Gange, als sie durch Ausbruch des Hereroaufstandes jäh unterbrochen
wurden. Darum darf und wird aber die Sache doch nicht aufgegeben
werden. Unsere bisherigen Erfahrungen lehren eindringlich, daß ohne
eine tatkräftige Unterstützung aus Staatsmitteln auf eine Besiedlung
des Schutzgebietes im großen Stile nicht zu rechnen ist; ohne sie wird
Südwestafrika auch ferner gleichsam nur »von der Hand in den Mund
leben« und aus diesem Stadium der Entwicklung nicht herauskommen.
Weiter wissen wir jetzt, daß zwar der südwestafrikanische Boden manche
Werte birgt, daß diese aber erst durch hineingestecktes Kapital zur
Auferstehung gebracht werden können, und zwar mit je mehr Kapital, um
so rascher. Wenn wir es gewagt haben, landeskundige Angehörige der
Schutztruppe mit nur 6000 bis 7000 Mark Betriebskapital anzusiedeln,
so liegt hier eine Ausnahme vor, die ich oben begründet habe, aber
nicht zur Regel lassen werden möchte. Ansiedler dieser Art vermögen
wohl ihr eigenes Dasein zu sichern, niemals aber die Kolonie zu einem
auf dem Weltmarkt konkurrierenden Viehzuchtland zu erheben. Letzteres
ist aber unser Ziel, und dieses vermögen wir nur mittels Großbetrieb
auf zahlreichen, Reihe an Reihe gelegenen Farmen zu erreichen. Aber
auch die Großfarmer müssen, ehe sie an Ausfuhr denken können, selbst
ausreichend mit Muttervieh versehen sein. Ansiedlungskommissar ~Dr.~
Rohrbach hält für die Möglichkeit einer nennenswerten Ausfuhr etwa 1000
Farmbetriebe mit je 200 bis 300 Stück Muttergroßvieh für erforderlich.
Bei einem solchen Bestande rechnet er auf einen jährlichen Nachwuchs
von 150000 Köpfen und infolgedessen mit einer Ausfuhrmöglichkeit
von jährlich etwa 100000 Köpfen, einer Berechnung, der ich mich
vollständig anschließe. Zählen wir zu dieser Ausfuhrmöglichkeit noch
diejenige von Pferden, von Wolle, Mohair, Straußenfedern und sonstigen
Produkten der Tierzucht, so vermag sich auch ohne Bergbau, lediglich
gestützt auf die Ausnutzung des Bodens, Südwestafrika als lebensfähig
erweisen. Aber, es kann nicht genug wiederholt werden, der Boden muß
erst tüchtig befruchtet werden, soll er ertragsfähig werden, und zu
dieser Befruchtung muß der einzelne viel Arbeit und etwas Kapital, die
Allgemeinheit aber viel Kapital beitragen und sich dann ihren Anteil am
Gewinn aus der Arbeit des einzelnen sichern.
Der Ansiedlungsplan für die Zukunft.
Das Ziel jedes Einwanderers wird sein, in dem neuen Vaterlande
diejenige Selbständigkeit zu gewinnen, die ihm das alte Vaterland
versagt hat. In dem Erreichen dieses Zieles findet er den Ausgleich
für die Entsagungen und Entbehrungen, die seiner in der Unwirtlichkeit
des neuen Vaterlandes warten. Nach diesem Gesichtspunkt müssen sonach
die dem Einwanderer für den Landerwerb zu stellenden Bedingungen
zugeschnitten sein, wenn namentlich eine deutsche Einwanderung
ermutigt werden soll. Denn bei uns ist der bürgerliche Kleinbesitz
durchweg verbreiteter als in anderen Ländern, und daher auch dem
weniger bemittelten Landwirt schon in der Heimat die Möglichkeit zur
Erreichung eines eigenen Wirtschaftsbetriebes geboten. Um so kleiner
ist aber auch der Kreis, auf den wir bei einer künftigen deutschen
Einwanderung rechnen können, und um so verlockender müssen wir daher
wiederum die Ansiedlungsbedingungen gestalten. Auf der anderen Seite
aber müssen diese Bedingungen wieder derart begrenzt sein, daß sie
jedwede Spekulation mit dem unter so leichten Bedingungen erworbenen
Lande ausschließen. Dagegen wird das künftige Besiedlungswerk durch die
Tatsache erleichtert werden, daß jetzt die freien Eingeborenenstämme
mit ihren großen Landeigentumsrechten aus der Berechnung ausscheiden,
sowie ferner, wenn es gelingen sollte, auch den Landbesitz der
Gesellschaften unter für beide Teile befriedigenden Bedingungen der
staatlichen Besiedlung nutzbar zu machen, wie es den Anschein hat.
Zwar sind die bisherigen Ansiedlungsbedingungen für den Verkauf von
Regierungsfarmen, wie sie in Anlage 4 wiedergegeben sind, schon von
dem oben dargelegten Gesichtspunkte aus aufgestellt, indessen waren
wir auf diesem schwierigen Gebiete doch aus dem Versuchsstadium noch
nicht herausgekommen. Die genannten Bedingungen sind daher durchaus
nicht mustergültig, und waren auch bereits in der Umarbeitung
begriffen, als der Aufstand diese Absicht, wie so viele, durchkreuzt
hat. Im allgemeinen wird man immer das Richtige treffen, wenn der
Möglichkeit eines leichten und billigen Landerwerbs der Zwang zur
Leistung bestimmt abgegrenzter wirtschaftlicher Arbeiten auf dem
erworbenen Grund und Boden gegenübergestellt wird, so daß der Ankauf
einer Farm ausschließlich zum Zweck des Wiederverkaufs bei günstiger
Gelegenheit unterbunden ist. Die Kaufbedingungen müssen daher immer ein
Rückforderungsrecht seitens der Regierung enthalten.
Für praktisch halte ich den Vorschlag des Ansiedlungskommissars
~Dr.~ Rohrbach, behufs Durchführung des Besiedlungswerkes für jeden
Verwaltungsbezirk eine besondere Ansiedlungskommission einzusetzen.
Diese würde dann auch die Verkaufsbedingungen mit zu beraten haben.
Die in die Kommission zu berufenden nichtamtlichen Mitglieder dürfen
jedoch nur aus selbständigen Landwirten bestehen und keinem anderen
Berufe angehören. ~Dr.~ Rohrbach schlägt ferner vor, im Schutzgebiete
jährlich etwa 100 neue Farmwirtschaften mit etwa 50 Stück Muttervieh
beginnen zu lassen; dann würde am Ende des achten Wirtschaftsjahres
der Bestand an Muttervieh 250 Stück erreicht haben und somit für den
Farmer die Verkaufsmöglichkeit beginnen. Für den männlichen Nachwuchs
würde dagegen diese Möglichkeit schon früher eintreten. Um dieses Ziel
in absehbarer Zeit für das Schutzgebiet zu erreichen, wünscht ~Dr.~
Rohrbach einen jährlichen staatlichen Zuschuß zu Besiedlungszwecken von
1000000 Mark steigend bis 1500000 Mark und glaubt dann das ganze Werk
in zehn Jahren als beendigt ansehen zu dürfen. Über die Einzelheiten
dieses Planes kann man verschiedener Ansicht sein, aber seine
Grundsätze sind ohne Frage gesund, und geschehen muß in der Sache auf
alle Fälle etwas.
Auch wenn ~Dr.~ Rohrbach die Auswahl der künftigen Farmer möglichst auf
die _verheirateten_ heimischen Landwirte beschränkt wissen will, kann
ich mich dem nur anschließen. Der einsam auf seiner Farm wohnende weiße
Ansiedler verfällt zu leicht dem Konkubinat mit einer eingeborenen
Frau, die ihm gleich auch ihren ganzen Familienkreis mitbringt. Dann
ist es aus mit dem Weißen, er »verkaffert« vollständig, während seine
Bastardkinder weder für das alte Vaterland noch für die Zukunft der
Kolonie viel Wert besitzen. Nicht vernachlässigen dürfen wir aber auch
die weitere Ansiedlung alter Soldaten aus der Schutztruppe, auf deren
besondere Brauchbarkeit ich bereits im vorigen Abschnitt hingewiesen
habe. Vergünstigungen, die man ihnen zuteil werden läßt, werden daher
auch künftig lohnend erscheinen.
In engem Zusammenhang mit der Frage einer Besiedlung Südwestafrikas
steht die nach der Zweckmäßigkeit einer
Bureneinwanderung.
Mit ihr kommen wir auf eine Frage, die in den letzten Jahren in
Deutschland viel besprochen worden ist und manchen Widerstreit der
Meinungen hervorgerufen hat, deren Beantwortung jedoch nach meiner
Ansicht nicht schwierig ist, wenn sie, wie naturgemäß, lediglich
an Hand der Forderungen des nationalen Egoismus erfolgt. Indessen,
wir Deutsche vermögen -- was rein menschlich betrachtet uns ja Ehre
macht, aber politisch nichts einbringt -- diesen selbstverständlichen
Standpunkt nicht immer beizubehalten, obwohl es eine alte Erfahrung
ist, daß Kolonien, wenn sie einmal politisch und wirtschaftlich
erstarkt sind, für das alte Vaterland leicht zu undankbaren Kindern
werden. In ihnen erwacht dann die Neigung, unter Mißachtung der
empfangenen Wohltaten dem Mutterlande schnöde den Rücken zu drehen,
falls dieses für die gebrachten Opfer auch einmal eine Gegenleistung
verlangt. Und diese Neigung wird umsomehr zum Durchbruch kommen,
je weniger die Kolonien durch Stammes- und Spracheneinheit mit dem
alten Vaterlande verbunden sind. Darum gebietet uns der nationale
Egoismus, unsere Opfer auf die Ansiedlung von Reichsdeutschen sowie von
solchen, die es werden wollen, zu beschränken, ohne aber etwa anderen
unsere Grenzen zu verschließen. Auch sie mit ihrem Kapital und ihrer
Arbeitskraft willkommen zu heißen, gebietet uns der nationale Egoismus,
sofern sie keinen Staat im Staate bilden, sondern sich unseren Gesetzen
fügen wollen. Aber dann mögen sie von selbst kommen, sowie auf eigene
Rechnung und Gefahr. Für sie mittels staatlicher Unterstützung noch
gleichsam eine Prämie auf Festhaltung ihrer fremden Nationalität zu
setzen, solange die eigene noch Einwanderungsmaterial genug bietet, das
ist mit einer gesunden nationalen Kolonialpolitik nicht zu vereinigen.
Diesen Standpunkt hat die Kolonialverwaltung der Bureneinwanderung
gegenüber auch von Anfang an eingenommen. Ihr ist jedoch eine Zeitlang
ein Teil der öffentlichen Meinung Deutschlands entgegengetreten, die in
der Begeisterung über den tapferen Widerstand des kleinen Burenvolkes
gegen das mächtige England in jedem Buren von Hause aus einen für
Deutsch-Südwestafrika brauchbaren Ansiedler sehen wollte. Indessen geht
es den Buren nicht anders als den anderen Nationen; auch bei ihnen sind
die Gaben verschieden ausgeteilt, es gibt fleißige und unfleißige,
brauchbare und unbrauchbare Buren.
Der Bur, im allgemeinen betrachtet, stellt sich als der richtige
niederdeutsche Bauer mit allen seinen Vorzügen und Nachteilen dar.
Er ist ehrlich, gastfrei, ein vortrefflicher Familienvater, dabei
konservativ bis zum Übermaß, und daher zäh am Alten festhaltend. Bei
dem lange Zeit in seiner innerafrikanischen Grassteppe abgeschlossen
lebenden Buren hat sich die letztgenannte Eigenschaft in solchem Maße
entwickelt, daß sie ihm schließlich wieder zum Nachteil geworden
ist. Er ist in seiner ganzen Wirtschaft rückständig geblieben und
folgt genau den wirtschaftlichen Geleisen seiner Vorfahren. Trotzdem
aber hat der Bur in Afrika dem einwandernden Europäer gegenüber viel
voraus, so daß für den Anfang er der Überlegene ist und letzterer von
ihm lernen kann. Der Bur ist unabhängiger von den Genüssen Europas,
seine persönlichen Bedürfnisse sind daher geringer, wogegen er die
Hilfsmittel Afrikas besser auszunutzen versteht. Hat jedoch der Neuling
dies gleichfalls gelernt, dann wird er seinerseits den Buren überholen,
da dieser zu indolent ist, um nun auch vom Deutschen das, was er voraus
hat, anzunehmen. Während daher mit einer starken Burenbesiedlung eine
gesunde fortschreitende Entwicklung des Landes nicht zu erreichen wäre,
können wir einzelne Buren als Lehrmeister für die deutsche Einwanderung
nur willkommen heißen.
Zu einer landläufigen Redensart, wie es deren so viele gibt und
die nicht auszurotten sind, ist ferner die Behauptung geworden,
die deutschen Beamten sähen die Einwanderung von Buren nicht gern,
weil diese in ihrem Freiheitsstolze dem »Bureaukratismus« zu viel
Schwierigkeiten bereiteten. Nach meiner Erfahrung ist gerade das
Gegenteil der Fall. Schwierigkeiten haben während meiner Amtsperiode
der Verwaltung nur deutsche Ansiedler gemacht, niemals aber Buren.
Nur mit den Gerichten kamen die minderwertigen Elemente unter den
letzteren häufig in Konflikt. Sonst aber verstehen die Buren in Afrika
sich in schwierigen Lebenslagen selbst zu helfen, insbesondere sind
sie in der Behandlung der Eingeborenen durchweg geschickter als die
übrigen Einwanderer. Daß sie dagegen im allgemeinen mehr Neigung zur
Unbotmäßigkeit gegen die Gesetze zeigten als andere Nationen, ist mir
nicht aufgefallen. Unbequem wurden sie nur durch eine gewisse, ihnen
vielfach anhaftende Scheu vor der Seßhaftigkeit. Sie ziehen gern mit
Ochsenwagen, Viehherden und ihren meist zahlreichen Familien von
Wasserstelle zu Wasserstelle und entgehen auf diese Weise tunlichst
den Kaufpreisen für den Landerwerb wie auch etwaigen sonstigen
staatlichen Verpflichtungen. Diese den Buren anhaftende Neigung
zum zigeunerähnlichen Umherziehen findet ihre Erklärung in ihrem
Kinderreichtum sowie in ihrer geringen Lust zu einem anderen Berufe als
zu dem des Viehzüchters. Der meist mit zahlreichen Söhnen gesegnete Bur
ist nicht in der Lage, jedem der letzteren ein ausreichendes Weidefeld
zu übergeben. Er setzt daher die mündig gewordenen jüngeren Söhne mit
Frau und Kind auf einen Ochsenwagen, gibt ihnen etwas Vieh sowie das
notwendigste Hausgerät, unter letzterem die nie fehlende Büchse nebst
ausreichender Munition, mit und läßt sie in die weite Welt ziehen.
Die wirtschaftlichen Elemente unter diesen jüngeren Söhnen erwerben
sich vielleicht nach und nach die Mittel, sich seßhaft zu machen.
Die übrigen aber gewöhnen sich an das Zigeunerdasein, sie leben von
der Hand in den Mund und sehnen sich schließlich gar nicht mehr nach
einem bleibenden Wohnsitz, d. h. sie werden und bleiben »Trekburen«.
Mit Buren dieser Art war das südwestafrikanische Schutzgebiet bis zum
Jahre 1898 überschwemmt. Die Rücksicht auf die immer mehr zunehmende
deutsche Einwanderung gebot schließlich, diesem Wanderburentum ein
Ende zu bereiten. Die Betreffenden wurden vor die Wahl gestellt, sich
binnen einer bestimmten Frist seßhaft zu machen oder das Schutzgebiet
zu verlassen. Die besseren Elemente machten sich auch sämtlich seßhaft,
und diese sind für das Schutzgebiet von Nutzen geworden. Namentlich
als Frachtfahrer sind die Buren unübertrefflich. Die übrigen aber
verschwanden wieder. Diejenigen Buren dagegen -- es waren allerdings
nicht viele --, die bei Eingeborenenaufständen als Freiwillige in
die Reihe der Schutztruppe traten, konnten geradezu als vorbildlich
bezeichnet werden. Denn sie vereinigten mit den kriegerischen Vorzügen
der Eingeborenen die höhere Kultur des Weißen.
Zweimal ist ferner im Schutzgebiete der Versuch einer Art amtlicher
Ansiedlung von Buren gemacht worden, das erste Mal im Jahre 1895/96
durch die South West Africa Company im Gebiete von Grootfontein, das
zweite Mal im Jahre 1900 durch die Regierung selbst mit Flüchtlingen
aus dem Kriege in Transvaal. 1895 fand ich gelegentlich eines Besuches
in Grootfontein (S. 82) im Gebiete der South West Africa Company an
der sonst unbewohnten Wasserstelle ein neu entstandenes hübsches
Burendorf, gegründet unter Heranziehung von Gesellschaftsmitteln
durch den Gesellschaftsvertreter ~Dr.~ Hartmann. Die Buren, denen
es auf diese Weise ganz gut ging, waren begeistert und erklärten in
feierlicher Versammlung, sämtlich Deutsche werden zu wollen. Doch
reichte diese Begeisterung nicht lange über die nächste Regenperiode
hinaus. Denn, wie ich schon erwähnt habe (S. 179), war Grootfontein ein
ebenso wasser- wie fieberreicher Platz, dessen Gesundheitsverhältnisse
nur lediglich mittels Trainierungsarbeiten verbessert werden
konnten. Diese Arbeiten zu leisten, waren die Buren anscheinend
nicht geneigt, umsoweniger, als ihr rühriger Leiter ~Dr.~ Hartmann
in dem genannten Jahre das Schutzgebiet verlassen hatte. 1897 fand
ich die Masse dieser Buren in Omaruru, wohin sie sich, erschreckt
durch ihre Fieberverluste, geflüchtet hatten. Der dortige Häuptling
Manasse klagte mir bitter über diese Eindringlinge und verlangte
den Schutz der Regierung gegen sie, nachdem sie auch dort, ohne
jemand zu fragen, einfach Wasser und Weide in Mitbenutzung genommen
hatten. Ihnen wurde daher gleichfalls anderweitige Seßhaftmachung
oder Auswanderung auferlegt. Später nahm dann eine nach Grootfontein
verlegte deutsche Garnison die erforderlichen Entwässerungsarbeiten
unter der Leitung des Stabsarztes ~Dr.~ Kuhn in Angriff, und heute
kann der Platz in bezug auf Gesundheitsverhältnisse mit jedem anderen
des Schutzgebietes den Vergleich aushalten. Der erwähnte zweite
Fall des Versuches einer Burenansiedlung aus dem Jahre 1900 endigte
ebensowenig zufriedenstellend. Im ganzen wurden damals 27 Burenfamilien
angesiedelt, über die nach zwei Jahren die Verwaltungsbehörden zum
Bericht aufgefordert wurden. Das Ergebnis war, daß nur fünf von ihnen
das Zeugnis wirklich brauchbarer Ansiedler erhalten haben.
Trotz dieser Erfahrungen bin ich jedoch weit entfernt, nunmehr den
Stab über die Buren im allgemeinen zu brechen, sie sollen nur das
Urteil über diese auf das richtige Maß zurückführen, d. h. dahin, daß
es auch unbrauchbare Buren gibt und daß gerade diese zahlreich zu uns
gekommen zu sein scheinen. Auch nach dem englischen Kriege müssen die
besten Elemente in ihrer Heimat verblieben sein. Ganz naturgemäß, denn
die Trümmer einer Farm sind immer noch mehr wert als gar keine. Die
soliden Farmbesitzer haben daher im Vertrauen auf eine bessere Zukunft
das Verbleiben in der Heimat vorgezogen. Irgend einer Beschränkung
in der Einwanderung unterlag indessen selbstverständlich kein Bur.
Nun wurden wiederholt an das Gouvernement herantretende Anträge auf
staatliche Unterstützung bei Gründung _holländischer_ Kirchen und
Schulen abschlägig beschieden, die Gründung selbst aber keineswegs
verhindert. Aus Mangel an Mitteln ist es aber dann in der Folge zu
einer solchen nirgends gekommen. Nur hielten sich einige besonders
reiche Buren holländische Hauslehrer, die Masse aber gab ihren Kindern
entweder selbst Unterricht oder schickte sie in die Regierungsschulen.
Aus der auf Seite 232 mitgeteilten Statistik ist zu ersehen, daß vor
dem Aufstande im Schutzgebiete unter einer weißen Bevölkerung von 4683
Köpfen sich 973 Kapländer und Buren befanden, außerdem 101 Köpfe »ohne
Staatsangehörigkeit«, die in überwiegender Mehrzahl von burischer
Abkunft sind. Mithin bestand bereits etwa ein Viertel unserer weißen
Bevölkerung aus Buren, was einerseits dem Bedarf genügen dürfte,
anderseits aber auch beweist, daß von etwaiger Erschwerung einer
Bureneinwanderung nie die Rede gewesen ist.
Nicht schließen will ich diesen Abschnitt, ohne den Buren in einem
Punkte noch ein besonderes Lob zu spenden. Sie hüten sich vor der
Vermischung mit Eingeborenen, und sind hierzu infolge der Möglichkeit
einer frühen Verheiratung mit weißen Mädchen auch imstande. Diese
Tatsache hat ihre Rasse rein erhalten und sie, die vermöge ihres
einsamen Hirtenlebens ohnehin Neigung haben, sich dem Kulturzustande
der Eingeborenen zu nähern, doch diesen überlegen erhalten. In früheren
Zeiten, als weiße Frauen anscheinend noch fehlten, ist zwar eine
Vermischung erfolgt. Das beweisen die Abkömmlinge aus Mischehen, die
Bastards von Rehoboth und Rietfontein. Aber das waren vereinzelte,
durch die Not herbeigeführte Ausnahmen. Andernfalls würden die Buren
als weiße Nation längst verschwunden und zu einer Mischlingsrasse
geworden sein, die sich, wie das Beispiel der Bastards Südwestafrikas
beweist, nicht viel über die Eingeborenen erheben würde.
Die landwirtschaftlichen Ausstellungen 1899 und 1902 in Windhuk.
Da wir gegenwärtig im Zeitalter der Ausstellungen leben, so haben
wir auch in Südwestafrika zu diesem Mittel gegriffen, um die
wirtschaftlichen Fortschritte des Landes festzustellen und mittels
Preisverteilung für gute Leistungen zur Fortarbeit zu ermutigen.
Solche Ausstellungen fanden 1899 und 1902 statt. Eine vergleichende
Gegenüberstellung der Ausstellungsobjekte dürfte das beste Bild
sowohl darüber geben, was in dem Schutzgebiete auf den verschiedenen
Gebieten des wirtschaftlichen Lebens geleistet worden ist und geleistet
werden kann, wie auch über die Frage, ob und welche Fortschritte auf
den einzelnen Gebieten innerhalb drei Jahren erzielt worden sind.
Beide Ausstellungen haben an dem Regierungssitze des Schutzgebiets,
in Groß-Windhuk, stattgefunden. Mit Vieh beschickt konnten sie bei
den mangelhaften Verbindungen des Landes daher nur aus dem mittleren
Teile des Schutzgebietes werden, mit den Erzeugnissen des Landbaues
sogar nur aus der näheren Umgebung Windhuks, in erster Linie aus
den Gärten Klein-Windhuks. In Berücksichtigung dieser Beschränkung
schien es erforderlich, auch in bezug auf Ausstellungen eine gewisse
Dezentralisation in Erwägung zu ziehen. Eine Sonderausstellung im Süden
des Schutzgebietes, und zwar in Gibeon oder Keetmanshoop, war daher
bereits in Aussicht genommen, als der Aufstand zur Vertagung dieser
Frage zwang.
Die Ergebnisse der beiden Ausstellungen waren folgende:
~A.~ Pferde.
1899 1902
Zahl der Aussteller 7 11
Zahl der Pferde 43 35
Äußerlich betrachtet, ist somit auf diesem Gebiete ein Rückschritt
eingetreten. Namentlich mit Zuchthengsten war die Ausstellung 1902
schwach beschickt. Indessen ist bei dieser Erscheinung offenbar nur
die im vorigen Kapitel erwähnte Tätigkeit der Regierung auf dem
Gebiete der Pferdezucht zum Ausdruck gekommen. Die guten Züchter --
und nur solche stellen ja aus -- hatten die Zucht eigener Hengste in
den Hintergrund treten lassen, nachdem ihnen die Aussicht eröffnet
war, ihren Bedarf auch leihweise bei der Regierung zu decken. Auf der
Ausstellung 1902 hatte sich daher nur ein einziger Schimmelhengst
eingefunden, und dieser konnte nur mit dem zweiten Preis prämiert
werden, so daß der erste Preis überhaupt unvergeben blieb. Es wurden
daher auch die übrigen für Hengste ausgeworfenen Preise den Stuten und
Fohlen zugeführt. Denn mit letzteren war auch die Ausstellung 1902 gut
beschickt. Vom Standpunkt einer vernünftigen Pferdezucht aus kann daher
der Ausstellung 1902 doch die bessere Zensur erteilt werden. Denn gute
Stuten im Privatbesitz, gute Hengste im Regierungsbesitz: das ist ja
die Art und Weise, wie man überhaupt in Kulturländern die Pferdezucht
betreibt.
~B.~ Rindvieh.
1899 1902
Zahl der Aussteller 15 24
Zahl der Rinder 133 330
Auf diesem Gebiete ist gegen 1899 nicht nur in bezug auf Quantität,
sondern auch in bezug auf Qualität ein erheblicher Fortschritt zu
verzeichnen. Nachdem sich bereits 1899 die infolge der Einfuhr
ausländischer Zuchtbullen eingetretene Veredelung des Rindviehs
unverkennbar gezeigt hatte, war dies 1902 in noch erhöhtem Maße der
Fall. An Ochsen wurden wahre Kolosse vorgeführt, unter ihnen wie
auch unter den Zuchttieren selbst Abkömmlinge der Simmentaler, der
Pinzgauer, der Vogelsberger, der Shorthorn und der Oldenburger.
Über deren verschiedenartige Qualität habe ich bereits unter dem
Abschnitt »Viehzucht« gesprochen. Aber immerhin zeigte sich auch die
Afrikanerrasse neben der europäischen Reinzucht von vorteilhafter
Seite. Was das hochgezüchtete Rind an Körperform, Milch und
Fleischertrag gewinnt, verliert es wieder an Ausdauer, Genügsamkeit und
Widerstandsfähigkeit. Die richtige Mischung zwischen beiden zu finden,
bleibt daher der Kunst des Züchters überlassen.
Es erhielten 1902 an Preisen:
1. die Zuchtabkömmlinge europäischer Rassen je drei Preise für Bullen,
Kühe, Färsen, Bullkälber und Kuhkälber;
2. die Zuchtabkömmlinge einheimischer Rassen gleichfalls je drei Preise
für Bullen, Kühe und Kuhkälber;
3. die Ochsen aller beiden Rassen gemischt, je drei Preise, und
zwar bezeichnenderweise die Afrikanerrasse den 1. und 2. Preis, die
Abkömmlinge von Simmentaler nur den dritten Preis.
[Illustration: Landwirtschaftliche Ausstellung 1902. Abteilung für
Pferde.]
4. Mehrere Farmer brachten _Kollektivausstellungen_ und wurden hierfür
in folgender Reihe mit 6 Preisen bedacht:
1. Preis für Abkömmlinge von Simmentaler,
2. " " " " Shorthorn und Afrikaner,
3. " " " " Vogelsberger,
4. " " " " Simmentaler,
5. " " " " Simmentaler,
6. " " " " Simmentaler und Afrikaner.
~C.~ Kleinvieh.
1899 1902
Zahl der Aussteller 5 13
Zahl des Kleinviehs. 146 164
Hier war vor allem ein Fortschritt auf dem Gebiete der Angorazucht
zu erkennen. Nachdem im Jahre 1899 nur ein Aussteller Angoraziegen
vorgeführt hatte, traten 1902 zwei Aussteller mit solchen auf. Unter
denjenigen des Jahres 1899 hatten sich auch Produkte der ersten
Kreuzung des Angorabocks mit der einheimischen Ziege befunden, die
bereits einen Wollansatz trugen. 1902 waren Tiere erster und zweiter
Kreuzung vorhanden, und war es lehrreich, die weitere Entwicklung
des Wollansatzes zu vergleichen. Preise erhielten Angoraziegen,
Angoralämmer, afrikanische Ziegen und afrikanische Schaframme.
Erwähnenswert dürfte noch sein, daß auf allen vorstehend genannten
Gebieten der Viehzucht, und zwar der Pferde-, Groß- und Kleinviehzucht,
ein Eingeborener (Bastard) mitkonkurriert und auf sämtlichen Preise
erzielt hat, in bezug auf Afrikanerbullen sogar den ersten. Im übrigen
waren Eingeborene nur unter der Firma eines Weißen zugelassen, aber
dann ohne Anstand.
~D.~ Sonstige Zuchten.