Hindernis entgegenstehen: die in den Monaten Juni bis August
alljährlich auftretenden Nachtfröste. Die Temperatur am Okawango ist in
den Wintermonaten überraschend niedrig, morgens liegt über dem Fluß ein
dicker Nebelstreifen, und bis nach 9 Uhr ist es bitterkalt. Kurz bevor
ich zum Okawango kam, waren den Fluß entlang sämtliche Tabakspflanzen
erfroren. Die Owakwangaris bauen besonders Kafferkorn, Bohnen, Kürbisse
und Erdnüsse. Kafferkorn bildet die Hauptnahrung und wird in ungeheuren
Quantitäten produziert; der Verkaufspreis stellt sich, mit Handelsgut
bezahlt, auf 3 bis 4 Mark pro Zentner. Ein vielversprechender
Handelsartikel ist der Wurzelkautschuk. Zwar kommt dieser nicht nahe
dem Okawango vor, aber die dem Owakwangaris ergebenen Buschmänner
nördlich des Okawango im portugiesischen Gebiet, westlich des Kuito,
sammeln ihn und bringen ihn den Häuptlingen. Der Kautschuk kommt in
viereckigen Stücken von 1 ~kg~ Gewicht, etwa 20 ~cm~ lang, 18 ~cm~
breit, 4 bis 5 ~cm~ dick, in den Handel. Bisher kamen von Zeit zu Zeit
portugiesische Händler von Mossamedes, um den Kautschuk einzukaufen.
»Die Vegetation längs des Okawango ist keine tropische. Die am meisten
vorkommenden Bäume sind der Omumboranganga (~Combretum primigenum~),
dem nach ihrem Glauben die Damaras und Ovambos entstammen, sowie der
wilde Feigenbaum (~Ficus damarasis~). Vereinzelt sieht man niedrige
Büsche von Palmen (~Hyphaene ventricosa~), und westlich von Ossovue
stehen größere Gruppen von hohen Palmen. In dem Busch längs des Flusses
kommen häufig zwei Strychnosarten vor, die wohlschmeckende Früchte
tragen; dieselben Bäume stehen vereinzelt im ganzen Sandfeld und bilden
eine beliebte Kost der Buschmänner. Sehr wohlschmeckende Früchte trägt
auch der sogenannte Mandelbaum (~Scherogewga Schweinfurthiana~), ein
Baum, dessen Stamm mit weißgrüner, glatter Rinde einen mächtigen Umfang
hat und dessen Früchte mit roter Schale, von der Größe runder Pflaumen,
namentlich wenn sie trocken vom Baum fallen, in großen Mengen von den
Buschmännern gesammelt und für schlechte Zeiten aufbewahrt werden. Das
trockene Fruchtfleisch schmeckt ähnlich wie das der Palmäpfel oder wie
Johannisbrot, der innere Kern wird geröstet und dann gegessen, oder er
wird gestampft, und der ölige Inhalt wird zum Einreiben des Körpers
verwendet.
»Die Fauna beim Okawango ist sehr reichhaltig. Zwar sind Elefanten
und Flußpferde selten geworden, aber längs des Flusses stehen starke
Rudel von Bastardgemsböcken, Bastardhartebeesten, Zebras, Roriböcken,
Riedböcken und Wasserböcken. Im Flusse sollen viele Krokodile sein,
doch habe ich kein einziges gesehen, sie sollen in der kalten Zeit
nicht an die Oberfläche des Wassers kommen, werden übrigens von den
Ovambos nicht gefürchtet und sollen nie einem Menschen etwas tun. Groß
ist der Fischreichtum im Okawango. Es kommen viele Arten vor, besonders
ein Raubfisch mit scharfen Zähnen, unserem Barsch ähnlich, ein breiter,
karpfenähnlicher Fisch, eine Art Wels und Weißfische. Mit Ausnahme
des Wels, der einen schlammigen Geschmack hat, schmecken die Fische
vorzüglich.
»Die Vogelwelt ist überaus reichlich vertreten, vom Strauß bis zu den
kleinsten buntgefiederten Arten. Zahllos sind die großen Wasservögel,
Störche, Reiher usw. Gänse und Enten habe ich weniger beobachtet.
Von Raubtieren kommen vor: Löwe, Leopard und zwei Arten Hyänen; von
kleinerem Raubzeug: Wildkatze, Ginsterkatze, zwei Schakalarten und im
Fluß Fischottern.«
Viehzucht wird nach einer weiteren Angabe des Oberleutnants Volkmann
im Okawangotale so gut wie nicht betrieben. Auch der Handel scheint
infolge der stattgehabten Beraubung einzelner Händler fast ganz
aufgehört zu haben. Die Häuptlinge sind im Besitz großer Mengen
Elfenbein, wollen es aber nur für Munition verkaufen, nach deren
Besitz ihr ganzes Sinnen und Trachten steht. Kautschuk wurde nur bei
Himarua gefunden, flußabwärts dagegen nicht. Doch vermutet Oberleutnant
Volkmann das Vorhandensein kautschukhaltiger Wurzeln und Pflanzen
auch flußaufwärts. Im ganzen sieht Oberleutnant Volkmann den großen
wirtschaftlichen Wert des Okawangotales weniger im Handel als in
der landwirtschaftlichen Produktion, was auch für dessen Zukunft
weit bessere Aussichten eröffnet. Im übrigen sind alle Besucher des
Okawangotales darin einig, daß es in dem wirtschaftlichen Leben der
Kolonie dereinst eine wichtige Rolle spielen werde.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Okawangotales wird noch größer
werden, wenn die auf Grund der Angaben früherer Reisender vermutete
Bifurkation des Okawango nach dem Tschobefluß und damit nach dem
Zambesi in der Tat sich als vorhanden herausstellen sollte (siehe die
Skizze auf S. 207). Dann würde der schon vielfach teils ernst-, teils
scherzhaft genannte »Caprivizipfel« für die südwestafrikanische Kolonie
noch das werden können, was sein Urheber, der ehemalige Reichskanzler
Graf Caprivi, sich gedacht hatte, nämlich eine natürliche Verbindung
mit unserer ostafrikanischen Kolonie wie mit dem Indischen Ozean. Der
Okawango ist bei einer Breite von 100 bis 150 ~m~ und einer Tiefe
von 3 bis 5 ~m~ sowie bei gleichmäßig ruhigem Fahrwasser innerhalb
der deutschen Interessensphäre überall als schiffbar zu betrachten.
Schwierigkeiten scheint nur die zahlreiche Armbildung, verbunden mit
Stromschnellen, bei Andaras Werft zu bieten. Denn unweit des genannten
Platzes ändert der Fluß seinen Charakter vollständig. An die Stelle
des bisherigen gemeinsamen Bettes tritt eine Anzahl mehr oder weniger
breiter Arme, die sich mit reißendem Gefälle durch Felsen ihren Weg
bahnen und eine Menge Inseln bilden. Diese ragen entweder als nackte
Steininseln empor, oder sie sind mit üppigster Vegetation bedeckt,
darunter eine Menge stattlicher Laubbäume mit vortrefflichem Nutzholz.
Auf einer dieser Inseln liegt, 5 ~km~ flußabwärts von seines Vaters
ehemaliger Werft, abgeschlossen von der übrigen Welt, die Werft Diêbes,
des Sohnes von Andara. Anscheinend hat sich der Häuptling durch diese
abgeschlossene Lage den Räubereien seiner Nachbarn entziehen wollen.
Außer der Hauptwerft befinden sich auf den Inseln noch mehrere dicht
bewohnte, unverschanzte Dörfer, die gleichfalls Diêbes Herrschaft
anerkennen.
Diesen Werften gegenüber sattelte Oberleutnant Volkmann, dessen
Darstellung ich hier zumeist folge, bei seinem Besuche ab und schickte
Botschaft zu Diêbe, um seine Ankunft zu melden. Die Ovambokuschu --
dies ist der Name des Andarastammes -- zeigten sich zuerst scheu,
wurden aber später zutraulich. Die von Diêbe zurückgekommenen Boten
brachten die Bitte mit, die Besucher möchten seiner, Diêbes, Werft
näher kommen, was auch geschah. Der Weitermarsch ging in dem immer
enger werdenden Flußtale durch eine ungemein reizvolle Landschaft.
Steile Felsenpartien, zwischen denen das Wasser, schäumende Schnellen
bildend, über gewaltige Felsblöcke dahinschoß, wechselten mit Stellen
üppigster Vegetation ab. Bald sah Oberleutnant Volkmann, noch einige
hundert Meter entfernt, aber durch reißende Flußarme getrennt, im
Hintergrunde einer Felseninsel die Werft Diêbes auftauchen. Hier wurde
das neue Lager bezogen und bald darauf von Oberleutnant Volkmann in
Begleitung des Präfekten Nachtwey die Überfahrt zur Werft angetreten.
Diese Überfahrt nahm einige Zeit in Anspruch, da die Stromschnellen
eine solche direkt nicht gestatteten. Zuerst ging es über einen 30 ~m~
breiten Flußarm auf eine bewaldete Insel, dann auf dieser zu Fuß 50
Schritte stromauf, wo die Besucher von neuen Kanus in Empfang genommen
und auf einem großen Umwege nach Diêbes Insel gefahren wurden. Die
Eingeborenen steuerten hierbei mit außerordentlicher Geschicklichkeit
durch die Schnellen.
[Illustration: Der sogenannte Caprivi-Zipfel.]
Auf der Werft waren die Großmänner versammelt, bald erschien auch der
Häuptling, von der Versammlung mit Händeklatschen begrüßt. Den weiteren
Verlauf seines Besuches schildert nun Oberleutnant Volkmann, wie folgt:
»Diêbe ist ein etwa 35jähriger Mann von nicht unsympathischem Aussehen
und Wesen. Er hat es nicht verstanden, den großen Ruf, den Andara
als Zauberer und Regenmacher genoß, zu erhalten, und der Stamm ist
anscheinend im Zurückgehen begriffen. -- Man sieht auch keinen
einheitlichen Rassetyp mehr, sondern die Typen der verschiedensten
untereinander gemischten Stämme. Die Unterhaltung machte einige
Schwierigkeiten, da dieser Stamm nicht mehr die Ovambosprache, sondern
die der Betschuanen spricht, welche mein Dolmetscher nur schlecht
beherrscht.
»Nachdem in einer schöngeschnitzten Kalebasse Bier gebracht und
herumgereicht war, fuhren wir zum Lager zurück. Am folgenden Tage
entspann sich ein lebhafter Handel um Proviant und Kuriositäten. Es
wurden mehrere Zentner Korn, Hirse, Bohnen und Erdnüsse eingetauscht,
auch eine Menge schöner Schnitzarbeiten. Nachdem ich nachmittags
nochmals bei Diêbe gewesen war und ihn wiederholt ermahnt hatte, alle
durchreisenden Weißen gut aufzunehmen, ließ ich einspannen und trat den
Rückmarsch an.
»Der nächste Tag brachte einen kleinen Zwischenfall, indem zwei Pferde
in den Okawango fielen, von denen das eine wieder zum Ufer schwamm,
während das andere ein Stück stromabwärts getrieben wurde und eine etwa
150 ~m~ vom Lande entfernte Insel erreichte. Nach langem Bemühen gelang
es, Eingeborene mit Kanus zu rufen, die einige Leute von uns auf die
Insel fuhren. Hier wurde das Pferd eingefangen und an Ochsenriemen in
das Wasser gezogen, worauf es ruhig hinter den Kanus herschwamm und
glücklich wieder am südlichen Flußufer ankam.«
Über den weiteren Lauf des Okawango bis zum Ngamisee, beziehungsweise
zum Tschobe, falls die Abzweigung dorthin vorhanden, sowie über den
Tschobe selbst wissen wir dagegen nichts Bestimmtes.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel ~VII.~
Die militärische und bürgerliche Organisation des Schutzgebietes.
Die Schutztruppe.
Da die Verwaltung des Schutzgebietes bis in die neueste Zeit zu einem
großen Teil der Schutztruppe mit obgelegen hat, ist es erforderlich,
zunächst deren Organisation kennen zu lernen. Der Gedanke des
Fürsten Bismarck, unsere überseeischen Besitzungen lediglich als
Handelskolonien anzusehen und in diesen dem Kaufmann zugleich mit der
Verwaltung auch den Schutz zu übertragen, hat sich in unseren drei
großen afrikanischen Kolonien Ostafrika, Kamerun und Südwestafrika
nicht lange halten können. In allen drei finden wir schließlich sogar
eine mehr oder weniger ausgeprägte reine Militärverwaltung.
Die Zeit der, um mich so auszudrücken, kaufmännischen Verwaltung
reichte in Südwestafrika von 1885 bis 1891. Das letztgenannte Jahr
ist das Gründungsjahr der südwestafrikanischen Schutztruppe, die
indessen zunächst nur eine mittels Anwerbung ergänzte und der Person
des Kommandeurs verpflichtete Privattruppe war. Solange die Truppe, wie
solches von 1891 bis 1893 der Fall, nur aus 30 bis 50 Köpfen bestand,
ergaben sich aus diesem Privatverhältnis keine Unzuträglichkeiten. Die
Truppe führte in der genannten Zeit im allgemeinen ein friedliches
Stilleben, mehr durch ihr Dasein als durch kriegerische Tätigkeit
wirkend. Die Notwendigkeit eines Einschreitens gegen Kapitän Witbooi
brachte ihr jedoch 1893 eine Erhöhung auf 350 Köpfe. In dieser
Stärke fand ich sie bei meinem Eintreffen im Schutzgebiet vor. Ihr
bisheriger Führer war der Hauptmann, später Major v. François, der nach
der Abreise des damaligen Reichskommissars, ~Dr.~ Göring, 1892 auch
interimistisch mit dem Reichskommissariat betraut worden war, so daß
von da ab Zivil- und Militärgewalt in einer Hand vereinigt blieben. Das
Reichskommissariat wurde demnächst 1893 in eine Landeshauptmannschaft,
1898 in ein Gouvernement umgewandelt.
[Illustration:
⋁ ⋁
Leutwein Mueller
Parade der Feldtruppe in Windhuk 1898.]
Als dann im Verlauf des Kampfes mit Witbooi die erforderlich gewordene
Besetzung des Namalandes eine weitere Verstärkung der Schutztruppe
notwendig machte, erschien das Beibehalten einer verhältnismäßig so
bedeutenden Truppe im Rahmen einer Privattruppe doch bedenklich.
Sowohl die Dienstverpflichtung wie die disziplinaren Verhältnisse
waren lediglich auf die Person des Kommandeurs zugeschnitten.[49]
Diese Bedenken wurden sowohl in Windhuk als in Berlin gleichmäßig wie
gleichzeitig erwogen. Denn, sich kreuzend mit dem diesseitigen Antrage,
traf zugleich mit der weiteren Verstärkung 1894 eine Allerhöchste
Kabinettsordre ein, mittels der die Schutztruppe in eine Kaiserliche
umgewandelt wurde. Das Jahr 1894 muß mithin als das eigentliche
Geburtsjahr der heutigen Kaiserlichen Schutztruppe Südwestafrikas
betrachtet werden. Ihre Stärke betrug in dem genannten Jahre 15
Offiziere und rund 500 Mann. Von diesen führten 250 Mann den letzten
Kampf gegen Witbooi in der Naukluft durch, während 300 Mann in 15
Stationen das Namaland und das Südhereroland besetzt hielten.
Die oberste militärische Behörde der Schutztruppe in der Heimat war
bis 1896 das Reichsmarineamt gewesen, in bezug auf Verwendung dagegen
unterstand sie dem Reichskanzler. Dieser Dualismus erwies sich auf
die Dauer als unhaltbar. 1896 wurde daher für die drei afrikanischen
Schutztruppen das jetzt noch bestehende Oberkommando eingerichtet, an
dessen Spitze der Reichskanzler steht. Diesem ist ein militärischer
Stab unter einem älteren Stabsoffizier[50] beigegeben. Mit
Stellvertretung des Reichskanzlers, auch in bezug auf das Oberkommando,
ist bis jetzt mittels besonderer Kabinettsordre stets der jeweilige
Kolonialdirektor betraut worden.
[Illustration: Beförderungen im Anschluß an die
Kaiser-Geburtstags-Parade in Windhuk 1900.]
Die Notwendigkeit, das Schutzgebiet behufs Aufrechterhaltung der
öffentlichen Sicherheit mit einem Netz von Stationen besetzt zu halten,
brachte es ferner mit sich, daß die Truppe auch nach Beendigung des
Witbooikrieges in zwei Teile zerlegt blieb, von denen der kleinere
in zwei Feldkompagnien und einer Artillerie-Abteilung in Windhuk
vereinigt wurde, der größere Teil auf die zu Distriktsverbänden
zusammengeschlossenen Stationen fiel. 1895 finden wir sieben
Militärdistrikte mit 35 Stationen. Neben Aufrechterhaltung der
öffentlichen Ruhe und Ordnung hatten die Distriktstruppen, an deren
Spitze damals ausschließlich Offiziere standen, auch die erforderlichen
polizeilichen und Verwaltungsaufgaben zu erfüllen. Mit fortschreitender
Gewöhnung der Eingeborenen an unsere Herrschaft wurden schließlich die
letzteren zur Hauptaufgabe der Distrikte, während die Aufrechterhaltung
der öffentlichen Ruhe lediglich der Feldtruppe überlassen blieb.
Indessen durfte dann diese nicht mehr in Windhuk versammelt bleiben,
sondern mußte gleichfalls auf das ganze Land verteilt werden. So finden
wir Ende 1896 vier Feldkompagnien und eine Feldbatterie zu einer
Feldtruppe vereinigt, von der damals noch drei Kompagnien und die
Batterie in Windhuk standen und eine Kompagnie in Outjo. 1897 wurde
dann eine Feldkompagnie nach Keetmanshoop verlegt und 1898 eine solche
nach Omaruru. In Windhuk verblieben von da ab nur noch der Stab, die 1.
Feldkompagnie und die Feldbatterie.
[Illustration: Oberst Ohnesorg,
Chef des Stabes des Oberkommandos der Schutztruppen.]
Der Etat der Truppe hatte durch die wegen des Aufstandes der Osthereros
und der Khauas-Hottentotten gesendete Verstärkung im Jahre 1896
abermals eine Erhöhung erfahren. Er betrug am Ende des genannten Jahres
33 Offiziere, einschließlich 5 Sanitätsoffiziere, und rund 900 Mann.
Infolge späterer Zurücksendung eines Teiles der Verstärkung sank der
Etat 1897 wieder auf 31 Offiziere und rund 700 Mann herab. Im Jahre
1902 erfolgte durch Formierung einer Gebirgsbatterie abermals eine
Erhöhung um 60 Mann nebst drei Militärunterbeamten, so daß der Etat
wieder 42 Offiziere und Sanitätsoffiziere, 1 Roßarzt und rund 780
Unteroffiziere und Mannschaften betrug. In dieser Stärke verblieb die
Truppe bis zum Hereroaufstand, und zwar mit etwa 500 Köpfen bei der
Feldtruppe und 280 bei den Polizeitruppen. Unter den letzteren waren
30 bis 40 auch im Zolldienst verwendet, teils ausschließlich, teils
in Verbindung mit dem Polizeidienst. Die Feldtruppe war stets zum
Ausmarsch bereit, nicht aber zur sofortigen gemeinsamen Verwendung, da
sie auf einen Raum so groß wie Deutschland verteilt werden mußte. Der
in Windhuk stationierte Teil der Feldtruppe konnte ebensogut im Norden
wie im Süden verwendet werden. Infolgedessen konnten im Norden
in etwa 14 Tagen drei Kompagnien und eine Batterie zur Verwendung
gegen die Hereros vereinigt stehen (1., 2. und 4. Kompagnie), im
Süden in etwa drei Wochen zwei Kompagnien (1. und 3. Kompagnie)
und eine Batterie gegen die Hottentotten. Für die Niederwerfung
eines allgemeinen Aufstandes war diese Truppenmacht natürlich
nicht berechnet. Sie hatte lediglich die Aufgabe, schon durch ihre
Anwesenheit die Aufrechterhaltung des Friedens zu sichern und im Falle
eines Aufstandes als Kern für die eingeborenen Hilfstruppen zu dienen,
die sich um sie zu gruppieren hatten. Ihre Stärke war daher auf der
Voraussetzung gegründet, daß es stets gelingen würde, die Eingeborenen
auf diplomatischem Wege zu trennen und einen Stamm gegen den andern
auszuspielen. Und daß dies in der Tat 10 Jahre lang gelungen ist, darin
liegt das Geheimnis der Tatsache, daß eine Truppe von 300 bis 700
Köpfen in dieser ganzen Zeit in einem Lande den allgemeinen Frieden
aufrechterhalten konnte, in welchem ihn in den Jahren 1904/06 eine
solche in der Stärke bis zu 15000 Mann nicht völlig wiederherzustellen
vermochte.
[Illustration:
_Diestel_, _Lampe_,
gefallen 2.9.94 bei Gams. gefallen 6.4.96 bei Gobabis.
_Schmidt_, gefallen 6.5.96 bei Otjunda.
Kommandeur und Adjutanten der Truppe von 1894-1904.]
[Illustration: Major Mueller,
Stellvertretender Truppenkommandeur.]
Die allgemeine Wehrpflicht.
Eine wesentliche, zunächst aber nur in den Listen erscheinende
Verstärkung hatte die Schutztruppe infolge der auf diesseitigen Antrag
1896 mittels Allerhöchster Verordnung im Schutzgebiet eingeführten
allgemeinen Wehrpflicht erhalten. Sämtliche im Schutzgebiet sich
aufhaltenden Mannschaften des Beurlaubtenstandes unterlagen von
dem genannten Jahre ab in Fällen der Gefahr der Einziehung bei der
Schutztruppe. Diese Einziehung hatte durch Kaiserliche Ordre zu
erfolgen, konnte jedoch im Falle der Dringlichkeit, vorbehaltlich
nachträglich einzuholender Allerhöchster Bestätigung, auch durch
den Gouverneur angeordnet werden. Zu diesem Zweck wurden die
wehrpflichtigen Personen unter militärische Kontrolle genommen und
die Gestellungsordres für jeden einzelnen auf den Distriktskommandos
bereitgelegt sowie auf dem laufenden erhalten. Bei Beginn des
Hereroaufstandes hatte die Zahl der Wehrpflichtigen im ganzen
Schutzgebiet die Höhe von rund 750 Köpfen erreicht, deren Einziehung
durchweg rechtzeitig gelang.
[Illustration: Das Offizierkorps der Schutztruppe in Windhuk 1900.]
Einer besonderen Kategorie von Wehrpflichtigen ist hier noch Erwähnung
zu tun, nämlich der Söhne derjenigen Buren, die die deutsche
Reichsangehörigkeit angenommen hatten und die daher gleichfalls der
Dienstpflicht unterworfen waren. 1903 betrug die Zahl der militärisch
ausgebildeten Buren 15 Köpfe.
[Illustration: Windhuk, Kaserne der 1. Feldkompagnie.]
Militärisch ausgebildete Eingeborene.
In dieser Kategorie sind zunächst die Bastards zu nennen. Wie bereits
erwähnt, wurde von 1895 ab auf Grund eines besonderen Vertrages die
wehrfähige Jugend der Rehobother Bastards in alljährlich wechselndem
Turnus sechs Wochen lang ausgebildet. Wenn einmal ausgebildet,
unterlagen sie 12 Jahre lang in Kriegszeiten der Einziehung und
in Friedenszeiten der Verpflichtung, sich alljährlich zu einem
vierwöchentlichen Wiederholungskurse zu stellen. Sie bildeten daher
eine Miliztruppe nach schweizerischem Muster und waren für die
südwestafrikanischen Verhältnisse unter der Führung tüchtiger Offiziere
ganz besonders brauchbar. Der in Rehoboth stationierte Offizier,
zugleich Distriktschef, hatte die Bastards im Frieden auszubilden
und im Kriege zu führen. Ich betone auch hier wieder, daß man bei
unseren südwestafrikanischen Eingeborenen die europäischen Führer ohne
zwingenden Grund nicht wechseln soll. Haben die Eingeborenen einmal
Vertrauen zu ihrem Führer gefaßt, so kann dieser das Höchste von ihnen
verlangen, während sie unter einem ihnen fremden Führer, mag dieser
auch den andern an persönlichen Eigenschaften übertreffen, leicht
versagen. Der letzte Führer der Bastards war der jetzige Hauptmann
Böttlin. Unter diesem haben sie in der Zahl von 70 bis 80 Köpfen an
der Niederwerfung des Bondelzwartsaufstandes und, daran anschließend,
an derjenigen des Hereroaufstandes teilgenommen; von ihr sind sie
im November 1904 -- mithin nach einem ununterbrochenen einjährigen
Feldzuge -- nach Rehoboth zurückgekehrt. Nach kurzer Ruhepause sind
sie dann zur Verteidigung ihres eigenen Landes gegen die mittlerweile
aufgestandenen Witboois wieder eingezogen worden und haben, wie die
ganze Zeit über, auch jetzt nur Gutes geleistet.
[Illustration: Besichtigung der Artillerie in Windhuk.]
[Illustration: Der Kriegerverein am Siegesdenkmal in Windhuk 1901.]
Ferner gab es noch eingeborene Polizisten und Soldaten, deren
Annahme mittels ein- bis zweijährigen Kontraktes den Kompagnie-
und Distriktchefs überlassen war.[51] Auch sie waren militärisch
ausgebildet und haben, wenn richtig behandelt und verwendet, der
Truppe stets gute Dienste geleistet. Bei Aufständen der eigenen
Stammesgenossen versagten sie indessen zuweilen und gingen zu jenen
über. Manchmal geschah dies auch aus Furcht, sie würden unserseits für
das Tun ihrer Stammesgenossen mit haftbar gemacht werden. Indessen sind
auch in solchen Fällen zahlreiche Züge von Treue bekannt geworden. So
haben z. B. während des Hereroaufstandes 1904 die Hereropolizisten im
Distrikt Grootfontein bei ihrem Distriktschef, Oberleutnant Volkmann,
ausgehalten und mit gegen ihre Stammesgenossen gekämpft. Ebenso hat
die Truppe während des jetzigen allgemeinen Hottentottenaufstandes
immer noch eingeborene Soldaten besessen, unter denen zweifellos auch
Stammesangehörige der Aufständischen gewesen sind. Vor dem Aufstande
mag die höchste Zahl der ausgebildeten eingeborenen Soldaten und
Polizisten bei der Truppe 130 betragen haben.
Die Stellung des Gouverneurs.
In bezug auf die Stellung des Gouverneurs zur Schutztruppe bestimmt die
Allerhöchste Kabinettsordre vom 16. Juli 1896 folgendes:
»Die in den afrikanischen Schutzgebieten zur Verwendung gelangenden
Schutztruppen werden dem Reichskanzler unterstellt. In weiterer Folge
unterstehen sie dem betreffenden Gouverneur oder Landeshauptmann
und demnächst dem Kommandeur. Ob und inwieweit diese Unterstellung
unter den Gouverneur bzw. Landeshauptmann eintretendenfalls auf deren
Stellvertreter überzugehen hat, bestimmt der Reichskanzler.«
[Illustration:
⋁
Hauptmann Kliefoth,
Gefallen am 17.12.05
bei Toasis.
Die eingeborenen Soldaten der 1. Kompagnie in Windhuk 1901.]
Die schwierige Frage, in welches Verhältnis hiernach ein Gouverneur,
falls er nicht selbst Soldat ist, zur Schutztruppe treten soll, hat die
Schutztruppen-Ordnung in sehr glücklicher Weise gelöst. Sie bestimmt
hierüber folgendes:
»Dem Gouverneur steht die oberste militärische Gewalt im Schutzgebiete
zu. Er kann die Schutztruppe nach eigenem Ermessen sowohl im ganzen wie
in ihren einzelnen Teilen zu militärischen Unternehmungen verwenden.
Von ihm wird das Verhältnis der obersten Verwaltungschefs zu den in
ihren Bezirken befindlichen Teilen der Schutztruppe mit der Maßgabe
geregelt, daß alle militärischen Anordnungen lediglich von dem Führer
der Schutztruppe verantwortlich getroffen werden. Er darf zu Zwecken
der Zivilverwaltung Teile der Schutztruppe so weit verwenden, als die
militärischen Rücksichten nicht entgegenstehen. Über diese hat er
vorher den Kommandeur zu hören.«
»Er erläßt seine Weisungen für die Schutztruppe an den Kommandeur.
Sollte er sich ausnahmsweise veranlaßt sehen, einzelnen Personen
oder Unterabteilungen Befehle unmittelbar zugehen zu lassen, so
hat er hiervon alsbald dem Kommandeur Mitteilung zu machen. Ob und
inwieweit die Befugnisse des Gouverneurs eintretendenfalls auf dessen
Stellvertreter überzugehen haben, bestimmt der Reichskanzler.« usw.