Indessen hatte die Expedition vorher doch noch einen weiteren

wesentlichen Erfolg, indem eine am 6. unter Leutnant v. Rosenberg

entsendete Patrouille zur allgemeinen Überraschung ein weiteres großes

Hererolager bei Oruware am Swakop feststellte. Ein bei der Patrouille

befindlicher Bur schätzte dessen Stärke auf 1500 bis 2000 Waffenfähige

mit unzähligem Vieh. Diese wichtige Meldung eröffnete die Aussicht

auf einen weiteren Kriegsschauplatz, für den deutscherseits keinerlei

Truppen verfügbar waren, da die zur Zeit vorhandenen oder noch zu

erwartenden dem östlich Okahandja stehenden Feind gegenüber gerade

ausreichend erschienen. Diese neue Kriegslage wurde nach der Heimat

telegraphiert und um weitere 1000 Mann Verstärkung gebeten, die auch

sofort bewilligt wurden. Mit ihnen gedachte ich später einen besonderen

Feldzug in dem Gebiet von Otjimbingwe zu unternehmen und hoffte, bis zu

deren Eintreffen den dortigen Gegner durch fortgesetzte Beobachtung und

scheinbare Angriffsbewegungen in seiner derzeitigen Stellung fesseln

zu können, denn seine Vereinigung mit der östlich Okahandja stehenden

Hauptmacht der Hereros lag nicht in unserem Interesse. Trotz aller

Gegenmaßnahmen, gelang es jedoch den auf die Dauer sich anscheinend

doch zu isoliert fühlenden Hereros von Oruware, in der Nacht vom

28. zum 29. März bei Teufelsbach die stark besetzte Bahnlinie zu

überschreiten und sich mit den im oberen Swakoptal stehenden Hereros

zu vereinigen; eine Tatsache, welche die Kriegslage für uns wesentlich

ungünstiger gestaltet hat. Denn nun hatten wir in den nächsten

Gefechten auch noch mit diesen Hereros zu rechnen, während die zu ihrer

Bekämpfung bestimmten 1000 Mann nebst zwölf Geschützen vor vier Wochen

nicht eintreffen konnten.

Als ich im Februar 1904 auf dem Herero-Kriegsschauplatze eingetroffen

war, herrschte über die Stellung der Hauptmasse der Hereros

vollständige Unklarheit. Man vermutete sie nur in den Onjati-Bergen.

Gewißheit hierüber verschaffte ich mir auch dieses Mal wieder durch

mein gewöhnliches Mittel, nämlich durch Übersendung eines Briefes an

Samuel Maharero mit der Anfrage nach den Gründen seines Aufstandes.

Daß ich nebenbei auch neugierig gewesen bin, diese Gründe kennen zu

lernen, nachdem ich zehn Jahre lang seitens des Oberhäuptlings eine

Unterstützung erfahren hatte, die nahezu an Verrat an seinem eigenen

Volke grenzte, wird mir niemand verargen.[150] Nach einigen Tagen

überbrachte Missionar Kuhlmann, der auf der Flucht von seiner Station

das Hererolager passiert hatte, die Antwort.

Der Brief datiert vom 6. März und ist adressiert: »An den Großen

Gesandten des Kaisers, Gouverneur Leutwein.« Er beginnt mit dem Satz:

»Deinen Brief habe ich erhalten und habe ich gut verstanden, was Du mir

und meinen Großleuten geschrieben hast.« Dann begannen lange Klagen

über das Treiben der Händler in seinem Lande, sowie auch, daß sie ihm

gesagt hätten, der Gouverneur, »der Euch liebt«, sei in einen schweren

Krieg gezogen, sei tot, und weil er tot sei, müßten sie, die Hereros,

auch sterben. Schließlich folgt noch die merkwürdige Behauptung,

der Distriktschef von Okahandja hätte Anschläge auf sein, des

Oberhäuptlings, Leben gemacht.[151] Was aber das Wichtigste war, das

Missionar Kuhlmann zurückbrachte, war seine Nachricht, daß die Masse

der Hereros, die bis jetzt in den Onjati-Bergen vermutet worden war,

im oberen Swakoptal von Okatumba aufwärts bis Okaharui säße und der

Oberhäuptling selbst bei Onganjira. Um diese Nachricht nachzuprüfen,

wurde aus Windhuk eine Patrouille unter Oberleutnant Reiß[152] durch

die Onjati-Berge vorgetrieben und durch sie festgestellt, daß diese

Berge in der Tat vom Feinde völlig frei waren.

Inzwischen waren Ende März in Okahandja die Westabteilung, S. 501,

sowie vom südlichen Kriegsschauplatze die 1. Feldkompagnie und

die Gebirgsbatterie, desgleichen je 80 Witbooi- und Bastardreiter

eingetroffen, erstere unter Leutnant Müller v. Berneck, letztere

unter ihrem bisherigen Führer, dem kaum von seinen schweren Wunden

wiederhergestellten Oberleutnant Böttlin. Ende März war daher die

Hauptabteilung vollzählig, dagegen war es nicht gelungen, auch

die Artillerie bereits bis zum 1. April marschfähig zu machen,

da das Einfahren der Maulesel große Schwierigkeiten verursacht

hatte. Infolgedessen wurde der Abmarsch der vereinigten Haupt- und

Westabteilung bis zum 7. April verschoben.

Nach der oben erwähnten, Ende März erfolgten Vereinigung der

Otjimbingwer Hereros mit der östlich Okahandja stehenden Hauptmasse

ihrer Stammesgenossen würde es die Kriegslage eigentlich geboten

haben, den Angriff auf den nunmehr in doch zu bedeutender Mehrzahl

befindlichen Gegner bis zum Eintreffen der bereits bewilligten weiteren

Verstärkungen zu vertagen. Eine solche Verzögerung würde jedoch den

Feind moralisch zu sehr gestärkt haben. Hatte doch der bei Okatumba

befehligende kriegslustige Häuptling Kajata infolge unseres bisherigen,

von ihm falsch aufgefaßten Zögerns dem Missionar Kuhlmann die Frage

vorgelegt: »Fechten denn Deine Landsleute nur hinter Häusern?« Bei

weiterem Zuwarten stand daher auf gegnerischer Seite eine Zunahme der

Unternehmungslust zu befürchten, die gefährlicher werden konnte als ein

vorzeitiger Angriff. Aus dieser Erwägung heraus entschloß ich mich zum

Vormarsch.

Nachdem am 7. April der Vormarsch von Okahandja aus angetreten

war, standen am 8. April die Haupt- und Westabteilung in Otjosasu

vereinigt. Auf dem Marsche dahin wurde der von Waterberg geflüchtete

Missionar Eich angetroffen, der weitere wichtige Nachrichten aus dem

Hererolager brachte. Auch er hatte bei Okatumba und Owiumbo große

Massen von Hereros gesehen und konnte hinzufügen, daß ein Teil der

Waterberg-Hereros unter Salatiel an ihrem Platze verblieben, Michael

von Omaruru mit der Masse seiner Leute zu Samuel gestoßen sei.

Die Zusammensetzung der vereinigten Haupt- und Westabteilung war

folgende:

1., 2., 4., 5. und 6. Feldkompagnie, Marinekompagnie Schering,

1 Maschinengewehrabteilung, 1., 2. und 3. Batterie Hauptmann

v. Oertzen, Hauptmann v. Heydebreck, Oberleutnant Bauszus,

Bastard-Abteilung, Witbooi-Abteilung.

[Illustration: Beiderseitige Stellung am Morgen des 9. April 1904.

Hauptmasse der Hereros, Werft an Werft an den Wasserstellen längs des

Reviers. Die waffenfähigen Mannschaften saßen anscheinend in den dem

Feinde am nächsten gelegenen Werften vereinigt.]

Im ganzen waren es etwa 800 Weiße, 12 Geschütze und 160 fechtende

Eingeborene, mithin eine Macht, wie sie Südwestafrika auf deutscher

Seite noch nicht vereinigt gesehen hatte, trotzdem aber noch zum

gleichzeitigen Angriff auf den in zwei Gruppen stehenden Feind

(Okatumba und Onganjira) zu schwach. (Vgl. die Skizze.) Bei dem

Angriff auf die eine mußte man sich daher auf eine Beobachtung und

Beschäftigung der andern beschränken.

Der erste Angriff mußte dem bei Onganjira stehenden Oberhäuptling

gelten. Zur Beobachtung des anderen Herero-Flügels wie zur Deckung

der Bagage blieben die Marinekompagnie und die Bastard-Abteilung

in Otjosasu zurück, erstere als Rückhalt, letztere mit dem Befehl,

gegen Okatumba zu demonstrieren, um den dortigen Gegner von einer

Mitwirkung bei Onganjira möglichst abzuhalten. Wie ich vorausschicken

will, hat die Bastard-Abteilung ihre Aufgabe insofern gelöst, als der

bei Okatumba stehende Hereroführer Kajata sich anscheinend zunächst

täuschen ließ. Erst spät nachmittags setzte er sich mit 300 Reitern,

dahinter zahlreiches Fußvolk, gegen Onganjira in Bewegung, immer vor

sich die Bastard-Abteilung, die Schritt für Schritt zurückwich, aber

rechtzeitig Meldung vorausschickte. Letztere traf vor dem Sturm auf die

feindliche Stellung ein und beschleunigte den Entschluß zu diesem.

[Illustration: Gefecht bei Onganjira am 9. April 1905.]

Die vereinigten Abteilungen traten ihren Vormarsch nach Onganjira am

Morgen des 9. April an. Genaueres über die feindliche Aufstellung

war nicht bekannt. Aus den eintreffenden Meldungen der an der Spitze

befindlichen Witboois wie auch von seiten deutscher Reiter ging jedoch

allmählich hervor, daß die Hereros sich auf den Onganjira umgebenden

Höhen in einem Halbkreis festgesetzt hatten, an dessen innerem Ende

sich die Wasserstelle befand.

Anscheinend lag die Absicht vor, der deutschen Truppe, falls sie

direkt der Wasserstelle zustreben würde, eine Falle zu stellen. Diesen

Gefallen taten wir jedoch den Hereros nicht; vielmehr wurde zunächst

gegen den linken feindlichen Flügel eingeschwenkt und dieser lediglich

mittels Artilleriefeuer in die Flucht gejagt. Den bereits angesetzten

Infanterieangriff von vier Kompagnien wartete der Gegner nicht ab. Nun

erst ging es gegen die Wasserstelle weiter. Die sich ihr vorsichtig

nähernde Spitze unter Oberleutnant Reiß erhielt dort Feuer, worauf sich

die Avantgarde, bestehend aus der 1. Kompagnie und der Gebirgsbatterie,

zum Gefecht entwickelte. Im Galopp heransprengend, folgte dann links

verlängernd die 2., die 6., die 4. und schließlich die 5. Kompagnie,

die beiden letzteren gerade noch zurechtkommend, um einen Gegenangriff

des rechten Flügels der Hereros abzuwehren. Diese hatten mit

anerkennenswerter Tapferkeit ihre gut verschanzte Stellung verlassen

und waren, begünstigt durch das dichte Gebüsch, bis auf 50 bis 100 ~m~

vorgestürmt. Ein Gegenangriff der 4. Feldkompagnie, die hierbei zwei

Offiziere verlor (Oberleutnant v. Estorff, Leutnant d. Res. Freiherr

v. Erffa), warf jedoch den Gegner zurück. Von der Artillerie stand

die Batterie Bauszus auf dem rechten Flügel unserer Gefechtsstellung,

die Batterie Heydebreck in der Front, die Batterie Oertzen auf dem

linken Flügel, alle drei dicht hinter oder in der Infanterielinie.

Die Batterie Oertzen hatte bei Abwehr des feindlichen Angriffs durch

Kartätschen mitgewirkt. Auch auf die Batterie Bauszus hatte der Gegner

einen Angriff versucht; doch hatten ihn wenige Schüsse wieder in seine

Deckung zurückgejagt.

[Illustration:

⋁

Friedrich Maharero,

ältester Sohn des Oberhäuptlings.

Gruppe vornehmer christlicher Hereros.

Gefunden bei Onganjira in einem Herero-Pontok.]

In allmählich vorschreitendem Feuergefecht wurde im Zentrum wie auf dem

linken Flügel Gelände gewonnen und abends die Hauptstellung des Feindes

auf einer die Wasserstelle beherrschenden Höhe von der Kompagnie

Franke durch Sturmangriff genommen. Auch auf dem linken Flügel war die

Bedeutung dieser Hauptstellung erkannt und die 5. Kompagnie gegen sie

eingesetzt worden, die dann noch mit der 2. zusammenwirken konnte.

Hierdurch war mit Anbruch der Dunkelheit der Sieg für uns entschieden.

Im Verhältnis zu seiner Bedeutung wie zu den feindlichen Verlusten

hatte der Erfolg wenig Opfer gekostet. Nur vier Tote (2 Offiziere,

2 Reiter) haben wir den andern Tag begraben müssen. Zu ihnen trat

nach wenigen Wochen noch der schwer verwundete Leutnant v. Rosenberg.

Außerdem waren 7 Reiter schwer, 5 leicht verwundet, während eine

Absuchung des Gefechtsfeldes am anderen Tag vom Feinde 80 Tote ergab.

Erbeutet wurden etwa 350 Rinder und 10 Gewehre. Die Ursache unserer

geringen Verluste lag in der Möglichkeit einer ausgiebigen Verwendung

der Artillerie, eine Möglichkeit, wie sie in den späteren Gefechten --

durchweg Buschkämpfe -- nicht wieder in gleichem Maße eingetreten ist.

Der oben erwähnte, noch am Abend einsetzende Angriff Kajatas war

dagegen nur noch matt, nachdem der feindliche Führer sich von der

bereits eingetretenen Flucht seiner Landsleute überzeugt hatte. Er

wurde daher durch unsern linken Flügel leicht abgewiesen. Eine am

anderen Morgen vorgenommene Verfolgung ergab, daß der Feind die Gegend

bis einschließlich Otjitasu geräumt hatte.

Eine weitere Verfolgung verbot die Rücksicht auf den noch bei

Okatumba stehenden intakten rechten Flügel des Gegners. Erst mußte

mit diesem abgerechnet werden, da andernfalls bei weiterem Vorrücken

eine ernstliche Bedrohung der diesseitigen Verbindungslinie eintreten

konnte. Auf einen Vernichtungsschlag gegen die Hereros war aber auch

dort noch nicht zu rechnen, da hierzu die Truppe noch nicht stark genug

war. Auch für Okatumba bestand daher bei mir lediglich die Absicht,

dem anderen feindlichen Flügel die Gewalt der deutschen Waffen fühlbar

zu machen und dann nach Umständen zu handeln.

[Illustration: Gefecht bei Oviumbo am 13. April 1904.]

Da eine direkte Verbindung zwischen Onganjira und Okatumba nicht

besteht, marschierten die vereinigten Abteilungen am 11. April nach

Otjosasu zurück und setzten sich nach einem Ruhetag von da am 13. in

Vormarsch nach Okatumba. Bald ergab sich, daß dieser Platz geräumt

war. Infolgedessen wurde der Marsch nach Oviumbo fortgesetzt und um

11 Uhr in der Nähe des letztgenannten Ortes zum Abkochen und zum

Tränken Halt gemacht. Vom Feinde waren nur verlassene Werften gefunden

worden, das ringsum außerordentlich dichte Gebüsch gestattete auch

keinerlei Überblick. Die auf dem südlichen Ufer patrouillierenden

Witboois meldeten dieses gleichfalls vom Feinde frei. Wegen des dichten

Gebüsches waren die Wagenstaffeln unter Bedeckung von einer halben

Marinekompagnie vorläufig in Otjosasu zurückgelassen worden, davon die

erste unter steter Marschbereitschaft.

Mitten im Tränken erfolgte jedoch seitens der Hereros ein plötzlicher

Angriff. Während die Pferde im Trabe zurückgeführt wurden, stürmte

der an der Spitze befindliche Oberleutnant Reiß mit 17 Reitern gegen

den Feind vor und fiel hier, allzu kühn vorgehend, mit sieben seiner

Begleiter. Der Rest zog sich feuernd auf das Gros zurück, das sich

mittlerweile gleichfalls zum Gefecht entwickelt hatte. Nunmehr lernten

wir eine Gefechtsart kennen, wie sie mir während meines langjährigen

Aufenthaltes in Südwestafrika bis jetzt fremd geblieben war, nämlich

den Kampf im dichten Busch mit einem unsichtbaren Gegner. Von dem

bald von allen Seiten anstürmenden Feinde sah man nichts, man hörte

ihn bloß. Nur einige auf Bäumen eingenistete Hereros waren sichtbar,

dafür aber auch um so lästiger. Was aber das Ungünstigste war, die

Artillerie hatte in dem dichten Gebüsch keinerlei Wirkung. Schußfeld

war allein an der rechten Flanke vorhanden, die sich an den 200 ~m~

breiten Swakop anlehnte. Rasch formierte sich die Truppe gegen den von

allen Seiten stürmenden Feind zu einem Karree, zu dem auch die auf das

südliche Ufer übergegangene Avantgarde, der größeren Geschlossenheit

halber sowie um gegenseitiges Beschießen zu vermeiden, herangezogen

wurde.

Nur die Witboois blieben zur weiteren Beobachtung auf dem Südufer.

Auch die Bastards, die mit Deckung der linken Flanke beauftragt waren,

hatten sich nachmittags an das Karree herangezogen. Sie waren auf

eine auf das Gefechtsfeld eilende, berittene Herero-Abteilung von

mehreren hundert Köpfen gestoßen und in dem dichten Gebüsch vollständig

überrannt worden. Der Führer, Oberleutnant Böttlin, mußte sogar sein

Pferd mittels eines Revolverschusses von einem Herero, der es gefaßt

hatte, befreien. Die Reste der Abteilung -- noch etwa die Hälfte --

zog sich auf das Karree zurück, verfehlte dieses jedoch in dem Gebüsch

auf etwa 200 ~m~ und geriet gleichfalls auf das südliche Swakopufer.

Hier wurde sie durch eine mit der Beobachtung rückwärts beauftragte

Patrouille unter dem Sergeanten Cordes (vom Stabe) entdeckt und von

diesem zum Karree herangeführt. Die Meldung von dem Anrücken weiterer

feindlicher Kräfte in unserer linken Flanke -- Oberleutnant Böttlin

schätzte sie auf 800 Reiter -- traf mit ihr gerade noch rechtzeitig

ein. Das Merkwürdigste aber war, daß die zersprengte andere Hälfte der

Bastard-Abteilung sich im Laufe der nächsten 24 Stunden ohne jeden

Verlust wieder bei der Truppe einfand; wieder ein Beweis für die

überlegene Findigkeit eingeborener Soldaten.

Während eines zehnstündigen Feuergefechtes wurden im Karree mehrere

hundert Schritt Gelände nach vorwärts gewonnen, stets unter dem Feuer

des unsichtbaren Gegners. Ein Sturmangriff auf diesen, der wohl erwogen

worden war, würde, gleichviel mit welcher Karreeseite unternommen, in

dem dichten Gebüsch, weil von allen Seiten umfaßt, die beiden Flügel

der Sturmkolonne gekostet haben. Es fragte sich daher, ob der dadurch

zu erreichende Zweck das Leben so vieler deutscher Soldaten wert wäre.

Diese Frage habe ich verneint, da ein Vernichtungsschlag keinesfalls zu

erreichen war. Zu einem solchen bedurfte es noch der bereits auf der

Fahrt begriffenen Verstärkungen.

Es blieb daher nur die Frage, ob ein Sturmangriff nicht aus moralischen

Rücksichten zu unternehmen, und ob die zu erwartenden Verluste nicht

durch solche aufgewogen werden würden. Diese Frage habe ich damals

gleichfalls verneint. Denn der moralische Erfolg war bereits auf

unserer Seite. Die Truppe hatte bei eigenen geringen Verlusten (2

Offiziere tot, 1 schwer verwundet, 7 Reiter tot, 14 verwundet) in

unerschütterter Haltung sämtliche Sturmangriffe des Feindes abgewiesen.

Wie die Folge ergab, fühlten sich die Hereros nach dem Gefecht bei

Oviumbo auch derart moralisch erschüttert, daß sie unmittelbar darauf

ihren Rückzug nach Waterberg begannen. Es war sogar für unsere Zwecke

nützlicher, wenn wir dem Gegner Raum für ein abermaliges Festsetzen

und damit uns die nochmalige Gelegenheit zu einem tatsächlichen

Vernichtungsschlag ließen.

[Illustration: Stellung zur Zeit der Kommando-Übergabe, Mitte Juni

1904.]

Ein Stehenbleiben in der genommenen Stellung verbot dagegen der

Mangel an Munition (die Infanterie hatte sich zu drei Vierteln, die

Artillerie fast ganz verschossen) und die Unmöglichkeit, zu deren

Ergänzung in dem dichten Busch die erste Wagenstaffel heranzuziehen.

Wenige seitwärts des Weges aufgestellte Hereros hätten mittels

Abschießens der vordersten Ochsen jede Wagenkolonne bewegungsunfähig

machen können, da das dichte Gebüsch ein Ausbiegen zur Seite verbot.

Ein solches Abschießen aber war zu erwarten, da der Gegner auch auf

den rückwärtigen Verbindungen herumschwärmte. Infolge dieser Erwägung

entschied ich mich für den Abmarsch zur Wiedervereinigung mit der

in Otjosasu stehenden Staffel sowie zum erneuten Vorgehen erst nach

Einrangierung der erwarteten Verstärkung. Nach Einbruch der Dunkelheit

wurde daher im Karree abmarschiert, in Okatumba von nachts 10 bis 1

Uhr gerastet und von da der Rückzug in der Marschkolonne fortgesetzt.

Der Feind störte diesen in keiner Weise. Morgens 3 Uhr wurde Otjosasu

erreicht. Hier übergab ich drei Tage später das Kommando dem Major v.

Estorff mit dem Befehl, den Feind im Auge zu behalten und sich bei

jeder seiner Bewegungen an seine Fersen zu heften. Ich persönlich begab

mich mit dem Stab zur Empfangnahme der nach und nach eintreffenden

weiteren Verstärkungen nach Okahandja zurück.

Das Ergebnis des Gefechts von Oviumbo ist anfänglich in der Heimat

ungünstiger angesehen worden, als es verdiente. Es wurde daher die

Entsendung von noch mehr Verstärkungen sofort in Erwägung gezogen. Nach

erhaltener Kenntnis von dem Ausfall der Ostabteilung[153] habe ich auch

einer solchen um weitere 1500 Köpfe zugestimmt, wovon 500 Mann und

vier Geschütze zur Beruhigung des aufgeregten Südens in Lüderitzbucht

landen sollten. Diese Verstärkungen waren indes vor dem Juni nicht zu

erwarten. Dagegen traf vorher schon ein neuer Generalstabsoffizier,

Major Quade, ein, an dessen Unterstützung ich mit ganz besonderem Danke

mich zu erinnern Veranlassung habe.

Aus den zunächst anlangenden 1000 Mann wurden in der Folge eine 4., 5.

und 6. Batterie sowie eine 7., 8., 9., 10., 11. und 12. Feldkompagnie,

ferner eine weitere Maschinengewehr-Abteilung (Dürr) gebildet. Die

neuen Truppenteile in Verbindung mit einigen aus der bisherigen

Hauptabteilung abgezweigten bildeten eine neue Hauptabteilung, während

die Reste der bisherigen West- und Hauptabteilung unter dem Major

v. Estorff die Rolle der bisherigen Ostabteilung übernahmen. Diese

neue Ostabteilung (Estorff) folgte von Ende April ab langsam den ihre

Stellung am oberen Swakop nach und nach räumenden Hereros und bestand

mit ihnen noch mehrere glücklich verlaufene Verfolgungsgefechte. Die

neue Hauptabteilung trat dagegen in der Stärke von 4 Kompagnien,[154]

3 Batterien, 4 Maschinengewehren, 1 Funkentelegraphen-Abteilung

und den Witbooireitern ihren erneuten Vormarsch am 5. Juni über

Otjosasu-Okatumba an und erreichte am 13. Owikokorero, wo sie auf

höheren Befehl vorläufig Halt machte. Selbst in Verbindung mit der

annähernd ebenso starken Abteilung Estorff erschien sie zu einem

Vernichtungsschlage für die Hereros immer noch nicht ausreichend.

Zusammen waren beide Abteilungen rund 1400 Gewehre und 24 Geschütze

stark. Ein Angriff auf die Hereros erschien daher nur gerechtfertigt,

wenn Gefahr im Verzuge war. Das war jedoch nicht der Fall, da die

inzwischen in Waterberg angelangte Masse der Hereros sich dort

festgesetzt hatte und anscheinend keinerlei Neigung zum freiwilligen

Verlassen des dortigen wasser- und weidereichen Geländes zeigte; es

erschien daher richtiger, zunächst die bereits beschlossene weitere

Verstärkung abzuwarten. Dies ist auch geschehen; wie wir aber

jetzt wissen, ist es in der Folge auch bei dieser Truppensendung

nicht geblieben, sondern es mußten fortgesetzt neue Verstärkungen

nachgeschickt werden, und zwar bis in die neueste Zeit, so daß die

Kopfzahl der gegenwärtig in Südwestafrika stehenden Truppen rund 14000

Köpfe beträgt.

[Illustration:

⋁ ⋁ ⋁ ⋁

Präfekt Nachtwey Leutwein v. Trotha

Oberleutnant v. Trotha

Zum Kommandowechsel in Windhuk, Juli 1904.]

Meine letzte Befehlshandlung war die Entsendung der Witbooireiter

unter Leutnant Müller v. Berneck zur Erkundung der neuen Stellung des

Feindes bei Waterberg. Sie bestätigten nach einem erfolgreichen Ritte,

auf dem sie ohne eigene Verluste zahlreiche Hereros erschossen, daß die

Masse des Gegners in Hamakari südlich Waterberg stehe und anscheinend

nicht an den Abmarsch denke. -- Ich habe gesagt meine _letzte_

Befehlshandlung. Denn inzwischen war

Der Kommandowechsel

eingetreten. Mittels Telegramm des Herrn Reichskanzlers vom 4. Mai war

ich in Kenntnis gesetzt worden, daß im Hinblick auf die beschlossenen

weiteren Verstärkungen Seine Majestät der Kaiser zum Führer der in

Südwestafrika sich sammelnden Truppenabteilungen den Generalleutnant

v. Trotha in Aussicht zu nehmen geruht habe. Ich solle bis zu dessen

Ankunft das Kommando weiterführen und dann lediglich die Geschäfte

des Gouverneurs beibehalten. So schmerzlich es mir als Soldat auch

erklärlicherweise sein mußte, mitten im Kriege meine Truppe verlassen

zu müssen, so hatte ich anderseits doch alle Veranlassung, in dem

Kommandowechsel eine gewisse Erleichterung zu finden.

Niemand kann aus seiner Haut, namentlich wenn er der ehrlichen

Überzeugung ist, daß er sich mit »seiner Haut« auf dem richtigen Wege

befindet. Auf Grund meiner Erfahrungen hatte ich die unumstößliche

Gewißheit gewonnen, daß man in dem unwegsamen, weiten Südwestafrika

Eingeborene nur mit Hilfe von Eingeborenen besiegen könne, sowie daß

man aufständischen Eingeborenen nach genügender Bestrafung wieder

rechtzeitig die Hand bieten müsse, wolle man nicht die Gefahr einer

Verlängerung des Krieges bis ins Unendliche heraufbeschwören.

Aber dieses System war damals bei der durch die Untaten der Hereros

aufgerüttelten öffentlichen Meinung in der Heimat verpönt. Mithin

konnte es mir nur erwünscht sein, wenn es nun ein anderer mit einem

anderen System versuchte. Entweder mußte er von selbst wieder zu

dem meinigen zurückkehren oder Folgen mit in Kauf nehmen, die es

schließlich doch als das richtigere erscheinen ließen. Das letztere

ist eingetreten. Falsch aber wäre es, hierwegen gegen irgend jemand

einen Vorwurf zu erheben. Für einen Neuling war es unmöglich, anderer

Ansicht zu sein als die ganze Heimat. Dazu gehören eigene Erfahrungen,

und diese stehen dem Ankömmling nicht zur Seite. Dagegen konnte als

Gouverneur mein Nachfolger v. Lindequist unter dem Drucke unserer

inzwischen gemachten Erfahrungen zu dem alten System zurückkehren

und bald nach seiner Ankunft im Schutzgebiet folgenden Aufruf an die

Hereros erlassen:

Windhuk, den 1. Dezember 1905.

»Hereros! Seine Majestät der Kaiser von Deutschland, der hohe

Schutzherr dieses Landes, hat die Gnade gehabt, mich zum Nachfolger

des Gouverneurs Leutwein zu ernennen und als Gouverneur über dieses

Land zu setzen, nachdem General v. Trotha vor einigen Tagen nach

Deutschland zurückgekehrt ist, der die deutschen Truppen gegen Euch

geführt hat. Seine Abreise bedeutet, daß der Krieg jetzt aufhören

soll.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 41 / 50 段