Dem Unterhäuptling Kambazembi sind wir bereits in Kapitel ~II~ und

~VIII~ begegnet. Wir haben ihn als einen viehreichen, im ganzen

gutmütigen, dabei aber schlauen Herero von altem Schrot und Korn

kennen gelernt. Trotz seines Reichtums -- nach unseren Anschauungen

könnte man ihn Millionär nennen -- hat Kambazembi in seiner einfachen

Hererolebensweise nichts geändert. Er verschmähte alle europäischen

Genußmittel. Seine Nahrung bestand nach der Väter Sitte lediglich in

Fleisch, Milch und Feldfrüchten. Bei dieser einfachen Lebensweise

hätten seine Viehherden ins ungemessene wachsen müssen, wenn nicht

zuerst die Rinderpest eine tüchtige Lücke in sie gerissen und dann

das fortgesetzte Schuldenmachen seiner zahlreichen Söhne von Zeit

zu Zeit einen weiteren Aderlaß verursacht hätte. Gerade Kambazembis

Gebiet war das Hauptziel des Feldhandels, denn dort war noch etwas zu

holen. Und man muß es dem Alten lassen, was an ihm lag, einen Ausgleich

zwischen dem Schuldenmachen seiner Leute und den Forderungen der

Händler herbeizuführen, das hat er redlich getan. Doch hat er nicht

verhindern können, daß noch während seines letzten Lebensjahres einer

seiner Söhne, um sich seinen Schulden zu entziehen, unter Mitnahme auch

fremden Gutes nach dem Ovamboland flüchtete. Indessen, auch da hat

Kambazembi das von seinem Sohn zu Unrecht mitgenommene Gut trotz der

erhobenen unangemessen hohen Gegenforderungen bereitwillig ersetzt.[90]

Die letzten Lebensjahre Kambazembis wurden sehr durch den Zwiespalt

zwischen seinen beiden als Nachfolger in Betracht kommenden Söhnen

David und Salatiel verbittert. Der erstere war sein ältester Sohn

überhaupt, der letztere aber derjenige der Hauptfrau. Das Gouvernement

enthielt sich der Einmischung, behielt aber diesen Zwiespalt im Auge,

um ihn gegebenenfalls politisch auszunutzen. Nach dem Tode Kambazembis,

der kurz vor Ausbruch des Bondelzwartsaufstandes erfolgte, haben sich

dann die beiden Söhne unter Vermittlung des Oberhäuptlings dahin

geeinigt, daß sie sowohl Herrschaft wie Viehherden teilten. David

wurde Herr des Platzes Waterberg, Salatiel des übrigen Gebietes.

Einig waren sie darum aber doch nicht. So hat sich David, auf den

die Anhänglichkeit seines Vaters Kambazembi an den Oberhäuptling

übergegangen war, in der Folge dem Aufstande angeschlossen, Salatiel

aber nicht. Der erstere verhinderte nicht die Ermordung zahlreicher

Weißer auf seinem Platze Waterberg und zog dann mit seiner ganzen Macht

nach dem Süden, dem Oberhäuptling Samuel zu Hilfe. Salatiel dagegen

blieb, Gewehr bei Fuß, bei Waterberg stehen und zeigte große Lust zu

einer friedlichen Verständigung mit der deutschen Regierung. Ich habe

schon oben erwähnt, wie der Oberhäuptling diese schwankende Haltung

Salatiels wieder zu befestigen wußte. Andernfalls würde eine Benutzung

dieses günstigen Umstandes unserseits uns möglicherweise Bundesgenossen

aus dem eigenen Stamm der Aufständischen zugeführt haben, was für

afrikanische Kriege stets einen ganz erheblichen Vorteil bedeutet.

Salatiel hat sich dann am Kampfe bei Waterberg beteiligt und soll auf

der Flucht gestorben sein, während David sich auf englisches Gebiet

gerettet haben soll.

Der Unterhäuptling Tjetjo ähnelte in vielem dem Häuptling Kambazembi.

Schon äußerlich glichen sie sich in bezug auf Schwerfälligkeit der

Figur und Neigung zur Dickleibigkeit. Auch Tjetjo war Heide geblieben,

aber er trug -- im Gegensatz zu Kambazembi -- stets europäische

Kleidung und war auch sonst den Genüssen der Zivilisation nicht abhold.

Ebenso war Tjetjo ein großer Viehbesitzer und Herr einer Werft, die

etwa 600 bis 700 waffenfähige Männer zu stellen vermochte. Aber er war

alt, bequem und daher friedliebend. In einem Punkte aber unterschied

sich Tjetjo wesentlich von Kambazembi. Er war ein ebenso erbitterter

Feind des Oberhäuptlings, wie jener dessen Freund war. Trotzdem hat

auch er sich schließlich mit dem Oberhäuptling geeinigt, als es sich

um den gemeinsamen Aufstand handelte. Die treibende Kraft hierbei wird

wohl sein ältester Sohn Traugott gewesen sein, ein Christ, aber wegen

Rückfalls in die Vielweiberei aus der Gemeinde ausgeschlossen. Traugott

war ein energischer Mensch, eine Art Nikodemusnatur. Bei ihm schwankte

das Zünglein der Wage fortgesetzt zwischen Wohlverhalten und Aufstand.

Nur hielt ihn sein friedliebender Vater im Zaum. Bei der im Jahre 1899

erfolgten Expedition gegen den Stamm Tjetjos (Kapitel ~V~) habe ich

daher diesen Zwiespalt benutzt und den Sohn entwaffnet. Damals wurde

Traugott auch auf Betreiben des Oberhäuptlings zum Verlegen seines

Wohnsitzes in das Gebiet von Okahandja verurteilt. Traugott aber bat

mich flehentlich, von dieser Strafe abzusehen, da ihm, nachdem er durch

Abgabe seiner Gewehre waffenlos geworden sei, die Okahandja-Hereros

alles Vieh wegnehmen würden. Da ich auf der andern Seite auch keinen

Anlaß zur allzu großen Verstärkung der Machtstellung des Oberhäuptlings

besaß, willfahrte ich dieser Bitte. Und doch hat auch Traugott

sich schließlich behufs Teilnahme an dem Aufstande wieder mit dem

Oberhäuptling vertragen. Er befindet sich zur Zeit gleichfalls auf

englischem Gebiet. Tjetjo ist dagegen nach Waterberg den Strapazen der

Flucht erlegen.

Endlich würde hier noch Zacharias, der Häuptling von Otjimbingwe,

zu erwähnen sein. Eine baumlange Erscheinung von auffallender

Magerkeit, stets mit einem freundlich wohlwollenden Lächeln im

Gesicht, unbedeutend nach Verstand, Charakter und Autorität, dabei

leidenschaftlicher Liebhaber von Alkohol, so tritt uns Zacharias

entgegen. Persönlich wie politisch eine Null, hing er sich an die

Rockschöße des Oberhäuptlings Samuel, zwischen diesem und den Wünschen

seiner eigenen Leute hin- und herschwankend. Bis zum Aufstande hat

auch Zacharias zu allem, was von der Regierung ausging, Ja und Amen

gesagt, stets ängstlich bedacht, tunlichst mit allen Menschen im

Frieden zu leben. Im Schuldenmachen und damit zusammenhängend im

Tempo seiner Farmverkäufe übertraf er fast noch seinen Oberhäuptling

Samuel. Damit würde es indessen bald zu Ende gewesen sein, denn ihm war

bereits ein festes und unverkäufliches Reservat zugemessen worden. Bei

einem einzigen, noch dazu recht wichtigen Anlaß schien sich dagegen

Zacharias der Nachfolge auf den Wegen des Oberhäuptlings entziehen zu

wollen, und das war bei Beginn des großen Aufstandes. Nicht weniger

als elf Tage hat er den Anschluß verweigert und es vorgezogen, sich

auf die Ratschläge des Missionars und des Stationschefs zu stützen.

Wenn er auf die Dauer nicht hat widerstehen können, so ist bei keinem

Hererohäuptling wie bei ihm so sehr die Annahme gerechtfertigt, daß die

Wogen schließlich über seinem Haupte zusammengeschlagen sind. Geschadet

hat er aber für seine Person uns gewiß nicht viel. Auch war er der

erste aller Hererohäuptlinge, der sich im Vertrauen auf sein gutes

Gewissen freiwillig gestellt hat. Zur Zeit befindet er sich in einem

Konzentrationslager.

[Illustration:

Zacharias

Zacharias von Otjimbingwe.]

Die Stellung der Häuptlinge zu ihren Stammesgenossen.

Die Regierungsform hatte sich bei den Hottentotten sowohl wie bei den

Hereros in einer ganz anderen Bahn entwickelt als bei den übrigen

Eingeborenen Afrikas. Während wir dort sonst die Häuptlinge immer

und überall als unumschränkte Herren über Leben und Eigentum ihrer

Untertanen, mithin die absolute Monarchie in ihrer ausgesprochensten

Form finden, treten uns hier die Stammeshäupter mehr als »~primi inter

pares~« entgegen. Die Regierungsgewalt liegt mehr bei dem Rat der

Ältesten, deren Vorsitzender der Häuptling ist, als bei der Person

des letzteren. Nur besonders begabte Herrschernaturen wie Witbooi

haben, aber lediglich gestützt auf die eigene Person, eine wirklich

beherrschende Stellung zu gewinnen verstanden. Sogar gestraft konnte

der Kapitän durch das Gericht der Stammältesten werden. Die einzige

Strafe, der er nicht unterlag, war die Prügelstrafe, die sonst ohne

Ansehen der Person verhängt wurde.

Diese für Hottentotten und Neger fast allzu freie Regierungsform mag

bei den ersteren der frühzeitigen Berührung mit den in die Kapkolonie

eingedrungenen Weißen ihre Entstehung verdanken. Zufällig waren die

ersten Eindringlinge Holländer, denen dann die Engländer folgten,

die beide damals schon unter den Völkern Europas gleichfalls die

freieste Regierungsform besaßen. Die vom Norden in das Schutzgebiet

gekommenen Bantus haben dann wohl während der zahlreichen kriegerischen

und friedlichen Berührungen mit den Hottentotten sich allmählich

wohl oder übel auch deren Regierungsform angepaßt. Der Vater des

jetzigen Oberhäuptlings, der alte Kamaherero, hatte noch eine nahezu

autokratische Gewalt besessen. Er verfuhr mit Leben und Eigentum

seiner Untertanen ganz nach der alten Negersitte. Mit seinem Tode

und der damit beginnenden Erbfolgestreitigkeit verfiel jedoch diese

Machtstellung wieder. Die anfängliche Ohnmacht seines Sohnes und

Nachfolgers haben wir ja bereits kennen gelernt. Strafen innerhalb

des Stammes und gar die Todesstrafe hat es seit dem Ableben des alten

Kamaherero unter den Hereros nicht mehr gegeben. Selbst Morde blieben

ungesühnt. Im Gegensatz zu den Hereros hat sich dagegen bei den für

sich abgeschlossen lebenden Ovambos die alte absolute Häuptlingsgewalt

in ihrer krassesten Form aufrechterhalten. Bei ihnen pflegt sich

jeder Häuptling zu einem mehr oder weniger blutgierigen Tyrannen zu

entwickeln.

Bei aller Ohnmacht ist jedoch auch bei den Hottentotten und Hereros die

Stellung der Stammesoberhäupter in ihrer Mehrzahl immerhin in einer

Beziehung noch mit einer gewissen Machtfülle umgeben, nämlich in bezug

auf Zulassung des Bösen. Wird der Krieg vom Kapitän nicht gewollt, so

kann er auch nicht ausbrechen, wünscht der Kapitän keine Schädigung von

Leben und Eigentum der in seinem Lande wohnenden Angehörigen anderer

Nationen, so sind diese sicher, seien sie weiß oder schwarz, oder aber

es folgt deren etwaiger Verletzung die Ahndung unfehlbar. Nur laues

Verhalten des Häuptlings, das Zudrücken von einem oder gar von beiden

Augen, gibt den Übelgesinnten unter seinen Leuten Mut und Spielraum zu

Untaten. Diese autoritative Stellung schließt aber nicht aus, daß bei

einem die Leidenschaften des ganzen Stammes aufwühlenden Anlaß, wie

dies der allgemeine große Aufstand des Jahres 1904 war, es vorkommen

kann, daß der Häuptling sich lediglich vor die Wahl gestellt sieht, ob

er mitmachen oder seinen Platz räumen will. Das ist jedoch in Europa

auch nicht anders. Auch dort finden wir Beispiele genug, daß ein

regierender Fürst gegen seine Überzeugung in einen Krieg hineingezogen

worden ist, weil er dem Drängen der öffentlichen Meinung seines Landes

nicht hatte zu widerstehen vermocht.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel ~X.~

Wirtschaftliches.[91]

Meteorologische Verhältnisse, Acker-, Gartenbau, Forstkultur.

Beinahe bis zum Überdruß ist schon verkündigt worden, daß das

Schutzgebiet das Land der Viehzucht und des Bergbaues sei. Da aber

in dieser Beziehung in der Heimat immer noch irrige Ansichten zutage

treten, so kann es nicht oft genug wiederholt werden. Wer nach

Südwestafrika auswandert, der lasse den Gedanken an Egge und Pflug

zu Hause, es sei denn, daß er seine Schritte nach dem Grootfonteiner

Gebiet oder dem Ovambolande lenkt.

Das ausschlaggebende Moment für den Weg, auf dem die wirtschaftliche

Ausnutzung eines Landes erfolgen kann, bildet die Wasserfrage, und

diese ist wieder von den Niederschlägen abhängig. Um ein richtiges

Urteil über den wirtschaftlichen Wert des Schutzgebietes zu gewinnen,

wurde daher das ganze Land mit einem Netz von meteorologischen

Beobachtungsstationen überzogen und die Oberleitung über das Ganze

einem Gouvernementsbeamten übertragen. Unmittelbar vor dem Aufstande

hatten die Beobachtungsstationen die Zahl von 54 erreicht. Ihre

Ergebnisse sind alljährlich in den Jahresberichten des Gouvernements

veröffentlicht worden. Für hier genügt es, die Durchschnittszahlen

der Hauptstationen anzuführen. Nach den Beobachtungen in den letzten

drei Berichtsjahren vor dem Aufstande, d. i. vom 1. April 1900 bis 1.

April 1903, betrugen die Regenhöhen: 1. für das Grootfonteiner Gebiet

durchschnittlich 521 ~mm~, 2. für Windhuk 226 ~mm~, 3. für Gobabis

339 ~mm~, 4. für Gibeon 85 ~mm~, 5. für Keetmanshoop 83 ~mm~, 6. für

Bethanien 69 ~mm~.

[Illustration: Trockenes Flußbett im Kaokofeld.]

Zum Vergleich füge ich hinzu, daß der Jahresdurchschnitt für

Deutschland etwa 500 bis 600 ~mm~ beträgt, für Mittelspanien aber nur

300 ~mm~. Diese Zahlen beweisen, daß im Grootfonteiner Gebiet wohl die

Möglichkeit des Ackerbaues vorliegt, während man im mittleren Teile des

Schutzgebietes wenigstens stets auf so viel Feuchtigkeit wird rechnen

können, als der Bestand der Weide verlangt. Im Süden muß man dagegen

zufrieden sein, wenn der alljährlich fallende Regen zur Erneuerung der

Weide überhaupt ausreicht. Die Witterungsverhältnisse des Ovambolandes

sind bereits im Kapitel ~VI~ besprochen. (S. 198 ff.)

Zu erörtern wäre noch die Frage, wo im Herero- und Namalande das

Niederschlagwasser bleibt. Es ist bekannt, daß die sämtlichen

südwestafrikanischen Flüsse in der Trockenzeit wasserlos sind, während

sie in der Regenzeit oft gewaltige Wassermengen zu Tale führen. Die

Ursache dieser Erscheinung ist in erster Linie in der Tatsache zu

suchen, daß in Südwest sowohl der Schneefall wie die Wälder fehlen,

mithin die natürlichsten Reservoirs für Wasseraufspeicherungen. Die

zweite Ursache liegt in dem trockenen Höhenklima des Schutzgebietes,

das zwar der Gesundheit sehr förderlich ist, aber offenes Wasser mit

unangenehmer Schnelligkeit aufsaugt. Die dritte Ursache findet sich in

dem ungeheuren Gefälle unserer Flüsse. So liegt z. B. Berlin 39 ~m~

über dem Meere, Windhuk dagegen 1600 ~m~, während von beiden Orten

die Gewässer bis zum Meere annähernd den gleichen Weg zurückzulegen

haben. In Berlin finden wir daher einen gemächlich fließenden,

geduldig der Schiffahrt dienenden Niederungsfluß, in Windhuk dagegen

einen reißenden Gebirgsstrom. Die vierte und letzte Ursache ist,

daß die südwestafrikanischen Niederschläge nur während einer kurzen

Periode von wenigen Monaten fallen, und zwar in der Regel Dezember

bis April, während die ganze übrige Zeit frei von Regen ist, sowie

daß diese Niederschläge selten in Gestalt andauernder, für das

Eindringen in das Erdreich förderlicher Strichregen erfolgen, sondern

meist in Form gewaltiger Wolkenbrüche, die in kurzer Zeit Wege in

Flüsse, Flüsse in mächtige Ströme, Niederungen in Seen verwandeln.

Aber nur die letzteren, Vleys genannt, vermögen sich einige Zeit zu

halten, die übrigen Gewässer stürzen eilends zu Tale oder weichen

der austrocknenden Gewalt der Sonne.[92] Nach einer Berechnung des

Ingenieurs Rehbock wäre indessen der zur Verdunstung gelangende Teil

der Niederschläge auf nur ein Viertel der Gesamtmengen zu schätzen.

Hieraus würde zu schließen sein, daß der größere Teil der Wassermengen

unter dem Erdboden verschwindet. Das würde ein sehr günstiger

Umstand sein. Wir hätten dann zwar auch noch keine Reservoirs für

Flußbildungen, aber doch für zahlreiche Brunnen.[93]

[Illustration: $Okombahe, natürliche Quelle im Flußbett.$ (Im

Hintergrunde Brunnen mit Wippe.)]

[Illustration: Ein See im Nordhererolande.]

Aber auch jetzt schon ist die Zahl der natürlichen Quellen

Südwestafrikas größer, als man gewöhnlich annimmt. Diese haben jedoch

entweder keinen Abfluß, oder der letztere verfällt schon nach kurzem

Lauf als Bach dem Schicksal der reinen Regenflüsse, d. h., er

verdunstet oder verschwindet im Erdboden. Solche Bäche entspringen

z. B. mehrfach dem Waterberggebirge im Norden des Hererolandes. Auch

im Naukluftgebirge habe ich einige gesehen. Ferner findet man in den

sonst trockenen Flußbetten gleichfalls zuweilen natürliche Quellen. Das

innerhalb der Regenzeit dort verschwundene Wasser sickert in diesen

Betten während der trockenen Zeit langsam talabwärts. An manchen

Stellen zwingt dann die Gestaltung des Untergrundes das Wasser, auf

eine kurze Strecke zutage zu treten. So führen der Omarurufluß bei

dem Orte gleichen Namens und bei Okombahe, der Schwarze Nosob bei

Gobabis, der Windhuker Swakop bei den Tabaksdünen stets laufendes

Wasser. Wo dagegen in den Flußbetten dieses Sickerwasser nicht auf

natürlichem Wege zutage tritt, kann es auf künstlichem Wege gehoben

werden. In und neben ihnen finden sich mithin die gegebenen Stellen

für Brunnenanlagen. Auch warme Quellen -- vulkanischen Ursprungs --

findet man im Schutzgebiete, so in Windhuk sieben. Würde man diese

zusammenfassen, so würde ein das ganze Jahr laufender stattlicher

Bach entstehen. Jetzt verschwindet das Wasser in den Gärten, wo es

leider infolge seines Schwefelgehaltes das Gedeihen mancher Pflanzenart

hindert. Geeignete Stellen zum Herstellen künstlicher Brunnen befinden

sich außerhalb der Reviere auch in den sogenannten Kalkpfannen, sofern

in diesen das Wasser nicht schon von selbst in Gestalt von Teichen

zutage getreten ist.

[Illustration: Inneres des Schwimmbassins in Windhuk.]

Aus den Erträgnissen der Wohlfahrtslotterie hat das

Kolonial-Wirtschaftliche Komitee in Berlin etwa ein Jahr vor dem

Aufstande mit Unterstützung des Gouvernements begonnen, im Schutzgebiet

Brunnenbohrungen vorzunehmen und im ganzen bereits 52 Bohrungen mit

insgesamt 2600 ~m~ Tiefe vollendet. Die Kosten stellten sich auf 11

Mark pro Fuß. Ein Erfolg ist bei 21 Bohrungen, gleich 40 vH., erzielt

worden. Im Jahresbericht des Gouvernements von 1903/04 ist die genaue

Tabelle der erfolgten Bohrungen enthalten.

[Illustration: Im Gouvernementsgarten.]

[Illustration: Apfelsinenbaum mit Früchten im Garten des Missionars in

Waterberg.]

Nach den dargelegten Wasserverhältnissen des Herero- und des Namalandes

kann kein Zweifel bestehen, daß das tragfähige Rückgrat unserer

wirtschaftlichen Bestrebungen in Südwestafrika nur Viehzucht sein kann.

Dies schließt nicht aus, daß jeder Farmer an Acker- und Gartenfrüchten

sich wenigstens seinen eigenen Bedarf zieht. Er muß nur der launischen

Natur zu Hilfe kommen und das, was sie an tropischem Platzregen

einmal zu reichlich spendet, nicht abfließen lassen, sondern mittels

Dammanlagen für die Zeiten der Not aufspeichern, sowie dasjenige, was

in dem Erdboden verschwunden ist, mittels Brunnen wieder heraufholen.

Wo Wasser vorhanden, ist auch unser südwestafrikanischer Boden zu

reichlichem Ertrage fähig, das beweisen die zahlreichen Gärten der

Militär- und Missionsstationen. Die zu erzielenden Produkte sind

sämtliche europäischen Gemüse- und Getreidearten sowie Wein, Tabak und

Südfrüchte. Auch mit in Deutschland wachsenden Baumfrüchten, wie Äpfel

und Birnen, sind Versuche gemacht worden, jedoch ohne Erfolg. Für diese

Früchte ist die afrikanische Sonne zu heiß, sie lohnen dem fleißigen

Gartenbauer lediglich mit Produkten von minderwertiger Beschaffenheit.

Gute Aussichten bieten dagegen der Wein- und der Tabakbau. Beide

leiden jedoch im Schutzgebiet zum Teil noch unter dem Mangel an

zweckmäßiger Behandlung. Diesem Übelstande abzuhelfen, war bereits ein

Sachverständiger angeworben, dessen Ausreise jedoch der Hereroaufstand

verzögert hat. Unmittelbar vor dem Aufruhr wurde namentlich in der

Gegend von Okahandja, im Distrikt Grootfontein und im Bezirk Outjo

viel Tabakbau betrieben. Weinbau findet sich dagegen in fast sämtlichen

Gärten des Schutzgebietes. Der Erfolge der katholischen Mission auf

diesem Gebiete in Klein-Windhuk habe ich bereits gedacht.

[Illustration: Farm bei Grootfontein.]

Das Ziel, wenigstens den eigenen Bedarf an Feld- und Gartenfrüchten aus

dem trockenen Boden herauszuwirtschaften, erreicht in Südwestafrika der

Farmer nur mittels kleiner Staudämme, wie wir solche auf den Bildern

(S. 337 und S. 339) finden. Die durch Brunnen zu gewinnende Wassermenge

reicht für gedachten Zweck in der Regel nicht aus. Im übrigen ist nach

meiner Ansicht die Wasseranstauung im kleinen behufs Ackerberieselung

im Schutzgebiete vorläufig der Anlage großer Staudämme, wie sie die

Ingenieure Rehbock und Kuhn geplant haben, vorzuziehen. Die großen

Dämme sollen Dorfanlagen ermöglichen und nicht bloß dem eigenen

Bedarf dienen, sondern auch das Dasein der Ackerbauer mittels Absatz

der erzielten Erträgnisse sichern. Vor dem Vorhandensein einer

ausreichenden Industrie, als die in Südwestafrika zur Zeit nur der

Bergbau in Frage kommen kann, fehlt indessen dem Farmer ein lohnendes

Absatzgebiet. Ein solches bietet gegenwärtig nur die Schutztruppe,

deren zukünftige Stärke zur Zeit niemand zu übersehen vermag.

[Illustration: Künstlicher See auf Farm Voigtsland bei Windhuk.]

[Illustration: Pflügen des Berieselungsgrundes unterhalb des Dammes.]

Schließlich wäre noch die Forstkultur zu erwähnen. Auf diesem Gebiete

scheint uns im Schutzgebiet der schwerste Kampf bevorzustehen. Wohin

das Auge reicht, bietet sich im Herero- und Namalande an Holzbeständen

nur niedriges Buschwerk, lediglich an den Flußläufen durch einen

Baumbestand größerer Art unterbrochen. Wälder in unserem Sinne finden

wir nur im Distrikt Grootfontein wie im Ovambolande, dort allerdings

zum Teil in tropischer Fülle. Die Gebirge dagegen, die man in der

übrigen Welt bis zu einer gewissen Höhe mit Bäumen bestanden zu

sehen gewohnt ist, sind in Südwestafrika völlig kahl. Infolgedessen

haben die wolkenbruchartigen Regen von den Bergen auch das Erdreich

mitgenommen, so daß uns überall der nackte Fels entgegenstarrt und

daher eine Aufforstung dort überhaupt ausgeschlossen ist. Die Holzfrage

ist hiernach im Schutzgebiet eine brennende. Das warme Klima erfordert

zwar glücklicherweise nur selten ein wärmendes Feuer, dagegen vermag

weder der Weiße noch der Eingeborene für die Zubereitung seiner

Nahrung des Brennmaterials zu entbehren. Dieses wird durch Sammeln

des trockenen Holzes gewonnen. Es ist klar, daß in der Nähe größerer

Plätze der von der Natur gespendete Vorrat immer mehr zusammenschmilzt

und schließlich ganz verschwindet. Während beispielsweise in der Nähe

von Windhuk vor einigen Jahren noch eingeborene Frauen und Kinder

ausreichend Holz heranzuschleppen vermochten und durch diese Tätigkeit

ihren Lebensunterhalt gewannen, hat sich jetzt schon die industrielle

Tätigkeit dieses Gebietes bemächtigt, indem sich eine Art mittels

Fuhrwerks betriebenen Holzhandels entwickelt hat. Denn von immer

weiter her muß der Bedarf geholt werden. Bald wird aber auch dieses

Mittel nicht mehr genügen, so daß schließlich an den größeren Plätzen

Südwestafrikas zu den bisherigen Erwerbszweigen auch der Handel mit zum

Teil von außerhalb eingeführtem Feuerungsmaterial treten muß.

[Illustration: Seitens der Regierung angelegter Damm bei Windhuk.]

Welche Unsummen von Holz der gegenwärtige Krieg in Südwestafrika

verschlungen hat und noch verschlingen wird, läßt sich nur mit Sorge

ermessen. Monatelang biwakieren starke Truppenkörper unter freiem

Himmel. Sie bedürfen nicht nur des Holzes zum Zubereiten von Speisen,

sondern auch zum Erwärmen in den langen kalten Biwaksnächten. An den

ohnehin spärlichen Holzvorräten wird daher fortgesetzt gezehrt, während

ein Ersatz nicht hinzutritt, und jeder abgeschlagene Baum daher z. Zt.

in Südwestafrika einen unersetzbaren Verlust bedeutet. Unverständig

geschädigt wird der Holzbestand außerdem noch durch fahrlässig oder

absichtlich angelegte Grasbrände. Absichtlich rufen namentlich die

Buschmänner und Bergkaffern solche hervor, um das Wild, dessen sie

zu ihrer Nahrung bedürfen, an das nach dem Brande um so frischer

emporsprießende Gras heranzulocken.

[Illustration: Neu angelegter Regierungsdamm bei Windhuk.

Wasserstand 3 ~m~. Noch in Arbeit.]

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 25 / 50 段