Unzufriedenheit unter den Eingeborenen verschwinden zu lassen und doch
dem weißen Element wachsenden Einfluß zu verschaffen. Ich brauchte
sicher nicht, wie es geschehen ist, zu dem Mittel zu greifen, in der
Not den Eingeborenen Versprechungen und selbst Belohnungen zuzusichern,
wenn sie ihre Schuldigkeit tun und der Regierung ergeben bleiben
wollen; im Notfall muß dies gefordert werden, und dies kann gefordert
werden, wenn sie in friedlichen Zeiten richtig behandelt werden.«
Militärisch bot der nunmehr beginnende Feldzug nicht viel. In seinem
Anfang ward er beeinflußt durch die Trockenheit in dem ohnehin
regenarmen Bondelzwartslande, an seinem Ende dagegen durch den
ausgebrochenen Hereroaufstand. Infolgedessen wickelte er sich mehr
auf diplomatischem als auf militärischem Wege ab. Was die Trockenheit
anlangt, so erhebt sich die Regenhöhe in dem Bezirke Keetmanshoop
selten über 100 ~mm~, gegen etwa 300 ~mm~ in Windhuk. In diesem
schon so trockenen Bezirk ist das Bondelzwartsgebiet noch dazu das
allertrockenste. Deshalb hatte bereits in Friedenszeiten die Ernährung
der geringen Besatzung des Distrikts Schwierigkeiten verursacht.
Weniger die Waffentüchtigkeit der Bewohner war daher zu überwinden
als der Charakter des Landes. Zunächst war eine Entfaltung größerer
Truppenmengen bis zum Einsetzen der nächsten Regenzeit überhaupt so
gut wie ausgeschlossen. Glücklicherweise trat letztere bereits Ende
Dezember und ziemlich ausgiebig ein.
Zu der auf der Trockenheit des Landes beruhenden Schwierigkeit trat
dann noch sein Gebirgscharakter. Aus einer sonst weiten Ebene erheben
sich unvermittelt in schroffster und steilster Höhe im Norden die
Kharrasberge, im Süden die Orangeflußberge. Es sind dies dieselben
Berge, in denen uns seinerzeit Morenga, Morris sowie zum Teil auch
Cornelius die Spitze geboten haben und noch bieten. Mühsam sind die
Kharrasberge genommen (Oberst Deimling), aber seitens der Eingeborenen
zeitweise wieder besetzt worden.
[Illustration: $Kaiserhoch beim Ausmarsch der 1. Feldkompagnie zum
Feldzug gegen die Bondelzwarts.$ (31. Oktober 1903.)]
Das oben erwähnte Gefecht in Warmbad, mit dem der Aufstand begann,
hatte am 25. Oktober 1903 stattgefunden. Nach demselben zog sich die
daran beteiligte Distriktsmannschaft wieder in die Station zurück
und richtete sich hier zur Verteidigung ein. Auch die deutschen
Ansiedler Warmbads eilten dorthin, so daß die Besatzung nunmehr aus
11 Mann bestand, über die ein ehemaliger Leutnant v. dem Bussche[116]
das Kommando übernahm. Die nächstverfügbare größere Abteilung der
Schutztruppe war die 3. Feldkompagnie in Keetmanshoop unter Hauptmann
v. Koppy. Dieser setzte seine Kompagnie nebst einem Geschütz sofort in
Marsch, eilte aber für seine Person mit 15 Reitern voraus und erreichte
nach einem kühnen Marsche durch die kleinen Kharrasberge am 1. November
Warmbad, wo er die Station noch unversehrt antraf. Die belagernden
Hottentotten verließen nunmehr den Platz. Die Feindseligkeiten waren
bisher auf leichtere Plänkeleien beschränkt geblieben, da auch hier die
Eingeborenen einen Angriff auf Mauern nicht gewagt hatten. Andernfalls
würde ihnen eine Menge Proviant und Munition in die Hände gefallen
sein. Die Hottentotten faßten sogar in ihrer leichtlebigen Art den
Krieg derart harmlos auf, daß sie verschiedene Frachtfahrer, die ohne
Kenntnis von dem Geschehenen durch Warmbad durchkamen, unbehelligt
passieren ließen, darunter auch die Postkarre. Bald erschien der Rest
der 3. Feldkompagnie in Warmbad sowie 80 Witboois unter Führung des
Oberleutnants Graf v. Kageneck und des Unterkapitäns Samuel Isaak.
Mit dieser Truppenmacht (3. Feldkompagnie, ein Geschütz, 80 Witboois,
zusammen etwa 170 Köpfe) rückte Hauptmann v. Koppy gegen die bei
Sandfontein südlich Warmbad stehende Hauptmacht des Gegners vor und
brachte ihr am 21. November ohne eigene Verluste eine Niederlage
bei. Nur sechs Witboois waren die Pferde unter dem Leibe erschossen
worden, außerdem dasjenige des Oberleutnants Graf v. Kageneck.
Hierauf flüchteten die Aufständischen in die Orangeberge, wo sie
ziemlich sicher saßen. Während jetzt auf dem Kriegsschauplatze eine
Ruhepause eintrat, sammelten sich allmählich in Keetmanshoop unter
dem stellvertretenden Truppenkommandeur Hauptmann v. Fiedler die aus
Windhuk heranmarschierende Feldtruppe (1. Kompagnie, Gebirgs-Batterie)
sowie Bundesgenossen aus allen Hottentottenstämmen, an der Spitze
Bezirksamtmann v. Burgsdorff mit weiteren 40 Witboois, diese unter
dem Kapitän Witbooi selbst. Die Zahl der eingeborenen Bundesgenossen
wurde schließlich so groß, daß ich der Verpflegungsschwierigkeiten
wegen heliographisch Einschränkung und Entlassung der Überschießenden
anordnen mußte. Das Verhalten dieser in Keetmanshoop versammelten
Truppenmacht mußte sich nach demjenigen des in den Kharrasbergen
sitzenden Teiles des Bondelzwartsstammes richten, der sich dem
Aufstande bis jetzt noch nicht angeschlossen hatte. Die Sachlage dort
zu erkunden, begab sich Bezirksamtmann v. Burgsdorff mit den Witboois,
Bersaba-Hottentotten und Feldschuhträgern in die Kharrasberge.
Hauptsächlich unter dem Einfluß der Autorität Witboois erklärten die
dortigen Bondelzwartsgroßleute, sich dem Aufstande nicht anschließen
zu wollen, worauf v. Burgsdorff die Kharrasberge in südöstlicher
Richtung wieder verließ. Inzwischen aber hatte der neue Kapitän der
Bondelzwarts, Johannes Christian, jüngerer Bruder des Gefallenen, die
ihm notgedrungen gewährte Ruhepause benutzt, um behufs Insurgierung der
Kharrasberge eine stärkere Abteilung dorthin zu entsenden. Mit dieser
stieß am 10. Dezember die Abteilung v. Burgsdorff am Südostrande der
Berge zusammen. Nach einem zweitägigen Gefecht, in dem, wohl einzig
in unserer Kolonialgeschichte, auf _beiden_ Seiten nur eingeborene
Irreguläre gefochten hatten -- die Abteilung v. Burgsdorff etwa 60
Gewehre, die gegnerische etwa 40 bis 50 Gewehre stark -- floh die
letztere unter Hinterlassung einiger Gewehre und zahlreichen Viehs
in die Kharrasberge. Der diesseitige Verlust betrug 1 Witbooi (Neffe
des Kapitäns) und 2 Feldschuhträger tot, 2 Eingeborene verwundet. Die
Führer der Aufständischen waren der bekannte Morenga und die Gebrüder
Morris gewesen.
[Illustration: Lagerszene.]
War somit auch der taktische Erfolg dem Feinde versagt geblieben,
so war es ihm doch gelungen, in die Kharrasberge einzudringen und
damit seinen Zweck zu erreichen, denn die Kharrasbergbewohner wagten
nun nicht mehr, sich vom Aufstande fernzuhalten. Jetzt hatten wir
zwei Kriegsschauplätze, den einen in den Orange-, den anderen in den
Kharrasbergen. Inzwischen war auch im engeren Bondelzwartsgebiete die
Station Uhabis, westlich Warmbad, von Hottentotten überfallen und
die aus zwei Reitern bestehende Besatzung niedergemacht sowie ein
kapländischer Farmer aus seiner im Distrikt Warmbad gelegenen Farm
ermordet worden. Wie sehr man in den Kolonien darauf gefaßt sein muß,
daß in kriegerischen Zeiten unsaubere Elemente im Trüben zu fischen
versuchen, beweist ferner der Umstand, daß auch im Gebiete der auf
unserer Seite fechtenden Witboois ein weißer Farmer nebst Frau (Jäger)
durch Buschmänner ermordet und beraubt worden ist. Eine Patrouille
Witboois unter dem Leutnant Müller v. Berneck ging gegen die Mörder
vor und erschoß sechs von ihnen. Wie im Schutzgebiet üblich, entstand
in der Folge aus diesem Vorfall das Gerücht, auch die Witboois seien
aufgestanden und in der Stärke von 80 Köpfen im Anmarsch auf Windhuk
begriffen.
So fand ich die Lage, als ich Ende Dezember mich selbst auf den
Kriegsschauplatz begeben hatte und in Keetmanshoop eingetroffen war.
Die etwa 500 Köpfe starke Truppe (200 Weiße und 300 Eingeborene) war
folgendermaßen disloziert:
1. in Groendorn 1. Feldkompagnie, 2 Gebirgsgeschütze;
2. in Kalkfontein 2 Gebirgsgeschütze und etwa 20 bis 30
Distriktsmannschaften sowie sämtliche eingeborenen Hilfsvölker mit
Ausnahme der unter 3 genannten.
3. am Orangefluß, wo sich auch der Führer Hauptmann v. Fiedler befand,
die 3. Feldkompagnie, ein Feldgeschütz, die Bastardabteilung, der
größte Teil der Bethanier-Hottentotten.
Unmittelbar nach meinem Eintreffen begannen die
Kharrasberg-Hottentotten sich aktiv am Aufstande zu beteiligen, und
zwar nach Hottentottenart mittels Ausplünderns der Farmer der Umgebung,
wogegen sie keinen am Leben schädigten. Schon damals zeigte sich, daß
ihr Hauptführer Morenga den Krieg in den Grenzen der Menschlichkeit zu
halten bemüht war. Bald empfing ich eine weitere ungünstige Nachricht,
dahin lautend, daß auf dem Orangekriegsschauplatz der Oberleutnant
Böttlin am 12. Dezember mit einer Patrouille von 23 Mann, meist
Bastards, gegen die Stellung der Bondelzwarts bei Hartebeestmund[117]
vorgegangen und nach anfänglichem Erfolge mit seiner ganzen Abteilung
über die englische Grenze gedrängt, er selbst aber durch fünf
Schüsse schwer verwundet sei. Wenn somit die Lage militärisch nicht
besonders günstig zu nennen war, so hatte sie sich politisch doch
insofern gebessert, als die Aufständischen bereits Kriegsmüdigkeit
zeigten und sich einer durch Hauptmann v. Fiedler unter Vermittlung
des Bezirksamtmanns v. Burgsdorff und des Kapitäns Witbooi an sie
gerichteten Aufforderung zur Ergebung gegenüber nicht abgeneigt
erwiesen hatten. Es sollte nur noch meine Ankunft abgewartet werden.
Indessen hielt ich nach meinem Eintreffen die Aufständischen für
noch nicht genügend geschlagen, um jetzt schon, ohne spätere
politische Schwierigkeiten heraufzubeschwören, an deren Begnadigung
denken zu können, mindestens erschien es mir im Interesse unseres
Ansehens erforderlich, dies an der Spitze einer stärkeren Macht von
weißen Truppen zu tun. Aus diesem Grunde befahl ich heliographisch
das Heranziehen der in Omaruru zum Ausmarsch bereitstehenden 2.
Feldkompagnie. Die aus den Kharrasbergen ausgebrochenen Bondelzwarts
wurden durch die Heranbeorderung der 1. Feldkompagnie von Groendorn auf
Wasserfall, den hauptsächlichsten Westausgang des Gebirges, zum Rückzug
in dieses genötigt. Ferner wurde, der neuen Kriegslage entsprechend,
die ganze Feldtruppe jetzt in zwei Gruppen eingeteilt, die nördliche
unter dem Hauptmann v. Heydebreck, die südliche unter dem Hauptmann
v. Fiedler, das Ganze unter meinem Kommando. Zur nördlichen traten
die in Groendorn -- jetzt Wasserfall -- und Kalkfontein stehenden
Truppenabteilungen, zur südlichen die am Orangefluß befindlichen.
Für die erstere war auch die 2. Feldkompagnie bestimmt, nach deren
Eintreffen der Angriff auf die Kharrasberge beginnen sollte. Auch
Hauptmann v. Fiedler wurde angewiesen, die Entscheidung am Orangefluß
nur noch im Gefecht zu suchen.
[Illustration: Oberleutnant Böttlin,
Führer der Bastards während des Bondelzwarts- und während des
Herero-Aufstandes. Schwer verwundet am 12. Dezember 1903 bei
Hartebeestmund.]
Zur Durchführung dieses Planes ist es jedoch nicht mehr gekommen.
Der am 12. Januar 1904 ausgebrochene Hereroaufstand rief die auf dem
Vormarsche nach dem Süden bereits in Gibeon angelangte 2. Feldkompagnie
wieder zurück. Wir selbst aber standen jetzt einer ganz anderen Lage
gegenüber. Es mußte mit den Bondelzwarts unter allen Umständen
ein baldiges Abkommen getroffen werden, denn ein Krieg nach zwei
Fronten hätte damals zu einer Katastrophe führen können. Die bereits
eingeleiteten Verhandlungen wurden daher wieder aufgenommen und führten
in der Folge am 27. Januar zu dem Frieden von Kalkfontein unter
Bedingungen, wie wir sie angesichts unserer Lage kaum hätten erhoffen
dürfen. Diese Bedingungen waren im wesentlichen:
1. Abgabe von Waffen und Munition sowie der während der Unruhen
geraubten Güter;
2. Beschränkung des Stammes auf ein Reservat, das aus dem engeren
Gebiet von Warmbad bestehen sollte. Die Kharrasberge und das Gebiet von
Keetmanshoop sollten dagegen Kronland werden.[118]
3. Auslieferung aller Personen, die unter dem Verdacht des Mordes oder
der Plünderung standen. Falls sie flüchtig werden sollten, war auf ihre
Einlieferung eine Prämie von 500 Mark gesetzt. Sie sollten sich nach
erfolgter Festnahme vor einem Gericht verantworten, zusammengesetzt aus
den treugebliebenen Kapitänen des Namalandes, das unter Vorsitz des
Bezirksamtmanns v. Burgsdorff im Mai 1904 in Warmbad zusammentreten
sollte. Gleichzeitig sollte dort auch die genaue Abgrenzung des
künftigen Stammesreservats erfolgen.
Mit Durchführung dieser Friedensbedingungen war der Hauptmann v.
Fiedler betraut worden, während ich mich selbst durch die Kapkolonie
über Steinkopf-Port Nolloth und von da zu Schiff nach Swakopmund
begab, wo ich am 11. Februar eintraf und das Kommando auf dem
Hererokriegsschauplatze übernahm.
Wirklich vollzogen wurde in der Folge von den bei Kalkfontein
vereinbarten Friedensbedingungen nur die Abgabe von Gewehren und
Munition, allerdings gerade die wichtigste. Die Ende Januar in das
Lager von Kalkfontein gekommenen Großleute der Aufständischen sowohl
aus den Orangebergen wie aus den Kharrasbergen lieferten dort ihre
Gewehre an mich selbst aus. Es waren etwa 60 Stück. Die übrigen nahm
in Warmbad Hauptmann v. Fiedler, in den Kharrasbergen Hauptmann v.
Heydebreck ab. Die sämtlichen abgegebenen Gewehre erreichten nach
amtlicher Meldung schließlich die Zahl von 289 Stück. Von Durchführung
der zweiten Bedingung, Beschränkung des Stammes auf ein Reservat, mußte
zunächst abgesehen werden, da es bei der zur Zeit des vereinbarten
Termins (Mai 1904) im Namalande herrschenden Gärung zu gefährlich
erschien, die Kapitäne des Landes von ihren Stammessitzen zu entfernen.
Damit fiel auch die Verwirklichung der dritten Bedingung, Stellung
der Schuldigen vor Gericht, ganz abgesehen davon, daß dies auch
insofern nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre, als sämtliche zehn im
Friedensvertrag mit Namen genannten Geächteten sich in die Kapkolonie
geflüchtet hatten, unter ihnen Morenga und die beiden Gebrüder Morris.
Die Gründe, die zur Ächtung dieser drei geführt haben, sind im Kapitel
~IX~, Seite 320 dargelegt.
[Illustration: Zum Bondelzwartsaufstand 1903.
Stellung der deutschen Truppen beim Abschluß des Friedens.]
Nach erfolgter Entwaffnung der Aufständischen war die Aufgabe der
Truppe beendigt; die Feldtruppe aus Windhuk (1. Kompagnie und
Gebirgs-Batterie) wurde daher nach dem Hererokriegsschauplatz in
Marsch gesetzt mit dem Befehl, diesen Marsch langsam zu vollziehen
und sich längere Zeit in Gochas, Gibeon und Hoachanas zu zeigen. Die
Hoachanaser Hottentotten, die nicht übel Lust gezeigt hatten, sich dem
Hereroaufstande anzuschließen, sollten außerdem entwaffnet werden,
was durch den Führer Hauptmann v. Heydebreck in sachgemäßer Weise
ausgeführt worden ist. Im Süden blieben unter Hauptmann v. Fiedler
vorläufig nur die um ein Gebirgsgeschütz verstärkte 3. Feldkompagnie
und eine Abteilung Polizeimannschaften nebst den Hilfsvölkern von
Bethanien unter Leutnant Baron v. Stempel[119] zurück, letztere
an der Ramansdrift zur Empfangnahme der etwa aus der Kapkolonie
zurückkehrenden flüchtigen Aufständischen.
Der Friede von Kalkfontein ist in der Folge zum Gegenstand vieler
Angriffe geworden. Man hätte mehr erreichen müssen, wurde namentlich
von Ansiedlern des Südens, die sich durch den Hereroaufstand nicht
direkt betroffen fühlten, ausgesprochen wie auch gedruckt. Nicht einmal
alle und nur die schlechtesten Gewehre seien von den Aufständischen
abgegeben worden. Ebenso wurden entsprechende aufreizende Äußerungen
Eingeborener kolportiert sowie an das Gouvernement gemeldet. Sogar
die Betätigung der treu gebliebenen Eingeborenen auf unserer Seite
gegen ihre eigenen Landsleute wurde bemängelt. »Was nützen uns 200
Mann Bundesgenossen, wenn wir 200 Mann Weiße brauchen, um sie zu
überwachen!«, so hieß es u. a. Im Norden dagegen widerhallte es von
Vorwürfen wegen Wegziehens der 2. Feldkompagnie aus dem Hererolande,
da dies der äußere Grund zum Hereroaufstande gewesen sei, was nach
den Kenntnissen, die uns _jetzt_ zur Seite stehen, allerdings nicht
unrichtig ist. Nachdem ich indessen in vorstehendem die Zwangslage
dargelegt habe, unter der damals gehandelt wurde, darf ich wohl dem
aufmerksamen Leser selbst das Urteil überlassen. Nur bezüglich der
Entwaffnung sei mir eine Bemerkung gestattet. Ein Eingeborenenstamm
von 300 bis 400 waffenfähigen Männern, der 289 Gewehre abgibt, muß
als entwaffnet gelten. Hatten doch die amtlichen Listen anläßlich
der Gewehrstempelung bei den Bondelzwarts seinerzeit nur etwa 200
Gewehre als vorhanden festgestellt. Was die Qualität der abgegebenen
Gewehre anbelangt, so waren die, welche ich selbst gesehen habe, mit
nicht nennenswerten Ausnahmen gute Hinterlader, und zwar Snider,
Henry-Martini sowie einige Modell 71. Über diejenigen, die ich
nicht gesehen habe, kann ich nicht urteilen. Es sollen gleichfalls
überwiegend Hinterlader gewesen sein. Schließlich möchte ich mir
nicht versagen, auf den Wortlaut eines jüngst eingegangenen amtlichen
Telegramms aus Windhuk vom 20. Februar 1906 hinzuweisen: »In Bersaba
stellten sich 300 Hottentotten von Cornelius' Anhang, darunter 160
_Männer, und gaben 25 Gewehre ab_.«
Daß sich unterwerfende Eingeborene ihre Gewehre zum Teil vorher
verstecken, kann eben niemand hindern. Es würde aber nach dem
Sprüchwort vom »Sperling in der Hand« politisch unklug sein, sie
wegen des begründeten Verdachts, dies getan zu haben, etwa von der
zugesicherten Begnadigung auszuschließen. Diese Erscheinung möge im
übrigen auch dartun, welche Aussichten eine im Frieden vorgenommene
allgemeine gewaltsame Entwaffnung unserer sämtlichen Eingeborenen
gehabt haben würde, auch wenn es uns gelungen wäre, diese Absicht bis
zur Ausführung mit dem tiefsten Geheimnis zu umgeben.
Das Namaland nach dem Bondelzwartsaufstande.
Trotz der aufgeregten Stimmung, die sich nach dem Friedensschluß
von Kalkfontein im Namalande geltend machte, ließen sich doch die
politischen Verhältnisse daselbst äußerlich zunächst günstig an.
Die Rädelsführer der Bondelzwarts waren über die englische Grenze
verschwunden, während der Stamm selbst unter dem neuen Kapitän Johannes
Christian, einem ruhigen und zuverlässigen Charakter, soweit man das
von einem Hottentotten sagen kann, sich allmählich wieder in Warmbad
sammelte. Zum Distriktschef daselbst war der frühere Distriktschef
Leutnant Graf v. Kageneck ernannt worden, den sich schon im Lager von
Kalkfontein die Bondelzwarts selbst erbeten hatten. Die Hottentotten
in den Kharrasbergen dagegen, die später gleichfalls in die Gegend von
Warmbad ziehen sollten, verblieben gemäß dem Friedensvertrag bis auf
weiteres in den bisherigen Wohnsitzen. Was aber als das beste Zeichen
für die zur Zeit noch loyale Gesinnung der Hottentotten erschien, war
die Tatsache, daß sofort wieder Bundesgenossen aus allen Namastämmen
auf dem Hererokriegsschauplatze eintrafen, an der Spitze 80 Witboois,
die der Kapitän später auf über 100 verstärkte. Dagegen waren er
selbst sowie sein hervorragendster Unterkapitän Samuel Isaak nicht
mit ausgerückt, beide von dem dreimonatlichen Bondelzwartsfeldzuge
noch kriegsmüde; zudem hatte der Kapitän während des letzteren einen
schweren Dysenterieanfall gehabt, von dem er sich nur langsam hatte
erholen können. Deshalb blieb auch Bezirksamtmann v. Burgsdorff in
Gibeon. Mit ihm habe ich dann bis zum Ausbruch des Witbooiaufstandes
fortgesetzt korrespondiert, aber bis zuletzt weder amtlich noch
privatim eine Mitteilung erhalten, die auf Unruhe auch unter den
Witboois schließen ließ. Die Erregung schien sich vielmehr auf den
Bezirk Keetmanshoop zu beschränken, der allerdings schließlich geradezu
nervös geworden war.
Nach unserer Gepflogenheit, möglichst alles in breitester
Öffentlichkeit zu verhandeln, wurde, als kaum der Hereroaufstand
ausgebrochen war, auch die Frage öffentlich angeschnitten, was nach
Niederwerfung der Hereros mit den Hottentottenstämmen begonnen werden
sollte. Es wurde von einer erforderlich werdenden Auflösung der
Stammesverbände, Beseitigung der Kapitäne und allgemeiner Entwaffnung
gesprochen, geschrieben und gedruckt. Dies konnte den Eingeborenen
nicht verborgen bleiben und beunruhigte sie im höchsten Maße. (Siehe
Kapitel ~IX~, Christian Goliath.) Infolgedessen richtete ich unter
dem 19. April 1904 an den Redakteur der »Deutsch-Südwestafrikanischen
Zeitung« die Bitte, wenigstens in seinem Blatte derartige Fragen mit
Vorsicht zu behandeln, andernfalls würden schließlich im Namalande
die Gewehre von selbst losgehen. Als dann im April 1904 nach dem
Ausfall der von Typhus durchseuchten Kolonne Glasenapp eine namhafte
Verstärkung der Schutztruppe auf dem Hererokriegsschauplatze
beschlossen worden war (Kap. ~XIII~, S. 507), wurde damit auch die
Entsendung von zwei Kompagnien und einer Batterie in das Süd-Namaland
verbunden. Dabei verhehlte man sich aber durchaus nicht, daß
diese notwendige und gut gemeinte Maßnahme unter den obwaltenden
Umständen auch gerade das Gegenteil dessen erzielen konnte, was
sie beabsichtigte. Denn die Nervosität, die bisher vornehmlich nur
unter den Weißen herrschte, konnte sich nunmehr auch der ohnehin
mißtrauischen Eingeborenen bemächtigen. Der stellvertretende
Bezirksamtmann von Keetmanshoop, Zolldirektor Schmidt, tat zur
Beruhigung, was er nur konnte, doch mußte auch er noch unter dem 3.
Juli 1904 dem Gouvernement melden: »Auch hat bei ihnen -- nämlich den
Eingeborenen -- die Erörterung von Fragen, was nach Ansicht der Weißen
in Zukunft mit den Eingeborenen geschehen müsse (Abnahme der Gewehre
und ihres gesamten Landes), eine begreifliche Unruhe hervorgerufen.
So saßen auf der einen Seite die Weißen an größeren Plätzen, wie
Keetmanshoop, Bethanien, Bersaba, oder dicht an der englischen Grenze,
um sofort übertreten zu können, und sprachen vom Aufstand und dessen
Folgen, und auf der anderen Seite die Eingeborenen und berieten über
den Krieg. Bei beiden herrschte Furcht, meines Erachtens nicht am
wenigsten bei den Hottentotten.«