gefaßt hatte, bewies Manasse einmal die Kunst des Balancierens zwischen
jener und der Festhaltung seiner eigenen Würde dadurch, daß er einen
weißen Händler, der wegen Vergehens gegen die Spirituosengesetzgebung
seitens des deutschen Regierungsvertreters mit 600 Mark Geldbuße
belegt worden war, mit der gleichen Summe bestrafte. Damit war seine
Gleichberechtigung erwiesen und der Fall zu seiner Zufriedenheit
erledigt, weniger jedoch zu derjenigen des doppelt bestraften Händlers.
Überhaupt war Manasse auf die deutsche Regierung anfänglich schlecht
zu sprechen. Ihn störten sowohl die Spirituosengesetzgebung als auch
das Verbot des Handels mit Waffen und Munition wie überhaupt alle
deutschen Verordnungen. Seine deswegen an meinen Vorgänger gerichteten
Briefe haben wir bereits in Kapitel ~II~ kennen gelernt. Während ferner
der Oberhäuptling Samuel bei Entwaffnung seiner eigenen Untertanen
mir gleichmütig Unterstützung gewährte, erregte bei Manasse jedes den
Seinigen abgenommene Gewehr Mißbehagen. Weniger als Samuel lediglich an
seine persönlichen Interessen denkend, machte er sich klar, daß jedes
aus Hererobesitz verschwundene Gewehr eine Schwächung seiner eigenen
Macht bedeutete. Die Stellung Samuels als Oberhäuptling aller Hereros
hat Manasse im übrigen nie anerkannt und einen ernsten Versuch des
letzteren nach seiner »Thronbesteigung«, eine Anerkennung mittels Zwang
zu erreichen, durch einen geschickten Gegenzug vereitelt. Samuel hat
sich zwar dann weiter »Oberhäuptling aller Hereros« genannt, im übrigen
aber die Selbständigkeit Manasses stillschweigend anerkannt. Auch die
deutsche Regierung hat letzteres dadurch getan, daß sie den mit dem
Oberhäuptling abgeschlossenen Schutzvertrag durch Manasse als auch für
ihn rechtsverbindlich ausdrücklich anerkennen ließ.
Tragikomisch, wie meine Beziehungen zu Manasse häufig gewesen
sind, war auch meine letzte Berührung mit ihm. Vor einigen Jahren
hatten in seinem Gebiet Hereros einige viehstehlende Bergkaffern
gefangen und unter besonderer Beteiligung von Frauen derart grausam
mißhandelt, daß die Mißhandelten an den Folgen starben. Vor ihrem
Tode hatten die Kaffern jedoch noch flüchten und die Tat bei der
nächsten Polizeistation zu Protokoll geben können. Der betreffende
Werftvorstand, dem infolgedessen das Gewissen schlug, lieferte jetzt
zwei Männer als Täter ein und befahl diesen galant, alle Schuld auf
sich zu nehmen und für die Frauen zu sterben, da diese das schwächere
Geschlecht seien. Dies taten die beiden zunächst auch, als es jedoch
zur Hinrichtung gehen sollte, vermochten sie der Lust zum Leben nicht
zu widerstehen und gaben die Frauen als Haupttäter an. Nunmehr wurden
auch letztere gefangen gesetzt und nach Feststellung des Tatbestandes
ebenfalls zum Tode verurteilt. Jetzt schrieb Manasse einen Brief
an mich, der schmeichelnd mit den Worten begann: »Ich weiß, daß Du
mich liebst, und Du weißt, daß ich Dich liebe«, und dann gleichfalls
galant ausführte, die Männer sollten sterben für ihre Blutschuld,
die Frauen aber, die das schwache Geschlecht seien, die müßten wir
leben lassen. Nach Einsichtnahme in die Akten fand ich jedoch, daß
die Frauen bei Begehen der Mißhandlungen die schlimmsten gewesen
waren. Da ich indessen Manasse gefällig sein wollte und schließlich
Kaffern, die, statt zu arbeiten, lediglich von Viehdiebstahl zu
leben versuchten, auch keine besondere Rücksicht verdienten, so
begnadigte ich die Frauen, mit ihnen aber auch die weniger schuldigen
Männer zur Gefängnisstrafe. Sofort sandte Manasse die Männer zur
Strafverbüßung nach Windhuk, die Frauen aber behielt er. Als ich
bald darauf persönlich nach Omaruru kam, versicherte mir Manasse auf
Befragen, die Weiber säßen ihre Strafen in seinem Gefängnis ab, er
hätte gedacht, daß ich hiergegen nichts einzuwenden hätte. Ich ließ
mir die Verurteilten vorstellen und fand, daß sie jung waren und recht
gut aussahen. Obwohl daher der Verdacht gerechtfertigt erschien, daß
Manasse die Frauen seinem Harem einverleibt hatte, beließ ich sie ihm,
umsomehr, als unsere eigenen Gefängniseinrichtungen damals noch nicht
zum besten bestellt waren und in ihnen Frauen daher nicht leicht zu
isolieren waren. Für diese Rücksicht zeigte sich Manasse recht dankbar
und versicherte wiederholt, er werde die Frauen sehr streng behandeln.
Als ich aber etwa ein Jahr später wieder nach Omaruru kam, bat mich
Manasse »Nimm jetzt die Frauen wieder weg, sie tun nicht gut bei mir.«
Anscheinend hatte der Zuwachs bei den übrigen Haremsdamen Mißfallen
erregt. Nunmehr setzte ich beide Weiber ganz in Freiheit.
Dies war mein letztes Zusammentreffen mit Manasse. Wenige Monate
später erhielt ich die Nachricht von seinem Tode. Manasse hat sich auf
dem Sterbebette wieder zum Christentum bekehrt, so daß er doch noch
ausgesöhnt mit der Mission dahingegangen ist, wie er auch schließlich
sich als wirklich aufrichtiger Freund unserer Sache gezeigt hat. Viel
zu dieser, von seiner früheren Gesinnung abweichenden Haltung hat der
erste Distriktschef Manasses, Oberleutnant Volkmann, beigetragen,
der ihn ausgezeichnet zu nehmen verstand. In dem Wohnzimmer Manasses
hing neben dem Bild des Deutschen Kaisers dasjenige des Oberleutnants
Volkmann, beide anscheinend für ihn die Hauptpersonen in dieser Welt.
Als Nachfolger Manasses wurde seitens der Hereros -- auch hier unter
Durchbrechung des alten Hererogesetzes -- sein Sohn Michael aus seiner
christlichen Ehe gewählt. Michael ist während des großen Aufstandes als
Führer der Omaruruhereros mehrfach genannt worden. Vor kurzem wurde
sein Übertritt in die englische Walfischbai gemeldet. Michael besitzt
die gleiche stattliche Figur wie sein Vater, dabei einen gesetzten,
ruhigen Charakter, und ist ebenfalls nicht ohne Würde. Besondere
Regententugenden zu entfalten, dazu hat er noch nicht ausreichend
Gelegenheit gehabt. Schließlich möchte ich noch erwähnen, daß die
hinterlassene christliche Witwe Manasses, Albertine, die Mutter des
neuen Häuptlings, trotz ihrer vorgerückten Jahre wieder geheiratet
hat. Wo dagegen die heidnischen Weiber Manasses geblieben sind, ist
mir nicht bekannt geworden. Seinem Sohn Michael war deren Übernahme
erlassen worden.
Kapitän Wilhelm Christian von Warmbad und sein Nachfolger.
Wilhelm Christian war gleichfalls eine große stattliche Erscheinung,
voll Würde und Sicherheit des Auftretens, obwohl er, im Gegensatz
zu sämtlichen übrigen Kapitänen des Namalandes, weder des Lesens
noch des Schreibens kundig war. Er ist im Gegensatz zu den übrigen
Hottentottenkapitänen Heide geblieben und hat sich erst auf dem
Sterbebette taufen lassen. Die Ursache hiervon lag in dem Besitz von
vier Weibern, die dem Christentum zum Opfer zu bringen der Kapitän sich
nicht hatte entschließen können.
Kapitän Wilhelm Christian war infolge der geographischen Lage seines
Landes am Orangefluß frühzeitig mit Weißen in Berührung gekommen
und daher nicht ohne Verständnis für deren Kultur. Ein Zurückfallen
in die alten Zeiten, in denen sein Volk ohne Kleider und nur mit
Pfeil und Bogen bewaffnet war, würde für ihn undenkbar gewesen sein.
Aber bedauerlicherweise hatte er sich auch mit einer Schattenseite
unserer Kultur innig befreundet, nämlich mit dem Alkohol. War er von
diesem »eingenommen« -- und dies war oft der Fall --, so verlor der
Kapitän jede Überlegung. Er konnte sich in diesem Zustande wie ein
Tier benehmen und Hab und Gut seines Volkes verschleudern. Unter dem
Einfluß des Alkohols hat der Kapitän auch seinerzeit die Verträge
mit dem Kharraskhoma-Syndikat unterschrieben, worin er diesem nahezu
sein ganzes Land auslieferte. Der Alkohol auch hat es in erster Linie
verhindert, wenn Wilhelm Christian in dem Wettstreit mit seinem
Nebenbuhler Witbooi nicht schließlich mehr erreicht hat. Der Weg zum
unumschränkten Beherrscher des Südnamalandes lag ihm offen, als
Hendrik Witbooi in den schweren Kampf mit der deutschen Regierung
verwickelt war. Wilhelm Christian hat diese Gunst des Schicksals zwar
insofern benutzt, als er während des Kampfes offen für die deutsche
Regierung Partei ergriff und sogar in deren Namen und Auftrag eine
gewisse Regierungsgewalt über die Stämme des Südens ausübte, aber nur
moralisch hat er dadurch seine Stellung zu verbessern vermocht. Nicht
einmal die schon unterworfenen Feldschuhträger hat der Kapitän unter
seiner Herrschaft zu halten vermocht, da er sich die Tatkraft nicht
mehr zutraute, einen derart unbotmäßigen Stamm im Zaume zu halten. Denn
es drohte ihm bereits der Verlust jeden Haltes auch innerhalb seines
eigenen Stammes, als 1894 das Kharraskhoma-Syndikat an die Ausnutzung
der ihm verliehenen weitgehenden Rechte herangehen wollte. Nur ein
Eingreifen meinerseits stellte damals seine Stellung einigermaßen
wieder her, und dieses Eingreifen verdankte der Kapitän seiner loyalen
Haltung während des Witbooiaufstandes.
[Illustration: Hereroreiter.]
Als dann später eine deutsche Garnison nach Warmbad gelegt wurde und
die Anwesenheit eines deutschen Distriktschefs die Selbständigkeit des
Kapitäns zu beengen begann, ließ dessen Loyalität etwas nach. Verstand
ihn aber ein Distriktschef richtig zu nehmen, war immerhin mit ihm
auszukommen. So leistete er noch dem Distriktschef v. Bunsen 1897
Heeresfolge gegen den Stamm der Afrikaner (Kapitel ~V~). 1898 brachte
den Kapitän dagegen die Gewehrstempelungsfrage beinahe zum offenen
Aufstand, trotz persönlich guter Beziehungen zu seinem damaligen
Distriktschef Oberleutnant Graf v. Kageneck, einem sonst bei den
Eingeborenen besonders beliebten Offizier. Von da ab aber bis zu seinem
1902 erfolgten Tode hat dann der Kapitän keine Schwierigkeiten mehr
gemacht, sich vielmehr äußerlich loyal und dienstbeflissen gezeigt.
Bei seinen Lebzeiten würde es wohl zu einem Bondelzwartsaufstande nie
gekommen sein.
Anders nach seinem Tode. Wilhelm Christian hinterließ zwei Söhne,
Abraham und Johannes Christian. Der erstere war der ältere und daher
nach Hottentottengesetz zunächst zur Erbfolge berufen. Er war ein
finsterer, verschlossener Charakter, auch im Äußeren seinem Vater
wenig ähnlich und stand im ganzen in üblem Ruf. Johannes Christian
dagegen war das Ebenbild seines Vaters, eine stattliche Erscheinung
mit offenen Gesichtszügen. Kapitän Witbooi, der sich persönlich nach
Warmbad begeben hatte, um seinem alten Nebenbuhler vor dessen Tode noch
Lebewohl zu sagen, interessierte sich sehr für die Wahl des Johannes
Christian. Bibelfest, wie immer, äußerte er sich über Abraham: »An
ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, und dessen Früchte sind nicht
gut.« Trotzdem wurde Abraham gewählt, was die deutsche Regierung, ihrem
Grundsatz getreu, sich in innere Stammesangelegenheiten tunlichst nicht
zu mischen, als gegeben hinnahm. Abraham Christian hat dann, wie wir
noch sehen werden, später die Fahne des Aufruhrs erhoben, allerdings
nicht ganz ohne Mitschuld auf unserer Seite.
Die übrigen Kapitäne des Namalandes.
Des intelligenten, aber mit wenig Machtfülle ausgestatteten Kapitäns
von Bersaba habe ich bereits gedacht. Von dessen Schulbildung gibt
unter anderem eine Tatsache Beweis, die ich jetzt in der Broschüre des
Oberst v. Deimling[84] gefunden habe. Der Kapitän habe, als er gehört,
daß einer der deutschen Offiziere aus Tilsit stamme, diesen gefragt,
ob dies der Platz wäre, wo einst der Frieden abgeschlossen worden sei.
Auch ist er kurz vor dem letzten Witbooiaufstand eines Tages mit einer
Zeitung zu dem Bezirksamtmann von Keetmanshoop gekommen und hat diesem
gesagt: »In der Zeitung steht, wir Kapitäne sollen abgesetzt und
unsere Leute entwaffnet werden, ist das richtig?«
Außer den bis jetzt genannten Kapitänen, einschließlich Christian
Goliath, gibt es noch drei weitere im Namalande, und zwar Paul
Frederiks von Bethanien, Hans Hendrik von den Feldschuhträgern und
Simon Cooper von den Franzmann-Hottentotten in Gochas. Dem Kapitän
Paul Frederiks sind wir bereits bei Erwähnung seines Thronstreites mit
seinem Vetter Cornelius begegnet. Viel mehr ist auch nicht über ihn zu
sagen. Er ist harmlos, im ganzen gutartig und unbedeutend, dabei aber
vernünftig genug gewesen, sich dem allgemeinen Hottentottenaufstande
nicht anzuschließen. Einerseits ist der Bethanierstamm bei seiner
geographischen Lage an der südlichen Eingangsstraße des Schutzgebietes,
Lüderitzbucht-Keetmanshoop, schon zu sehr mit der Kultur der Weißen in
Berührung gekommen,[85] um wieder an dem alten unkultivierten Zustand
etwas Verlockendes finden zu können, anderseits aber auch infolge
dieser Lage selbst zu sehr gefährdet, weil durch die treugebliebenen
Stämme von Bersaba und Keetmanshoop von den übrigen Hottentottenstämmen
abgeschnitten. Dazu mußte schon die Tatsache, daß sein Nebenbuhler
Cornelius die Fahne des Aufruhrs erhoben hat, dem Kapitän von selbst
seine Stellung auf der entgegengesetzten Seite anweisen. 1898, als
Unruhen anläßlich der Gewehrstempelungsfrage drohten, war es umgekehrt
gewesen. Damals war der Kapitän aufsässig, Cornelius aber mit seinem
Anhang auf seiten der Regierung verblieben. Letzterer steht zur Zeit
noch im Felde und hat durch verschiedene kühne Züge und überraschende
Überfälle von sich reden gemacht.[86] Als ich im Juni 1904 die Truppe
an den General v. Trotha übergab, kämpfte Cornelius noch als Führer
der Bethanier auf unserer Seite. Nach dem Gefecht von Waterberg,
im August 1904, erbat und erhielt er von seinem nächsten weißen
Vorgesetzten Urlaub. Ich würde ihm diesen Urlaub nicht gegeben haben,
da ich auf Grund der mir bekannten Personalverhältnisse in Bethanien
zu beurteilen in der Lage war, daß in den damaligen aufgeregten Zeiten
ein Fernbleiben des Cornelius von seinen Stammesgenossen den auch bei
diesen aufgehäuften Zündstoff nur mindern konnte. Unmittelbar nach
seiner Rückkehr nach Bethanien hat sich auch Cornelius, im Anschluß an
den Abfall seines Schwiegervaters Witbooi, zum Aufstand entschlossen.
Wahrscheinlich hat er beim Passieren von Gibeon sich darüber mit dem
letzteren verständigt.
Über den Kapitän der Feldschuhträger, Hans Hendrik, ist am
allerwenigsten zu sagen. Er war von kleiner, unansehnlicher
Erscheinung, unbedeutend äußerlich und unbedeutend nach Charakter und
Geist. Für das Verhalten seines Stammes gab nicht er den Ausschlag,
sondern umgekehrt, der Stamm schrieb ihm seine Richtung vor, und diese
konnte nur eine üble sein. Solange Ruhe und Frieden im Schutzgebiet
herrschten, zügelte der Stamm seine stets schlummernde Raublust.
Die Möglichkeit, bei einem allgemeinen Aufstand mit im Trüben zu
fischen, erschien den Feldschuhträgern jedoch zu verführerisch, um
widerstehen zu können. Hätte sich der Kapitän dem widersetzen wollen,
so würde über ihn noch viel schneller, als dies die übrigen Kapitäne
riskierten, zur Tagesordnung übergegangen worden sein. Ermordet wurde
jedoch nach dem Ausbruch des Aufstandes im Gebiet der Feldschuhträger
niemand, was besonders der umsichtigen Tätigkeit des stellvertretenden
Bezirksamtmanns Zolldirektor Schmidt zu verdanken war. Nach den
neuesten Nachrichten hat sich jetzt Hans Hendrik mit dem kleinen Rest
seines Anhanges in Bersaba gestellt und die Waffen abgegeben.
Endlich ist noch der Kapitän von Gochas, Simon Cooper, zu erwähnen.
Dieser vermöge der Bevölkerungszahl seines Stammes etwas mächtigere
Kapitän hebt sich vor seinen Standesgenossen auch insofern hervor,
als er zur Zeit als einziger Kapitän des Schutzgebietes noch gegen
uns im Felde steht. Sonst kann ich ihn aber nur als einen widerlichen
Patron und abgefeimten Gauner, jedoch nicht ohne eine gewisse
Bauernschlauheit, bezeichnen. In seinem Stamm war er keineswegs ohne
Ansehen. Seine Politik schrieb auch dem ersteren die Richtung vor.
Früher, als die deutsche Oberherrschaft der Raublust der Hottentotten
noch keine Schranken auferlegte, hat der Kapitän ruhig zugesehen, wenn
seine Leute weiße Reisende belästigten und beraubten, falls er dies
nicht gar direkt befohlen hat. Auch einem zeitweisen Raubzug gegen
benachbarte Eingeborene war er nicht abgeneigt, wenn bei geringer
Gefahr eine große Beute winkte. Bei der geographischen Lage seines
Landes an der Grenze des Schutzgebietes gegen die Kalahari hatte im
übrigen sein Stamm sich eines langen Friedens erfreut und war daher,
anders als die übrigen Hottentottenstämme, in einem gewissen Wohlstand
sowie bei einer höheren Bevölkerungsziffer verblieben. Anderseits
aber wurde diese günstige Lage an der Grenze auch tüchtig zum
Munitionsschmuggel benutzt. Noch 1898 ist ein solcher im großen Stile
entdeckt und der Kapitän hierfür bestraft worden.
Wie Simon Cooper 1894 zur Annahme der deutschen Schutzherrschaft
bewogen worden ist, habe ich bereits im Kapitel ~II~ geschildert.
Sein damaliges Drehen und Wenden, um dieser ihm unbequemen Sache zu
entgehen, hätte dem geriebensten Rechtsanwalt Ehre gemacht. Wenn der
Kapitän damals nicht zu den Waffen griff, um seinem Freunde Witbooi
zu Hilfe zu eilen, so lag dies nicht am fehlenden guten Willen,
sondern an persönlicher Unlust zum Kriegführen; man könnte es auch
geradezu Feigheit nennen. »Ich mag keinen Krieg sehen«, sagte er
einst. Indessen, getraut habe ich ihm nie, und ihn daher fortgesetzt
überwachen lassen (siehe S. 29). Vom Friedensschluß mit Witbooi
ab folgte Simon Cooper nur noch den Spuren des letzteren. Mit ihm
hat er zehn Jahre lang Frieden gehalten, mit ihm ist er dann auch
aufgestanden. Während der zehnjährigen Friedenszeit hat dagegen Simon
Cooper sich den deutschen Gesetzen und Maßnahmen willig gefügt und
keinerlei Schwierigkeiten bereitet, abgesehen von dem obenerwähnten
Munitionsschmuggel, den er aber, vom bösen Gewissen getrieben, selbst
zur Anzeige gebracht hatte. Nach dem neuerdings erfolgten Tode Witboois
würde Simon sich sicher gern unterworfen haben. Denn große Kriegslust
wird ihn auch jetzt nicht beseelen. Aber das Blut der in seinem Lande
ermordeten Weißen lastet auf dem Kapitän. Er wird daher bis zur letzten
Patrone weiterkämpfen und dann seine Zukunft wohl auf englischem Gebiet
suchen.
Morenga und Morris.
Während des gegenwärtigen Aufstandes haben im Namalande neben dem
bereits genannten Cornelius noch drei weitere Bandenführer von sich
reden gemacht; es dürfte daher den Leser interessieren, im Zusammenhang
mit dem Vorhergehenden auch über sie etwas zu erfahren. Hat doch
der eine von ihnen, Morenga, auch Marinka genannt, den deutschen
Truppen fast noch mehr Schwierigkeiten verursacht als selbst der
alte kriegserfahrene Witbooi. Die beiden anderen sind die Gebrüder
Morris, beide meist mit Morenga vereinigt. Alle drei sind ehemalige
Großleute des Bondelzwartsstammes und waren schon während des
Bondelzwartsaufstandes als Führer des in den Kharrasbergen sitzenden
Teiles des Stammes hervorgetreten.
Morenga ist ein Hererobastard, d. h. Abkömmling eines Hottentotten und
einer Hererofrau. In seinen kriegerischen Eigenschaften scheint er die
Vorzüge beider Stämme zu vereinigen, d. h., die Verschlagenheit und
Schlauheit des Hottentotten mit der Tapferkeit und dem Fanatismus des
Hereros. Daneben besitzt er auch die stattliche Figur der letzteren.
Die Morris sind dagegen Abkömmlinge eines Kapengländers und einer
Hottentottenfrau, mithin echte Bastards. Alle drei haben das gemeinsam,
daß sie sich viel in der Kapkolonie aufgehalten und dort sich eine
gewisse höhere Kultur angeeignet haben. Sie können alle drei fertig
holländisch lesen und schreiben. Schließlich haben sie auch das
gemeinsam, daß sie in dem mit den Bondelzwarts am 27. Januar 1904
abgeschlossenen Friedensvertrag von Kalkfontein alle drei geächtet
worden sind, die Gebrüder Morris wegen Räubereien, Morenga wegen
Mordes, doch war nicht die Todesstrafe über sie verhängt, sondern sie
waren lediglich von der ihren übrigen Stammesgenossen gewährten Gnade
ausgeschlossen, bis sie sich für ihre Untaten vor Gericht verantwortet
haben würden. Alle drei entzogen sich jedoch dieser Verantwortung durch
Flucht in die Kapkolonie, aus der sie dann später an der Spitze von
Räuberbanden zurückkehrten. Alle drei stehen zur Zeit noch im Felde,
zwar schon mehrfach besiegt, aber anscheinend immer noch ungebrochenen
Mutes.[87]
Ihre höhere Kulturstufe haben sowohl Morenga wie die Gebrüder
Morris auch durch die Art ihrer Kriegführung bewiesen. Während des
Bondelzwartsaufstandes legte mir ein ausgeplünderter Farmer eine in
gutem Holländisch geschriebene Bescheinigung vor. Sie befindet sich
bei den Akten des Gouvernements in Windhuk und lautet nach meiner
Erinnerung in Übersetzung etwa folgendermaßen:
»Requiriert beim Farmer ~X.~ 2 Gewehre, ~X~ Patronen, ~X~ Pfd. Kaffee,
~X~ Pfd. Tabak usw.
Dies bescheinigen:
Der Kommandant: gez. Morris. Der Feldkornett: gez. ~X.~«
An den Personen des Farmers und seiner Angehörigen hatten sich die
Plünderer dagegen nicht im geringsten vergriffen. In der gleichen
anständigen Weise hat auch Morenga den Krieg geführt. Er hat bei seinen
»Requisitionen« nicht nur das Leben der Weißen geschont, sondern auch
den Ausgeplünderten den notwendigsten Lebensunterhalt belassen.[88] In
seine Hände gefallenen verwundeten deutschen Soldaten hat Morenga die
Freiheit wiedergegeben. Während im Juni 1905 zwei deutsche Abgesandte
sich behufs Friedensverhandlungen im Lager Morengas befanden, griff
eine deutsche Abteilung, die von der Anknüpfung der letzteren nicht
rechtzeitig hatte verständigt werden können, versehentlich an. Morenga
hätte es nun in der Hand gehabt, die Abgesandten zu töten. Er zog es
jedoch vor, lediglich die Verhandlungen abzubrechen und sein Lager
zurückzuziehen. Das gleiche Versehen war kurz vorher im Lager des
Bandenführers Cornelius vorgekommen, in diesem Falle aber der deutsche
Abgesandte von den Hottentotten erschossen worden. (Leutnant v. Trotha,
Neffe des Generals.)
[Illustration:
Morenga Pater Hauptmann
Malinowsky Salzer
Friedenskommission im Lager Morengas im Juni 1895.]
Weniger ritterlich als das vorstehend geschilderte Verhalten erscheint
dagegen die Ursache, wegen der Morenga nach dem Bondelzwartsaufstande
geächtet worden ist. Eine Patrouille der damals mit uns verbündeten
Witboois war in einen von ihm gelegten Hinterhalt geraten. Ein Mann der
Patrouille wurde erschossen, einem zweiten das Pferd unter dem Leibe
getötet. Der letztere wollte zu Fuß flüchten, wurde jedoch hieran bald
durch einen Beinschuß gehindert. Einsehend, daß weitere Flucht doch
nichts nützen würde, kehrte der Verwundete zurück, um sich zu ergeben.
Da sprang Morenga aus seiner Deckung auf und schoß dem herankommenden
Witbooi auf etwa 10 Schritt Entfernung eine Kugel durch den Kopf.
Da der Getötete ein Neffe des Kapitäns Witbooi war, so tat ich dem
letzteren den Gefallen, auch Morenga wegen dieser Untat von der dem
übrigen Stamm gewährten Gnade auszuschließen. Witbooi bat mich dann
noch, diesen Tod seines Neffen für die deutsche Sache dem Deutschen
Kaiser zu melden, da derselbe die Ehre gehabt hätte, während der
Kolonial-Ausstellung 1896 von Seiner Majestät empfangen zu werden.
Die wichtigsten Unterhäuptlinge der Hereros.
(Kambazembi, Tjetjo und Zacharias.)
Während wir im Frieden bei den Hottentotten neben den Kapitänen
selbständige Unterkapitäne nicht finden, brachte es die weit höhere
Bevölkerungszahl der Hereros mit sich, daß sich bei ihnen auch
Unterhäuptlinge von Ansehen und Macht entwickeln konnten. Bei den
Hottentotten konnte ein einziger Kapitän seinen höchstens 3000 bis 4000
Seelen starken Stamm übersehen und leiten, was bei den 70000 bis 80000
Hereros ausgeschlossen war.
Neben und unter den beiden selbständigen Häuptlingen, die wir bei den
Hereros kennen gelernt haben (Samuel und Manasse), besaß jede Werft
ihren eigenen Vorstand, der sich mit Vorliebe gleichfalls Kapitän
nennen ließ. Unter diesen Werftkapitänen traten wieder drei auf Grund
der Zahl ihrer Untertanen, oder, was bei den Hereros die Hauptsache
war, auf Grund der Zahl ihrer Ochsen an Machtfülle hervor. Es sind
dies die Unterhäuptlinge Kambazembi von Waterberg, Tjetjo von Okazeva
im Distrikt Gobabis und Zacharias von Otjimbingwe, alle drei die
Oberherrschaft des Oberhäuptlings Samuel mehr oder weniger gutwillig
anerkennend.[89]