bereits hatten sich im Osten und im Norden des Schutzgebietes die
Vorboten weiterer ernster Ereignisse gezeigt. Bei der neugegründeten
Station Aais war es zu einem Zusammenstoß der Stationsmannschaft mit
den Khauas-Hottentotten gekommen, bei dem drei Hottentotten gefallen
waren, die Station aber ihren gesamten Viehbestand verloren hatte. In
Omaruru war seitens der Hereros ein Engländer ermordet worden, und im
Süden waren Mißhelligkeiten zwischen der Station Keetmanshoop und der
Bevölkerung entstanden.
Nach Aais entsandte ich zunächst den Oberleutnant v. Heydebreck mit
60 Reitern und einem Geschütz, um vorläufig die Khauas in Schach zu
halten. Nach Omaruru wendete ich mich selbst, und es erfolgte nunmehr:
Die Aufrichtung der tatsächlichen Schutzherrschaft im Hererolande.
Bereits oben habe ich erwähnt, wie in der Pause, die der Witbooikrieg
gelassen hatte, in Verfolg eines Streites zwischen dem Oberhäuptling
Samuel und einem seiner Unterhäuptlinge sich erstmals Gelegenheit bot,
auch in die Verhältnisse des Hererolandes einzugreifen. In Okahandja
residierte neben dem Oberhäuptling der reiche und einflußreiche alte
Riarua, früher erster Berater des Oberhäuptlings Kamaherero und
zugleich dessen Feldhauptmann. Dieser konnte sich nicht darein finden,
daß jetzt ein junger Oberhäuptling sein Herr sein und er selbst keinen
Einfluß mehr besitzen sollte. Er machte daher dem neuen Oberhäuptling
Samuel das Leben so sauer, daß letzterer schließlich Okahandja verließ
und sich eine Stunde davon in Osona festsetzte. Dies teilte mir
Samuel mit dem Bemerken mit, er sei in Okahandja seines Lebens nicht
mehr sicher. Eine derart günstige Gelegenheit zum Eingreifen in die
Hereroangelegenheiten war sobald nicht wieder zu erwarten. Ich stellte
daher dem Oberhäuptling meine Unterstützung in Aussicht und wies ihn
an, bis zu meinem Eintreffen nichts Feindliches zu unternehmen.
Groß und gewichtig war die Macht nicht, welche die Truppe damals in die
Wagschale zu werfen hatte. Sie war erst vor 14 Tagen von dem ersten
langen Kriegszuge in das Namaland zurückgekommen, abgerissen, schlecht
beritten und nach Abgabe der Stationsbesatzungen im Namalande gewaltig
zusammengeschmolzen. Mühsam wurden ein Offizier (Leutnant Troost), 40
Reiter und ein Geschütz aufgebracht, mit denen ich mich am 23. Juni
nach Okahandja in Marsch setzte. Glücklicherweise aber ergänzte der
damals noch große Respekt der Eingeborenen vor dem Geschütz, was der
Truppe an Stärke abging. Neben dem Hererolager wurde in Osona spät
abends das unsere aufgeschlagen. Den andern Tag, am 24. Juni, fand
Zusammenkunft mit dem Oberhäuptling statt, den ich trotz hochgezogener
deutscher Flagge recht niedergeschlagen fand. Auf Nachmittag 3 Uhr
wurde ein Zusammentreffen der beiden Gegner in dem deutschen Lager,
als neutralem Boden, verabredet. Wer aber nicht kam, war Riarua, der
sich mit der üblichen Krankmeldung entschuldigte. Mein sofortiges
eigenes Erscheinen vor dessen Wohnung in Okahandja noch an demselben
Tage vermochte zunächst hieran nichts zu ändern. Der Alte war vielmehr
jetzt ganz verschwunden. Auf dem Rückwege zum Lager begegnete ich
indessen seinem Sohne, dem heute vielfach genannten Assa Riarua.
Einige aufklärende Worte an diesen genügten, um den Vater Riarua zur
freiwilligen Gestellung bei mir noch an demselben Abend zu bewegen.
Dann fand am 25. Juni im Hause des Missionars ein Zusammentreffen
der beiden Feinde mit schließlicher feierlicher Versöhnung statt.
Während der Besprechung war auf Antrag des Oberhäuptlings Riarua um
seine Waffen und Munition erleichtert worden. Eine Abteilung, gemischt
aus Deutschen und Hereros, holte sie in dessen Hause ab. Samuel nahm
dann den ihm nahegelegten Antrag, zu seinem Schutze um eine deutsche
Garnison in Okahandja zu bitten, mit Freuden auf. Die Station wurde
vorläufig in dem Hause der Firma »Wecke & Voigts« untergebracht und
an ihre Spitze der Leutnant Eggers gestellt. An seine Stelle trat in
Swakopmund der mit dem neuen Transport kommende Leutnant v. Erckert,
derselbe, der später auf dem Ritt zur Naukluft ein bedauerliches
Ende durch Verdursten gefunden hat. Damit war der Hauptplatz des
Hererolandes in die tatsächliche Machtsphäre der Schutzherrschaft
eingezogen. Wenn auch der Oberhäuptling selbst wenig Macht besaß, so
mußte doch ein etwaiger aufständischer Unterhäuptling mit ihm rechnen
und dessen direkte Anhänger stets auf unsere Seite bringen.
[Illustration: Station Okahandja.]
Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch den Unterhäuptling Nikodemus
kennen, den Thronprätendenten im Hererolande, zugleich Stiefsohn des
alten Riarua. Er suchte behufs Stärkung seiner Erbansprüche jetzt
gleichfalls Anlehnung an die deutsche Regierung. Da ein solcher Keim
der Zwietracht unter den Hereros für uns von Nutzen sein konnte,
behandelte ich die Sache dilatorisch und vertröstete auf die Zukunft.
Einen Antrag Samuels, mit ihm zusammen gegen seinen anderen erbitterten
Feind, den Unterhäuptling Tjetjo, zu marschieren, lehnte ich dagegen
für jetzt ab; hatten wir doch vorläufig noch genug mit Witbooi zu tun.
Einschaltend will ich hier bemerken, daß die zuweilen als Vorwurf
erhobene Behauptung, die deutsche Regierung hätte den Oberhäuptling
Samuel als solchen eingesetzt, nicht richtig ist. Letzterer war als
Sohn des verstorbenen Oberhäuptlings Kamaherero, über die Proteste
der nächstberechtigten Agnaten Tjetjo und Nikodemus hinweg, seitens
der Großleute in Okahandja gewählt worden. Mein Vorgänger nahm die
gegebene Tatsache einfach hin.[17] Ich selbst betrat den gleichen Weg,
ohne jedoch die Nebenbuhler Samuels uns direkt zu verfeinden. Von den
letzteren ist jedoch der eine, Nikodemus, später mit Gewalt in sein
Verderben gerannt.
Diesem Zwischenfall folgte der bereits geschilderte Entscheidungskampf
gegen Witbooi und letzterem dann im November 1904 mein Besuch bei dem
nächstmächtigsten Häuptling der Hereros, Manasse in Omaruru. Dieser
Besuch, zuerst friedlich gedacht, nahm jedoch infolge der Ermordung
eines Engländers im Gebiet des Häuptlings Manasse einen kriegerischen
Charakter an. Der Engländer hatte seinerseits einen Eingeborenen
ermordet. Da damals eine Vertretung der deutschen Regierungsgewalt
in Omaruru noch nicht vorhanden war, wollte Manasse das Strafgericht
selbst in die Hände nehmen und den Täter verhaften lassen. Den
Befehl dazu überschritten jedoch die Abgesandten des Häuptlings und
schossen den Weißen tot. Der Häuptling, einer der intelligentesten
des Schutzgebietes, verhehlte sich nicht, daß dies einen Kriegsfall
bedeuten könnte und traf seine Gegenmaßnahmen. Zeitweilig sollen in
Omaruru bis zu 800 Bewaffnete versammelt gewesen sein. Dazwischen
sandte mir jedoch der Häuptling Botschaft auf Botschaft, daß er
glücklich wäre, wenn die Sache friedlich erledigt werden könnte. Unsere
Truppenmacht bestand aus 100 Mann und 1 Geschütz, jedoch moralisch und
materiell verstärkt durch die Teilnahme des Oberhäuptlings Samuel,
dessen Interesse zur Sache ich durch die Aufforderung, jetzt auch in
Omaruru seine Würde als Oberhäuptling zur Geltung zu bringen, gewonnen
hatte. Dieser Verlockung konnte er nicht widerstehen, umsoweniger,
als Manasse ihn niemals anerkannt hatte und ein vor mehreren Jahren
gemachter Versuch Samuels, diesen gewaltsam hierzu zu zwingen,
mißglückt war. Auch der Häuptling Zacharias von Otjimbingwe schloß sich
dem Zuge an. Am 26. November 1894 traf die Truppe, von Otjimbingwe
kommend, in Omaruru ein. Die Macht Manasses hatte sich, wohl aus
Proviantmangel, größtenteils wieder verlaufen, so daß bei unserer
Ankunft nur noch 200 bis 300 Bewaffnete vorhanden waren. Doch auch
diese leisteten keinen Widerstand. Manasse hatte die Mörder bereits
festgesetzt, so daß der als Kaiserlicher Richter mitgekommene Assessor
v. Lindequist die Untersuchung sofort beginnen konnte. Derjenige
Herero, der den tödlichen Schuß abgegeben hatte, wurde zum Tode und der
Führer der Abteilung, ein Neffe Manasses, zu drei Monaten Gefängnis
verurteilt. Sowohl Assessor v. Lindequist wie ich hatten das Gefühl,
als ob der zum Tode Verurteilte, ein Mann niederen Standes, aus Achtung
vor dem Höhergeborenen dessen Schuld mit auf sich genommen hätte.
Eine Veranlassung, dieser Sache auf den Grund zu gehen und so den
Kapitän unnötig zu verstimmen, hatten wir jedoch nicht. Der verurteilte
»kleine Mann« erlitt den Tod, und der verurteilte »große Mann« ging als
Gefangener nach Windhuk.
[Illustration: Omaruru.]
Wichtiger war es, die üble Lage des Kapitäns politisch auszunutzen.
Etwa einen Tagemarsch unterhalb Omaruru liegt an dem gleichnamigen
Flusse eine Bergdamaraniederlassung namens Okombahe. Diese, erklärte
ich, müsse die deutsche Regierung wegen der dort vorhandenen
Arbeitskräfte haben. Der Kapitän, zuerst überrascht, daß ich von dieser
Niederlassung überhaupt Kenntnis hätte,[18] gab schließlich wohl oder
übel nach, er trat den Platz an die deutsche Regierung ab. Okombahe,
bis zum heutigen Tage direkt unter der Regierung stehend, ist auch
während des gegenwärtigen Aufstandes treu geblieben. Als Gegenleistung
für seine Befreiung von den Hereros mußte der Werftkapitän Cornelius in
wechselndem Turnus, seiner Bevölkerungszahl entsprechend, Arbeitskräfte
stellen. Die Kaffern von Okombahe sind meist Christen, da sich dort
eine Station der Rheinischen Mission befindet.
Ferner wurde die Gelegenheit benutzt, um auch Omaruru mit einer
Garnison zu versehen. Es blieben dort unter dem Oberleutnant Volkmann
26 Mann und 1 Geschütz. Schließlich wurden zwischen den drei anwesenden
Häuptlingen die Grenzen geregelt. Zweifelhafte Grenzbestimmungen, um
den Wetteifer der Häuptlinge um die Gunst der deutschen Regierung wach
zu erhalten, blieben jedoch noch genug übrig. Die Frage einer etwaigen
Unterstellung Manasses unter den Oberhäuptling Samuel wurde dagegen von
mir wohlweislich nicht mehr berührt.
Am 30. November wurde der Abmarsch nach Windhuk über Okahandja
angetreten. An letztgenanntem Platze wurde nach zweitägigen
Verhandlungen mit den Hereros deren Südgrenze gegen das Kronland
bis an den Weißen Nosob zurückgeschoben. Diesen für die Hereros
schwerwiegenden Vertrag unterschrieb Samuel, wie immer, leicht und
vergnügt, mit ernstem Bedenken aber seine Großleute, an der Spitze Assa
Riarua.
Die Hereros innerhalb ihrer Grenzen zu halten, war eine der
schwierigsten Aufgaben der deutschen Regierung. Wir hatten uns
gleichsam als Puffer zwischen sie und die Hottentotten eingeschoben,
nachdem die Niederwerfung Witboois sowie die spätere Vertreibung der
Khauas-Hottentotten uns ein stattliches Kronland östlich Windhuk über
den Weißen und Schwarzen Nosob bis an die englische Grenze verschafft
hatte. Das ehemalige Jan Jonker-Gebiet zwischen Swakop und Kuiseb
westlich Windhuk gehörte der Kolonialgesellschaft für Südwestafrika,
dies mußte mithin seitens der Regierung gleichfalls geschützt werden.
Durch uns befreit von dem Alp, den Witbooi mit seinen fortgesetzten
Raubzügen über den Hereros hatte lasten lassen, überschwemmten
diese nunmehr ihrerseits die Grenzen. Hatten sie damit früher die
Hottentotten belästigt, so traf dieses Schicksal jetzt uns, und gerade
während der eben geschilderten Wirren in Omaruru waren die Hereros in
Unzahl aus dem Süden ihres Gebiets herübergezogen, so daß es beinahe
zu einem bewaffneten Zusammenstoß mit der in Windhuk zurückgebliebenen
kleinen Garnison gekommen wäre. Die Festsetzung einer Südgrenze war
daher dringend nötig, es fragte sich jetzt nur, ob die Hereros diese
respektieren würden.
Nach kurzem Aufenthalt in Windhuk ging es am 21. Dezember gegen die
Khauas-Hottentotten vor. Diese Gelegenheit des Durchmarsches einer
Truppenabteilung unter meiner Führung wurde benutzt, um verschiedene
über die Grenze gedrungene Hererowerften zurückzuweisen. Am 31.
Dezember fand das Eintreffen in Aais und die Vereinigung mit der
dorthin vorausgesandten Abteilung des Oberleutnants v. Heydebreck
statt, so daß dort nunmehr etwa 100 Gewehre und zwei Geschütze zur
Verfügung standen. Die 2. Kompagnie unter Hauptmann v. Sack war als
zweite Kolonne über Hoachanas an den unteren Nosob entsendet, um den
Khauas den Weg zu ihren Stammesgenossen im Süden zu verlegen, mithin
wieder eine Trennung; aber es war die letzte, die ich angeordnet habe.
Denn viele Tage lang war ich ohne Nachricht von der 2. Kompagnie und
hatte bezüglich ihres Schicksals schwere Sorgen auszustehen. Als dann
endlich die beiden Abteilungen Fühlung miteinander bekamen, wäre
es noch beinahe zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, da sie sich
gegenseitig für Hottentotten gehalten hatten.
Abermals ins Namaland.
Der Abmarsch der in Aais versammelten Abteilung fand am 2. Januar
1895 statt; am 5. abends Ankunft in Hoagousgeis, der ergiebigsten
Wasserstelle am unteren Nosob. Die Khauas hatten sich an der letzten
für größere Abteilungen brauchbaren Wasserstelle an dem genannten Fluß,
in Arahoab, festgesetzt. Im übrigen sah es mit den Wasserverhältnissen
bei dem jetzt mangelhaften Regenjahr recht bedenklich aus. In
Hoagousgeis wurde Halt gemacht, um Nachrichten von der 2. Kompagnie
abzuwarten. Diese kam trotz aller ausgesandten Boten erst vier
Tage später, am 9., zugleich mit der Meldung, daß eine Patrouille
der Station Hoachanas mit einer Abteilung Khauas zusammengestoßen
sei und hierbei zwei Tote gehabt hätte. Ferner verlautete, die
Khauas-Hottentotten hätten auf die Nachricht von dem Anmarsch
der Truppe aus Aais ihre Stellung bei Arahoab geräumt und seien
querfeldein gegen Gochas gezogen. Dies war die für uns ungünstigste
Richtung, da sie den aufrührerischen Stamm zu den unzuverlässigen
Franzmann-Hottentotten und in die Nähe der eben erst unterworfenen
Witboois führte. Nachdem eine stärkere Patrouille unter Leutnant
Troost den erfolgten Abmarsch der Khauas bestätigt hatte, trat ich am
15. Januar den Abmarsch von Hoagousgeis direkt über Oamsib und Gungab
nach Gochas an. Die mittlerweile gleichfalls im Nosobtal in der Nähe
Arahoabs eingetroffene 2. Kompagnie erhielt Befehl, auf demselben Weg
zu folgen. Diese Art Trennung, nämlich Zerlegung in _hinter_einander
marschierenden Staffeln, ist die einzige, die ich seitdem in Afrika
vorgenommen habe. Zu ihr zwingen zuweilen die Wasserverhältnisse. Sie
ist indessen taktisch ungefährlich, da bei einer etwa eintretenden
schwierigen Lage die vordere Staffel nur einfach Halt zu machen und das
Aufschließen der hinteren abzuwarten braucht.
Der Kriegsschauplatz hatte sich mithin nach Gochas verzogen, wo
inzwischen sich mancherlei Wichtiges ereignet hatte. Der etwa seit
vier Wochen in Gibeon ansässige Kapitän Witbooi hatte sich als über
die Kriegsereignisse stets genau orientiert erwiesen und über sie auch
seinen Stationschef v. Burgsdorff auf dem laufenden erhalten. So auch
jetzt in bezug auf den Marsch der Khauas-Hottentotten nach Gochas,
zugleich unter freiwilligem Hilfsangebot. Oberleutnant v. Burgsdorff
nahm zu zehn seiner Soldaten zehn Witboois und eilte mit diesen nach
Gochas. Das Erscheinen der zehn weißen Hüte auf unserer Seite brachte
auch dem Kapitän von Gochas zum Bewußtsein, auf welche Seite er gehöre.
Damit war den Khauas-Hottentotten der Boden zum ferneren Widerstande
entzogen. Als einem auf Posten ziehenden weißen Reiter seitens des
Gegners das Pferd unter dem Leibe erschossen, mit einem zweiten Schuß
der Karabiner zerschmettert worden war, ritt Simon Cooper persönlich in
das Lager der Khauas-Hottentotten, verbat sich das Schießen in seinem
Lande und erwirkte Schadenersatz.
Erfreulich zeigte sich ferner bei den Offizieren der Truppe das Streben
nach einheitlichem Zusammenwirken sowie das Drängen nach dem Orte der
Gefahr. Des lobenswerten Eingreifens des Oberleutnants v. Burgsdorff
habe ich schon gedacht. Hauptmann v. Estorff, welcher zur Heilung
seiner im Witbooifeldzuge erhaltenen Wunde auf dem Wege nach der
Heimat war, kehrte in Kapstadt um und eilte über Lüderitzbucht nach
Gochas. In Gibeon gab ihm Kapitän Witbooi einige Reiter zum Schutze
mit. Leutnant Eggers, der mit 30 Reitern als Verstärkung von Windhuk
über Hoachanas nach dem Nosobtal im Anmarsch war, schwenkte auf die
Nachricht von dem Marsch der Khauas nach Gochas sofort ab und wandte
sich gleichfalls nach letztgenanntem Orte. Das Verdienst dafür, daß
den Leutnant Eggers diese Nachricht rechtzeitig traf, fällt dem Reiter
Schüle der Truppe zu, demselben, der als Verteidiger einer Wasserstelle
gegen die Witboois bereits rühmlich genannt ist. Er hatte den Auftrag,
in Begleitung einiger von Simon Cooper gestellter Reiter die Meldung
von den Ereignissen in Gochas nach dem Nosobtal zu bringen und den
klugen Gedanken, in Gungab, einem Hauptknotenpunkt zwischen dem Nosob-
und dem Auobtal, sichtbar angebracht, eine Meldung zurückzulassen. Die
letztere schilderte in anschaulicher Weise das Eintreffen der Khauas,
etwa 120 Hinterlader stark, in Gochas und wie »sein Leutnant« sich
dadurch in höchster Gefahr befände. Diese Meldung versah Leutnant
Eggers, nachdem er sie gelesen, mit seinem Visum und steckte sie
wieder an ihren Platz. Dort fand auch ich sie, und war damit über
die Lage aufs vortrefflichste orientiert. Während so die Truppe
Windhuk mit zwei Offizieren und etwa 100 Reitern verlassen hatte,
hatten sich schließlich in Gochas sechs Offiziere und etwa 180 Reiter
zusammengefunden.
Am 22. Januar 1895 erfolgte der Einmarsch in Gochas. Dies veranlaßte
die in der Nähe des Platzes lagernden Khauas zum eiligen Abmarsch, und
-- was recht merkwürdig war -- Simon Cooper mit seinen Leuten schloß
sich ihnen sofort an. Die Ursache hierzu war das ewig böse Gewissen
des Kapitäns, obwohl er zu einem solchen gerade jetzt gar keine
Veranlassung hatte. Samuel Isaak, der anwesende Feldherr der Witboois,
hemmte schließlich diese allgemeine Flucht. Das Erscheinen zweier
flüchtiger Stämme in dem kaum beruhigten Namalande konnte damals von
unheilvollen Folgen sein. Dies umsomehr, als bei dem Zusammenstoße in
Aais, der den Anlaß zur Eröffnung der Feindseligkeiten gegeben hatte,
äußerlich ein gutes Teil Unrecht auf unserer Seite gewesen war.
Aus diesem Grunde betrat ich den von den Kapitänen Witbooi und Simon
Cooper vorbereiteten Boden des friedlichen Ausgleichs und begnügte mich
mit Rückgabe des geraubten Viehs und der erbeuteten Gewehre seitens der
Khauas. Ferner wurde der Stamm seines Landes für verlustig erklärt,
zur Ansiedlung im Witbooigebiet gezwungen und der Oberaufsicht des
Kapitäns Witbooi unterstellt. Dieser war nach meinem Eintreffen in
Gochas an der Spitze von 70 Reitern persönlich nach dort gekommen
und nahm sich der Durchführung der getroffenen Abmachungen auf das
eifrigste an. Nur eine Bedingung konnte er, wie ich hier vorgreifend
bemerken will, dauernd nicht durchführen, nämlich die zwangsweise
Ansiedlung der Khauas in seinem Gebiete. Nach wenigen Monaten war der
ganze Stamm geflüchtet und wieder in seinen alten Raub- und Jagdgründen
am Nosob aufgetaucht, wo wir ihm ein Jahr später nochmals begegnen
werden, aber dann zum letzten Male. Der nominelle Kapitän der Khauas,
Manasse in Bersaba, hatte -- von Witbooi beinahe mit Gewalt hergeholt
-- sich bei dieser Regelung der Verhältnisse seines Stammes ziemlich
passiv verhalten. Er verschwand nachher wieder in Bersaba, um nicht
wieder zum Vorschein zu kommen. Der bisherige stellvertretende Kapitän
der Khauas, Eduard Lambert, nahm dann den Titel Kapitän an.
Kaum dieser Sorge ledig, drängte sich mir jetzt eine andere, sehr
viel schwerere auf. Eilboten der Station Aais brachten die Meldung,
der Assessor v. Lindequist, der gemeinsam mit den Abgesandten des
Oberhäuptlings Samuel die neue Südgrenze des Hererolandes hatte
abreiten sollen, sei zugleich mit seinen sechs weißen Begleitern von
aufsässigen Hereros gefangen gesetzt. Seine seitens des Oberhäuptlings
mitgegebenen Hererobegleiter seien gleichfalls gefangen, aber nicht
festgebunden, wie die Weißen. Diese Meldung ließ an schwerwiegender
Bedeutung nichts zu wünschen übrig, denn in Verbindung mit den bald
darauf eintreffenden nicht minder bedrohlichen Nachrichten aus dem
Namalande stellte sie nicht mehr und nicht weniger in Aussicht als
einen Krieg nach zwei Fronten. Einem solchen hatten wir 180 Mann mit
4 Geschützen entgegenzusetzen. Für jetzt blieb nichts anderes übrig,
als Zerlegung dieser schwachen Truppe in zwei gleich starke Teile, von
denen der eine unter Hauptmann v. Estorff nach dem Norden, der andere
unter mir nach dem Süden abrückte. Witbooi sollte behufs Unterbringung
der Khauas in Gochas bleiben. Die erwähnten bedenklichen Meldungen aus
dem Namalande hatten folgendes besagt:
1. Eine Patrouille sei von den Feldschuhträgern überfallen, ein Reiter
erschossen und einer verwundet worden.
2. Keetmanshoop sei von den Feldschuhträgern belagert, der auf
Patrouille befindliche Distriktschef Oberleutnant Bethe mit 10 Reitern
von den Bondelzwarts erschossen worden.
Auch diese beiden Meldungen trugen den Stempel sicherster
Glaubwürdigkeit. Und doch erwies sich von ihnen, wie auch von der
erwähnten Nachricht aus dem Hererolande, mithin von drei Meldungen,
in der Folge nur eine einzige als wahr, nämlich diejenige von dem
Abschießen einer kleinen Patrouille im Feldschuhträgergebiet; aber
nicht durch den Stamm der Feldschuhträger war dies geschehen, sondern
durch einige auf eigene Faust räubernde Hottentotten. Sie wurden später
mit Hilfe der betreffenden Kapitäne eingebracht, sechs von ihnen
kriegsgerichtlich zum Tode verurteilt und erschossen. Der Mord war an
einer Wasserstelle geschehen, an der die zwei Mann starke Patrouille
friedlich gelagert hatte. Der Überlebende (Unteroffizier Walter),
obwohl selbst am Arm schwer verwundet, war verständig genug, aus dem
Gewehre seines Kameraden das Schloß herauszunehmen und dieses dadurch
unbrauchbar zu machen. Dann schleppte er sich nach der sechs Stunden
entfernten Station Koes, wo er auch glücklich eintraf. In dem Punkte
der Überlassung von Gewehren an den Feind habe ich sonst unsere Leute
immer von einer ganz unglaublichen Sorglosigkeit gefunden, während
die Eingeborenen gerade das Gegenteil zeigen. Die Folge ist, daß in
jedem Feldzuge in bezug auf Gewehre und Munition trotz aller Siege das
Verlustkonto auf unserer Seite das größere zu sein pflegt.
Nachdem sich derart bestimmt auftretende Nachrichten von dem schwersten
Gewichte, wie sie hier vorgelegen hatten, als rein aus der Luft
gegriffen erwiesen hatten, wird es jeder nur billigen, wenn ich später
in bezug auf Nachrichten aus dem Schutzgebiete skeptisch geworden
bin. Südwestafrika ist das Land der sogenannten »Stories«, wie man
dort die herumgetragenen Nachrichten nennt. Solche pflegen sich mit
einer unglaublichen Geschwindigkeit fortzupflanzen. In Beziehung auf
ihre Weiterverbreitung konnte daher der Telegraph an Geschwindigkeit
nichts verbessern, wohl aber bedurften wir seiner dringend, um sie zu
kontrollieren.