Bis zum 6. Februar 1895 blieb ich in Gibeon unter häufigen

Besprechungen mit dem mittlerweile gleichfalls zurückgekehrten

Kapitän Witbooi über Stammesangelegenheiten, darunter auch die Frage

der Wiedereinrichtung einer Missionsstation. Einer solchen zeigte

sich der Kapitän wohl zugeneigt, obwohl die Mission selbst -- wie

sich später erwies, mit Unrecht -- seiner neuerwachten christlichen

Gesinnung nicht recht traute. Am schwierigsten zu lösen war indessen

die Ernährungsfrage. Der Stamm war total verarmt. Seine 3000 Menschen

ernährten sich damals lediglich von Harz und Feldfrüchten. Diese

hungernden Gestalten anzusehen war ein Jammer, in ihnen lag aber auch

eine Gefahr für die umwohnenden Viehbesitzer. Mittels Beschäftigung

der Leute beim Wege- und Stationsbau sowie mittels Überlassung von

Muttervieh auf halben Anteil wurde die Not einigermaßen gehoben.

Letztere Maßregel ist so zu verstehen, daß dem Nutznießer gegen die

Verpflichtung, das Vieh zu hüten, die Hälfte des Nachwuchses zufällt,

eine in Südwestafrika allgemein übliche Vereinbarung. Auf diese Weise

kann der Nutznießer allmählich wieder zu einer Viehherde kommen,

während der Besitzer ohne eigene Arbeit und ohne Kosten in der andern

Hälfte des Nachwuchses eine Verzinsung seines Kapitals findet.

In Keetmanshoop bestand damals zwischen Bevölkerung und Distriktschef

eine gewisse Mißstimmung. Die erstere, an der Spitze der Unterkapitän,

hatte zum Teil den Platz verlassen. Die Ursache war nicht minder

schwer zu ergründen, wie die Schuldfrage. Bei Eingeborenen kann auch

schon das harmloseste Tun und Reden Weißer Mißtrauen erregen. Doch

hatte der Distriktschef, Oberleutnant Bethe, als richtiger Mann am

richtigen Platz, an der Spitze von seinen wenigen Leuten durch tapferes

Eingreifen die drohende Empörung im Keime erstickt. Auf der andern

Seite hatte sich der Bezirksamtmann Duft bereits das Vertrauen der

Eingeborenen ausreichend genug erworben, um von deren größtem Teil die

Gewehre ausgeliefert zu erhalten. So blieb für mich nach meiner Ankunft

in Keetmanshoop nicht mehr viel zu tun übrig. Mit Unterstützung eines

Bevollmächtigten des Kapitäns Wilhelm Christian von den Bondelzwarts,

unter dessen Oberherrschaft, wie bereits erwähnt, Keetmanshoop

seinerzeit gekommen, konnte die Sache leicht wieder vollständig

eingerenkt werden.

Nunmehr erübrigte im Namalande nur noch der Besuch von Warmbad, des

Sitzes des Bondelzwartskapitäns. Die Stellung dieses unseres damals

besten Freundes im Süden des Schutzgebietes war bei seinen Untertanen

schwer erschüttert. Der Grund war die Verleihung weitgehender

Konzessionsrechte an eine englische Gesellschaft, die fortgesetzt diese

Rechte nicht nur in den seitens der deutschen Regierung bestätigten

engeren Grenzen, sondern weit darüber hinaus auszunutzen versuchte.

Z. B. verlangte sie von sämtlichen im Bondelzwartsgebiet ansässigen

Weißen Weideabgaben und bestritt dem Kapitän Wilhelm Christian das

Recht zum Verkauf von Bauplätzen in den Ortschaften Warmbad und

Keetmanshoop, da diese Plätze »ihre Farmen« seien. Der gute Wilhelm,

der weder lesen noch schreiben konnte, hatte, wohl unter dem Einfluß

von Alkohol, dem er leider sehr zugetan, seinerzeit blindlings

unterschrieben, was ihm der Gesellschaftsvertreter vorgelegt hatte, und

war nun sehr erstaunt über die vielen Gerechtsame, die er angeblich

verliehen haben sollte. Seine Untertanen aber, die sich in ihrem Besitz

bedroht sahen, sprachen deutlich von Absetzung. In diese verwickelten

Verhältnisse mußte eingegriffen werden. Die Gesellschaft wurde in ihre

Schranken zurückgewiesen und der Stamm in öffentlicher Ansprache über

die guten Absichten der deutschen Regierung aufgeklärt. Die Vorführung

eines Geschützes, welche Waffe den Bondelzwarts bis dahin unbekannt

gewesen war, befestigte dann noch die allgemein eintretende friedliche

Stimmung. Vor allem zeigte der Kapitän große Dankbarkeit. Er ist auch

unter den wechselnden Stationschefs mit einer einzigen Ausnahme im

Jahre 1898, die ich noch besprechen werde, bis zu seinem Tode stets

friedlich geblieben. Der Kapitän war verständig und nicht ohne Würde,

beides jedoch durch seine starke Neigung zum Alkohol beeinträchtigt.

[Illustration: Station Keetmanshoop.]

Am 28. Februar erfolgte der Abmarsch von Warmbad, und nach einem

kurzen Aufenthalt in Keetmanshoop, Gibeon und Rehoboth am 24. März die

Rückkehr nach Windhuk, vorläufig der Stab allein, während die Truppe

langsam nachmarschierte. Unterwegs ereignete sich an Bemerkenswertem

nichts, als daß Kapitän Witbooi unsere während des Krieges erbeuteten

Gewehre, Modell 88, herausgab, und daß er sowohl wie die Kapitäne von

Bersaba und Rehoboth von mir, jeder auf Kosten seines Nachbarn, eine

bedeutende Verschiebung ihrer Grenzen verlangte. Ich verwies alle drei

zunächst auf direkte Einigung untereinander und dann erst auf Anrufen

meiner Entscheidung. Abgesehen von derartigen geringfügigen, für uns

aber ganz günstigen Eifersüchteleien unter den Eingeborenen selbst,

konnte jetzt das Namaland als beruhigt angesehen und unsere ganze

Aufmerksamkeit auf das Hereroland gerichtet werden. Zu einem Eingreifen

im Namalande ist die Truppe erst fünf Jahre später wieder gezwungen

worden.

Befestigung und Ausdehnung der deutschen Schutzherrschaft im

Hererolande.

Diesen Abschnitt könnte man ebensogut »Kampf um die Grenzen« nennen.

Zwar hatte der im Februar 1895 zur Rettung des angeblich gefangenen

Assessors v. Lindequist herbeigeeilte Hauptmann v. Estorff diesen wohl

und munter in der Nähe von Windhuk gefunden sowie eifrig beschäftigt,

die Hereros tunlichst über die neue Grenze zurückzudrängen, aber

immer und immer wieder fanden Grenzüberschreitungen, verbunden mit

Belästigungen der weißen Farmer, statt. Die östlich Okahandja am oberen

Weißen und Schwarzen Nosob wohnenden Hererostämme, die unter der

Botmäßigkeit oder wenigstens unter dem Einflusse der Unterhäuptlinge

Tjetjo, Nikodemus und Kahimema standen, erkannten die mit dem

Oberhäuptling getroffene Abmachung anscheinend überhaupt nicht an.

Ich ließ daher den Oberhäuptling nach Windhuk kommen und verabredete

mit ihm einen -- zunächst friedlich gedachten -- Zug zu den genannten

Unterhäuptlingen.

[Illustration: Rehoboth.]

Die 1. Kompagnie war nach ihrer Rückkehr nach Windhuk an den

unteren Swakop marschiert, um sich mit Verbesserung des Bayweges zu

beschäftigen. Ich beließ sie in dieser nützlichen Beschäftigung,

auch auf die Gefahr, daß infolgedessen die zu dem beschlossenen Zuge

zur Verfügung stehende Macht wesentlich herabgesetzt werden mußte.

Sie bestand aus nur 60 Mann und einem Geschütz. Auf den dringenden

Rat des Oberhäuptlings, der seinen Untertanen noch weniger Vertrauen

schenkte als ich,[19] fügte ich später noch ein weiteres Geschütz

hinzu. Den Oberhäuptling selbst hatte ich zur Verminderung des Trosses

angewiesen, nur 50 seiner Leute mitzunehmen. Doch hatte dieser seine

in der Nähe der Marschstraße wohnenden Anhänger zum Anschluß an den

Zug an die Straße herangezogen, so daß sich schließlich 200 bewaffnete

Hereros auf unserer Seite befanden, unter ihnen die Unterhäuptlinge

Mambo, Barrachio und der in der neuesten Zeit vielgenannte Kajata, der

kriegerischste aller Hereros.

Am 17. Mai fand der Abmarsch nach Windhuk über Seeis statt, am 19.

die Ankunft in Otjihaenena, dem Sitze der Ovambandjerus, eines

Seitenzweiges der Hereros unter dem Häuptling Kahimema. Ihm hatte

sich auch Nikodemus mit seinen Anhängern zugesellt, so daß etwa 500

Bewaffnete versammelt gewesen sein mögen. Der alte Tjetjo hatte sich,

seiner Gewohnheit gemäß, abseits gehalten, anscheinend abwartend,

wer sich als der Mächtigere erweisen werde, um dann sich mit diesem

zu vertragen. Die Ovambandjerus lagen bei unserer Ankunft in den

Schanzen und gedachten, wie wir nachträglich erfuhren, in der Tat, der

friedlich einrückenden Truppe eine Falle zu stellen. Indessen bin ich

in unsicheren Zeiten niemals in eine Eingeborenenwerft eingerückt,

ohne dem Werftoberhaupt durch vorausgesendete Boten meine Ankunft

angesagt zu haben. So konnte auf die einfachste Weise festgestellt

werden, was die Truppe in der Werft erwartete. Allerdings gehören zu

einem solchen Verfahren eingeborene Bundesgenossen, tunlichst vom

gleichen Stamm, da nur solche absolut sicher sind. So auch hier. Es

ritt auf eigenen Wunsch der Assessor v. Lindequist voraus, aber in

Begleitung des Halbbruders von Nikodemus, Assa Riarua, für den eine

Gefahr ausgeschlossen war. Diese beiden brachten die Meldung von der

Gefechtsbereitschaft der Hereros zurück. So konnten die erforderlichen

Gegenmaßnahmen getroffen werden. Die Truppe rückte selbst

gefechtsbereit in eine der feindlichen gegenüber liegende Stellung --

beide Stellungen durch das breite Bett des Weißen Nosob getrennt -- und

machte sich gleichfalls zum Gefecht fertig.[20]

Von seiten des Gegners fiel indessen kein Schuß, auch nicht, als

ich persönlich hinüberritt, um dessen Wünsche zu hören. Ich selbst

legte gar keinen Wert auf eine kriegerische Erledigung der Sache.

Denn in den Kolonialkriegen bedeutet der erste Schuß nicht den Anfang

fröhlicher Siege, sondern den Anfang von Wirren, deren Ende unabsehbar

ist. Nikodemus entschuldigte sich für seine kriegerischen Maßnahmen

mit den ihm zugetragenen »Stories«. Ich gab ihm eine halbe Stunde

Zeit, um seine Stellung zu räumen, widrigenfalls von unserer Seite

der erste Schuß fiele. Nach der ausbedungenen Frist war von der

gegenüberliegenden Linie schwarzer Wollköpfe nichts mehr zu sehen.

Nicht verschweigen will ich, daß die ohnehin schwache Truppe damals zum

Teil noch mit dem minderwertigen Gewehr Modell 71 ausgerüstet war. Wie

in jedem Feldzuge, so war auch in demjenigen gegen Witbooi eine Menge

Gewehre Modell 88 unbrauchbar geworden, der Ersatz für sie aber noch

nicht eingetroffen.

Ich verabredete nun mit Nikodemus und Kahimema eine Zusammenkunft

zur Besprechung der Lage. Von den beiden Unterhäuptlingen war der

letztere der mächtigere, der erstere der energischere und die Seele

der Sache. Für ihn war der jetzige Versuch nur eine Etappe in dem

Kampfe um die Oberhäuptlingswürde. Weniger der Truppe hatte daher

seine Gefechtsbereitschaft gegolten, als vielmehr dem Oberhäuptling

Samuel, dem er wieder ein »~ôte-toi, que je m'y mette~« hatte zurufen

wollen. Eine Einladung zur Besprechung in _unserem_ Lager lehnten

die mißtrauischen Häuptlinge auch in dem jetzigen Falle ab, so daß

ich mich zu dem Ritte in das ihrige bequemen mußte. Dort erhob sich

auf meine Frage, wer denn eigentlich der Oberhäuptling der Hereros

sei, eine mächtige Debatte. Wenn es überhaupt einen solchen gäbe, so

wollte von den anwesenden Unterhäuptlingen es wenigstens jeder selbst

sein. Hiergegen wendete ich ein, daß die Frage, ob es überhaupt einen

Oberhäuptling der Hereros gäbe, ausscheiden müsse, da der Deutsche

Kaiser mit einem solchen seinerzeit einen Schutzvertrag abgeschlossen

habe und er mithin damals vorhanden gewesen wäre. Sonach sei lediglich

die Frage zu erörtern, wer jetzt an dessen Stelle getreten sei. Dieser

Auffassung stimmte aus naheliegenden Gründen der gleichfalls anwesende

ehemalige Minister und Feldherr des früheren Oberhäuptlings Kamaherero,

der alte Riarua, sofort zu.

Behufs Erledigung der Frage, wer der Nachfolger des früheren

Oberhäuptlings sei, gab ich den Unterhäuptlingen 24 Stunden Zeit zur

Überlegung. Wie vorauszusehen, einigten sie sich schließlich alle auf

den bisherigen Oberhäuptling Samuel, da von den Anwesenden keiner

diese Würde dem anderen hatte gönnen wollen.[21] Von diesem Tage ab

war Samuel, der sich den Verhandlungen auf meinen Wunsch persönlich

ferngehalten, der, wenn auch noch nicht sehr machtvolle, aber immerhin

unbestritten anerkannte Oberhäuptling der Hereros. Seine Freundschaft

hat uns in der Folge gestattet, auch bei einer nur schwachen

Schutztruppe Herr des Hererolandes zu bleiben. Er hat, wie wir noch

sehen werden, dem letzteren in der Folge uns zuliebe mehr Schaden

zugefügt, als wir, auf unsere Macht allein gestützt, es je hätten tun

können.

Recht schlau wußte Nikodemus sich mit der gegebenen Lage abzufinden.

Konnte er nicht der Erste werden, so wollte er wenigstens der Zweite

sein. Er nahm seinem nunmehr anerkannten Herrn und Gebieter Samuel

gegenüber eine loyale Miene an und bat diesen, ihn zum Kapitän der

Osthereros zu machen. Der Oberhäuptling, der ohnehin mit den letzteren

nicht fertig werden konnte, bewilligte diese Bitte gern und auch ich

hatte keine Veranlassung, mich dem damit in die geschlossene Macht der

Hereros getriebenen Keil entgegenzustellen. In erster Linie wurde durch

dieses Abkommen der Häuptling der Ovambandjerus, Kahimema, betroffen.

An Stelle des machtlosen Oberherrn in Okahandja hatte er nunmehr in

einer kraftvollen und zielbewußten Persönlichkeit einen solchen in

nächster Nähe erhalten. Nikodemus dagegen war jetzt aus einem lediglich

großen Viehbesitzer zu einem wirklichen Kapitän mit Land und Untertanen

geworden. Wie er diese neu gewonnene Macht benutzt hat, werden wir

ein Jahr später sehen. Einzig von der Oberherrschaft des Nikodemus

befreit blieb der gleichfalls im Osten wohnende Unterhäuptling Tjetjo.

Dieser würde seine nominelle Selbständigkeit freiwillig niemals an

Nikodemus abgegeben haben und sie ihm mit Gewalt zu nehmen, dazu hatte

weder die deutsche Regierung, noch der Oberhäuptling Veranlassung.

Am 21. Mai 1895 vormittags fand eine Schlußversammlung statt, in der

ich den Hereros nochmals die Notwendigkeit einer bestimmten Grenze

zwischen den beiden Gebieten auseinandersetzte. Es sei ein Verdienst

des Oberhäuptlings, dies rechtzeitig erkannt zu haben, an ihnen aber

sei es jetzt, die vereinbarte Grenze auch zu halten. Im übrigen war man

bei dem im Januar 1895 stattgehabten Abreiten der Grenze durch Assessor

v. Lindequist den Hereros bereits insoweit entgegengekommen als nicht,

wie seinerzeit in Okahandja vereinbart, der Weiße Nosob selbst die

Grenze bilden sollte, sondern eine Mittellinie zwischen Nosob und

Seeisfluß. Hierdurch sollte das Zusammendrängen beider Parteien an

_einer_ Flußlinie mit den hieraus sich ergebenden unvermeidlichen

Streitigkeiten vermieden werden.

Für jetzt aber handelte es sich darum, auch unsere Maßnahmen dem neu

erstandenen Ostreich der Hereros entsprechend anzupassen. Dies geschah

durch Gründung eines neuen Ostbezirks. Bis jetzt hatte im Osten nur

die uns bereits bekannte Station Aais bestanden, welche die Wacht

über die Khauas hatte übernehmen sollen. Jetzt waren diese in den

Hintergrund getreten, da der Schwerpunkt des Bezirks sich nunmehr an

die Hererogrenze verschoben hatte. Ich zog daher mit dem neuen Kapitän

des Ostens gleich nach dort, als Zielpunkt den wichtigen Platz Gobabis.

Dieser Platz war früher Hauptsitz der Khauas-Hottentotten gewesen, von

ihnen jedoch wegen des dort herrschenden Fiebers verlassen worden. Ihn

hätte Nikodemus auch gern zur Residenz seines neu gegründeten Ostreichs

erhoben. Seine mehrfach wiederholten Anregungen hierzu lehnte ich

jedoch entschieden ab. Denn auch für uns war Gobabis der unentbehrliche

Schlüsselpunkt des Ostens. Am 28. Mai fand unser Eintreffen daselbst

und die Vereinigung mit dem dorthin aus Aais bestellten Distriktschef

des Ostens, Leutnant Lampe, statt. Mit diesem gemeinsam ging es dann

über Oas, Stampriet an die englische Grenze, um mittels Gründung

einer Station dem neuen Ostreich den Bezug von Waffen und Munition

auf dem Wege des Schmuggels tunlichst abzuschneiden. Die durchzogene

Gegend erwies sich als ein vorzügliches Farmland. Kein Wunder, wenn

auch die Hereros die Lust nach ihm anwandelte. Früher war das Land

unbestrittenes Eigentum der Khauas-Hottentotten. Nachdem diese jetzt

durch uns zurückgedrängt waren, erstrebten die Hereros deren Erbschaft,

genau, wie sie dies im Westen nach der Beseitigung Witboois versucht

hatten. Vereinzelte Khauas-Hottentotten zeigten sich uns noch da

und dort. Sie sowohl wie die Hereros fanden sich in dem Bestreben

einig, den Weißen die Wasserstellen möglichst zu verbergen. Auch der

mit anwesende Kaffernkapitän Apollo schloß sich, anscheinend durch

Nikodemus eingeschüchtert, diesem Bestreben an.

Die neue Station wurde in Olifantskluft gegründet, ein Platz, bei

dem eine starke Quelle in Kaskaden in die Schlucht hinabstürzt. Nach

zweijährigem Bestand mußte sie bedauerlicherweise als zum englischen

Gebiet gehörig anerkannt und daher wieder geräumt werden. An ihrer

Stelle wurde dann die weniger günstig gelegene Station Oas gegründet.

Nach Festlegung der Station Olifantskluft ging es in Eilmärschen

nach Aais zurück, immer in Begleitung von Nikodemus, mit dem ich

am 15. Juni in Aais einen besonderen Grenzvertrag abschloß. Er

versprach, die Osthereros, die gleichfalls in gewaltigen Massen

über die neue Grenze gedrungen waren, hinter diese zurückzuziehen.

Dafür sollte ihm für seine Person gestattet sein, vorläufig, jedoch

ohne jedes Eigentumsrecht, in Gobabis wohnen zu dürfen. Dorthin

verlegte dann auch der Distriktschef seinen Sitz, während Aais nur

mit einer schwachen Mannschaft besetzt blieb. In Gobabis wurde dann

später eine festungsartige Kaserne gebaut und der Platz mittels

Entwässerungsarbeiten von dem dort herrschenden Fieber befreit.

Auf dem Rückweg nach Windhuk hatte ich demnächst noch ausgiebig

Gelegenheit, die auch im Westen erneut über die Grenze gedrungenen

Viehherden der Hereros zu bewundern. Wo es ging, wurden sie

zurückgetrieben, einmal unter Pfändung von Ochsen. An dem wichtigen

Platze Seeis wurde eine Station gegründet, und nach meinem Eintreffen

in Windhuk am 20. Juni an den Oberhäuptling Samuel ein wenig

freundlicher Brief geschrieben. Letzterer kam am 1. Juli selbst und

entschuldigte sich mit seiner Ohnmacht seinen Leuten gegenüber.

Wir verabredeten daher gemeinsame Besetzung der Grenze, vor allem

einen gemeinsamen Zug durch das Hereroland, um den Untertanen des

Oberhäuptlings sowohl unsere Macht wie unser beider Freundschaft zu

zeigen. Dieser Zug wurde Anfang August in Begleitung der von ihren

Wegearbeiten zurückgerufenen 1. Kompagnie und einem Geschütz angetreten.

Bevor ich auf diesen Zug eingehe, muß ich noch eines bei Witbooi

vorgekommenen Zwischenfalles Erwähnung tun. Längst schon hatte ich den

Kapitän zu einem Besuch in Windhuk zu bewegen gesucht, dessen Mißtrauen

jedoch nicht überwinden können. Er sagte zu seinem Bezirksamtmann

wörtlich, ihm und dem Major traue er wohl, wir seien jedoch Soldaten

und müßten daher Gehorsam leisten, wenn wir aus Berlin Befehl

erhielten, ihn tot zu machen. Der Kapitän sandte daher lediglich

seinen Unterfeldherrn Samuel Isaak mit vier Begleitern, dem sich auch

der Bezirksamtmann v. Burgsdorff anschloß. Und nun kommt ein zweites

merkwürdiges Zeichen des Mißtrauens. In Windhuk war mittlerweile

Major Mueller als stellvertretender Truppenkommandeur eingetroffen.

Ihn beauftragte ich, sich während meiner Expedition ins Hereroland

im Namalande zu orientieren und bei dieser Gelegenheit Witbooi einen

Besuch abzustatten. Als Major Mueller sich Gibeon näherte, erfaßte den

Kapitän Witbooi, den die Ankunft eines neuen deutschen Majors ohnehin

mit schwerem Mißtrauen erfüllt hatte, zumal auch sein Bezirksamtmann

noch abwesend war, eine solche Unbehaglichkeit, daß er über die

englische Grenze nach Rietfontein eilte. Hier verblieb er, bis ihn

Major Mueller auch dort aufsuchte und von seinen guten Absichten zu

überzeugen vermochte. Auch der Bezirksamtmann v. Burgsdorff war nach

seiner Rückkehr dem Kapitän sofort nachgeeilt und in Rietfontein mit

Major Mueller zusammengetroffen.

Diese Flucht des Kapitäns Witbooi hat dann zu einem weiteren

merkwürdigen Zwischenfall geführt. Während des Aufenthaltes Witboois in

Rietfontein erschien eines Tages in einer Kapstädtischen Zeitung ein

in holländischer Sprache geschriebener Brief, datiert aus Rietfontein

und angeblich von Witbooi herrührend. In diesem Brief bedankte sich

der Kapitän bei der Redaktion für die während des Kampfes gegen die

Deutschen gewährte Unterstützung. Namentlich hätte ihre Schilderung

über die »Morderei in Hornkranz der Welt die richtige Erleuchtung

gegeben«. Durch Vermittlung des Generalkonsulats Kapstadt kam dieser

Brief nach Windhuk und ging von da behufs Aufklärung nach Gibeon.

Darauf ging im Monat Dezember ein persönlicher Brief Witboois an mich

ein, dessen ungefährer Wortlaut folgender war:

»Der Bezirksamtmann v. Burgsdorff hat mir einen Brief in einer Zeitung

gezeigt, den ich geschrieben haben soll. Darauf erkläre ich folgendes.

Diesen Brief habe ich weder geschrieben noch unterschrieben. Auch hat

ihn keiner meiner Leute geschrieben noch unterschrieben. Diesen Brief

hat ein böser Mensch mit schlechten Absichten geschrieben. Überhaupt

schreibe ich und meine Leute schon lange nicht mehr in die Zeitungen.

Auch denke ich nicht mehr an so alte Dinge, wie Hornkranz.

Glauben Sie doch nicht alles Böse, was über mich gesagt wird. Ich

habe ja einen Vertrag mit Ihnen gemacht, den ich mit meinem Herzblut

unterschrieben habe. Ich bin usw.«

Mit dem letztgenannten Vertrag meinte der Kapitän den vom 15. November

1895 über die unbedingte Heeresfolge seinerseits. Und trotz dieses

Vertrages und trotz allen Entgegenkommens seitens des Bezirksamtmanns

v. Burgsdorff noch solches Mißtrauen! Ist es da ein Wunder, wenn wir

sehen, wie in dem gegenwärtig noch tobenden Aufstand die Hottentotten

so schwer zur Abgabe ihrer Waffen zu bringen sind?

* * * * *

Nach dieser Abschweifung kehre ich wieder zu dem Zuge nach dem

Hererolande zurück.

Der Weg ging durch dichtbevölkertes Land über Okandjose, Osire nach

Waterberg, wo wir am 12. August eintrafen. Die Abteilung bestand aus

etwa 70 Weißen und 50 Hereros, letztere unter dem Oberhäuptling.

In Waterberg lernte ich den Unterhäuptling und großen Viehzüchter

Kambazembi kennen, einen echten alten Herero, welcher unter äußerer

Sanftmut durchtriebene Schlauheit verbarg. Um sich der ihm unbequemen

Landfrage zu entziehen, erklärte er, »nur Kapitän der Beester« zu sein,

die Politik sei Sache des Oberhäuptlings. Trotzdem hatte der Aufenthalt

bei Kambazembi auch seine politische Bedeutung, da der Alte einer

der einflußreichsten Hereros und die Beseitigung etwaigen Mißtrauens

auf seiner Seite daher von Wichtigkeit war. Unterstützt wurde diese

Absicht durch seine stark hervortretende Kriegsunlust. Kambazembi hat

auch bis zu seinem Tode, ungeachtet mancherlei Unzuträglichkeiten,

die ihm das Zusammenleben mit Weißen zuweilen bereitete, den Frieden

um jeden Preis aufrecht erhalten. Erst nach seinem Ableben, aber auch

nicht lange darauf brach der allgemeine Hereroaufstand aus.

[Illustration: Nordreise des Gouverneurs 1895.]

Damals sah es mitten im Hererolande, in welchem die Grenzfrage

keine Rolle spielte, sehr friedlich aus. Überall wurde die Truppe

mit freudigem Staunen begrüßt und überall schwärmten die Hereros

unbewaffnet und zutraulich umher, nur stark um Tabak bettelnd. Dem

alten Kambazembi ließ ich auf seinen Wunsch das mitgebrachte Geschütz

vorführen. Auf die von mir geäußerte Besorgnis, verirrte Sprengstücke

könnten Unheil anrichten, meinte der Alte, wenn auch ein Herero

getroffen würde, er bezahle alles. Das ist der Standpunkt des reichen

Herero. Demjenigen, der es bezahlen kann, ist alles erlaubt, Strafe

ereilt nur den Armen. Trotzdem das Hereroland während meines Marsches

äußerlich einen friedlichen Eindruck machte, konnte ich wahrnehmen,

daß die Hereros das Zentrum ihres Landes geräumt hatten, um sich mehr

nach der Peripherie zu ziehen. Sie ahnten das bevorstehende Eindämmen

von allen Seiten und wollten sich daher rasch noch viele Wasserstellen

»ersitzen«.

[Illustration: Gegend von Waterberg.]

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 6 / 50 段