In der Art, wie Witbooi das Christentum auffaßte und zu seinen

politischen Zwecken benutzte, lag zweifellos etwas von der

Selbstüberhebung eines Mahdi. Er wußte, daß die Verbindung von

geistlicher und weltlicher Macht ihm eine größere Autorität über

seine Leute sichern mußte, als die letztere allein. Während seiner

zehnjährigen Friedensregierung unter deutscher Herrschaft hat dann

Witbooi diesen Zug seines Charakters zurücktreten lassen; doch

betätigte er für seine Person christliche und kirchliche Gesinnung und

unterstützte mit seiner Autorität die Mission innerhalb seines Stammes,

soviel in seiner Macht lag. Aber immer schlummerte die Verquickung von

Religiosität, Mystik und weltlicher Herrschaft in seiner Seele. Nach

seinem ersten Kriegszuge gegen die Hereros hatte ihn einst die Mission

vor ihr Gericht gezogen, da er als Kirchenältester Blut vergossen

habe. Doch allen an ihn verschwendeten Ermahnungen der Missionare

gegenüber verblieb er starr bei dem Standpunkte: »Gott hat mich's

geheißen«, worauf er seines Amtes als Kirchenältester entsetzt wurde.

Für niemand hat mehr wie für ihn das Wort Bedeutung gehabt: »Man muß

Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Aber was Gott wünschte, das zu

entscheiden nahm er lediglich für sich in Anspruch. So hatte denn auch

eines Tages sein Volk mit ehrfürchtigem Staunen vernehmen müssen, Gott

habe ihm -- Witbooi -- befohlen, die Hereros mit Krieg zu überziehen

und sie zu vernichten. Wenn auch das letztere nicht gelang, so wurde es

wenigstens versucht. Kein in die Hände der Witboois gefallener Herero

hatte die geringste Aussicht auf Erhaltung seines Lebens, während gegen

die Hottentotten wie später auch gegen uns Deutsche die Kriegführung

Witboois sich stets in den Grenzen der Menschlichkeit gehalten hat.

»Witbooi ist ein rechter Mann, aber das sind keine rechten Leute«,

sagte mir 1895 der Kaffernkapitän Apollo zur Erklärung des Umstandes,

daß kein Kaffer sich als Bote zu den Khauas-Hottentotten wagen wollte.

Aber auch bereits während seiner Kriegszüge gegen die Hereros hatte den

Weißen gegenüber der Kapitän sich immer von der humanen Seite gezeigt.

Ihr Eigentum wurde von ihm und seinen Leuten stets aufs peinlichste

geschont. War aus Versehen einmal Vieh von Weißen mit geraubt worden,

wurde es auf erhobenen Einspruch stets zurückgegeben. Allerdings war

hierbei Witbooi auch von dem klugen Gedanken beraten, sich ohne Not

keinen weiteren Feind zu schaffen.

Ein für ihn charakteristisches Ereignis sei aus jener Zeit noch

erwähnt. Als das Deutsche Reich den Kämpfen der Eingeborenen unter

sich noch gleichmütig zusah, hatte die Schutztruppe die Weisung,

strengste Neutralität zwischen den Parteien zu beobachten. Daher

verweigerte einst der Chef der deutschen Station Tsaobis den von einem

Kriegszuge gegen Otjimbingwe zurückkehrenden Witboois das Wasser.

Der Stationschef, ein Unteroffizier, stellte seine aus ganzen zwei

Mann bestehende Macht gefechtsbereit im Stationsgebäude auf und ging

für seine Person zur Verhandlung dem Kapitän entgegen. Witbooi, der

600 Reiter und zahlreiches Vieh bei sich hatte, hatte einen langen

Durstmarsch hinter sich und bedurfte dringend des Wassers. »Was wirst

Du tun, wenn ich mir das Wasser mit Gewalt nehme?,« herrschte er den

Unteroffizier an. »Dann werde ich schießen, wie mir das befohlen

ist.« Nach einigem Nachdenken erwiderte der Kapitän: »Du tust nur

Deine Pflicht, wenn Du den erhaltenen Befehl befolgst. Dir werde

ich daher nichts tun. Wäre aber Dein Herr (Major v. François) hier,

dann würde ich das Wasser mit Gewalt nehmen.« Hieraus wandte sich

der Kapitän gegen die Wasserstelle, an der seine verdursteten Leute

bereits angefangen hatten, sich zu laben, und prügelte diese sowie die

nachfolgenden von dem Wasser weg, worauf er sich als Letzter dem Zuge

wieder anschloß.

In der Seele eines solchen Mannes, in der mystisch-religiöse

Anschauungen mit der gleichfalls in ihr schlummernden Selbstüberhebung

des weltlichen Herrschers um die Palme rangen, konnte eine Lehre, wie

sie die sogenannte äthiopische Kirche gibt, nämlich »Afrika auch in

religiöser Beziehung für die Schwarzen«, nur Unheil anrichten. Und

unglücklicherweise erschien gerade mitten in dem unheilschwangeren

Jahr 1904 ein aus der Kapkolonie stammender »Prophet« dieser Kirche

in dem Lager in Rietmond. Die äthiopische Kirche leitet ihren Namen

von dem ersten getauften Heiden her, jenem äthiopischen Kämmerer, den

nach der Bibel ein Apostel im Evangelium lesend gefunden, bekehrt

und sofort getauft hat. Nach allen den Einflüssen, die während des

Hereroaufstandes auf den alten Witbooi eingestürmt waren, hat dieser

»Prophet« anscheinend den letzten Ausschlag gegeben. Der Brief, den der

Kapitän kurz nach dem Aufstande an mich geschrieben hat, kann für diese

Annahme als Beweis dienen. Der volle Wortlaut desselben findet sich im

Kapitel ~XII~. (S. 457.)

An die übrigen Nama-Kapitäne schrieb Witbooi:

»Ich sende Dir diesen Brief und mache Dir bekannt, wie Du weißt, habe

ich lange Zeit unter dem Gesetz und in dem Gesetz und hinter dem Gesetz

gelaufen und wir alle mit Gehorsamkeit, aber mit der Hoffnung und

Erwartung, daß Gott der Vater zu seiner Zeit es wird beschicken, um

uns zu erlösen aus der Mühseligkeit dieser Welt, denn soweit habe ich

mit Frieden und Geduld getragen und alles, was auf mein Herz drückt,

vorübergehen lassen, weil ich auf den Herrn hoffe.«

Endlich sagte er zu dem Überbringer meines Briefes:

»Das Schicksal meiner bei den Deutschen gefangenen Leute ist mir ganz

gleichgültig, ich habe von Gott eine andere Arbeit empfangen.«

Auch der sonst durchaus nicht religiöse, vielmehr klardenkende

Unterkapitän Witboois, Samuel Isaak, war plötzlich von den Anschauungen

seines Herrn angesteckt worden und behauptete, es sei alles von Gott

gekommen.

In der Tat, Hendrik Witbooi hatte anscheinend zwei Seelen in der Brust.

Die eine war die christliche und anständige, die er während seiner

zehnjährigen Friedenszeit unter unserer Herrschaft gezeigt hatte.

Die zweite Seele war die grausame, fanatische Hottentottenseele,

die anscheinend nur geschlummert hatte und anläßlich seines letzten

Aufstandes wieder erwacht ist. Der Kapitän verfuhr jetzt auch

nicht anders als die von ihm stets als blutdürstig und grausam

verachteten Hereros. Er ließ zu, daß die in seinem Lande unter

seinem Schutz wohnenden Weißen, wo man ihrer habhaft werden konnte,

ermordet wurden, an deren Spitze der von ihm so sehr geschätzte

Bezirksamtmann v. Burgsdorff. Wer den kleinen, überlegenen Mann

mit der stillen und bescheidenen Natur gekannt, wer sein geradezu

väterlich-freundschaftliches Verhältnis zu seinem Bezirksamtmann

gesehen hat, und wer endlich auch die loyalen Beziehungen zwischen

ihm und dem Gouverneur und nicht am wenigsten seine loyale Gesinnung

gegen den Deutschen Kaiser kennen zu lernen Gelegenheit hatte, der

hätte Witbooi solch ein seiner ganzen Vergangenheit widersprechendes

Verhalten niemals zugetraut. Bis zu seinem letzten Aufstand war auch

der geringste Mensch, der sich unter seinen Schutz gestellt und dem

er solchen zugesagt hatte, niemals gefährdet gewesen, geschweige denn

ein höhergestellter. War ich doch selbst während meiner Kriegszüge

gegen Witbooi zweimal mit nur geringer Begleitung in seinem Lager

und hatte nie das Gefühl, irgendwie bedroht zu sein. Zu dem letzten

Bondelzwartsaufstand, nach dem Witbooi, wie gewöhnlich, sofort

Heeresfolge geleistet hatte, wollte er z. B. nicht ohne seinen

Bezirksamtmann abmarschieren und erklärte diesem auf Befragen: »Ich

muß da sein, wo mein Sohn ist, ich muß aufpassen. Denn ich will

meinen Herrn wieder gesund in sein Haus zurückbringen, darum bin ich

hier.« Während des gemeinsamen Aufenthaltes auf dem Kriegsschauplatze

unterhielt dann Herr v. Burgsdorff eine rege Korrespondenz mit seiner

in Gibeon zurückgebliebenen Frau, in die mir freundlichst Einblick

gewährt worden ist. In dem Briefe finden sich folgende Stellen: »Der

alte Witbooi ist rührend. Ohne daß ich es merken soll, stellt er

anscheinend heimlich immer einen Posten auf zu meinem Schutze.« Ferner

in einem späteren Briefe: »Unser alter Witbooi ist rührend und riesig

frisch.« Endlich in einem dritten Briefe nach einem gemeinsamen Gefecht

gegen die Aufständischen: »Mein Gefecht war tüchtig heiß, der alte

Witbooi ist ein großartiger Mann. Ich fahre gleich fort mit ihm, wie

gewöhnlich, auf einer Karre.«

Gleichviel, ob der Kapitän die nach dem Aufstande in seinem Lande

vorgekommenen Mordtaten direkt befohlen oder nur passiv zugelassen

hat, die Verantwortung bleibt für ihn dieselbe. Wäre er in unsere

Hände gefallen, so hätten wir daher die seinerseits uns geleisteten

guten Dienste nicht mehr zu seinen Gunsten in die Wagschale werfen

können. Sein Leben war verwirkt. Und darum war die deutsche Kugel,

die ihn schließlich getroffen hat, eine Erlösung für ihn und für

uns. Ihm hat sie einen ehrlichen Soldatentod gebracht und uns aus

einem vielleicht schwierigen Dilemma befreit. In die Geschichte des

südwestafrikanischen Schutzgebietes hat jedoch der kleine Kapitän[80]

seinen Namen für immer eingetragen. Sein hartnäckiger Widerstand

gegen das mächtige Deutsche Reich an der Spitze einer kleinen,

kriegsgewandten, aber ebenso zerlumpten, wie bettelhaften Schaar,

dann sein zehnjähriges treues Festhalten an unserer Sache und endlich

das Wagnis eines abermaligen Aufstandes gegen uns haben seinen Namen

in gutem wie in bösem Sinne mit der Geschichte des Schutzgebietes

untrennbar verbunden. So steht er noch vor mir, der kleine Kapitän,

der mir zehn Jahre lang treu zur Seite gestanden hat. Bescheiden

und doch selbstbewußt, anhänglich, aber politisch doch nicht ohne

Hintergedanken, niemals von dem abweichend, was er für Pflicht und

Recht gehalten hat, voll Verständnis für die höhere Kultur der Weißen,

ihr nachstrebend, aber doch deren Träger nicht immer liebend, ein

geborener Führer und Herrscher, dies war Witbooi, der gewiß auch in der

allgemeinen Weltgeschichte unsterblich geworden sein würde, hätte ihn

das Schicksal nicht nur auf einem kleinen afrikanischen Thron geboren

werden lassen. Es war der letzte Nationalheros einer dem Untergange

geweihten Rasse.

Oberhäuptling Samuel Maharero.

Der reine Gegensatz zu Witbooi ist und war der Oberhäuptling der

Hereros, Samuel Maharero. Schon äußerlich unterschieden sich

beide. Samuel ist eine große, imponierende Erscheinung von stolzer

Haltung, ein schöner Neger, äußerlich daher als geborener Herrscher

erscheinend, auch nicht ohne Geist und Verstand, aber mangelhaft von

Charakterbildung wie Anlage. Er nahm für sich nur Rechte in Anspruch,

die Pflichten opferte er dagegen seiner Genußsucht. Für seine in der

Tat vorhandenen Herrschereigenschaften spricht es jedoch wieder,

wenn es Samuel gelang, sich aus der anfänglich schwierigen und

machtlosen Stellung eines mühsam anerkannten Oberhäuptlings zu dem

machtvollen Führer durchzuarbeiten, als der er uns im letzten Aufstand

gegenübergetreten ist. Ohne seinen Namen und ohne sein Machtwort

wäre ein derart gemeinsames Handeln der Hereros, wie es der letzte

Aufstand gezeigt hat, überhaupt nicht möglich gewesen. Inwieweit

indes bei Beginn des Aufstandes der Oberhäuptling der Geschobene

oder der Schiebende gewesen ist, darüber sind die Akten noch nicht

geschlossen. Wie ich ihn beurteile, möchte ich ersteres annehmen. Er

liebte zu sehr sein bequemes Herrenleben, um es ohne Zwang aufzugeben.

Hat Samuel doch bei allen seinen Staatshandlungen sonst in erster

Linie nur an sein eigenes Wohl gedacht. Zwei Momente werden es wohl

gewesen sein, die den Oberhäuptling bewogen haben, sich an die Spitze

der Aufstandsbewegung zu stellen. Das eine war Furcht vor Verlust der

eigenen Stellung, das andere die ganz bestimmt auftretende Nachricht

vom Tode des Gouverneurs, an dem er seit zehn Jahren in schwierigen

Lagen stets eine Stütze gefunden hatte. Ist doch im Januar 1904 in

Omaruru sogar die abgeschnittene Hand eines Weißen als diejenige des

Gouverneurs herumgezeigt worden. Vor Jahren schon hatte der Häuptling

mir gegenüber geäußert, er würde, wenn es ihm schlecht ginge, sich

in Windhuk sicherer fühlen als bei seinen eigenen Untertanen. Wie

dem auch sein mag, ich glaube bestimmt, daß der Oberhäuptling vor

seinem Anschluß an den Aufstand zunächst Fühlung mit mir gesucht

haben würde, hätten die Verhältnisse mich nicht Ende 1903 zur Abreise

nach dem Bondelzwartskriegsschauplatze gezwungen. In dem Briefe vom

6. März 1904, den der Oberhäuptling über die Ursachen des -- bereits

ausgebrochenen -- Aufstandes an mich gerichtet hat, heißt es z. B.

wörtlich: »Und jetzt in diesem Jahre, als die Weißen sahen, daß Du

Frieden mit uns und Liebe zu uns hast, da begannen sie zu sagen, euer

Gouverneur, der euch lieb hat, ist in einen schweren Krieg gezogen.

Er ist tot, und weil er tot ist, so werdet ihr sterben.« Gleichviel,

ob diese Behauptung an sich wahr ist oder nicht, die Worte enthalten

jedenfalls die Ansichten und Gedanken des Oberhäuptlings und seiner

Großleute.

Daß Samuel seine Stellung seinen Leuten gegenüber mittels Anlehnung an

die deutsche Oberherrschaft zu befestigen gewußt hat, ist schon ein

Zeichen politischer Klugheit. Uns aber hat er durch seine Anlehnung

in seiner Art ebensoviel genutzt wie Hendrik Witbooi durch seine

langjährige Heeresfolge. Unter seiner Beihilfe sind mehrere hundert

Gewehre aus dem Besitz der Hereros in den unsrigen übergegangen.

1896 half er ferner den Stamm der Ovambandjerus[81] niederschlagen

und den gefährlichsten aller Hererohäuptlinge, seinen Konkurrenten

Nikodemus, dem Tode entgegenführen. In demselben Jahre half er den

Unterhäuptling Katarrhe -- einen Untertan von Omaruru -- entwaffnen und

1899 desgleichen den Sohn seines alten Feindes Tjetjo. Mit allen diesen

Häuptlingen aber war er 1904 wieder gegen uns einig und wird von ihrer

Seite wohl bittere Vorwürfe über die vorherige Wegnahme ihrer Waffen

haben hören müssen.

Die Eifersucht auf die wachsende Macht Samuels bewog ferner auch den

intelligenten Kapitän von Omaruru, Manasse, zur Anlehnung an die

deutsche Regierung. Wie im Süden dem Kapitän Witbooi, so verdanken

wir es daher im Norden dem Oberhäuptling Samuel, wenn es gelungen

ist, mit den geringsten Machtmitteln lange Jahre Ruhe und Frieden im

Schutzgebiete aufrechtzuerhalten. Ich habe bereits erwähnt, daß ich bei

Expeditionen in das Hereroland zur Vermeidung von Mißverständnissen

stets den Oberhäuptling nebst einer angemessenen Begleitung mitgenommen

habe. Es war dies den zu passierenden Werften mißtrauischer und

unwissender Feldhereros gegenüber stets das klarste Zeichen friedlicher

Absicht. Bei diesen Expeditionen wurden die Reisemärsche meist in

Staffeln zurückgelegt, da diese Art des Marschierens in Südwestafrika

der Wasser- und Weideverhältnisse wegen vorzuziehen ist. In solchem

Falle pflegte ich die Staffeln der Schutztruppe ihren europäischen

Führern zu überlassen, zu meiner persönlichen Bedeckung aber lediglich

den Oberhäuptling mit seinen Hereros zu befehlen. Bei ihnen durfte ich

mich so sicher fühlen wie bei meinen eigenen Leuten. Alle im jetzigen

Aufstande genannten Hereroführer, wie Kajata, Baratjo, Oanja und

Friedrich Maharero, der Sohn des Oberhäuptlings, haben auf diese Weise

mich schon »gesichert«. Wie sehr sich hierbei der Oberhäuptling in

seiner Würde fühlte, möge folgende Episode dartun. Als einst infolge

Unvorsichtigkeit eines eingeborenen Dieners mehrere unserer Pferde bei

einem Stallbrande zugrunde gingen, stellte Samuel sofort teilweise

Ersatz. »Das ist Pflicht des Oberhäuptlings aller Hereros,« meinte er,

»wenn das Unglück in seinem Lande und in seiner Gegenwart geschehen

ist.«

Oberhäuptling Samuel war schon als Kind getauft worden, aber er

hatte an der Mission wenig Freude, ebensowenig die Mission an ihm.

Sein Christentum war ein recht laues. Ihm legten Genußsucht, Neigung

zum Alkohol und endlich auch -- ~last not least~ -- zu den Frauen

fortgesetzt Fallen. Auch waren die unaufhörlichen Farmverkäufe des

Oberhäuptlings der Mission ein Dorn im Auge. In Summa, Samuel Maharero

steht vor uns als leichtsinniger, aber geistig nicht unbegabter

Genußmensch von stattlicher Erscheinung und -- wenn von den Geistern

des Alkohols nicht befangen -- auch von würdevollem Auftreten. Er

erinnerte mich stets an den lebensfrohen, aber klugen König eines

der orientalischen Kleinstaaten, für den die Genüsse des bekannten

Babylons an der Seine mehr Anziehungskraft besessen hatten als die

Regierungsgeschäfte, die er auch schließlich zugunsten seines Sohnes

freiwillig abgegeben hat. Auf ein Ereignis ähnlicher Art, durch den

Druck seitens seiner empörten Untertanen herbeigeführt, bin ich bei

Samuel stets gefaßt gewesen. Nur die Beteiligung an dem Aufstande hat

ihn vielleicht in letzter Stunde davor bewahrt.

Nachdem jedoch der Oberhäuptling sich einmal zur Teilnahme am

Aufstande entschlossen hatte, wuchs er zu einer Stellung heran, wie

sie kraftvoller auch sein Vater Kamaherero nicht besessen hatte.

Hierin stimmen die Aussagen aller Überläufer und Gefangenen überein.

Samuels Befehle wurden blind befolgt. Er wußte die Schwankenden

aufzurichten, die Mutlosen zu erneutem Widerstande aufzumuntern und die

Ungehorsamen zu bestrafen. So wäre ohne sein Eingreifen die Masse des

Hererovolkes, darunter sogar der kriegstüchtige Kajata, bereits nach

den Gefechten von Onganjira und Oviumbo über die Grenze verschwunden.

Ein Waterberg hätte es dann nicht mehr gegeben. Als dann vor dem

Gefecht von Waterberg der eine Sohn Kambazembis, Salatiel, der sich

am Aufstande bis dahin noch nicht beteiligt hatte, eine zweifelhafte

Haltung zeigte, entsandte Samuel einen seiner zuverlässigsten

Unterhäuptlinge mit einigen hundert Mann und dem Befehl, sich _hinter_

Salatiel aufzustellen, und auf ihn zu schießen, falls er das Gefecht

gegen die Deutschen nicht aufnehmen würde. Ferner hat ein bei den

Hereros gefangen gewesener und wieder entkommener Bastard zu Protokoll

gegeben, daß Samuel im Gefecht von Onganjira sechs Hereros, als sie

vorzeitig die Flucht ergreifen wollten, eigenhändig niedergeschossen

habe. In der Tat, wenn ich diesen Oberhäuptling mit dem vergleiche,

der 1896 auf unserer Seite ins Feld gezogen ist, so treten uns zwei

ganz verschiedene Menschen entgegen. 1896 hat z. B. in dem Gefecht von

Otjunda Samuel seine Person nicht früh genug hinter einen Busch in

Sicherheit bringen können. Immerhin war er wenigstens freundschaftlich

genug, mich aufzufordern, auch dorthin zu kommen.

Oberhäuptling Samuel war klug genug, zu wissen, daß er ~va banque~

gespielt hatte, daher sein anderes Auftreten in dem jetzigen Kriege.

»Ihr habt den Krieg gewollt, nun kämpft auch«, soll er mehrfach seinen

Leuten zugerufen haben. Er war sich klar, daß die Verantwortung

für alles Geschehene auf ihm lastete und daß er Gnade nicht mehr zu

erwarten habe. Nach dem Gefecht von Waterberg scheint indessen auch er

den Mut verloren zu haben. Wir sehen der deutschen Verfolgung gegenüber

nichts mehr von irgendwelchem Widerstande, sondern nur eilige Flucht

über die sichernde Grenze. Jetzt befindet sich Samuel unter englischer

Polizeiaufsicht am Ngamisee, bei ihm sein ältester Sohn Friedrich und

einige seiner nächsten Großleute, unter letzteren sein Feldherr Kajata.

Dort mag der Oberhäuptling wohl oft mit Sehnsucht an die schönen Tage

von Okahandja zurückdenken, wo es ihm an Kaffee, Tabak, Alkohol und

Frauen nie gefehlt hat, an jene angenehmen Tage des Schuldenmachens und

der Einnahme aus Farmverkäufen. Hoffentlich halten ihn die Engländer

nunmehr auch dauernd fest, denn seine Rückkehr in das Hereroland würde

zu erneuten schweren Verwicklungen führen können.

Häuptling Manasse von Omaruru.

Ein wahrer, bewußter und unbewußter Komiker tritt uns in diesem

Häuptling entgegen, aber ein solcher von hoher Klugheit. Schon die Art

seines Regierungsantritts entbehrte nicht eines gewissen komischen

Beigeschmacks. Manasse war Christ und eifriger Vorbeter in der Kirche,

eine wahre Stütze der Mission, als er vor der Frage stand, die

Häuptlingswürde anzunehmen. Mit ihr war die weitere schwierige Frage

verknüpft, ob der neue Häuptling mit dieser Würde nach Hererositte

auch den ganzen Harem seines Vorgängers übernehmen wolle. Letzteres

würde aber nicht mit dem Christentum, noch viel weniger mit der Würde

eines Kirchenältesten in Übereinstimmung zu bringen gewesen sein.

Zum Mißvergnügen der Mission und zum Kummer seiner christlichen Frau

entschied sich schließlich Manasse zur Annahme der ihm zugefallenen

Häuptlingswürde. Damit war der Rückfall in die heidnische Gewohnheit

der Vielweiberei verbunden, was seine christliche Frau, Albertine,

zu einem Selbstmordversuch veranlaßte und ihm die Ausschließung aus

der Christengemeinde eintrug. In der Folge versuchte jedoch der

Häuptling, Christentum und Heidentum in weiser Abwägung miteinander zu

vereinigen. Meist wohnte er bei seinem Harem in der heidnischen Werft,

eine Viertelstunde von Omaruru entfernt, zuweilen aber auch in seinem

christlichen Hause in Omaruru bei Frau Albertine, namentlich dann,

wenn es ihm schlecht ging. So traf ich ihn z. B. Ende 1894, als die

Ermordung eines Weißen in seinem Lande zu einem ernsten Zusammenstoß

seinerseits mit der deutschen Regierung zu führen drohte (Kapitel

~II~), in Omaruru in seinem christlichen Hause. An Bülow[82] schrieb

Manasse einst: »Ich bin wieder Christ geworden, wohne bei Albertine

und gehe zur Kirche, aber ich trinke immer noch Branntwein.« Letzteres

sollte wohl ein Wink sein. Aber auch wenn er Heide war, brach Manasse

die Beziehungen zu seiner christlichen Frau nie ab, namentlich die

Kinder der letzteren besuchten ihn täglich.

[Illustration:

Dolmetscher Oberhäuptling

Kleinschmidt Samuel

$Manasse

von Omaruru.$

]

Manasse war ein herkulisch gebauter Neger von hoher Intelligenz. In

den früheren Kriegen seines Stammes gegen die Swartboois soll er sich

durch Tapferkeit und Tatkraft ausgezeichnet haben. Als ich ihn kennen

lernte, war er jedoch schon von einer Krankheit befallen, die ihm das

Gehen erschwerte und das Reiten ganz unmöglich machte. Infolgedessen

war Manasse an seine Residenz Omaruru gefesselt, so daß sein Einfluß

bei seinen Untertanen allmählich abnahm. Aber immerhin blieb dieser

groß genug, um des Häuptlings politische Stellungnahme auch für sie zur

Richtschnur werden zu lassen. Für uns aber war die Bewegungsunfähigkeit

Manasses nur günstig, denn sie zwang ihn zu einer friedlichen

Politik, die er lediglich im Anschluß an die deutsche Regierung

durchführen konnte. Äußerlich war Manasse daher immer deutschfreundlich

gesinnt, wie er auch mir viel Unterstützung gewährt, nie aber ernste

Schwierigkeiten bereitet hat.[83]

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 23 / 50 段