mit einem Gewaltmarsch nach Ehobib und mit einem Überfall auf die dort
befindliche neue Stellung des Feindes in der Nacht vom 4. auf den 5.
Dezember. Dieser Überfall brachte der Kompagnie bei einem Verlust von
nur einem Toten und zwei Leichtverwundeten ihr ganzes geraubtes Vieh
wieder zurück. Weniger günstig erging es dagegen einer gleichzeitig
entsandten Seitenpatrouille unter dem Unteroffizier Wesch, die sich
direkt auf die Spuren des gestohlenen Viehs hatte setzen sollen. Sie
geriet bei Klein-Aub in einen Hinterhalt und büßte bei einer Stärke von
drei Köpfen zwei Tote und einen Verwundeten ein. Die ihr als Begleitung
beigegebenen Hottentotten des Kapitäns Lazarus hatten sich dagegen
rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Diesem Verlust folgte am 17.
Dezember ein weiterer von abermals zwei Toten und einem Verwundeten aus
dem Begleitkommando von zwei Wagen, die vom Lager der Kompagnie nach
Franzfontein hatten zurückfahren sollen. Der ganze Inhalt der Wagen,
darunter Gewehre und Munition, fiel dem Gegner in die Hände. Einem der
Wagenführer (Bur) erlaubte jedoch der Führer der Hottentotten nach
geschehener Plünderung die Fortsetzung der Fahrt nach Franzfontein und
die Mitnahme des verwundeten Reiters Nosper. (Vgl. Karte Seite 149.)
Indessen sollten die Hottentotten sich dieses Raubes nicht lange
erfreuen. Mittlerweile war der Distriktschef von Omaruru, Leutnant
Bensen, mit 20 Reitern in Franzfontein eingetroffen, hatte die
Anwesenheit von feindlichen Kräften in Tsaub erfahren und brach am
17. Dezember auf, um auf einem Umwege den Anschluß an die Kompagnie
Estorff zu gewinnen. Hierbei traf er am 19. Dezember bei Anabis auf die
mit ihrer Beute zurückkehrenden Hottentotten. Leutnant Bensen griff
sie an, zerstörte einen Teil des erbeuteten Proviants und eroberte 15
Trekochsen zurück. Einer drohenden Umklammerung durch den numerisch
überlegenen Gegner entzog sich Leutnant Bensen dann durch einen
geschickten Rückzug nach Franzfontein. Seine Abteilung hatte nur einen
Leichtverwundeten.
Auf die Nachricht von diesen Vorgängen in ihrem Rücken, die eine
Gefahr für den wichtigen Depotplatz Franzfontein befürchten ließen,
hatte sich die Kompagnie Estorff, die auf der Suche nach dem Verbleib
der Hauptmacht des Feindes inzwischen Otjitambi erreicht hatte,
ebenfalls nach erstgenanntem Platze zurückgezogen. Am 23. Dezember
standen infolgedessen in Franzfontein vereinigt rund 90 Weiße und 32
Eingeborene, sämtlich jedoch schlecht beritten. Der letztgenannte
Mißstand zieht sich durch die ganze Feldzugsgeschichte hin. Die in
bezug auf ihre Leistungen stets stark angespannten Pferde konnten sich
bei der mangelhaften Weide nicht wieder erholen, da die Regenperiode im
Jahre 1897/98 spät, dann allerdings um so gründlicher einsetzte.
Am 25. Dezember traf vom Osten des Nordbezirks Grootfontein eine
weitere Verstärkung von 20 Reitern unter dem Assistenzarzt ~Dr.~ Kuhn
ein, so daß die Kompagnie nunmehr auf 110 Köpfe angewachsen war. Anfang
Januar 1898 ergab eine Erkundung, daß Tsaub wieder vom Feinde besetzt
sei. Die Kompagnie rückte dorthin ab und vertrieb den letzteren am
4. Januar 1898 unter einem eigenen Verlust von zwei Toten und einem
Verwundeten (Leutnant Bensen), worauf sie wieder nach Franzfontein
zurückkehrte. Der Rest des Monats Januar war mit Erkundungen und mit
dem Heranziehen von Proviant ausgefüllt. Im übrigen hatte die Kompagnie
sich aus dem Überfall auf die zwei Wagen bei Tsaub die richtige Lehre
gezogen; denn nunmehr wurde zum Zwecke des Abholens von Proviant aus
Outjo ein größeres Kommando von 13 Wagen unter einer Bedeckung von 1
Offizier und 40 Mann zusammengestellt. Außerdem marschierte später
die Kompagnie selbst der zurückkehrenden Kolonne auf dem halben Wege
entgegen. Letztere wurde denn auch dieses Mal vom Feinde in keiner
Weise belästigt.
Inzwischen hatte das Gouvernement in Windhuk -- ich selbst befand mich
damals auf Heimatsurlaub -- aus den eingegangenen Nachrichten erkannt,
daß die Wirren im Nordbezirk doch einen recht bedenklichen Charakter
annehmen müßten, falls es nicht gelänge, ihnen baldigst ein Ziel zu
setzen. Fingen doch jetzt die Westhereros sowie die Topnaars an, sich
den Aufständischen anzuschließen. Wie immer, hatten auch hier die
Eingeborenen die Tatsache, daß es ihnen gelungen war, den Feldzug in
die Länge zu ziehen, schon als einen Sieg ihrerseits aufgefaßt. Wie
unternehmungslustig die Swartboois noch waren, bewies ein am 23. Januar
stattgehabter Überfall auf den Viehposten der 4. Feldkompagnie bei
Khauas dicht östlich Outjo, wobei ein Reiter schwer verwundet wurde.
Doch wurde dem Gegner durch einen Teil der Besatzung Outjo unter dem
Zahlmeisteraspiranten Nürnberger mittels eines schneidigen Angriffes
seine Beute wieder abgejagt.
[Illustration:
⋁ ⋁
Leutwein v. Lindequist
Parade der Windhuker Garnison 1898.]
Nun wurde auch der in Windhuk stehende Teil der Truppe (1.
Feldkompagnie, Feldbatterie) nach dem Kriegsschauplatze herangezogen,
die Bastards einberufen und Witbooi an seine Bündnispflicht erinnert.
Mit Ausnahme der Witboois, die bei der großen Entfernung nicht mehr
den Anschluß hatten erreichen können, traf diese Verstärkung unter dem
stellvertretenden Truppenkommandeur Major Mueller noch rechtzeitig
ein, um den Feldzug zum Abschluß zu bringen. Von dem Vormarsch
dieser Truppe auf den Kriegsschauplatz wäre nur zu erwähnen, daß am
7. Februar eine Patrouille unter Leutnant v. Schönau im Hautamabtal
eine Hererowerft überfallen und ihr eine Viehherde abgenommen hatte.
Als Major Mueller Mitte Januar in Franzfontein eintraf, war der neue
Aufenthalt des Feindes noch nicht festgestellt. Er griff daher zu dem
Mittel, durch einen der treu gebliebenen Swartboois eine Botschaft
an ihn zu senden. Hierbei ergab sich, daß der vereinigte Feind,
Swartboois, Topnaars und Hereros, in der Stärke von 200 bis 300
waffenfähigen Männern am Grootberge, nördlich Franzfontein, saß und
noch viel Kriegslust zeigte. Nachdem sämtliche Verstärkungsabteilungen
in Franzfontein vereinigt waren, trat Major Mueller am 16. Februar
seinen Vormarsch nach dem Grootberge an. Zur Verfügung standen jetzt:
1. Kompagnie unter Hauptmann Kaiser; 4. Kompagnie unter Hauptmann v.
Estorff.
Eine besondere Abteilung unter Oberleutnant Franke
(Distriktsmannschaften von Otjimbingwe-Omaruru); Feldbatterie unter
Oberleutnant v. Heydebreck, in Summa rund 200 Weiße, darunter 13
Offiziere, 34 Bastardsoldaten, 24 sonstige eingeborene Soldaten nebst
den nötigen Führern aus den treu gebliebenen Swartboois.
Wie alle Führer, die damit in Afrika noch keine schlechten Erfahrungen
gemacht haben, bestrebt, den Gegner von allen Seiten zu fassen
und so einen Vernichtungsschlag zu führen, ordnete Major Mueller
einen Vormarsch in drei räumlich getrennten Kolonnen an, wie aus
nachstehender Skizze hervorgeht. Die Kolonnenführer waren: Hauptmann
Kaiser, Hauptmann v. Estorff, Oberleutnant Franke. Major Mueller schloß
sich für seine Person der Kolonne Kaiser an.
Der Marschbefehl des Majors Mueller lautete in seinem zweiten Punkt,
wie folgt:
»Das Detachement soll am 16. d. Mts. in drei Kolonnen auf den
Grootberg vorgehen, und zwar die rechte Flügelkolonne über Otjitambi,
Kamaniab, Kakatswa, die mittlere Kolonne über Groß-Achas, Klein-Achas,
Olifantskoop, Bauwasser, die linke Flügelkolonne über Keium, Bethanis,
Nugas-Wasser. Die drei Kolonnen haben bei ihrem Eintreffen in Kakatswa,
Olifantskoop und Nugas-Wasser untereinander Verbindung zu suchen. Ich
rechne darauf, daß dieselben mit ihren Spitzen am 22. d. Mts. an den
genannten Plätzen eintreffen.«
Major Mueller hatte mithin jeder Kolonne einen Platz bezeichnet,
von dem aus sie Verbindung mit der andern zu suchen hätte, und
ausgerechnet, daß diese Plätze am 22. Februar erreicht sein müßten.
Aber, wie oft in der Welt und in Afrika insbesondere, kam die Sache
anders.
[Illustration: Vormarsch zum Gefecht von Grootberg im Februar 1898.]
Die mittlere Kolonne erreichte, durch höhere Gewalt aufgehalten,
ihr Ziel überhaupt nicht. In Groß-Achas angekommen, hatte sie sich
bereits zur nächtlichen Ruhe begeben, als das bis jetzt ganz trockene
Revier plötzlich mit überraschender Gewalt abkam und das Wasser die
im Flußbett weidenden Pferde nebst deren Wache ergriff. Der Reiter
Bergmayer, drei eingeborene Reiter sowie ein Teil der Pferde und Esel
ertranken. Da zum Weitermarsch das Revier selbst hätte benutzt werden
müssen, so war ein solcher für diese Kolonne überhaupt unmöglich
geworden. Die linke Flügelkolonne erreichte dagegen die feindliche
Stellung 24 Stunden vor der rechten und hätte einem unternehmenden
Gegner gegenüber in eine üble Lage kommen können, zumal sie die
schwächste der Kolonnen war. Fühlung zwischen ihr und der rechten
Kolonne war noch nicht gewonnen. Doch gelang glücklicherweise eine
solche unmittelbar nachdem am 25. Februar auch die rechte Kolonne
vor der feindlichen Stellung eingetroffen war, bevor der Feind etwas
Ernstliches hatte unternehmen können. Major Mueller beschloß jetzt sehr
richtig, mit den beiden zur Hand befindlichen Kolonnen die feindliche
Stellung anzugreifen, ohne auf die ausgebliebene mittlere Kolonne zu
warten. Am 26. Februar erfolgte ein gut geleiteter konzentrischer
Angriff, der bei einem eigenen Verlust von nur 1 Unteroffizier tot
und 4 Eingeborenen schwer verwundet zu einem durchschlagenden Erfolge
führte. Vom Gegner wurden später 10 Tote gefunden; er flüchtete sich
nach Nordwesten und wurde soweit wie möglich durch Artilleriefeuer
verfolgt. Während anfangs angenommen worden war, daß der Feind nach
Zesfontein zurückgewichen sei, ergaben die in der Zeit vom 28. Februar
bis 3. März vorgenommenen Erkundungen, daß er noch im Gebirge säße. Die
bereits bis zu den Wasserstellen Gorab und Gamonia vorgedrungene Truppe
ging daher wieder an den Grootberg zurück und vereinigte sich hier am
5. März auch mit der inzwischen gleichfalls eingetroffenen mittleren
Kolonne v. Estorff.
Um die neue Stellung des Feindes genau zu erfahren sowie sich über
die Verhältnisse bei demselben zu orientieren, griff Major Mueller
wieder zu dem Mittel der Verhandlung, dieses Mal jedoch mit dem
Erfolge, daß der Gegner seine Unterwerfung anbot. Aus dem Brief des
Führers der Aufständischen, den ich hier folgen lasse, geht hervor,
daß dessen christlicher Sinn in dem wilden Kriegsleben noch nicht
erstorben war. Geschrieben hat ihn jedoch wahrscheinlich der zweite
Führer der Swartboois, der durch die Mission ausgebildete Schulmeister
Joel Swartbooi, den ich selbst einmal in durchaus gewandter Weise
habe predigen hören. Dieser hatte auch das Bestreben, den Feldzug in
menschlicher Weise zu führen, tunlichst aufrechterhalten.
Grootberg, 13. März 1898.
An den Major Mueller der Kaiserlichen Schutztruppe
Hochwohlgeboren.
Unterzeichneter sendet diesen Brief und gibt Kenntnis damit, daß
es unser aller herzlichster Wunsch ist, Frieden zu machen, und wir
danken dem Herrn dafür, der solches, was unmöglich zu sein schien
für die Menschen, möglich machen kann nach den Gebeten der vielen
Christen hier im Gebirge.
Und ich hoffe, daß dies wahrer Friede sein wird, den Gott in uns
allen auf einmal hat zustande bringen wollen, und ich bitte den
Herrn, daß er wird mit uns vollbringen.
Also bitte ich Euer Hochwohlgeboren um wahren Frieden, und sende als
Beweis von demselben zwei Männer voraus mit Boab Davids, mit Namen
Sem Swartbooi, und Paul Hendriks. Ich werde Montag nachmittag von
hier laufen (gehen), und Herr Riechmann[31] kann (soll) Dienstag
von dort aus gehen, daß wir vormittags bei der Pforte untereinander
unterhandeln können.
Mit Gruß von mir
gez. Samuel Swartbooi.
[Illustration: Eingeborene Arbeiterinnen empfangen Proviant auf dem
Polizeihofe in Windhuk.]
Am 17. März erschien der ganze Stamm der Swartboois, etwa noch 150
Männer und 400 Weiber und Kinder stark, im Lager und gab die Waffen
ab. An Vieh brachten sie etwa 1000 Stück mit. Der Stamm wurde nach
Windhuk überführt, wo er sich heute noch befindet und mit öffentlichen
Arbeiten beschäftigt wird. Die Topnaars hatten sich dagegen nach
ihrem weitentfernten Stammsitz Zesfontein zurückgezogen. Da es
sich nicht der Mühe lohnte, ihretwegen einen zweiten kostspieligen
Feldzug anzuschließen, wurde denselben nach Entrichtung einer Buße,
bestehend in Vieh und Gewehren, verziehen. Die aufrührerischen Herero
dagegen, die sich nicht mehr zu ihren treu gebliebenen Stammesgenossen
zurückwagten, flüchteten zu den Ovambos, wo sie beraubt und später
ermordet worden sind. Die Witboois, die erst nach abgeschlossenem
Frieden auf dem Kriegsschauplatze eingetroffen waren, erlitten noch
zahlreiche Verluste infolge Malaria. Die hinterlassenen Witwen und
Waisen wurden hierfür durch einen Beuteanteil entschädigt, worauf sie
nach Hottentottenart alle Verluste wieder vergaßen.
Die Expedition in das Namaland 1898.
Nach fünf Jahren trat endlich wieder die Notwendigkeit zu einem Zuge
in das Namaland an die Truppe heran, da zwei Hottentottenstämme
aufsässig geworden waren. Die Ursache war die Gewehrstempelungsfrage.
Behufs besserer Kontrolle über Waffen und Munition war nämlich
im März 1897 eine Verordnung erschienen, die für Weiße und
Eingeborene die Zwangsstempelung der Gewehre sowie das Tragen von
Waffenscheinen anordnete. Eine Zuwiderhandlung zog Geldstrafe,
verbunden mit Konfiszierung des betreffenden Gewehres, nach sich.
Es war vorauszusehen, daß diese Verordnung bei den Eingeborenen auf
Mißtrauen stoßen würde, das zu beseitigen der Geschicklichkeit der
Verwaltungsbeamten anheimgestellt wurde. Denn die Eingeborenen mußten,
wenn nicht richtig aufgeklärt, hinter der Stempelung die Wegnahme
ihrer Gewehre wittern. Daher war auch mit Widerstand zu rechnen, denn
ein südwestafrikanischer Eingeborener läßt sich lieber Weib und Kind
wegnehmen, als Gewehr und Munition.
Während ich indessen einen Ausbruch des Volksunwillens in erster Linie
unter den unwissenden Feldhereros erwartet hatte, kam es zu einem
solchen nur bei den Hottentotten, und zwar im Bezirk Keetmanshoop bei
den Stämmen der Bondelzwarts und der Bethanier. Bezirksamtmann war
~Dr.~ Golinelli, Distriktschef bei den Bondelzwarts Leutnant Graf
Kageneck, beide in der Behandlung von Eingeborenen durchaus geschickt.
Die Bethanier hatten damals noch kein Distriktskommando.
Ende August kamen die ersten Nachrichten von der im Bezirk Keetmanshoop
herrschenden Unruhe nach Windhuk. Es wurde ein auffälliger Verkehr
zwischen Bethanien und Warmbad festgestellt, der füglich den Abschluß
eines vollständigen Bündnisses zwischen den beiden in Frage stehenden
Hottentottenstämmen mutmaßen ließ. In einem Anflug von Furcht,
verbunden mit Schlauheit, reichten die aufsässigen Kapitäne dem
Bezirksamt Keetmanshoop einen sehr charakteristisch abgefaßten Brief
des Bondelzwartkapitäns an den Kapitän der Bethanier ein. Sein Wortlaut
war folgender:
Warmbad, den 15. Juni 1898.
An Bruder und Kapitein Paul Frederiks.
Geachteter und mich liebhabender Bruder, mit wenigen und kurzen
Worten melde ich Dir in diesem Briefe, nicht mit vielen Worten
und Erklärungen teile ich Dir meine Gedanken mit. In Betreff der
Zustände, in denen wir uns befinden, sende ich Dir meinen Sprecher,
den Träger dieses Briefes, Abraham Schyer, welcher Euer Edlen ferner
mündlich Einsicht geben soll und erklären, was eigentlich meine
vornehmlichen Gedanken sind, Euch und den lieben Landes-Häuptern.
Ich kann Euch nicht nötigen mit mir mündlich zu sprechen,
vornehmlich über die Krankheiten, welche im Lande sind, von Vieh-
und Menschenkrankheiten, aber ich bin der Meinung, wir Kapiteine
müßten zusammenkommen um miteinander brüderlich zu verhandeln über
die Landeszustände, in welchen wir uns gegenwärtig befinden. Deshalb
sende ich meinen Sprecher in dieser wichtigen Sache und stelle,
für den Fall Ihr mein Anerbieten auf eine mündliche Aussprache,
sowie Euere lieben Großleute, annehmt, in Eueren Willen und Hände,
anzugeben, über welche Dinge wir zusammenkommen wollen.
Ferner, mein Bruder, ist es schwierig für uns einer dem anderen
Briefe zu schreiben. So lege ich es in Euere Hände, an die anderen
Kapiteine bekannt zu geben, was meine Gedanken sind. Ich erwarte eine
beschleunigte Antwort mit demselben Mann, Abraham Schyer, ob Du mein
Anerbieten annimmst. Ich erwarte ferner schriftlich oder mündlich zu
hören, wie es mit Euch dort geht, wir haben Nachrichten (Stories),
aber nichts Gewisses, wie es mit Euch geht. Durch Gottes Güte blieb
ich gesund und hoffe ich, gleiches von Euch zu hören.
Ich schließe damit meinen Brief und wünsche Euer Edlen bald
wiederzusehen.
Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Euer Freund und Mit-Kapitein
(gez.) Willem Christian.
Aus diesem Wortlaut geht hervor, daß der Verfasser sich bemüht hat,
der Sache einen so harmlosen Anstrich wie nur möglich zu geben,
daß jedoch dessen gegen die deutsche Regierung gerichtete Spitze
zwischen den Zeilen zu lesen ist. Auch die vier übrigen Kapitäne des
Namalandes suchten die aufrührerischen Kapitäne in die Bewegung mit
hineinzuziehen. Dieser Versuch scheiterte indessen an der Vertragstreue
Witboois, der seine Gewehre anstandslos hatte stempeln lassen. Denn die
Kapitäne von Gochas und von Koes waren gewöhnt, den Spuren Witboois
blindlings zu folgen, während derjenige von Bersaba, Christian Goliath,
intelligent genug war, den Zweck der Gewehrstempelung selbst einzusehen.
Trotz des moralischen Rückschlages, den die aufrührerische Bewegung
durch diesen Mangel an Teilnahme in dem übrigen Namalande erlitten
hatte, schien doch die Gefahr des Ausbruchs ernsterer Feindseligkeiten
immer näherzurücken. Dies veranlaßte mich, mit dem in Windhuk
stehenden Teil der Feldtruppe (1. Feldkompagnie und Feldbatterie)
am 30. September 1898 persönlich nach dem Schauplatz der Unruhen
abzumarschieren. Die in Staffeln vorrückende Truppe vereinigte sich
ohne Zwischenfall am 5. Oktober mit dem Stab in Gibeon, wo Kapitän
Witbooi uns an der Spitze von 50 Reitern feierlichst einholte. Auch
der Kapitän von Bethanien, Paul Frederiks, hatte, durch das böse
Gewissen getrieben, sich eingefunden. Ebenso war der Bezirksamtmann von
Keetmanshoop, ~Dr.~ Golinelli, der Truppe dorthin entgegengekommen.
So konnte hier die Untersuchung gleich eingeleitet, in Ermanglung
des zweiten Mitschuldigen, des Kapitäns der Bondelzwarts, aber nicht
zu Ende geführt werden. Dies geschah erst in Keetmanshoop. Nach der
ersten Unterredung mit dem Bethanierkapitän, in der ich diesem an der
Hand des Schutzvertrages das Unzulässige von politischen Verhandlungen
der Kapitäne untereinander nachgewiesen hatte, tat Witbooi den
charakteristischen Ausspruch: »Diese Kapitäne haben nicht gewußt, was
sie unterschrieben haben; ich aber habe es gewußt, und darum habe ich
_vorher_ geschossen«.
Von Gibeon ging es wieder in Staffeln nach Keetmanshoop, wo am 16.
Oktober sowohl die Truppe wie die sämtlichen Kapitäne des Namalandes,
mit Ausnahme desjenigen der Bondelzwarts, vereinigt waren. Unterwegs
hatte ich der Diamantenmine Mukurop im Bersabaer Gebiet einen Besuch
abgestattet. Die diamanthaltige Blaugrunderde war vorhanden, Diamanten
waren jedoch nicht gefunden. Dies ist auch bis zum heutigen Tage noch
nicht geschehen, da die Gesellschaft aus Mangel an Betriebsmitteln die
Arbeit vorzeitig hat einstellen müssen.
Endlich am 21. Oktober abends traf auch der Kapitän der Bondelzwarts,
Wilhelm Christian, ein. Er war längst unterwegs gewesen; doch hatten
ihn, je näher er an Keetmanshoop herankam, wie dies bei Eingeborenen
vorkommt, wieder Furcht und Mißtrauen beschlichen. Er zögerte und
verlangsamte seinen Marsch immer mehr. Erst der auf meine Veranlassung
ihm entgegenreitende Unterkapitän von Keetmanshoop, selbst ein
Bondelzwart, hatte Wilhelm Christian zum Weitermarsch veranlassen
können. Am 22. früh, dem Geburtstage Ihrer Majestät der Kaiserin,
fand große Parade statt, bei der die vier treu gebliebenen Stämme als
Mitwirkende, die zwei aufrührerischen aber als Zuschauer beteiligt
waren.
Am Nachmittag des 22. war Versammlung der sechs Kapitäne. Sie erhielten
hier von mir einen historischen Rückblick auf die Entwicklung der
Schutzverträge und eine Klarlegung ihrer eigenen Stellung zur deutschen
Regierung. Dann wurde unter dem Vorsitz des von Windhuk mitgekommenen
Regierungsrates v. Lindequist aus den vier unbeteiligten Kapitänen
ein Gericht zusammengesetzt, das über Schuld und Sühne zu beschließen
hatte. Nach zweitägiger Beratung wurden die beiden angeklagten Kapitäne
der Verletzung der Schutzverträge für schuldig befunden und zur Tragung
der Kosten der durch ihr Verhalten veranlaßten Expedition, der Kapitän
von Bethanien außerdem zur Abtretung eines am unteren Orange für
Regierungszwecke günstig gelegenen Stückes Land verurteilt. Da bei den
Hottentotten an Geld und Geldeswert nur wenig zu holen ist, entledigten
sich die beiden Kapitäne der Abtragung der Expeditionskosten durch
Landabtretung. Wilhelm Christian trat den Platz Keetmanshoop mit dem
dazu gehörigen Weideland, einschließlich des Pferdepostens Kabus, an
die Regierung ab, Paul Frederiks 15 ~ha~ Gartenland am Platze Bethanien
selbst, das jedoch später als nicht wertvoll genug erkannt und daher
gegen zwei besonders günstige Bedingungen bietende Farmen umgetauscht
worden ist.
Unter den so erlangten Zugeständnissen war die Abtretung von
Keetmanshoop für uns die wertvollste. Ich habe bereits im Kapitel
~I~ erwähnt, wie dieser ursprünglich unter einem eigenen Kapitän
stehende Platz 1889 von Wilhelm Christian annektiert worden ist.
Nach seinem Übergang an die Regierung war dieser wichtigste Platz
des Südens, zugleich Sitz der Regierung, dem Machtbereich eines
eingeborenen Kapitäns dauernd entzogen. Der dortige Stamm der
Swartmodder-Hottentotten, losgelöst von der Oberherrschaft der
Bondelzwarts, ist denn auch bei dem Aufstande der letzteren 1903 bis
zum heutigen Tage auf seiten der Regierung geblieben.
Um auch in Bethanien deutsche Macht zu zeigen und dem Kapitän die
Entrichtung der auferlegten Buße seinen Untertanen gegenüber zu
erleichtern, setzte sich die Truppe Anfang November 1898 nach dort in
Marsch. Außerdem war aus Bethanien in Verbindung mit den Wirren ein
Waffen- und Munitionsschmuggel bekannt geworden. Als Beweis, welche
Übertreibungen im Schutzgebiet die sogenannten »Stories« mit sich
zu bringen pflegen, führe ich an, daß fraglicher Munitionsschmuggel
dem Bezirksamt als Schmuggel eines Wagens voll Gewehre und Munition
gemeldet worden war, daß aber die jetzt eingeleitete Untersuchung
diese Meldung auf ein Gewehr und 20 Patronen zusammenschrumpfen ließ.
Der Schuldige wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die ich
ihm jedoch erließ, da die Wegnahme des teuer bezahlten Gewehres nebst
Munition als ausreichende Strafe erschien.
Ostexpedition 1899.
Mitte des Jahres 1899 kamen Nachrichten nach Windhuk, daß der im
Osten des Schutzgebietes lebende Stamm des Hererohäuptlings Tjetjo
bei der Gewehrstempelung gleichfalls Schwierigkeiten mache. Auch
sonst zeige der Stamm Neigung zur Unbotmäßigkeit. Diese Nachrichten
führten zu einer Expedition nach dem Distrikt Gobabis, die von der in
Windhuk garnisonierenden Truppe am 25. August 1899 angetreten wurde.
Am 3. September war Gobabis erreicht. Vom bösen Gewissen getrieben,
fanden sich auch bald Tjetjo und dessen Sohn Traugott ein, um durch
freiwillige Empfangnahme der Strafe dem ihnen unbequemen Zug der Truppe
in ihre Werften vorzubeugen. Diesen zu unterlassen, lag jedoch nicht
in meinem Sinn. Infolgedessen wurden beide mit einer Strafpredigt
entlassen und angewiesen, meinen Besuch bei sich abzuwarten. Das
friedliche Entgegenkommen der Unbotmäßigen hatten wir vor allem dem
Umstand zu verdanken, daß auf unserer Seite der Oberhäuptling Samuel
mit 40 seiner Leute sich am Zuge beteiligt hatte.
[Illustration: Hererohäuptling Tjetjo und sein Sohn Traugott.]