Oberleutnant v. Perbandt entledigte sich seiner nicht leichten

Aufgabe mit Energie und Geschick. Wesentlich unterstützt wurde

er durch die jetzt eintreffende Nachricht von dem inzwischen bei

Gobabis stattgehabten ersten Zusammenstoß und dessen siegreichem

Ausgang für uns. Nunmehr konnte der Oberhäuptling seine bisher

mehr zur Neutralität neigenden Anhänger zur offenen Teilnahme auf

unserer Seite mit fortreißen, während die Riaruapartei verstummte.

Der Oberhäuptling schloß sich mit etwa hundert seiner Leute dem mit

der dritten Staffel der Schutztruppe nach Gobabis marschierenden

Oberleutnant v. Perbandt an. Zur Formierung dieser dritten Staffel (3.

Kompagnie) hatte v. Perbandt die Bureaus geleert, an Reservisten und

Freiwilligen eingestellt, was noch zu erreichen war, und endlich auch

Bastardsoldaten aus Rehoboth herangezogen. Einschaltend muß ich hier

bemerken, daß auf Grund eines besonderen Vertrages die wehrfähigen

Bastards alljährlich 6 Wochen, beginnend 1895, militärisch ausgebildet

worden sind und dann 12 Jahre zum Kriegsdienst sowie zu jährlichen

Übungen verpflichtet waren. Diese Bastardsoldaten haben sich in der

Folge, erstmals in dem Kriege 1896, durchaus bewährt.

Auf dem Kriegsschauplatze hatte inzwischen Hauptmann v. Estorff die

Station Aais entsetzt und sich dann gegen Gobabis gewendet. Ein

seitens des Assessors v. Lindequist mit dem Unterhäuptling Nikodemus

angeknüpfter Briefwechsel ließ den letzteren zwar stark verdächtig

erscheinen, ergab indessen bis zum Gefecht von Gobabis noch nicht volle

Klarheit. Nikodemus wollte _zu_ klug sein und fiel infolgedessen in

das Gegenteil. Er gedachte sich anscheinend im Hintergrunde zu halten,

um, wenn die Sache schief ging, alles von sich abwälzen zu können.

Statt daher mit seinen Verbündeten, den Khauas-Hottentotten, sich zu

einem gemeinsamen Angriff auf die schwache Abteilung des Hauptmanns

v. Estorff zu vereinigen, zersplitterte er sich in zwei nacheinander

folgenden Angriffen, die dann beide scheiterten. Bei so vielen

Mitwissern konnte Nikodemus ja doch nicht hoffen, daß seine Teilnahme

dauernd verborgen bleiben würde.

Die Abteilung v. Estorff langte am 5. April 1896 vor Gobabis an,

wo auf Befehl des Führers der dortige Distriktschef Leutnant Lampe

mit einigen Reitern der Station sich ihr anschloß. Das Kommando in

Gobabis übernahm Assessor v. Lindequist in seiner Eigenschaft als

Oberleutnant der Reserve. Am 6. April früh erfolgte der Angriff der

Khauas-Hottentotten, nachdem diese bei Annäherung der Abteilung die

Belagerung von Gobabis aufgegeben hatten. Die Hottentotten wurden

von ihrem Kapitän, dem mehrfach genannten Eduard Lambert, in fast

allzu kühner Weise zum Angriff vorgeführt, bei dem der Kapitän etwa

20 Schritt vor der deutschen Schützenlinie fiel. Sie versuchten dann,

wie dies ihre Gefechtsweise ist, die deutsche Linie links zu umfassen,

wozu sie ihre numerische Überlegenheit (etwa 150 Gewehre gegen 60) auch

befähigte. Durch eine Gegenumfassung von deutscher Seite unter Leutnant

Eggers, verbunden mit einem Angriff in der Front, wurde jedoch der Sieg

für uns entschieden. Die Hottentotten verließen in eiliger Flucht das

Gefechtsfeld. Leutnant Eggers war bei seinem Vorgehen durch einen Schuß

in das Bein verwundet worden, jedoch auf dem Kampfplatz verblieben.

Erst nach dieser Niederlage setzte Nikodemus seine eigenen Leute zu

einem zweiten Angriff ein. Sie stießen auf die jetzt in breiter Front

vorreitende Abteilung v. Estorff in der linken Flanke, letztere saß

ab, schwenkte ein und nahm das Gefecht in der Front auf. Auch hier

versuchte der Feind durch Umfassen des linken Flügels den Sieg an sich

zu reißen, wozu auch ihm seine bedeutende Überlegenheit (etwa 300

Gewehre) die Möglichkeit bot. Der drohenden Umklammerung suchte sich

Hauptmann v. Estorff durch einen Gegenangriff zu Pferde zu entziehen.

Er nahm aus der Front heraus, was dort einigermaßen entbehrlich war,

ließ zunächst den Leutnant Lampe eine Attacke reiten, der er, links

rückwärts gestaffelt, unter seiner eigenen Führung eine zweite folgen

ließ. Die erste Attacke scheiterte vollständig. Sie bestätigte die

Regel, daß ein Reiterangriff zu mißlingen pflegt, wenn die Infanterie

-- und sei dies auch nur eine schwarze -- standhält. Und der Gegner

hielt stand. In kurzer Zeit waren daher 50 v. H. der Angreifer außer

Gefecht gesetzt, darunter Leutnant Lampe (tot). Der Rest wich nach

kurzem, zu Fuß geführtem Handgemenge. Die zweite Attacke, diejenige

des Hauptmanns v. Estorff selbst, die auf den Flügel des Feindes sowie

auf einen durch die erste Attacke immerhin bereits erschütterten

Gegner stieß, gelang dagegen. Der Feind wandte sich zur Flucht und riß

auch den Teil der eigenen Gefechtslinie mit sich fort, der bis jetzt

standgehalten hatte. Damit war der Sieg für uns entschieden.

[Illustration: Gefechtsfeld von Gobabis.]

An Verlusten hatte das Gefecht 6 Tote und 5 Verwundete, mithin 22 v. H.

gekostet.

Dieses Gefecht wirkte wie ein reinigendes Gewitter. Die noch

schwankenden Eingeborenen traten offen auf unsere Seite, die feindlich

gesinnten wurden still. Mich traf die Kriegsnachricht, als ich bereits

auf dem Marsche nach Gobabis begriffen war. Der Oberhäuptling hatte

seinen guten Willen schon vorher gezeigt, indem er mir als Zeichen

seiner Parteinahme zwei Großleute mitgegeben hatte. Diese schickte

ich nach erhaltener Nachricht von dem Gefecht bei Gobabis mit einer

Proklamation in das Innere des Hererolandes, um bei allen etwa noch

Schwankenden Klarheit zu schaffen. Am 11. April traf ich in Gobabis

ein. Vom Feinde fand sich weit und breit keine Spur mehr. Sowohl die

Ovambandjerus wie die Khauas-Hottentotten hatten am Tage nach dem

Gefecht freiwillig ihre Stellungen geräumt. Über ihren neuen Aufenthalt

war noch nichts bekannt.

[Illustration:

Oberleutnant v. Perbandt

Stab der 3. Kompagnie bei Gobabis.]

Um so gefährdeter erschien bei ihrer abgelegenen Lage die Grenzstation

Olifantskluft. Sie zu entsetzen, wurde daher eine Expedition unter

Hauptmann v. Estorff zusammengestellt, die in der Stärke von rund

90 Köpfen und 2 Geschützen zwischen dem 13. und dem 20. April diese

Aufgabe erfüllte. Die Station wurde eingezogen. Auf dem Rückmarsch

stieß die Abteilung am 18. und 19. April bei Siegsfeld auf einen Teil

des Gegners, zumeist Hottentotten, die angegriffen und geschlagen

wurden. Der Erfolg dieses Sieges bestand in zahlreichen Gefangenen und

mehreren hundert Stück Großvieh. Aus den Aussagen der ersteren sowie

aus den vorgefundenen Spuren ergab sich, daß der Gegner im wesentlichen

nach Norden ausgewichen war. Das Gefecht von Siegsfeld hatte unserseits

einen Verlust von 2 Toten und 3 Verwundeten gekostet, unter den

letzteren Leutnant Helm.

Ende April traf dann Oberleutnant v. Perbandt mit der 3. Kompagnie

und den verbündeten Hereros in Gobabis ein, desgleichen am 1. Mai aus

Gibeon Oberleutnant v. Burgsdorff mit 22 Reitern seines Distrikts und

etwa 70 Witboois, letztere unter dem Kapitän selbst. Im ganzen bestand

jetzt die Truppe aus etwa 180 Weißen und Bastardsoldaten, 70 Witboois

und 120 Hereros. Dazu kamen noch die eingeborenen Soldaten der Truppe,

die bewaffneten Treiber und Leiter der Wagenstaffel und 3 Geschütze, in

Summa etwa 400 Köpfe. Es wurden nun folgende Verbände hergestellt:

~A.~ _Abteilung von Estorff._

1. Feldkompagnie: Oberleutnant d. R. v. Lindequist, Leutnant Eggers;

2. Feldkompagnie: Leutnant Schmidt, Leutnant Helm;

3. Feldkompagnie: Oberleutnant v. Perbandt, Leutnant a. D. v. Zieten.

~B.~ _Abteilung von Burgsdorff._

22 weiße Reiter,

etwa 70 Witbooireiter unter dem Kapitän Hendrik Witbooi.

~C.~ _Herero-Abteilung._

Etwa 120 Hereroreiter unter dem Oberhäuptling Samuel Maharero.

Beigegeben Unteroffizier Voigts (Reserve-Offizieraspirant).

~D.~ _Artillerie-Abteilung._

3 Geschütze unter dem ehemaligen Oberleutnant d. L. Hermann.

Der Kriegsfreiwillige, Unteroffizier Voigts, hatte als Kaufmann lange

Jahre unter den Hereros gelebt und beherrschte deren Sprache. Er war

deren eigentlicher Führer und hat als solcher recht gute Dienste

geleistet. Der Kriegsfreiwillige, ehemalige Oberleutnant d. L. Hermann,

war als Farmer im Schutzgebiet ansässig, früher in Kubub, später in

Nomtsas. Wenn auch seine artilleristischen Kenntnisse etwas veraltet

waren -- die letzte Dienstleistung datierte aus dem Jahre 1870 --

so hat er doch das entschiedene Verdienst, den in der Artillerie

vorhandenen guten Geist belebt und gestärkt zu haben. Der einzige

Artillerieoffizier der Truppe, Leutnant Lampe, war, wie erwähnt, bei

Gobabis gefallen.

[Illustration:

⋁ ⋁

Kajata ⋁ Samuel Maharero

Unteroffz. d. R. Voigts

Hereros auf dem Marsche 1896.]

Überhaupt war der Mangel an Offizieren recht fühlbar. Ihn hatten

auch die aus der Reserve bzw. Inaktivität eingezogenen Oberleutnants

Hermann, v. Lindequist sowie der Chef des Pferdedepots, Leutnant a. D.

v. Zieten, nicht beheben können. Der beurlaubte und bereits unterwegs

befindliche Oberleutnant Schwabe wurde zurückgerufen, ihm jetzt der so

wichtig gewordene Platz Okahandja übertragen, und dessen bisheriger

Stationschef, Leutnant Schmidt, der Feldtruppe zugeteilt. Das Kommando

in Swakopmund übernahm der Leutnant ~à l. s.~ Troost.

Der behufs Entlassung der ausscheidenden Mannschaften in Swakopmund

befindliche stellvertretende Truppenkommandeur Major Mueller erhielt

den Auftrag, aus den wieder zurückbeorderten Entlassungs- und den

demnächst zu erwartenden Ersatzmannschaften eine Reserve-Feldtruppe zu

bilden und mit dieser den Rücken der vor dem Feinde stehenden Truppe

gegen etwaige aufsässige Elemente im Hererolande zu decken. Major

Mueller entledigte sich dieser Aufgabe in sachgemäßer Weise dadurch,

daß er nach Omaruru Verstärkung sandte und seine Abteilung, in zwei

Kompagnien formiert, um und in der Nähe von Okahandja zusammenzog.

Seine Truppeneinteilung war:

4. Feldkompagnie: Oberleutnant d. R. Schmidt (Zolldirektor), Leutnant

Graf v. Kageneck.

5. Feldkompagnie: Leutnant v. Zülow, dazu Stabsarzt ~Dr.~ Sobotta.

Der letztere sowie die Leutnants Graf v. Kageneck und v. Zülow waren

mit dem Ersatztransport aus Deutschland eingetroffen. Wie wir sehen,

war die Truppe des Majors Mueller auch nicht reichlich mit Offizieren

ausgestattet. Einen Adjutanten hatte, aus Offiziersmangel, weder der

Major Mueller noch ich. Etwas ausgeglichen wurde dieser Mangel durch

die besonders tapfere Haltung von zwei Offizieren, der Leutnants Helm

und Eggers. Obwohl in den bisherigen beiden Gefechten verwundet,

schlossen sie sich den weiteren Operationen, auf dem Ochsenwagen

fahrend, an und machten noch das Gefecht von Otjunda mit. In diesem

wurden sie beide abermals verwundet, aber diesmal so schwer, daß sie

für längere Zeit dienstunbrauchbar blieben, Leutnant Eggers sogar

bereits aufgegeben war.

Unter unseren verbündeten Eingeborenen war in Gobabis auch der

Kapitän der einst so mächtigen roten Nation, Manasse, von Hoachanas

eingetroffen, um wenigstens seinen guten Willen zu zeigen. Er hatte

ganze 12 Reiter zusammengebracht. Bei dem Austausch von Erinnerungen in

einer in Gobabis abgehaltenen Versammlung ergab sich, daß alle jetzt

unter deutscher Führung geeinigten Stämme, nämlich Witboois, rote

Nation und Hereros, vor nicht allzulanger Frist aufeinander geschossen

hatten, und daß die meisten noch Andenken aus jenen Zeiten mit sich

herumtrugen. So war Witbooi im Kampfe mit der roten Nation der Daumen

der rechten Hand abgeschossen worden; sein Unterfeldherr, Samuel Isaak,

trug zwei Kugeln mit sich herum, eine gleichfalls von der roten Nation,

eine von den Hereros; der Oberhäuptling Samuel hatte eine Witbooikugel

zu quittieren, der Unterhäuptling Kajata gar deren fünf. Dazu kam

später noch unser Kampf mit den Witboois, aus dem der mitanwesende

Hauptmann v. Estorff gleichfalls eine Kugel aufzuweisen hatte.

[Illustration: Lagerszene bei Gobabis 1896.]

Bei der in dieser Zusammenkunft stattgehabten Besprechung zeigte

der Oberhäuptling, der sich noch nie durch Tapferkeit ausgezeichnet

hatte, eine gedrückte Stimmung. Um so energischer trat dagegen der

alte Kajata auf. Auf meine Anfrage, ob nicht einer der Hereros

lieber umkehren wollte, als vielleicht mit Unlust auf seine eigenen

Landsleute schießen, stand Kajata auf und erklärte: »Kahimema ist mein

nächster Verwandter, aber ich schieße auf ihn, denn er hat unrecht.«

Diese Worte schlugen auch bei den anderen anwesenden Hereros durch;

keiner wollte zurück, sogar der Oberhäuptling wurde wieder munterer

und stimmte für energische Bestrafung der Schuldigen. Der Halbbruder

von Nikodemus, Assa Riarua, erbot sich, zu diesem zu reiten und ihn

zur freiwilligen Gestellung zu bewegen. Selbstverständlich stimmte

ich unter dem Versprechen gerechter Bestrafung zu. Nachdem Tags

darauf noch eine große Parade über die ganze Truppe, einschließlich

Hilfsvölker, abgehalten worden war, wurde am Abend des 2. Mai der

Abmarsch angetreten. Die in Afrika schwierigste Seite der Kriegführung,

d. i. das Auffinden des Feindes in dem weiten Lande, hatte trotz aller

ausgesandten Spione und Kundschafter noch nicht völlig gelöst werden

können. Bekannt war nur, daß der Rückzug des Gegners in nördlicher

Richtung stattgefunden hatte, sowie ferner, daß Nikodemus und Kahimema

sich im Unmut getrennt hatten und daß die Khauas-Hottentotten bei

letzterem geblieben waren. Der Vormarsch wurde daher aufs Geratewohl

in nördlicher Richtung nach Owingi angetreten, einem Platz mit viel

Wasser, bei dem die verbündeten Hereros den Feind vermuteten. Als

nächster Gegner galt Kahimema, weil nach der erfolgten Trennung

der Verbündeten er sowohl an sich wie auch infolge Anwesenheit der

Khauas-Hottentotten der Mächtigere war. Der Befehl für den Vormarsch

lautete:

Gobabis, den 29. April 1896.

_Operationsbefehl._

1. Der Feind hat sich anscheinend getrennt. Kahimema soll sich bei

Owingi, Nikodemus nordwestlich davon, in der Nähe von Tjetjo, befinden,

bei ersterem auch die Khauas-Hottentotten.

2. Ich werde mich zunächst gegen Kahimema wenden.

3. Truppeneinteilung.

1. _Avantgarde._

Hauptmann v. Perbandt, 3. Kompagnie, 1 Abteilung Hereros.

2. _Gros._

Rest der Abteilung von Estorff, 1 Abteilung Hereros,

Artillerie-Abteilung.

3. _Train._

1. Staffel: 2 Karren, 1 Munitionswagen; 2. Staffel: Vizefeldwebel

Vahlkamp 6 Wagen.

4. Den Abmarsch der Avantgarde werde ich noch bestimmen.

Das Gros folgt auf etwa 1 ~km~. Die beiden Trainstaffeln schließen so

nahe als möglich auf.

5. Drei Proviantwagen bleiben gepackt und jederzeit zum Abmarsch bereit

in Gobabis.

6. Ich werde zunächst an der Spitze des Gros, später bei der Avantgarde

reiten.

gez. Leutwein.

[Illustration: Ein See im Osthererolande.]

Gleich am ersten Marschtage zeigte sich der Wert eingeborener

Bundesgenossen. Die als erstes Ziel in Aussicht genommene Wasserstelle

war nahezu ausgetrocknet. Somit stand der Truppe gleich ein Dursttag

bevor. Einer der verbündeten Hereros führte sie jedoch seitwärts nach

einem stattlichen, uns damals noch unbekannten See. Ähnlich ging es den

ganzen Feldzug. Die 400 Köpfe starke Abteilung hatte auch nicht ein

einziges Mal Mangel an Wasser und Weide zu verzeichnen. Auch von einem

Abschießen von Spitzen und Patrouillen, unter dem eine weiße Truppe in

Südwestafrika sonst sehr zu leiden hat, blieben wir verschont. Denn

nur Eingeborene, höchstens unter weißer Führung, wurden zu solchem

Zweck verwendet.[22] Und Eingeborene sind vermöge ihrer guten Augen vor

Überraschungen geschützt. Auch das Auffinden des Gegners erledigte sich

mit ihrer Hilfe glatt.

Das zunächst als Marschziel bezeichnete Owingi wurde am Morgen des

5. Mai erreicht und vom Gegner verlassen gefunden. Daß dieser den

Platz einige Zeit besetzt gehabt hatte, war aber noch zu erkennen.

Nach kurzer Ruhe wurde eine Hereropatrouille auf seine Spuren gesetzt.

Nun äußerte Witbooi mir gegenüber den Verdacht, daß die Hereros aus

landsmannschaftlichen Rücksichten ein falsches Spiel spielten, und

bat, selbst eine Patrouille schicken zu dürfen. Das geschah, regte

aber wiederum die Eifersucht der Hereros an, die schleunigst als Erste

losritten. So erlebten wir das Schauspiel, daß zwei Patrouillen 18

Stunden lang hintereinander herjagten, wobei die Hereros sich bemühten,

stets die Spitze zu behalten. Bei Ruhepausen sattelten sie immer wieder

auf, sobald sie hinter sich die Witboois am Horizont auftauchen sahen,

so daß schließlich doch sie die Entdecker des Feindes wurden. Ihr

Führer war allerdings auch der energische Kajata.

Am Abend des 5. Mai lagerte die Truppe am Epukiro, als von der

Hereropatrouille die bestimmte Nachricht zurückkam, der Feind hätte

bei der Wasserstelle Otjunda, 10 ~km~ weiter, Halt gemacht, und zwar

in zwei getrennten Werften, die Wasserstelle in der Mitte. Nun wurde

der Abmarsch für den andern Morgen derart angesetzt, daß die Truppe mit

Tagesanbruch vor der feindlichen Stellung anlangen mußte. Unterwegs

trafen wir auf den alten Kajata, der in der Nähe der feindlichen Werft

ganz allein an einem verdeckten Feuer saß. Auf meine Frage, zu welchem

Zweck er hiergeblieben sei, sagte er, er habe beobachten wollen, ob

nicht etwa der Feind heimlich abmarschiere. Was unsern Kriegsschülern

im Taktikunterricht gelehrt wird, nämlich, daß die einmal gewonnene

Fühlung mit dem Feinde nicht wieder aufgegeben werden dürfe, das hatte

hier ein einfacher Naturkrieger mit seinem gesunden Menschenverstand

von selbst herausgefunden. In der Nähe der Werft ließ ich die fechtende

Truppe, 350 Reiter stark, aufmarschieren, rechts und links die

Reiter, Artillerie in der Mitte, einige Plänkler vor der Front. Auch

seitens der Eingeborenen wurde der Weitermarsch in dieser Form in

lobenswerter Ordnung ausgeführt. Nur war es schwierig, die Hereros in

der erforderlichen Stille zu halten.

_Gefechtsaufmarsch._

========== Φ Φ Φ ========== ==========

3. Kompagnie Artillerie 2. Kompagnie 1. Kompagnie

======= ========

Hereros Witboois

Wie sich aus vorstehender Skizze ergibt, befanden sich die eingeborenen

Bundesgenossen auf den Flügeln. Einerseits sollten sie diese sichern,

anderseits die Flanken der feindlichen Stellung fassen. Direkt stürmen

sollten nur die drei Feldkompagnien. Die räumliche Trennung des

Feindes in zwei Werften mußte auch zu einem räumlich getrennten Gefecht

führen. Die 3. Feldkompagnie und die Hereros nebst zwei Geschützen

wandten sich gegen die rechte, die 1., 2. Feldkompagnie, die Witboois

und ein Geschütz gegen die linke Flügelwerft des Feindes. Den Befehl

über die letztgenannte Kolonne übertrug ich dem Hauptmann v. Estorff,

denjenigen über die erstere behielt ich selbst. Wie sich später ergab,

befanden sich in der rechten Flügelwerft der Hererounterkapitän

Kahikaeta, in der linken Kahimema und die Khauas-Hottentotten. Beide

Werften waren mit Verteidigungsverhauen umgeben.

[Illustration: Plan zum Gefecht bei Otjunda-Sturmfeld am 6. Mai 1896.]

Der Gegner schien Sicherheitsmaßnahmen nur in seiner nächsten Nähe

getroffen zu haben, da die Truppe bereits dicht am Verhau war, als

der erste Schuß fiel. Indessen raffte er sich rasch wieder auf und

hielt sich bis zum Schluß des Gefechtes recht tapfer. Die diesseitigen

Hereros kamen in dem Busch zu weit rechts, stießen infolgedessen

nicht, wie beabsichtigt, auf die Flanke, sondern auf die Front des

Feindes und hatten in kurzer Zeit einen Toten und 5 Verwundete. Dies

war mehr, als sie ertragen konnten. Sie zogen sich hinter unsere Front

zurück und kamen von da während des Gefechtes auch nicht wieder zum

Vorschein, mit Ausnahme eines kleinen Teiles unter Kajata, der noch

tapfer den letzten Sturm mitmachte. Als bald nach Beginn des Angriffes

die beiden Geschütze auf meinen Befehl dicht hinter der Schützenlinie

der 3. Feldkompagnie erschienen, wurde sofort eine Abschwächung des

feindlichen Feuers bemerkbar. Doch hielten die Verteidiger der Werft

bis zum letzten Angriff stand, der etwa um 8 Uhr vormittags stattfand.

Rasch wurde nach gelungenem Sturm durch die Werft durchgestoßen und vom

jenseitigen Rand der flüchtende Gegner mit Schnellfeuer verfolgt.

Auf dem andern Flügel geriet zuerst die 2. Kompagnie an der

Wasserstelle mit den Khauas-Hottentotten zusammen, die, weil selbst

noch nicht angegriffen, nach dem Fallen der ersten Schüsse der Werft

des Kahikaeta hatten zu Hilfe kommen wollen. Hätte ich durch die

Patrouillenmeldungen keine Kenntnis von der Aufstellung des Feindes

in zwei Werften gehabt, so würde sich naturgemäß die Truppe mit allen

Kräften gegen die zuerst entdeckte Werft gewendet und so ihren Rücken

der andern preisgegeben haben. Mit diesem bei dem dichten Gebüsch

Erfolg versprechenden Plan hatte der Gegner auch anscheinend gerechnet

und hatten die Khauas mit dessen Ausführung begonnen. So aber wurden

letztere noch rechtzeitig von der 2. Kompagnie gefaßt, während sich

der in seiner Werft zurückgebliebene Kahimema bald in ein Gefecht mit

der 1. Feldkompagnie verwickelt sah. Die Khauas zogen sich zurück,

die 2. Kompagnie wurde zur 1. herangezogen und nun nach einem kurzen

Feuergefecht, bei dem das Geschütz ebenfalls in der Schützenlinie

mitgewirkt hatte, in einem zweimaligen Anlauf die Werft erstürmt. Auf

diesem Flügel hatten die eingeborenen Bundesgenossen (Witboois) richtig

Rücken und Flanke des Gegners gewonnen und unter dem flüchtenden Feinde

viel Schaden angerichtet.

Das damit beendete Gefecht hatte uns einen Verlust von 6 Toten und

11 Verwundeten gebracht, letztere bei der kurzen Entfernung zwischen

den Gegnern durchweg schwer. Unter den Toten befand sich der Leutnant

Schmidt, unter den Schwerverwundeten die Leutnants Helm und Eggers. Zu

diesem Verluste kamen dann noch der Tote und die fünf Verwundeten auf

seiten unserer verbündeten Hereros. Die Witboois hatten keine Verluste.

Eine aufmerksame Verfolgung des Gefechtsverlaufs läßt die geringe

Tapferkeit auf seiten unserer Hereros gegenüber den auf feindlicher

Seite kämpfenden auffällig hervortreten. Die letzteren verteidigten

eben ihr Dasein, vor allem ihre Viehherden, während die ersteren für

eine fremde Sache fochten. Nach beendigtem Kriege habe ich daher

Gelegenheit genommen, in einer Umlaufsverfügung allgemein auf diesen

Unterschied hinzuweisen, um nicht eine Unterschätzung eines etwaigen

künftigen Gegners aufkommen zu lassen. (Siehe Kapitel ~XI~.) Eine

solche ist aber mit der Zeit doch eingetreten.

[Illustration: Zusammengeschossener Pontok bei Otjunda-Sturmfeld.]

Die Ausbeute des Sieges war groß. Sie bestand in einer Menge Gewehre,

6 Wagen, 3000 Stück Vieh und zahlreichen Gefangenen, aber diese meist

Weiber und Kinder. Vom Gegner wurden 40 Tote gefunden, darunter ein

Bruder und zwei Söhne Kahimemas und drei Söhne Kahikaetas. Nur die

Verluste von Großleuten zählen bei den Eingeborenen mit, kleine Leute

werden nicht gerechnet. Von unseren Hereros hatten mehrere unter den

feindlichen Toten Verwandte entdeckt, einer sogar seinen Bruder. Dies

in Verbindung mit den eigenen Verlusten erregte unter ihnen für einige

Tage eine trübe Stimmung, die aber auf gutes Zureden wieder wich.

[Illustration: Begräbnis-Feierlichkeit nach dem Gefecht von

Otjunda-Sturmfeld 1896.]

Jetzt trat von neuem die Lösung der in Afrika immer schwierigen Frage

nach dem Verbleib des Gegners an uns heran. Seine Spuren liefen, wie

gewöhnlich, nach allen Seiten auseinander, während auf die besten

Merkzeichen, nämlich Wagenspuren, nicht mehr zu rechnen war, da seine

sämtlichen Wagen in unsere Hände gefallen waren.

Es begann nun beim Aufsuchen des Feindes in bezug auf die beste

Erkundungsart eine Art Wettbewerb. Der unermüdliche Hauptmann v.

Estorff machte zweimal den Versuch mit einer größeren Patrouille und

konnte immer nur die Meldung zurückbringen, daß die und die Gegend

vom Feinde frei sei, nur einmal unter dem Hinzufügen, die Spuren

deuteten auf eine Flucht nach Rietfontein. Ich selbst hielt mit dem

Rest der Truppe die Wasserstelle Otjunda fest und versuchte es wieder

mit meinem aus dem Witbooikriege bewährten Mittel. Ein gefangener

Khauas-Hottentott wurde mit einem Brief, in dem jedem, der die Waffen

abgeben würde, Begnadigung zugesichert war, an seine Stammesgenossen

gesendet. Vorher wurde dem Boten noch der Kapitän Witbooi vorgestellt,

damit er im feindlichen Lager dessen Anwesenheit bestätigen könne. Bis

zum letzten Augenblick hatten nämlich weder Hereros noch Khauas an sie

glauben wollen.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 8 / 50 段