Als die Kriegslage im Bondelzwartsgebiet zwang, auch die 2.

Feldkompagnie aus dem Hererolande dorthin zu beordern, war ich nicht

im unklaren darüber, daß diese Maßnahme auf die Lage im Hererolande

eine bedenkliche Wirkung ausüben könnte. Niemand konnte besser wissen

als der Gouverneur, daß, abgesehen von den Rassengegensätzen, die

Hereros auch sonst noch glaubten, Gründe zur Unzufriedenheit zu haben.

Ich darf an dieser Stelle wohl erwähnen, daß ich dem Führer der 2.

Feldkompagnie, der als tapferer Soldat gleich mit nach dem Süden ins

Feld rücken wollte, auf seine dahingehende Bitte einen abschlägigen

Bescheid gegeben habe. Hauptmann Franke war zugleich Bezirksamtmann von

Omaruru und als solcher in der Behandlung der Eingeborenen im Frieden

ebenso geschickt, wie er sich später im Kriege bei ihrer Bekämpfung

tatkräftig erwiesen hat. »Er sei seiner Hereros auch während seiner

Abwesenheit ganz sicher,« schrieb er mir. Als dann später Hauptmann

Franke nach seiner Rückkehr vom Süden sich in die Lage versetzt sah,

seine Wohnung in Omaruru mit stürmender Hand wieder nehmen zu müssen,

wollte er nach seinem eigenen Bericht zuerst gar nicht glauben, daß

seine Hereros es überhaupt wagen würden, auf ihren langjährigen

Bezirksamtmann zu schießen. Er setzte sich daher bei Beginn des

Gefechts absichtlich dem feindlichen Feuer aus, mußte jedoch bald

seinen Irrtum einsehen. Dieser erscheint indessen verzeihlich, wenn man

die Loyalität, um nicht zu sagen Treue mit angesehen hat, mit der die

Hereros äußerlich an ihrem Bezirksamtmann zu hängen schienen.

Ich hatte daher zunächst vorgezogen, die Kompagnie Franke in Omaruru zu

belassen. Als dann später die Kriegslage zu ihrer Heranziehung auf den

südlichen Kriegsschauplatz zwang, wurde damit sofort die Einberufung

sämtlicher Mannschaften des Beurlaubtenstandes der Nordbezirke

verbunden. Die Folge war, daß dann der Aufstand in Omaruru eine zweite

Ersatzkompagnie, in Windhuk eine erste Ersatzkompagnie, in Okahandja

eine wesentlich verstärkte Stationsbesatzung vorgefunden hat, und

diese drei Plätze sind gleich zu Beginn des Aufstandes die Brennpunkte

des Kampfes geworden. Eine weitere Wirkung war, daß infolge ihrer

Einziehung zahlreiche Mannschaften des Beurlaubtenstandes, die vorher

einzeln unter den Eingeborenen gewohnt hatten, ihr Leben gerettet haben.

Über die Gründe des Aufstandes glaube ich mich nicht weiter auslassen

zu sollen. Wer meinen bisherigen Ausführungen mit Aufmerksamkeit

gefolgt ist, wird sie dort bereits gefunden haben. Im übrigen dürfte

diese Frage im Schutzgebiet sowohl wie in der Heimat doch eine zu große

Rolle gespielt und allzuviele ebenso überflüssige wie unerquickliche

Erörterungen hervorgerufen haben. Auch die größte Kolonialmacht,

England, ist Katastrophen solcher Art nicht entgangen. So haben wir

z. B. im Jahre 1896 einen ganz überraschend gekommenen Aufstand im

Maschona- und Matabeleland gesehen, der ebenfalls vielen Hunderten

wehrloser weißer Männer, Frauen und Kinder das Leben gekostet hat. Auch

dort ist das Wegziehen eines Teiles der bewaffneten Macht -- zum Zwecke

des Einfalles in Transvaal (Zug Jamesons) -- die äußere Veranlassung

gewesen, nur mit dem Unterschied, daß keine Zwangslage dieses Wegziehen

geboten hatte. Doch hat man damals in der englischen Presse zwecklose

Erörterungen über die Schuldfrage im allgemeinen vermieden.

Der Hereroaufstand bis zum Eintreffen der ersten Verstärkung von

außerhalb.

Diese Periode kann man die Zeit der Überlegenheit der Hereros nennen.

Sie war ausgefüllt mit der Ermordung einzeln wohnender Weißer,

deren die Eingeborenen hatten habhaft werden können, mit Plünderung

sämtlicher Farmen und Belagerung verschiedener Stationen, in erster

Linie von Okahandja und Omaruru bis zu deren Entsetzung durch die

Kompagnie Franke. Die Zahl der ermordeten Weißen betrug im ganzen

123.[129] Unter ihnen befanden sich 13 aktive Soldaten aus den

wenigen, einem unvermuteten Überfall erlegenen Stationen (im ganzen

4), ferner 7 Buren und 5 Frauen. Der Befehl des Oberhäuptlings zum

Aufstande hatte folgenden Wortlaut:

»Ich bin der Oberhäuptling der Hereros, Samuel Maharero. Ich habe ein

Gesetz erlassen und ein rechtes Wort, und bestimme es für alle meine

Leute, daß sie nicht weiter ihre Hände legen an folgende: nämlich

Engländer, Bastards, Bergdamaras, Namas, Buren. An diese alle legen

wir unsere Hände nicht. Ich habe einen Eid dazu getan, daß diese Sache

nicht offenbar werde, auch nicht den Missionaren. Genug.«

[Illustration: $Lazarett und Bekleidungskammer$ (rechts) $der

Gebirgsbatterie in Okahandja$

nach der Zerstörung durch die Hereros am 12. Januar 1904.]

Aus diesem Wortlaut geht hervor, daß die sieben Buren gegen den Willen

des Oberhäuptlings mit als Opfer gefallen sind. Ebenso scheint bei der

Hereroführung die Absicht vorgelegen zu haben, sämtliche Frauen und

Kinder zu schonen. Wenn trotzdem solche ermordet worden sind, so ist

dies auf Rechnung der Tatsache zu setzen, daß es überall Unmenschen

gibt, die sich an derartige Grenzen nicht halten. Ferner richtete der

Oberhäuptling sowohl an Witbooi wie an den Bastardkapitän Briefe -- mit

der Aufforderung zum Anschluß. Die Schreiben haben folgenden Wortlaut:

1. An Witbooi.

11. Januar 1904.

»Ich mache Dir bekannt, daß die Weißen ihren Frieden mit mir

gebrochen. Und halt es gut fest, so als wir hören. Und wir sollen für

unsern Teil in unserer Schwachheit tun, was wir können. Und wenn es

Gottes Wille ist, laß die Arbeit im Namaqualande nicht zurückgehen.

Es bleibt noch übrig, daß Du kommst, um nach Swakopmund zu gehen,

um zu sehen, was sie dort machen. Und ich bin ohne Munition. Wenn

ihr Munition bekommen habt, helft mir und gebt mir zwei englische

und zwei deutsche Gewehre, denn ich bin ohne Gewehre. Das ist alles.

Grüße.«

2. An den Bastardkapitän.

11. Januar 1904.

»Ich mache Dir bekannt, daß unser Bündnis zwischen uns und den

Deutschen gebrochen ist. Wir sind nun Feinde geworden, das mache ich

Euch bekannt, daß Ihr wissend seid, denn Ihr müßt wissen, daß ein

Bastard ein Herero ist und ein Namaqua und ein Englischmann. Ein

Bergdamara ist ein Knecht der genannten Stämme. Das sind alle von

unserer Seite, da ist es, nimm es und halte es fest. Und mach diese

Arbeit fertig, und das ist alles, kommt, laßt uns nach Swakopmund

gehen, laßt uns dort bleiben. Den einliegenden Brief[130] sende

weiter und halt Deinen Mann fest, er hat keine Arbeit. Rühre keinen

Buren und keinen Englischmann an.«

Etwas später wurde ein zweiter Brief Samuels an beide Kapitäne -- ohne

Datum -- eingeliefert, in dem unter anderem ausgeführt ist:

1. An Witbooi.

»Laß uns lieber zusammen sterben und nicht sterben durch Mißhandlung,

Gefängnis oder auf allerlei andere Weise. Weiter mache es allen

Kapitänen da unten bekannt, daß sie aufstehen und arbeiten.

Ich schließe meinen Brief mit herzlichen Grüßen mit dem Vertrauen,

daß der Kapitän meinen Wunsch erfüllen wird. Und schicke mir noch

vier von Deinen Männern, daß wir von Mund zu Mund sprechen. Weiter

verhindere den Krieg des Gouverneurs,[131] daß er nicht vorbeikommt.

Und mache doch schnell, daß wir Windhuk stürmen, dann haben wir

Munition. Weiter, ich fechte nicht allein, wir fechten alle zusammen.«

2. An den Bastardkapitän.

»Weiter will ich Dich, Kapitän, wissen lassen, daß ich mit meinen

anderen Kapitänen den Traktat zwischen mir und den Deutschen

gebrochen habe. Hier auf Okahandja haben wir dreimal gefochten mit

Maschinen und ich habe gewonnen. Ich fechte jeden Tag mit Maschinen.

Weiter will ich Dich, Kapitän, benachrichtigen, daß mein Wunsch

der ist, daß wir schwache Nationen aufstehen gegen die Deutschen,

laß uns lieber aufreiben und laß sie alle in unserem Lande wohnen.

Alles andere wird uns nichts helfen. Weiter sei so gut und laß vier

Ratsmänner von Dir zu mir kommen, daß wir zusammen sprechen von

Mund zu Mund und mache auf schnellste Weise, daß wir Windhuk in die

Hände bekommen, wo genug Munition ist. Weiter habe ich alle Händler

ermordet, außer Hälbich, Dannert, Buren, Redecker und Engländer.

Hiermit schließe ich meinen Brief.«

[Illustration: Omaruru.]

Beide Briefe an Witbooi kamen nicht in dessen Hände, sondern wurden

seitens des Bastardkapitäns -- zugleich mit dessen eigenen -- auf der

Station Rehoboth abgeliefert.

Der Ausbruch des Aufstandes selbst erfolgte im Bezirk Okahandja am

12., in Omaruru am 17., in Otjimbingwe sogar erst am 23. Januar. Die

vorgekommenen Ermordungen fielen daher fast durchweg in den Bezirk

Okahandja-Waterberg, zu dem auch die Gegend von Grootfontein (Nord)

gerechnet werden muß, da in dessen Nähe die Waterberg-Hereros wohnen.

In den beiden übrigen Bezirken waren dagegen die Weißen rechtzeitig

gewarnt und hatten sich größtenteils retten können.

Ereignisse in Omaruru.

Das Verdienst für die Rettung Omarurus gebührt dem Stabsarzt der

Schutztruppe ~Dr.~ Kuhn in Verbindung mit dem dortigen Missionar

Hegner. Ein glücklicher Zufall hatte es gefügt, daß der Erstgenannte,

der auf einer Reise begriffen war, gerade in den kritischen Tagen

in Omaruru eintraf. Der Hererosprache vollständig mächtig, trat er

sofort mit dem noch schwankenden Kapitän Michael und seinen Großleuten

in Verbindung, was diese zum einstweiligen Zuwarten bewog. Noch am

15. abends waren der Häuptling Michael und der Kirchenälteste Assa

als Gäste des Stabsarztes auf der Station. Erst am 16. vormittags

fiel, anscheinend unter dem Druck der zahlreichen von außerhalb

zugezogenen Feldhereros sowie der Nachrichten aus Okahandja, die

Entscheidung für den Aufstand. Die ihm so gewordene Frist hatte jedoch

Stabsarzt Kuhn bereits benutzt, um zu retten, was noch zu retten

war. Sämtliche Weiße des Bezirks konnten -- mit Ausnahme von vier --

noch in Sicherheit gebracht werden. Die kleineren Stationen wurden

eingezogen, dafür die wichtige Station Okombahe verstärkt, vor allem

die Pferde der Kompagnie von dem Sterbeposten Sorris-Sorris herangeholt

und schließlich die Station Omaruru in Verteidigungszustand gesetzt.

Die Bergkaffernniederlassung Okombahe, von der im Kap. ~II~, S. 63

die Rede gewesen ist, war treu geblieben und mußte daher besetzt

bleiben. So vorbereitet, konnte Stabsarzt Kuhn den am 16. eröffneten

Feindseligkeiten ruhig entgegensehen und die Station bis zu ihrer

Entsetzung durch die Kompagnie Franke am 2. Februar halten. Sie wies

sämtliche Sturmversuche der Hereros zurück und hatte an Verlusten

nur einen Toten und einen Verwundeten, beide gelegentlich eines

Ausfallgefechts am 27. Januar.[132]

[Illustration: Kaserne der 2. Feldkompagnie in Omaruru.

(Während der Belagerung verteidigt.)]

Otjimbingwe.

In Otjimbingwe residierte der schwache und darum sehr friedliebende

Kapitän Zacharias (s. Kap. ~IX~, S. 324). Ihn, der ohnehin wenig

zum Aufstande geneigt war, konnte Missionar Olpp bis zum 23. Januar

vom Aufstand zurückhalten. Der Kapitän sandte sogar noch ein

Ergebenheitsschreiben an das Gouvernement in Windhuk. Daß dagegen Mord

und Plünderung aus dem Bezirk Okahandja sofort auch in das Gebiet von

Otjimbingwe übergriffen, konnte er nicht hindern. Schließlich gaben

aber auch in Otjimbingwe der Druck des Zustromes von außen wie die

Nachrichten aus Okahandja den Ausschlag zum Anschluß an den Aufstand.

Diesen begann indessen der Häuptling mit seiner Flucht vom Platze,

während seine zurückgebliebenen jungen Leute einen Weißen ermordeten,

der zu lange in seinem Hause gesäumt hatte. Die hiermit eröffneten

Feindseligkeiten führten aber in Otjimbingwe zu nichts weiter, als

zu einem zwecklosen Hin- und Herschießen, verbunden mit Verwüstung

des Platzes. Die Stationsbesatzung mit allen Weißen und den zum Teil

treugebliebenen Bastards von Otjimbingwe hatte sich in der Gesamtstärke

von 49 Gewehren unter Führung des Landmessers und Leutnants a. D. v.

Frankenberg in das Gebäude der Firma Hälbich[133] zurückgezogen, da

dieses günstiger gelegen war als die Station. Endgültig befreit von

allen Belästigungen feindlicherseits wurde dann Otjimbingwe am 15.

Februar durch das Landungskorps S. M. S. »Habicht«.

[Illustration: Okahandja.

Haus des Oberhäuptlings Samuel und Hereros vor Ausbruch des Aufstandes,

am Morgen des 12. Januar 1904.]

Okahandja.

Am heftigsten tobte der Kampf um Okahandja. Anzeichen, daß irgend etwas

in der Luft schwebe, waren dort insofern bereits am 10. Januar bekannt

geworden, als aus Waterberg eine auffallende Kauflust der Hereros,

namentlich für Pferde und Reitzeug um jeden Preis, gemeldet war. Dazu

kam am 11. die Nachricht, daß mehrere hundert bewaffnete Hereros

auf Okahandja im Anmarsch seien und 200 bereits bei Osona lagerten,

während der Oberhäuptling Samuel vom Platze verschwunden sei. Rasch

wurden mit der Bahn noch 20 Mann von Windhuk nach Okahandja geworfen,

sowie auch die Verstärkung der Station Waterberg versucht, die jedoch

die hierzu bestimmte Mannschaft nicht mehr zu erreichen vermochte.

Der Bezirksamtmann von Windhuk, Bergrat Duft, hatte sich der nach

Okahandja gesandten Verstärkung persönlich angeschlossen, um zu sehen,

ob die Hereros nicht vielleicht noch wieder zur Vernunft zu bringen

seien. Indessen erwies sich dieser Versuch als vergeblich. Am 11.

Januar wurde der Bezirksamtmann mit allerlei Redensarten hingehalten,

und am 12., als er sich wieder zur Versammlung begeben wollte, durch

einen christlichen Herero gewarnt. Denn der Aufstand war bereits

beschlossene Sache, und Bergrat Duft mußte während der nun folgenden

Belagerung mit in der Feste ausharren. Glücklicherweise konnte er

jedoch vorher noch die Sachlage sowohl nach Berlin wie nach Windhuk

telegraphieren. Die Feindseligkeiten selbst begannen am 12. Januar

vormittags mit der Ermordung einiger Weißer, die unvorsichtigerweise in

ihren Häusern geblieben waren. Die dann folgende Belagerung der Feste

seitens der Hereros beschränkte sich auf bloßes Schießen, während sie

einen Sturm auf die von 71 Gewehren unter Oberleutnant der Reserve Zürn

verteidigten Mauern nicht wagten.

[Illustration: Okahandja.

Geschäftshaus der Firma Wecke & Voigts nach der Zerstörung durch die

Hereros am 12. Januar 1904.]

Auch Swakopmund hatte vor Zerstörung des Telegraphen noch rechtzeitig

von der Lage in Okahandja benachrichtigt werden können. Dort sowohl

wie in Windhuk dachte man jedoch nicht daran, sich lediglich auf

die eigene Verteidigung zu beschränken. Vielmehr wurden von beiden

Orten Entsatzabteilungen nach dem anscheinend noch viel bedrängteren

Okahandja entsendet. Nachdem bereits am 11. Januar von Windhuk aus

kleinere Abteilungen unter den Leutnants der Reserve Maul und Voigts

nach Teufelsbach und Brackwater vorgeschoben waren, versuchte mit

diesen vereint am 12. Januar eine dritte Kolonne unter dem Leutnant der

Reserve Boysen, der ein Maschinengewehr beigegeben war, nach Okahandja

vorzustoßen. Alle drei zusammen, etwa 34 Gewehre, gelangten unter

Führung des ältesten der drei Offiziere, des Leutnants der Reserve

Voigts, mit ihrem Eisenbahnzug bis dicht an Okahandja heran, wurden

dort gegen eine überwältigende Übermacht in ein schweres Gefecht

verwickelt und mußten sich unter Verlust von 7 Toten, darunter Leutnant

Boysen, wieder nach Windhuk zurückziehen. Auch die Besatzung der Feste,

die unter Oberleutnant Zürn einen Ausfall gemacht hatte, konnte nicht

bis zur Entsatztruppe durchdringen.

[Illustration:

O. Voigts, G. Voigts, Wecke jun.,

Vizefeldwebel d. R. Leutnant d. R. Unteroffizier d. R.

Eine kriegerische Familie aus dem Kriegsjahre 1904.]

Besser verlief der Entsatzversuch aus Swakopmund unter Führung des

Oberleutnants v. Zülow. Dieser Vorstoß durch ein insurgiertes Land

mittels gepanzerten Eisenbahnzuges auf der zum Teil zerstörten

Eisenbahn, die dann unter Gefechten erst wiederhergestellt werden

mußte, bot des Interessanten besonders viel. Die kleine Truppe setzte

sich am 12. Januar vormittags in der Stärke von etwa 60 Mann, fast

durchweg der Reserve und Landwehr angehörend, nach Okahandja in

Bewegung. An Offizieren besaß sie außer dem Führer den Leutnant der

Reserve Oßwald, den Stabsarzt ~Dr.~ Jacobs und als Offizierdiensttuer

den Veterinärrat Rickmann. Noch in der Nacht zum 13. erreichte die

Abteilung Karibib, wo sie sich um weitere 30 Mann, gleichfalls

Reserve und Landwehr, unter Leutnant der Reserve Schluckwerder

verstärkte. Erst auf der nächstfolgenden Station Wilhelmstal traf

man auf die Spuren der Verwüstung durch die Hereros. Namentlich

waren Telephon und Telegraph in einem Umfang zerstört, daß man an

deren Wiederherstellung gar nicht denken konnte. Am 13. abends wurde

glücklich die Hauptstation Waldau erreicht, die sich ebenso wie

Karibib gehalten hatte, aber von umherschweifenden Hereros fortgesetzt

beunruhigt worden war. Hier machte die Kolonne vorläufig Halt und

erkundete zunächst die Bahnstrecke nach Okahandja. Man fand diese,

den bisherigen Meldungen entsprechend, vielfach zerstört. Nunmehr

wurde der Eisenbahnzug mit Wellblechplatten, gefüllten Reis-, Hafer-

und Kohlensäcken gepanzert und ein Wagen mit 200 ~m~ Schienen und

Handwerkszeug zu Reparaturzwecken eingeschoben. Diese Arbeit wurde

unter fortgesetztem Geplänkel am 14. vorgenommen und am 15. früh die

Fahrt in folgender Formation angetreten: An der Spitze fuhr eine

Lokomotive mit drei Wagen, die das Arbeitspersonal und Material

mitführten. In einem Abstand von 500 ~m~ folgte der Hauptzug, bestehend

aus zwei Lokomotiven, sechs gepanzerten Mannschaftswagen und vier

Gepäckwagen, letztere mit Munition, Proviant und Bekleidung. In einem

Abstand von weiteren 500 ~m~ kamen zum Schluß zwei Doppelmaschinen und

ein Tender. Nicht weniger als siebenmal mußte die Fahrt unterbrochen

werden, dreimal wegen Entgleisung und viermal behufs Wiederherstellung

von Zerstörungen, sei es am Bahndamm, sei es an den Geleisen oder

den Durchlässen. Die Reparaturen mußten stets unter feindlichem

Feuer vorgenommen werden, wobei ausgeschwärmte Schützen die Arbeiter

deckten. Auf diese Weise brauchte der Zug 6 Stunden, um die 22 ~km~

nach Okahandja zurückzulegen. Nur 1500 ~m~ von der dortigen Station

entfernt, mußte behufs Herstellung einer schwer beschädigten Stelle

nochmals unter Gefecht 3/4 Stunde gehalten werden. Am 15. Januar, etwa

um 12 Uhr mittags, traf der Zug bei dem 200 ~m~ von der belagerten

Feste entfernt gelegenen Eisenbahnstationsgebäude ein und begann

sofort mit Entladung. Diese Arbeit war unter fortgesetztem Gefecht mit

Einbruch der Dunkelheit beendet. Okahandja war jetzt insoweit entsetzt,

daß von irgendwelcher Gefahr für den Platz nicht mehr gesprochen werden

konnte. Erreicht war dieser Erfolg mit einem Verlust von nur einem Mann

tot und einem Eingeborenen schwer verwundet. Der Gegner überschüttete

noch am 16. die vorläufig nur provisorisch mitbesetzte Eisenbahnstation

mit Feuer, zog sich aber in der Nacht vom 16. zum 17. auf die

umliegenden Höhen zurück, von wo aus er auf etwa 800 ~m~ fortfuhr, den

Platz wirkungslos zu beschießen.

[Illustration: Okahandja.

Häuser des Gastwirts Dickmann und des Kaufmanns Denker nach der

Zerstörung durch die Hereros am 12. Januar 1904.]

Oberleutnant v. Zülow beschränkte sich von jetzt ab auf zwei Ziele,

und zwar erstens auf Reinigung des Platzes, denn nunmehr erschien

der Ausbruch einer Seuche in der überfüllten Feste gefährlicher als

der Feind, zweitens auf Wiederherstellung der Verbindung mit der

Außenwelt. Zu größeren Offensivunternehmungen wäre er mit seinen 200

Mann nicht in der Lage gewesen, da er weder Artillerie noch Reit- und

Zugtiere besaß. Sein Hauptbeförderungsmittel blieb daher auch ferner

der mitgebrachte Eisenbahnzug. Nachdem die notwendigsten Arbeiten

zur Säuberung des Platzes erledigt und die Besatzung neu gegliedert

war, versuchte Oberleutnant v. Zülow am 19. Januar zunächst einen

Vorstoß nach Windhuk. Aber dieser scheiterte bereits wenige Kilometer

südlich Okahandja, bei Osona, wo das Geleise auf 200 ~m~ aufgerissen

war. Nach einem kurzen Gefecht, währenddessen der Platz selbst nach

allem Brauchbaren abgesucht worden war, ging es nach der Feste zurück.

Merkwürdigerweise war noch eine Menge Munition gefunden worden. Diesem

Versuche folgte dann am 20. Januar ein zweiter Vorstoß in der Richtung

auf Karibib, der bis über 8 ~km~ jenseits Waldau gelangte, bis zu

der dortigen zerstörten, 20 ~m~ langen Eisenbahnbrücke. Während des

Versuches, sie wiederherzustellen, griffen die Hereros an, es entspann

sich ein Gefecht, bei dem die 70 Mann starke Abteilung vier Tote, drei

schwer und einen leicht Verwundeten verlor, wogegen auch die Hereros

schwere Verluste erlitten zu haben schienen. Da indessen ein weiteres

Vordringen über die zerstörte Brücke nicht möglich war, kehrte der Zug

abends nach Okahandja zurück. Die Verbindung mit Karibib wurde sodann

durch zwei zuverlässige Eingeborene gesucht und auch gefunden. Um mit

der im Anmarsch befindlichen Kompagnie Franke Fühlung zu gewinnen, ging

Oberleutnant v. Zülow am 22. und 23. wieder gegen Osona vor, wo es am

23. zu einem unblutig verlaufenden Gefecht gegen etwa 70 Hereros kam.

Endlich am 27., als gerade der Geburtstagssalut für Seine Majestät

gegeben wurde, erschienen ausgeschwärmte Schützen vor der Station,

denen eine im Galopp heransprengende Reitertruppe folgte. Es war dies

die erwartete Kompagnie Franke. Damit war auch Okahandja endgültig

befreit, und Oberleutnant v. Zülow durfte sich sagen, daß er und seine

Leute die ihnen gestellte Aufgabe glänzend gelöst hatten. An Verlusten

hatte die Belagerung im ganzen nur einen Toten gekostet.

[Illustration: Kaserne in Okahandja nach der Belagerung.]

Windhuk.

Die Schreckenszeit einer drohenden Belagerung dauerte für Windhuk

nur eine Woche, vom 12. bis 19. Januar, an welch letzterem Tage die

Kompagnie Franke einrückte, aber, wer sie mitgemacht hat, wird sie

nicht vergessen. Auch hier wagten zwar der verhältnismäßig starken

Besatzung gegenüber -- 230 Mann, durchweg Reserve, Landwehr und

Landsturm, unter Oberleutnant Techow, später unter Hauptmann a. D. v.

François -- die Hereros einen förmlichen Angriff nicht, aber die Luft

war stets von Gerüchten über das Bevorstehen eines solchen angefüllt.

Es verdient daher alle Anerkennung, wenn die Besatzung sich trotzdem

nicht auf Abwehr beschränkt hat, vielmehr einen offensiven Vorstoß an

den andern reihte.

[Illustration: Partie aus Groß-Windhuk.]

Des Entsatzversuches von Okahandja am 12. Januar unter Leutnant der

Reserve Voigts habe ich bereits gedacht. Ihm folgte am 15. Januar ein

Vorstoß gegen die Farm Hoffnung, östlich Windhuk, unter Hauptmann

a. D. v. François mit etwa 60 Mann und einem Geschütz, der zu einem

mehrstündigen siegreichen Gefecht führte. Ebendahin ging am 21. Januar

eine Patrouille von 30 Mann unter Leutnant der Reserve Maul und

Oberveterinär Rassau. Sie jagte eine etwa gleichstarke Hererobande

in die Flucht, verfolgte sie zu Pferde und machte eine erhebliche

Anzahl nieder. Die erfolgreichste Patrouille aber war diejenige des

Oberfeuerwerkers -- jetzt Leutnants a. D. -- v. Niewitecki vom 22.

Januar ab nach Hohewarte-Seeis. Von beiden noch besetzten Stationen

war schon lange keine Nachricht mehr eingetroffen. Die Zahl der

Patrouillenreiter betrug nur zehn Mann; es waren aber durchweg

altgediente und seit langen Jahren im Lande befindliche ehemalige

Angehörige der Schutztruppe, mithin für drüben das beste Material.

Der Erfolg war auch entsprechend. Gegen Abend des 22. Januar wurde

eine etwa 100 Köpfe starke, viehtreibende Hererobande angetroffen und

sofort mit Gewehrfeuer und Hurra angegriffen; ihr Verlust betrug 15

Tote; auch wurden ihr vier Gewehre und 80 Stück Vieh abgenommen. Ihre

Beute brachte die Patrouille nach Station Hohewarte, tauschte dort fünf

ihrer Reiter gegen ebensoviele der Station um und zog am 25. Januar

wieder weiter, um auch Fühlung mit der Station Hatsamas zu suchen.

Dies gelang gleichfalls. Die dortige, nur vier Mann starke Besatzung

unter Feldwebel Kiep war guten Mutes und entschlossen, sich unter

allen Umständen zu halten. Abends kehrte die Patrouille nach Hohewarte

zurück. An beiden Tagen hatte sie je über 100 ~km~ zurückgelegt.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 37 / 50 段