Dieser denkwürdige Zug der Kompagnie Franke hat mit einem Schlage

das Bild des Feldzuges völlig geändert. Die Hereros waren nunmehr

auf der ganzen Linie in die Verteidigung zurückgeworfen, in der

sie uns allerdings noch recht viel zu schaffen machen sollten. Vor

allem aber war die Bahnlinie Swakopmund-Windhuk dem Machtbereich des

Feindes entzogen und daher für den Nachschub weiterer Verstärkungen

freigemacht. Zwar hatte bereits eine kleinere Abteilung Matrosen, das

Landungskorps S. M. S. »Habicht« in der Stärke von etwa 50 Köpfen,

längs der Bahn mit eingegriffen und die geängstigten Bewohner der

betreffenden Orte mit beruhigen helfen. Bei allem Dank und bei aller

Anerkennung für die rasche Hilfe seitens unserer Marine darf aber

die Behauptung doch gewagt werden, es hätte ihr Fehlen die Erfolge

der Kompagnie Franke nicht zu beeinflussen vermocht. Somit darf auch

die fernere Behauptung hinzugefügt werden, daß das Schutzgebiet

in dieser schweren Zeit sich des ersten Ansturmes des Gegners aus

eigener Kraft hat erwehren können. Dies war neben dem einmütigen

und unverzagten Zusammenwirken der ganzen deutschen Bevölkerung

die segensreiche Folge der seit dem Jahre 1896 im Schutzgebiete

eingeführten allgemeinen Wehrpflicht nach heimatlichem Muster. Sie ließ

an Stelle der andernfalls sich gewiß auch bereitwilligst anbietenden,

aber ungeregelten Scharen von Kriegsfreiwilligen disziplinierte und

organisierte Soldatenkommandos treten, vor allem aber diese in den

zahlreichen Offizieren des Beurlaubtenstandes mit Führern ausstatten,

denen nicht nur die erforderlichen Kenntnisse, sondern auch die

mächtige Autorität des Gesetzes zur Seite stand. Und -- man mag die

Begeisterung für eine Sache noch so hoch einschätzen -- angesichts

des Todes kann sich schließlich doch nur die auf eiserne Disziplin

gestützte Kraft des Gehorsams als über jedes Schwanken erhaben erweisen.

Der Befehl zur Einziehung der Wehrpflichtigen in den Nordbezirken war,

wie bereits erwähnt, zugleich mit demjenigen des Abmarsches der 2.

Kompagnie nach dem südlichen Kriegsschauplatze am 25. Dezember 1903

gegeben worden. Bei Ausbruch des Aufstandes am 12. Januar -- mithin

schon nach drei Wochen -- sehen wir in Windhuk eine 1., in Omaruru

eine 2. Ersatzkompagnie und in Okahandja eine starke Besatzungstruppe

gebildet, sämtliche Formationen reichlich mit Offizieren des

Beurlaubtenstandes ausgestattet. Fast nur solche haben dann in der Zeit

der Abwehr bis zum Eingreifen der Kompagnie Franke als Führer fungiert.

Später sind sie auch bei der aktiven Truppe zahlreich verwendet worden.

Schließlich erscheint es noch des Hinweises würdig, wie wertvoll

die großen Stationen als Stützpunkte in den einzelnen Bezirken sich

erwiesen haben. Sie wurden zu Zufluchtsorten für die weißen Farmer und

Ansiedler, aber auch zu Stützpunkten für die deutsche Macht, so daß

diese in keinem Bezirk je ganz zu bestehen aufgehört hat. Von ihnen

ging nach dem Umschwung der Dinge auch die Wiederinbesitznahme des

betreffenden Bezirkes aus, denn sie waren über die Verhältnisse beim

Gegner, über die man sich andernfalls mühsam hätte wieder orientieren

müssen, fortgesetzt auf dem laufenden geblieben. Einen dauernden

Schaden haben dagegen die Eingeborenen keinem der Plätze zuzufügen

vermocht, vielmehr sind diese, mit Ausnahme des am schwersten bedrohten

Okahandja, von Anfang bis zu Ende selbst die Angreifenden geblieben.

Auch den Eintritt von Nahrungsmangel bei der Militär- wie bei der

Zivilbevölkerung haben die gefüllten Proviantmagazine der Stationen

verhindert. Im ganzen haben diese Stützpunkte somit ihren Zweck erfüllt.

Diejenigen aber, die der Ansicht sind, man hätte mittels gewaltsamen

Eingreifens bereits vor Jahren die jetzige Katastrophe heraufbeschwören

sollen, mögen bedenken, wieviel größere Schwierigkeiten unsere Truppen

damals hätten überwinden müssen als jetzt, wo sie schon gerade

groß genug gewesen sind. Ohne die Eisenbahn, ohne die gefüllten

Proviantmagazine im Innern, vor allem ohne eigene Landeskenntnisse

einen Krieg durchzufechten, hätte damals noch blutigere Opfer gekostet

als jetzt. Ich habe es durchgemacht, was es heißt, Krieg zu führen,

wenn man lediglich von dem guten Willen landeskundiger Eingeborener

abhängig ist. Dieser Erfahrung verdankt der § 17 der Instruktion für

die Bezirksamtmänner usw. (Anlage 2) seine Entstehung, dessen Wortlaut

ist:

»Die in einem Bezirk stehenden Angehörigen der Truppe, wie Polizisten,

haben sich fortgesetzt über dessen Wege-, Wasser- und Weideverhältnisse

zu orientieren. In allen unter deutscher Verwaltung stehenden Bezirken

muß die Feldtruppe operieren können, ohne sich außerhalb der Truppe

und Polizei stehender Führer bedienen zu müssen. In jedem Bureau

einschließlich derjenigen der Polizeistationen müssen stets genaue

Wege- usw. Karten des betreffenden Verwaltungsbezirkes zu finden sein.«

Nicht übersehen dürfen wir ferner, wie viele deutsche Soldaten der

Tatsache das Leben zu verdanken haben, daß es so lange Jahre gelungen

ist, für unsere Sache Eingeborene gegen Eingeborene auszuspielen.

Gedanken solcher Art mögen uns trösten über die tiefschmerzlichen Opfer

an Menschenleben, welche die inzwischen fortgeschrittene Besiedlung

des Landes bei Ausbruch des Aufstandes gefordert hat, und die niemand

näher gehen können, als dem seiner Verantwortlichkeit sich bewußten

Gouverneur. Sie mögen aber auch dem Reichstagsabgeordneten zur Seite

stehen, der heute die Summen für das Schutzgebiet bewilligt, die er vor

zehn Jahren vielleicht versagt hätte. Wer aber jetzt noch der Ansicht

sein sollte, die Niederwerfung der Eingeborenen hätte damals weniger

Opfer gekostet als heute, der befindet sich im Irrtum. Ich meinerseits

bin der gegenteiligen Ansicht. Noch mehr aber irrt derjenige, welcher

glaubt, daß eine gewaltsame Entwaffnung oder eine sonstige Entrechtung

der Eingeborenenstämme, wenn früher vorgenommen, gar keinem Widerstand

begegnet sein würde. Auch wenn vorläufig nur an einem einzigen Stamm

zur Ausführung gebracht, würde diese Maßnahme sofort das Mißtrauen

aller hervorgerufen und sie geradezu gewaltsam zum Anschluß aneinander

gebracht haben. Dafür hat das Jahr 1904 den vollen Beweis erbracht.

Als sie sich von der gleichen Gefahr bedroht glaubten, haben damals

Hereros und Hottentotten, früher bitterste Feinde, sofort unverkennbare

Neigung zum Zusammenschluß gezeigt. Daß es gelungen ist, diesen

Zusammenschluß neun Monate bis Oktober 1904 hintanzuhalten, war zu

Beginn des Hereroaufstandes zweifellos unsere Rettung. Heute können wir

ferner die erforderlichen Opfer als unvermeidlich hinnehmen; wenn aber

von uns selbst heraufbeschworen, würden wir uns angesichts ihrer Größe

vielleicht doch nicht der zweifelnden Frage entschlagen können: »War es

durchaus notwendig, diese Opfer zu bringen, und ist das Schutzgebiet

sie auch wert?« Und wer würde die Verantwortung für solche Folgen eines

Friedensbruchs unsererseits, ohne daß eine Zwangslage gegeben war,

übernommen haben?

Das Landungskorps S. M. S. »Habicht«.

Die erste Hilfe von außerhalb kam dem Schutzgebiet durch unsere Marine.

Am 18. Januar nachmittags traf der kleine Kreuzer »Habicht« auf

der Reede von Swakopmund ein und begann ungesäumt die Ausschiffung

seiner Landungsmannschaften. Der Schiffskommandant Korvettenkapitän

Gudewill übernahm für den auf dem südlichen Kriegsschauplatz

abwesenden Gouverneur den Oberbefehl über die Streitkräfte des

Hererokriegsschauplatzes. Führer des Landungskorps wurde der Erste

Offizier S. M. S. »Habicht«, Kapitänleutnant Gygas. Das Korps hatte

zunächst die Stärke von 1 Offizier, 1 Arzt und 52 Mann. Kapitänleutnant

Gygas erhielt Befehl, sich nach der wichtigen Eisenbahnstation Karibib

zu begeben, diesen Ort sowie die Bahnlinie bis dort zu sichern, weitere

Unternehmungen jedoch, wenn nicht dringend geboten, in Anbetracht

seiner geringen Machtmittel zu unterlassen.

Bereits am Abend des 18. verließ das Korps mittels Extrazuges

Swakopmund und traf mit Einbruch der Dunkelheit in Karibib

ein. Unterwegs waren einige beschädigte Stellen an der Bahn

wiederhergestellt und einige Stationen mit Besatzung versehen worden.

In Karibib befanden sich etwa 40 waffenfähige Männer unter Kommando des

Distriktschefs Oberleutnants Kuhn, der den Platz hatte verbarrikadieren

lassen. Dessen Bewohner begrüßten das Eintreffen des Landungskorps als

erstes Zeichen der Hilfe vom alten Vaterland mit aufrichtiger Freude.

Inzwischen waren zu dem Landungskorps auf telegraphische Requisition

als weitere Verstärkung noch 5 Unteroffiziere mit 2 Feldgeschützen

~C.~ 73 und 1 Maschinengewehr aus Kamerun hinzugetreten. Weiter

wurde aus der Heimat noch ein gleichfalls telegraphisch erbetenes

Seebataillon sowie die bereits unterwegs befindliche regelmäßige

Schutztruppenablösung von 200 Mann erwartet. Mit Recht beschränkte

sich daher bis zum Eintreffen dieses bedeutenden Zuwachses das kleine

Landungskorps auf Behauptung der Bahnstrecke Swakopmund-Karibib,

verbunden mit deren gründlicher Wiederherstellung. Die Leitung der

Wiederherstellungsarbeiten übernahm freiwillig der Chefingenieur

der Otavi-Eisenbahn, Herr Solioz, der den Bau seiner eigenen Bahn

vorläufig hatte einstellen müssen. Nach schwierigen, mehrfach durch

erneuten Regen beeinträchtigten Wiederherstellungsarbeiten war

die Bahn endlich Ende Februar wieder bis Karibib betriebsfähig.

Inzwischen hatte S. M. S. »Habicht« zur Verstärkung des schwachen

Landungskorps noch nach Karibib entsendet, was das Schiff nur irgendwie

entbehren konnte. Es waren dies 28 Mann unter Leutnant z. S. Eckhold.

Mit dieser Verstärkung betrug das Korps 80 Köpfe, so daß nunmehr

Wiederherstellungsarbeiten an der Bahnstrecke auch in der Richtung auf

Okahandja begonnen werden konnten.

Vom Feinde ist aus dieser Zeit nur ein Angriff durch etwa 100 Hereros

auf die Station Kubas zu erwähnen, bei dem das dort stehende Vieh

abgetrieben wurde. Die schwache Besatzung versuchte vergeblich dessen

Wiedernahme, wobei der Führer, Unteroffizier Patriok, verwundet

wurde. Inzwischen war es Kapitänleutnant Gygas gelungen, von allen

eingeschlossenen Orten Nachrichten zu erlangen. Es ergab sich, daß die

Kolonne Zülow sicher in Okahandja eingetroffen war, und daß Windhuk,

Omaruru und Otjimbingwe, wenn auch bedroht, so doch nicht direkt

gefährdet seien. An der Bahnlinie selbst kam es hin und wieder zu nur

unbedeutenden Schießereien. Am 2. Februar traf dann auf ihrem Vormarsch

nach Omaruru die Kompagnie Franke in Karibib ein. Mit ihr hatte ein Zug

der Besatzungstruppe Okahandja verlassen und Bahn- wie Telegraphenlinie

bis Karibib wiederhergestellt.

Endlich landete am 3. nachmittags in Swakopmund die

Schutztruppenablösung unter Oberleutnant v. Winkler. Sie wurde,

notdürftig bewaffnet und ausgerüstet, durch Korvettenkapitän Gudewill

sofort nach Windhuk weiter beordert. Ihr schloß sich in Karibib auch

der Rest des Landungskorps unter Kapitänleutnant Gygas an. Jetzt

zeigte sich, wie wichtig die Wiederherstellung der Eisenbahn gewesen

war, da nunmehr die Abteilung von Winkler Windhuk binnen 26 Stunden

zu erreichen vermochte. Da Oberleutnant Winkler keine Artillerie

besaß, überwies ihm Kapitänleutnant Gygas ein Feldgeschütz ~C.~ 73,

eine Revolverkanone und ein Maschinengewehr, dazu 14 Artilleristen

als Bedienung, diese unter dem Oberleutnant z. S. Hermann. Diese

Mannschaften verblieben dann dauernd bei der Abteilung Winkler und

traten später mit dieser zur Ostabteilung über.

Kapitänleutnant Gygas vereinbarte während seiner Fahrt nach Windhuk

mit den Stationsältesten von Windhuk, Okahandja und Karibib eine

dauernde Besetzung der ganzen zu diesem Zweck in Abschnitte

eingeteilten Bahnlinie. Am 5. Februar rief indessen ein Telegramm des

Korvettenkapitäns Gudewill sowohl das Landungskorps wie das Korps

Winkler nach Karibib zurück, um von da gegen Omaruru vorzugehen. Es war

nämlich Hauptmann Franke ergangen, wie es schon manchem Führer ergangen

ist. Er war sich am Abend seines glänzenden Siegestages von Omaruru

der Größe seines Erfolges noch nicht bewußt gewesen und hatte unter

dem Eindrucke des zähen Widerstandes des Feindes sowie der gebrachten

schweren Opfer geglaubt, daß ihm am nächsten Tage ein erneuter Kampf

bevorstehe. In diesem Sinne hatte er telegraphiert. Erst den andern

Tag ergab sich, daß der Feind den Platz in kopfloser Flucht verlassen

hatte, worauf ein Gegentelegramm die Abteilung Winkler wieder nach dem

Osten berief. Das Landungskorps kehrte dagegen nach Karibib zurück,

woselbst nach allen Abgaben dem Führer nur noch 23 Köpfe verblieben.

[Illustration: Ankunft der Mannschaften S. M. S. »Habicht« in Okahandja.

Bahnhof Okahandja.]

Am 9. Februar traf das Seebataillon in Swakopmund ein. Es brachte

eine Maschinenkanonen-Abteilung, eine Eisenbahnbau-Abteilung und eine

Ersatz-Abteilung für S. M. S. »Habicht« mit. Bewundernswert war in

der Tat, mit welcher Energie im alten Vaterlande die Reichsregierung

an die Rettung des schwer bedrohten Schutzgebiets herantrat. Noch war

kein voller Monat seit Ausbruch des Aufstandes verstrichen, als diese

bedeutende Verstärkung -- nahezu 800 Köpfe -- in Swakopmund landete.

Sie hatte nur eine Lücke, nämlich Mangel an Pferden, die erst aus

Argentinien geholt werden mußten. Der Kommandeur des Seebataillons,

Major v. Glasenapp, übernahm jetzt den Oberbefehl, während den

Korvettenkapitän Gudewill, dessen ruhigem und sachgemäßem Eingreifen

das Schutzgebiet viel zu verdanken hatte, leider ein schweres Leiden

auf das Krankenlager warf, von dem er sich nicht wieder erheben sollte.

Doch hatte ich noch die Freude, nach meinem Eintreffen in Swakopmund

ihn daselbst begrüßen zu können.

Mit dem Seebataillon war auch ein langjähriger Kriegsgefährte von

mir wieder im Schutzgebiet eingetroffen, Major v. Estorff, den ich

zu meiner Vertretung im Norden vom südlichen Kriegsschauplatz aus

telegraphisch erbeten hatte. Ferner brachte das Seebataillon den

Allerhöchsten Befehl mit, nach dem die Leitung der Operationen in der

Heimat der Große Generalstab übernehmen sollte. Zum Führer des gesamten

Marine-Expeditionskorps war Oberst Dürr ernannt, der jedoch erst in

drei Wochen landen konnte. Das Marine-Expeditionskorps war somit als

eine geschlossene Operationsabteilung unter eigener Führung gedacht.

Doch ist es zu einer solchen Verwendung nie gekommen. Die Lage zwang,

dasselbe einzusetzen, wo es gerade nottat, und daher zu seiner Teilung.

Auf der einen Seite handelte es sich um Ausnützung der Erfolge der bei

Omaruru zum Stehen gekommenen Kompagnie Franke, auf der anderen um

Absperrung der englischen Grenze, damit der Gegner nicht mit seinen

geraubten Viehherden ungestört über diese verschwinden konnte. Hiernach

traf Major v. Glasenapp seine vorläufigen Anordnungen, denen ich

mich nach meiner Ankunft in Swakopmund am 11. Februar im allgemeinen

angeschlossen habe. Sie gingen dahin, daß

1. die Kompagnie Franke um eine Kompagnie des Seebataillons zu

verstärken sei, den Oberbefehl über die so entstandene »Westabteilung«

habe Major v. Estorff zu übernehmen und zu ihr auch die 4.

Feldkompagnie aus Outjo heranzuziehen,

2. die Abteilung Winkler um zwei Kompagnien des Seebataillons zu

verstärken sei, die so gebildete »Ostabteilung« habe unter das Kommando

des Majors v. Glasenapp zu treten und den Distrikt Gobabis zu säubern

sowie die Hereros von einem etwaigen Entweichen über die englische

Grenze abzuhalten,

3. die letzte Kompagnie des Seebataillons zur Besatzung Okahandjas

überzutreten habe, um dieses Zentrum der deutschen Basis bis zum

Eintreffen der bereits unterwegs befindlichen weiteren Verstärkungen

aus der Heimat zu halten,

4. endlich das Landungskorps S. M. S. »Habicht« unter Kapitänleutnant

Gygas, durch verschiedenen Zuwachs verstärkt, den Distrikt Otjimbingwe

zu säubern und von da Anschluß nach Okahandja zu suchen habe.

In den vorliegenden Abschnitt gehört nur die Berichterstattung über

die Abteilung des Kapitänleutnants Gygas. Den übrigen Teilen des

Marine-Expeditionskorps werden wir bei der Schilderung der Kämpfe

der Schutztruppe wieder begegnen. Das Detachement Gygas setzte sich

zusammen aus:

51 Mann der Besatzung S. M. S. »Habicht«,

55 Mann der Eisenbahn-Schutztruppe,

18 alten Schutztruppenreitern,

34 schwarzen Polizeisoldaten und Treibern;

dazu an Artillerie: ein Feldgeschütz ~C.~ 73, eine Revolverkanone, ein

Maschinengewehr.

Am 12. Februar nachmittags rückte das Detachement von Karibib ab[137].

Seine Schwäche für Südwestafrika lag in dem Mangel an Pferden. Die

Reiterei bestand aus nur 12 Mann, die sich später in Otjimbingwe auf

16 Köpfe ergänzten. Nach Überwindung großer, in dem mangelhaften

Treiberpersonal sowie in der geringen Marschfähigkeit der Mannschaften

beruhenden Schwierigkeiten langte das Korps, ohne vom Feinde gestört

worden zu sein, am 15. früh in Otjimbingwe an. Hier wurde der für die

Station bestimmte Proviant abgeladen und am Abend weitermarschiert, um

den nach umhergehenden Gerüchten etwa 30 ~km~ swakopaufwärts lagernden

Gegner anzugreifen. Dieser bestand aus den Otjimbingwe-Hereros unter

der nominellen Führung des Häuptlings Zacharias. Als landeskundige

Offiziere waren dem Detachement der rührige Distriktschef von Karibib,

Oberleutnant Kuhn, sowie Oberleutnant Ritter (seinerzeit Miterbauer der

Eisenbahn) beigegeben, letzterer als Führer der Reitertruppe. Der Feind

saß genau da, wo er vermutet worden war, am Liewenberg, und kam es dort

am 16. Februar zu einem Gefecht. Nach genügender Vorbereitung durch

Artillerie- und Infanteriefeuer wurden nach siebenstündigem Kampfe

die in guter Stellung befindlichen Hereros geworfen. Der diesseitige

Verlust betrug ein Mann tot, zwei Mann verwundet. Vom Gegner fanden

sich vier Tote sowie eine Menge Gewehre, Munition und Hausrat. Mit

diesem Gefecht war auch Otjimbingwe endgültig vom Feinde befreit. Es

blieb daher dem Kapitänleutnant Gygas nur noch die Lösung des zweiten

Teiles seiner Aufgabe, nämlich der Vormarsch nach Okahandja.

Am 17. früh wurde der Marsch fortgesetzt und am 19. Groß-Barmen

erreicht, wo die Abteilung die von Okahandja entgegengesendeten Reiter

zu finden hoffte, unvermutet aber von den Bergen ringsherum Feuer

erhielt. Da durch dieses auch die Wagenkolonne in Mitleidenschaft

gezogen war, hatten sich sämtliche Treiber zum Ausreißen veranlaßt

gesehen. Hierdurch entstand anfänglich eine schwierige Lage, die

jedoch nicht hinderte, daß nach etwa zweistündigem Feuergefecht

die Erstürmung der feindlichen Stellung gelang. Der Kampf hatte

einen Toten und sieben Verwundete gekostet, während vom Feinde in

der eroberten Stellung neun Tote und eine Anzahl Gewehre gefunden

wurden. Inzwischen war die Reiterei des Detachements hinter der

Gefechtslinie weiter nach dem Platze Groß-Barmen selbst vorgeritten

und hatte dort Fühlung mit der Reiterei aus Okahandja gewonnen, die

unter Veterinärrat Rickmann sich bereits seit zwei Tagen dort befand.

Sie hatte während des Gefechts versucht, durch einen Angriff auf den

Rücken der feindlichen Stellung der Abteilung Gygas Unterstützung zu

bringen, war jedoch hierbei in deren Artilleriefeuer geraten. Nunmehr

setzte das Detachement seinen Vormarsch auf Okahandja fort, wo es am

20. eintraf. Nach Vereinbarung mit dem Kommandanten S. M. S. »Habicht«

wurde dann das Landungskorps gegen die inzwischen eingetroffenen

Ersatzmannschaften des Kreuzers ausgetauscht. Diese trafen am 26.

Februar in Okahandja ein und gingen bis zu ihrer späteren Rückreise im

großen und ganzen in der Schutztruppe auf. Das bisherige Landungskorps

kehrte dagegen wieder an Bord zurück, mit Ausnahme des Oberleutnants

zur See Hermann, des Assistenzarztes Dr. Velten und 14 Mann, die bei

der Ostabteilung geblieben waren, und 6 Mann, die sich auf entfernter

gelegenen Stationen befanden. Ebenso mußte Leutnant zur See Eckhold

infolge eines Schenkelbruchs -- Sturz vom Pferde -- im Lazarett Karibib

bleiben.

[Illustration: Ankunft von Soldaten des Seebataillons in Okahandja.]

Auch das Landungskorps der Marine konnte mit Befriedigung auf seine

Tätigkeit zurückblicken. Obwohl der Landkrieg eigentlich nicht in

den Bereich seiner Tätigkeit fällt, hat es doch seine Aufgabe zur

vollen Zufriedenheit gelöst. Besonders sein tatkräftiger Führer

Kapitänleutnant Gygas hat mir einen derart guten Eindruck gemacht, daß

ich ihn nur mit Bedauern wieder scheiden sah.

Die Tätigkeit der übrigen Teile des Marine-Expeditionskorps war

untrennbar mit derjenigen der Schutztruppe verbunden, so daß sich

deren besondere Behandlung erübrigt. Teile des Korps befanden sich bei

allen Abteilungen der Schutztruppe, die, wie wir gesehen haben, in

eine Westabteilung und eine Ostabteilung gegliedert war. Zu ihnen trat

dann später noch die Hauptabteilung, die sich nach Maßgabe der aus der

Heimat eintreffenden Verstärkungen allmählich bei Okahandja bildete.

Ich beginne mit der Schilderung der Tätigkeit der

Westabteilung.[138]

Am 13. Februar standen von der Westabteilung in Omaruru vereinigt:

Kompagnie Franke, Marinekompagnie Häring, ein Zug Maschinenkanonen,

zwei Geschütze der Schutztruppe.

Zu diesen Truppenteilen sollte, sobald erreichbar, die in Outjo

stehende 4. Feldkompagnie der Schutztruppe -- nach der Verwundung des

Hauptmanns Kliefoth unter Oberleutnant Freiherr v. Schönau-Wehr --

treten. Den Befehl über das Ganze hatte Major v. Estorff, Adjutant war

Leutnant Freiherr v. Buttlar.

[Illustration: Lagerszene.]

Als seine erste Aufgabe sah Major v. Estorff mit Recht die Herstellung

der Verbindung mit der 4. Feldkompagnie an. Demgemäß setzte sich die

Westabteilung am 20. Februar nach Outjo in Marsch. Bereits 65 ~km~

nördlich Omaruru stieß sie jedoch auf die 4. Feldkompagnie, die der

Drang, wieder Fühlung mit der Außenwelt zu gewinnen, gleichfalls

zum Vormarsch, und zwar nach Süden, veranlaßt hatte. Nachdem die

heliographische Verbindung zwischen Outjo und Omaruru wiederhergestellt

und gesichert war, wendete sich die Abteilung gegen die wichtige

Wasserstelle Otjihinamaparero, wo der bei Omaruru geschlagene Gegner

vermutet wurde. Die bei der Abteilung befindliche Marinekompagnie war

nach Abgang der von ihr gestellten Sicherungsmannschaften jetzt nur

noch 60 Köpfe stark. Die Hereros wurden in der Tat an der vermuteten

Wasserstelle entdeckt, und es kam am 25. Februar zu dem hartnäckigen

Gefecht bei Otjihinamaparero, das erst gegen Abend durch Sturmangriff

einer aus allen anwesenden Truppenteilen gemischten Kolonne unter

Hauptmann Franke entschieden werden konnte. Der weit überlegene Gegner

hatte sogar eine von anfänglichem Erfolg begleitete Umfassungsbewegung

gegen unseren linken Flügel vorgenommen. Der diesseitige Verlust betrug

1 Offizier (Oberleutnant Schultze) tot, 3 Offiziere (Oberleutnants v.

Schönau, Hannemann, Leutnant v. Stülpnagel), 7 Reiter verwundet. Vom

Feinde wurden auf dem Gefechtsfelde 53 Tote gefunden und 2000 Stück

Vieh erbeutet.

Die Westabteilung blieb nunmehr bis zum 14. März in der schwer

erkämpften Stellung und füllte diese Zeit mit Erkundungen und mit

Ergänzung des Proviants aus. Der Gegner war anscheinend in der

Richtung auf Waterberg abgezogen. Einzelne Hereros schwärmten indessen

fortgesetzt noch vor der Front der Deutschen umher. So wurde noch zwei

Tage nach dem Gefecht ein Reiter dicht bei dem Kampfplatz aus dem

Hinterhalte erschossen. Ein Offizier, der das Gefechtsfeld absuchen

wollte, wurde sogar seitens eines verwundeten Hereros noch mit einer

-- glücklicherweise fehlgehenden -- Kugel bedacht. Etwa Mitte März

berief ich den Major v. Estorff nach Karibib und erteilte ihm auf Grund

der festgestellten Kriegslage den Befehl, nunmehr auch seinerseits,

wenn irgend möglich, behufs gemeinsamen Zusammenwirkens mit der in der

Formation begriffenen Hauptabteilung in der Richtung auf Okahandja zu

operieren.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 39 / 50 段