In den Kolonien selbst aber ständig so viele Truppen zu halten,

daß man allen eintretenden Möglichkeiten gewachsen sein würde, dazu

ist kein Staat reich genug. Auch die anderen großen Kolonialstaaten,

England und Frankreich, tun dies daher nicht. Das letztere besitzt in

der Heimat eine stets verwendungsfähige Kolonialarmee, und in England

kann bei seinem Werbesystem die ganze Armee als eine solche gelten.

Uns bleibt daher gleichfalls nichts übrig, als eine besondere

Reserve in der Heimat bereitzustellen, gleichviel welchen Namen wir

ihr geben. Hauptmann v. Haeften vom Großen Generalstab, der in den

»Vierteljahrsheften für Truppenführung und Heereskunde« diese Frage

behandelte, hat den Namen »Auslandstruppe« gewählt, ein guter Gedanke.

Denn dann wäre schon mit dem Namen zu erkennen gegeben, daß eine solche

Truppe nicht lediglich für koloniale Zwecke vorhanden wäre, sondern

sowohl für unsere sonstigen überseeischen Aufgaben wie auch in einem

europäischen Kriege als Zuwachs für die heimatliche Armee.

Mithin würde es sich lediglich darum handeln, einen Teil der

Landarmee abzuzweigen und diesen für den Kolonialdienst besonders

auszubilden. Ob man ihn aus Kapitulanten der Landarmee zusammensetzt

oder mittels Aushebung ergänzt, würde eine nebensächliche Frage sein.

Auf alle Fälle aber müßte den Angehörigen dieser Truppe eine längere

Dienstverpflichtung auferlegt werden, was sich bereits auch unter den

gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen rechtfertigen ließe, da sie

nur eine berittene sein kann. Besonders zu gewährende Vergünstigungen

müßten dagegen den Eintritt verlockend erscheinen lassen, da sie nur

als Elitetruppe ihren Zweck erreichen kann.

Das Hauptverwendungsfeld dieser Auslandstruppe würden auf kolonialem

Gebiet aus klimatischen Rücksichten Südwestafrika und Kiautschou

bilden. Dies schließt jedoch eine vorübergehende Verwendung in den

Küstengebieten der tropischen Kolonien keineswegs aus.

Es wäre noch die Frage der Unterstellung dieser Truppe zu lösen. Wie

bereits erwähnt, untersteht die koloniale Wehrmacht dem Reichskanzler

als derjenigen Behörde, die auch über deren Verwendung zu bestimmen

hat. Dies hat aber nicht verhindern können, daß während des

gegenwärtigen Aufstandes bei der südwestafrikanischen Schutztruppe

schließlich fünf Behörden zusammenzuwirken hatten. Hauptmann v.

Haeften sagt in seiner Bearbeitung hierüber folgendes: »Die

Kolonialabteilung hatte die Verrechnung der gesamten Kosten, das

Reichs-Marine-Amt die Verwaltung für das Marine-Expeditionskorps, das

preußische Kriegsministerium und das Oberkommando der Schutztruppen

teilten sich in die Organisation und Verwaltung der Verstärkungen für

die Schutztruppen, und dem Chef des Generalstabes der Armee war die

Leitung der Operationen übertragen. Diese fünf Behörden hatten sich

in vielen Fragen erst untereinander zu verständigen, und hierüber

ging viel kostbare Zeit verloren.« Es war unter solchen Umständen

ein Wunder, wie gut trotzdem die Sache funktioniert hat. Solange ich

das Kommando führte, mithin gerade zu Beginn des Aufstandes, trafen

die Verstärkungen so rasch ein und waren so vollständig ausgerüstet,

daß man ihnen etwaige Friktionen in der Heimat nicht angesehen hat.

Indessen den betreffenden Behörden selbst werden, wie zu vermuten,

unliebsame Erfahrungen doch nicht erspart geblieben sein. Es erscheint

daher auf alle Fälle besser, die Organisation künftig so zu gestalten,

daß ein Zusammenarbeiten so vieler Behörden wegfällt.

Unter der Voraussetzung, daß auch die heimatliche Reserve der

kolonialen Wehrkraft lediglich zu kolonialen Zwecken bestimmt sei, habe

ich früher einmal vorgeschlagen, sie gleichfalls dem Reichskanzler

zu unterstellen. Wenn sie dagegen als »Auslandstruppe« ein Teil der

heimatlichen Armee bleibt und nicht nur bei überseeischen Aufgaben,

sondern unter Umständen auch mit dem Heere zusammenzuwirken hat,

dann muß sie naturgemäß auch mit letzterem organisatorisch verbunden

bleiben. Somit würde ihre Unterstellung unter das Kriegsministerium

als das einzig Mögliche erscheinen. Das Oberkommando der Schutztruppen

würde dann mit dieser Behörde in bezug auf Requisition der

Auslandstruppe und den Austausch von Angehörigen der beiderseitigen

Truppenteile in Verbindung treten müssen. Letzteres wird auch jetzt

schon ähnlich gehandhabt; nur holt sich das Kriegsministerium zur

Zeit den Ersatz aus der ganzen Armee, während er dann nur aus der mit

bereits vorgebildetem Material versehenen Auslandstruppe entnommen

werden würde. Ebenso hätten auch zeitweise aus der Schutztruppe

ausscheidende Offiziere und Mannschaften zum Teil zur Auslandstruppe

überzutreten, um dort ihre Erfahrungen zu verwerten.

Im übrigen wird in Südwestafrika in absehbarer Zeit die Besiedlung

hoffentlich einen derartigen Umfang annehmen, daß die Reserve für die

Schutztruppe sich mit der Zeit im Lande selbst vorfindet, wie dies ja

gegenwärtig schon zum Teil der Fall war.

Haben wir doch bei Beginn des Hereroaufstandes mittels Einziehung

der Mannschaften des Beurlaubtenstandes die Schutztruppe auf das

Doppelte ihrer Friedensstärke zu bringen vermocht. Jedoch auf eine

Auslandstruppe wird das alte Vaterland mit Rücksicht auf seine übrigen

überseeischen Aufgaben trotzdem nicht verzichten können. Ob neben

der letzteren die bisherige Marineinfanterie weiterbestehen oder ob

sie in die neue Kolonialtruppe aufgehen solle, ist eine Frage, deren

Erörterung ich zuständigerer Seite vorbehalten möchte. Mit ihr hängt

auch die Frage nach Stärke und Zusammensetzung der Auslandstruppe

zusammen. Bei ihrer Beantwortung werden die jetzt in Südwestafrika

gemachten Erfahrungen berücksichtigt werden müssen.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel ~XV.~

Ein Ausblick in die Zukunft.

Das Endziel jeder Kolonisation ist, von allem idealen und humanen

Beiwerk entkleidet, schließlich doch nur ein Geschäft. Die

kolonisierende Rasse will der Urbevölkerung des zu kolonisierenden

Landes nicht das von dieser vielleicht erwartete Glück bringen, sie

sucht vielmehr in erster Linie ihren eigenen Vorteil. Ein solches

Streben entspricht nur dem menschlichen Egoismus und ist daher

naturgemäß. In bezug auf die Art der Kolonisation gibt es infolgedessen

im Grunde nur eine einzige Richtschnur, nämlich diejenige, die am

sichersten zu dem erstrebten guten Geschäft führt. Die einen glauben,

dies durch vollständige Entrechtung der Urbevölkerung zugunsten der

eingedrungenen Rasse erreichen zu können. »Der Weiße muß von Staats

wegen turmhoch über den Eingeborenen gestellt werden, gleichviel weß

Geistes Kind er ist, eine Gleichstellung beider Rassen im Staatsleben

wie vor Gericht gibt es nicht«, so hört man die Verfechter dieser Lehre

sagen. Die anderen dagegen wollen auch der Urbevölkerung »ihren Platz

an der Sonne« gönnen. -- Lediglich vom Standpunkte des zu erwartenden

guten Geschäfts aus betrachtet, kann aber die Entscheidung auf diese

Frage nicht nach einem gemeinsamen Schema, sondern muß von Fall zu Fall

erfolgen.

Durch die Ereignisse gezwungen, haben wir z. B. in Südwestafrika die

Eingeborenen mit Waffengewalt unterwerfen müssen. Wer jetzt noch

glaubt, dafür eintreten zu sollen, daß die letzteren infolgedessen

politisch machtlos gemacht sowie ihres Landbesitzes für verlustig

erklärt werden müssen, der rennt offene Türen ein. Denn das versteht

sich nach allen unseren Opfern und nachdem die Eingeborenen schwere

Schuld auf sich geladen haben, von selbst und wird auch von diesen, die

das Recht des Siegers stets anerkennen, nicht anders erwartet. Prüfen

wir dagegen, welches Geschäft wir mit unserer Gewaltpolitik gemacht

haben, so tritt ein Bild zutage, das nicht die mindeste Ähnlichkeit mit

einem vorteilhaften besitzt. Gegen einen Einsatz von mehreren hundert

Millionen Mark und von einigen tausend deutschen Soldaten haben wir

von den drei wirtschaftlichen Werten der Kolonie, dem Bergbau, der

Viehzucht und den eingeborenen Arbeitskräften, den 2. gänzlich, den 3.

zu zwei Dritteln zerstört. Was aber das bedenklichste ist, wir haben

mit allen unseren Opfern bis zum heutigen Tage[162] noch nicht den

Frieden wieder vollständig herzustellen vermocht.

Als einziger errungener Gegenwert bleibt uns somit das den Eingeborenen

abgenommene Land. Aber auch dieses nutzt uns nichts, solange nicht die

Eingeborenen sämtlich zur Ruhe gebracht sind. Denn, wenn wir einen

Farmbetrieb nur dadurch ermöglichen wollen, daß wir jedem Farmer eine

Schutzwache von 6 bis 8 Reitern beigeben, so haben wir erst recht ein

schlechtes Geschäft gemacht. Die Farm bringt vielleicht 6000 Mark

jährlich ein, 6 bis 8 Reiter kosten dagegen jährlich 18000 bis 24000

Mark. Auch der größte Optimist wird daher nicht sagen können, daß

unsere Gewaltpolitik in Südwestafrika lohnend gewesen ist. Unsere

Rechtfertigung für sie bleibt mithin nur, daß wir zu ihr gezwungen

worden sind.

Und darum war es ganz richtig, wenn das alte Vaterland seine

Kolonialpolitik zunächst auf dem Versuch einer Versöhnung der

Urbevölkerung mit ihrem Schicksal aufgebaut hat. Nicht mit Blut und

Eisen nach der Art eines Tatarenchans sollte sie betrieben werden,

sondern mit Verständnis für die historisch gewordene Eigenart der

vorgefundenen Bevölkerung. Ich selbst aber habe diese Politik in

vollem Einverständnis mit ihr durchführen helfen, dies umsomehr, als

gleich zu Beginn meiner kolonialen Tätigkeit der Witbooikrieg mir über

die Schwierigkeiten der Niederschlagung von Eingeborenenaufständen

in Südwestafrika die Augen geöffnet hat. Mein Streben ging seitdem

dahin, die einheimischen Stämme selbst in den Dienst unserer Sache

zu stellen, um sie dann gegeneinander auszuspielen. Auch ein Gegner

dieser Politik wird mir zugeben müssen, daß es schwieriger, aber

auch verdienstvoller war, die Eingeborenen zu bewegen, für uns sich

gegenseitig totzuschießen, als vom alten Vaterlande Ströme von Blut und

Ströme von Geld zu deren Unterdrückung zu verlangen. Daß diese Politik

sich auf die Dauer nicht als durchführbar erwiesen hat aus Gründen,

die in meinen bisherigen Ausführungen zu finden sind, ist kein Beweis

dafür, daß sie gar nicht hätte versucht werden sollen.

Interessant ist in dieser Beziehung, auch einmal einen Blick auf das

britische Weltreich zu werfen. Eine im Jahre 1901 in diesem angeordnete

Volkszählung, deren Ergebnisse vor kurzem veröffentlicht worden

sind, stellt fest, daß von rund 400 Millionen Untertanen des Königs

von England nur 54 Millionen oder 13½ vH. Weiße sind, letztere

mithin ihrer Zahl nach noch unter derjenigen des Deutschen Reiches

stehend. In der Tat, es wäre sicher des Studiums wert, wie die 54

Millionen Weißer im britischen Reiche es anfangen, die 350 Millionen

Eingeborener zu beherrschen. Daß dies durchweg mit einer Gewalt- und

Unterdrückungspolitik geschehen sollte, erscheint ausgeschlossen, weil

undurchführbar. Es bleibt daher nur die Annahme, daß die Engländer

es besser verstehen als wir, ihre Eingeborenen für ihre Sache zu

gewinnen und ihr dienstbar zu machen. Je nach dem Charakter ihrer

Kolonialgebiete und deren Bewohner scheinen sie auch ganz verschiedene

Systeme anzuwenden. Wir wissen z. B., daß sie in der Kapkolonie, einem

Lande, in dem die Niederschlagung von Aufständen genau von den gleichen

Schwierigkeiten begleitet sein würde wie in unserem Südwestafrika, die

Eingeborenen einfach zu vollwertigen Staatsbürgern gemacht haben.[163]

Nur wo ein Eingeborenenstamm sich durchaus nicht einer geordneten

Staatsverfassung einfügen lassen wollte, wie z. B. die räuberischen

Koranas, haben sie ihn mit Waffengewalt, aber auch nicht ohne

Unterstützung der übrigen Eingeborenen-Stämme vernichtet. Allerdings

sind sie seinerzeit einen Teil ihrer unruhigen Hottentottenstämme auch

durch deren Auswanderung in unser jetziges Schutzgebiet losgeworden,

wie wir dies im Kapitel I, Seite 1 bis 3 gesehen haben (die Orlams).

Im Basutolande dagegen, in dem ein kriegerischer Stamm in einem wenig

einladenden Gebirgsgelände sitzt, haben die Engländer sich mit einer

nominellen Herrschaft begnügt und behufs Vermeidung von Reibungen eine

weiße Einwanderung daselbst gar nicht zugelassen.

In Ostindien endlich mit seinen rund 250 Millionen Einwohnern

finden wir noch ungefähr 60 Millionen in mehr oder minder großen

Vasallenstaaten vereinigt, die in ihren eigenen Angelegenheiten

vollständig selbständig sind und lediglich einen Residenten als

Aufsichtsperson besitzen. In den Kronländereien sind dagegen

Beamtenschaft wie Armee aus Eingeborenen und Weißen gemischt.[164]

In dieser -- für uns auch ferner nachahmenswerten Heranziehung der

Eingeborenen zu der Verwaltung liegt das Geheimnis, daß in Indien

die knapp 160000 Köpfe starken Weißen den 250 Millionen Eingeborenen

gegenüber ihre Herrenstellung zu behaupten vermögen. In der Tat, es

bedarf eines besonderen Verständnisses für die Gewohnheiten und Sitten

der Eingeborenen, soll unter den Zahlenverhältnissen, wie wir sie im

britischen Reiche sehen, die weiße Rasse Herr im Hause bleiben. Ein

Volk aber, das diese Kunst nicht versteht, sollte das Kolonisieren

lieber lassen. Denn es wird daran schwerlich je Freude erleben.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 43 / 50 段