Aber immerhin hätte diese auf beiden Seiten im Bezirk Keetmanshoop

vorhandene Nervosität noch nicht zum Aufstand geführt, wenn nicht

ein weiterer Umstand hinzugetreten wäre. Die mit der Kapregierung

eingeleitet gewesenen Verhandlungen wegen Auslieferung der geflüchteten

und geächteten Bondelzwarts waren gescheitert. Dagegen erschienen im

Monat Juli die tatkräftigsten von ihnen, Morenga und die Gebrüder

Morris, an der Spitze von etwa einem Dutzend Bewaffneter wieder

diesseits der Grenze und begannen mit erneuter Ausplünderung von

Farmen. Das mußte in dem an sich schon aufgeregten Bezirk um so

unheilvoller wirken, als den Aufständischen zunächst der Erfolg zur

Seite stand. Deren erste Tat war die Entwaffnung und Beraubung von

neun zusammenwohnenden Farmern, der dann noch diejenige von drei

einzeln wohnenden Ansiedlern folgte. Der damals im Süden kommandierende

Offizier Major v. Lengerke setzte daher Ende August eine größere

Expedition gegen die Bande an. Bevor sie jedoch zum Eingreifen gekommen

war, stieß am 30. August der zur Befreiung einer abgeschnittenen

Patrouille vorausgesandte Leutnant Baron v. Stempel an der Spitze von

34 Mann bei Sjambokberg[120] auf Morenga, dessen Truppe inzwischen bis

auf etwa 70 Gewehre angewachsen war. Beim Angriff fiel Leutnant Baron

v. Stempel mit zwei Reitern, zwei Reiter wurden schwer verwundet,

drei vermißt. Der Rest der Abteilung verschanzte sich rückwärts bei

Plattbeen, wurde hier am 4. September von Morenga angegriffen und

dann durch eine Abteilung der 3. Kompagnie unter Leutnant Schmidt

entsetzt. Hierbei war wieder ein Reiter verwundet worden. Es erscheint

nur naturgemäß, wenn dieser Zusammenstoß von den Hottentotten als ein

Sieg Morengas aufgefaßt worden ist und wenn nunmehr der Zustrom zu ihm

derart anschwoll, daß der Bandenführer binnen wenigen Wochen an der

Spitze von etwa 300 Gewehren stand. Ist doch der arbeitsscheue, aber

auf dem Rücken seines Pferdes unermüdliche Hottentott stets zu haben,

wo es etwas zu plündern gibt. Morenga aber mußte von jetzt ab als

kriegführende Macht betrachtet werden. An erzielten Erfolgen hat er

sogar noch den alten kriegserfahrenen Witbooi übertroffen.

Die Hottentottenkapitäne selbst vermochten zwar der Flucht vieler ihrer

Leute zu Morenga nicht zu steuern, blieben aber für ihre Person, wie

mit der Mehrzahl ihrer Leute, treu. Um sie zum offenen Anschluß an die

Aufständischen zu bewegen, bedurfte es einer noch stärkeren Triebkraft,

und diese war erst gegeben, als ein ganz unerwartetes Ereignis hinzukam:

Der Abfall Witboois.

Die Gründe, die den alten 80jährigen Mann noch an seinem Lebensende

bewogen haben, sein eigenes Werk zu zerstören, die Befestigung der

Deutschen Schutzherrschaft im Namalande, zu der er in zehnjähriger

Arbeit redlich beigetragen hatte, werden jetzt nach seinem Tode wohl

nie völlig aufgeklärt werden können. Wir sind daher auf Vermutungen

angewiesen. Von langer Hand vorbereitet war der Aufstand jedenfalls

nicht, andernfalls würde es für den Kapitän richtiger gewesen sein,

unsere ungünstige Lage zu Beginn des Hereroaufstandes auszunutzen,

statt uns sogar noch Unterstützung zu senden. Ferner wäre es ihm

auch später noch leicht gewesen, seine auf unserer Seite im Felde

stehenden Leute durch heimlichen Befehl zurückzubeordern. Einen Zuwachs

von 70 bis 80 wohlbewaffneten und berittenen Leuten hätte er recht

gut brauchen können.[121] Mißtrauisch war der Kapitän allerdings

anscheinend bereits seit einiger Zeit wieder geworden. Der bei

der Truppe inzwischen erfolgte Kommandowechsel mag wohl dieselben

Gefühle in ihm erregt haben, die ihn seinerzeit im Jahre 1895 nach

Eintreffen des neuernannten stellvertretenden Truppenkommandeurs

Major Mueller zu der im Kapitel ~II~, Seite 79 geschilderten Flucht

über die englische Grenze bewogen haben. Die Eingeborenen sind nun

einmal nicht für eine Sache, sondern nur für eine Person zu haben,

ein Gefühl, das allerdings in den Kolonien die Gründung dauernder

Verhältnisse erschwert, aber nicht aus der Welt zu schaffen ist. Als

ich z. B. im Juni 1904 das Feldlager von Owikokorero verließ, um das

Kommando abzugeben, kam eine Deputation der verbündeten Witboois mit

der Anfrage zu mir, ob sie jetzt nicht auch zurückgehen dürften, denn

sie hätten nur mit mir Vertrag, nicht mit einem anderen. Ich beruhigte

sie mit dem Versprechen, bald wiederzukommen. Von dem neuerwachten

Mißtrauen des Kapitäns Witbooi zeugt auch die im Kapitel ~IX~, Seite

294 erwähnte Tatsache, daß er auf eine ihm hinterbrachte angeblich

abfällige Kanzeläußerung des Missionars in Windhuk über seinen Sohn und

Nachfolger Isaak so großen Wert gelegt hat.

Zu diesem Mißtrauen Witboois kam Ende August der schwerwiegende

Umstand, daß nach dem Gefecht von Waterberg 19 Witboois kriegsmüde

und mit Waffen und Munition flüchtig geworden waren. Hiervon

benachrichtigt, sandte mir der Kapitän nachstehendes, vom 21. August

1904 datiertes Heliogramm:

»Höre mit Bedauern, daß einige Witboois flüchtig geworden sind. Ich

befürchte, daß viele falsche Stories die Schuld tragen. Ich erwarte,

daß die Namas, die noch im Felde stehen, treu ihre Pflicht tun werden.

Ein Brief von hier geht heute an die Namas ab.«

Dieser hier angekündigte Brief lief gleichfalls durch meine Hände

und war an den Führer der im Felde stehenden Witboois gerichtet, die

immer noch 70 bis 80 Köpfe stark waren. Er enthielt die strengste

Weisung zur ferneren Pflichterfüllung, da er, der Kapitän, wie immer,

treu zur deutschen Sache stände. Es hat Stimmen gegeben, die diese

beiden, äußerlich so loyalen Kundgebungen Witboois noch wenige Wochen

vor seinem Abfall für eine Heuchelei erklärt haben, aus dem Bedürfnis

entsprungen, der deutschen Regierung Sand in die Augen zu streuen.

Diese Stimmen übersahen jedoch, daß zwischen beide Handlungen des

Kapitäns ein weiteres Ereignis von weittragender Bedeutung gefallen

ist, nämlich die _Ankunft_ der aus dem Felde geflüchteten Witboois

in ihrer Heimat. Diese scheint Mitte September erfolgt zu sein, und

Anfang Oktober schlug der Kapitän los.[122] Sehr nahe liegt daher

der Gedanke, daß die Erzählungen dieser Flüchtlinge, die in deren

eigenstem Interesse nur gefärbt sein konnten, neben den später noch

zu erwähnenden religiösen Beweggründen bei dem Kapitän den letzten

Ausschlag gegeben haben. Die zurückgekehrten Witboois werden sich wohl

mit schlechter Behandlung entschuldigt, aber auch ihrer Überzeugung

Ausdruck gegeben haben, daß die Deutschen mit den Hereros nicht

fertig werden würden. Fehler in der Behandlung der Witboois mögen

seitens der neu ins Land gekommenen Offiziere und Mannschaften wohl

auch gemacht worden sein. Dies geht wenigstens aus einem damals in

Omaruru aufgenommenen Protokoll hervor. Im übrigen aber ist es wieder

ein Beweis für die überlegene Findigkeit der Eingeborenen, daß es

sämtlichen Witbooi-Flüchtlingen gelungen ist, durch die deutschen

Truppen, durch das insurgierte Hereroland, endlich durch sämtliche

auf sie aufmerksam gemachte Polizeistationen hindurch unbehelligt

Gibeon zu erreichen und sich dort bei ihrem Kapitän zu melden. Dabei

hatten sie auf ihrer Flucht keinerlei Proviant mitnehmen und trotzdem

mehrere Wochen unterwegs sein können. Für die in Treue bei der Truppe

zurückgebliebenen Witboois war es dagegen ein tragisches Verhängnis,

wenn sie, gehorsam dem Befehle ihres Kapitäns, nunmehr auf deutscher

Seite ausharrten, um dann von demselben Kapitän treulos im Stiche

gelassen zu werden. Sie wurden nach der Erhebung des letzteren

entwaffnet und nach Togo überführt, wo sie wohl dem Klima erliegen

werden.

Im übrigen muß man dem alten Witbooi gewiß Milderungsgründe zubilligen,

wenn er allen diesen auf ihn einstürmenden Eindrücken erlegen ist und

sich schließlich die Überzeugung bei ihm festgesetzt hat, die deutsche

Regierung hätte nichts Gutes mit ihm im Sinn. Das einzige, was den

Kapitän von seinem Beginnen vielleicht noch hätte abhalten können,

wäre meine eigene Reise zu ihm gewesen, wie sie bereits von Abgabe des

Truppenkommandos ab geplant war.

Bedauerlicherweise hatten jedoch die Verhältnisse auf dem

Hererokriegsschauplatze es nicht gestattet, die von mir als

erforderlich erachtete Begleitkompagnie vor Ende September

freizumachen, und dann war es zu spät, da der Aufstand bereits Anfang

Oktober ausbrach. Ohne starke Begleitung aber hätte ich bei dem

Charakter der Eingeborenen nicht auf ein ausreichendes politisches

Gewicht rechnen können. Denn was der Eingeborene nicht sieht, glaubt er

nicht. Hätte ich die kommenden Ereignisse voraussehen können, so würde

ich den Besuch natürlich auch ohne diese Kompagnie gewagt haben.

Nachdem ich dann bis zum Eintreffen des für das Kommando im Süden

bestimmten Obersten Deimling den Befehl gegen die Witboois übernommen

hatte, war mein erstes, daß ich meiner Gewohnheit gemäß unter der Firma

»Bote« einen Spion an den Kapitän sandte mit einem Briefe, in dem

ich ihn um Angabe der Gründe für seinen Abfall ersuchte. Um aber von

Hause aus ungerechtfertigten Behauptungen vorzubeugen, in denen ich

Witbooi als Meister kannte, versicherte ich im voraus, daß weder ich

noch überhaupt die deutsche Regierung Übles gegen ihn geplant hätten,

da wir dazu seine treuen Dienste viel zu sehr schätzten. In seiner

Antwort beschränkt sich der Kapitän auf allgemeine Phrasen, wie aus

nachstehendem Wortlaut hervorgeht:

»Ich habe Ihren Brief vom 1. Oktober gelesen und will Ihre erste

Frage nach der Ursache (des Krieges) beantworten. Die Ursache liegt

weit zurück. Sie haben mir gesagt, daß Sie den Brief an Hermanus

van Wyk gelesen haben, so haben Sie gesehen, wovon mein Herz voll

ist. Wie Sie in Ihrem Briefe schreiben, habe ich zehn Jahre in

Ihrem Gesetz, hinter Ihrem Gesetz und unter Ihrem Gesetz gestanden,

und nicht ich allein, sondern alle Häuptlinge von Afrika. So

fürchte ich Gott den Vater. Die Seelen (Leute), die in den zehn

Jahren ausgefallen sind von allen Nationen in Afrika und bei allen

Häuptlingen ohne Schuld und Ursache und ohne wirklichen Krieg im

Frieden und im Vertrag vom Frieden (der Kapitän will wohl sagen:

»lasten schwer auf mir«.)

»Die große Rechenschaft, die ich vor Gott dem Vater zu geben habe,

der im Himmel ist, ist sehr groß. So hat Gott unsere Tränen und

Bitten und Seufzen gehört und uns erlöst. Denn ich warte auf ihn

und flehe zu ihm, damit er unsere Tränen trocknet und uns erlöst zu

seiner Zeit. So hat jetzt Gott aus dem Himmel den Vertrag gebrochen.

Weiter haben Sie mir geschrieben, ich hätte wehrlose weiße Menschen

totgemacht und daß 80 meiner Leute in Ihrer Gewalt sind für die

Menschen, um die weißen Leute mit meinen Leuten zu bezahlen. Und

nun bitte ich Sie, wenn Sie diesen Brief gelesen haben, dann müssen

Sie sich in Ruhe hinsetzen und darüber nachdenken und die Seelen

ausrechnen, die in den zehn Jahren ausgefallen sind von dem Tage an,

seitdem Sie ins Land gekommen bis zum heutigen Tage. Und rechnen Sie

auch die Monate von zehn Jahren und Wochen und Tage und Stunden und

Minuten, seit die Leute ausgefallen sind. Und rechnen Sie die weißen

Menschen, die in dieser kurzen Zeit in meine Hände gefallen sind,

so sage ich Ihnen, diejenigen meiner Leute, die in Ihrer Hand sind,

wissen nichts von meinen Werken, und sie haben Ihnen treu gedient. So

geben Sie die Leute frei, ohne ihnen etwas zu tun, alle Leute, die

die Häuptlinge Ihnen gegeben haben. Und den weißen Menschen kann es

(mein Vorhaben) nicht unbekannt gewesen sein, weil der Hauptmann v.

Burgsdorff selbst meinen Brief gelesen hatte, bevor ich etwas gemacht

habe. Ferner bitte ich Ew. Hochwohlgeboren, nennen Sie mich doch

nicht Rebell. Soweit bin ich

gez. Kapitän Hendrik Witbooi.«

[Illustration: Bezirksamtmann v. Burgsdorff.]

Da Witbooi die im ganzen Namalande vorhandene Gärung nicht unbekannt

geblieben war, hatte er gleichzeitig mit der Erhebung der Fahne des

Aufruhrs unter dem 3. Oktober an sämtliche Hottentottenkapitäne wie an

den Bastardkapitän die im Kap. ~IX~, S. 304 erwähnte Aufforderung zum

Anschluß gerichtet.

Der Bastardkapitän übergab den an ihn gelangten Brief sofort dem

Distriktschef von Rehoboth, das gleiche tat der Kapitän von Bersaba,

der den seinigen nach Keetmanshoop sandte, denn beide Kapitäne dachten

nicht daran, sich dem Aufstande anzuschließen. Treu blieb auch mit

seinem Anhang der Kapitän Paul Frederiks von Bethanien, während der

größere Teil des Stammes dem Schwiegersohn Witboois, dem Unterkapitän

Cornelius, mit in das Feld folgte. Ebenso folgten dem Rufe Witboois der

Feldschuhträgerkapitän Hans Hendrik, der Gochaser Kapitän Simon Cooper

und der Kapitän von Hoachanas, Manasse.

Die erst vor kurzem entwaffneten Bondelzwarts blieben zunächst unter

Bewachung in Warmbad, dann schlossen sie sich allmählich, nicht als

Ganzes, sondern einzeln den Aufständischen an, zuletzt auch der Kapitän

Johannes Christian selbst. Ihre Neubewaffnung werden sie wohl in

geraubten sowie gefallenen deutschen Soldaten weggenommenen Gewehren

gefunden haben.

Ermordet wurden bei Beginn des allgemeinen Hottentottenaufstandes nur

Farmer und die Besatzung einiger kleiner Polizeistationen im Bezirk

Gibeon. Im Bezirk Keetmanshoop gelang dagegen dem stellvertretenden

Bezirksamtmann Schmidt die rechtzeitige Warnung der Weißen sowie die

Einziehung gefährdeter Stationen. Letzteres war in Gibeon nicht möglich

gewesen, da dort mit dem Entschluß zum Aufstand auch dessen Ausbruch

zusammenfiel. Kapitän Witbooi hatte geglaubt, genug getan zu haben,

wenn er dem Bezirksamtmann v. Burgsdorff am 3. Oktober die Nachricht

von seiner Absicht sandte, dann aber in der Nacht vom 3. zum 4. Oktober

die Ermordung ahnungsloser Farmer und Soldaten gestattete. Wie bekannt,

ritt der Bezirksamtmann am 3. persönlich zu dem Kapitän nach Rietmond,

um ihn wieder umzustimmen, erreichte ihn aber nicht mehr, sondern fand

unterwegs seinen Tod.

Mit dem Bezirksamtmann v. Burgsdorff, der als Opfer seiner Pflicht

gefallen ist, hat das Vaterland einen Kolonialbeamten verloren, wie es

einen besseren schwer wird finden können. Er hatte genau zehn Jahre

vorher die ebenso schwierige wie undankbare Aufgabe übernehmen müssen,

den soeben erst unterworfenen, in langjährigen Kriegen verwilderten

Witbooistamm wieder auf den Boden eines geordneten Staatswesens

zurückzuführen. Zur Unterstützung bei dieser Ausgabe konnten ihm nur 30

Unteroffiziere und Reiter zur Verfügung gestellt werden.

Und wie hat v. Burgsdorff seine Aufgabe gelöst! Bereits drei Monate

nach dem Friedensschluß trat Witbooi gegen die Khauas-Hottentotten

wie auch gegen den noch schwankenden Kapitän von Gochas offen auf

unsere Seite (Kapitel ~II~). Dies war ausschließlich das Verdienst

des Bezirksamtmanns, damals noch Oberleutnants v. Burgsdorff. Und

welch einsames Leben war letzterem dabei auf seiner Station Gibeon

beschieden, und auf welch sittlicher Höhe hatte er sich seinen

Hottentotten gegenüber halten müssen, unter denen er zwei Jahre

lang ohne jeden gebildeten Umgang ausharren mußte. Auch für Kirche

und Schule sorgte er während dieser Zeit und feierte mit seinen

Pflegebefohlenen stets die kirchlichen Feste. Denn die Mission wurde in

Gibeon erst 1896 wieder eingerichtet.[123]

Durch sein Wirken hatte sich Bezirksamtmann v. Burgsdorff schließlich

den Kapitän Witbooi vollständig in die Hand gearbeitet und damit auch

unter den übrigen Eingeborenen des Namalandes eine maßgebende Stellung

gewonnen.

Aber nicht etwa lediglich mittels wohlwollenden Entgegenkommens hatte

er sich diese Stellung erworben. Er konnte vielmehr auch scharf

auftreten und dem alten Witbooi, wenn dieser einmal gleichfalls Neigung

zu einer leichtsinnigen Hottentottenwirtschaft zeigte, recht bittere

Wahrheiten sagen, die dieser stets geduldig hinnahm. Desgleichen hatte

Bezirksamtmann v. Burgsdorff häufig einen schweren Stand gegen den

einflußreichen Unterkapitän Samuel Isaak wegen dessen Neigung zum

Alkohol.

In der Tat, man steht vor einem Rätsel, wollte man glauben, der alte

Witbooi habe die Ermordung dieses seines langjährigen Freundes selbst

befohlen. Ich vermag mich der Ansicht nicht zu entschlagen, daß die Tat

schließlich doch gegen seinen Willen lediglich durch die Kriegspartei

unter seinen Leuten geschehen ist, die aus naheliegenden Gründen eine

Aussprache zwischen den beiden Männern hat verhindern wollen.

Im übrigen ist auch der Bezirksamtmann v. Burgsdorff dem Vorwurf

zu großer Nachsicht gegen die Eingeborenen nicht entgangen. Diesen

Kritikern möchte ich zurufen: »Macht es erst einmal nach, mit 12 bis 15

deutschen Polizeisoldaten -- so gering war schließlich die Polizeimacht

im Bezirk Gibeon -- zwei Hottentottenstämme[124] mit zusammen 1200 bis

1400 waffenfähigen Männern nicht nur in Ordnung zu halten, sondern sie

sich auch vollständig in die Hand zu arbeiten, und dann will ich Euch

gern das Recht zur Kritik geben.«

Zehn Jahre lang hat Herr v. Burgsdorff das anscheinend Unmögliche

fertig gebracht, und daß zu dem von ihm geschaffenen Frieden auch

Vertrauen bestanden hat, möge die Tatsache beweisen, daß in keinem

Bezirk die Einwanderung weißer Farmer stärker gewesen ist wie in

dem seinigen. Auch sein schärfster Kritiker wird Herrn v. Burgsdorff

zugeben müssen, daß dessen Streben, mit den ihm zur Verfügung stehenden

Machtmitteln auszukommen, eine undankbarere und schwierigere Aufgabe

gewesen ist, als ein fortgesetztes Petitionieren um Verstärkung.

Aber nicht nur Frieden hat Herr v. Burgsdorff in seinem Bezirk

aufrechterhalten, er hat auch den letzteren zu hoher wirtschaftlicher

Blüte gebracht.

Den weiteren Verlauf des Witbooiaufstandes zu schildern, fällt nicht in

den Rahmen meiner Aufgabe, da das Kommando Ende 1904 an den Obersten

Deimling überging. Bei den bestehenden Machtverhältnissen -- Anfang

Oktober nur eine Ersatzkompagnie, das übrige mußte erst aus dem

Hererogebiete herangezogen werden -- hatte es sich zunächst nur um

Deckung des Bastardlandes gehandelt. Dies geschah durch Besetzung der

wichtigsten Eingangstore in das letztere, und zwar von Nomtsas, Kub

und Hoachanas. Glücklicherweise beschränkte sich auch der Gegner auf

einzelne Vorstöße, die durchweg abgewiesen wurden.

Leider aber hatte Nomtsas, der Wohnsitz des Farmers Hermann,[125]

nicht früh genug erreicht werden können, um jenen erfahrenen sowie

dem Schutzgebiete wertvollen Mann noch zu retten. Er war einer von

denjenigen ermordeten Weißen, die gerade ein solches Schicksal um

die Eingeborenen am wenigsten verdient hatten, da er ein stets

wohlwollender und gerechter Dienstherr gewesen war. Und doch war seine

Ermordung durch seine eigenen Leute erfolgt, die zudem zum größten Teil

gar nicht dem Witbooistamm angehört hatten.

Ich habe oben von einem zum Kapitän Witbooi gesandten Spion unter der

Firma eines Boten gesprochen; dieser gab nach seiner Rückkehr folgendes

zu Protokoll:

»Als ich nach Narris, unweit Rietmond, kam, legten sich mir sechs

Witboois schußfertig vor. Als ich ihnen zurief, ich sei ein Bote,

antworteten sie, die Zeit für Boten sei nicht mehr da, jetzt würde

alles erschossen. Die Leute rieten mir dann, nicht durch die Werfte,

sondern direkt nach Rietmond zum Kapitän zu gehen. Unterwegs traf

ich einen Feldkornett, der mir einen berittenen Mann mitgab, mit der

Weisung, mich zum Kapitän zu bringen.

»Kapitän Witbooi wohnt, wie bisher, in seinem Hause in Rietmond.

Bei dem Hause standen zahlreiche Bewaffnete. Dem Kapitän gab ich

sofort meinen Brief, er las ihn und fragte mich dann, ob mich der

Gouverneur persönlich geschickt hätte. Nachdem ich dies bejaht hatte,

erklärte der Kapitän, er werde mit mir nicht weiter verhandeln,

sondern nur eine Antwort schreiben. An mich persönlich fügte er doch

noch die Frage hinzu: »Weshalb bringst Du mir noch einen Brief von

meinem Feinde?« dann fügte er ferner hinzu: ‚Das Schicksal meiner

bei den Deutschen gefangenen Leute ist mir ganz gleichgültig, ich

habe von Gott eine andere Arbeit empfangen‛. Hierauf wies er mir ein

Unterkommen an und sprach dann die drei Tage, die ich noch da war,

weiter nichts mehr mit mir.

»Dann fragte ich auch Samuel Isaak um die Gründe des Aufstandes.

Dieser erwiderte, es sei alles von oben gekommen, d. h. von Gott. Die

Haupttriebfeder hierzu ist ein Kaffer aus der Kapkolonie, der sich

für einen Propheten ausgibt. Dieser befindet sich in Rietmond und

sagte mir bei einer Unterredung, er würde 50 Witboois salben und dann

mit diesen alle Deutschen aus dem Lande jagen.

»Anscheinend glaubt der Kapitän an eine solche Verheißung, denn

es ist bei den Witboois nicht das Geringste zur Befestigung ihrer

Stellung geschehen. Auch werden keine Sicherheitstruppen ausgestellt,

dagegen viel Patrouillen gesendet.

»Bezüglich der Verhältnisse bei den übrigen Hottentottenstämmen habe

ich folgendes erfahren: Die Leute von Gochas sind aufständisch,

befinden sich aber noch in ihrem Lande und scheinen auch nicht

die Absicht zu haben, sich mit den Witboois zu vereinigen. Die

Kapitäne von Bersaba und Bethanien haben sagen lassen, daß sie

nicht mitmachten. Der Kapitän der Feldschuhträger habe Anschluß an

die Gochaser gesucht, sei aber unfreundlich empfangen worden. Die

Witboois scheinen sämtlich an die Worte des Propheten zu glauben. Sie

glauben, die Macht zu haben, die Deutschen aus dem Lande zu jagen.

Dies wollen sie jedoch anscheinend nicht durch Angriff mit ganzer

Macht erreichen, sondern durch das Abschießen einzelner Patrouillen.

Während meiner Anwesenheit ist Samuel Isaak mit einigen Leuten nach

Bersaba geritten, um den dortigen Kapitän, wenn es sein muß, mit

Gewalt zum Anschluß an den Aufstand zu bewegen. Von den Angehörigen

der bei den Deutschen[126] befindlichen Witbooileute habe ich nur

die Frau des Unterkapitäns Samuel Pitter gesprochen. Diese verfluchte

den Kapitän, weil er ihren Mann, der treu gedient, in eine so üble

Lage gebracht hätte.

»Bezüglich des Hererokrieges habe ich den Witboois erzählt, daß die

Hereros zum Lande hinausgejagt seien, und daß unsere Bastardsoldaten

bereits nach der Heimat entlassen seien und viel Beutevieh

mitgebracht hätten. Die Witboois wollen dies entweder nicht glauben,

oder sie bleiben dabei, daß sie jetzt eine höhere Aufgabe hätten.

Letztere Meinung läßt auch die Masse sich über das Schicksal ihrer

gefangenen Landsleute hinwegsetzen.

»Ich war während meines Aufenthaltes in Rietmond bewacht und habe

daher selbst nicht viel sehen können. Anscheinend sitzt die Masse der

Witboois bei Mariental. Letztere sind zahlreich, meist junge Leute,

und gut mit Waffen und Munition versehen. Über ihre Pläne habe ich

nichts in Erfahrung bringen können. Sie scheinen im Vertrauen auf die

Hilfe von oben auf ihren derzeitigen Plätzen einen Angriff abwarten

zu wollen. Da sie sicher an Sieg glauben, so denken sie anscheinend

nicht weiter hinaus.

»Der sogenannte Prophet ist ein Betschuane aus der Kapkolonie, weiter

weiß ich nichts über ihn. Derselbe hat auch im Bastardlande aufreizen

wollen, der Kapitän ließ ihn jedoch wegjagen.

»Der Kapitän Witbooi hat mir persönlich einen Brief an den Herrn

Gouverneur mitgegeben. Beim Durchpassieren durch Kub auf dem Rückwege

hat mir Hauptmann v. Krüger den Brief abgenommen, um ihn schneller

zu befördern. Er ist jedoch bis jetzt noch nicht eingetroffen. Der

Kapitän sagte mir noch beim Abschied, wenn er es mit dem Gouverneur

allein zu tun hätte, so wäre es nicht so weit gekommen, weiter wolle

er mir nichts sagen, da es jetzt mit der Freundschaft zwischen dem

Gouverneur und ihm doch vorbei sei.«

Aus diesem Protokoll geht hervor, daß bei dem ohnehin zur Mystik

neigenden Kapitän auch religiöse Beweggründe ihre Rolle mitgespielt

haben. Das Weitere habe ich im Kapitel ~IX~ unter dem Abschnitt

»Kapitän Witbooi« geschildert. Dort ist darauf hingewiesen, daß die

äthiopische Kirche, die zur Zeit auch den Engländern in Südafrika

viel Sorge bereitet, auf ihre Fahne die Devise geschrieben hat: »Auch

in religiöser Beziehung Freiheit der Schwarzen von den Weißen.« Was

aber hauptsächlich aus der Aussage des Spions hervorgeht, das war der

Aufschluß über die Stellungen und die Absichten des Gegners, eine

Kenntnis, die mittels Patrouillen zu erwerben voraussichtlich manches

Opfer gekostet haben würde.[127] Diesen Aufschluß habe ich dann dem

Obersten Deimling übergeben können.

Es erübrigt nunmehr die Darstellung des Hererofeldzuges, soweit dieser

noch unter mein Kommando fiel. Ihres Umfanges wegen erscheint es

zweckmäßig, ihr ein besonderes Kapitel zu widmen.

[Illustration]

[Illustration:

Zu Kapitel ~XIII~: _Leutwein_, Elf Jahre Gouverneur von

Deutsch-Südwestafrika.

Der Hereroaufstand 1904.

Gygas.

Franke.

Westabteilung.

Ostabteilung.

Hauptabteilung.

deutsche Truppen.

Hereros.

Verlag der Königlichen Hofbuchhandlung von E. S. Mittler & Sohn,

Berlin ~SW.~

]

[Illustration]

Kapitel ~XIII.~

Der Hereroaufstand 1904.[128]

Allgemeines.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 36 / 50 段