schwere Sorge. Mittels strenger gesetzlicher Maßnahmen wurde versucht,
sowohl den Grasbränden wie der sonstigen absichtlichen Vernichtung des
Baumbestandes Einhalt zu tun. Lediglich das dürre, bereits vom Baume
gefallene Holz blieb der freien Benutzung überlassen. Aber auch an
Ersatz wie überhaupt an die Verbesserung der Holzbestände wurde gedacht
und zu diesem Zweck beim Gouvernement ein Forstreferat eingerichtet.
Der erste Inhaber dieses Amtes war der bereits im Kapitel ~VI~ als
Forschungsreisender in das Ovamboland genannte Forstassessor ~Dr.~
Gerber. Dieser faßte seine Aufgabe mit großer Rührigkeit an, fand
jedoch, daß bei den geringen Niederschlägen in bezug auf Anpflanzung
im Herero- und Namalande nur an wenigen Stellen etwas zu erreichen
sei. Nur, wo die Niederschläge zur Ackerwirtschaft ausreichen, genügen
sie auch dem Baumwuchs, während künstliche Bewässerungsanlagen für
eine Aufforstung größeren Stiles nicht ausreichen. Infolgedessen wurde
seitens des Forstreferenten für eine Aufforstung in erster Linie eine
Baumart ins Auge gefaßt, die mit wenig Wasser auszukommen vermag,
d. i. die Dattelpalme. Doch mißlang ein Versuch, diesen Baum im
Flußbett in Windhuk zu ziehen, wohl weil das dortige schwefelhaltige
Wasser der Pflanze nicht zusagte. Dagegen gedieh eine Anpflanzung
in Ukuib am Swakopflusse, südlich der Bahnstation Kubas, durchaus
zufriedenstellend. Die besten Aussichten für Aufforstungsanlagen, aber
auch noch anderer Art, bietet jedoch der Boden in und um Okahandja, der
sich infolge hochstehenden Grundwassers auch für Acker- und Gartenbau
besonders geeignet erwiesen hat. Am Platze Okahandja selbst wie in dem
eine halbe Stunde entfernten Osona wurden Baumschulen angelegt, in
denen alle möglichen Baumarten, auch europäische, mit Erfolg gezogen
wurden. Ableger hiervon sind unentgeltlich an die Farmer behufs eigener
Aufforstungsversuche im kleinen abgelassen worden. ~Dr.~ Gerber glaubte
aus der Forststation Okahandja jährlich 10 Millionen Pflanzen liefern
zu können. Versuche mit ausländischen Baumarten hatte im übrigen
schon vor Eintreffen des Referenten für Forstwesen ein gleichfalls im
Gouvernementsdienst stehender Botaniker[94] in Brackwater begonnen, von
wo sie dann auf Veranlassung des ersteren in den aussichtsreicheren
Boden Osonas übergeleitet worden sind.
Derartige Aufforstungsarbeiten sind im Nama- und Hererolande,
wenigstens an den wenigen Stellen, an denen sie möglich sind, um so
notwendiger, als der dortige geringe Baumbestand nur Feuerungsmaterial,
aber kein Nutzholz liefert. Die derzeitigen Baumarten Südwestafrikas,
meist Akazienarten, sind knorrig und bestehen aus einem steinartig
harten, nicht zu bearbeitenden Holze. Als Brennholz ist es auch nur
zu verwenden, nachdem es im Laufe der Zeit verwittert und vom Stamme
abgefallen ist. Das Bauholz hat dagegen bis jetzt durchweg von auswärts
eingeführt werden müssen. Auch auf diesem Gebiete wenigstens unseren
eigenen Bedarf zu decken, muß daher wie beim Acker- und Gartenbau
das Ziel unseres Strebens sein. Dagegen habe ich meinen früher
einmal gehegten Gedanken, dereinst vielleicht auch noch die Berge
Südwestafrikas mit einem stattlichen Baumwuchs bestanden zu sehen
und so eine der Grundlagen für natürliche Quellen zu schaffen, längst
aufgegeben. Denn hierzu fehlen alle und jegliche Vorbedingungen.
Endlich seien auch noch einige Worte der Palme im allgemeinen gewidmet,
jenem schönen pappelähnlichen Baum, dessen Anblick allein schon uns
in die Tropen zu versetzen vermag. Ihr Gebiet beginnt im Schutzgebiet
nördlich Grootfontein. Dort wie im ganzen Ovamboland stellt sie sich
als eine im Freien häufig vorkommende Pflanze dar. Im übrigen, also im
südlichen Schutzgebiete wird sie in den Gärten künstlich gehegt, und
man findet sie selbst in den südlichsten Missionsgärten, so in Warmbad.
Ihr Wert, auch als Nutzpflanze, ist bekannt; je nach der Art liefert
sie Kokosmilch, Palmwein und Früchte, unter letzteren hauptsächlich
die Dattel der bereits erwähnten Dattelpalme. Der einzige Nachteil der
letzteren ist, daß sie erst innerhalb acht bis zehn Jahren erntereif
wird. Um diese Zeit abzukürzen, wurden seitens des Gouvernements aus
Algier bereits fünfjährige Wurzelsprößlinge bezogen, von denen die Zeit
der Ernte um so viel früher zu erwarten war.
Nicht schließen kann ich diesen Abschnitt, ohne noch eines argen
Feindes der südwestafrikanischen Bodenkultur Erwähnung zu tun, nämlich
der Heuschrecken. Zufällig habe ich dieser Tage in einer größeren
Tageszeitung[95] eine aus Argentinien stammende Schilderung dieser
Plage gefunden, die auch auf Südwestafrika zugeschnitten ist. Ich will
sie daher hier wörtlich folgen lassen:
»Eine Missionsschwester in Diamante hat an ihre Angehörigen in
Wörishofen einen vom 9. Januar datierten Brief gerichtet, in dem sie
einen Heuschreckeneinfall schildert. Sie berichtet so anschaulich,
daß ein Teil des Briefes auch weitere Kreise interessieren wird. Der
Brief beginnt: »Heute bin ich in der Lage, von einem Ereignisse zu
berichten, das wir Entrerianer (d. h. die Bewohner der Provinz Entre
Rios) in den letzten 14 Tagen erlebten. Es war am 2. Weihnachtstag,
als wir, beim Mittagsmahl sitzend, plötzlich von draußen laute Rufe
der Verwunderung, des Staunens und unangenehmer Überraschung hörten.
Wir sahen uns erstaunt an, und mit der Frage: ‚Was soll das bedeuten?‛
sprangen wir von unseren Sitzen auf und eilten heraus in den Hof. Welch
ein Anblick! Auf dem Boden war ein Gewimmel und ein Getue, ein Hüpfen
und ein Springen von unzähligen, rotgelben, nicht unschönen Tierchen.
Wieder fragte man sich: ‚Was ist das?‛ Andere, die dergleichen schon
früher gesehen, kamen mit dem erschreckten Ausrufe: ‚Die unheilvollen
Heuschrecken sind gekommen!‛
»Wir schauten nun nach der Straße, da bot sich den vor Staunen fast
starren Blicken ein seltsames Schauspiel dar. Soweit das Auge reichte,
sah es nichts anderes als Heuschrecken, so daß man unwillkürlich an die
Heuschreckenplage im alten Ägypten dachte, von der die Bibel berichtet.
Alle Straßen, Wege und Stege, kurz alles war wie dicht besät mit diesen
unwillkommenen Gästen. In endlosen Reihen marschierten sie daher, ein
Tier am andern, in schönster Ordnung, in Reih und Glied, so schön wie
ein Heer Soldaten, das ins Feld zieht. Es war wirklich ein imposanter
Anblick. Aber bald begannen diese Unberufenen ihr verderbenbringendes
Geschäft. Mit einem wahren Heißhunger fielen sie über Gräser, Kräuter,
Blumen, Sträucher, Bäume, kurz über die ganze Pflanzenwelt her. Hättet
Ihr das doch sehen können! Man muß es angesehen haben, um es glauben
zu können, was diese Tiere in ihrer Freßgier leisten können. Keine
Zierstaude, keine Pflanze, keine Palme, kurz, kein Gewächs blieb
verschont. Alles wurde eine Beute dieser gefräßigen Sechsfüßler. Und
das sind noch erst die jungen, hüpfenden Heuschrecken, denen die Flügel
noch ganz und gar fehlen. Die Orangen-, Feigen- und Pfirsichbäume
wurden bis zuletzt gespart, d. h., die waren ihnen nicht zart genug,
als aber nichts Besseres mehr vorhanden war, nahmen sie auch damit
vorlieb.
»Wirklich interessant war es, zu beobachten, wie sie an den
Pfirsichbäumen vorgingen. Erst wurden die Früchte aufgezehrt, obgleich
sie noch ganz unreif waren, dann die Blätter, endlich die Rinde
der Bäume. Wenn sie wenigstens diese noch verschont hätten, damit
die Bäume doch nicht ganz abstürben, aber nein, alles wird von den
Fressern abgenagt und abgeschält. Zum Erbarmen ist es auch, wie sie
die Blumengärten so übel zurichten. Die herrlichen Gärten sind ihrer
Pracht und Schönheit beraubt, kein Blumenbeet ist mehr kennbar, alles
ist dem Erdboden gleichgemacht und verwüstet, und wo sonst Blumenkelche
dufteten, da breitet sich jetzt ein übelriechender Dunst aus. Man
könnte fragen, ob feindliche Horden hier ihr Unwesen getrieben haben,
so entsetzlich sieht es aus. Die unliebsamen Besucher drangen sogar in
die Häuser, Betten usw. ein. Tag und Nacht hatten wir keine Ruhe. Bevor
wir uns schlafen legten, hatten wir jedesmal eine halbe Stunde zu tun,
um die Betten zu säubern und die kleinen Unholde hinauszuwerfen.
[Illustration:
Duft ~Dr.~ Golinelli Böttlin Leutwein Mueller
Am Regierungsdamm bei Windhuk.]
»Wenn das aber nun alles wäre! Aber nicht weniger unverschämt hausten
die Heuschrecken draußen auf dem Kamp. Ein Kolonist sagte mir, es
sei draußen auf den Feldern auch nicht ein grünes Blättchen mehr zu
sehen. Die bedauernswerten Kolonisten! Soviel Mühe, Arbeit und Schweiß
verloren! Es war dieses Jahr Aussicht auf eine reiche Maisernte.
Nun ist alles, alles vernichtet! Der Schaden ist enorm und kaum
abzuschätzen. Ihr werdet denken, man müsse dem so verderblichen Treiben
der kleinen Fresser doch Einhalt tun können. Ja, gegen den Strom läßt
sich nicht gut anschwimmen. In unserem Garten hatten wir zehn tiefe
Gruben gemacht. Diese wurden zur Hälfte mit Wasser gefüllt, da hinein
trieben wir die Tiere nun nach Tausenden, und doch konnte man nicht
gewahren, daß ihre Masse sich verringert hätte. Den ganzen Tag waren
wir auf der Jagd; die einen schlugen, andere traten sie tot, andere
trieben sie in die Gruben, und so schafften wir fast acht Tage lang.
Mehr als einmal mußte man davonlaufen und die Heuschrecken, die sich
in den Kleidern verkrochen hatten, hervorsuchen; ich zählte einmal
bei einer derartigen Jagd 30 Stück. Selbst die Haustiere halfen uns
bei unserem Vernichtungswerke. Kälber, Kühe, Borstentiere, Vögel und
Hühner hielten alle Tage, ja den ganzen Tag Festschmaus, selbst Hund
und Katze taten sich gütlich an den fetten Bissen, aber gegen dieses
Millionenheer konnten wir nichts ausrichten.
»Wie schon erwähnt, waren dies erst die jungen Heuschrecken, bald
sollen nun die alten fliegenden nachkommen. Diese verzehren vollends
auf den Bäumen, was etwa da und dort noch übrig geblieben, sie bleiben
aber nur eine Nacht. Heute, da ich dies schreibe, also 14 Tage nach der
Ankunft der Heuschrecken, hüpfen immer noch einige in unserem Garten
herum, die übrigen sind teils vernichtet, teils glücklich abgeschoben.
Ich erwähne noch, daß eine Heuschrecke achtzig Eier legt, daher die
große Vermehrung. Sie sehen ganz anders aus als die grasgrünen in
Deutschland. Die kleinen hier haben einen rötlich gelben Leib, der
Kopf ist rot, die Beine braun mit schwarzen Pünktlein; die alten sind
häßlich grau.««
* * * * *
Glücklicherweise erscheinen diese Schädlinge nicht jedes Jahr und nur
in einzelnen Landstrichen, da sie ähnlich wie unsere Maikäfer bis
zur Reife verschiedene bestimmte Zeitperioden in Anspruch nehmende
Wandlungen durchzumachen haben.
Klima und Gesundheitsverhältnisse.
Südwestafrika stellt sich als eine von der Küste ab stetig ansteigende
Hochfläche von etwa 1200 ~m~ Durchschnittshöhe dar. Der Hauptort
Windhuk liegt sogar auf 1600 ~m~, mithin nahezu in der Höhe des Rigi in
der Schweiz. Aus dieser Hochfläche erheben sich dann wieder zahlreiche
vereinzelte Kuppen und Gebirge von meist tafelförmiger Gestaltung bis
zu 2700 ~m~ Höhe, sonach bis in die Region des ewigen Schnees der
Alpen. In seiner Hauptmasse liegt das Land zwischen dem 20. und 30.
Breitengrade, durchschnitten von dem durch Rehoboth gehenden Wendekreis
des Steinbocks. Das Schutzgebiet liegt mithin in derselben Entfernung
vom Äquator wie die Wüste Sahara, und nur der Höhenlage verdanken
wir es daher, wenn Südwestafrika nicht gleichfalls ein tropisches,
den Europäern ungesundes Klima aufweist. Dafür haben wir dort mit
gewaltigen Temperaturunterschieden zu rechnen. Innerhalb 24 Stunden
kann der Thermometer einen Unterschied von 40 Grad ausweisen; nachts
belästigt uns Kälte, bei Tage große Hitze. Die Jahreszeiten liegen
genau umgekehrt wie in Deutschland. Die heißesten Monate fallen in
Südwestafrika auf Dezember und Januar, die kältesten auf Juni und
Juli. Diese klimatischen Verhältnisse drücken dem Schutzgebiet in bezug
auf die Art der Bodenkultur ihren Stempel auf, und zwar im allgemeinen
nicht im günstigen Sinne. Die kalten Nächte verbieten den Anbau von
tropischen Pflanzen, deren Zucht in diesen Breitengraden sonst möglich
sein würde, wie z. B. Kaffee, Kakao und Tee. Wir müssen uns daher
dort auf die Zucht von Kulturpflanzen mit geringeren Wärmeansprüchen
beschränken, wie Zitronen, Bananen, Orangen, Feigen, Mandeln, Datteln,
Wein und Tabak. Dafür aber bietet Südwestafrika wieder die Möglichkeit
des Anbaues auch von europäischen Nutzpflanzen, darunter unsere
sämtlichen Getreidearten, sowie das wichtige Volksnahrungsmittel,
die Kartoffel. Vor allem finden sich in dem dortigen Boden reichlich
die Daseinsbedingungen für das, worauf schon die Wasserverhältnisse
seine Bewohner hinweisen, nämlich Gras und Futterkräuter aller Art zur
Ernährung gewaltiger Viehherden. Für die Bodenerträgnisse ist dagegen
wieder die Verteilung des Regens auf die Jahreszeiten ungünstig. Es
fallen warme Jahreszeit und Regen zusammen, und zwar in die Monate
Januar bis April. Hat sich infolgedessen im Monat April die Natur
mit allen nur denkbaren Reizen geschmückt, so ertötet die bald daraus
einsetzende kalte Jahreszeit diese wieder. Bis zum nächsten Regenfall,
d. i. in der Regel fünf Monate lang, zeigt sich dann das Schutzgebiet
von einer weniger vorteilhaften Seite. An Stelle des frischen Grüns
ist ein trauriges Graugelb getreten, zum Glück jedoch behalten die
auf dem Halm verdorrten Futtergewächse wenigstens ihren Nährwert,
hierbei unterstützt durch die während der Trockenzeit fallenden starken
Tauniederschläge.
[Illustration: Klein-Windhuk.]
Hat sonach die Höhenlage des Schutzgebietes in bezug auf seine
landwirtschaftliche Ausnutzung ihre Schattenseiten, so ist sie
anderseits wieder der Gesundheit außerordentlich zuträglich. Ein
Hochlandklima mit seinen erfrischend kühlen Nächten und seiner
Trockenheit muß an sich schon dem Europäer zuträglicher sein als
das feuchte Tieflandsklima in der gleichen geographischen Breite.
Die gefürchtetste Tropenkrankheit, die Malaria, finden wir daher
in Südwestafrika nur selten. Sie beschränkt sich auf wasserreiche,
tiefer gelegene Stellen, wo indessen durch Entwässerungsarbeiten viel
verbessert werden kann. So waren z. B. Gobabis und Grootfontein vor
Zeiten ausgesprochene Fieberplätze. Beide wurden aus diesem Grunde,
obwohl sie sonst viele Vorteile bieten, von den Eingeborenen gemieden.
Nach der Besitzergreifung durch uns haben Kulturarbeiten an beiden
Plätzen die gleichen Gesundheitsverhältnisse geschaffen wie in dem
übrigen Schutzgebiet. Ähnlich liegt die Sache in Gibeon, wo früher
eine sumpfige Quelle sowie die stagnierenden Wasser des Fischflusses
den Fieberkeimen einen günstigen Herd boten. Wenn dagegen unter
den zur Zeit in Südwestafrika im Feld stehenden Truppen eine nicht
tropische Krankheit, der Typhus, zahlreiche Opfer fordert, so ist dies
eine Erscheinung, die sich in jedem Kriege findet, also nicht mit
der Beschaffenheit des Landes in Verbindung zu stehen braucht. Das
schließt allerdings nicht aus, daß die genannte Krankheit gerade in
Südwestafrika günstige Vorbedingungen findet, weil wir dort in bezug
auf Trinkwasser vielfach auf stehende Tümpel angewiesen sind.[96]
Im übrigen kann in Südwestafrika der Weiße auch bei körperlicher
Arbeit ohne Schaden für seine Gesundheit leben. Die große Reinheit
und Trockenheit der Luft läßt die Hitze dort niemals so schwer
empfinden wie selbst in Deutschland bei seinem größeren atmosphärischen
Feuchtigkeitsgehalt. Für Personen mit kranken Atmungsorganen kann der
Aufenthalt im südwestafrikanischen Klima geradezu als Kur betrachtet
werden. Die Lebensbedingungen können dort genau so eingehalten werden
wie in Europa, so daß sich der Einwanderer in seiner gewohnten
Lebensweise keine besonderen Beschränkungen aufzuerlegen braucht. Nur
in einem Punkte zeigt sich die dünne Höhenluft dem menschlichen Körper
auf die Dauer nicht immer zuträglich: in bezug auf die Herztätigkeit.
Wer hierin von schwacher Konstitution ist, dem kann nur geraten werden,
Südwestafrika zu meiden. Sogar in Zeiten tiefsten Friedens pflegt von
den Angehörigen der Schutztruppe ein ganz erheblicher Prozentsatz nach
abgelaufener Dienstzeit mit mehr oder minder gestörter Herztätigkeit
auszuscheiden und zum Teil invalidisiert zu werden. Hier ist mithin
die Grenze gegeben, innerhalb welcher der Einwanderer sich in bezug
auf seine Lebensgewohnheiten vielleicht Beschränkungen auferlegen muß,
nämlich, je nach der körperlichen Veranlagung, teilweise oder völlige
Vermeidung derjenigen Genußmittel, die auf die Herztätigkeit einwirken,
wie Tabak, Kaffee, Tee und Alkohol.
[Illustration: Gärten von Klein-Windhuk.]
Die Viehzucht und deren Feinde.
Unter den in Südwestafrika vorhandenen Nutztieren unterscheiden wir
folgende Arten: 1. Pferde und Esel, 2. Rindvieh, 3. Fleischschafe, 4.
Wollschafe, 5. gewöhnliche Ziegen, 6. Strauße.
[Illustration: Weidefeld mit der östlichsten Spitze der Arrasberge
(in Wolken).]
Diese Arten sind entweder seitens der einwandernden Europäer bereits
vorgefunden oder schon vor langer Zeit eingeführt worden. Zu ihnen
traten noch unter der deutschen Herrschaft: 7. Schweine, 8. sonstige
Zuchten, wie Geflügel usw.
Auf dem Gebiet der Viehzucht ist für Südwestafrika nur Erfreuliches zu
berichten. Denn ihm stehen alle erforderlichen Vorbedingungen für eine
Viehzucht ersten Ranges zur Seite. Erstens gestattet das gleichmäßige
Klima mit einem Winter ohne Schnee- und Regenfall für das ganze Jahr
freien Weidegang. Zweitens bewirkt die Verbindung des Regenfalls
gerade mit dem Sommer, welchen Umstand wir für Acker- und Gartenbau
als nachteilig erkannt haben, für die Viehzucht das Gegenteil. Sie
wird zur Ursache, daß gerade in den heißesten Monaten das Wasser am
reichlichsten vorhanden ist und daß die Futterpflanzen schnell zur
Reife kommen. Das Vieh erreicht daher während der heißen Zeit einen
besonders guten Futterzustand und vermag dann auch die futterärmere
Winterszeit mit kalten, dafür aber regenlosen Nächten bei freiem
Weidegang zu überdauern. Eine Verbindung des Regens mit den _kalten_
Nächten würde dagegen Stallpflege notwendig und damit eine Viehzucht im
großen unmöglich machen, denn diese würde dann zu kostspielig werden.
Die dritte und wesentlichste Vorbedingung für ein Gedeihen des Viehes
ist der hohe Nährwert des Grases und der sonstigen Futterpflanzen
Südwestafrikas. Der in das Land gekommene Neuling wird das schwer
glauben, wenn er die dortigen, oft recht unscheinbar aussehenden
Weidefelder mit ihrem struppigen Buschwerk und spärlichen Grasarten
sieht. Selten vermag er sich an dem Anblick hoher, wogender Grasfelder
zu erfreuen, und gerade diese bilden die schlechtesten Weidegründe.
Ihr Gras wird bald hart und holzig, ist wenig nahrhaft und schwer
verdaulich. Ein alter Afrikaner sieht daher nicht auf die äußere
Beschaffenheit des Weidefeldes. Das beste Futter ist das niedere,
büschelförmig wachsende Gras, das einen hohen Nährwert besitzt und
stets weich bleibt. Der Kenner weiß daher auch eine Buschlandschaft
mit dünn verstreuten Grasbüscheln zu schätzen. Vor allem aber ist das
Land infolge seines salzhaltigen Bodens reich an dem ganz unscheinbar
aussehenden Brackbusch, und ohne diesen kann das Vieh auch bei dem
üppigsten Graswuchse nicht gedeihen.
[Illustration: Brunnen am Okamatuyowasser,
4 ~m~ im massiven Felsen; gibt auch in der Trockenzeit pro Tag für 1000
Ochsen Wasser. Im Vordergrunde Afrikaner Kühe.]
Die Möglichkeit freien Weideganges für das Vieh das ganze Jahr
hindurch ist die Grundlage für eine billige Viehwirtschaft. Einige
Eingeborene zur Aufsicht und einige Einzäunungen in Gestalt von
Dornbuschkraalen, für die das Material überall vorhanden ist, sind die
ganzen Unterhaltungskosten. Im übrigen nährt und vermehrt sich das
Vieh von selbst. Der Viehzüchter muß, um Inzucht zu vermeiden, nur für
rechtzeitigen Wechsel der männlichen Zuchttiere sorgen. Würden nicht
die im Kapitel ~IV~ geschilderten Viehkrankheiten von Zeit zu Zeit
böse Lücken in die Herden reißen, so wäre die Viehzucht Südwestafrikas
vielleicht das rentabelste Geschäft auf dieser Erde.
Als Beweis für diese Behauptung mögen die gewaltigen Viehherden dienen,
welche die Hereros vor Aufrichtung der deutschen Schutzherrschaft
besessen haben. Ich schätzte deren Gesamtbestand zur Zeit meines
Eintreffens im Schutzgebiet (1894) auf 500000 Stück. Viel Genuß hatten
die Hereros von diesem Reichtum indessen nicht. Denn der Besitz großer
Viehherden war für sie Endzweck und nicht ein Mittel, mit dessen Hilfe
sie sich etwa das Leben angenehm zu gestalten versucht hätten. Nur
einen verschwindend geringen Prozentsatz ihres Viehbestandes setzten
sie im Handel um. Fast ebensowenig schlachteten sie davon. Der größte
Teil des Viehs ging daher nach mehrjährigem zwecklosen Dasein an
Altersschwäche zugrunde. Bis zum Ausbruch der Rinderpest habe ich
damals diese Entwicklung der Dinge mit großer Sorge betrachtet und
häufig mit den Hererohäuptlingen besprochen. Denn bei einer derart
unzweckmäßigen Viehwirtschaft mußte dereinst sicher der Zeitpunkt
kommen, an welchem die in das Ungemessene angewachsenen Rinderherden
der Hereros ihre Herren zum Suchen nach neuen Weideplätzen zwangen. Wie
schwer es überhaupt damals schon war, das Volk hinter seinen Grenzen
zurückzuhalten, ist im Kapitel ~II~ geschildert. Auch den Gefahren
einer fortgesetzten Inzucht standen die Hereros gleichgültig gegenüber
und ließen ihr Vieh ruhig degenerieren. Erst die dem Schutzgebiet
sonst so schädlich gewesene Rinderpest hat die Herden und mit ihnen
die Viehwirtschaft der Hereros auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt
sowie deren Indolenz in bezug auf die Sorge um den Nachwuchs etwas
aufgerüttelt.
Was die Art der Viehzucht anlangt, eignet sich auf Grund der
Futterverhältnisse das Namaland mehr für die Zucht von Kleinvieh,
das Hereroland für die von Großvieh. Die zahlreichen Dornbüsche des
Hererolandes schließen die Zucht von Wollschafen überhaupt aus.
Indessen weist im Namalande auch die Großviehzucht hinsichtlich
der Güte die besseren Ergebnisse auf, und das Namarind übertrifft
das Hererorind an Größe wie an Fleischgehalt. Die Ursache
dieser Erscheinung liegt nicht nur in den verschiedenartigen
Futterverhältnissen -- die Namaweide ist spärlicher, dafür aber um so
nahrhafter --, sondern auch in der bereits geschilderten Indolenz der
Hereros gegen die Inzucht. Nicht als ob die Hottentotten verständigere
Viehzüchter wären, das Verdienst für das bessere Namarind gebührt
vielmehr den frühzeitig aus der Kapkolonie dort eingewanderten Weißen.
[Illustration: Zugochsen der Hererorasse kommen mittags zum Tränken an
einem Damm.]
[Illustration: Weidefeld unterhalb eines Dammes bei Windhuk.]
Um nunmehr auf die Zucht der einzelnen Tiergattungen überzugehen, so
beginne ich mit