man von ihm Gebrauch machen kann, in Afrika schließlich doch das
beste ist. Der abgesandte Bote kam nach sechs Tagen mit der Meldung
zurück, die Khauas-Hottentotten sowie die Reste des Kahimemastammes
befänden sich in Kalkfontein, einer Wasserstelle, etwa 30 ~km~ Epukiro
abwärts, unweit von dessen südlichem Ufer. Den Brief hatte er nicht
abgeben können, da der einzige des Lesens kundige Mann des Stammes, der
Magistrat Fledermuis, bei Otjunda gefallen wäre. Er hätte daher seinen
Stammesgenossen den Inhalt mündlich mitgeteilt. Sie seien alle zur
Übergabe bereit.
[Illustration:
⋁ ⋁ ⋁
Hendrik Witbooi Leutwein Samuel Maharero
Nach dem Gefecht von Otjunda-Sturmfeld 1896.]
Unter Zurücklassung einer starken Wache für die Verwundeten und
Gefangenen am alten Lagerplatze marschierte die Truppe am 13. Mai ab
und traf am 14. Mai vor Kalkfontein ein. Hier wurde Gefechtsstellung
bezogen und durch eine Eingeborenen-Patrouille der Gegner aufgefordert,
sich bedingungslos zu ergeben, widrigenfalls mit dem Feuern begonnen
würde. Der Feind zog das erstere vor. Kahimema kam mit seinen wenigen
Leuten sofort herüber,[23] die Khauas-Hottentotten wurden während
der folgenden Nacht in ihrer Werft bewacht und den andern Tag von
mir persönlich abgeholt. In meiner Begleitung befanden sich nur die
Witboois, die mit ungemeiner Schnelligkeit die Werft von allen Seiten
umzingelt hatten. Ich sicherte den Gefangenen in einer Ansprache das
Leben zu, da die Hauptschuldigen bereits tot seien.[24] Nach dieser
Ansprache ergriff auch Witbooi das Wort zu einer Strafpredigt, während
der er unter den Gefangenen drei seiner eigenen Leute entdeckte. Diese
nahm er sofort vor die Front und ließ sie mit Stockhieben bestrafen.
Ein Teil der Khauas-Hottentotten hatte sich jedoch direkt in das Lager
von Otjunda begeben und dort die Waffen gestreckt. Augenscheinlich
hatten sie sich vorher überzeugen wollen, ob die Gefangenen wirklich
nicht getötet würden. Bei einem Teil von ihnen wiederholte sich dann
nach der Rückkehr in unser Lager die Prozedur des Prügelns, da sie
seitens der anderen verbündeten Hottentottenstämme von Hoachanas und
Gochas gleichfalls als Stammesgenossen erkannt worden waren. Unter
den etwa noch 70 waffenfähigen Männern des Khauasstammes war hiernach
mindestens die Hälfte fremder Stammesangehörigkeit. Wo es etwas zu
rauben gibt, ist der Hottentott eben schnell bei der Hand. An Gewehren
hatte der Stamm noch 43 Stück. Die noch fehlenden Männer des Stammes
wurden festgestellt und mittels öffentlicher Ausschreibung für
vogelfrei erklärt, falls sie sich nicht bis zu einer bestimmten Frist
stellen würden. Dreizehn von ihnen sind später festgenommen und auf
Fluchtversuchen erschossen worden. Die jetzt Gefangenen wurden nach
Windhuk überführt, wo sie sich heute noch befinden.
Inzwischen hatte auch Kapitän Simon Cooper, ohne von mir gerufen zu
sein, sich mit 120 seiner Leute auf dem Kriegsschauplatze eingefunden.
Zu fechten gab es jedoch nichts mehr, wohl aber hat er sich noch eifrig
an dem Aufheben von Viehposten beteiligt. Und dies wird auch der Zweck
seines Kommens gewesen sein. Gleich von Kalkfontein aus wurde ein zwei
Tagesmärsche entfernter Viehposten Kahimemas in der Stärke von 1200
Stück aufgehoben, und später ein ebensolcher des Kahimemagroßmannes
Kahikaeta mitsamt dem letzteren selbst und noch 14 Gewehren. An
Widerstand dachte niemand mehr. Auch Nikodemus hatte sich auf Zureden
seines Halbbruders Assa in Okahandja gestellt und war dort durch Major
Mueller festgesetzt worden.
[Illustration: Feldlager bei Otjunda.]
Sonach stand kein Feind mehr im Felde. Es blieb lediglich ein
diplomatisch-gerichtliches Nachspiel übrig, dessen Schauplatz
naturgemäß nur der Hauptort der Hereros, Okahandja, sein konnte.
Dorthin setzte sich die Truppe am Abend des 22. Mai in Marsch. Der Weg
führte über die Werft des Unterhäuptlings Tjetjo, der sich jetzt in
Loyalitätsversicherungen erschöpfte. Ich freute mich jedoch, ihn den
Anblick der vorbeimarschierenden, nunmehr auf 500 Reiter angewachsenen
Truppe genießen lassen zu können.
Auch die Großleute des Nikodemus stellten sich in der Zahl von neun
freiwillig, teils in Okahandja, teils unterwegs bei der Truppe. Am 2.
Juni fand feierlicher Einmarsch in Okahandja und die Vereinigung der
alten und der neuen Truppe statt. Letztere stand in Parade und nahm
den Vorbeimarsch der siegreichen, durchaus nicht parademäßig, dafür
aber sonnenverbrannt und kriegerisch aussehenden alten Truppe mit ab.
Zuerst kamen die Feldkompagnien, dann die Witboois, die Hereros, Simon
Cooper und schließlich die Artillerie. Dazu an allen Häusern Flaggen
und Glockengeläute, kurz ein Bild, das jedem, der es gesehen hat,
unvergeßlich bleiben wird. Die deutsche Oberherrschaft schien nunmehr
im Schutzgebiete endgültig gesichert.
Nachholen muß ich noch, daß der bereits in Kapstadt befindliche
Hauptmann v. Sack auf die Nachricht vom Ausbruch des Aufstandes sofort
in das Schutzgebiet zurückgekehrt war, aber die Truppe erst erreicht
hatte, als diese sich bereits auf dem Rückmarsche befand. Ihm hatte
sich Leutnant a. D. v. Levinsky angeschlossen, der sich im Schutzgebiet
als Farmer niederzulassen gedachte. Beide traten für den Rest des
Kriegszustandes in die Truppe ein.
Die gerichtliche Untersuchung über die Ursachen und die Urheber des
Aufstandes wurde durch Assessor v. Lindequist geführt. Sie ergab mit
unzweideutiger Klarheit, daß der Anstifter zum Aufstande einzig und
allein Nikodemus gewesen war, und zwar hatte er seine Wühlereien
unmittelbar nach seiner Einsetzung als Kapitän des Ostens begonnen.
Auch Witbooi hatte er hineinzuziehen versucht, indem er ihm die
anscheinend harmlose Frage stellte, wie er, Witbooi, sich unter
deutscher Herrschaft fühle. Witbooi ließ sich klugerweise auf einen
Briefwechsel gar nicht ein, gab vielmehr durch Boten eine mündliche,
nichtssagende Antwort. Nikodemus selbst leugnete auch angesichts
der gegenübergestellten Zeugen, einschließlich seines Mitschuldigen
Kahimema, alles. Letzterer beschönigte nichts, wies aber nicht mit
Unrecht darauf hin, daß wir, d. h. der Oberhäuptling und ich, ihn
unter Nikodemus gestellt hätten, und daß er daher diesem hätte folgen
müssen. Angesichts dieses zweifellos mildernden Umstandes sowie wegen
seines offenen Geständnisses würde ich Kahimema gern begnadigt haben,
jedoch sprach sich Samuel entschieden dagegen aus. Infolgedessen
wurden in Vollziehung des gefällten Urteils die beiden Führer am 12.
Juni erschossen. Kahimema starb mutig, Nikodemus dagegen als Feigling,
vor Angst schon halbtot, als er zum Richtplatz geführt wurde. Von
den gefangenen Großleuten wurden elf als Mitschuldige zu längeren
Freiheitsstrafen verurteilt und zur Strafverbüßung nach Windhuk
überführt. Erwähnen will ich noch, daß die gerichtlichen Verhandlungen
von Anfang bis zu Ende in voller Öffentlichkeit stattgefunden haben.
Von der Erlaubnis des Zutritts hat namentlich der Missionar sowie
der alte Riarua Gebrauch gemacht, beide in der heimlichen Hoffnung,
daß Nikodemus noch gerettet werden könnte. Eine Beteiligung Riaruas
an dem Aufstande hatte nicht nachgewiesen werden können. Wäre sie
augenscheinlich vorhanden gewesen, so würde ihn Nikodemus bei
seiner Feigheit wohl nicht geschont haben. Ferner waren auch beim
Kriegsgericht zwei seitens des Oberhäuptlings bestellte Großleute als
Richter anwesend.
Aus dem übrigen Hererolande ist endlich noch eine unbedeutende
aufrührerische Bewegung in Otjimbingwe zu erwähnen, hervorgerufen durch
Aufreizungen eines gewissen Wallace, der außerdem den Eingeborenen
verbotenerweise Spirituosen geliefert hatte. Einige 30 betrunkene
Hereros rotteten sich zusammen, trieben Unfug und setzten der
herbeieilenden Militärpatrouille Widerstand entgegen. Schließlich kam
es zu einer Schießerei, bei der zwei Hereros verwundet wurden. Der
gerade mit einem Teil der Truppe angekommene Leutnant d. R. Schmidt
setzte Wallace in Haft und stellte bei den Hereros die Ruhe wieder her.
Seitdem ist sie dort nicht wieder gestört worden.
Nach Beendigung des Feldzuges habe ich über seinen Verlauf an meine
vorgesetzte Behörde folgenden Schlußbericht erstattet:[25]
»Wenn ich nun noch einmal auf den Verlauf des Krieges zurücksehe, so
muß ich sagen, daß er ein ungewöhnlich glücklicher gewesen ist. In
dem für uns ungünstigsten Momente ausgebrochen, schien der Aufstand
das Schutzgebiet an den Rand des Abgrundes zu bringen, zumal in den
ersten Anfängen nicht zu übersehen war, welche Ausdehnung er gewinnen
würde. Indes gelang dessen Lokalisierung und war damit die größte
Gefahr beseitigt. Ein wesentliches Verdienst hierfür gebührt der
unerschütterlichen Freundschaft des Oberhäuptlings Samuel in Verbindung
mit der ebenso unerschütterlichen Vertragstreue Witboois. Samuels
persönliche Macht ist ja nicht groß, aber auch bei den Schwarzen ist
das Gewicht der Legitimität nicht zu unterschätzen. Sehr zustatten
ist uns auch die Gerechtigkeit unserer Sache gekommen. Dem frivolen
Friedensbruch von seiten unserer Gegner stand die immer wieder
bewiesene und von keinem Eingeborenen mehr bezweifelte Friedensliebe
auf unserer Seite gegenüber.
»Was die verbündeten Hereros uns genutzt haben, kann nicht hoch genug
angeschlagen werden. Das für uns in dem weiten Lande Schwierigste,
nämlich Auffinden des Gegners, der Weide und Wasserstellen, ging
mit ihrer Hilfe und vermöge ihrer Ortskunde glatt und ohne jede
Störung vonstatten. Niemals haben wir trotz unseres bedeutenden
Viehbestandes auch nur im geringsten an Wassermangel gelitten. Was
das heißen will, kann nur der Landeskenner richtig würdigen. Unsere
übrigen Bundesgenossen habe ich mir bereits in meinem letzten Bericht
zu charakterisieren gestattet und dem nichts mehr hinzuzufügen.
Überhaupt hat sich die diesmalige Zusammensetzung der Feldtruppe --
Weiße nur als Kern, die Masse Eingeborene -- als die für hiesige
Verhältnisse in der Tat zweckmäßigste erwiesen. Ich ziehe eine solche
Truppe dem bestausgebildeten heimatlichen Jäger-Bataillon vor. Nicht
stolze Heeresmassen verbürgen den Sieg, sondern die Geeignetheit
der Truppe für die gegebenen Verhältnisse. Die Kriegs- wie auch die
Kolonialgeschichte gibt hierfür deutliche Lehren. Fern muß uns daher
jede Politik bleiben, welche uns die Eingeborenen entfremdet und daher
in schwierigen Lagen lediglich auf uns selbst anweist. Dank einem guten
Requisitionssystem und der Bemühung der Kaiserlichen Intendantur hatten
wir auch nie Proviantmangel und bringen sogar noch einen reichlichen
Vorrat nach Hause usw.
»Unter den 500 Reitern, aus denen, wie bereits gemeldet, die Truppe
schließlich bestanden hat, befanden sich noch nicht 100 Angehörige der
Schutztruppe selbst. Der Rest war aus wieder eingezogenen Reservisten,
Kriegsfreiwilligen und Eingeborenen zusammengesetzt usw.«
Diesen Ausführungen habe ich auch heute nichts hinzuzufügen.
Am 11. Juni abends marschierte die Truppe von Okahandja ab und zog
am 13. früh in feierlicher Weise in Windhuk ein. Es fehlte weder an
Triumphbogen noch an Ehrenjungfrauen, welch letztere allerdings --
mangels erwachsener Mädchen -- noch im Kindesalter standen. An dem
Einzuge in Windhuk nahmen auch die Hilfsvölker aus dem Namalande teil,
während die Hereros bereits in Okahandja entlassen worden waren.
Nach einer achttägigen Pause wurde in Windhuk eine neue
Expeditionstruppe zusammengesetzt, die unter dem Befehl des Majors
Mueller die Aufgabe hatte, die den Aufständischen auferlegte Buße an
Vieh einzutreiben. Von letzterem war den eingeborenen Bundesgenossen
ein gewisser Prozentsatz als Beuteanteil in Aussicht gestellt.
Abordnungen von diesen, namentlich, was sehr wesentlich war, auch der
verbündeten Hereros, begleiteten daher die Truppe. Inzwischen hatten
die in Windhuk gefangenen Hereros von der den Eingeborenen eigenen
Geschicklichkeit, sich einer Gefangenschaft durch Flucht zu entziehen,
Gebrauch gemacht und waren sämtlich weggelaufen. Einer derselben
war hierbei erschossen worden. Dem Major Mueller fiel daher noch die
weitere Aufgabe zu, die Flüchtigen wieder einzubringen und zu diesem
Zweck es auch auf einen neuen Waffengang ankommen zu lassen. Die etwa
100 Köpfe starke Abteilung vermochte indessen, in einem zweimonatlichen
Zuge sich ihrer Aufgabe in friedlicher Weise zu entledigen. Sie brachte
sämtliche Gefangene wieder ein sowie mehrere tausend Stück Vieh.
Außerdem wurden noch verschiedene Werfte entwaffnet. Das Beutevieh
wurde später meistbietend an die Ansiedler versteigert und würde
manchem zum Wohlstande verholfen haben, wenn nicht einige Monate später
die Rinderpest alles wieder vernichtet hätte.
Mich selbst erwartete im Westen des Schutzgebiets eine andere
Aufgabe. Ganz unvermutet war nämlich bereits auf dem Rückmarsche
vom Kriegsschauplatz die Nachricht von der bevorstehenden Landung
der bereits erwähnten 400 Mann Verstärkung eingetroffen (genau 15
Offiziere, 2 Sanitätsoffiziere, 407 Unteroffiziere und Reiter).
Diese Verstärkung war höheren Orts nur als vorübergehend gedacht,
sie sollte nach Erfüllung ihrer Aufgabe wieder nach Hause gesendet
werden. Als ihre Aufgabe dachte man sich in Berlin, anschließend an die
Niederwerfung des Aufstandes, eine allgemeine Entwaffnung der Hereros.
Der verflossene Feldzug hatte uns jedoch die Widerstandsfähigkeit
dieses Volkes sowie die Schwierigkeit, mit ihm ohne die Hilfe von
Stammesgenossen fertig zu werden, zu sehr erkennen lassen, als daß ich
mich damals auf ein solches Unternehmen hätte einlassen können. Und die
Hilfe des Oberhäuptlings war, wie wir noch weiter sehen werden, für die
Entwaffnung _einzelner_ unbotmäßiger Werften stets zu erhalten, niemals
aber für eine solche allgemeiner Art. Der Versuch zu einer solchen
mußte vielmehr zu einem blutigen, unabsehbaren Krieg führen, und für
einen solchen brauchten wir nicht 400 Mann Verstärkung, sondern 4000.
Unsere Erfahrungen 1904 reden eine deutliche Sprache.
Diese Auffassung meldete ich nach Berlin und fand dort für sie
Zustimmung. Ein zwingender Grund zu einem Unternehmen von solcher
Tragweite lag überdies gerade damals umsoweniger vor, als kurz zuvor
noch die Hereros uns gegen ihre eigenen Stammesgenossen Heeresfolge
geleistet hatten. Die fernere Ausnutzung dieser Geneigtheit in
Verbindung mit scharfer Überwachung des Handels mit Waffen und Munition
ließen dagegen auch eine allmähliche Entwaffnung der Eingeborenen
erhoffen. _Ihre_ Vorräte mußten bei dem Mangel an Ersatz fortgesetzt
abnehmen, während die unsrigen fortgesetzt zunehmen konnten.
Von der Mitte Juli eingetroffenen Verstärkung wurden 150 Mann nach
Windhuk, der Rest nach Karibib entsendet. Die ersteren sollten
einerseits als allgemeine Reserve in Windhuk bleiben, anderseits zur
Verstärkung der Besatzung des Namalandes dienen. Mit den übrigen 250
Mann beabsichtigte ich einen Zug durch das Westhereroland, um im
Anschluß an einen solchen den längst gehegten Plan durchzuführen, durch
Besetzung des herrenlosen Gebietes zwischen Ovambo- und Hereroland die
Verbindung zwischen diesen beiden Ländern abzuschneiden. Dies gebot
jetzt außerdem der Grenzschutz gegen die herannahende Rinderpest, in
den wir das Ovamboland, weil außerhalb unserer Machtsphäre liegend,
nicht mit hereinziehen konnten. Wie gewöhnlich, wurde zu diesem Zuge,
der am 2. August angetreten wurde, auch der Oberhäuptling Samuel mit
etwa 50 seiner Leute mitgenommen.
Der Marsch ging programmäßig von Karibib über Omaruru[26], Outjo,
Franzfontein, Orusewa (Vogelkranz), Spitzkoppjes und zurück (siehe
Skizze). Sein Ergebnis war folgendes: Kapitän Manasse, der nun
sehr loyal geworden war, wurde bewogen, den seitens der Deutschen
Kolonial-Gesellschaft für Südwestafrika auf Spitzkoppjes erhobenen
Anspruch anzuerkennen. Ferner wurde in Omaruru der bereits genannte
ehemalige Unterkapitän von Okombahe, Daniel Kariko, in Haft gesetzt
und gerichtlich wegen hochverräterischer Umtriebe zu zwei Jahren
Gefängnis verurteilt. In Otjikango, südlich Outjo, wurde der
gleichfalls schon genannte Werftkapitän Katarrhe, der sich dieses Mal
gestellt hatte, entwaffnet. In Outjo wurde der in Aussicht genommene
Nordbezirk gegründet mit den Stationen Grootfontein (nördlich),
Otavifontein, Naidaos, Outjo und Franzfontein. Outjo wurde der Sitz des
Bezirksamtmanns, zugleich Kompagniechefs, und als solcher der Hauptmann
Kaiser eingesetzt, Grootfontein Distriktshauptort unter Leutnant
Steinhausen, die übrigen Plätze Unteroffizierstationen. Die beiden
genannten Offiziere waren mit der neuen Truppe gekommen, später wurden
auch Otavifontein und Franzfontein mit Offizieren besetzt.
In Franzfontein hatte ich zum erstenmal Gelegenheit, den Stamm der
Swartboois in seiner Heimat zu besuchen. Wie überall, hatten sich
die Hereros auch an der Westgrenze weiter ausgedehnt, als ihnen
nach Ansicht der Nachbarn, in diesem Falle der Swartboois, zukam.
Der Kapitän verlangte daher von dem anwesenden Oberhäuptling, er
solle die Hereroposten entsprechend zurückziehen, worauf dieser auf
die Zuständigkeit Manasses in Omaruru hinwies. Von mir verlangte
der Kapitän Gewehre und Munition, wofür ich ihn auf die Zukunft
vertröstete. Dagegen wurden dem Stamm die Gewehre Modell 88 abgenommen
(8), die ihm die Vertretung der an dem Gebiete der Swartboois
interessierten Kaoko-Land- und Minengesellschaft mit Genehmigung der
Regierung während des Hereroaufstandes überlassen hatte. Im übrigen
aber lag keine Veranlassung vor, die in der Grenzfrage zwischen den
Swartboois und Westhereros hervorgetretene, für uns vielleicht noch
nützliche Rivalität jetzt schon durch unser Eingreifen zu beseitigen.
[Illustration: Reise des Gouverneurs Leutwein August bis November
1896.]
Im weiteren Verlauf der Expedition wurden in Orusewa (Vogelkranz)
noch einige Genossen von Daniel Kariko festgesetzt und zu Geldbußen
verurteilt. Am genannten Platze hatte ich wieder eine ernste
Unterredung mit dem Oberhäuptling über die andauernde Sucht der
Hereros, sich über ihre Grenze auszubreiten. Er gab dies zu und bat
um Geduld, seine Leute seien zu dumm und begriffen nicht, daß sie im
Unrecht seien. In Okombahe, dem neugewonnenen Kronland, wurde ein
englischer Untertan ausgewiesen und ein Kaffer ins Gefängnis gesetzt,
beide, weil sie während des Hereroaufstandes durch Verbreiten von
falschen Gerüchten Unheil angestiftet hatten. In Spitzkoppjes hatte
die Deutsche Kolonial-Gesellschaft bereits angefangen, sich häuslich
einzurichten.
Von Spitzkoppjes marschierte die Truppe nach Windhuk zurück, während
ich selbst einen scharfen Ritt die Nacht hindurch[27] nach Swakopmund
unternahm. Die hier gegebene Zeit benutzte ich zu einem Abstecher
nach Kap Croß, wo vor etwa einem Jahr eine englische Gesellschaft
mit der Ausbeutung des dortigen Guanos begonnen hatte. Hier hatte
ich Gelegenheit, die englische Betriebsamkeit zu bewundern. An dem
sonst öden Platze herrschte ein reges Leben. Während wir über die
Notwendigkeit eines Bahnbaues von Swakopmund in das Innere noch redeten
und schrieben, hatten dort die Engländer eine Bahn von 20 ~km~ Länge
bereits gebaut.
Noch eines für das Schutzgebiet wichtigen Ereignisses muß ich Erwähnung
tun, nämlich der Einrichtung einer deutsch-katholischen Mission neben
der bereits bestehenden deutsch-evangelischen. Die Vorbereitungen
hierzu hatte der katholische Präfekt Schoch von Transvaal getroffen.
Jetzt traf in Swakopmund der zum Leiter der Mission im Schutzgebiete
ausersehene Pater Hermann ein, der später den Titel Propräfekt erhielt.
[Illustration: Wasserschöpfende Eingeborene im Nordhereroland.]
Nach der Rückkehr von Swakopmund, Ende November, ging es an die
endgültige Verschmelzung der alten mit der neuen Truppe. Von den
eingetroffenen 400 Mann Verstärkung wurde im Laufe des Jahres 1897 die
Hälfte nach Hause geschickt, die andere Hälfte aber auf diesseitigen
Antrag endgültig der Truppe einverleibt, so daß deren Etatsstärke Ende
1897 von rund 500 Mann auf rund 700 Köpfe gestiegen war. Sie wurde in
vier Feldkompagnien und eine Feldbatterie eingeteilt; daneben sowie
ganz unabhängig von der Feldtruppe bestanden die Distriktstruppen,
die zu Polizeidiensten den Verwaltungsbezirken zugeteilt waren. Die
Bezirke setzten sich damals aus den Bezirksämtern Keetmanshoop,
Gibeon, Windhuk, Otjimbingwe, Swakopmund, Outjo und dem selbständigen
Militärdistrikt Gobabis zusammen. Von den Bezirksämtern standen drei
unter Zivilbeamten, die zugleich Kaiserliche Richter waren, der Rest
sowie sämtliche Distrikte unter Offizieren.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel ~IV~.
Viehseuchen. -- Eisenbahn. -- Mole.
Rinderpest.
Die in Afrika gefürchtetste Tierseuche, die Rinderpest, kam dem
Schutzgebiet Ende 1896 immer näher. Zunächst glaubte man, ihr
durch Absperrung begegnen zu können. Es wurde daher längs der
Grenze eine viehfreie Zone von 20 ~km~ Durchmesser geschaffen und
eine entsprechende Vermehrung der Grenzstationen angeordnet. Der
Absperrung gegen die Ovambos habe ich bereits gedacht. Die Zahl der
Tierärzte wurde um zwei vermehrt. Doch ist nach wirklichem Ausbruch
der Seuche die Hauptarbeit und damit auch die größte Leistung dem
bereits im Lande befindlichen Roßarzt Rickmann zugefallen. Denn
alle Absperrungsmaßnahmen hatten nichts genützt. Das Eindringen der
Seuche war auf die Dauer schon infolge der Tatsache, daß sie auch
das Wild ergreift, nicht zu hindern. Nur das Namaland blieb von ihr
verschont, da sie in diesem schwach bewohnten trockenen Gebiet für
ihre Verbreitung wenig günstige Bedingungen vorfand. Auch war die
Absperrung gegen die Kalaharisteppe dort leichter durchzuführen und
daher wirksamer.