Nach der Verwundung des Hauptmann v. Estorff übernahm Leutnant

Volkmann, fast zu hastig vorwärtsstürmend, die Kompagnie, so daß

ich, um Rückschläge zu vermeiden, die beiden Geschütze in der tiefen

Schlucht dicht hinter der Kompagnie aufschließen lassen mußte -- wieder

ein nach europäischen Begriffen durchaus unrichtiges Verfahren, für

Afrika indessen richtig. Einerseits haben wir dort auf gegnerischer

Seite Artillerie nicht zu befürchten, auf der andern Seite zeigten

damals noch die Eingeborenen vor den Geschützen eine solche Angst, daß

schon der Anblick eines »großen Rohrs«, wie sie es nennen, genügte, um

ihr Feuer abzuschwächen. Bei der Artillerie gibt es daher erst recht

kein langsames Heranschießen von weiten Entfernungen ab, sondern ein

sofortiges Heranfahren in die wirksamste Schußweite, womöglich dicht

hinter die Schützenlinie. Auf Europa anzuwendende Lehren bietet daher

der afrikanische Krieg von allen Waffengattungen der Artillerie die

wenigsten, höchstens haben wir auch dort die Erfahrung gemacht, daß

die beste Wirkung von einem ausgiebigen Schrapnellschuß zu erwarten

ist, und daß daher das Kaliber unter ein gewisses Maß nicht herabgehen

darf. Das gleiche gilt übrigens auch für die Gewehre. Die Eingeborenen

sind gegen den Schmerz viel weniger empfindlich als wir und vermögen

auch schwere Wunden ohne äußeren Nachteil zu ertragen. Daher die

Erscheinung, daß man so gut wie nie auf verlassenen Schlachtfeldern

feindliche Verwundete findet, da die letzteren auch mit schweren Wunden

noch wegzulaufen imstande sind.

Um nun wieder auf das Gefechtsfeld zurückzukehren, so war die Lage

nach verschiedenen Momenten des Kampfes, die uns noch manche Verluste

gebracht hatten, am 27. August abends folgende:

Am weitesten vorgeschoben, gleichsam als eine Art Vorposten, stand der

Rest der 1. Kompagnie auf der sogenannten Volkmannshöhe. Weiter zurück

in der eroberten Hauptwerft Witboois standen die beiden Geschütze

mit ihrer Bedienungsmannschaft und einigen Ordonnanzen, zugleich als

Hauptquartier; noch weiter zurück, in einer Nebenwerft Witboois, war

der Hauptverbandplatz aufgeschlagen. Von der auf die Höhen links

entsendeten 3. Kompagnie war vorläufig noch nichts zu fühlen. Wie ich

die Verhältnisse heute zu übersehen vermag, hätte ich am Mittag des

27. August in der Hauptwerft Witboois Halt machen und Nachrichten von

der 3. Kompagnie abwarten sollen. Damals aber glaubte ich den Gegner

in voller Auflösung geflüchtet und fürchtete, die Fühlung mit ihm zu

verlieren. Diese Annahme erwies sich aber als ein Irrtum. Der Feind

hatte in dem schwierigen Gebirgsgelände, weil er sich lediglich auf die

Verteidigung beschränkte, wenig Verluste erlitten und, von Stellung

zu Stellung zurückgehend, bis zum Abend hartnäckigen Widerstand

geleistet. In der Nacht vom 27./28. August biwakierten daher beide

Gegner, Gewehr im Arm auf Schußweite sich gegenüberliegend, wie wir

solches in den künftigen europäischen Kriegen mit ihren Massenheeren

und langandauernden Schlachten häufig finden werden. Auch ein anderer

Übelstand stellte sich ein: es war nämlich weder Wasser, Holz noch

Proviant vorhanden.

Der Kapitän Witbooi hatte nunmehr Gelegenheit, sich als gewandter

Taktiker zu zeigen. Mit raschem Blick hatte er die klaffende Lücke

zwischen der Abteilung des Leutnants Volkmann und seiner ehemaligen

Werft, die zum Hauptlager ausersehen war und die beiden Geschütze

enthielt, erkannt, eine Abteilung dazwischengeschoben und einen

heftigen Angriff auf das Lager gemacht. Glücklicherweise traf

gerade noch im letzten Augenblick, von ihrem Führer im Laufschritt

herangeführt, die 3. Kompagnie ein und verjagte die Angreifer. Mit

diesem Eintreffen war die Kriegslage wieder eine naturgemäße geworden,

nämlich eine starke Infanterieabteilung mit zwei Geschützen als

Rückhalt, eine kleinere Abteilung als Vorposten vorgeschoben. Daß

zwischen beiden sich die ganze Nacht feindliche Posten und Patrouillen

herumtrieben, ist bei der dortigen Kriegführung, wo die Begriffe

»Flanke«, »Front«, »Rückzugslinie« sich weniger hervorheben, nichts

besonders Auffallendes.

Von den beiden anderen Gefechtskolonnen hatte diejenige bei Bullsport

sich nach einem kleinen, geschickt durchgeführten Gefecht der

Hauptabteilung wieder angeschlossen, obwohl sie zur 2. Kompagnie nach

Uhunis hatte übertreten sollen. Von letzterer trafen dagegen am 28.

August früh trübe Nachrichten ein. Nach anfänglich siegreichem Vorgehen

war sie von allen Seiten von einem überlegenen Feinde eingeschlossen

worden. Noch bevor indessen die jetzt zu Hilfe gesandte Abteilung

Gilsoul eingetroffen war, hatte der Gegner in der Nacht vom 27./28.

freiwillig den Rückzug angetreten, wohl auf die Nachricht von der

Erstürmung seiner Hauptstellung. Im übrigen hatte diese Kompagnie

schwere Verluste erlitten, etwa 27 vH.; dicht neben dem Führer

Hauptmann v. Sack war der beste Krieger der Bastards, der bereits

erwähnte Hans Dirgaard, gefallen.[14]

Der Erstürmung der Hauptstellung folgte ein überaus schwieriger

neuntägiger Gebirgskrieg, in welchem sich Witbooi als vollendeter

Meister in Lieferung von Rückzugsgefechten sowie in der Deckung seiner

Werft, bestehend aus Weibern, Kindern und Viehherden, zeigte. Überhaupt

konnte der Kapitän mit Recht in den so beliebten »Leutnantsaufgaben«

aus dem kleinen Kriege, Versteck, Überfall, Hinterhalt, vor allem

Deckung und Wegnahme eines Transportes, auch europäischen Offizieren

als Muster dienen.

Uns alle aber beherrschte damals die bange Frage: »Wird es dem Feinde

gelingen, an unseren schwachen Absperrungsposten vorbei aus dem Gebirge

zu entkommen?« Die Aussicht darauf wurde für den Gegner um so geringer,

je mehr es gelang, eine Verstärkung der Absperrungslinie an derjenigen

Front herbeizuführen, an welcher der Ausbruch versucht wurde. Hierzu

war es nötig, vor allem die Rückzugslinie des Feindes festzustellen.

Bis dies geschehen war, blieb ich für meine Person in dem eroberten

Hauptlager Witboois am Gebirgseingang in der Nähe der noch vorhandenen

geringen Reserve. Bei letzterer befanden sich auch die zwei Geschütze,

die der Truppe in das Gebirge nicht hatten folgen können. Der Führer

der 2. Feldkompagnie hatte sich inzwischen durch die Nachricht,

Witbooi wolle nach Westen ausbrechen, täuschen lassen und war nach

dem Gefecht von Uhunis ohne Befehl nach dort abmarschiert. Er erhielt

Weisung zur sofortigen Umkehr, denn ein Durchbruch nach Westen erschien

ausgeschlossen, da das Naukluftgebirge an der westlichen Seite an die

Sanddünen grenzt, wo weder Menschen noch Tiere bestehen können. Witbooi

konnte nur entweder nach Norden in das Tsondabtal oder nach Süden in

das Tsauchabtal durchbrechen. Die größere Wahrscheinlichkeit sprach für

das letztere, da der Gegner in den Gebirgen des Bethaniergebietes viel

mehr Bewegungsfreiheit fand, sich auch immer mehr seinen Hilfsquellen

im Namalande näherte, während wir uns von den unsrigen entfernten.

Die wichtige Frage, nach welcher Richtung Witbooi seinen Durchbruch

versuchen werde, von deren rechtzeitiger Lösung der Erfolg des

Feldzuges abhing, entschied sich erst am 30. August, aber noch

früh genug, um die entsprechenden Gegenmaßnahmen im Augenblick des

Durchbruchs in Wirksamkeit treten zu lassen. An dem genannten Tage

wurde die Fühlung mit dem nach dem Sturm vom 27. August verschwundenen

Gegner bei der Wasserstelle Gams, mitten im Gebirge, wiedergewonnen.

Der an der Südfront kommandierende Oberleutnant v. Burgsdorff hatte

von der Erlaubnis, nach zweitägiger Ruhe vor seiner Front nach

Umständen zu handeln, dahin Gebrauch gemacht, daß er in dem Streben,

an den Feind zu kommen, mit 14 Reitern in das Gebirge eingedrungen

war. Nach ungemein anstrengendem Marsch war diese kleine Abteilung

am 30. August isoliert auf die zurückgehenden Witboois gestoßen, die

gerade im Begriff waren, sie einzuschließen, als die Hauptabteilung

überraschend dazwischen kam. Nach einem mehrstündigen Gefecht traten

die Witboois den Rückzug, und zwar direkt nach Süden hin, an, während

die bisherige Richtung eine westliche gewesen war. Oberleutnant v.

Burgsdorff eilte nunmehr mit seiner Abteilung über das diesseitige

Hauptlager wieder nach der Südfront, wo er noch rechtzeitig eintraf.

Ich selbst sandte auf die erhaltene Meldung, was an Reserven verfügbar

war, vor allem ein Geschütz nebst einem Wagen mit Proviant, letzteren

für die aus dem Gebirge tretende Hauptabteilung, nach der südlichen

Front und eilte für meine Person nunmehr der Truppe in das Gebirge

nach. Die Hauptabteilung, die jetzt stets in Fühlung mit dem Feinde

blieb, hatte dann am 2. und 3. September das schwere Gefecht bei Gurus.

In diesem verteidigte Witbooi seine letzte Wasserstelle im Gebirge und

wollte durchaus nicht weichen. Die durch die überstandenen Strapazen

erschöpfte Truppe hatte einen schweren Stand, aber sie hielt unter

der tapferen Führung ihrer Offiziere, und zwar des Oberleutnants v.

Perbandt, der Leutnants Schwabe, Volkmann, Lampe und Troost, mit

Zähigkeit aus. Da ein Bajonettangriff in diesen Bergen ausgeschlossen

war, blieb nur ein schrittweises Heranschießen an die von dem Feinde

besetzte Wasserstelle übrig. Am Abend des 3. September war die letztere

in unserer Hand. Witbooi entschloß sich daher zur Räumung des Gebirges.

Am Nachmittag des 4. September erschienen gegenüber dem Posten 4 der

südlichen Absperrungslinie die dicken Haufen seines Trosses: Weiber,

Kinder und Viehherden, von allen Seiten durch berittene Bewaffnete

gedeckt. Genau bei dem genannten Posten, als dem Mittelpunkt seiner

Linie, hatte jedoch Oberleutnant v. Burgsdorff das ihm zugesendete

Geschütz aufgestellt. Diese Tatsache rettete den Feldzug. Denn vor

den sechs Gewehren des Postens 4 hätte Witbooi, der noch über 250

Bewaffnete verfügte, schwerlich Halt gemacht. Dagegen konnten seine

Leute den jetzt in die dicken Kolonnen hineinsausenden Granaten nicht

widerstehen, sie flüchteten rückwärts in das Gebirge. Witbooi kam

nunmehr in eine üble Lage, vor sich Burgsdorff mit dem Geschütz,

links rückwärts die nachdrängende Hauptabteilung. Der sonst taktisch

so geschulte Kapitän hatte den Fehler gemacht, auf der Südfront gar

nicht zu erkunden, und war sonach in Unkenntnis über unsere dortige

Absperrungslinie geblieben. Jedoch erwies er sich jetzt wieder sofort

als Herr der Lage. Rasch hatte er eine Gefechtslinie gegen die

Abteilung Burgsdorff gebildet und eine zweite gegen die nachdrängende

Hauptabteilung. Unter dem Schutz dieser beiden Linien sowie auch der

mittlerweile hereinbrechenden Dunkelheit brachte der Kapitän seinen

Troß in annähernder Ordnung wieder in das Gebirge zurück.

Schwere Opfer hatte das Gefecht von Gurus noch gekostet, darunter der

Adjutant der Truppe, Oberleutnant Diestel. Ihn hatte ich mit einer

Proviantkolonne zur Hauptabteilung vorausgesendet mit dem Befehl, mich

dort zu erwarten. In seinem Tatendrange hatte er sich fortgesetzt

freiwillig als Führer der Spitze gemeldet und war dann den ungeheuren

Schwierigkeiten des Geländes zum Opfer gefallen. Angesichts der

steil aufsteigenden Höhen rechts und links hatte er es unterlassen,

sich durch Seitenpatrouillen zu sichern, was jeder, der diese Höhen

gesehen hat, wohl verstehen wird. Zur Überwindung seitwärts mündender

Schluchten bedurfte es eines tagelangen mühsamen Kletterns, und

dann hatte man in der Luftlinie einige hundert Meter zurückgelegt.

Kein Wunder, wenn uns zuweilen Zweifel am Erfolge beschlichen. Die

Hottentotten ihrerseits überwanden diese Bergriesen mit affenartiger

Behendigkeit, womit unsere, noch dazu meist aus Kavallerie bestehende

Truppe nicht wetteifern konnte. Indessen muß ich ihr das Lob

spenden, daß sie sich redlich bemüht hat, es den Hottentotten gleich

zu tun und schließlich mit eiserner Disziplin und Ausdauer der

Geländeschwierigkeiten gleichfalls Herr wurde. Vorliegend machte sich

indessen das Fehlen der Seitenpatrouillen insofern übel bemerkbar, als

die auf den Bergen sitzenden Hottentotten den Oberleutnant Diestel

mit seiner Spitze ruhig durch ihre vordersten Reihen durchmarschieren

ließen und dann wie auf einer Treibjagd niederschießen konnten. Diestel

starb mit fünf seiner Leute. Im Gefecht selbst fiel noch ein sechster

Mann, so daß Gurus sieben Tote gekostet hat. Bei der Leiche des

Oberleutnants Diestel war folgender Brief des Kapitäns Witbooi gefunden

worden:

Gurus, 3. September 1894.

Mein lieber edler Herr Major Leutwein, hierbei mache ich diese Zeilen

für Sie und bitte Sie darum, sei doch so gut und drehe doch um, sehen

Sie denn nicht, daß ich fliehe, ich bin doch nicht so Großes schuldig

für Sie, so bitte ich Euer Edelen, warum? Laß mich doch stehen und

drehe um, wenn es Ihnen beliebt; hoffend, daß Euer Edeln dies tun,

schließe ich mit herzlichen Grüßen. Ich bin Ihr Freund

gez. H. W., Kapitän.

Laß doch nach diesem Brief kein weiteres unschuldiges Blut fließen.

Da in diesem Brief wieder kein Wort von Unterwerfung stand, nahm ich

keine Notiz von ihm, sondern setzte die Operationen fort.

Nach der Zurückwerfung des Gegners in das Gebirge hatte sich die

Kriegslage insofern eigentümlich gestaltet, als wir aus dem Gebirge

heraus waren, Witbooi dagegen wieder darin. Der Kapitän hatte es

nunmehr in der Hand, einfach nach seiner, von unserer Seite nur schwach

besetzten ehemaligen Stellung zurückzumarschieren und wir konnten

dann von vorn anfangen. Taktisch wäre es daher das Richtige gewesen,

die Truppe in das Gebirge zurückzuführen, um dem Gegner die Nordfront

wieder abzugewinnen. Doch war hierzu die Truppe zu erschöpft; aber

auch Witbooi war so wenig wir wir imstande, irgend etwas Ernstliches

zu unternehmen. Beide Teile brachten daher die Nacht vom 4. zum 5.

September, die Truppe bereits am südlichen Gebirgsrande, in total

erschöpftem Zustande zu. Nachdem dann am Morgen des 5. September noch

ein Ausfall von etwa 50 der anscheinend noch frischesten Witbooireiter

aus dem Gebirge zurückgewiesen war, führte ich die Truppe nach dem

Posten 3 der Südabsperrungslinie, wo der vorausgesandte Proviant

aufgestapelt war, und ließ ihr dort eine zweitägige Ruhepause. Schwere

Sorge beherrschte uns aber, da noch ein größerer Provianttransport

durch das Gebirge im Anmarsch war. Man sieht zumeist im Kriege nur

seine eigenen Schwierigkeiten, diejenigen des Gegners aber nicht, und

ist daher geneigt, den letzteren zu überschätzen. Denn Witbooi konnte

dem Provianttransport nicht mehr gefährlich werden. Er hatte sich nach

dem Zurückwerfen in das Gebirge 2 bis 3 Tage fast ohne Wasser behelfen

müssen. v. Burgsdorff hatte von den noch im Gebirgsrande liegenden

Wasserstellen die ergiebigste durch vier Mann besetzen lassen, die sie

unter der tapferen Führung des Reiters Schüle gegen die anstürmenden

Hottentotten erfolgreich verteidigten. Der führende Unteroffizier

hatte dagegen bei der Annäherung der Hottentotten den Kopf verloren

und den Posten verlassen, angeblich »um Verstärkung zu holen«, und war

unterwegs erschossen worden.

Erst am 7. September waren die Witboois wieder bewegungsfähig. Sie

zogen sich tiefer in das Gebirge nach der Wasserstelle Tsams zurück,

wo wir sie wieder treffen werden. Eine an diesem Tage vorgenommene

gewaltsame Erkundung am Südfuße des Gebirges entlang hatte ergeben,

daß nur noch einige erschöpfte Weiber und Kinder sich außerhalb des

Gebirges befanden, der waffenfähige Teil des Gegners dagegen in diesem

verschwunden war.

Die von ihrem Zug nach Westen zurückgerufene 3. Kompagnie war

inzwischen, wieder auf eigene Initiative, diesmal aber einem unterwegs

befindlichen Befehle vorauseilend, über das Gebirge und das Hauptlager

direkt nach der Südfront marschiert, wo sie am 5. vormittags eintraf.

Nach einem Ruhetage sandte ich sie, weil noch verhältnismäßig am

frischesten, über das Hauptlager in das Gebirge zurück mit dem Befehl,

wieder von Norden her Fühlung mit dem Feinde zu gewinnen, im übrigen

aber sich defensiv zu verhalten. Die neue Stellung wie die Verfassung

des Feindes war dagegen durch ein einfaches Mittel erkundet worden.

Der Gefreite Melchior ritt, mit einer weißen Fahne und irgend einem

mündlichen Auftrag für den Kapitän ausgestattet, in das Gebirge und

fand überall zersprengte Hottentotten. Aus Gesprächen mit diesen erfuhr

er die neue Stellung Witboois.

Nunmehr folgte ich am 9. September mit der 1. und 3. Kompagnie der

vorausgesandten 2. Kompagnie, so daß am 11. September die ganze

verfügbare Truppe, mit dichter Fühlung am Feinde, vor der neuen

Stellung Witboois bei Tsams vereinigt war. Auf dem Marsche dorthin

traf mich eine Botschaft des Kapitäns, in der dieser zum erstenmal ein

ernstliches Unterwerfungsangebot machte. Nunmehr trat die wichtige

Entscheidung über die Frage an mich heran, ob ich den Krieg bis zur

Vernichtung Witboois fortsetzen oder dem letzteren eine goldene Brücke

bauen und ihn für uns zu gewinnen suchen sollte. Ich entschloß mich zu

letzterem und habe diesen Entschluß in einem unter dem 14. November an

meine vorgesetzte Behörde erstatteten Bericht, wie folgt, begründet:

»Wenn ich Witbooi in seiner derzeitigen ungünstigen Stellung bei

Tsams angriff, so hätte er zweifellos eine weitere Niederlage

erlitten. Daß es dabei gelingen würde, den Führer selbst zu fangen

oder sonst unschädlich zu machen, schien mir mit Sicherheit aber

nicht zu erwarten. Gelingt es Witbooi, mit nur 30 bis 40 Reitern, die

sich unschwer einzeln bei Nacht zwischen unseren Absperrungsposten

durchschleichen können, zu entkommen, so ist mit dem Siege, der gewiß

weitere Opfer kosten wird, nichts erreicht. Mit den zurückgelassenen

Weibern und Kindern können auch wir nichts anfangen. Wir müssen

sie laufen lassen und ihnen vielleicht, wollen wir sie nicht dem

Hungertode preisgeben, sogar das wenige Vieh belassen.[15] Witbooi

dagegen, der dann nichts mehr zu verlieren hat, wird seine Leute

vollständig zu einer schwer faßbaren Räuberbande ausbilden, welche

allmählich wieder durch Zulauf verstärkt werden wird. Uns bliebe dann

nur ein fernerer opfervoller Kampf in Aussicht. Und daß Witbooi bei

dem Angriff entkommen wird, ist nahezu als sicher anzunehmen. Witbooi

ist beim Vorgehen zum Gefecht stets der Letzte, beim Rückzuge dagegen

stets der Erste. Es liegt immer in seiner Hand, uns in dem schwer

zugängigen Gelände mit wenigen seiner Leute stundenlang aufzuhalten,

sich selbst mit seiner näheren Umgebung in unzugängliche Schlupfwinkel

zurückzuziehen, um dann bei Nacht in der oben angedeuteten Weise

zu entfliehen. Wenn daher Witbooi die ernste Absicht hat, sich der

deutschen Regierung zu unterwerfen, so ist es nützlich, auf sein

Anerbieten einzugehen und seinen Einfluß nutzbar zu machen, um seine

bis jetzt lediglich an Jagd, Krieg und Raub gewöhnten Leute zur

Friedensarbeit zu erziehen.«

Dieser langen Rede kurzer Sinn ist einfach, daß die vorhandenen Kräfte

nicht zu einem Vernichtungsschlag gegen Witbooi gereicht haben. Diese

Wahrnehmung habe ich aber erst während des Krieges selbst machen

können, und nun mußte ich mit ihr rechnen.[16] Die Absperrungslinie war

zu dünn, und die jetzt vereinigten drei Kompagnien waren jede nur noch

einen Offizier und etwa 40 Gewehre stark. Den Rest hatten Strapazen und

Gefechtsverluste -- diese 27 vH. der Truppenstärke -- verschlungen.

Witbooi hat in der Folgezeit zehn Jahre lang sein Wort treu gehalten

und so die ihm -- notgedrungen -- gewährte Milde gelohnt. Wie

gerechtfertigt dagegen die Besorgnis gewesen war, es würde uns doch

nicht gelingen, den Kapitän auf Gnade und Ungnade zu fassen, das

haben wir dann elf Jahre später, 1905, gesehen. Und ein allgemeiner

Guerillakrieg im Namalande, mit dem wir hätten rechnen müssen, würde

für uns damals noch viel schwieriger geworden sein als heute. Das

Land war uns noch ganz unbekannt, landeskundige Führer waren, wie ich

bereits die Erfahrung gemacht hatte, fast nicht zu finden, und die

Nachschubverhältnisse noch schlimmer wie jetzt.

Es war nur naturgemäß, wenn dieser Friedensschluß in der Heimat

geteilte Aufnahme fand. Denn für die Schwierigkeiten und Gefahren eines

Hottentottenkrieges konnte man dort keine richtige Schätzung haben,

so daß die Gründe für mein Handeln nicht verstanden worden sind. Am

meisten beanstandet wurde der § 7 des Vertrages mit Witbooi, der dem

letzteren Waffen und Munition beließ, sogar auch die neuen deutschen

Gewehre, die während des Kriegs in seine Hände gefallen waren. Indessen

war deren spätere Rückgabe vorgesehen; sie erfolgte auch nach fünf

Monaten anstandslos, nachdem der Kapitän Vertrauen zu uns gefaßt hatte.

Beim Friedensschluß fehlte dieses Vertrauen noch, dessen Erwachen

mußte daher erst abgewartet werden. Auch hat der Kapitän etwa ein Jahr

später, d. i. am 16. November 1895, einen Zusatzartikel zu seinem

Schutzvertrag abgeschlossen, dessen Wortlaut folgender ist:

_Zusatz zu dem zwischen dem Kaiserlichen Landeshauptmann Herrn Major

Leutwein und dem Kapitän Hendrik Witbooi am 15. September 1894

abgeschlossenen Schutzvertrage._

Um deutlich und öffentlich zu zeigen, wie fest der Kapitän Witbooi

auf den Bedingungen steht, die der Schutzvertrag Seiner Majestät

des Deutschen Kaisers Wilhelm II. mit ihm am 15. September 1894

geschlossen hat, um ferner zu beweisen, wie der Kapitän Witbooi

sich mit ganzem Herzen der deutschen Sache zu ergeben bemüht und

schließlich, um den vielen Mißtrauen erregenden Gerüchten, die

fortgesetzt durch das Land laufen, ein für allemal einen festen

Damm entgegenzusetzen, haben der Kaiserliche Landeshauptmann Herr

Major Leutwein und der Kapitän Hendrik Witbooi dem obenerwähnten

Schutzvertrag folgenden Artikel hinzugefügt:

_Zusatzartikel_ (9).

Der Kapitän Hendrik Witbooi verspricht für sich und seine Nachfolger

Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser und der Regierung Desselben,

gegen alle äußeren und inneren Feinde des deutschen Schutzgebietes

auf den Ruf des von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser

eingesetzten Landeshauptmanns hin mit allen waffenfähigen Männern

unbedingt und unverzüglich Heeresfolge zu leisten.

Die dieses heilige Versprechen betreffenden Einzelheiten, als da

sind: jährliche Angaben über die Zahl der waffenfähigen Männer, ihre

Bewaffnung usw., setzt ein zwischen dem Kapitän Witbooi und dem

Distriktschef von Gibeon besonders aufzusetzender Vertrag fest.

Gibeon, den 16. November 1895.

(Folgen Unterschriften.)

Dieses Waffenbündnis hat der Kapitän bis zum Aufstande 1904 treu

gehalten.

Daß es leicht gewesen sei, Witbooi auch nur zu diesem für ihn

vorteilhaften Frieden zu bewegen, kann ich dabei nicht einmal

behaupten. Ihm graute vor dem Wort »Unterwerfung«, das er hinter dem

Vertrage witterte. Bei der ersten persönlichen Verhandlung mit Witbooi

über den Vertragsabschluß, die in seinem Lager gepflogen wurde, fand

ich den Kapitän wieder derart hartnäckig, daß ich bereits Vorkehrungen

zu einem erneuten Angriff auf den 16. Sept. 1894 traf. Hauptmann v.

Sack erhielt als ältester Offizier den Befehl, das Gelände für einen

solchen zu erkunden; ebenso bereitete ich auch die Truppe in einer

Ansprache auf Fortsetzung des Krieges vor. Über die zur Verfügung

stehende Truppenmacht habe ich bereits gesprochen. Die noch vorhandenen

Offiziere, zugleich Kompagnieführer, waren Leutnant Volkmann bei der

1., Hauptmann v. Sack bei der 2., Leutnant Troost bei der 3. Kompagnie;

dazu Unterroßarzt Rickmann als Offizierdiensttuer. Assistenzarzt

~Dr.~ Schöpwinkel war im Lager vor der Naukluft bei den Verwundeten

zurückgeblieben. Von den übrigen Offizieren waren Oberleutnant

Diestel gefallen, Hauptmann v. Estorff verwundet, Oberleutnant v.

Perbandt infolge der Strapazen erkrankt, dem Leutnant Schwabe war die

Sicherung der rückwärtigen Verbindungslinie durch das Gebirge bis zum

Hauptlager übertragen, Leutnant Lampe endlich an Stelle des gefallenen

Oberleutnants Diestel als Adjutant zum Stabe übergetreten.

Als ich jedoch am 15. vormittags in das feindliche Lager kam, erwartete

mich Witbooi inmitten seiner Großleute in einer Haltung, die mir sofort

den Eindruck erweckte, als ob seine gestrige Hartnäckigkeit wieder

verschwunden wäre. Auf meine Annäherung stand der Kapitän auf und

ging mit den Worten auf mich zu: »Ich werde mich unterwerfen«. Der

Vertrag wurde sofort aufgesetzt und vom Kapitän und seinen Großleuten

unterschrieben, worauf ich ihn in Gedanken, ohne zu unterschreiben,

in die Tasche steckte. Der Kapitän sah dem mit Mißtrauen zu und bat

mich, vor seinen Augen auch noch zu unterschreiben. Die unvermutete

Nachgiebigkeit des Kapitäns lag fraglos an der geschwundenen Kriegslust

seiner Leute, der sogar seine festgewurzelte Autorität nicht hatte

widerstehen können, in Verbindung mit den milden Bedingungen, die ich

ihm bereits am 14. abends in Umrissen mitgeteilt hatte.

Noch einige Tage blieb die Truppe behufs Regelung von Einzelheiten im

Lager vor der Naukluft und trat dann in drei Kolonnen den Rückmarsch

über Rehoboth nach Windhuk an. Nur der zum Stationschef von Gibeon

ernannte Oberleutnant v. Burgsdorff blieb mit 30 Reitern im Hauptlager

zurück, um die aus dem Gebirge heraustretenden Witboois zu empfangen

und ihren Abmarsch nach Gibeon, ihrem ausbedungenen künftigen Wohnsitz,

zu regeln.

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 4 / 50 段