gegen die Indianermission, von den Sklavenbesitzern gegen die
Negermission, von den ozeanischen Händlern und Kolonisten gegen die
Südseemission, von der ostindischen Kompagnie gegen die Mission in
ihrem Bereich geführt worden ist: der Kampf der materiellen Interessen
gegen die idealen Aufgaben der Mission, der Ausbeutung der Eingeborenen
gegen ihre Inschutznahme durch die Mission, der Kampf -- um es milde
auszudrücken -- der sittlichen Laxheit gegen die Forderungen der
christlichen Ethik, welche die Mission vertritt. Diesen Kampf müssen
wir aufnehmen, selbst auf die Gefahr eines Konfliktes hin; aber es ist
ein schwerer Kampf.«
Daß die Missionare den Aufstand nicht vorausgesehen haben, dies
Mißgeschick teilen sie mit sämtlichen damals unter den Hereros
wohnenden Weißen. Diese Tatsache spricht weniger gegen die Mission
als für die wunderbare Disziplin der Eingeborenen. Auch daß die
christlichen Eingeborenen sich an dem Aufstande mitbeteiligt haben,
wird der Mission mit Unrecht zum Vorwurfe gemacht, so bedauerlich
diese Erscheinung an sich auch ist. Vielmehr könnte man in ihr auch
ein günstiges Zeichen für die Mission finden, und zwar den Beweis, daß
diese sich von politischen Umtrieben unter ihren Gemeindemitgliedern
ferngehalten und sich lediglich auf ihre ideale Aufgabe beschränkt hat.
Daß sie dies in der Tat getan und keinerlei Versuche gemacht hat, etwa
einen Staat im Staate zu bilden, hat zur Folge gehabt, daß die Mission
unter einer heidnischen Stammesregierung ebenso ungestört hat wirken
können wie unter einer christlichen, sowie daß Streitigkeiten zwischen
heidnischen und christlichen Eingeborenen niemals vorgekommen sind. Der
Übergang von der heidnischen zur christlichen Religion hat sich daher
unter den Stämmen des Schutzgebietes unter weniger staatsrechtlichen
Umwälzungen vollzogen als z. B. seinerzeit in dem kaiserlichen
Rom. Die Christen fühlten sich nach wie vor mit ihren heidnischen
Stammesgenossen eins und gehorchten ihrer heidnischen Obrigkeit so gut
wie einer christlichen. In der Tat, ein solches Verhalten könnte nur
allen Religionsstiftern empfohlen werden. Politisch gewirkt haben die
Missionare unter ihren Eingeborenen, wie schon erwähnt, nur in einer
Beziehung, nämlich zugunsten der deutschen Oberherrschaft. Wenn diese
politische Wirksamkeit gerade in einem entscheidenden Moment versagt
hat, und wenn sich vor dem Aufstande unter den eingeborenen Christen
auch nicht ein einziger gefunden hat, dem schließlich das Gewissen
schlug, so ist dies ebenso staunenswert wie bedauerlich. Während
sich jedoch einzelne Weiße fanden, die den Missionaren sogar den
ungeheuerlichen Vorwurf nicht ersparten, sie hätten von dem Aufstande
gewußt, aber nichts verraten, haben dagegen die Eingeborenen selbst
den letzteren durchaus nicht getraut. Dies ergibt sich aus dem Befehl
des Oberhäuptlings Samuel vom 11. Januar 1904, in dem ausdrücklich
angeordnet ist, daß die Absicht zum Aufstande den Missionaren geheim zu
halten sei.
Einen großen Erfolg hat immerhin die Mission auch aus dieser
schwierigen Zeit zu verzeichnen, indem in dem gleichen Befehl die
Schonung von Leben und Eigentum der Missionare angeordnet ist. Mit
dem Instinkt, den wir bei jedem Tiere finden, hatten die Eingeborenen
erkannt, daß sie es in den Missionaren mit Leuten zu tun hätten, die
es -- obwohl der als Unterdrücker angesehenen verhaßten Nation der
Deutschen angehörig -- im Grunde gut mit ihnen meinten. Auch das
sichtlich hervortretende Bestreben der Eingeborenen, bei allen ihren
furchtbaren Mordtaten wenigstens Frauen und Kinder zu schonen, ist ohne
Frage auf den Einfluß des Christentums zurückzuführen. Denn in der
heidnischen Zeit kannten sie eine solche Rücksichtnahme nicht. Wenn
auch dieses Bestreben der Schonung da und dort versagt hat, so liegen
Untaten einzelner vor, für welche die Gesamtheit nicht verantwortlich
gemacht werden kann. Solche Dinge passieren auch bei uns. Tatsache
ist, daß zahlreiche dem Blutbade entronnene oder seitens der Hereros
absichtlich geschonte Frauen und Kinder ihre erste Zuflucht in dem
nächsten Missionshause gefunden haben, bzw. durch Eingeborene dort
abgeliefert worden sind. Unter ihnen befand sich sogar ein Händler
Namens Conrad, dessen Schonung, wie bereits erwähnt, vom Oberhäuptling
Samuel gleichfalls ausdrücklich befohlen worden war. Tatsache ist
ferner, daß die Verzögerung des Aufstandes in Omaruru um fünf Tage, in
Otjimbingwe sogar um elf Tage gegen Okahandja neben der Einwirkung der
betreffenden Verwaltungsbeamten dem Wirken der Missionare zuzuschreiben
ist. Wollte die Mission Böses mit Bösem vergelten, so würde sie
ihren Anklägern gegenüber mit einem gewissen Schein von Recht darauf
hinweisen können, daß die genannten Termine im umgekehrten Verhältnis
zu der Überschwemmung der betreffenden Gebiete mit Wanderhändlern
ständen. Denn am meisten war von solchen der Distrikt Okahandja
heimgesucht, wo der Aufstand zuerst ausbrach, am wenigsten Otjimbingwe,
wo dies zuletzt geschah. Indessen dürfte sich diese Erscheinung
natürlicher mit der Tatsache erklären, daß der Distrikt Okahandja der
Zentralregierung der Hereros direkt untersteht, während die beiden
anderen eine nominell selbständige eigene Regierung besitzen.
[Illustration: Scherzbild 1.
Die Bambusen (eingeborene Diener) im Jahre 1900.]
Auch der katholischen Mission hat der Aufstand einen Rückschlag
gebracht. Sie mußte ihre blühende Station Epukiro aufgeben und der
Zerstörung überlassen. Dagegen hat sie den Triumph erlebt, daß
sämtliche bei ihr angesiedelten Eingeborenen, darunter auch Hereros,
treu geblieben sind. Auf dem Marsche von Epukiro nach Gobabis hat sich
sogar die kleine Gemeinde unter ihren Patres (Christ und Watterott)
tapfer einiger Angriffe herumschweifender Banden erwehrt. Überhaupt
haben die durch keinerlei Familienbande gefesselten katholischen
Patres und Laienbrüder sich bei Beginn des Aufstandes auch militärisch
nützlich gemacht, wo sie nur konnten. Der Präfekt Nachtwey hat sich
im April 1904, unter Gestellung eigener Transportmittel, der Truppe
als Feldgeistlicher angeschlossen und die Gefechte bei Onganjira und
Oviumbo mitgemacht. Auch von den Oblaten im Süden wird berichtet,
daß der Pater Malinowsky bei den im Juni und Juli 1905 stattgehabten
Verhandlungen mit dem Bandenführer Morenga die deutschen Abgesandten
in das feindliche Lager begleitet hat, während der evangelische
Missionar von Keetmanshoop, Herr Fenchel, im Hauptquartier des Generals
v. Trotha als Dolmetscher sowie als Vermittler der Korrespondenz
gedient hat. Die gleiche Aufgabe hatte er auch schon während des
Bondelzwartsaufstandes bei mir übernommen.[72]
[Illustration: Scherzbild 2.
Die »Herren« Bambusen (eingeborene Diener) im Jahre 2000.]
Überhaupt hat, um dies gleich hier zu erwähnen, der im Süden
des Schutzgebietes dem Hereroaufstand folgende allgemeine
Hottentottenaufstand der Mission nicht die bitteren Vorwürfe des
ersteren eingetragen. Einerseits hatte man über ein solches Ereignis
überhaupt ruhiger denken gelernt, anderseits war diesmal der Aufstand
nicht derart unerwartet gekommen wie damals. Wenn aber richtig ist,
was erzählt worden ist, nämlich daß der in Rietmond, der zweiten
Residenz des Kapitäns Hendrik Witbooi, stationierte Missionar Holzapfel
von der Kanzel herunter den Witboois als Strafe für ihre Sünden die
bevorstehende Entwaffnung durch die deutsche Regierung verkündet habe,
so würde hierin allerdings eine unbegreifliche Unvorsichtigkeit liegen.
Herr Holzapfel ist auch der einzige Missionar im Schutzgebiete, der
nach Ausbruch des Aufstandes seitens der Eingeborenen ermordet worden
ist. Infolge seines Todes wird jetzt die Wahrheit schwer festzustellen
sein. Ein Seitenstück zur fraglichen Erzählung bildet die Tatsache,
daß dem Kapitän Witbooi einige Wochen vor seinem Aufstande zugetragen
worden ist, der Missionar Wandres in Windhuk habe von der Kanzel herab
gepredigt, Gott würde Isaak Witbooi[73] durch die deutsche Regierung
ebenso strafen, wie er den Kapitän Abraham Christian in Warmbad habe
strafen lassen. Durch Vermittlung des Bezirksamtmanns in Gibeon kam
diese Nachricht behufs Feststellung der Wahrheit an das Gouvernement
in Windhuk. Der Missionar leugnete die ihm zugeschriebene Äußerung
entschieden, eine Richtigstellung, die dann wieder nach Gibeon
übermittelt worden ist. Kapitän Witbooi aber gab sich -- ein Zeichen
seines bereits wieder erwachten Mißtrauens -- hiermit nicht zufrieden.
Er unterzog den Überbringer jener Nachricht -- einen seiner Untertanen
-- in Gegenwart des Bezirksamtmanns einem nochmaligen peinlichen
Verhör. Der Mann blieb unter Nennung von Zeugen bei seiner Aussage,
worauf die Sache abermals nach Windhuk zurückging. Doch auch die jetzt
angestellten Zeugenerhebungen ergaben die vollständige Haltlosigkeit
der erhobenen Verdächtigung. Die erneute Richtigstellung kam jedoch
nicht mehr in die Hände des Kapitäns, da dieser mittlerweile die
Fahne des Aufruhrs erhoben hatte. Diese Episode gibt indes einen
weiteren Anhalt für die Einflüsse, die von allen Seiten auf den alten
Witbooi eingewirkt haben, bis er sich zu seinem verzweifelten Schritte
entschlossen hat.
Einen Lichtblick für die Mission möge es dagegen wieder bedeuten,
wenn ich, gestützt auf meine Personalkenntnisse, der bestimmten
Ansicht bin, daß die Treue derjenigen zwei Hottentottenstämme, die
sich dem Aufstande nicht angeschlossen haben, und zwar der Stämme
von Bersaba und Keetmanshoop, in erster Linie dem Einflusse der
Missionare zuzuschreiben ist. Bei Keetmanshoop könnte man vielleicht
noch entgegnen, daß zu diesem Ergebnis neben dem bei den Eingeborenen
wohl angesehenen, stellvertretenden Bezirksamtmann, Zolldirektor
Schmidt, auch die dortige starke Stationsbesatzung beigetragen
habe. Aber auch diese Faktoren hätten nicht hindern können, daß die
Bewohner behufs Anschluß an die Aufständischen ganz oder zum Teil
vom Platze verschwanden. Daß dies nicht geschehen, ist zweifellos
mit ein Verdienst des dortigen Missionars Fenchel. In Bersaba befand
sich dagegen nicht einmal die kleinste Station. Die Treue des
dortigen Stammes beruht ausschließlich auf der loyalen Gesinnung des
Kapitäns Goliath, und diese ist ihm durch seinen Lehrer, den früheren
Missionar Hegner, eingepflanzt worden. Wenn ferner auch ein Teil des
Bethanierstammes treu geblieben ist, so beruht diese Tatsache mehr
auf dem Zwiespalt, der zwischen dem Kapitän Paul Frederiks und dessen
Vetter Cornelius Frederiks, einem Schwiegersohn Witboois, bestand. Aber
immerhin ist von diesen beiden Aspiranten auf die Kapitänswürde der
treu gebliebene, d. h. der erstere, derjenige, welcher der Mission am
nächsten gestanden hat.[74]
Schließlich erübrigt noch ein Streiflicht auf die Ovambomission. Unter
jenem Volke besitzt auf deutschem Gebiet die im übrigen Schutzgebiete
wirkende evangelische Rheinische Mission nur eine Station, nämlich
Namakunde. Dagegen hat sie auf portugiesischem Gebiet noch zwei
weitere Stationen eingerichtet, Omupanda und Ondjiva, alle drei in
dem Gebiete des früheren Häuptlings Uejulu (jetzt Nande) gelegen. Auf
deutschem Gebiet, und zwar in demjenigen Teile des Ondongastammes, der
dem Häuptling Kambonde untersteht, befinden sich außerdem noch zwei
evangelische Missionsstationen, aber nicht einer deutschen, sondern
einer finnischen Missionsgesellschaft zugehörig. Indessen haben
sich die durchweg das Deutsche beherrschende finnischen Missionare
im Verkehr mit der deutschen Regierung stets ebenso entgegenkommend
gezeigt wie die deutschen Missionare. Auch sie sind uns als Vermittler
mit den Eingeborenen von hohem Nutzen gewesen, obwohl sie im Falle
der Entdeckung stets ihr Leben riskierten. Einzelheiten über diesen
Verkehr mit den Ovambos sind im Kapitel ~VI~ »Unsere Beziehungen zu den
Ovambos« gegeben. Über die Zahl der getauften Ovambos sind mir nähere
Angaben nicht bekannt geworden. Allzuviele scheinen es auch nicht zu
sein. Die Mission hat dort anscheinend mit denselben Schwierigkeiten
zu kämpfen wie unter den Hereros, nämlich mit nicht ausreichenden
materiellen Lebensbedingungen sowie mit der Vielweiberei. Was die
katholische Mission betrifft, so habe ich bereits erwähnt, daß auch das
Ovamboland der in Windhuk eingerichteten Präfektur »Nieder-Zimbabesien«
zugeteilt ist. Doch hat diese aus den bereits gleichfalls im Kapitel
~VI~ geschilderten Ursachen ihre Wirksamkeit dort noch nicht beginnen
können.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel ~IX.~
Die Häuptlinge des Schutzgebiets.[75]
Im allgemeinen.
Bereits in dem Abschnitt »Schutzverträge« habe ich dargelegt, daß
die Stellung des Gouverneurs bisher in etwa derjenigen der alten
römisch-deutschen Kaiser geglichen hat (S. 240). Auch letztere hatten
auf den guten Willen ihrer Vasallen, sowie mit Aufständen von deren
Seite rechnen müssen, falls sie Grund zur Unzufriedenheit zu haben
glaubten. Erst durch die Ereignisse getrieben, sind wir jetzt an eine
Änderung dieses Verhältnisses herangetreten. Aber welche Opfer es
kostet, das sehen wir auch jetzt erst. Für das alte Vaterland würde es
daher schon besser gewesen sein, wenn es gelungen wäre, den Ausgleich
zwischen der weißen und der farbigen Rasse auf weniger gewaltsamem
Wege herbeizuführen. Anscheinend sind wir vor Beginn des jetzigen
großen Aufstandes auf dem Wege hierzu gewesen. Welche Ursachen diese
beginnende Entwicklung so jäh unterbrochen haben, will ich einer
späteren Erörterung vorbehalten. Vorbedingung des Verständnisses
hierfür ist jedoch auch die Kenntnis von den Persönlichkeiten der
mächtigsten eingeborenen Häuptlinge und ihrer politischen Stellung.
Da sind zunächst zwei Männer zu nennen, deren Einfluß -- des einen
im Norden, des anderen im Süden -- bei Lösung der Frage, ob dem
Schutzgebiete eine friedliche oder eine kriegerische Entwicklung
beschieden sei, in die Wagschale fiel. Gesetz und Erbfolge, verbunden
mit Wahl, hatten beiden die Häuptlingswürde zufallen lassen. Mächtig
waren sie jedoch, der eine durch die Menge seiner Untertanen, der
andere durch das Gewicht seiner Persönlichkeit. Der erstere war,
wie der Leser vielleicht bereits erraten hat, der Oberhäuptling der
Hereros, Samuel Maharero, der letztere der Kapitän Hendrik Witbooi.
Neben ihnen spielten noch zwei jetzt bereits verstorbene Kapitäne eine
gewisse Rolle, der eine gleichfalls im Norden, der andere im Süden
des Schutzgebietes. Der eine war der Kapitän Manasse von Omaruru,
der andere Kapitän Wilhelm Christian von Warmbad. Ihr Tod hat die
jetzt über das Schutzgebiet hereingebrochene Katastrophe ohne Frage
beschleunigt. Sie liebten die deutsche Oberherrschaft auch nicht mehr
als die übrigen Häuptlinge des Schutzgebietes; aber sie waren schon
bei Jahren, daher nicht mehr in der besten körperlichen Verfassung
und infolgedessen zur Ruhe und zum Frieden geneigt. Auch waren sie
intelligent genug, um die schwerwiegenden Folgen eines bewaffneten
Widerstandes gegen die neue Entwicklung der Dinge vorauszusehen,
und auch einflußreich genug, um ihr Volk vor unüberlegten Schritten
abzuhalten. Um diese vier Kapitäne und Häuptlinge gruppierten
sich die übrigen mehr oder weniger mächtigen Stammesoberhäupter
des Schutzgebietes. Mit ihnen hatte ich nach meinem Eintreffen
im Schutzgebiete daher in erster Linie zu rechnen. Nach ihrem
Verhalten mußte sich infolgedessen mein eignes richten. Als besonders
erwähnenswertes Stammesoberhaupt könnte vielleicht auch der Kapitän
Christian Goliath von Bersaba genannt werden, da dieser an Intelligenz
ersetzte, was ihm an Macht abging. Jedoch zu irgendwelchem Einfluß
über die engeren Grenzen seines Landes hinaus hatte er es bei der
Geringfügigkeit seiner Machtmittel doch nicht bringen können.
Hendrik Witbooi.[76]
An der Spitze der vorgenannten Häuptlinge steht naturgemäß Hendrik
Witbooi. Nach seinem im November 1905 infolge einer Verwundung
erfolgten Tode habe ich ihm in der in Berlin erscheinenden
»Gegenwart«[77] einen Nachruf gewidmet, der seine wesentlichsten
Charaktereigenschaften schildert. Ich kann mich daher hier darauf
beschränken, das Bemerkenswerteste aus diesem Artikel zu wiederholen
und nur noch einiges hinzuzufügen. Der Hauptzug im Charakter Hendrik
Witboois ist die Neigung zur religiösen Mystik gewesen. Der Kapitän war
bereits als Kind getauft worden und durch Missionar Olpp[78] erzogen
worden. Dieser hat ihn sicher genau kennen gelernt und nennt ihn in
einer seiner Schriften »einen Mann, an dem kein Falsch ist«. Unter
seiner Leitung wurde Hendrik Witbooi in der Residenz seines Vaters,
Moses Witbooi, Kirchenältester. Ich habe bereits im Kapitel ~I~, S. 6,
erwähnt, wie sich später Witbooi mit seinem Vater, und zwar aus einem
ihn durchaus ehrenden Grunde, überwarf und sich ein eigenes Reich zu
gründen versuchte. Ursprünglich hatte er die Absicht, dieses im Norden
des Schutzgebietes zu suchen, wohin ihm etwa die Hälfte seines Stammes
zu folgen bereit war. Die Hereros gestatteten jedoch nicht seinen
Durchzug durch das Hereroland, sehr zu ihrem eigenen Schaden, wie sich
später ergeben sollte, brachten ihm vielmehr mittels verräterischen
Überfalls einige Verluste bei. Erst jetzt zog Witbooi rachedürstend
nach Hornkranz und nährte sich lange Jahre von den Viehherden der
Hereros. Denn zu einer Vertilgung der »Amalekiter«, wie Witbooi
in seiner Bibelfestigkeit die Hereros zu nennen pflegte, reichten
schließlich seine Machtmittel doch nicht, auch nicht, nachdem der Tod
seines Vaters ihn zum Herrn seines ganzen Stammes gemacht hatte. Aber
immerhin geschädigt hat er die Hereros schwer, bis schließlich das
Eingreifen des Deutschen Reiches seinen Räubereien ein Ziel setzte.
Aber in einem eineinhalbjährigen Kampfe hat Witbooi uns dann die Palme
des Sieges streitig gemacht und sich als ein vollendeter Meister in
der afrikanischen Kriegführung gezeigt. Beendigt wurde schließlich
dieses Ringen nicht durch eine für ihn vernichtende Niederlage, sondern
einfach mittels Aufzwingung der deutschen Schutzherrschaft unter ihn
wenig drückenden Bedingungen. Damals wollte das deutsche Reich für
Südwestafrika noch nicht die gewaltigen Mittel aufwenden, die es
notgedrungen heute aufwendet. Mir, welchem den Schlußkampf mit Witbooi
herbeizuführen beschieden gewesen ist, standen zu seiner Niederwerfung
wie zur Niederhaltung der übrigen Stämme des Schutzgebietes damals
rund 500 Gewehre und 2 Geschütze zur Verfügung, gegen 15000 Gewehre
und 40 Geschütze von heute. Die damalige Stärkeberechnung beruhte auf
den Angaben meines Vorgängers, dem anscheinend eine Unterschätzung
der Widerstandskraft der Eingeborenen mit unterlaufen ist. Denn
in Afrika kann der Friede nicht durch bloßes Erringen von Siegen
wiederhergestellt werden, sondern lediglich durch Vernichtungsschläge,
zu denen es eines gewissen Überschusses an Kraft bedarf.
Nachdem aber Witbooi einmal für unsere Sache gewonnen war, hat er die
ihm notgedrungen gewährte Gnade reichlich gelohnt. Als Beweis möge
die Aufzählung nachstehender Kriegszüge dienen, in denen allen er auf
unserer Seite gefochten hat:
Jahr Gegner Erzieltes Ergebnis
1896 Osthereros und Osthereros zersprengt. 12000 Stück
Khauas-Hottentotten Großvieh abgenommen, Führer
erschossen. Khauas-Hottentotten
entwaffnet und in Windhuk
interniert.
1897 Afrikaner-Hottentotten Stamm gefangen. Führer
kriegsrechtlich erschossen.
1898 Swartbooi-Hottentotten Stamm entwaffnet und in Windhuk
interniert.
1900 Bastards von Grootfontein Stamm nach Entwaffnung aufgelöst
und zum Teil als Strafgefangene in
Windhuk interniert.
1903 Bondelzwarts Stamm entwaffnet, die geflüchteten
Führer geächtet.
1904 Hereros Vor Beendigung die Witboois als
Bundesgenossen wieder
ausgeschieden.
Wie der Kapitän außerdem im Jahre 1898 durch sein Standhalten auf
unserer Seite einen anläßlich der Gewehrstempelungsfrage drohenden
Aufstand im Namalande im Keime hat ersticken helfen, ist bereits oben
erwähnt (Kapitel ~V~, S. 154).
Hendrik Witbooi war von kleiner Statur und daher äußerlich keine
besonders imponierende Erscheinung, aber er machte bei näherer
Bekanntschaft doch Eindruck durch seine auf unbeugsamer Willensstärke
gegründete Ruhe und Festigkeit. Langsam und sicher war seine Rede,
kein unüberlegtes Wort kam aus seinem Munde. »Hei is en diegen
Kerl« (er ist ein tüchtiger Kerl), sagte einst bewundernd ein alter
Afrikaner zu dem Bezirksamtmann v. Burgsdorff. Sein äußeres Auftreten
war bescheiden. Aber es war die Bescheidenheit des selbstbewußten
Mannes. Ihm lag sowohl das Kriechende wie das protzenhaft sich
Überhebende der gewöhnlichen Hottentotten fern. Als ich dem Kapitän
einst meine Geschütze zeigte und hinzufügte, solche besäße der
Deutsche Kaiser mehrere tausend, erwiderte er, indem eine Art
entsagungsvollen Zuges über sein Gesicht flog: »Ich weiß ja wohl, daß
der Deutsche Kaiser mächtiger ist wie ich, aber Du brauchst es mir
doch nicht immer zu sagen.« Auch die Gesichtszüge Hendrik Witboois
waren feiner und einnehmender, als sie sonst bei Hottentotten zu sein
pflegen. Aber nicht nur jene zu einem geborenen Herrscher gehörigen
Charaktereigenschaften hatten dem kleinen Kapitän eine unbedingte
Autorität über sein Volk verschafft, sondern auch das religiöse Moment.
[Illustration: Witbooi-Hottentotten auf dem Marsche im Feldzuge 1896
(auf deutscher Seite).]
Während seines Aufenthaltes in Hornkranz hat Witbooi auch ohne
Missionar stets für Abhaltung regelmäßigen Gottesdienstes gesorgt sowie
ein strenges Regiment im christlichen Sinne über seine Leute geführt.
Trunkenheit wie Vergehen gegen die Sittlichkeit hatten immer strenge
Ahndung zur Folge. Etwa während seiner Kriegszüge erbeuteten Alkohol
hat er stets vernichten lassen. Dabei war der Kapitän aber klug genug,
unverbesserlichen Trinkern gegenüber, wenn diese ihm sonst nützlich
waren, auch zeitweise ein Auge zuzudrücken. Zu letzteren gehörte z. B.
sein Finanzminister Keister.[79] Unter der deutschen Herrschaft hat
dann Witbooi seine Abneigung gegen Alkohol fallen lassen. Er blieb
zwar persönlich immer mäßig, trank aber immerhin gern ein Gläschen
Likör oder Schaumwein. Aber fast nie nahm er von mir ein Geschenk
dieser Art an, ohne zugleich um ein solches für seine Begleitung zu
bitten. Auch seine Maßnahmen auf sittlichem Gebiete sah Witbooi einer
Korrektur zu unterziehen sich veranlaßt, als die Anwesenheit einer
deutschen Garnison zur Folge hatte, daß die Mitschuldigen bei den
sittlichen Verfehlungen der Töchter seines Volkes zuweilen nicht seiner
Rechtsprechung unterstanden. Da hat er es dann für unrecht gehalten,
nur den einen Teil zu bestrafen. Vorher hatte die Geburt eines
illegitimen Kindes stets die Prügelstrafe für beide Eltern zur Folge
gehabt. Eine der letzten schweren Strafen auf diesem Gebiete mußte der
Kapitän an einer seiner Töchter vollziehen lassen, die ihn bereits mit
einem zweiten illegitimen Kinde überrascht und aus Furcht vor Strafe
dieses gleich nach der Geburt getötet hatte. Zuerst wollte er die junge
Mutter wegen Mordes erschießen lassen, fragte aber vorher hierwegen
bei seinem Bezirksamtmann um Rat. Dieser machte ihn darauf aufmerksam,
daß das deutsche Strafgesetzbuch einen solchen Fall nicht als Mord
auffasse, ihn vielmehr unter ein besonderes milderes Gesetz gestellt
habe. Dies leuchtete dem Kapitän ein. Er ließ seiner Tochter so viel
Schambokhiebe aufzählen, als sie aushalten konnte, und zwang sie dann,
ihren Verführer, gleichfalls einen Mann seines Stammes, zu heiraten.