Hereros, Ihr kennt mich! Fünf Jahre bin ich früher in diesem

Lande gewesen als Kaiserlicher Richter und als Stellvertreter des

Gouverneurs Leutwein -- als Assessor und als Regierungsrat -- zur

Zeit, da Manasse von Omaruru und Kambazembi von Waterberg noch

lebten, die mir stets treu gesinnt untergeben waren. Es ist jetzt

mein Wunsch, daß der Aufstand, den Eure Häuptlinge und Großleute und

die Kinder, die ihnen gefolgt sind, frevelhafterweise begonnen haben

und der das Land verwüstet hat, nunmehr sein Ende erreicht, auf daß

wieder Ruhe und Ordnung herrscht. Ich rufe daher alle Hereros, die

sich jetzt noch im Felde und in den Bergen herumtreiben und sich

von ärmlicher Feldkost und Diebstählen ernähren: Kommt und legt die

Waffen nieder. Hereros! Tausende Eurer Stammesgenossen haben sich

bereits ergeben und werden von der Regierung ernährt und gekleidet.

Es ist jede Vorsorge von mir getroffen, daß sie gerecht behandelt

werden. Dasselbe sichere ich auch Euch zu.

Es ist ferner angeordnet worden, daß vom 20. Dezember ab, also drei

Wochen nach dem heutigen Tage, im Damaralande keine Hererowerften

aufgesucht und aufgehoben werden sollen, da ich Euch Zeit geben

will, selbst in Frieden zu mir zu kommen und Euch zu unterwerfen.

Kommt nach Omburo und Otjihaenena! Dort werden Eure Missionare von

mir hingeschickt werden. Sie werden auch Proviant mitnehmen, damit

Ihr Euren ersten und großen Hunger stillen könnt. Es soll Euch auch

etwas Kleinvieh für die Unterhaltung Eurer Weiber und Kinder zur

vorläufigen Benutzung gelassen werden, sofern Ihr noch solches habt.

Diejenigen, die kräftig sind und arbeiten können, sollen, wenn sie

besonders tüchtig arbeiten, eine kleine Belohnung erhalten. Es werden

in Omburo und Otjihaenena keine weißen Soldaten stationiert werden,

damit Ihr nicht Angst habt und denkt, es soll noch weiter geschossen

werden. Je schneller Ihr kommt und die Waffen niederlegt, desto

eher kann daran gedacht werden, Euren Stammesgenossen, die jetzt

gefangen sind, Erleichterungen in ihrer jetzigen Lage zu gewähren und

ihnen später die Freiheit wiederzugeben. Wem von Euch Omburo oder

Otjihaenena zu weit ist, der kann seine Waffen auch bei irgend einer

Militärstation abgeben und sich dort stellen. Auch die Soldaten,

die auf diesen Stationen sind, werden nicht schießen. Ebenso sind

die Soldaten, die Wagentransporte begleiten und deshalb im Lande

herumziehen, angewiesen, nicht auf Euch zu schießen, solange Ihr

nichts Feindliches gegen sie unternehmt. Fürchtet Euch also nicht,

wenn Ihr sie seht.

So kommt denn schnell, Hereros, ehe es zu spät ist.

Auch im Namalande wird es bald wieder ruhig sein, denn Hendrik

Witbooi ist durch eine deutsche Kugel getötet worden, und sein

Unterkapitän Samuel Isaak hat sich ergeben und ist in unseren Händen.«

[Illustration: Feldhereros beim Tanz.]

Mit diesem Abschwenken in andere Bahnen kann jeder Einsichtige

lediglich einverstanden sein, nur hätte es nach meiner Ansicht bereits

ein Jahr früher -- nach dem Gefecht von Waterberg -- geschehen

sollen. Auch der Matabeleaufstand 1896 hat nur dadurch beendet werden

können, daß Cecil Rhodes sich in das Lager der Aufständischen begab

und sie mittels Unterhandlungen zur Ergebung bewog. Jener Aufstand

hatte ebenso wie der unsere, mit der Ermordung zahlreicher wehrloser

Weißer begonnen. Sicher aber hat Cecil Rhodes damals so wenig aus

Liebe zu den Eingeborenen so gehandelt, wie ich dies je getan habe,

der ich gleichfalls behufs Wiederherstellung des Friedens zuweilen

im feindlichen Lager gewesen bin, sondern aus kluger Überlegung und

getragen von dem Bestreben der Schonung des Nationalvermögens des

eigenen Volkes und des Lebens der eigenen Soldaten.

Im Staatsleben muß man sich bei allen seinen Handlungen die Frage

vorlegen, ob der zu erhoffende Erfolg den zu bringenden Einsatz

lohnt. Gelingt es uns, die politische Machtstellung aufständischer

Eingeborenenstämme zu zerstören und so der Wiederkehr derartiger

Ereignisse vorzubeugen sowie die Schuldigen gebührend zu bestrafen,

so ist dies ein Erfolg, der immer den Einsatz lohnt. Er ist auch

stets mit verhältnismäßig wenig Opfern zu erreichen, wenn man den

Aufständischen rechtzeitig wieder die Hand bietet. Und das kann man, da

bei allen Aufständen die große Masse nur aus Verführten und Mitläufern

besteht. Eine Vernichtungspolitik beraubt uns dagegen nicht nur eines

wichtigen Faktors im wirtschaftlichen Leben der Kolonien, nämlich

der eingeborenen Arbeitskräfte, sondern sie führt auch unvermeidbar

zum Guerillakrieg, und für einen solchen gibt es auf der ganzen Welt

vielleicht keinen günstigeren Boden als unser Südwestafrika. Ich

fürchte daher, wir haben trotz aller unserer Opfer auch jetzt noch

nicht alle bitteren Erfahrungen daselbst ausgekostet.[155]

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel ~XIV.~

Kriegführung in Deutsch-Südwestafrika.

Der kriegerische Wert der Eingeborenen.

Infolge einer Anregung aus der Mitte des Reichstages wurde ich im Jahre

1895 zu einem Bericht über den militärischen Wert der Eingeborenen

für unseren Dienst aufgefordert. Dies gab mir Veranlassung, mittels

eines Rundschreibens die Distriktschefs zu einer Äußerung darüber

aufzufordern. Die Berichte liefen _vor_ Ausbruch des Feldzuges 1896

ein und blieben während desselben liegen. Sie boten daher _nach_ dem

Feldzug ein um so interessanteres Studium, als während des letzteren

Eingeborene aller Stämme als Bundesgenossen auf unserer Seite

gefochten hatten. Unter dem 26. Juli 1896 ging daher nachstehendes

zusammenstellende Rundschreiben an die Distriktschefs, das ich

auszüglich, soweit es für den vorliegenden Abschnitt in Betracht kommt,

wiedergebe:[156]

In bezug auf die einzelnen Völkerschaften des Schutzgebietes sind

seitens der Herren Distriktschefs nachstehende Ansichten aufgestellt

worden:

1. Bastards.

Zwei Distriktschefs, die zum Sammeln bezüglicher Erfahrungen

besonders Gelegenheit hatten, haben diesen Stamm als durchaus

einstellungsfähig bezeichnet und aus ihm nach geschehener Ausbildung

ein gutes Soldatenmaterial in Aussicht gestellt. Der verflossene

Feldzug hat dieser Ansicht völlig recht gegeben. Die in die Truppe

eingestellten und eingekleideten Bastards haben sich in jeder

Hinsicht bewährt, und ist ein Unterschied zwischen ihnen und unseren

Soldaten schließlich wenig mehr hervorgetreten.

2. Hottentotten.

Ein Distriktschef bezeichnet diesen Stamm als in der Zukunft

möglicherweise einstellungsfähig, ein Distriktschef will nach

schwierigen Anfängen und nachdem es gelungen war, das Vertrauen der

Leute zu gewinnen, jetzt schon gute Erfahrungen gemacht haben, ein

Distriktschef will von deren Einstellung als Soldaten ganz absehen

und sie lediglich als irreguläre Kavallerie verwendet wissen. Gerade

in Beziehung auf Hottentotten hat der letzte Feldzug besonders reiche

Erfahrungen gebracht, und möchte es sich empfehlen, zunächst diese

ins Auge zu fassen.

~a~) _Die Witboois_ haben sich, wo sie unter dem direkten Befehl

ihres Kapitäns standen, als diszipliniert und im Patrouillendienst

wie im Gefecht als brauchbar erwiesen. Wo sie jedoch dem

bezeichneten mächtigen Einflusse einige Zeit entzogen waren,

ist die Unzuverlässigkeit aller Hottentotten auch bei ihnen zum

Durchbruch gekommen. Der Kapitän hat sich infolgedessen schließlich

veranlaßt gesehen, nach dem Feldzuge gegen seine ursprüngliche

Absicht nochmals nach dem Osten zu gehen und seine beim Eintreiben

der Kriegsentschädigung mitbeschäftigten Leute persönlich zu

beaufsichtigen.

~b~) _Simon Cooper-Leute_ trafen erst am Schlusse des Feldzuges ein

und sind daher nicht mit im Gefecht gewesen. Sie haben indessen einen

guten Eindruck gemacht und sich auch gut gehalten, jedenfalls weit

besser, als zu erwarten stand. Ich schreibe solches mit dem Beispiel

Witboois zu, welch' letzterer anscheinend auf Simon Cooper einen

bedeutenden Einfluß ausübt.

~c~) _Hottentotten der roten Nation_ aus Hoachanas. Es handelt

sich bei diesen vorliegend um eine kleine Abteilung von zwölf

Mann, die geschlossen in eine Kompagnie eingestellt war. Dieselben

haben sich bemüht, unseren militärischen Anforderungen gerecht zu

werden und sich auch im Gefecht über alles Erwarten gut gehalten.

Diese Erscheinung dürfte vor allem als Verdienst des Unteroffiziers

Pewersdorf, unter dessen Führung die Hottentotten gestellt waren,

aufzufassen sein. Derselbe hatte als Stationschef von Hoachanas es

seinerzeit verstanden, sich das Vertrauen der Leute zu erwerben.

~d~) Außer den drei vorgenannten geschlossenen Stämmen waren noch

einzelne schon längst im Truppendienst sich befindende Hottentotten

als Soldaten eingestellt. Von diesen haben sich zwei so gut gehalten,

daß sie zur Auszeichnung in Vorschlag gebracht werden konnten,

während die übrigen weder im guten noch im schlechten aufgefallen

sind, ihnen daher mindestens das Zeugnis »zur Zufriedenheit« gegeben

werden kann.

3. Hereros.

Dieser Volksstamm erfährt seitens der sämtlichen vier in Betracht

kommenden Distriktschefs eine durchaus abfällige Beurteilung. Zwei

erklären deren Einstellung wenigstens als eingeborene Soldaten

für möglich, die beiden anderen wollen überhaupt nichts von ihnen

wissen. Einer der letzteren bezweifelt, daß die Hereros je auf

Stammesgenossen schießen werden,[157] beide erkennen zwar die

deutschfreundliche Gesinnung des Oberhäuptlings an, erklären ihn

jedoch durch seine Machtlosigkeit hierzu gezwungen und daher für uns

von wenig Nutzen. Die Erfahrungen des letzten Feldzuges haben jedoch

ergeben, daß die Macht der Legitimität auch bei den Eingeborenen ihre

Wirkung ausübt, und daß daher die Person des Oberhäuptlings für uns

von größerem Nutzen gewesen ist, als angenommen worden war. Es hat

sich ferner ergeben, daß die Hereros, wenn richtig angefaßt, auch für

eine fremde Sache auf ihre Stammesgenossen schießen. Letzteres ist

um so anerkennenswerter, als die verwandtschaftlichen Verhältnisse

der Hereros weit verzweigt sind und das Volk selbst ein hohes Gefühl

für verwandtschaftliche Pflichten besitzt. Nach dem entscheidenden

Gefecht bei Otjunda-Sturmfeld fand z. B. ein Herero, der auf unserer

Seite gefochten hatte, in der feindlichen Werft die Leiche seines

Bruders. Da auch sonst bei Feststellung der Toten zutage getreten

war, daß Verwandte gegen Verwandte gefochten hatten, war unmittelbar

nach dem Gefechte bei den diesseitigen Hereros eine auffällig trübe

Stimmung zum Durchbruch gekommen, die jedoch auf gütliches Zureden

nach ein bis zwei Tagen wieder verschwunden ist. Im übrigen waren die

Leistungen der Hereros im Kriege in bezug auf Auffinden von Wegen,

Wasser- und Weideplätzen sowie bei Erkundung des Feindes einfach

unschätzbar. Es kam ja wohl vor, daß das Stammesgefühl durchbrechen

und die ausgeschickten Kundschafter sich unwissend stellen wollten,

doch verschwand eine solche Anwandlung auf freundliche Zusprache

stets wieder.

Vor allem aber finden sich auch bei ihnen besonders zuverlässige

Elemente, die, richtig verwendet und behandelt, die anderen mit

fortreißen. Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß im letzten

Kriege von allen Eingeborenen die Hereros uns die besten Dienste

geleistet haben. Sie besaßen, was uns selbst sowie unseren übrigen

eingeborenen Bundesgenossen gänzlich abging, nämlich Kenntnis von

Land und Leuten, Dinge, die sich während des Krieges selbst nicht

mehr erwerben lassen. Ohne die Teilnahme der Hereros auf unserer

Seite würde der Krieg nicht seinen außergewöhnlich glücklichen

Verlauf genommen haben. Aus dieser Erfahrung mögen die im Hererolande

befindlichen Offiziere und Beamten ihre Nutzanwendung ziehen. Auch

die Hereros lohnen die Mühe des Versuchs, aus ihnen den vorhandenen

guten Kern zur Unterstützung unserer kolonialen Sache heranzuziehen.

Auch im Gefecht haben die Hereros sich nicht von der ihnen

allseitig nachgesagten Feigheit gezeigt. In dieser Richtung finden

gleichfalls sich einzelne unter ihnen, die mit gutem Beispiel den

anderen vorangehen, so z. B. Kajata und Daniel Kaviseri. Geradezu

besonders tapfer haben sich die feindlichen Hereros gezeigt, die

bei Otjunda-Sturmfeld ihre Werften verteidigten. Drei Söhne des

Werftbesitzers Kahikaeta, mit unseren Gewehren bewaffnet (bei Gobabis

erbeutet), hielten z. B., unter einem Wagen liegend, hartnäckig stand

und verteidigten sich bis zuletzt so erfolgreich, daß ihre geringe

Anzahl erst nach geschehener Einnahme der Werft erkannt wurde. Man

fand sie alle drei durch Granaten getötet. Auch die übrigen in diesen

Werften befindlichen Hereros haben sich tapfer gehalten und erst nach

schweren Verlusten den Platz geräumt. Wenn die auf unserer Seite

kämpfenden Hereros sich etwas lauer gezeigt haben, so liegt dies in

der Natur der Sache.

Ein Volk, das derartige Erscheinungen zeitigt, darf man nicht ohne

weiteres in seiner Allgemeinheit als feige bezeichnen. Man würde sich

damit der Unterschätzung eines etwaigen Gegners schuldig machen, die

sich auch einmal rächen könnte.

4. Bergdamaras und Buschleute.

Die beiden Distriktschefs, die in Beziehung auf diese Stämme haben

Erfahrung machen können, halten einen Versuch nicht für aussichtslos.

Hinsichtlich der Bergdamaras müssen wir die geschlossenen und freien

Stämme von den einzelnen Individuen unterscheiden, welche als eine

Art Haussklaven bei Weißen, Bastards, Hereros und Hottentotten

bedienstet sind. Die ersteren sind gewiß mehr wert, und z. B. die in

Okombahe und Umgebung wohnenden bei ihrem Haß gegen die Hereros, wie

auch der dortige Distriktschef vorschlägt, wohl verwendbar. Allen

Bergdamaras gemeinsam scheint ein gewisser Fatalismus angesichts

des einmal nicht mehr zu vermeidenden Todes innezuwohnen, immerhin

kein Zeichen von Feigheit. Aber gerade diese Menschen müssen stets

die Macht sehen. Der in Gobabis ansässig gewesene Bergdamarastamm

ist z. B. bei Kriegsausbruch trotz des Hasses gegen die Hereros zu

diesen übergegangen, weil seine Angehörigen die Machtverhältnisse

lediglich nach Zahlen abschätzten und infolgedessen zu den Hereros

glaubten mehr Vertrauen haben zu sollen. Doch auch ein Beispiel von

Treue haben die Bergdamara gegeben, und zwar diejenigen der Station

Olifantskluft, die, zehn an der Zahl, nach Räumung der Station die

überschüssigen Waffen und Munition durch feindliches Land hindurch

nach Gobabis getragen haben. Wie ich mich selbst überzeugt habe, war

vor allem Vertrauen zu dem Stationsunteroffizier Ficke die Triebfeder

ihres braven Verhaltens. Die Buschmänner ziehen ihre schrankenlose

Freiheit bis jetzt dem angenehmsten Dienst vor. Ab und zu sind sie im

Distrikt Gobabis als Wegeführer verwendet worden und haben sich als

solche gut bewährt. --

* * * * *

An der Hand der vorstehenden Schilderungen ersuche ich die Herren

Distriktschefs, in ihren Bestrebungen, Eingeborene für unsere

Dienste zu gewinnen, nicht zu erlahmen. Eine lediglich aus deutschen

Soldaten, wenn auch den besten Elementen zusammengesetzte Truppe hat

für hiesige Verhältnisse gerade so gut ihre Schattenseiten, wie eine

nur aus Eingeborenen bestehende. Das günstigste Ergebnis liefert die

Mischung von beiden. Unter den 500 Reitern, aus denen am Schlusse des

letzten Feldzuges die Truppe bestand, befanden sich kaum 180 Weiße.

Und doch war der Erfolg völlig zufriedenstellend. Auf Grund solcher

Erfahrungen müssen wir unsere Bemühungen, die Eingeborenen an unser

Interesse zu fesseln, soviel in unseren Kräften steht, fortsetzen,

dabei aber bedenken, daß dieselben ein sachliches Interesse nicht

kennen, sondern lediglich ein persönliches. Nur das Vertrauen zur

Person wird bei ihnen auch das Interesse zur Sache erwachsen lassen.

Des Beispiels der Hottentotten von Hoachanas habe ich schon gedacht.

Ganz dasselbe trat auch bei den Witboois und Simon Cooper-Leuten

zutage.

Auch diese wollten lediglich mit ihren betreffenden

Stationsmannschaften zu tun haben, während sie sich gegen die übrigen

Angehörigen der Schutztruppe durchaus ablehnend verhielten. Besonders

angenehm fiel mir das gute Verhältnis der Simon Cooper-Leute zu dem

Stationschef von Gochas, Unteroffizier Stubenrauch, auf. Bei den

Hereros waren ähnliche Erscheinungen in bezug auf die zum Teil auch

mit in das Feld gerückte Stationsmannschaft von Okahandja nicht zu

bemerken.

Ferner möchte ich den Hinweis nicht unterlassen, daß wir über die

militärischen Eigenschaften der Eingeborenen auch nicht vorschnell

urteilen dürfen. Bei ihnen kämpft jeder ohne militärische Disziplin

und Ausbildung für sich, während er Belohnung für gutes Verhalten und

Strafe für Feigheit nicht kennt. Wer zuerst wegläuft, hat die meisten

Chancen, Leben und Gesundheit zu retten, irgendwelchen Nachteil aber

aus diesem Akt des Selbsterhaltungstriebes nicht zu befürchten. Unter

solchen Bedingungen würden, wie die Erfahrung bereits reichlich

gelehrt hat, weiße Truppen -- ich möchte fast sagen -- noch weniger

leisten. Das beste Beispiel bilden die Bastards, die derjenige, der

sie in den Witbooikriegen[158] gesehen hat, nicht wiedererkennt. Und

diese Veränderung hat eine Ausbildung von nur sechs Wochen fertig

gebracht.

Schließlich gebe ich dem Wunsche Ausdruck, daß das Schutzgebiet

nie in die Lage kommen möge, Aufstände von Eingeborenen ohne die

Mithilfe von solchen bekämpfen zu müssen. Das alte Vaterland würde

so viel Soldaten schicken können, als im Schutzgebiete überhaupt

nur zu ernähren sind, wir würden gewiß stets siegen, aber in dem

weiten und zum Teil noch unbekannten Lande den Gegner nicht besiegen.

Daß eine solche Möglichkeit nicht eintritt, dafür zu sorgen ist

daher nicht nur unser aller Pflicht, sondern es gebietet solches

schon der einfachste Selbsterhaltungstrieb. Ich ersuche sämtliche

Herren Offiziere der Schutztruppe, auch in dieser Richtung auf

ihre Untergebenen einzuwirken und ihnen namentlich immer wieder

klarzumachen, daß wir die Eingeborenen notwendig brauchen, ja ohne

sie hier zunächst gar nicht bestehen können, und daß es den höchsten

Grad von Kurzsichtigkeit bedeuten würde, wenn wir sie insgesamt zu

Haß und Feindschaft gegen uns erziehen wollten.

* * * * *

In vorstehendem ist der kriegerische Wert der Eingeborenen mehr

von dem Standpunkte einer Bundesgenossenschaft seitens derselben

abgewogen.

Als Feinde dagegen sind die Hottentotten entschieden die

gefährlichsten. Sie sind gute Reiter, gewandte Schützen, ausnehmend

bedürfnislos, mithin ein geborenes Soldatenmaterial. Würde es

gelingen, ihnen noch die Disziplin und Zuverlässigkeit des

deutschen Soldaten beizubringen, so würden sie in den afrikanischen

Verhältnissen dem letzteren weit überlegen sein. Die Hereros

sind weniger gewandte Krieger. Sie entbehren die Reit- und

Schießfertigkeit der Hottentotten sowie deren Gewandtheit in der

Benutzung des Geländes. Dagegen sind sie tapfer und daher für

den deutschen Soldaten ein dankbareres Angriffsobjekt, bei ihrer

zahlenmäßigen Überlegenheit aber auch ein nicht minder gefährliches.

Jedenfalls aber sind, wie der letzte Aufstand gelehrt hat, die

Hereros bisher durchweg unterschätzt worden. Die Bastards werden

wohl nie als Gegner gegen uns auftreten, für ihre Beurteilung genügt

daher das in dem obigen Rundschreiben von 1896 Gesagte. Über den

kriegerischen Wert der Ovambos endlich liegt uns als Material nur

das Gefecht von Amutoni vor. In diesem sind sie mit ebenso großer

Todesverachtung wie blinder Torheit vorgestürmt. Sie haben daher

selbst schwere Verluste erlitten, ohne den Unsrigen irgendwelche

beizubringen. Wenn sie stets in derselben Weise verfahren, so werden

wir sie nicht zu fürchten brauchen. Indessen müssen uns doch die bei

den Hereros gemachten Erfahrungen vor einem vorschnellen Urteil über

den kriegerischen Wert der Ovambostämme bewahren.

Die Besonderheiten der Kriegführung in Afrika.

In den Kolonien handelt es sich nicht um die Kriegführung mit einem

Gegner im völkerrechtlichen Sinne, sondern um Niederschlagen von

Aufständen, mithin um Wiederherstellung von Ruhe und Frieden im eigenen

Lande. Hieraus ergibt sich schon ein wesentlicher Unterschied gegenüber

dem Kampf mit einem auswärtigen und europäischen Gegner. Bei diesem

kann eine Reihe von hintereinander erlittenen Niederlagen, verbunden

mit Verlust an Land und Kriegsmaterial, den Feind derart materiell

schädigen und moralisch niederdrücken, daß er kriegsmüde und zum

Frieden geneigt wird. Anders bei aufständischen südwestafrikanischen

Eingeborenen. Diese machen sich aus einem Verlust an Land gar

nichts, ihnen ist jede Wasserstelle gleichviel wert, noch weniger

aber stört sie die infolge einer Niederlage etwa angegriffene Ehre.

Haben die flüchtenden Eingeborenen keine Viehherden zu decken, so

stieben sie nach einem Gefecht auseinander und versammeln sich wieder

an einer vorher verabredeten Wasserstelle, wo sie wiederzufinden

eine der schwierigsten Seiten der afrikanischen Kriegführung ist.

Gelingt dem Gegner die häufige Wiederholung dieses Manövers und

damit die Verlängerung des Krieges ins Unabsehbare, dann fühlt er

sich als Sieger, wie er auch in den Augen seiner Landsleute als

solcher dasteht. Etwas günstiger wird die Lage für uns, wenn der

Gegner Viehherden zu decken hat. Dann ist er zu einem geschlossenen

Rückzug und zum zeitweiligen Standhalten gezwungen. Sobald er jedoch

die Herden verloren hat, kann er dieselbe Rolle spielen wie der

besitzlose Eingeborene. So haben wir 1904 nach Waterberg eine große

Verfolgungsaktion gegen die geschlagenen Hereros gesehen, nach

derselben aber das Auftauchen einzelner Räuberbanden, wie bei den

Hottentotten.

Derartige Möglichkeiten müssen uns daher veranlassen, die diesseitigen

Operationen nicht auf einen bloßen Sieg über den Gegner anzulegen,

sondern stets auf dessen Vernichtung. Ob diese Vernichtungsoperation

mittels konzentrischen Vormarsches räumlich getrennter Abteilungen auf

das voraussichtliche Gefechtsfeld oder mittels umfassenden Angriffs auf

diesem selbst angestrebt wird, hängt von den Umständen ab. Das erstere

erscheint theoretisch als das bessere; indessen ist in Afrika ein

Zusammenwirken getrennter Abteilungen, namentlich einem so gewandten

Gegner gegenüber, wie dies der Hottentott ist, zu schwer zu erzielen.

Wir haben den Versuch hierzu im Jahre 1905 dreimal mißlingen sehen,

wenn auch schließlich der taktische Erfolg auf unserer Seite geblieben

ist. Das erste Mal geschah dies bei den Operationen im Auobtal

gegen die Witboois und Franzmann-Hottentotten im Januar, das zweite

Mal in den Kharrasbergen gegen Morenga im März, das dritte Mal im

Zarrisgebirge wieder gegen Witbooi im September. In allen drei Fällen

sehen wir eine der vormarschierenden Kolonnen isoliert auf die Masse

des Gegners stoßen und in ein verlustreiches Gefecht verwickelt werden,

bevor die anderen zum Eingreifen kommen konnten.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 42 / 50 段