Dagegen drang die Rinderpest Anfang 1897 nördlich Gobabis über die

Ostgrenze und ergriff zuerst die Viehherden des Häuptlings Tjetjo.

Bevor noch die Meldung hiervon an das Gouvernement gekommen war, war

die Seuche durch Händler mitten in den Bezirk Windhuk verschleppt.

Die erste Meldung von einer verdachterregenden Krankheit unter den

Viehherden am Schaffluß traf in Windhuk am 6. April ein, als wir gerade

die Enthüllung des zu Ehren der im Witbooikriege gefallenen Angehörigen

der Truppe errichteten Denkmals feierten. Der Bezirksamtmann von

Windhuk, der mittlerweile zum Regierungsrat beförderte Assessor v.

Lindequist, faßte die Sache mit gewohnter Energie an. Es wurden

Absperrungsmaßnahmen, Desinfizierungen und Impfung angeordnet. Das

inzwischen seitens des Geheimrats Koch in der Kapkolonie erfundene

Impfverfahren kannten wir damals noch nicht. Indessen waren der Roßarzt

Rickmann und im Norden der ebenso tüchtige Bakteriologe Stabsarzt ~Dr.~

Kuhn von selbst auf ein wenigstens den bösesten Wirkungen der Seuche

vorbeugendes Impfverfahren gekommen. -- Eine wirklich systematische

Bekämpfung der Rinderpest konnte jedoch erst nach dem im Monat Juni

1897 erfolgten Eintreffen des Stabsarztes ~Dr.~ Kohlstock, bisher

Assistent bei Geheimrat Koch, eingeleitet werden. Das von letzterem

erfundene Verfahren war, die Rinder durch Impfung mit bakterienfreier

Galle bis zu einem gewissen Grade zu immunisieren und dann bei den so

immunisierten Rindern mittels der Einspritzung von Rinderpestblut die

Seuche künstlich zu erzeugen. Dies Verfahren rief in der Regel einen

nur leichten Krankheitsfall hervor, von dem die Tiere bald wieder

genasen, worauf sie als aktiv immunisiert galten. Der mit der Leitung

des Impfverfahrens im Norden betraute Stabsarzt Kuhn setzte bei den

gewaltigen Viehherden Kambazembis an Stelle des mühsamen Impfens der

einzelnen Rinder mit Rinderpestblut das Treiben der mit Galle geimpften

Herden in verseuchte Viehkraale. Denn auch in diesen konnte Ansteckung

und somit aktive Immunisierung erfolgen; bei den großen Viehherden, um

die es sich dort handelte, ein recht praktisches Verfahren.

[Illustration: Roßarzt Rickmann.]

Das ganze Schutzgebiet wurde in Impfbezirke geteilt und dessen

sämtliche personelle wie materielle Kräfte zur Bekämpfung der

Rinderpest in Dienst gestellt. Offiziere, Beamte, Soldaten und

Ansiedler wurden im Impfen ausgebildet, und alle erschöpften sich

in gleichmäßigem Wetteifer behufs Ausführung des Impfgeschäftes.

Dank dieser gemeinsamen Anstrengung war das im Schutzgebiet erzielte

Ergebnis das beste, das damals in Südafrika erreicht worden ist. Im

übrigen pflegte die Wirkung des Impfverfahrens, je nachdem es bei

einer bereits angesteckten oder bei einer noch ganz unberührten Herde

angewendet wurde, verschieden zu sein. Im Hererolande wurden durchweg

50 vH. des Bestandes gerettet, bei den Weißen der Bezirke Windhuk und

Otjimbingwe 60 bis 80 vH., bei den Bastards von Rehoboth 70 vH. Im

Namalande, wo nur von der Seuche noch ganz freie Herden geimpft worden

sind, war das Ergebnis 82 bis 95 vH. Bereits Ende 1897, mithin nach

noch nicht einem Jahre, war die Seuche im ganzen Schutzgebiet wieder

erloschen.

[Illustration: Stabsarzt ~Dr.~ Kuhn.]

Um dieses günstige Ergebnis dem Lande zu erhalten, wurde die Grenze

zwischen dem Namalande und dem Hererolande gegen das Überschreiten

durch ungeimpfte Tiere gesperrt. Diese Sperre blieb drei Jahre

bestehen, nach welcher Zeit sie im Interesse des Verkehrs wieder

aufgehoben wurde. Bald nach ihrer Beseitigung wurden wir jedoch durch

den Wiederausbruch der Seuche überrascht. Hieraus ergab sich die

Schlußfolgerung, daß der Keim der Krankheit in dem Wasser und der Weide

des nördlichen Schutzgebietes noch vorhanden gewesen war. Während

jedoch der im Norden von immunisierten Eltern geborene, nicht geimpfte

Nachwuchs diese Keime ohne Schaden ertragen hatte, traf solches bei den

aus dem Namalande gekommenen ungeimpften Tieren nicht zu. Bei ihnen

brach vielmehr die Seuche aus, die dann auch den ungeimpften Nachwuchs

des Nordens ergriff. Das vor drei Jahren geimpfte Großvieh erwies sich

dagegen mit vereinzelten Ausnahmen noch als immun. Das Impfgeschäft

wurde nunmehr wieder in der früheren Weise eingerichtet. Der Süden

ward abermals von Norden abgesperrt und blieb auch dieses Mal von der

Seuche verschont.

[Illustration: Denkmals-Enthüllung in Windhuk 1896.]

Texasfieber.

Im übrigen trat die Rinderpest jetzt in viel milderer Form auf. Die

Verluste würden daher gering gewesen sein, wenn nicht eine weitere

Komplikation hinzugetreten wäre. Die Untersuchungen des Roßarztes

Rickmann ergaben nämlich, daß diesmal mit der Rinderpest auch das

Texasfieber verbunden war; beide Seuchen zeigten sich meist in ein und

demselben Tiere zugleich, ganz selten das Texasfieber allein. Da mit

dem zum Teil ungeschulten Personal beide Seuchen gleichzeitig nicht

zu bekämpfen waren, so wurde der Kampf auf die Rinderpest, als die

gefährlichere Krankheit, beschränkt und, sofern nicht ein wirklich

Sachverständiger an Ort und Stelle war, das Texasfieber nicht beachtet.

Nach etwa zwei Jahren waren beide Seuchen wieder erloschen. Sie

traten von nun ab nur noch vereinzelt auf. Gestützt auf die früheren

unliebsamen Erfahrungen, wurde dieses Mal jedoch die Absperrung von

Nord gegen Süd bis zum Ausbruch des Bondelzwartsaufstandes 1903

aufrechterhalten. Ihre Aufhebung sowie die Einführung zahlreicher

Zugtiere von außerhalb während des Aufstandes mag wohl die Ursache

sein, daß die Rinderpest sich bis in die neueste Zeit wieder fühlbar

gemacht hat.

[Illustration: Sterbeplatz Aredareigas.]

Pferdesterbe.

Diese Krankheit ist eine ausschließlich Südafrika eigentümliche. Sie

entsteht nur während der Regenperiode und hört mit dieser wieder auf.

Die Heftigkeit ihres Auftretens richtet sich auch in der Regel nach der

Reichhaltigkeit des Regenfalles.

Ein sicheres Mittel gegen diese Seuche ist noch nicht gefunden,

obwohl die beiden Hauptbakteriologen des Schutzgebietes, der jetzige

Veterinärrat Rickmann sowie der Stabsarzt Kuhn, sich fortgesetzt mit

der Pferdesterbe beschäftigt haben und der Lösung des Rätsels wohl

auch schon ziemlich nahe gekommen sind. Als vorbeugendes Mittel haben

sich jedoch bereits die Verbringung des ganzen Pferdebestandes auf

sogenannte Sterbeplätze (hoch oder in der Nähe der Küste gelegen) oder

Unterbringung der Pferde in Ställen bewährt. Während der Sterbeperiode

wurden daher militärische Expeditionen ohne zwingenden Grund vermieden

und Übungen zu Pferde nur auf den Sterbeplätzen selbst unternommen,

indem die Truppenabteilungen sich dort mit ihren Pferden vereinigten.

Mit Hilfe dieser Maßnahme ist es gelungen, in normalen Zeiten den

Verlust an Pferden durch die Sterbe, der 1894, in dem Jahre meines

Eintreffens im Schutzgebiet, noch 70 vH. betragen hatte, auf 5 bis 25

vH. des Bestandes herabzudrücken.

[Illustration: Bahnhof Swakopmund.]

Ferner herrschen im Schutzgebiet noch verschiedene Tierkrankheiten, die

wir auch in Europa kennen, wie Lungenseuche, Druse, Rotz und Räude. Sie

unterscheiden sich indessen in nichts von den europäischen Krankheiten

gleicher Art; es erübrigt sich daher hier ein Eingehen auf sie.

[Illustration: Freiherr v. Richthofen.]

Eisenbahn, Telegraph und Mole.

Die wichtigste Folge, die dem Schutzgebiet aus der Rinderpest erwachsen

ist, war der schon längst ersehnte und dringend notwendige Bau einer

Bahn von der Küste nach Windhuk. Ich habe bereits erwähnt, daß auf

dem sehr in Anspruch genommenen Wege von dem Hafenplatz Swakopmund

nach Windhuk am Ende der trockenen Jahreszeit Wasser und Weide stets

derart versagten, daß der auf Ochsenwagen beruhende Verkehr eingestellt

werden mußte. Derjenige Teil der Bevölkerung, der nicht in der Lage

war, in der für die Zufuhr günstigen Jahreszeit Vorräte aufzuhäufen,

war daher in den Monaten Oktober bis Dezember fast regelmäßig auf

die Unterstützung der Regierung angewiesen. Und das geschah in

normalen Zeiten. In anormalen Zeiten, wie sie z. B. angesichts der

Rinderpest gedroht hatten und wie sie bei jeder Truppenanhäufung im

Hererolande zu erwarten waren, konnte eine Hungerkatastrophe eintreten.

Einem Bahnbau stand seitens der Regierung jedoch die sogenannte

Damaralandkonzession vom 12. September 1892 entgegen. Mittels dieser

war der South-West-Africa-Company, einer englischen Gesellschaft, das

Monopol zum Bau und Betrieb einer Eisenbahn von einem Punkte nördlich

Sandwichhafen bis zum Kunenefluß überlassen worden, und zwar auf zehn

Jahre, mithin bis 1902. Ein Mittel, die Gesellschaft zwangsweise zu

einem früheren Bahnbau zu veranlassen, war jedoch nicht vorgesehen.

Es war daher eine rettende Tat, als die Kolonialverwaltung, an der

Spitze der damalige Kolonialdirektor -- spätere Staatssekretär --

Freiherr v. Richthofen,[28] einfach über die Ansprüche der Gesellschaft

hinwegging und 1897 den Bahnbau von Staats wegen einleitete. Der Bau

wurde im September 1897 begonnen und nach etwa fünf Jahren im Juni

1902 beendet. Am 19. Juni 1902, genau am Tage der Eröffnung einer

landwirtschaftlichen Ausstellung in Windhuk, lief dort der erste

Personenzug ein. Zuerst war lediglich ein Bau über die Namibwüste

hinweg bis ins Weideland (Jakalswater) geplant gewesen, um wenigstens

den infolge der Rinderpest drohenden schlimmsten Schäden vorzubeugen.

Der um Indemnität angegangene Reichstag bewilligte in der Folge nicht

nur diese Strecke, sondern nach und nach auch die Mittel zu deren

Fortsetzung bis Windhuk. Ich hatte damals selbst die Ehre, im Reichstag

für diesen Bahnbau einzutreten und bei den kolonialfreundlichen

Parteien allgemeines Entgegenkommen gefunden.

[Illustration: Station im Khanfluß.]

[Illustration: Bahnhof Jakalswater.]

Aber nicht nur vor einer etwa drohenden Hungersnot hat die Bahn das

Schutzgebiet gerettet, sondern vor der drohenden Stagnation überhaupt.

In unseren Kolonien dürfen wir mit dem Bahnbau nicht warten, bis das

wirtschaftliche Leben einen solchen verlangt, vielmehr muß umgekehrt

der erstere dem letzteren vorausgehen. Mag sich doch jeder selbst

ausrechnen, was im Innern des Landes ein Hausbau kostet, wenn die

Baumaterialien von der Küste auf dem schwerfälligen Ochsenwagen

befördert werden müssen! Der damalige Kolonialdirektor Freiherr v.

Richthofen hat sich daher mit seiner tatkräftigen Initiative ein

unvergängliches Verdienst um die Entwicklung des Schutzgebietes

erworben.

[Illustration: Bahnhof Karibib.]

[Illustration: Eisenbahnbrücke.]

Durchgeführt wurde der Bau durch Offiziere der Eisenbahnbrigade, und

zwar zuerst durch die Oberleutnants Kecker und Schulze. Als Material

wurde das nächst zur Hand liegende, das der Eisenbahnbrigade gehörige,

und mit ihm die 60 ~cm~ Spurweite angenommen. Als dann an die Stelle

der ursprünglich geplanten kurzen Wüstenbahn eine solche bis nach

Windhuk trat, wurde dem Oberstleutnant Gerding von der Eisenbahnbrigade

die Festlegung der Trasse und dem Major Pophal die Fortführung

des Baues übertragen. Viel Schwierigkeit machte die Gewinnung von

Arbeitskräften. Die zuerst aus der Kapkolonie angeworbenen zeigten sich

ebenso zweifelhaft, wie sie während des Hereroaufstandes 1904 gewesen

waren.[29] Dann wurden 150 deutsche Arbeiter angeworben und daneben

bis zu 1000 Eingeborene, durchweg Hereros und Ovambos, die während des

Bahnbaues den ihnen anhaftenden Ruf der Faulheit im allgemeinen als

ungerechtfertigt erwiesen haben.

[Illustration: Reede von Swakopmund vor dem Bau der Mole.]

[Illustration: Gesamtansicht der Mole.]

Hand in Hand mit dem Bau der Eisenbahn gingen der Bau einer

Telegraphenleitung von Swakopmund in das Innere des Schutzgebietes

sowie der Anschluß an das englische Unterseekabel nach Europa.

Der Telegraphenbau wurde 1899 begonnen; der Telegraph erreichte,

dem Bahnbau vorauseilend, Windhuk ein Jahr früher, im Juli 1901.

Im Anschluß an ihn wurde am 9. Dezember 1901 eine heliographische

Verbindung nach Keetmanshoop dem Verkehr übergeben, ihr folgte im Jahre

1902 eine solche von Karibib über Omaruru nach Outjo.

[Illustration: Die Mole.

Partie der ersten Treppe nach dem Lande zu von der Meerseite.]

Zur richtigen Ausnutzung einer Eisenbahnverbindung von der Küste

nach dem Innern gehört jedoch auch ein guter Landungshafen, und an

einem solchen fehlte es damals. Swakopmund stellte sich lediglich als

einfache Reede dar, durch deren starke Brandung sich hindurchzuarbeiten

zuweilen mit Lebensgefahr verbunden war. Gleichzeitig mit dem Bahnbau

war daher eine Summe zur Verbesserung der Landungsverhältnisse in

Swakopmund beantragt und bewilligt worden. Der mit der Leitung der

Arbeiten betraute Regierungsbaumeister Ortloff landete mit dem nötigen

Arbeiterpersonal am 25. November 1898. Der Grundstein zur Mole wurde am

2. September 1899 gelegt und die Zwischenzeit mit den erforderlichen

Vorarbeiten ausgefüllt. Zu diesen gehörte auch der Bau einer dem

ganzen Orte zugute kommenden Wasserleitung. Der Hafen war zunächst

nur als sogenannter Leichterhafen gedacht, d. h., es sollte mittels

einer bis über die stärksten Brecher hinausreichenden Mole die Wirkung

der Brandung ausgeglichen und so an der Landungsstelle ruhiges Wasser

geschaffen werden, innerhalb dessen die kleinen Leichter an der Mole

landen sollten. Die großen Schiffe sollten dagegen nach wie vor etwa 1

bis 2 ~km~ von der Küste entfernt auf der Außenreede liegen bleiben.

[Illustration: Landungsstelle an der Mole.]

Es war ein harter Kampf, der sich nunmehr zwischen menschlicher Kunst

und Energie und den Naturgewalten entspann. Immer und immer wieder

rissen die Wellen die schweren, in das Meer versenkten Betonblöcke weg,

und immer wieder wurden sie gesetzt, bis sie sich schließlich doch als

die Stärkeren erwiesen und die Mole am 12. Februar 1903 dem Verkehr

übergeben werden konnte. Sie ist 375 ~m~ lang; nicht ganz an der

äußersten Spitze ist zur Sicherung eines ruhigen Wasserbassins ein 35

~m~ langer Querarm angebracht. Den Verkehr zwischen Mole und Dampfern

vermitteln der Schleppdampfer »Pionier« und drei Leichterboote zu je 30

~t~ Tragfähigkeit.

Aber noch war die Gewalt der Elemente nicht völlig überwunden. Wenige

Monate nach der Eröffnung fiel die Spitze des Molendammes bis nahe an

den Querdamm der Gewalt der Brandungsbrecher zum Opfer. Nachdem dieser

Schaden beseitigt war, zeigte sich im Hafenbassin der Mole dieselbe

Erscheinung, wie in allen Häfen der Westküste. Es fing zu versanden

an. Man suchte sich durch Baggermaschinen, Anlage einer Landungsbrücke

außerhalb der Mole und den Bau von Landungssflößen zu helfen. Aufhören

wird dieser Kampf indessen nie, und es erscheint trotz aller Energie

doch zweifelhaft, wem der endgültige Sieg zufallen wird. Der natürliche

Hafen im zentralen Teil unseres Schutzgebietes, die Walfischbai,

befindet sich bekanntlich in englischen Händen -- das ist gerade so,

als wenn jemand ein Haus besäße und ein anderer den Schlüssel dazu.

Gewiß hat der Hafen von Walfischbai auch seine Schattenseiten. Indessen

würde der Kampf gegen sie doch erfolgversprechender sein als der an der

durchaus ungeschützten Reede von Swakopmund.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel ~V.~

Von 1897-1901.

Nach dem Feldzuge 1896 und der an ihn anschließenden mit Gründung des

Nordbezirks verbundenen Nordexpedition folgte für das Schutzgebiet

eine Zeit des allgemeinen Friedens, fast ausschließlich durch

wirtschaftliche Arbeiten ausgefüllt. An kriegerischen Zusammenstößen

fanden während dieser Zeit nur kleinere von lediglich lokaler Bedeutung

statt. Irgend eine hemmende Wirkung haben sie auf die Entwicklung des

Schutzgebietes in keiner Weise gehabt.

Mit welchen Arbeiten größeren Stiles diese Zeit ausgefüllt gewesen ist,

geht aus Kapitel ~IV~ hervor. Weiteres wird noch im nächsten Kapitel

folgen. Hier beschränke ich mich auf die Schilderung der ferneren

historischen Ereignisse bis zum Ausbruch des großen Aufstandes 1903/04.

Der Afrikaneraufstand 1897.

Von dem einst mächtigen Stamm der Afrikaner[30] hatte sich in dessen

früherem Stammesgebiet in der Südostecke des Schutzgebiets noch ein

kümmerlicher Rest unter einer Art Kapitänschaft zusammengefunden.

Hier fristete er sein Leben mit Jagd, Hunger, Viehdiebstählen und

zeitweisem Dienste bei den weißen Farmern, letzteres jedoch möglichst

wenig. Solange der Stamm die Diebstähle nur vereinzelt betrieb,

wurden die Diebe, wenn gefangen, auf dem ordentlichen Gerichtswege

abgeurteilt. Mitte 1897 fing er jedoch an, sich in größeren Abteilungen

zusammenzurotten und den Viehraub im großen zu betreiben. Der

zuständige Distriktschef in Warmbad, Oberleutnant d. Res. v. Bunsen,

früher aktiver Offizier, jetzt Zivilbeamter, rückte daher Ende Juni

1897 mit der ihm zur Verfügung stehenden geringfügigen Truppe (14

Köpfe) aus und glaubte im Interesse der Autorität der Regierung

von einem Angriff auch dann nicht absehen zu sollen, als ihm die

Überlegenheit des Gegners bekannt geworden war. Es kam am 5. Juli zu

einem Zusammenstoß, der bei dem Mißverhältnis der Kräfte (etwa 14 gegen

60) mit einem Rückzug der deutschen Truppe endete. Von dieser hatten

zwei Reiter den Tod gefunden. Nunmehr erhielt der älteste Offizier des

Südbezirks, Leutnant Helm, von mir den Befehl, mit allen verfügbaren

Kräften gegen die Räuber vorzugehen. Dem eben erst eingetroffenen

Bezirksamtmann ~Dr.~ Golinelli gelang es, an der Hand der guten

Grundlage, die ihm sein Vorgänger, Bezirksamtmann Dust, hinterlassen

hatte, die nächstbeteiligten Hottentottenstämme, die Bondelzwarts und

die Feldschuhträger, zum Anschluß an die Expedition zu veranlassen.

Die Stärke der gesamten Expeditionsgruppe betrug daher schließlich:

4 Offiziere, 1 Arzt, 54 Unteroffiziere und Mannschaften, 13

Feldschuhträger, 24 Bondelzwarts, 1 Geschütz. Im ganzen 96 Kombattanten.

Am 2. August kam es in der Gamsibschlucht zu einem zweiten

Zusammenstoße, der nach einem eintägigen Gefecht abends mit der Flucht

des Gegners endete. Dieser hatte -- bei den Hottentotten ein ganz

seltener Fall -- einen Verlust von etwa einem Drittel seiner Stärke (20

Tote) ausgehalten. Sonst pflegen die Hottentotten auf ein derartiges

zähes Standhalten keinen Wert zu legen, vielmehr bei den ersten

ernsten Verlusten ihre Stellung zu räumen, um den Kampf anderswo zu

erneuern. Denn einen Rückzug sehen die Eingeborenen an sich niemals

als Niederlage an, und aus dem Aufgeben von Land machen sie sich gar

nichts. Infolgedessen kleben sie nie an einer Wasserstelle, sondern

verschwinden, wenn ernstlich angefaßt, unbemerkt, solange sie dies noch

können. Den aus Hottentottenkriegen gemeldeten Verlusten von 50 und gar

150 Toten gegenüber kann ich mich daher einer gewissen Skepsis nicht

entschlagen.

Wenn in dem uns hier beschäftigenden Gefecht die Hottentotten einen so

schweren Verlust ertragen haben -- die gemeldeten Toten sind auf dem

räumlich wenig getrennten Gefechtsfelde sämtlich gesehen worden --,

so lag dies an besonderen Umständen. Einerseits hatte der Gegner eine

taktisch wenig günstige Stellung -- dicht hinter sich den Orangefluß --

innegehabt, anderseits der diesseitige Führer, Leutnant Helm, taktisch

besonders sachgemäße Maßnahmen getroffen, indem er die Stellung von

drei Seiten umfassend angriff, so daß dem Gegner nur der direkte

Rückzug über den Orangefluß verblieb. Da außerdem das Gefecht von Hause

aus in möglichst naher Entfernung begann, so fühlten die Hottentotten

selbst, daß ein Rückzug über den Orangefluß unter dem feindlichen

Verfolgungsfeuer einer Vernichtung gleichgekommen wäre. Infolgedessen

zogen sie von zwei Übeln das kleinere vor, sie hielten bei Tage

trotz ihrer schweren Verluste aus und traten den Rückzug erst unter

dem Schutze der hereinbrechenden Dunkelheit an. Als dann die Truppe

am andern Tag den Angriff erneuern wollte, fand sie die feindliche

Stellung geräumt.

Die Verluste unserseits betrugen 1 Offizier (v. Altrock), 1 Reiter

tot, 1 Offizier, 3 Reiter schwer verwundet, 2 weiße, 2 eingeborene

Reiter leicht verwundet, mithin an Offizieren 50 v. H., an weißen

Unteroffizieren und Mannschaften 12 v. H. Verluste. Unter den

Schwerverwundeten befand sich auch der Führer Leutnant Helm, der

bereits im Hereroaufstande 1896 zwei schwere Verwundungen erlitten

hatte. Die beiden noch übrigen Offiziere waren die Leutnants v.

Winterfeld und v. Bunsen. Das Kommando ging nach dem Gefecht an den

ersteren als den ältesten über.

Auf erhaltenen Befehl war inzwischen aus Gibeon auch der

Bezirksamtmann und Hauptmann d. Res. v. Burgsdorff mit einem Teil

seiner Distriktsbesatzung und einem Kommando Witboois, dieses unter

dem Kapitän selbst, auf dem Kriegsschauplatz erschienen. Doch kam

es nur noch zu kleineren Patrouillengefechten, da den Afrikanern zu

weiterem die Kraft nicht mehr reichte. Die Reste, darunter ihr Führer

Kividoe, flüchteten schließlich nach der Kapkolonie, wo sie durch die

englische Polizei verhaftet und auf das Betreiben des Bezirksamtmanns

~Dr.~ Golinelli an diesen ausgeliefert wurden. Sie wurden vor ein

Kriegsgericht gestellt und sämtlich erschossen.

Der Aufstand der Swartbooi-Hottentotten 1897/98.

Ein für das Schutzgebiet weit ernsteres Ereignis war der noch im

gleichen Jahre ausbrechende Aufstand der Swartboois, eines, wie bereits

erwähnt, nach dem Kaokofelde abgesprengten Hottentottenstammes. Denn

nicht um den Rest eines Stammes handelte es sich hier, sondern um ein

vollständiges, etwa 400 waffenfähige Männer zählendes Volk, das zudem

von dem Zentrum der deutschen Macht weit entfernt und daher schwer

erreichbar war. Umsomehr lag die Gefahr des Übergreifens des Aufstandes

auf die Nachbarn vor, was in der Folge auch eingetreten ist. Sowohl

der andere in das Kaokofeld geratene Hottentottenstamm, die Topnaars,

schloß sich später dem Aufstande an, als auch merkwürdigerweise ein

Teil der Westhereros unter dem Unterhäuptling Kambata, obwohl diese mit

den Swartboois in unaufhörlichen Grenzstreitigkeiten gelegen hatten.

Ein Gegengewicht gegen diesen Zuwachs an Macht für die Aufständischen

bot dagegen der Umstand, daß ein kleiner Teil des Swartbooistammes

unter dem Nebenbuhler des Kapitäns David, dem Unterhäuptling Lazarus

Swartbooi, auf seiten der Regierung verblieben war. Mit dieser Tatsache

war die größte Schwierigkeit der afrikanischen Kriegführung, die

Beschaffung landeskundiger Führer sowie die rechtzeitige Wiederaufnahme

der Verbindung mit den Aufständischen behoben.

Des Zwiespaltes zwischen dem legitimen Kapitän des Stammes, David

Swartbooi, und dessen selbst nach der Kapitänschaft strebendem Vetter

Lazarus Swartbooi habe ich bereits in Kapitel ~II~ gedacht. In ihm

liegt wohl die innerste Ursache des Aufstandes. Aus den Reihen der

Anhänger von Lazarus gingen dem damaligen Bezirksamtmann von Outjo,

Hauptmann v. Estorff, fortgesetzt Nachrichten über aufrührerische Pläne

Davids und seines Anhanges zu. Dies veranlaßte Hauptmann v. Estorff,

mittels eines nächtlichen Gewaltmarsches im Mai 1897 plötzlich mit 20

Reitern in Otjitambi, dem damaligen Wohnsitze Davids, zu erscheinen

und die ihm bezeichneten Hauptaufwiegler aufzuheben. Nachdem die

angestellte Untersuchung die Richtigkeit der Beschuldigungen ergeben

hatte -- vorläufig hatten jedoch nur Worte, keine Taten vorgelegen

--, wurde Kapitän David nach Windhuk überführt und an seiner Stelle

Lazarus Swartbooi als Kapitän eingesetzt. Damit hatte letzterer sein

Ziel erreicht; die Anhänger Davids aber gaben sich mit dieser Tatsache

nicht zufrieden, die Wühlereien gegen die deutsche Regierung wie gegen

den neuen Kapitän Lazarus Swartbooi dauerten vielmehr fort. Als dann

im November 1897 offene Feindseligkeiten zwischen beiden Parteien

auszubrechen drohten, erschien Hauptmann v. Estorff mit 50 Reitern und

einem Geschütz abermals unter dem Stamm, diesmal in Franzfontein, wo

mittlerweile ein Distriktskommando unter Leutnant Graf v. Bethusy-Huc

eingerichtet worden war.

Hauptmann v. Estorff fand Franzfontein von den Anhängern des Kapitäns

David unter ihren neuen Anführern Samuel und Joel Swartbooi, beide

gleichfalls der Kapitänsfamilie entstammend, verlassen. Während

Hauptmann v. Estorff noch mit den Häuptern der Aufständischen

Verhandlungen pflog, nahmen diese am 3. September die eine Stunde

von Franzfontein weidenden Pferde und Esel der Kompagnie weg.

Hauptmann v. Estorff faßte das mit Recht als Kriegsfall auf und

brach die Verhandlungen ab. Es folgte nunmehr ein Feldzug mit

allen der afrikanischen Kriegführung eigentümlichen Erscheinungen

und Schwierigkeiten, und zwar abwechselnd zwischen Überfällen,

Patrouillenschießereien und größeren Gefechten, stets aber erschwert

durch die große Abhängigkeit der Truppe von Wasser und Weide. Wie meist

in Afrika erlitt die Truppe ihre größeren Verluste nicht in Gefechten,

sondern bei Patrouillenritten und Transportkommandos.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 10 / 50 段