Besprechungen mit dem mittlerweile gleichfalls zurückgekehrten
Kapitän Witbooi über Stammesangelegenheiten, darunter auch die Frage
der Wiedereinrichtung einer Missionsstation. Einer solchen zeigte
sich der Kapitän wohl zugeneigt, obwohl die Mission selbst -- wie
sich später erwies, mit Unrecht -- seiner neuerwachten christlichen
Gesinnung nicht recht traute. Am schwierigsten zu lösen war indessen
die Ernährungsfrage. Der Stamm war total verarmt. Seine 3000 Menschen
ernährten sich damals lediglich von Harz und Feldfrüchten. Diese
hungernden Gestalten anzusehen war ein Jammer, in ihnen lag aber auch
eine Gefahr für die umwohnenden Viehbesitzer. Mittels Beschäftigung
der Leute beim Wege- und Stationsbau sowie mittels Überlassung von
Muttervieh auf halben Anteil wurde die Not einigermaßen gehoben.
Letztere Maßregel ist so zu verstehen, daß dem Nutznießer gegen die
Verpflichtung, das Vieh zu hüten, die Hälfte des Nachwuchses zufällt,
eine in Südwestafrika allgemein übliche Vereinbarung. Auf diese Weise
kann der Nutznießer allmählich wieder zu einer Viehherde kommen,
während der Besitzer ohne eigene Arbeit und ohne Kosten in der andern
Hälfte des Nachwuchses eine Verzinsung seines Kapitals findet.
In Keetmanshoop bestand damals zwischen Bevölkerung und Distriktschef
eine gewisse Mißstimmung. Die erstere, an der Spitze der Unterkapitän,
hatte zum Teil den Platz verlassen. Die Ursache war nicht minder
schwer zu ergründen, wie die Schuldfrage. Bei Eingeborenen kann auch
schon das harmloseste Tun und Reden Weißer Mißtrauen erregen. Doch
hatte der Distriktschef, Oberleutnant Bethe, als richtiger Mann am
richtigen Platz, an der Spitze von seinen wenigen Leuten durch tapferes
Eingreifen die drohende Empörung im Keime erstickt. Auf der andern
Seite hatte sich der Bezirksamtmann Duft bereits das Vertrauen der
Eingeborenen ausreichend genug erworben, um von deren größtem Teil die
Gewehre ausgeliefert zu erhalten. So blieb für mich nach meiner Ankunft
in Keetmanshoop nicht mehr viel zu tun übrig. Mit Unterstützung eines
Bevollmächtigten des Kapitäns Wilhelm Christian von den Bondelzwarts,
unter dessen Oberherrschaft, wie bereits erwähnt, Keetmanshoop
seinerzeit gekommen, konnte die Sache leicht wieder vollständig
eingerenkt werden.
Nunmehr erübrigte im Namalande nur noch der Besuch von Warmbad, des
Sitzes des Bondelzwartskapitäns. Die Stellung dieses unseres damals
besten Freundes im Süden des Schutzgebietes war bei seinen Untertanen
schwer erschüttert. Der Grund war die Verleihung weitgehender
Konzessionsrechte an eine englische Gesellschaft, die fortgesetzt diese
Rechte nicht nur in den seitens der deutschen Regierung bestätigten
engeren Grenzen, sondern weit darüber hinaus auszunutzen versuchte.
Z. B. verlangte sie von sämtlichen im Bondelzwartsgebiet ansässigen
Weißen Weideabgaben und bestritt dem Kapitän Wilhelm Christian das
Recht zum Verkauf von Bauplätzen in den Ortschaften Warmbad und
Keetmanshoop, da diese Plätze »ihre Farmen« seien. Der gute Wilhelm,
der weder lesen noch schreiben konnte, hatte, wohl unter dem Einfluß
von Alkohol, dem er leider sehr zugetan, seinerzeit blindlings
unterschrieben, was ihm der Gesellschaftsvertreter vorgelegt hatte, und
war nun sehr erstaunt über die vielen Gerechtsame, die er angeblich
verliehen haben sollte. Seine Untertanen aber, die sich in ihrem Besitz
bedroht sahen, sprachen deutlich von Absetzung. In diese verwickelten
Verhältnisse mußte eingegriffen werden. Die Gesellschaft wurde in ihre
Schranken zurückgewiesen und der Stamm in öffentlicher Ansprache über
die guten Absichten der deutschen Regierung aufgeklärt. Die Vorführung
eines Geschützes, welche Waffe den Bondelzwarts bis dahin unbekannt
gewesen war, befestigte dann noch die allgemein eintretende friedliche
Stimmung. Vor allem zeigte der Kapitän große Dankbarkeit. Er ist auch
unter den wechselnden Stationschefs mit einer einzigen Ausnahme im
Jahre 1898, die ich noch besprechen werde, bis zu seinem Tode stets
friedlich geblieben. Der Kapitän war verständig und nicht ohne Würde,
beides jedoch durch seine starke Neigung zum Alkohol beeinträchtigt.
[Illustration: Station Keetmanshoop.]
Am 28. Februar erfolgte der Abmarsch von Warmbad, und nach einem
kurzen Aufenthalt in Keetmanshoop, Gibeon und Rehoboth am 24. März die
Rückkehr nach Windhuk, vorläufig der Stab allein, während die Truppe
langsam nachmarschierte. Unterwegs ereignete sich an Bemerkenswertem
nichts, als daß Kapitän Witbooi unsere während des Krieges erbeuteten
Gewehre, Modell 88, herausgab, und daß er sowohl wie die Kapitäne von
Bersaba und Rehoboth von mir, jeder auf Kosten seines Nachbarn, eine
bedeutende Verschiebung ihrer Grenzen verlangte. Ich verwies alle drei
zunächst auf direkte Einigung untereinander und dann erst auf Anrufen
meiner Entscheidung. Abgesehen von derartigen geringfügigen, für uns
aber ganz günstigen Eifersüchteleien unter den Eingeborenen selbst,
konnte jetzt das Namaland als beruhigt angesehen und unsere ganze
Aufmerksamkeit auf das Hereroland gerichtet werden. Zu einem Eingreifen
im Namalande ist die Truppe erst fünf Jahre später wieder gezwungen
worden.
Befestigung und Ausdehnung der deutschen Schutzherrschaft im
Hererolande.
Diesen Abschnitt könnte man ebensogut »Kampf um die Grenzen« nennen.
Zwar hatte der im Februar 1895 zur Rettung des angeblich gefangenen
Assessors v. Lindequist herbeigeeilte Hauptmann v. Estorff diesen wohl
und munter in der Nähe von Windhuk gefunden sowie eifrig beschäftigt,
die Hereros tunlichst über die neue Grenze zurückzudrängen, aber
immer und immer wieder fanden Grenzüberschreitungen, verbunden mit
Belästigungen der weißen Farmer, statt. Die östlich Okahandja am oberen
Weißen und Schwarzen Nosob wohnenden Hererostämme, die unter der
Botmäßigkeit oder wenigstens unter dem Einflusse der Unterhäuptlinge
Tjetjo, Nikodemus und Kahimema standen, erkannten die mit dem
Oberhäuptling getroffene Abmachung anscheinend überhaupt nicht an.
Ich ließ daher den Oberhäuptling nach Windhuk kommen und verabredete
mit ihm einen -- zunächst friedlich gedachten -- Zug zu den genannten
Unterhäuptlingen.
[Illustration: Rehoboth.]
Die 1. Kompagnie war nach ihrer Rückkehr nach Windhuk an den
unteren Swakop marschiert, um sich mit Verbesserung des Bayweges zu
beschäftigen. Ich beließ sie in dieser nützlichen Beschäftigung,
auch auf die Gefahr, daß infolgedessen die zu dem beschlossenen Zuge
zur Verfügung stehende Macht wesentlich herabgesetzt werden mußte.
Sie bestand aus nur 60 Mann und einem Geschütz. Auf den dringenden
Rat des Oberhäuptlings, der seinen Untertanen noch weniger Vertrauen
schenkte als ich,[19] fügte ich später noch ein weiteres Geschütz
hinzu. Den Oberhäuptling selbst hatte ich zur Verminderung des Trosses
angewiesen, nur 50 seiner Leute mitzunehmen. Doch hatte dieser seine
in der Nähe der Marschstraße wohnenden Anhänger zum Anschluß an den
Zug an die Straße herangezogen, so daß sich schließlich 200 bewaffnete
Hereros auf unserer Seite befanden, unter ihnen die Unterhäuptlinge
Mambo, Barrachio und der in der neuesten Zeit vielgenannte Kajata, der
kriegerischste aller Hereros.
Am 17. Mai fand der Abmarsch nach Windhuk über Seeis statt, am 19.
die Ankunft in Otjihaenena, dem Sitze der Ovambandjerus, eines
Seitenzweiges der Hereros unter dem Häuptling Kahimema. Ihm hatte
sich auch Nikodemus mit seinen Anhängern zugesellt, so daß etwa 500
Bewaffnete versammelt gewesen sein mögen. Der alte Tjetjo hatte sich,
seiner Gewohnheit gemäß, abseits gehalten, anscheinend abwartend,
wer sich als der Mächtigere erweisen werde, um dann sich mit diesem
zu vertragen. Die Ovambandjerus lagen bei unserer Ankunft in den
Schanzen und gedachten, wie wir nachträglich erfuhren, in der Tat, der
friedlich einrückenden Truppe eine Falle zu stellen. Indessen bin ich
in unsicheren Zeiten niemals in eine Eingeborenenwerft eingerückt,
ohne dem Werftoberhaupt durch vorausgesendete Boten meine Ankunft
angesagt zu haben. So konnte auf die einfachste Weise festgestellt
werden, was die Truppe in der Werft erwartete. Allerdings gehören zu
einem solchen Verfahren eingeborene Bundesgenossen, tunlichst vom
gleichen Stamm, da nur solche absolut sicher sind. So auch hier. Es
ritt auf eigenen Wunsch der Assessor v. Lindequist voraus, aber in
Begleitung des Halbbruders von Nikodemus, Assa Riarua, für den eine
Gefahr ausgeschlossen war. Diese beiden brachten die Meldung von der
Gefechtsbereitschaft der Hereros zurück. So konnten die erforderlichen
Gegenmaßnahmen getroffen werden. Die Truppe rückte selbst
gefechtsbereit in eine der feindlichen gegenüber liegende Stellung --
beide Stellungen durch das breite Bett des Weißen Nosob getrennt -- und
machte sich gleichfalls zum Gefecht fertig.[20]
Von seiten des Gegners fiel indessen kein Schuß, auch nicht, als
ich persönlich hinüberritt, um dessen Wünsche zu hören. Ich selbst
legte gar keinen Wert auf eine kriegerische Erledigung der Sache.
Denn in den Kolonialkriegen bedeutet der erste Schuß nicht den Anfang
fröhlicher Siege, sondern den Anfang von Wirren, deren Ende unabsehbar
ist. Nikodemus entschuldigte sich für seine kriegerischen Maßnahmen
mit den ihm zugetragenen »Stories«. Ich gab ihm eine halbe Stunde
Zeit, um seine Stellung zu räumen, widrigenfalls von unserer Seite
der erste Schuß fiele. Nach der ausbedungenen Frist war von der
gegenüberliegenden Linie schwarzer Wollköpfe nichts mehr zu sehen.
Nicht verschweigen will ich, daß die ohnehin schwache Truppe damals zum
Teil noch mit dem minderwertigen Gewehr Modell 71 ausgerüstet war. Wie
in jedem Feldzuge, so war auch in demjenigen gegen Witbooi eine Menge
Gewehre Modell 88 unbrauchbar geworden, der Ersatz für sie aber noch
nicht eingetroffen.
Ich verabredete nun mit Nikodemus und Kahimema eine Zusammenkunft
zur Besprechung der Lage. Von den beiden Unterhäuptlingen war der
letztere der mächtigere, der erstere der energischere und die Seele
der Sache. Für ihn war der jetzige Versuch nur eine Etappe in dem
Kampfe um die Oberhäuptlingswürde. Weniger der Truppe hatte daher
seine Gefechtsbereitschaft gegolten, als vielmehr dem Oberhäuptling
Samuel, dem er wieder ein »~ôte-toi, que je m'y mette~« hatte zurufen
wollen. Eine Einladung zur Besprechung in _unserem_ Lager lehnten
die mißtrauischen Häuptlinge auch in dem jetzigen Falle ab, so daß
ich mich zu dem Ritte in das ihrige bequemen mußte. Dort erhob sich
auf meine Frage, wer denn eigentlich der Oberhäuptling der Hereros
sei, eine mächtige Debatte. Wenn es überhaupt einen solchen gäbe, so
wollte von den anwesenden Unterhäuptlingen es wenigstens jeder selbst
sein. Hiergegen wendete ich ein, daß die Frage, ob es überhaupt einen
Oberhäuptling der Hereros gäbe, ausscheiden müsse, da der Deutsche
Kaiser mit einem solchen seinerzeit einen Schutzvertrag abgeschlossen
habe und er mithin damals vorhanden gewesen wäre. Sonach sei lediglich
die Frage zu erörtern, wer jetzt an dessen Stelle getreten sei. Dieser
Auffassung stimmte aus naheliegenden Gründen der gleichfalls anwesende
ehemalige Minister und Feldherr des früheren Oberhäuptlings Kamaherero,
der alte Riarua, sofort zu.
Behufs Erledigung der Frage, wer der Nachfolger des früheren
Oberhäuptlings sei, gab ich den Unterhäuptlingen 24 Stunden Zeit zur
Überlegung. Wie vorauszusehen, einigten sie sich schließlich alle auf
den bisherigen Oberhäuptling Samuel, da von den Anwesenden keiner
diese Würde dem anderen hatte gönnen wollen.[21] Von diesem Tage ab
war Samuel, der sich den Verhandlungen auf meinen Wunsch persönlich
ferngehalten, der, wenn auch noch nicht sehr machtvolle, aber immerhin
unbestritten anerkannte Oberhäuptling der Hereros. Seine Freundschaft
hat uns in der Folge gestattet, auch bei einer nur schwachen
Schutztruppe Herr des Hererolandes zu bleiben. Er hat, wie wir noch
sehen werden, dem letzteren in der Folge uns zuliebe mehr Schaden
zugefügt, als wir, auf unsere Macht allein gestützt, es je hätten tun
können.
Recht schlau wußte Nikodemus sich mit der gegebenen Lage abzufinden.
Konnte er nicht der Erste werden, so wollte er wenigstens der Zweite
sein. Er nahm seinem nunmehr anerkannten Herrn und Gebieter Samuel
gegenüber eine loyale Miene an und bat diesen, ihn zum Kapitän der
Osthereros zu machen. Der Oberhäuptling, der ohnehin mit den letzteren
nicht fertig werden konnte, bewilligte diese Bitte gern und auch ich
hatte keine Veranlassung, mich dem damit in die geschlossene Macht der
Hereros getriebenen Keil entgegenzustellen. In erster Linie wurde durch
dieses Abkommen der Häuptling der Ovambandjerus, Kahimema, betroffen.
An Stelle des machtlosen Oberherrn in Okahandja hatte er nunmehr in
einer kraftvollen und zielbewußten Persönlichkeit einen solchen in
nächster Nähe erhalten. Nikodemus dagegen war jetzt aus einem lediglich
großen Viehbesitzer zu einem wirklichen Kapitän mit Land und Untertanen
geworden. Wie er diese neu gewonnene Macht benutzt hat, werden wir
ein Jahr später sehen. Einzig von der Oberherrschaft des Nikodemus
befreit blieb der gleichfalls im Osten wohnende Unterhäuptling Tjetjo.
Dieser würde seine nominelle Selbständigkeit freiwillig niemals an
Nikodemus abgegeben haben und sie ihm mit Gewalt zu nehmen, dazu hatte
weder die deutsche Regierung, noch der Oberhäuptling Veranlassung.
Am 21. Mai 1895 vormittags fand eine Schlußversammlung statt, in der
ich den Hereros nochmals die Notwendigkeit einer bestimmten Grenze
zwischen den beiden Gebieten auseinandersetzte. Es sei ein Verdienst
des Oberhäuptlings, dies rechtzeitig erkannt zu haben, an ihnen aber
sei es jetzt, die vereinbarte Grenze auch zu halten. Im übrigen war man
bei dem im Januar 1895 stattgehabten Abreiten der Grenze durch Assessor
v. Lindequist den Hereros bereits insoweit entgegengekommen als nicht,
wie seinerzeit in Okahandja vereinbart, der Weiße Nosob selbst die
Grenze bilden sollte, sondern eine Mittellinie zwischen Nosob und
Seeisfluß. Hierdurch sollte das Zusammendrängen beider Parteien an
_einer_ Flußlinie mit den hieraus sich ergebenden unvermeidlichen
Streitigkeiten vermieden werden.
Für jetzt aber handelte es sich darum, auch unsere Maßnahmen dem neu
erstandenen Ostreich der Hereros entsprechend anzupassen. Dies geschah
durch Gründung eines neuen Ostbezirks. Bis jetzt hatte im Osten nur
die uns bereits bekannte Station Aais bestanden, welche die Wacht
über die Khauas hatte übernehmen sollen. Jetzt waren diese in den
Hintergrund getreten, da der Schwerpunkt des Bezirks sich nunmehr an
die Hererogrenze verschoben hatte. Ich zog daher mit dem neuen Kapitän
des Ostens gleich nach dort, als Zielpunkt den wichtigen Platz Gobabis.
Dieser Platz war früher Hauptsitz der Khauas-Hottentotten gewesen, von
ihnen jedoch wegen des dort herrschenden Fiebers verlassen worden. Ihn
hätte Nikodemus auch gern zur Residenz seines neu gegründeten Ostreichs
erhoben. Seine mehrfach wiederholten Anregungen hierzu lehnte ich
jedoch entschieden ab. Denn auch für uns war Gobabis der unentbehrliche
Schlüsselpunkt des Ostens. Am 28. Mai fand unser Eintreffen daselbst
und die Vereinigung mit dem dorthin aus Aais bestellten Distriktschef
des Ostens, Leutnant Lampe, statt. Mit diesem gemeinsam ging es dann
über Oas, Stampriet an die englische Grenze, um mittels Gründung
einer Station dem neuen Ostreich den Bezug von Waffen und Munition
auf dem Wege des Schmuggels tunlichst abzuschneiden. Die durchzogene
Gegend erwies sich als ein vorzügliches Farmland. Kein Wunder, wenn
auch die Hereros die Lust nach ihm anwandelte. Früher war das Land
unbestrittenes Eigentum der Khauas-Hottentotten. Nachdem diese jetzt
durch uns zurückgedrängt waren, erstrebten die Hereros deren Erbschaft,
genau, wie sie dies im Westen nach der Beseitigung Witboois versucht
hatten. Vereinzelte Khauas-Hottentotten zeigten sich uns noch da
und dort. Sie sowohl wie die Hereros fanden sich in dem Bestreben
einig, den Weißen die Wasserstellen möglichst zu verbergen. Auch der
mit anwesende Kaffernkapitän Apollo schloß sich, anscheinend durch
Nikodemus eingeschüchtert, diesem Bestreben an.
Die neue Station wurde in Olifantskluft gegründet, ein Platz, bei
dem eine starke Quelle in Kaskaden in die Schlucht hinabstürzt. Nach
zweijährigem Bestand mußte sie bedauerlicherweise als zum englischen
Gebiet gehörig anerkannt und daher wieder geräumt werden. An ihrer
Stelle wurde dann die weniger günstig gelegene Station Oas gegründet.
Nach Festlegung der Station Olifantskluft ging es in Eilmärschen
nach Aais zurück, immer in Begleitung von Nikodemus, mit dem ich
am 15. Juni in Aais einen besonderen Grenzvertrag abschloß. Er
versprach, die Osthereros, die gleichfalls in gewaltigen Massen
über die neue Grenze gedrungen waren, hinter diese zurückzuziehen.
Dafür sollte ihm für seine Person gestattet sein, vorläufig, jedoch
ohne jedes Eigentumsrecht, in Gobabis wohnen zu dürfen. Dorthin
verlegte dann auch der Distriktschef seinen Sitz, während Aais nur
mit einer schwachen Mannschaft besetzt blieb. In Gobabis wurde dann
später eine festungsartige Kaserne gebaut und der Platz mittels
Entwässerungsarbeiten von dem dort herrschenden Fieber befreit.
Auf dem Rückweg nach Windhuk hatte ich demnächst noch ausgiebig
Gelegenheit, die auch im Westen erneut über die Grenze gedrungenen
Viehherden der Hereros zu bewundern. Wo es ging, wurden sie
zurückgetrieben, einmal unter Pfändung von Ochsen. An dem wichtigen
Platze Seeis wurde eine Station gegründet, und nach meinem Eintreffen
in Windhuk am 20. Juni an den Oberhäuptling Samuel ein wenig
freundlicher Brief geschrieben. Letzterer kam am 1. Juli selbst und
entschuldigte sich mit seiner Ohnmacht seinen Leuten gegenüber.
Wir verabredeten daher gemeinsame Besetzung der Grenze, vor allem
einen gemeinsamen Zug durch das Hereroland, um den Untertanen des
Oberhäuptlings sowohl unsere Macht wie unser beider Freundschaft zu
zeigen. Dieser Zug wurde Anfang August in Begleitung der von ihren
Wegearbeiten zurückgerufenen 1. Kompagnie und einem Geschütz angetreten.
Bevor ich auf diesen Zug eingehe, muß ich noch eines bei Witbooi
vorgekommenen Zwischenfalles Erwähnung tun. Längst schon hatte ich den
Kapitän zu einem Besuch in Windhuk zu bewegen gesucht, dessen Mißtrauen
jedoch nicht überwinden können. Er sagte zu seinem Bezirksamtmann
wörtlich, ihm und dem Major traue er wohl, wir seien jedoch Soldaten
und müßten daher Gehorsam leisten, wenn wir aus Berlin Befehl
erhielten, ihn tot zu machen. Der Kapitän sandte daher lediglich
seinen Unterfeldherrn Samuel Isaak mit vier Begleitern, dem sich auch
der Bezirksamtmann v. Burgsdorff anschloß. Und nun kommt ein zweites
merkwürdiges Zeichen des Mißtrauens. In Windhuk war mittlerweile
Major Mueller als stellvertretender Truppenkommandeur eingetroffen.
Ihn beauftragte ich, sich während meiner Expedition ins Hereroland
im Namalande zu orientieren und bei dieser Gelegenheit Witbooi einen
Besuch abzustatten. Als Major Mueller sich Gibeon näherte, erfaßte den
Kapitän Witbooi, den die Ankunft eines neuen deutschen Majors ohnehin
mit schwerem Mißtrauen erfüllt hatte, zumal auch sein Bezirksamtmann
noch abwesend war, eine solche Unbehaglichkeit, daß er über die
englische Grenze nach Rietfontein eilte. Hier verblieb er, bis ihn
Major Mueller auch dort aufsuchte und von seinen guten Absichten zu
überzeugen vermochte. Auch der Bezirksamtmann v. Burgsdorff war nach
seiner Rückkehr dem Kapitän sofort nachgeeilt und in Rietfontein mit
Major Mueller zusammengetroffen.
Diese Flucht des Kapitäns Witbooi hat dann zu einem weiteren
merkwürdigen Zwischenfall geführt. Während des Aufenthaltes Witboois in
Rietfontein erschien eines Tages in einer Kapstädtischen Zeitung ein
in holländischer Sprache geschriebener Brief, datiert aus Rietfontein
und angeblich von Witbooi herrührend. In diesem Brief bedankte sich
der Kapitän bei der Redaktion für die während des Kampfes gegen die
Deutschen gewährte Unterstützung. Namentlich hätte ihre Schilderung
über die »Morderei in Hornkranz der Welt die richtige Erleuchtung
gegeben«. Durch Vermittlung des Generalkonsulats Kapstadt kam dieser
Brief nach Windhuk und ging von da behufs Aufklärung nach Gibeon.
Darauf ging im Monat Dezember ein persönlicher Brief Witboois an mich
ein, dessen ungefährer Wortlaut folgender war:
»Der Bezirksamtmann v. Burgsdorff hat mir einen Brief in einer Zeitung
gezeigt, den ich geschrieben haben soll. Darauf erkläre ich folgendes.
Diesen Brief habe ich weder geschrieben noch unterschrieben. Auch hat
ihn keiner meiner Leute geschrieben noch unterschrieben. Diesen Brief
hat ein böser Mensch mit schlechten Absichten geschrieben. Überhaupt
schreibe ich und meine Leute schon lange nicht mehr in die Zeitungen.
Auch denke ich nicht mehr an so alte Dinge, wie Hornkranz.
Glauben Sie doch nicht alles Böse, was über mich gesagt wird. Ich
habe ja einen Vertrag mit Ihnen gemacht, den ich mit meinem Herzblut
unterschrieben habe. Ich bin usw.«
Mit dem letztgenannten Vertrag meinte der Kapitän den vom 15. November
1895 über die unbedingte Heeresfolge seinerseits. Und trotz dieses
Vertrages und trotz allen Entgegenkommens seitens des Bezirksamtmanns
v. Burgsdorff noch solches Mißtrauen! Ist es da ein Wunder, wenn wir
sehen, wie in dem gegenwärtig noch tobenden Aufstand die Hottentotten
so schwer zur Abgabe ihrer Waffen zu bringen sind?
* * * * *
Nach dieser Abschweifung kehre ich wieder zu dem Zuge nach dem
Hererolande zurück.
Der Weg ging durch dichtbevölkertes Land über Okandjose, Osire nach
Waterberg, wo wir am 12. August eintrafen. Die Abteilung bestand aus
etwa 70 Weißen und 50 Hereros, letztere unter dem Oberhäuptling.
In Waterberg lernte ich den Unterhäuptling und großen Viehzüchter
Kambazembi kennen, einen echten alten Herero, welcher unter äußerer
Sanftmut durchtriebene Schlauheit verbarg. Um sich der ihm unbequemen
Landfrage zu entziehen, erklärte er, »nur Kapitän der Beester« zu sein,
die Politik sei Sache des Oberhäuptlings. Trotzdem hatte der Aufenthalt
bei Kambazembi auch seine politische Bedeutung, da der Alte einer
der einflußreichsten Hereros und die Beseitigung etwaigen Mißtrauens
auf seiner Seite daher von Wichtigkeit war. Unterstützt wurde diese
Absicht durch seine stark hervortretende Kriegsunlust. Kambazembi hat
auch bis zu seinem Tode, ungeachtet mancherlei Unzuträglichkeiten,
die ihm das Zusammenleben mit Weißen zuweilen bereitete, den Frieden
um jeden Preis aufrecht erhalten. Erst nach seinem Ableben, aber auch
nicht lange darauf brach der allgemeine Hereroaufstand aus.
[Illustration: Nordreise des Gouverneurs 1895.]
Damals sah es mitten im Hererolande, in welchem die Grenzfrage
keine Rolle spielte, sehr friedlich aus. Überall wurde die Truppe
mit freudigem Staunen begrüßt und überall schwärmten die Hereros
unbewaffnet und zutraulich umher, nur stark um Tabak bettelnd. Dem
alten Kambazembi ließ ich auf seinen Wunsch das mitgebrachte Geschütz
vorführen. Auf die von mir geäußerte Besorgnis, verirrte Sprengstücke
könnten Unheil anrichten, meinte der Alte, wenn auch ein Herero
getroffen würde, er bezahle alles. Das ist der Standpunkt des reichen
Herero. Demjenigen, der es bezahlen kann, ist alles erlaubt, Strafe
ereilt nur den Armen. Trotzdem das Hereroland während meines Marsches
äußerlich einen friedlichen Eindruck machte, konnte ich wahrnehmen,
daß die Hereros das Zentrum ihres Landes geräumt hatten, um sich mehr
nach der Peripherie zu ziehen. Sie ahnten das bevorstehende Eindämmen
von allen Seiten und wollten sich daher rasch noch viele Wasserstellen
»ersitzen«.
[Illustration: Gegend von Waterberg.]