in Südwestafrika an der noch nicht durchgeführten Trennung der
Gebrauchspferde von den Zuchtpferden. Man ließ durchweg die Hengste
treiben, was sie wollten, und ritt die trächtigen Stuten ohne jede
Rücksicht. Das eine ergab einen schlechten Nachwuchs infolge der
oft unglaublichen Kreaturen von Hengsten[97], die frei umherliefen,
das andere ein häufiges Verfohlen. Verschiedene Male wurden seitens
des Gouvernements Maßnahmen hiergegen in Anregung gebracht.[98]
Aber ohne Unterstützung seitens der gesamten Bevölkerung schweben
Regierungsmaßnahmen auf diesem Gebiete in der Luft, und an ihr
fehlte es noch zum Teil. Daher beschränkte sich die Verwaltung
vorerst auf Maßnahmen innerhalb ihres eigenen Bereiches. Sämtliche
im Regierungsbesitz befindlichen Hengste wurden, soweit sie nicht
zu Zuchtzwecken brauchbar waren, verschnitten, die Stuten tunlichst
vom Gebrauch ausgeschlossen, die besten derselben als Zuchtstuten
verwendet, die übrigen gegen Wallache umgetauscht und endlich in
Nauchas (Distrikt Rehoboth) ein Gestütsdepot eingerichtet. Dieses
wurde mit den besten Stuten sowie den besten inländischen und auch
mit von außerhalb eingeführten Deckhengsten ausgestattet. Von dem
Nachwuchs wurde das geeignetste Material wieder der Zucht zugeführt,
das übrige in den Regierungsdienst eingestellt oder verkauft. Sobald
mehr als ausreichende Landbeschäler vorhanden waren, wurden diese auch
zu Zuchtzwecken nach außerhalb abgegeben, eine Gelegenheit, von der
im Jahre 1902/03 46 einsichtige Pferdezüchter Gebrauch gemacht haben.
Die von außerhalb eingeführten Hengste waren sowohl englischer wie
auch ostpreußischer Herkunft. Aber nicht deren direkter Nachwuchs hat
sich für den Gebrauch in Südwestafrika schon als besonders geeignet
erwiesen, sondern erst dessen nochmalige Vermischung mit inländischem
Zuchtmaterial, mithin erst die Enkel der eingeführten Hengste.
Bei dieser Gelegenheit sei auch erwähnt, daß von den während des
gegenwärtigen Aufstandes von außerhalb eingeführten Pferdearten sich
am besten die aus der Kapkolonie bewährt haben, dann folgten die
Argentinier und zuletzt die Ostpreußen. Die Ursache dieser Abstufung
ergab sich jedoch nicht aus der Beschaffenheit der Pferde, sondern
lediglich aus deren Anpassungsvermögen an die südwestafrikanischen
Verhältnisse. Die beiden erstgenannten Pferdearten sind unter denselben
Lebensbedingungen groß geworden wie die Südwestafrikaner, während
die Ostpreußen sich an das afrikanische Gras als einzige Nahrung
nur schwer zu gewöhnen vermochten und daher anfangs, oft mitten
im Futter stehend, Hungers starben. Denn Hafer läßt sich bei den
schwierigen südwestafrikanischen Transportverhältnissen im Kriege
nur in beschränktem Maße nachführen. Ob nach meiner Abreise aus dem
Schutzgebiet noch andere Rassen eingeführt worden sind, z. B. die wohl
gleichfalls für südwestafrikanische Verhältnisse geeigneten Pferde
Australiens und Mexicos, ist mir nicht bekannt geworden.
Leiter der Gestütsverwaltung war zuletzt Gestütsdirektor v. Clavé, der
seine Aufgabe mit Tatkraft und Sachkenntnis angefaßt hat. Er richtete
neben dem Hauptgestüt noch ein Pferdedepot in Areb, etwa eine Stunde
von Nauchas, ein, wohin aus ersterem die von der Mutter entwöhnten
Fohlen gebracht und bis zur Gebrauchsfähigkeit gehalten wurden. Der
Bestand der gesamten Gestütsverwaltung an Pferden betrug am 31. März
1903: 11 Landbeschäler, 188 Zuchtpferde und Saugfohlen in Nauchas, 160
Pferde in Areb.
Im Berichtsjahre 1902/03 hat das Gestütsdepot Areb 72 Pferde nach
erreichter Reife abgegeben, davon 11 zu Zuchtzwecken an das Hauptgestüt
in Nauchas zurück.
Die Pferdezucht ist in Südwestafrika wie eigentlich überall diejenige
Züchterei, die das meiste Anlagekapital erfordert. Sie ist mithin
Ansiedlern mit nur beschränkten Mitteln nicht zu empfehlen, wenigstens
für den Anfang nicht. Vor dem gegenwärtigen Aufstand schwankte der
Preis eines Pferdes zwischen 300 und 600 Mark. Wie er sich nach
Wiederbeginn des Farmbetriebes gestalten wird, läßt sich nicht
übersehen. Auch die Pferde haben in Südwestafrika freien Weidegang.
Unmittelbar nach ihrer Erwerbung muß man daher mit dem Zurücklaufen auf
die alten Weideplätze rechnen. Um so hartnäckiger bleiben sie aber auch
wieder an dem neuen Platz kleben, sobald sie sich einmal an ihn gewöhnt
haben. In bezug auf Weide ist das Pferd das wählerischste von allen
unseren Tieren. Daher eignet sich auch nicht jede Farm schon von Hause
aus zur Pferdezucht. Das an den Bergabhängen wachsende kurze, weiche
Gras wird von den Pferden am meisten bevorzugt. Den Brackbusch brauchen
sie ebenfalls, wenn auch weniger als das sonstige Großvieh.
Der schlimmste Feind der Pferdezucht ist die bereits im Kapitel ~IV~
erwähnte Pferdesterbe. Auf sie kann man beinahe den bekannten Vers
anwenden: »Gegen die Cholera gibt's kein Mittel«; indessen braucht
man, wie in dem genannten Kapitel schon angedeutet, noch nicht alle
Hoffnung aufzugeben. Örtlich findet sich die Pferdesterbe fast
durchweg mit der Malaria vereinigt. Wo die letztere herrscht, haben
wir auch mit der Sterbe zu rechnen, wie diese denn auch genau wie die
Malaria vom Süden nach dem Norden des Schutzgebietes an Heftigkeit
zunimmt. Das Namaland wird von ihr am wenigsten heimgesucht, das
Ovamboland dagegen derart, daß dort eine berittene Truppe stets in
der Gefahr schwebt, plötzlich wieder Fußtruppe zu werden. Schon im
Distrikt Grootfontein verursachte die Erhaltung des Pferdebestandes
dem Gouvernement viel Sorge. Im Innern des Landes verschont die Seuche
nur hochgelegene Punkte, den tiefgelegenen Küstenstrich läßt sie sogar
ganz in Ruhe. Je näher der Küste, um so sicherer ist daher ein Platz
gegen Sterbe. In beiden Fällen dürfte die kältere Luftströmung, die
den Stechfliegen, den Hauptträgern der Seuche, das Dasein unterbindet,
die Ursache der Verschonung sein. Auch von diesem Gesichtspunkte aus
muß daher der Einwanderer, der sich der Pferdezucht widmen will, die
Lage seiner künftigen Farm beurteilen. Ich wiederhole indessen,
daß von einer rationellen Pferdezucht im Schutzgebiet erst nach
Einführung einer sogenannten Körordnung, die das freie Umherlaufen der
Hengste verbietet, die Rede sein kann. Einzäunungen der Farmen würde
ja gleichfalls gegen unliebsame Besuche schützen, sie ist jedoch,
vorläufig wenigstens, viel zu kostspielig.
Eine Abart der Pferdezucht ist die Maultierzucht. Das Maultier ist
leistungsfähiger als das Pferd, auch genügsamer als dieses, und vor
allem der Pferdesterbe nicht so unterworfen. Sein größerer Wert kommt
auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß es durchschnittlich höher
bezahlt wird. Seine Zucht ist daher besonders lohnend, obwohl das
Tier selbst nicht fortpflanzungsfähig ist. Gewonnen wird das Maultier
bekanntlich aus der Kreuzung von Eselhengsten mit Stuten. Daher ist auf
diesem Gebiet das freie Umherlaufen der Hengste besonders gefährlich.
Denn der schwächere Esel vermag seinen »Harem« nicht gegen die
eindringenden Hengste zu verteidigen, und der Züchter sieht sich nach
abgelaufener Tragezeit zu seiner Überraschung statt im Besitze eines
wertvollen Maultierfohlens in dem eines mehr oder weniger schlechten
Pferdefohlens. Wenn schwerwiegende Mißstände auf diesem Gebiete bis
jetzt noch nicht allzusehr zutage getreten sind, so liegt das am
Fehlen einer eigentlichen Maultierzucht. Die Maultiere sind bis jetzt
meist von außerhalb eingeführt worden, und zwar aus der Kapkolonie,
aus Argentinien wie aus Spanien. Als am wenigsten geeignet haben sich
die Argentinier erwiesen, da ihre Hufe auf den weiten Grasflächen der
Heimat für unser zum Teil steiniges Gelände zu weich geblieben sind.
Namentlich die Truppe macht von den Maultieren viel Gebrauch. Die ganze
Artillerie, zahlreiche Kolonnen sowie einzelne Truppenfahrzeuge sind
mit ihnen bespannt. Vor dem Aufstand war der Preis eines Maultieres 600
bis 800 Mark. Der reine Esel dagegen findet im Schutzgebiet, weil zu
schwach, wenig Verwendung.
2. _Rindvieh._ Das Rindvieh wurde von den ersten europäischen
Einwanderern, den Portugiesen, am Kap der guten Hoffnung bereits
vorgefunden. Das südwestafrikanische Rind ist durchweg von größerer,
massigerer Figur als das europäische, namentlich gilt dies von
demjenigen des Namalandes. Auch sein Hörnerschmuck überragt an Länge
den des europäischen Rindes und läßt allein schon das afrikanische
Tier als das stattlichere erscheinen. Nur in einer Beziehung wird das
afrikanische Rind von dem europäischen übertroffen, nämlich in Hinsicht
auf den Milchertrag. Die Ursache hiervon mag in den anders gearteten
Lebensbedingungen, vor allem in dem freien Weidegang liegen. Sonst
gedeiht auch das Rind bei diesem am besten. Die Tiere wissen von selbst
am Tage das beste Futter zu finden und kommen abends wieder zur Tränke.
Bei dem Rind ist die Gefahr, daß durch fremde Bullen die Nachzucht
verdorben wird, nicht dieselbe wie bei der Pferdezucht. Der eigene
Vorteil schon gebietet dem Züchter das frühzeitige Verschneiden nicht
zur Zucht bestimmter Bullen, da das verschnittene Tier, der Ochse,
sowohl ein besseres Zug- wie Schlachttier abgibt. Im übrigen ist auch
auf diesem Gebiete die Regierung zur Einfuhr fremder Bullen geschritten
und hat es mit folgenden Rassen versucht:
~a~) _Simmentaler Bullen._ Diese haben sich gut akklimatisiert und als
Nachwuchs besonders gute Zugtiere geliefert.
~b~) _Pinzgauer Bullen._ Von diesen ist ähnliches zu berichten. Doch
eignet sich ihr Nachwuchs vermöge des großen Fleischgehaltes besser zum
Schlachten.
~c~) _Vogelsberger Bullen._ Diese haben zwar noch besseres Schlachtvieh
ergeben als die heimischen Rassen, doch blieb ihr Nachwuchs hinter dem
der auch nicht höher im Preise stehenden Pinzgauer so weit zurück, daß
in der Folge von ihrer Einführung Abstand genommen worden ist.
~d~) _Englische Rassen._ Unbeschadet der Tatsache, daß auf der
Ausstellung in Windhuk 1902 ein Abkömmling eines Shorthorn-Bullen
prämiert worden ist, sind doch im allgemeinen die Erfahrungen mit
diesen Bullen (Shorthorns und Herefords) in Südwestafrika sonst
derartig ausgefallen, daß nach den ersten Versuchen keine weiteren mehr
unternommen wurden, denn das Ergebnis hatte die Kosten nicht gelohnt.
[Illustration: Bulle Afrikaner Rasse.
Schwanzquaste durch Lungenseuche-Impfung abgefallen.]
Von privater Seite wurden auch noch holsteiner und oldenburger Bullen
eingeführt, die aber, weil in ausgesprochenem Niederungslande
aufgewachsen, in dem südwestafrikanischen Höhenklima nicht recht zu
gedeihen vermochten. Etwas besser sollen sich die gleichfalls privatim
eingeführten Holländerrassen angewöhnt haben, doch sind die Versuche
mit ihnen noch nicht abgeschlossen.
Eine eigene Zucht hat das Gouvernement auf diesem Gebiete als
überflüssig erachtet, vielmehr die eingeführten Bullen gegen geringe
Entschädigung an Private abgegeben sowie die Viehzüchter bei der
Einfuhr von solchen unterstützt. Auch mit der Einfuhr weiblicher
Zuchttiere wurde einmal ein Versuch gemacht, indessen als zu
kostspielig nicht wiederholt. Der Preis einer Pinzgauer Kuh stellte
sich 1899 in Windhuk auf 700 Mark gegen damals 150 Mark für eine gute
einheimische Kuh. Und eine teurere ausländische Kuh vermag auch nicht
mehr Kälber in die Welt zu setzen als eine einheimische, während der
eingeführte Bulle naturgemäß einen weit bedeutenderen Einfluß auf die
Verbesserung der Rasse auszuüben vermag, als die Kuh. Erwähnenswert ist
noch, daß auf der landwirtschaftlichen Ausstellung in Windhuk 1902 von
18 zur Verteilung gelangten Preisen die Simmentaler Kreuzungsprodukte
10 erhalten haben.
Ich habe bereits auf das hierzulande übliche Sprichwort hingewiesen,
daß »das Auge des Herrn die Rinder fett mache«. Im Anschluß daran kann
ich nur davor warnen, in Südwestafrika Geld in Viehzuchtunternehmungen
anzulegen, um diese dann aus der Ferne zu überwachen. Die Begriffe
der Eingeborenen über Mein und Dein sind durchaus kindliche. Sie
betrachten die Milch der Herden ihres Herrn als ihr Eigentum und
schlachten, wo diese versagt, ruhig auch einzelne Tiere, die dann nach
ihrer Angabe an allen möglichen Krankheiten zugrunde gegangen oder
den Raubtieren zum Opfer gefallen sind. Ist es dagegen gelungen, für
solche Viehzuchtunternehmungen einen ganz besonders tüchtigen Leiter
zu finden, so können die zu befürchtenden Unzuträglichkeiten wohl
vermindert werden, aber auch bei den ausgezeichnetsten Charakteranlagen
eines solchen Leiters sowie bei dessen bestem Willen entspricht es
nur der menschlichen Natur, wenn auch er nicht immer die gleiche
unermüdliche Tätigkeit an den Tag legt, wie der wirkliche Besitzer und
wie sie die Viehwirtschaft verlangt. Unermüdlich und, wenn es nötig
ist, 24 Stunden im Sattel muß in Südwestafrika der Viehzüchter sein, so
daß das eingeborene Aufsichtspersonal niemals vor ihm sicher ist. Auch
in bezug auf den Nachwuchs findet der Eingeborene nichts dabei, wenn
einmal seine eigene Kuh zwei Kälber im Jahre zur Welt bringt, diejenige
seines Herrn dafür aber keine. Indessen wollen wir Weißen uns deshalb
doch nicht besser machen, als wir sind: Ein europäischer Gutsbesitzer,
der seinen Wirtschaftsbetrieb lediglich von der Ferne überwacht, wird
bei seinem weißen Aufsichtspersonal auch nicht immer von unliebsamen
Erfahrungen verschont bleiben. Diese Verhältnisse waren es, die neben
dem Bestreben, dem viehzüchtenden Ansiedler keine Konkurrenz zu machen,
das Gouvernement bewogen haben, schließlich von jeder amtlichen
Viehwirtschaft abzusehen. Auch den einzelnen Offizieren und Beamten
ward eine solche verboten, um sie nicht von ihren dienstlichen Aufgaben
abzulenken. Nur in besonderen Fällen wurden Ausnahmen gestattet.
[Illustration: $Haus für den Farmwächter auf Voigtsland bei Windhuk.$
Im Vordergrunde eine primitive Gerberei.]
Eines ferneren Übelstandes, der zur Zeit mit der südwestafrikanischen
Viehwirtschaft verbunden ist, will ich noch Erwähnung tun. Dem
Reisenden fällt es dort auf, daß während des größten Teiles des Jahres
in der Nähe bewohnter Wasserstellen die Weide fehlt, während einige
Kilometer weiter wieder die schönsten Weidegründe zu finden sind.
Die Ursache dieser Erscheinung liegt in dem alljährlichen Beginn
des Weideganges nach der erfolgten Erneuerung der Weide von der
Wasserstelle aus, statt umgekehrt von außerhalb auf die Wasserstelle
zu. Hierdurch wird einerseits der Reiseverkehr gestört, und zwar
umsomehr, je bevölkerter das Land wird, anderseits die Weide an den
Wasserstellen derart abgenutzt, daß sie sich schließlich überhaupt
nicht mehr zu erneuern vermag. Die Viehbesitzer haben sich dann selbst
geschädigt, indem sie in der trockenen Jahreszeit auch das wenige für
den eigenen täglichen Gebrauch erforderliche Vieh weit ab auf die Weide
schicken müssen. Die sämtlichen größeren Wohnplätze Südwestafrikas
besitzen dicht vor ihren Toren selten noch Weide, wenn auch da und
dort ein Bezirksamtmann versucht hat, durch eine Verordnung Abhilfe zu
schaffen.
Der in der Nähe größerer Plätze wohnende Viehzüchter findet für seine
Produkte stets lohnenden Absatz. Das Liter Milch galt vor dem Aufstand
in Windhuk 0,40 bis 0,50 Mark, ein Pfund Butter 2,50 Mark, bei der
billigen Art der Viehwirtschaft ganz zufriedenstellende Preise. Auch
Käse fand reichlich Abnahme, das Stück, etwa so groß wie ein Harzer
Handkäse, zu 0,25 Mark.
Über die Krankheiten des Rindviehs, wie Rinderpest, Texasfieber und
Lungenseuche, ist bereits im Kapitel ~IV~ gesprochen worden.
3. _Fleischschafe._ Hier ist in erster Linie das Fettschwanzschaf zu
nennen, das eigentliche Heimatschaf Südwestafrikas. Es besitzt nur eine
geringe Wolle, dafür aber vorzügliches und reichliches Fleisch. Das
besonders Wertvolle an diesem Tiere ist der Fettschwanz, der enthäutet
etwa zehn Pfund wiegt und Fett von der Art des Gänseschmalzes liefert.
Die äußerste Spitze des Schwanzes ergibt sogar ein vorzügliches, zum
Einfetten geeignetes Öl. Wo die Großviehzucht ausreichend Butter
liefert, wird der Wert dieses Fettschwanzes nicht genug gewürdigt,
dagegen gibt er einen guten Ersatz, wo die Butter fehlt. Bei gutem
Ernährungszustand der Tiere nimmt in erster Linie der Fettschwanz an
Gewicht zu, andernfalls ebenso wieder ab. Das Fettschwanzschaf liebt
Gras mit zahlreichen lange saftig bleibenden Büschen, unter diesen
wieder den Brackbusch in erster Linie. Auf 100 weibliche Tiere rechnet
man drei Böcke. Durch Kreuzung mit Merinoschafen hat man versucht, das
Fettschwanzschaf auch für die Wollproduktion nutzbar zu machen; wie
viele Generationen jedoch nötig sind, um die erste Schur zu erzielen,
ist noch nicht ausreichend erprobt worden.[99]
Feinde der Fettschwanzschafe sind nach Farmer Hermann-Nomtsas die
sogenannte Kremmsikte sowie die Gell- und die Blutsikte. Deren
Natur wie Art der Heilung sind noch unbekannt. Der Preis für ein
Fettschwanzschaf betrug vor dem Aufstande 12 Mark.
4. _Wollschafe._ Zu diesen gehört in erster Linie das Merinoschaf,
indirekt aber kann man in zweiter Linie auch die Angoraziege dazu
rechnen. Beide Rassen erfordern etwa dieselben Lebensbedingungen
wie das Fleischschaf. Sie verursachen jedoch dem Züchter etwas mehr
Mühe, da er neben dem Fleisch auch auf die Erzielung einer guten
Wolle zu sehen hat. In diesem Umstand wird wohl der Grund liegen, daß
die Wollschafzucht im Schutzgebiete noch nicht derart eingebürgert
ist, als dies wünschenswert und auch möglich sein würde. So ziemlich
der einzige, dafür aber auch ein ausgezeichneter Züchter von
Merinoschafen war der schon mehrfach genannte Farmer Hermann-Nomtsas,
der alljährlich für einige tausend Mark Wolle ausgeführt hat. Erst
in neuerer Zeit ist mit Hilfe von Mitteln der Wohlfahrtslotterie
ein zweites Wollschafzuchtunternehmen ins Leben gerufen worden, die
Deutsch-Südwestafrikanische Schäfereigesellschaft in Gibeon. Leider
ist das Unternehmen bereits in seinen Anfängen dem Aufstande zum Opfer
gefallen.
Dort, wo der Dornbusch vorherrscht, können natürlich Wollschafe nicht
gezüchtet werden, da die Wolle an den Dornen hängen bleibt, und dies
ist so ziemlich im ganzen Hererolande der Fall. Dafür aber ist der
Süden des Schutzgebietes für die Wollschafzucht ebenso geeignet wie das
in bezug auf Wollproduktion zur Zeit ergiebigste Land der Welt, nämlich
Australien. Letzteres liefert allein mehr als ein Viertel des gesamten
Weltbedarfs, und was dort geleistet werden kann, können wir auch. Aus
den vor etwa zwei Jahren veröffentlichten[100] »Australischen Skizzen«
von Stefan v. Kotze ist zu ersehen, daß Australien mit denselben
meteorologischen Bedingungen zu rechnen hat wie Deutsch-Südwestafrika.
Unter anderem habe ich dort folgende Ausführungen gefunden:
»Es ist eins der meteorologischen Wunder in diesem Lande größter
klimatischer Gegensätze, wie plötzlich die gewaltigen durstigen
Flußadern sich mit dem wogenden Schwall füllen. Weit oben in den Bergen
ist vielleicht ein schwerer Wolkenbruch gefallen und wie eine solide
Mauer stürzt das Wasser dem Tale zu. Frachtwagen, die für die Nacht im
Bette an einem Wasserloch ausgespannt haben (denn der Himmel war blau
und die Dürre herrschte ringsumher), wurden in wenigen Stunden einige
hundert Meilen weiterexpediert, Häuser fortgerissen, Vieh und Menschen
überrascht und von den heimtückischen Wassern im Schlafe ermordet.[101]
Es gibt nur äußerste Gegensätze -- Darben oder Überfülle. Man
verdurstet oder man ertrinkt.
»Im Zentrum Australiens gibt es große Flüsse, die überhaupt keine
Mündung haben, die sich in der Wüste verlieren, so ganz beiläufig, wie
so viele Existenzen dort. Und die Zukunft des Kontinents gründet sich
auf eins: die Wasserkonservierung. Jeder Regen, der fällt, wird sofort
in das Meer abgeführt oder sickert in totem Sande ein. Und mit Ausnahme
der schmalen östlichen Küstenregion heißt das ganze Vaterunser jedes
Australiers: Wasser!
»Abgesehen von einigen Strömen im Südosten, bilden die Flüsse
zur Sommerszeit nur eine Kette von Wasserlöchern, die immer mehr
zusammenschrumpfen, bis schließlich die Fische darin mit den Händen
gefangen werden können. Unter dem Sande ist gewöhnlich durch Graben
auch noch Wasser zu finden; aber es ist nicht leicht, mit einem
blechernen Trinkbecher ein 15 Fuß tiefes Loch in den Sand zu machen.«
Ferner:
»Weihnachten war vorüber, und nun fragte es sich, wird die Regenzeit
kommen oder nicht. Jedoch dieses Jahr kam sie, vielleicht aus
Zerstreutheit und siehe da, wie auf Zauberwort veränderte sich das
Land umher. Die nackten Sanddünen, denen man nie einen Keim zugetraut,
die öden, von der Hitze gespaltenen Ebenen und die grimmig toten
Granithügel kleideten sich in das Gewand des Frühlings -- nein, des
Sommers. Frühling gibt es so wenig wie eine Dämmerung in dem Innern
Australiens. Bald stand das Vieh bis über den Rücken in Gras und
kräftigen Kräutern, und ein feuchtwarmer Brodem der Befruchtung zog
über die Weite. Überall Blumen und junge Blätter, Zufriedenheit und
Fülle. Wer hätte geglaubt, angesichts dieser wogenden Gefilde, daß hier
noch vor kaum vierzehn Tagen eine lechzende Wüste das Blut aus allen
Lebewesen zog.«
Über diese Schilderung dürfte man nur »Aus Deutsch-Südwestafrika«
setzen und brauchte sonst nichts zu ändern. --
Die Angoraziege gehört nicht zur Rasse der Schafe, sondern zu
derjenigen der Ziegen. Sie liefert jedoch eine feinere Wolle, das
sogenannte Mohair. Ihr Hauptzuchtgebiet ist Kleinasien. Da sie
ausschließlich auf hohem trockenen Gelände mit mäßigem Klima fortkommen
kann, so findet sie auch in Südwestafrika die besten Vorbedingungen für
ihr Gedeihen. Mit der gewöhnlichen Ziege läßt sie sich wohl kreuzen.
Nach Ansicht des Farmers Hermann-Nomtsas bedarf es jedoch nicht weniger
als 8 bis 9 Generationen (etwa 12 Jahre), bis das Kreuzungsprodukt
ein befriedigendes Ergebnis zeigt. Im übrigen scheint zwischen dem
Nutzen, den das Wollschaf bringt, und demjenigen der Angoraziege kein
bedeutender Unterschied zu bestehen. Das erstere liefert zwar eine
minderwertige Wolle, dafür aber eine um so größere Menge. Herr Hermann
rechnet für das Merinoschaf bei guter Zucht auf je 6 Pfund Wolle, auf
jede Angoraziege 3 Pfund Mohair. Wenn als Preise für die erstere 0,50
Mark, für das letztere 1 Mark pro Pfund angenommen wird, so würde der
Jahresertrag in bar genau der gleiche sein. Dagegen würde noch ein
Unterschied in den Transportkosten bleiben, da auf dem Weltmarkt mit
dem Mohair stets nur das doppelte Quantum Wolle konkurrieren kann. Den
hieraus sich ergebenden Unterschied berechnet Herr Hermann auf 0,94
Mark zugunsten einer jeden Angoraziege.
Vor dem Aufstand betrug der Preis eines Merinoschafes 30 bis 40 Mark,
derjenige einer Angoraziege bis 100 Mark, für einen Rammen wurden sogar
bis 400 Mark bezahlt.
[Illustration: Angora-Ziegenböcke
von Natal importiert zur Kreuzung mit der Hereroziege.]
Behufs Hebung der Reinzucht hat 1902 das Gouvernement 181 Angoraziegen
und 3 Ramme, im Jahre 1903 234 Ziegen und 6 Ramme eingeführt und an
die Farmer käuflich abgelassen. Bei den hohen Preisen der Tiere wurden
auch Herden zu 40 bis 50 Stück auf drei Jahre leihweise abgegeben
und den Entleihern lediglich die Verpflichtung zur Reinzucht sowie
zur späteren Rückgabe der gleichen Anzahl Ziegen aus dem Nachwuchs
auferlegt. Mit dem Überschuß konnte der Farmer dann weiterarbeiten,
während die zurückgegebene verjüngte Herde an einen andern Züchter
weiterging. Im ganzen hat die Angorazucht im Schutzgebiete mehr Anklang
gefunden als die Wollschafzucht.
5. _Gewöhnliche Ziege._ Ein bescheidenes, dafür aber um so nützlicheres
Tier tritt uns in der Ziege entgegen. Es ist erstaunlich, auf wie
elendem Weidefelde, das dem Beschauer nicht das geringste Freßbare
zeigt, die Ziege noch fortkommt. Dafür aber liefert sie dem glücklichen
Besitzer 2 bis 4 Lämmer im Jahr, und nach dem Tode noch ein brauchbares
Fell. Mit Recht wird sie daher das Tier des kleinen Mannes genannt.
Auch der ärmste Eingeborene besitzt wenigstens einige Ziegen. Seitens
des Gouvernements angestellte Versuche, die afrikanische Ziege durch
Kreuzung mit deutschen Milchziegen in bezug auf Milchproduktion zu
verbessern, sind bis jetzt fehlgeschlagen, da die europäischen Tiere
den Landtransport nicht aushielten und dann weitere Versuche durch den
Aufstand unterbunden worden sind.
[Illustration: Junger Strauß, zahm,
in seiner ersten Mauserzeit (von Farm Voigtsland).]
6. Die _Straußenzucht_ ist im ganzen Schutzgebiet möglich. Material
zu ihr liefert der zahlreich vorkommende wilde Strauß, der sich, jung
eingefangen, leicht zähmen läßt. Das Produkt des Straußes besteht
lediglich in seinen Federn, die als Luxusartikel in ihrer Preislage
erheblichen Schwankungen unterworfen sind. Doch bleibt die Zucht bei
der Genügsamkeit und Dauerhaftigkeit des Vogels wohl immer lohnend.[102]