Am 11. September erfolgte der Abmarsch von Gobabis den starkfließenden

Schwarzen Nosob aufwärts und am 13. das Eintreffen vor der Werft des

Häuptlings Tjetjo, Gefechtsaufmarsch und dann Einreiten in die Werft,

wobei mich neben dem Adjutanten (Böttlin) auch der Oberhäuptling

Samuel begleitete. Dieses Mitreiten Samuels konnte als ein unbedingt

friedliches Zeichen aufgefaßt werden, andernfalls würde er sein

Mißtrauen zu erkennen gegeben haben. Tjetjo saß auch ganz friedlich

in seiner Werft, sein Sohn Traugott dagegen mit seinen Leuten,

anscheinend schußbereit, seitwärts im Busch. Doch auch dieser kam

jetzt zur Begrüßung herbei. Die vorgenommene Untersuchung ergab, daß

die treibende Kraft bei der aufrührerischen Bewegung Traugott gewesen

war, sein Vater dagegen lediglich der Getriebene. Letzterer kam daher

mit einer Strafpredigt und nachträglicher Einlieferung seiner Gewehre

behufs Abstempelung davon. Traugott dagegen, der eine zwei Stunden

weiter entfernte eigene Werft bewohnte, wurde zwei Tage später in

dieser aufgesucht und ihm die Wahl zwischen Gefecht und freiwilliger

Abgabe seiner Gewehre gelassen. Traugott zog das letztere vor und

lieferte rund 60 gute Hinterlader ab.[32]

Somit würde diese Expedition zur allgemeinen Zufriedenheit verlaufen

sein, wenn nicht das unbegreifliche Handeln eines Offiziers das Bild

getrübt und auch Südwestafrika mit einem Eingeborenenexzeß belastet

hätte, womit es seit seinem Bestehen bis jetzt verschont geblieben war.

Es war dies der sattsam bekannte Fall des Leutnants Prinz von Arenberg.

Dieser Offizier stand ~à la suite~ der Schutztruppe und leistete bei

ihr zur Zeit freiwillig aktiven Dienst, um sich Kenntnisse über Land

und Leute zu erwerben. In Erfüllung seines Wunsches hatte ich ihn

zunächst nach Osten gesendet und dem damaligen Distriktschef Leutnant

Reiß[33] zur beliebigen Verwendung zur Verfügung gestellt. Dieser

setzte ihn als Chef der Grenzstation Epukiro ein.

Nach Beendigung der Ostexpedition befahl ich dem Leutnant Prinz von

Arenberg, mit der Truppe nach Windhuk zurückzugehen, um nunmehr auch

andere Teile des Schutzgebietes kennen zu lernen. Der Prinz bat jedoch,

noch vier Wochen im Distrikt bleiben zu dürfen, da er einem größeren

Schmuggel auf der Spur sei. Da ein solcher gerade im Distrikt Gobabis

nicht ausgeschlossen erschien, wurde die Bitte bewilligt, und die

Truppe marschierte am 25. September ohne ihn ab. Am 27. September

kam der Leutnant Prinz von Arenberg nach Lehmwater nachgeritten und

meldete die durch ihn vollzogene Bestrafung des Herero-Bastards Willi

Kain wegen Hochverrats mit dem Tode. Die Meldung wurde anscheinend in

der aufrichtigen Überzeugung vorgetragen, sich um das Deutsche Reich

ganz besondere Verdienste erworben zu haben. Zur Untersuchung des

Falles marschierte ich mit der Truppe nach Gobabis zurück. Nachdem die

Untersuchung beendet war, wurde der abermalige Rückmarsch nach Windhuk

angetreten, aber diesmal auf dem nördlichen Wege mitten durch das

Hereroland, wobei auch Tjetjos Werft noch einmal berührt wurde. Der

Zweck dieser Abänderung der Marschroute war, eine im Hererolande etwa

auftretende Erregung über den Fall Kain niederzuhalten. Indessen ergab

sich, daß von einer solchen nirgends die Rede gewesen war. Die Truppe

rückte am 19. Oktober ohne Zwischenfall wieder in Windhuk ein.

Im übrigen sind die Einzelheiten des Falles »Arenberg« bekannt

genug, so daß ich hier über sie hinweggehen kann. Die Untersuchung

hat ergeben, daß die Gefahren, von denen sich der Leutnant Prinz von

Arenberg in dem Augenblick seines Handelns bedroht geglaubt hat, nur in

seiner Phantasie bestanden hatten. Er wurde für sein Vergehen in der

Heimat zum Tode verurteilt, dann zu fünfzehnjähriger Freiheitsstrafe

begnadigt, später aber für geistig nicht normal erklärt und aus dem

Gefängnis in eine Anstalt für Geisteskranke überführt.

Bei dem Marsch durch das Osthereroland, das ich seit der Rinderpest

nicht mehr gesehen hatte, trat unverkennbar zutage, wie sehr die Seuche

nicht nur die Herden, sondern durch ihre Begleiterscheinungen auch

das Volk der Hereros dezimiert hatte. Der Rinderpest war nämlich s.

Zt. unmittelbar der Typhus gefolgt, der unter Weißen wie Eingeborenen

aufräumte, unter den letzteren jedoch ungleich mehr. Die Eingeborenen

zeigten sich durchaus widerstandsunfähig und starben in großer Anzahl.

Das sonst so volk- und namentlich viehreiche Land war beinahe ganz leer

geworden.

Nicht im Zusammenhang mit der Ostexpedition stehend, aber hier zu

erwähnen ist noch die während des Rückmarsches der Truppe erfolgte

Ermordung zweier Weißer durch Hottentotten und Buschmänner bei Kowas

im Bezirk Windhuk. Namentlich durch die damals gerade zur Übung

eingezogenen Bastards unter dem Leutnant v. Schönau wurden die Räuber

verfolgt und entweder niedergeschossen oder gefangen genommen und

gerichtlich abgeurteilt. Als Ursache des Mordes hatte sich ergeben, daß

die Eingeborenen glaubten, sich auf diese Weise am zweckmäßigsten ihrer

Schulden an die betreffenden Weißen entledigen zu können.

Nordexpedition 1900.

Da ich seit Gründung des Nordbezirks 1896 das Nordhereroland nicht

mehr gesehen hatte, beschloß ich jetzt eine erneute Expedition nach

Outjo-Grootfontein. Die eigentümliche Stellung des Gouverneurs als

Oberherr von Völkerschaften, die nicht unter Anwendung von Gewalt

unterworfen waren, sondern ihn freiwillig als solchen anerkannt hatten,

bedingte sein häufiges Erscheinen bei den Häuptlingen. Er mußte

fortgesetzt Fühlung mit diesen halten und überall persönlich nach dem

Rechten sehen. War der Gouverneur doch für den Schutz der unter den

Eingeborenen lebenden Weißen bei seinen geringen Machtmitteln sehr auf

die Mitwirkung der Häuptlinge angewiesen.

[Illustration: Nordexpedition des Gouverneurs 1900.]

Wie gewöhnlich bei meinen Zügen durchs Hereroland, nahm der

Oberhäuptling mit 50 seiner Leute an der Expedition teil. Umsomehr

konnte diese als reiner Friedensmarsch ausgeführt werden. Um

jedoch das Angenehme mit dem Nützlichen zu vereinigen, wurde sie

mit einer großen Felddienstübung verbunden, bei der die Feldtruppe

von Windhuk einschließlich der verbündeten Hereros die eine Partei,

die 4. Feldkompagnie in Outjo und die aus Omaruru herangezogene 2.

Feldkompagnie die andere Partei bildeten. Es war dies ein Manöverfeld,

wie wenn in Deutschland etwa die Garnison von Karlsruhe i. B. gegen

diejenige von Königsberg operieren würde.

[Illustration: Der erblindete Häuptling Kambazembi.]

Die Expedition wurde am 3. Oktober 1900 angetreten und dauerte bis

Ende Dezember. In Waterberg konnte ich jetzt zum letztenmal den

alten Häuptling Kambazembi begrüßen, der vollständig erblindet war.

Der Streit um die Nachfolge zwischen seinen beiden Söhnen David und

Salatiel warf seine Schatten bereits voraus. Nach dem etwa zwei Jahre

später erfolgten Tode Kambazembis einigten sich schließlich die

Brüder dahin, daß David Platzkapitän von Waterberg wurde, Salatiel

die sonstige Herrschaft zufiel. Der erstere, ein Günstling des

Oberhäuptlings, hat sich später an dem allgemeinen Aufstand beteiligt,

der letztere erst, nachdem er selbst angegriffen worden war. Wäre eine

richtige Ausnutzung dieses Zwiespaltes möglich gewesen, so hätten wir

daher vielleicht beim Beginn des Aufstandes auf Bundesgenossen auch aus

den Reihen der Aufständischen rechnen können.

[Illustration: Station Outjo.]

Ein weiteres politisches Ereignis der Expedition war ein drohender

Zusammenstoß mit dem Ovambohäuptling Negumbo, über den das Nähere

im nächsten Kapitel folgen wird. Ferner erschien der Kapitän der

Topnaars aus Zesfontein und wünschte Gewehre und Munition, um sich

gegen die zum Zwecke von räuberischen Jagdzügen fortgesetzt den

Kunene überschreitenden Portugiesen zu wehren. Dies wurde unter dem

Hinweis auf seine Beteiligung an dem Swartbooiaufstande abgeschlagen,

ihm dagegen die Einrichtung einer Station in Zesfontein in Aussicht

gestellt. Letzteres geschah auch drei Monate später; erster

Distriktschef war Oberleutnant Schultze,[34] der dann auch den bisher

von portugiesischer Seite betriebenen Raubjagden ein Ende setzte.

Die »Felddienstübung« verlief völlig programmäßig und insofern viel

kriegsgemäßer als in Europa, weil in Südwestafrika die Rücksicht

auf Flurschäden fortfällt. Weit vorausgeschickte Reiterpatrouillen

gewannen bereits in der Gegend von Naidaos Fühlung miteinander.

Patrouillenführer auf Windhuker Seite war der als Vizefeldwebel

der Reserve eingezogene, uns noch vom Feldzuge 1896 her bekannte

Kaufmann Gustav Voigts. Es war interessant, zu sehen, wie infolge der

Kriegserfahrung und Landeskenntnis des Führers die Überlegenheit in der

Aufklärung entschieden auf Windhuker Seite blieb, bis auf der andern

Seite in dem Leutnant v. Wöllwarth[35] ein ebenbürtiger Gegenführer

auftrat. Von da ab hielt sich die Aufklärung auf beiden Seiten die

Wage. Bei Khauas, östlich Outjo, kam es dann am 10. November zum

Zusammenstoß, bei dem sich die verbündeten Herero den Platzpatronen

gegenüber durch große Tapferkeit auszeichneten. Damit war dann das

Manöver beendet.

[Illustration: Quelle von Waterberg.]

Vom 17. bis 24. November schob ich eine Fahrt nach Okaukuejo ein, einem

wichtigen Straßenknotenpunkt westlich der Etoschapfanne, der zur Anlage

einer Grenzstation gegen die Ovambos in Aussicht genommen war. Mit

dieser Fahrt wurde auch ein Besuch der Etoschapfanne verbunden, eines

in dieser Jahreszeit trockenen Salzsees, der sich bei Sonnenschein

wie ein Schneefeld, bei bewölktem Himmel wie ein Meer ausnahm. In

meiner Begleitung befanden sich 20 Reiter der Station Outjo unter dem

Kompagniechef und zugleich Bezirksamtmann Hauptmann Kliefoth.[36]

Auffällig war, daß jeden Abend auf der Höhe unseres Lagerplatzes am

Horizonte Feuer aufflackerte, aus dem wir auf das Vorhandensein von uns

anscheinend beobachtenden Spionen des Häuptlings Negumbo schlossen.

[Illustration: Karibib vor dem Bau der Eisenbahn.]

[Illustration: Karibib nach Erbauung der Eisenbahn.]

Auf dem Rückmarsch nach Windhuk konnte ich in Omaruru zum erstenmal

den Häuptling Michael begrüßen, den Nachfolger seines inzwischen

verstorbenen Vaters Manasse, wobei die üblichen Ermahnungen und

Gelöbnisse ausgetauscht wurden. Der junge Häuptling machte im ganzen

einen gesetzten und würdigen Eindruck. Von hier marschierte die Truppe

direkt nach Windhuk zurück, während der Oberhäuptling Samuel mich noch

bis Karibib, dem damaligen Endpunkte der Bahn, begleitete. Hier hatte

der Oberhäuptling Gelegenheit, mit mir das mittlerweile entstandene

Städtchen zu bewundern, dies an einem Platze, den wir bei dem

gemeinsamen Zuge vor fünf Jahren noch vollständig leer gesehen hatten.

Nach Befahrung der Bahn bis zur Bauspitze -- etwa 20 ~km~ östlich

Karibib -- und Besichtigung des Unterbaues, der wieder bereits 14 ~km~

weiter vorgetrieben war, erfolgte dann die Rückkehr nach Windhuk.

[Illustration: Denkmalsplatz in Windhuk.]

Auch jetzt sollte die Truppe hier nicht lange Ruhe haben. Anfang

Februar 1901 kam es wieder zum ernsten Schießen, und zwar an einem

Orte, an dem wir es zu allerletzt erwartet hätten, nämlich bei den zum

Bezirk Gibeon gehörigen Bastards von Grootfontein.

Aufstand der Bastards von Grootfontein 1901.

Auch dieser Aufstand entsprang dem so leicht erregbaren Mißtrauen der

Eingeborenen gegen Maßnahmen von unserer Seite. Wie bereits erwähnt,

war mittels eines 1895 abgeschlossenen besonderen Vertrages die

militärische Ausbildung der wehrfähigen Rehobother Bastards mit der

Verpflichtung zur Heeresfolge vereinbart worden. Der Vertrag war 1896

auch auf den kleinen Zweig der Bastards ausgedehnt worden, der sich

in Grootfontein (südlich) niedergelassen hatte. Diese Grootfonteiner

Bastards hatten alle Veranlassung, der Regierung dankbar zu sein. Sie

hatten sich während der Witbooiunruhen in ihrem allzu nahe bei der

Naukluft gelegenen Wohnsitz nicht mehr sicher gefühlt, ihn aufgegeben

und sich in das Bethaniergebiet zurückgezogen. Etwa Waffenhilfe gegen

den Eindringling zu leisten, daran dachten sie nicht im entferntesten.

Als Landeskenner würden sie im Naukluftfeldzuge sehr von Nutzen gewesen

sein.

Trotzdem setzte sie die Regierung nach Beendigung des Witbooikrieges

wieder in den Besitz ihres bisherigen Wohnplatzes Grootfontein, wo sie

als gute Viehzüchter bald, wie vordem, stattliche Wollschafherden auf

die Weide führen konnten. Als Gegenleistung hatten sie lediglich ihre

wehrfähige Mannschaft unter denselben Bedingungen wie die Rehobother

Bastards der Regierung zur Verfügung zu stellen.

Zu den Mobilmachungsvorarbeiten gehört bekanntlich auch die Lösung der

Pferdefrage. Hierzu war die Feststellung erforderlich, inwieweit die

Eingeborenenstämme, die zur Heeresfolge verpflichtet waren, mithin die

Witboois, die Rehobother und die Grootfonteiner Bastards, in der Lage

sein würden, sich selbst beritten zu machen. Während die zu diesem

Zwecke erforderlichen Erhebungen bei den beiden erstgenannten Stämmen

anstandslos vor sich gingen, widersetzten sich die Grootfonteiner

Bastards, angeblich, weil sie befürchteten, es handele sich um Wegnahme

ihrer Pferde -- dieselbe Befürchtung, wie wir sie an anderer Stelle

bei der Gewehrstempelungsfrage haben zutage treten sehen. Bei der

Beurteilung dieser Widersetzlichkeit muß indessen berücksichtigt

werden, daß den Witboois und den Rehobother Bastards ihre derzeitigen

Verwaltungsbeamten (v. Burgsdorff, Oberleutnant Böttlin) genau bekannt

waren und ihr Vertrauen besaßen, daß dagegen der Distriktschef der

Bastards von Grootfontein, Leutnant v. Lekow,[37] erst neuernannt

und daher noch nicht in der Lage gewesen war, sich dieses Vertrauen

zu erwerben. Es ist das die alte Geschichte von der Wichtigkeit der

Personalfrage in den Kolonien. Ob Leutnant v. Lekow, ein ruhiger

und vornehmer Charakter, durch eine andere Art des Auftretens den

Aufstand hätte verhindern können, wie damals in einem Teile der

heimatlichen Presse behauptet worden ist, ließe sich nur an Ort und

Stelle beurteilen. Aus dem äußeren Hergang der Sache zu schließen, muß

die Schuld fraglos den Bastards zugeschrieben werden. Der Verlauf war

folgender:

Als der Distriktschef Leutnant v. Lekow in Begleitung von nur zwei

eingeborenen Soldaten zur Feststellung des Pferdebestandes der Bastards

erschien, widersetzte sich der Kapitän Claß Swart, mit der Waffe

drohend, und verweigerte dann die Abgabe der Waffen, als nunmehr der

Distriktschef sie verlangte. Dieses Verlangen kann allerdings nicht

als zweckmäßig bezeichnet werden, da dem Leutnant v. Lekow zu dessen

Durchsetzung keinerlei Machtmittel zur Seite standen. Der Kapitän hatte

zwölf, der Distriktschef zwei Gewehre zur Stelle, und letztere waren

nicht einmal geladen.

Als dann der Distriktschef mit verstärkten Machtmitteln zurückkehrte,

wurde er ohne weiteres mit Schüssen empfangen. Ein Versuch des Kapitäns

Swart, bei seinen Nachbarn, den Rehobother Bastards und den Bethanier

Hottentotten, Hilfe zu erlangen, schlug dagegen fehl. Nur einige gerade

zum Besuch anwesende Rehobother Bastards, darunter bedauerlicherweise

auch ausgebildete Soldaten, trieb das Verwandtschaftsgefühl so weit,

sich dem Aufstande anzuschließen. So blieben die Aufständischen auf ein

kleines Häufchen von 20 bis 25 Gewehren beschränkt, denen Leutnant v.

Lekow aus seinem Distrikt nur etwa 15 Bewaffnete, meist ausgebildete

Witbooisoldaten, entgegenzusetzen hatte. Es folgte nun ein seitens des

Leutnants v. Lekow mit außerordentlicher Energie geführter Kriegszug,

bei dem es zu zwei größeren Zusammenstößen kam. Die Aufständischen

sahen sich schließlich zur Übergabe bewogen, noch bevor die von

Windhuk heranbeorderten Verstärkungen sowie die aus Gibeon im Anmarsch

befindlichen Witboois auf dem Schauplatze der Unruhen eingetroffen

waren. Bezeichnenderweise aber erfolgte diese Übergabe nicht an den

Distriktschef, sondern an eine Abteilung Witboois. Die Verluste

betrugen auf unserer Seite: tot ein weißer Reiter (Reer) und ein

Witbooisoldat, auf seiten der Aufständischen: der Kapitän und drei

seiner Leute.

[Illustration: Reiter der Schutztruppe.]

Am 14. März fand Kriegsgericht über die Gefangenen in Rehoboth statt,

zu welchem Zweck ich mich selbst dorthin begeben hatte. Es standen im

ganzen 22 Angeklagte vor Gericht, zu dem als Richter auch Bastards von

Rehoboth hinzugezogen worden waren. Von den Angeklagten wurden 3 zum

Tode, die übrigen zu Gefängnisstrafen von 1-10 Jahren mit Zwangsarbeit

verurteilt; sieben wurden freigesprochen. Die zum Tode Verurteilten

waren ausgebildete Bastardsoldaten, die nachweislich auf deutsche

Soldaten geschossen hatten. Mit Rücksicht auf die sehr entwickelten

verwandtschaftlichen Beziehungen des Bastardvolkes begnadigte ich

jedoch auch sie zu 10 Jahren Kettenhaft, jedoch unter Ausstoßung aus

dem Soldatenstande. Letzteres geschah öffentlich angesichts des Volkes

von Rehoboth sowie der Bastardsoldaten, die, soweit man ihrer habhaft

werden konnte, rasch eingezogen und eingekleidet worden waren.[38] Die

Gefangenen wurden sämtlich nach Windhuk überführt, wo in der Folge nach

Ausbruch des Hereroaufstandes 1904 die letzten von ihnen begnadigt

worden sind. Wie bekannt, haben die Bastards während des Aufstandes bis

zum heutigen Tage treu auf unserer Seite ausgehalten.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel ~VI.~

Unsere Beziehungen zu den Ovambos.

Ethnographisches.

Soviel aus den dürftigen Nachrichten hervorgeht, die bis jetzt,

namentlich von Missionsseite, zu uns gekommen sind, wohnen auf

deutschem Gebiet, vom Kunene bis zum Okawango, zum Teil auch von der

Grenze selbst durchschnitten, folgende Ovambostämme:

1. die Uukualuitsis, Stärke nicht zu schätzen, Regierungsform

unbekannt, keine Mission;

2. die Ongandjeras, unter einem gemeinsamen Häuptling stehend, Stärke

unbekannt. Nördlich davon befinden sich:

3. die Ombarantus (von anderer Seite auch Ovambandje genannt), Stärke

60000 bis 80000 Köpfe, in mehrere kleine Häuptlingsschaften zerfallend,

ob unter einem gemeinsamen Oberhäuptling, ist nicht bekannt. Das

Stammesgebiet ist wahrscheinlich durch die deutsch-portugiesische

Grenze zerschnitten;

4. die Uukuambis unter Häuptling Negumbo, Stärke 50000 bis 60000

Menschen. Alle drei ohne Mission;

5. die Ondongas, in zwei Stämme unter dem Häuptling Kambonde und

Nechale zerfallend. Stärke jedes Stammes etwa 20000 Menschen. Zwei

Missionsstationen (Finnische). Nördlich davon

6. die Uukuanjamas unter einem gemeinsamen, von sämtlichen

Unterhäuptlingen anerkannten Oberhäuptling. Bis vor etwa einem Jahre

war dies Uejulu, jetzt Nande. Stärke 70000 bis 80000 Menschen. Das

Stammesgebiet wird durch die Grenze derart durchschnitten, daß

der weitaus größere Teil in das portugiesische Gebiet fällt. Zwei

Missionsstationen (Rheinische). Östlich von diesem Stamm folgen dann

noch:

7. die Ovakvimas (nach Missionsangabe) unter einem Häuptling. Stärke

5000 bis 6000 Menschen. Ob das Stammesgebiet diesseits oder jenseits

der Grenze fällt, oder von dieser durchschnitten wird, ist ungewiß.

Gleichfalls nach Missionsangabe wohnen noch nordöstlich von diesem Stamm

8. die Ovambuela, wahrscheinlich ganz in das portugiesische Gebiet

fallend.

[Illustration: Missionsstation im Ovambolande.]

Von da bis zum Okawango scheinen keine Ovambostämme mehr zu wohnen,

vielmehr das Land lediglich den Buschmännern überlassen zu sein. Die am

Okawango wohnenden Stämme leben auf portugiesischem Gebiet und kommen

daher für uns nur indirekt in Betracht. Wir werden ihnen später noch

begegnen.

Von den vorstehend genannten Ovambostämmen sind wir bis jetzt

lediglich mit den Uukuambis (4.), den Uukuanjamas (6) und vor

allem den beiden Ondongastämmen (5) in Beziehungen gekommen. Daß

die deutsch-portugiesische Grenze so vielfach Stammesgebiete

durchschneidet, kann natürlich nicht als ein günstiger Zustand

angesehen werden. Diese Trennung erleichtert besonders den unter den

Ovambos lebhaft betriebenen Waffen- und Sklavenhandel.

Einer Regelung werden auch die Verhältnisse bei den im Okawangotal

wohnenden Stämme bedürfen, sobald wir mit einer Besiedlung des Südufers

des Flusses beginnen, das in unser Gebiet fällt. Die auf dem Nordufer

wohnenden Ovambostämme beanspruchen gleichfalls Besitzrechte auf dem

anderen Flußufer, während es eine portugiesische Regierungsgewalt auch

dort nicht gibt.

Geschichtliches.

Bis jetzt hatte die Brücke zu den Ovambos lediglich die Mission

gebildet, und zwar im Westen die finnische sowie die rheinische

(deutsch), im Osten die katholisch-deutsche Mission. Weitere

Beziehungen bestanden nur darin, daß ab und zu seitens der Ovambos ein

Händler schlecht behandelt wurde, oder daß seitens unserer Eingeborenen

einmal einem durchpassierenden Ovambo Pferde und Waffen weggenommen

worden sind, oder endlich, daß Munitions- und Schnapshandel über die

Grenze gemeldet wurde. Entweder folgten dann Klagen beim Gouvernement,

die einen durch Vermittlung der Mission geführten Briefwechsel mit dem

betreffenden Ovambohäuptling zur Folge hatten, oder aber diplomatische

Verhandlungen zwischen Berlin und Lissabon. In beiden Fällen wurde

selten ein befriedigender Abschluß erzielt, vielmehr endigte die Sache

meist in einer endlosen Verschleppung. Ich selbst bin so während meiner

Amtszeit nacheinander mit den Häuptlingen Kambonde, Nechale, Uejulu und

Negumbo in Briefwechsel gekommen.

Zum erstenmal geschah dies während des Nordzuges im Jahre 1895.

Kurz vorher war die Nachricht von der Niederwerfung Witboois zu den

Ovambohäuptlingen gedrungen und hatte diese in nervöse Stimmung

versetzt, die sich mit der jetzt kommenden Nachricht von dem Anmarsch

einer stärkeren deutschen Truppe nach dem Norden noch steigerte. Durch

den Vertreter der South-West-Africa-Company, Herrn ~Dr.~ Hartmann,

der fortgesetzt Beziehungen zu den Ovambohäuptlingen unterhielt, kam

es zu meiner Kenntnis, daß diese Kriegsvorbereitungen träfen. Um

die Truppe nicht in den Verdacht geraten zu lassen, sie hätte einen

geplanten Besuch in dem Ovambolande aus Furcht unterlassen, schrieb ich

an den nächstwohnenden Häuptling, den sonst als friedfertig bekannten

Kambonde, ich hätte aus Mangel an Zeit dieses Mal bedauerlicherweise

nicht die Möglichkeit eines Besuches bei ihm ins Auge fassen können.

Im übrigen versicherte ich ihn meiner friedlichen Gesinnung. Durch

Vermittlung des Missionars Rautanen erhielt ich einige Monate später

in Windhuk die Antwort, dahin lautend, daß alles, was ich geschrieben

hätte, sehr schön sei, daß aber er, Kambonde, doch wünschte, mich

in seinem ganzen Leben nicht zu sehen. Denn die Deutschen kämen mit

freundlichen Worten, wenn sie aber da seien, wollten sie regieren,

und regieren könne er allein. Das war gewiß deutlich, schadete aber

weiter nichts, da ein Übergreifen unserseits auf das Ovamboland vor dem

unzweifelhaften Feststehen unserer Herrschaft im Hererolande und im

Namalande ein Fehler gewesen wäre und daher in absehbarer Zeit nicht zu

erwarten war.

[Illustration: Häuptling Kambonde und Familie.]

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 12 / 50 段