Am 15. August fand der Abmarsch von Waterberg in der Richtung auf

Grootfontein statt, Eintreffen an dem letzteren Platz am 21. Die Minen-

und zum Teil auch die Landrechte in dem herrenlosen Gebiet zwischen

Herero- und Ovamboland sind einer englisch-deutschen Gesellschaft, der

South-West-Africa Co., überlassen, deren damaliger rühriger Vertreter,

~Dr.~ Hartmann, seinen Sitz in Grootfontein aufgeschlagen hatte. Dort

lernte ich auch zum erstenmal eine geschlossene Burenniederlassung

kennen, die ~Dr.~ Hartmann mit 25 Familien gegründet hatte. Diese waren

der Teil eines »Treks« von 200 Familien, Auswanderern aus Transvaal,

die über Rietfontein (nördlich) an der Grenze des Hererolandes entlang

nach Grootfontein gekommen waren und sich von da zum größten Teil nach

dem portugiesischen Gebiet gewendet hatten. ~Dr.~ Hartmann hatte so aus

dem vorher öden Grootfontein ein freundliches Burendorf geschaffen.

Indessen waren es, wie sich später ergab, nur sein Einfluß und seine

Tätigkeit, welche die Buren hier zusammenhielten. Mit ihm verschwand im

Jahre 1897 auch die Burenniederlassung.

[Illustration:

⋁ ⋁ ⋁

~Dr.~ Hartmann Leutwein Samuel Maharero

Vertragsschließung mit Oberhäuptling Samuel in Grootfontein 1895.]

Für jetzt erschöpften sich die Buren in Loyalität. Sie verpflichteten

sich, deutsche Untertanen zu werden und sogar die Wehrpflicht über sich

ergehen zu lassen. Das Wichtigste aber war, daß in Grootfontein

auch ein Vertrag mit dem Oberhäuptling über die Nordgrenze des

Hererolandes zustande kam. Der miterschienene Vertreter Kambazembis,

sein ältester Sohn Kanjunga, bequemte sich nach einigen Einwendungen

gleichfalls zur Unterschrift. Zwar banden die Untertanen des

Oberhäuptlings zunächst sich hier so wenig wie an der Südgrenze an

diese Abmachung. Wenigstens hatten wir unsern Schein und konnten ihn

in Wirksamkeit treten lassen, sobald es erforderlich wurde. Vorläufig

war dies nicht dringlich, da es außer den Buren in Grootfontein

weiße Ansiedler in dieser Gegend damals noch nicht gab. Nördlich

Grootfontein, an dem wasserreichen Platz Gaub, hatte sich noch eine

Anzahl Kaffern und Buschmänner zu einer Werft zusammengetan und sich in

einem Hererobastard namens Krüger ein Oberhaupt gegeben, das in seiner

Würde bestätigt wurde. Da Gaub gleichfalls im Gesellschaftsgebiete

lag, nahm sich ~Dr.~ Hartmann auch dieses Platzes an und unterstützte

namentlich die Rheinische Mission, die dort eine Station errichtet

hatte (Missionar Kremer).

[Illustration: Parade in Grootfontein am 27. August 1895.]

Den Rest des Aufenthalts in Grootfontein benutzte ich zu einer

vierzehntägigen Rundfahrt in die Umgegend. Ich fand viel Wasser,

Palmen, Ackerboden, in Tsumeb reiche Erzlager und, was nicht das

Schlechteste war, keine Hereros. Letztere hatten aus Furcht vor den

viehstehlenden Buschmännern und wohl auch vor den Ovambos nie so

weit vorzudringen gewagt. Auch diese Fahrt fand in Begleitung des

Gesellschaftsvertreters, ~Dr.~ Hartmann, statt.

Am 6. September erfolgte der Abmarsch von Grootfontein in der

Richtung auf Outjo. Der Weg führte über Otavi, wo die Besichtigung

der dortigen Kupferminen stattfand. An ihr beteiligte sich auch der

Oberhäuptling mit Staunen. Er bewies seine körperliche Gewandtheit,

indem er hier vom Pferd aus einen flüchtenden Schakal lebend fing.

Bei Otavifontein bewunderten wir die starke Quelle. Doch mußte leider

aus ihrer Versumpfung, wie aus dem abgeweideten Grasfeld auf die

vorher stattgehabte Anwesenheit von Hereros geschlossen werden. In

Naidaos stellte sich ein Buschmannsvormann namens Aribib vor, der,

ähnlich wie Krüger im Osten als Kapitän der Buschmänner des Westens

anerkannt wurde. Damit war die Hoffnung gegeben, diese flüchtigen und

scheuen Menschen wenigstens einigermaßen in der Hand zu behalten. In

Okateveni, kurz vor Outjo, das natürlich auch von Hereros besetzt war,

wurde dem Platzkapitän seitens des Oberhäuptlings in meiner Gegenwart

auseinandergesetzt, daß er mit Rücksicht auf die neuabgeschlossene

Grenze in der nächsten Regenperiode den Platz zu räumen habe. Am 16.

fand dann der Einzug in Outjo statt.

[Illustration: Partie aus der Umgegend von Grootfontein.]

Die Haupttätigkeit während des fünftägigen Aufenthaltes in Outjo

bestand in der Regelung der Verhältnisse der beiden nach dem Kaokofelde

verschlagenen Stämme der Swartboois und der Topnaars. Von beiden

Stämmen hatten sich die Kapitäne mit Großleuten eingefunden. Der

seitens des Assessors v. Lindequist mit den zu diesem Zweck nach

Windhuk gekommenen Swartboois 1894 abgeschlossene Schutzvertrag wurde

auch von den Topnaars angenommen. Bei den Swartboois wurde dann noch

ein Streit um die Kapitänswürde zwischen zwei Vettern durch Bestätigung

des legitimen Erben, David Swartbooi, erledigt. Doch spielte zwei

Jahre später, wie wir noch sehen werden, dieser Zwiespalt in der

Geschichte des Stammes abermals seine Rolle.

In Outjo erhielten wir die ersten Nachrichten aus Windhuk. Sie meldeten

wiederum fortgesetztes Überschreiten der Grenze seitens der Hereros

und, dadurch hervorgerufen, Zwistigkeiten mit den weißen Farmern. Jetzt

redete ich ein ernstes Wort mit Samuel und stellte ihm die Anwendung

von Waffengewalt gegen seine unbotmäßigen Leute in Aussicht. Aber nicht

ihm, dem Oberhäuptling und seinen loyalen Untertanen, solle sie gelten,

sondern lediglich den ersteren. Samuel stimmte zu und versicherte mir

erneut seine unverbrüchliche persönliche Treue. In Windhuk hatte sich

der als Militärbefehlshaber dort zurückgebliebene Hauptmann v. Sack

bemüht, die Hereros tunlichst zurückzudrängen, und marschierte später

zu dem gleichen Zweck nach Gobabis, wo er sich bei Rückkehr der Truppe

nach Windhuk noch befand.

[Illustration: Buschmannkapitän Aribib mit Familie.]

Am 21. September fand der Abmarsch von Outjo statt, und am 26. der

Einzug in Omaruru. Unterwegs war noch mit zwei Werftkapitänen,

Katarrhe in Pallafontein und Kawaio in Ongombe, abzurechnen. Der

erstere hatte sich durch ungehöriges Auftreten gegen Weiße, der

letztere durch Verweigerung des Wassers an die Truppe unliebsam

bemerkbar gemacht. Kawaio entschuldigte sich und versprach Besserung.

Katarrhe dagegen war geflüchtet und konnte erst ein Jahr später zur

Rechenschaft gezogen werden. Eine fernere interessante Bekanntschaft

war diejenige mit dem durch seine Fettleibigkeit bekannten

Unterhäuptling Mbandjo, 3⅓ Ztr. schwer. »Meine Beine sind in

Omaruru«, sagte er einst zu dem Distriktschef Oberleutnant Volkmann,

und meinte damit seinen Ochsenwagen. Jedenfalls war er vermöge

seiner Schwerfälligkeit der friedliebendste aller Hererogroßen. Dem

allgemeinen Aufstand 1904 hat er sich freilich auch nicht entziehen

können, es wird ihm indessen dabei recht schlecht gegangen sein. Für

jetzt wurde der alte Herr als eine Merkwürdigkeit photographiert und

ging so in zahlreichen Ansichtspostkarten nach der Heimat.

[Illustration:

⋁ ⋁

David Swartbooi Leutwein

Verhandlung mit den Swartboois und Topnaars September 1895.]

Die Bevölkerung von Omaruru zeigte sich bei dem diesmaligen Einzug wie

umgewandelt, überall deutsche Flaggen und freundliche Gesichter. Im

übrigen waren wichtige politische Fragen, nachdem seit meinem letzten

Besuche bei dem Häuptling Manasse noch nicht ein Jahr verflossen

war, nicht zu erledigen. Dagegen trieb es mich, unser neugewonnenes

Kaffernreservat Okombahe zu besuchen. Am 1. Oktober ging ich dahin

ab. In einem zweitägigen Aufenthalt wurde alles Nötige geregelt, und

namentlich den wenigen noch anwesenden Hereros bedeutet, daß sie den

Platz zu räumen hätten. Von ihnen hatte sich der bisherige Werftkapitän

Daniel Kariko, der sich in die Abtretung des Platzes nicht ohne

weiteres hatte finden wollen, durch unberechtigtes Auftreten bemerkbar

gemacht. Für jetzt wurde er verwarnt, ein Jahr später jedoch ins

Gefängnis gesetzt, da er sich nicht besserte. Die Bergdamaras zeigten

sich dagegen für die Befreiung vom Joch der Hereros äußerst dankbar.

[Illustration:

⋁ ⋁ ⋁

Leutwein Mbandjo Samuel Maharero

Verhandlung mit Mbandjo 1895.]

Am 3. Oktober ritt ich über den malerischen Platz Ameib und die schöne

Farm Spitzkoppjes -- beide damals noch leer -- nach Karibib, wohin die

Truppe direkt marschiert war. Auch dort, wo heute ein betriebsames

Städtchen mit Eisenbahnstation sich befindet, stand noch kein einziges

Haus. Am 8. Oktober erfolgte das Eintreffen in Otjimbingwe, wo an

politischen Fragen gleichfalls nicht viel zu regeln war. Der Häuptling

Zacharias war ein friedliebender ängstlicher Mann, mehr dem Alkohol

als den Staatsgeschäften zugetan. Von hier wurde der Oberhäuptling

nach Okahandja entlassen, während ich nach Windhuk zurückritt, wo ich

am 16. Oktober eintraf. Unterwegs konnte ich mich überzeugen, daß

der Distriktschef von Otjimbingwe, Oberleutnant Held, sich an die

Verbesserung des Bayweges gemacht und bereits ein schönes Ergebnis

erzielt hatte.

Zuspitzung der Grenzverhältnisse bei den Hereros bis zum Aufstande 1896.

Mit dem nunmehr zum Abschluß gebrachten Zug durch das Hereroland

hatte eine tatsächliche Besitzergreifung des nördlichen Teils durch

Stationsgründung nicht verbunden werden können. Bei der Schwäche der

Truppe hätte dies zur Zersplitterung geführt. Zunächst ging daher der

Antrag auf eine Erhöhung der Etatsstärke der Truppe nach Berlin (100

Reiter, 4 Geschütze). Dieser Antrag wurde, wie ich vorgreifend bemerken

will, anfangs abgelehnt, aber nach dem tatsächlich ausgebrochenen

Hereroaufstand 1896 mit einer Erhöhung bis auf 400 Köpfe bewilligt. Daß

die Grenzfrage mit den Hereros nicht friedlich zu lösen war, trat im

übrigen immer mehr zutage. Um so wichtiger erschien die Besetzung des

Landes zwischen den Hereros und den Ovambos, um die zu fortgesetzten

Munitionsschmuggeleien führende Verbindung zwischen beiden Stämmen zu

unterbrechen.

Zur Bekämpfung des _ganzen_ Volkes der Hereros erschien indessen auch

bei seiner größten Unterschätzung, wie sie schon damals üblich war

und bekanntlich zum Teil bis 1904 vorgehalten hat, eine Verstärkung

der Truppe nicht um Hunderte, sondern um Tausende erforderlich. Und

diese ohne Eisenbahn, lediglich durch Ochsenwagen zu ernähren, war

ausgeschlossen. Es blieb daher nur übrig, die unter den Hereros

vorhandenen Interessengegensätze auch ferner zur Ausspielung des einen

Stammes gegen den andern auszunutzen.

Die größte Schwierigkeit war hierbei, daß der für uns als Verbündeter

in erster Linie in Betracht kommende Hererostamm von Okahandja

auch zugleich derjenige war, dessen Grenzüberschreitungen uns die

meisten Belästigungen brachten. Trafen diese doch die Gegend von

Windhuk, mithin die am meisten besiedelte. Jedoch zeigte sich dieser

Schwierigkeit gegenüber der Wert der Freundschaft des Oberhäuptlings.

Mit ihm wurde jetzt ein Vertrag abgeschlossen, nach dem wir das Recht

hatten, sämtliche die Grenze überschreitenden Viehherden der Hereros

zu pfänden. Das gepfändete Vieh sollte dann versteigert und der Erlös

zwischen der deutschen Regierung und dem Oberhäuptling geteilt werden.

Während sonst das Wegnehmen von Vieh bei den Eingeborenen einen

zweifellosen Kriegsfall darstellt, hatten wir durch den erwähnten

Vertrag das legitime Recht dazu erhalten. Von diesem Recht wurde

Anfang 1896 erstmals Gebrauch gemacht und bei einer von Major Mueller

geleiteten Razzia die in Heusis und Harris sitzenden Hereroviehherden

-- mehrere tausend Stück -- weggenommen. Jetzt erst schienen die

Hereros sich über die Tragweite des Vertrages klar zu werden. Aufregung

und Kriegslust verbreiteten sich durch das ganze Gebiet. Die im Innern

des Landes befindlichen weißen Händler wurden bedroht und mußten sich

eiligst zurückziehen. Als charakteristisch will ich hier noch erwähnen,

daß der Sohn und der Neffe des Oberhäuptlings -- beide waren ein Jahr

später auf der Kolonial-Ausstellung in Deutschland --, die damals in

Windhuk freiwilligen Dienst bei der Truppe taten, bei der Nachricht von

dem Wegnehmen des Viehes in Tränen ausbrachen und um ihre sofortige

Entlassung baten.

[Illustration: Mbandjo.]

Die Kriegslust flaute jedoch indessen am Platze Okahandja selbst wieder

ab, als einige Tage später vertragsgemäß die Hälfte des Erlöses aus der

Versteigerung des gepfändeten Viehes bei dem Oberhäuptling eintraf,

als Zeichen, daß die deutsche Regierung lediglich in Ausübung ihrer

Vertragsrechte gehandelt habe und sich auch ihrer Pflichten aus dem

Vertrage bewußt gewesen sei. Jedoch außerhalb Okahandjas gingen die

Kriegswogen im Hererolande zunächst noch hoch, so daß sich hiervon

schließlich auch die Weißen anstecken ließen, und zwar Privatleute

ebensogut wie Angehörige der Regierung. Namentlich bei einem Teil der

Offiziere machte sich eine mit Unterschätzung des Gegners verbundene

Kriegslust bemerkbar.

Auf beiden Seiten waren es daher nur die Regierungen, die vorläufig

die Fahne des Friedens hochhielten. Um der weißen Bevölkerung über

die angesichts der beiderseitigen Machtverhältnisse ernste Lage die

Augen zu öffnen, hielt ich am 20. Januar 1896 eine zahlreich besuchte

öffentliche Versammlung ab, in der im allgemeinen noch die friedliche

Stimmung zum Durchbruch kam. Am gleichen Tage ritt ich mit 30 Reitern

nach Okahandja, wo ich am 21. eintraf. Die Hereroregierung zeigte

nunmehr auch ihrerseits friedliche Gesinnung, indem etwa 30 Großleute,

an ihrer Spitze der Oberhäuptling, sämtlich mit deutschen Fahnen

versehen, der Truppe entgegenritten. Auch zahlreiche auswärts wohnende

Großleute, darunter Nikodemus und Kahimema, waren erschienen. Als Haupt

der Oppositionspartei zeigte sich jetzt wieder der alte Riarua, der

anscheinend die schwierige Lage des Oberhäuptlings benutzen wollte,

um im Trüben zu fischen. Bei der am 22. vormittags stattfindenden

Versammlung der Hererogroßleute wurde daher Riarua, der sich als

Oberhaupt der ganzen Hereros aufspielen wollte, in seine Schranken

zurückgewiesen; ihnen selbst aber wurden zwei Fragen vorgelegt:

1. Welche Grenze sie wünschten.

2. Welche Strafe auf deren Überschreiten gesetzt werden sollte.

Begründet wurden beide Fragen mit der andernfalls drohenden

Kriegsgefahr. Und einen Krieg mit uns sollten die Hereros sich anders

als einen Hottentottenkrieg vorstellen. Ein solcher könnte nur mit

Vernichtung der einen Partei endigen, und diese Partei könnten nur die

Hereros sein. Noch heute ist mir erinnerlich, wie nach diesen Worten

bei den Hereros diejenige nachdenkliche Stille eintrat, von der man

sagt, man »könne eine Stecknadel fallen hören«.

Die Hereros faßten denn auch die Sache gebührend ernst auf und berieten

unter Vorsitz des Oberhäuptlings mit einer kurzen Unterbrechung 24

Stunden lang über die Beantwortung der gestellten Fragen. Als Ergebnis

brachten sie durch den Mund des Oberhäuptlings am nächsten Tage vor:

1. Als Grenze möge ihnen der Seeisfluß, dessen salzhaltiges Wasser für

ihre Viehherden unentbehrlich sei, belassen werden.

2. Die Strafe für Grenzüberschreitungen sollten auch ferner der

Oberhäuptling und ich bestimmen.

In bezug auf Punkt 2 verblieb es mithin beim alten, in bezug auf Punkt

1 handelte es sich um eine stellenweise Verschiebung der Südgrenze des

Hererolandes um etwa 8 ~km~. Da der Vorteil dieser Grenzverschiebung

indes nur den Westhereros, d. i. dem Stamm von Okahandja, zugute kommen

mußte, kam Nikodemus gleichzeitig für die Osthereros auf die Forderung

von Gobabis zurück. Nun war die schönste Gelegenheit gegeben, das

»~divide et impera~« in Kraft zu setzen. Dem Stamm von Okahandja wurde

sein Wunsch bewilligt, Nikodemus aber der seine rundweg abgeschlagen.

Der letztere schritt infolgedessen drei Monate später zum Aufstand,

wogegen die Okahandja-Hereros auf unserer Seite geblieben sind.

Das den Okahandja-Hereros bewilligte Zugeständnis wurde überdies

dadurch eingeschränkt, daß es in keiner schriftlichen Vereinbarung

niedergelegt worden ist. Ich erklärte den Hereros, daß dieses

Zugeständnis nur vorläufig gelte und ich mir seine jederzeitige

Zurücknahme vorbehielte, falls sie diese Grenze wieder nicht

beachteten. Der bald darauf ausbrechende Aufstand, in Verbindung mit

der ein Jahr später auftretenden Rinderpest, brachte es indessen mit

sich, daß diese Abmachung eine praktische Wirksamkeit nicht mehr

erhielt. Beide Ereignisse verminderten die Viehherden der Hereros

derart, daß sie nachher an Grenzüberschreitungen überhaupt nicht mehr

dachten.

Während so bei den Hereros die Kriegslust wieder beseitigt schien,

hatte sie sich jetzt umsomehr der Weißen bemächtigt. Dies trat auf

einer zweiten, am 3. Februar 1896 bei Windhuk abgehaltenen öffentlichen

Versammlung zutage. Ihr Ergebnis war eine Resolution, in der eine

Verstärkung der Schutztruppe um 2000 Mann beantragt wurde. Diese

Resolution ging nach Berlin mit dem Hinzufügen, daß allerdings einem

allgemeinen Aufstande der Hereros gegenüber die gegenwärtige Stärke der

Truppe nicht ausreiche. Indessen für die Regierung bildete nicht die

Verstärkung der Truppe die Hauptsorge, sondern die bereits berührte

Lösung der Proviantfrage. War doch bereits in gewöhnlichen Zeiten am

Ende der sogenannten Trockenperiode der Bayweg derart abgeweidet, daß

die Zufuhr von der Küste unterbunden war und in Windhuk die Bevölkerung

mit aus Regierungsbeständen ernährt werden mußte. Außerdem aber haben

wir 1904 die Erfahrung gemacht, daß auch 2000 Mann zur Bewältigung

eines allgemeinen Hereroaufstandes nicht genügt haben würden.

Vorläufig schleppte sich jedoch der Friede noch so hin. Am 3. Februar

erschien der Oberhäuptling wieder in Windhuk und sprach ernstlich

vom Schießen auf seine Leute, weil sie immer noch unbotmäßig seien.

Vom 4. ab fand dann seinerseits in Gemeinschaft mit dem Assessor v.

Lindequist das Abreiten des noch übrigen Stückes der Hererogrenze

zwischen dem oberen Nosob und Okapuka statt. Bald zogen sich auch

die Hereros hinter die neue Grenze zurück, so daß alles friedlich zu

endigen schien. Die Kapitäne des Schutzgebietes wetteiferten sogar, zu

der Mitte 1896 geplanten Kolonial-Ausstellung in Berlin ihre Vertreter

zu senden. Angenommen wurden der Sohn und der Neffe des Oberhäuptlings

nebst Dolmetscher, ein Neffe des Kapitäns Witbooi, ein Bastard und

-- ~last not least~ -- der Sohn des Unterhäuptlings Nikodemus. Den

letztgenannten Umstand glaube ich als Beweis auffassen zu sollen, daß

Nikodemus seinen Aufstand nicht von langer Hand geplant, sondern den

Entschluß hierzu erst infolge der abschlägigen Antwort in bezug auf

Gobabis gefaßt hat. Man kann daher füglich auch den Aufstand 1896 den

Abschluß des »Kampfes um die Grenze« nennen.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel ~III.~

Der Aufstand 1896.

Der Distriktschef von Gobabis, Leutnant Lampe, hatte schon längst eine

verdächtige Annäherung der Khauas-Hottentotten an den Unterhäuptling

Nikodemus wahrgenommen. Auf seine bezügliche Meldung war, wie bereits

erwähnt, während meiner Abwesenheit Hauptmann v. Sack mit der 2.

Kompagnie und einem Geschütz nach Gobabis marschiert. Nachdem die

Ruhe wiederhergestellt schien, wurde die Kompagnie nach Windhuk

zurückgezogen.

Da traf Ende März 1896 in Windhuk ein Bur mit der Meldung des Leutnants

Lampe ein, daß Gobabis und Aais seitens der Khauas-Hottentotten

belagert seien, Nikodemus scheine sich noch im Hintergrunde zu halten.

Der Augenblick war seitens der Aufständischen insofern für sie günstig

gewählt, als die nach Ablauf der Dienstzeit zur Entlassung kommenden

Mannschaften der Schutztruppe sich bereits auf dem Heimwege befanden

und ihr Ersatz noch nicht gelandet war. Glücklicherweise aber hatten

die Aufständischen doch insofern auch wieder zu früh losgeschlagen, als

die Entlassungsmannschaften noch nicht eingeschifft waren und daher

mit Eilboten zurückgerufen werden konnten. Und jetzt zeigte sich ein

recht guter Geist bei der Truppe. Angesichts der heimatlichen Schiffe

machten die Mannschaften in fröhlichster Stimmung Kehrt, einige erbaten

und erhielten sogar die Erlaubnis, vorauszureiten, um sicher noch an

den Feind zu kommen. Von diesen fiel einer bei Otjunda (Reiter Gräber),

ein zweiter wurde schwer verwundet. Der letztere, ein Unteroffizier,

hatte während des Witbooi-Krieges in einem Augenblick der Gefahr die

Überlegung verloren und so den Anschein des Mangels an Mut auf sich

geladen. Seine Stellung bei den Kameraden war infolgedessen derart

erschüttert, daß er um seine Entlassung nach der Heimat gebeten hatte.

Nunmehr hatte er die Gelegenheit, sich zu rehabilitieren, mit vollem

Erfolge benutzt. Seine Verwundung, Schuß in den Unterleib, war sehr

schwer, und er wird wohl sein Leben lang an ihr zu tragen haben.

Die wesentlichste Frage war jetzt, ob Nikodemus gleichfalls bei dem

Aufstande beteiligt sei. In diesem Falle mußten wir auch mit der

Feindschaft der mächtigen Riaruapartei in Okahandja rechnen. Um so

sicherer aber war uns der Oberhäuptling, dessen Stellung bei seinen

Anhängern infolge des erlangten Zugeständnisses in der Grenzfrage

wesentlich gestärkt war.

Zunächst marschierte, was in Windhuk verfügbar war, d. i. 50 Reiter

(1. Kompagnie) und ein Geschütz unter Hauptmann v. Estorff, nach

Gobabis ab. Da ich selbst bis zur Klärung der politischen Lage Windhuk

nicht verlassen konnte, schloß sich als mein politischer Vertreter

der Assessor v. Lindequist der Truppe an. Nachdem jedoch in der Folge

sich ergeben hatte, daß politisch nichts mehr zu machen sei, trat

Assessor v. Lindequist in seiner Eigenschaft als Reserveoffizier bei

der Truppe ein und machte auch als solcher mit Auszeichnung den Feldzug

mit. Den Leutnant Helm sandte ich nach Seeis, um die Gesinnung der in

dieser Gegend wohnenden Hereros zu sondieren, und den Oberleutnant

v. Perbandt zu dem gleichen Zweck nach Okahandja. Ich selbst zog an

alten Schutztruppenangehörigen ein, was noch militärpflichtig war

(Dispositionsurlauber) und was sich freiwillig meldete. So konnte ich

am 4. April mit weiteren 60 Mann als neuformierter 2. Kompagnie und

einem Geschütz folgen. Die 2. Kompagnie führte Leutnant Helm, nachdem

Hauptmann v. Sack schon vorher krankheitshalber auf Urlaub gegangen

war. Als Garnisonkommandant in Windhuk blieb Oberleutnant v. Perbandt

zurück. Der letztere stellte vor seinem Abreiten nach Okahandja die

Frage an mich, ob er als dritte Staffel nachmarschieren dürfe, wenn es

ihm gelänge, 60 Reiter zusammenzubringen. Dies bewilligte ich gern,

hatte aber keine Ahnung, woher die 60 Reiter kommen sollten. Und doch

brachte sie der Oberleutnant v. Perbandt zusammen und traf Ende April

mit einer neuformierten 3. Kompagnie in Gobabis ein.

Nunmehr folgten sich die Ereignisse Schlag auf Schlag. Leutnant Helm

hatte die bei Seeis wohnenden Unterhäuptlinge Mambo, Baratjo und

Kajata vollständig loyal gefunden. Dagegen war -- ein bedenkliches

Zeichen -- Kahimema mit seinem ganzen Stamm, anscheinend behufs

Vereinigung mit Nikodemus, nach dem Osten verschwunden. Oberleutnant

v. Perbandt traf in Okahandja bei Samuel und seinen direkten Anhängern

großes Entgegenkommen, bei dem alten Riarua und seiner Partei dagegen

schlecht verhüllte Feindschaft. Von einer etwaigen Teilnahme des

Unterhäuptlings Nikodemus an dem Aufstande war jedoch noch nichts

bekannt. Ganz Okahandja aber schielte nach Gibeon, gespannt, welche

Stellung der alte Witbooi einnehmen würde. Über diesen schwirrten

derartige Gerüchte umher, daß man sogar in Swakopmund die Spuren seiner

Leute feststellen zu können glaubte, und doch war der Kapitän bereits

auf dem Wege nach Gobabis, aber um auf unsere Seite zu treten.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 7 / 50 段