von diesem Platze ginge, lediglich mit Deiner Friedensversicherung
und nicht zugleich mit Deiner Unterwerfung unter den Willen Seiner
Majestät des Deutschen Kaisers, so würde dies ein fauler Friede sein.
Obwohl ich noch nicht lange im Lande bin, so weiß ich doch, daß Du
seit 1884, mithin seit zehn Jahren, nur von Raub und Blutvergießen
lebst, obwohl Du dazwischen oft Frieden geschlossen hast. Und darum
werde ich nicht von Dir weichen, bis Du Dich entweder unterworfen
hast oder vernichtet bist, und sollte dies Monate und Jahre dauern.
Wenn es Dir persönlich jedoch so sehr schwer wird, Du aber Deinem
Volke doch den Frieden verschaffen willst, so bringe das Opfer der
Selbstüberwindung, setze einen Deiner Söhne in Deine Rechte ein,
und dieser mag dann den Vertrag abschließen. Dir selbst werde ich
in diesem Falle das Leben verbürgen, auch das Recht des Aufenthalts
außerhalb des deutschen Schutzgebiets. Ich wiederhole: »Friede ohne
ausdrückliche Unterwerfung unter die deutsche Schutzherrschaft«
gibt's für Dich und Dein Volk nicht mehr. Das ist mein letztes Wort
in dieser Sache.
Mit freundlichem Gruße
Der Kaiserlich-deutsche Landeshauptmann
I. V.:
gez. Leutwein, Major.
Am 10. Mai erschienen dann etwa 70 Bastards als Verstärkung im Lager
mit der Nachricht, daß Witbooi diese, unsere Bundesgenossen, um 700
Ochsen erleichtert hätte. Dies veranlaßte mich, die Feindseligkeiten
zu eröffnen, jedoch mehr um Witbooi Ernst zu zeigen, als um wirklich
Ernst zu machen. Denn die mir zur Verfügung stehende Truppenmacht von
160 Gewehren, darunter 90 Weiße, und zwei Geschütze war zur Erzwingung
einer Unterwerfung des Kapitäns ganz unzureichend. Denn ein bloßes
Hinauswerfen des Gegners aus dem Gebirge hätte nicht zu einem solchen
Ziele geführt. Ich beschloß daher, den Krieg hinhaltend zu führen
und die Entscheidung über die beantragte Verstärkung von 250 Mann
abzuwarten. Die so gewonnene Zeit wurde zur gründlichen Erkundung der
Stellung Witboois benutzt.
Die Naukluft ist ein Gebirgsstock etwa von dem Umfange des Harzes,
aber viel zerklüfteter und unwegsamer, dabei auf allen vier Seiten
steil aus dem umliegenden Gelände ansteigend. Was jedoch ein Vorteil
der Stellung war, nämlich diese auf allen Seiten stark abfallende
Verteidigungslinie, war auch deren Nachteil. Das Gebirge ließ sich
so von allen Seiten leicht umstellen, umsomehr als überall Wasser
vorhanden war. Eine für uns günstigere Stellung konnte Witbooi daher
gar nicht wählen, während er selbst sie wahrscheinlich als die für ihn
selbst günstigste angesehen hat. Umsoweniger konnte uns daran liegen,
den Gegner voreilig aus dieser Stellung hinauszuwerfen. Das Aufsuchen
und Erkunden einer neuen Stellung des Feindes hätte nur abermals Zeit
und Mühe gekostet. Infolgedessen begegneten der Kapitän und ich uns in
dem gleichen Bestreben. Er wollte aus seiner für vorzüglich gehaltenen
Stellung nicht heraus, ich wünschte dagegen dringend, daß er in ihr
bleibe.
Endlich traf am 22. Mai das erlösende Telegramm ein, daß die
beantragten 250 Mann bewilligt seien und Anfang Juli landen würden.
Jetzt erschien es angezeigt, etwas Wasser in meinen Wein zu tun und
Witbooi die erbetene Bedenkzeit in Form eines Waffenstillstandes
anzubieten. Witbooi beantwortete dieses Anerbieten mit folgendem Brief:
Naauklof, den 24. Mai 1894.
Mein lieber hochgeachteter Herr Major Leutwein,
Kaiserlich deutscher Gesandter!
Ihren letzten Brief habe ich empfangen und daraus ersehen, daß
Euer Edeln mich nun gut verstanden haben und daß wir so weit einig
geworden sind. Ich danke dem Herrn von Herzen, daß er in dieser
großen und schweren Sache selbst als Mittler zwischen uns gestanden
und bewirkt, daß das Blutvergießen, welches wir im Sinne hatten,
nicht ferner geschieht, sondern wir in Frieden auseinandergehen. Auch
ferner möge der Herr uns helfen, daß doch kein Blutvergießen mehr
zwischen uns ist.
Ferner geben mir Euer Hochedeln noch zwei Monate Bedenkzeit
über den Schutzvertrag, und soll ich während dieser Zeit keine
Feindseligkeiten gegen unter deutschem Schutz stehende Menschen
unternehmen. Die Kriege, die ich geführt, sind keine Kriege, die ich
zuerst begonnen habe, denn die roten, schwarzen und selbst ihr weißen
Menschen haben mich zuerst geschossen, und mein Pulver hat nie zuerst
gegen Menschen gebrannt, auch habe ich niemanden beleidigt oder sonst
Schaden getan von all den Menschen, warum sie mich mit Wort und Tat
hätten schießen können. Ohne Ursache und Schuld meinerseits haben sie
mich alle geschossen. Da wir nun Frieden gemacht haben, versichere
ich Euer Hochedeln, so als Sie auch in Ihrem Briefe sagen, daß Sie
glauben, ich würde mein Wort halten, daß ich nicht der erste sein
werde, welcher den Frieden bricht, und ich werde keinen Menschen
zuerst schießen oder sein Vieh nehmen. Euer Edeln kennen mich noch
nicht, aber Sie sagen, daß Sie versichert seien, daß ich mein Wort
halten würde, jetzt in diesem Frieden sollen Euer Hochedeln mich
selber kennen lernen und selbst erfahren und sehen, daß alle Dinge,
deren die Menschen mich beschuldigen und warum sie mich geschossen,
nicht wahre Dinge sind. Ich werde nichts tun bis zu der Zeit, die
Euer Edeln mir gesetzt haben usw.
Ich bin Ihr Freund und Kapitän
gez. Hendrik Witbooi.
Um auch die persönliche Bekanntschaft des Kapitäns zu machen, ritt
ich in sein Lager und fand einen wohlgebildeten Hottentotten von
kleiner, gedrungener Figur und würdevollem Benehmen. Wir unterhielten
uns über die Ereignisse der jüngsten Zeit und schieden äußerlich als
die besten Freunde. Heimlich aber hatte jeder beim Anerbieten wie bei
der Annahme des Waffenstillstandes seine Hintergedanken. Ich wollte
meine Verstärkung abwarten, und er hatte, wie sich später ergab, noch
einen Teil seiner Leute -- auch Munition -- außerhalb der Naukluft.
Wenigstens stand der Kapitän, als die Truppe zwei Monate später wieder
vor der Naukluft erschien, in ganz anderer Rüstung da, wie auch der Ton
seiner Briefe ein anderer wurde.
Nach abgeschlossenem Waffenstillstand trat die Truppe den Rückmarsch
nach Windhuk an. Die jetzt gewonnene Frist benutzte ich, um den Grund
zur Zivilverwaltung des Schutzgebietes zu legen. Hierzu war ich durch
das mittlerweile erfolgte Eintreffen eines weiteren höheren Beamten,
des Assessors v. Lindequist (des heutigen Gouverneurs), in die Lage
versetzt worden. Das Namaland wurde in zwei Bezirksämter, Windhuk und
Keetmanshoop, eingeteilt. Das erstere, zugleich mit meiner Vertretung
im Falle von Abwesenheit, was während der Kriegszeit Normalzustand
war, erhielt der Assessor v. Lindequist, das letztere der Berginspektor
Duft.
[Illustration: Kapitän Hendrik Witbooi.]
Ein glückliches Zusammentreffen ermöglichte es, daß die gegebene Pause
im Witbooikriege auch noch benutzt werden konnte, um den Hauptplatz
des Hererolandes, Okahandja, in unsere Machtsphäre einzubeziehen. Die
Gelegenheit hierzu bot ein Zwist zwischen dem Oberhäuptling Samuel
und einem seiner Unterhäuptlinge, auf den ich im nächsten Abschnitt
näher eingehen werde. Für hier genügt die Feststellung, daß im
Verlaufe dieses Ereignisses Okahandja sogar auf eigenen Wunsch des
Oberhäuptlings mit einer Stationsbesatzung belegt wurde. Günstiger
konnte sich die Sache für uns gar nicht entwickeln, da jetzt jede
Gefahr von seiten der Hereros während des Restes des Witbooikrieges
ausgeschlossen war. Nach Erledigung dieser Aufgabe begab ich mich an
die Küste, behufs Empfangnahme der Verstärkung, die jedoch nicht am 1.,
sondern erst am 18. Juli eintraf. -- Aber auch Witbooi war während der
ihm gegebenen Frist nicht müßig geblieben. An der Spitze von etwa 40
Reitern hatte er das ganze Namaland durchzogen, sorgfältig jedoch die
von uns besetzten Stationen vermeidend, und an Kräften herangezogen,
was ihm erreichbar war. Nach dem ersten Zusammenstoß mit ihm hatte
ich ausreichend Gelegenheit, mich über seine personell wie materiell
gewaltig gestiegenen Mittel zu wundern.
[Illustration: v. Lindequist.]
Da der Waffenstillstand nur bis zum 1. August lief, konnte die
Verstärkung nicht mehr rechtzeitig vor der feindlichen Stellung
erscheinen. Um Witbooi jede Möglichkeit zu einer unliebsamen
Überraschung zu nehmen, beorderte ich daher, was von der alten Truppe
verfügbar war, unter dem Leutnant Schwabe derart vor die Naukluft, daß
es spätestens zu dem genannten Datum dort ankommen mußte. Es waren
dies etwa 50 Reiter und 2 Geschütze, denen sich in Rehoboth ebensoviel
Bastards anschlossen. Leutnant Schwabe entledigte sich seiner Aufgabe
mit Geschick und hatte hierbei einen wunderlichen Briefwechsel mit den
Witbooischen Unterführern[13]. Noch wunderlicher war deren Benehmen,
indem sie, anscheinend auf Befehl ihres Kapitäns, ihre eigenen
Vorposten zum Teil in unsere Absperrungslinie vom Mai vorgeschoben
hatten. Da indessen Witbooi den Befehl gegeben hatte, nicht den ersten
Schuß zu tun, gelang es dem Leutnant Schwabe, die ungebetenen Gäste in
friedlicher Weise wieder aus unserer Linie herauszumanövrieren.
Als ich dann am 4. August für meine Person vor der Naukluft erschien,
hatte sich zwischen beiden Lagern ein friedliches Stilleben entwickelt.
Die Weiber wuschen bei dem unserigen, gegen Tabak und Kaffee, täglich
die Wäsche unserer Soldaten. Das letzte Mal taten sie dies am 26.
abends, und am 27. früh erfolgte der Sturm. Am 5. August traf auch
der Leutnant Lampe mit den für die Verstärkung mittels Vertrags
aus der Kapkolonie gelieferten Pferden ein. Den Vertrag hatte in
meiner Abwesenheit der Assessor v. Lindequist aus eigener Initiative
rechtzeitig abgeschlossen. Indessen bis zur Küste hatten die Pferde
nicht mehr kommen können, sie waren daher über Land direkt nach der
Naukluft dirigiert worden. Die Verstärkungsmannschaft, durchweg
Kavallerie, hatte daher bis dort zu Fuß marschieren müssen.
Vorläufig galt es, den Gegner noch hinzuhalten, da die in zwei Kolonnen
marschierende Verstärkung noch lange nicht zu erwarten war. Sie hatten
die Umwege über Windhuk, bzw. Gurumanas machen müssen, während ich mit
meinem Stabe auf schwer gangbaren Gebirgspfaden über Hornkranz direkt
nach der Naukluft geritten war. Dieses Hinhalten geschah mittelst
erneuten Briefwechsels mit dem Kapitän, von dem ich gleichfalls das
Wichtigste nachstehend gebe. Dazwischen wurde auch die Absperrung des
Gebirges zu Ende geführt.
Lager vor der Naauklof, den 15. August.
An den Kapitän Hendrik Witbooi, Naauklof.
Dein zweimonatliches Nachdenken hat Dich also dahin geführt, daß
Du die Anerkennung der deutschen Oberherrschaft abermals ablehnst.
Das bedaure ich. Denn nach dem, was ich Dir bis jetzt über diese
Sache geschrieben habe, mußt Du wissen, daß Deine Ablehnung einer
Kriegserklärung gleichzuachten ist, usw. Zum Schlusse will ich
Dir als Zeichen meines freundlichen Wohlwollens noch folgendes
schreiben: Die Zeiten der unabhängigen Kapitäne im Namalande sind für
immer vorbei, und diejenigen Kapitäne, die das rechtzeitig erkannt
und sich offen der deutschen Regierung angeschlossen haben, das
waren die klügeren, denn sie haben bei der Sache nur Nutzen und gar
keinen Schaden gehabt. Ich halte Dich auch für einen klugen Mann,
aber in dieser Sache hat Dich Deine Klugheit verlassen, weil Dein
persönlicher Ehrgeiz Deinen Verstand verdunkelt hat. Du mißkennst die
Verhältnisse bis auf den heutigen Tag. Dem Deutschen Kaiser gegenüber
bist Du nur ein kleiner Kapitän. Ihm Dich zu unterwerfen würde für
Dich keine Schande, sondern eine Ehre sein. usw.
gez. Leutwein.
Naauklof, den 18. August 1894.
Mein lieber Hochedler Herr Leutwein, Major!
Sie sagen ferner, daß es Ihnen leid tut, daß ich den Schutz des
Deutschen Kaisers nicht anerkennen will und daß Sie mir dies als
Schuld anrechnen und mich mit Waffengewalt strafen wollen. Dies
beantworte ich so: Ich habe den Deutschen Kaiser in meinem Leben
noch nicht gesehen, deshalb habe ich ihn auch noch nicht erzürnt
mit Worten oder Taten. Gott, der Herr hat verschiedene Königreiche
auf die Welt gesetzt, und deshalb weiß und glaube ich, daß es keine
Sünde und kein Verbrechen ist, daß ich als selbständiger Häuptling
meines Landes und Volkes bleiben will, und wenn Sie mich wegen
meiner Selbständigkeit über mein Land und ohne Schuld töten wollen,
so ist das auch keine Schande und kein Schade, denn dann sterbe
ich ehrlich über mein Eigentum. Es ist wahrlich keine Schuld, daß
ich Ihnen nicht stehen will, denn ich habe wahrhaftig keine Schuld
an all den Sachen, welche Sie mir in Ihrem Briefe als Verbrechen
vorgetragen haben und welche Sie als Gründe gebrauchen, um über mich
ein Todesurteil zu sprechen. Denn das sind Ihre eigenen Gedanken, die
Sie zu Ihrem Vorteil ausgesonnen haben, die Sie selber ausgedacht
haben, um vor der Welt die Ehre, das Recht und die Wahrheit auf
Ihrer Seite zu haben. Aber ich sage Ihnen, lieber Freund, ich bin
wahrhaftig frei und ruhig in meinen Gedanken, weil ich weiß, daß
ich wahrhaftig unschuldig bin. Aber Sie sagen Macht hat Recht, und
nach Ihren Worten handeln Sie mit mir, weil Sie mächtig in Waffen
und allen Bequemlichkeiten sind, darin stimme ich überein, daß Sie
wirklich mächtig sind und daß ich nichts gegen Sie bin. Aber, lieber
Freund, Sie kommen zu mir mit Waffengewalt und haben mir erklärt,
daß Sie mich beschießen wollen. So denke ich diesmal auch, wieder zu
schießen, nicht in meinem Namen, nicht in meiner Kraft, sondern in
dem Namen des Herrn und in Seiner Kraft, und mit Seiner Hilfe werde
ich mich wehren. Weiter sagen Sie auch, daß Sie unschuldig sind an
diesem Blutvergießen, welches nun geschehen soll, und daß Sie die
Schuld auf mich legen; aber das ist unmöglich, daß Sie so denken
können, da ich Ihnen gesagt habe, daß ich Ihnen den Frieden geboten
habe und daß durch mich kein Blutvergießen geschehen soll. So liegt
die Rechenschaft über das unschuldige Blut, das vergossen werden soll
von meinen Leuten und von Ihren Leuten, nicht auf mir, denn ich bin
nicht der Urheber dieses Krieges. Ich ersuche Sie, lieber Freund,
nochmals! Nehmen Sie den wahren und aufrichtigen Frieden, den ich
Ihnen geboten habe und lassen Sie mich stehen in Ruhe. Gehen Sie
zurück. Nehmen Sie Ihren Krieg zurück, gehen Sie von mir weg, dies
ist mein ernstliches Ersuchen an Sie. Zum Schluß grüßt Sie
Ihr Freund und Kapitän
gez. Hendrik Witbooi.
* * * * *
Meine Antwort datierte vom 21. August und enthielt die Stellen:
Auf Deinen letzten Brief vom 17. d. M. antworte ich folgendes: Daß Du
Dich dem Deutschen Reiche nicht unterwerfen willst, ist keine Sünde
und keine Schuld, aber es ist gefährlich für den Bestand des Deutschen
Schutzgebietes.
Also, mein lieber Kapitän, sind alle weiteren Briefe, in denen Du mir
Deine Unterwerfung nicht anbietest, nutzlos.
Ich hoffe indessen, daß Du mit mir darin einverstanden bist, daß wir
den Krieg, der bei Deiner Hartnäckigkeit leider nicht zu vermeiden ist,
menschlich führen, und hoffe ferner, daß derselbe kurz sein werde.
Ferner bin ich gern bereit, Dir auch während des Krieges jede
Aufklärung zu geben, die Du wünschst, da ich dann hoffen kann, daß
nicht mehr Blut vergossen wird, als durchaus notwendig ist.
gez. Leutwein.
* * * * *
Nach Eintreffen der Verstärkungsmannschaften, etwa am 20. August, wurde
die Truppe in drei Feldkompagnien eingeteilt und gliederte sich von da
ab, wie folgt:
_Stab_: Major Leutwein, Adjutant: Oberleutnant Diestel, Stabsarzt a. D.
~Dr.~ Sander (Kriegsfreiwilliger).
1. _Feldkompagnie_: Hauptmann v. Estorff, Leutnant Volkmann.
2. _Feldkompagnie_: Hauptmann v. Sack, Leutnant Troost, Assistenzarzt
~Dr.~ Schöpwinkel.
3. _Feldkompagnie_: Oberleutnant v. Perbandt, Leutnant Schwabe,
Unterroßarzt Rickmann.
_Artillerie-Abteilung_: Leutnant Lampe.
_Selbständiges Süddetachement_: Oberleutnant v. Burgsdorff.
[Illustration: Verbindungs-Posten.]
Die Gesamtstärke betrug 300 Gewehre und 2 Geschütze. Die 2.
Feldkompagnie und die 50 Bastards hatten die Absperrung zu übernehmen,
die 1. und 3. Feldkompagnie sollten stürmen (siehe nachstehende
Skizze). Doch waren auch die überschüssigen Kräfte der zweiten
Kompagnie auf der Nordfront zum offensiven Vorgehen angewiesen, falls
die Verhältnisse dies gestatteten. Die Truppeneinteilung zum Angriff
war demgemäß folgende:
~A.~ _Angriffs-Abteilung_.
1. Hauptkolonne: 1. und 3. Kompagnie, 120 Reiter, 2 Geschütze.
2. Rechte Kolonne: v. Sack: 40 Reiter von Uhunis und als eine besondere
Seitenabteilung dieser Kolonne Feldwebel Gilsoul mit 15 Reitern, von
Bullsport vorgehend.
~B.~ _Absperrungs-Abteilung_.
1. Nordlinie im Tsondabtal, Posten 1 bis 8 unter Hauptmann v. Sack,
solange dieser für seine Person nicht mit seiner Kompagnie zur
Offensive übergegangen war.
2. Südlinie unter Oberleutnant v. Burgsdorff, Posten 1 bis 6, im
Tsauchabtal. Diese Abteilung sollte 2 Tage lang sich rein abwartend
verhalten und, sofern sich dann noch nichts vor ihrer Front gezeigt
hatte, nach Umständen handeln.
Im Osten sperrte bis zum erfolgten Angriff die Hauptabteilung selbst
ab; sie hatte außerdem zwei Absperrungs- und Verbindungsposten
ausgestellt (Zarrat und Pitt). Um von dem äußersten Flügelposten
der Nordlinie zu demjenigen der Südlinie zu gelangen, bedurfte es
eines scharfen Rittes von 5 bis 6 Tagen. Von welchem Nutzen hier ein
Feldtelegraph gewesen wäre, liegt auf der Hand. Im ganzen waren für
die lange Absperrungslinie nur 130 Gewehre verfügbar. Die Absperrung
bestand daher lediglich aus Posten von 4 bis 6 Gewehren, die in einer
Entfernung von 4 bis 5 km voneinander aufgestellt waren, eine Maßnahme,
die ein europäischer Taktiklehrer seinen Schülern nicht empfehlen
dürfte. Trotzdem mußte hier zu ihr gegriffen werden, denn, wie bereits
erwähnt, bedeutete es den für uns ungünstigsten Fall, wenn dem Gegner
ein unbemerkter Abmarsch aus dem Gebirge gelang. Die Absperrungslinie
charakterisierte sich daher mehr als eine Beobachtungslinie, die einen
etwaigen Durchbruch weniger verhindern, als rechtzeitig entdecken und
melden sollte. Infolgedessen hatten sämtliche Absperrungsposten den
Befehl, sich dem etwa durchbrechenden Gegner ungesäumt anzuhängen.
Dann war die Möglichkeit gegeben, daß die Truppe den Feind, der durch
Weiber, Kinder und Viehherden in seiner Bewegungsfreiheit beengt war,
wieder einholte und zum Schlagen im freien Felde zwang. Zweifelhaft
blieb die Sache indessen immer, denn Witbooi konnte auch seinen ganzen
Troß im Stiche lassen und sich mit seiner berittenen Mannschaft bei
Nacht und Nebel durch die Zwischenräume unserer Absperrungslinie
hindurch in neue Berge flüchten. Dann befand sich die Truppe in der
Lage eines Arztes, der -- es sei mir der Vergleich gestattet -- eine
Bandwurmkur gemacht hat, ohne den Kopf zu treffen, es wächst einfach
ein neuer Körper nach.
[Illustration: $Übersichtsskizze zu den Gefechten in der Naukluft$
(nach Unterroßarzt _Rickmann_).]
Auch die Absicht, in drei räumlich nicht in Verbindung stehenden
Kolonnen anzugreifen, würde nach europäischen Begriffen unter allen
Umständen verwerflich sein. Denn der Gegner hatte es stets in
der Hand, sich mit Überlegenheit auf eine derselben zu werfen.
Vorliegend schien jedoch diese Maßregel gerechtfertigt. Einerseits
besaß Witbooi die Offensivfähigkeit eines europäischen Gegners nicht,
wenn er auch in der Verteidigung sehr gutes leistete, auf der andern
Seite aber erschien nach den bisherigen Erfahrungen lediglich dessen
Einkesselung zum Ziele zu führen. Indessen bin ich nach meinen, dort
sowie in einem späteren Falle gemachten Erfahrungen von einer solchen
Teilung der Kräfte in Afrika für immer abgekommen. Ein gemeinsames
Zusammenwirken räumlich getrennter Abteilungen ist leicht zu befehlen,
aber schwer durchzuführen. Vorliegend erreichte denn auch in der Folge
lediglich die Hauptabteilung unter dem Führer selbst dem Befehle gemäß
ihr Ziel, die zweite (v. Sack) verschwand gänzlich und die dritte
(Gilsoul) schloß sich dispositionswidrig der Hauptabteilung an. Auch
die Erfahrungen des gegenwärtigen Herero- und Hottentottenkrieges
sprechen gegen eine Trennung der Kräfte, obwohl die modernen Mittel
zur Herstellung der Verbindung zwischen den einzelnen Abteilungen,
wie Feldtelegraphie und Funkentelegraphie, die uns damals vollständig
fehlten, jetzt bei der Truppe vorhanden sind.
Der Angriff erfolgte am 27. August früh programmäßig gleichzeitig von
allen Punkten aus. Bei der Hauptabteilung sollte die 1. Kompagnie
den Angriff in der tiefen Schlucht, in der die Hauptwerft Witboois
sich befand, ausführen, die dritte dagegen auf den gleichfalls stark
besetzten Höhen links vorgehen. Diese Kompagnie wurde indessen, um dies
vorgreifend zu bemerken, weniger durch den Feind als durch das über
alles Erwarten schwierige Gelände derart festgehalten, daß sie erst in
später Abendstunde zum Eingreifen gekommen ist. Daher fiel des Tages
Arbeit lediglich der 1. Kompagnie und den beiden Geschützen zu.
Der Feind war, trotz Geheimhaltung der Absicht des Angriffs, auf seinem
Posten. Die im Morgengrauen vorgehende 1. Kompagnie erhielt sofort
tüchtiges Feuer. Indessen erstürmte sie, sprungweise vorgehend, unter
der tapferen Führung des Hauptmanns v. Estorff binnen einer Stunde die
feindliche Stellung auf der Schluchtsohle, freilich mit dem Verlust
des Führers selbst, der eine schwere Verwundung in den Fuß erhalten
hatte; außerdem waren noch einige Mannschaften mehr oder minder schwer
verwundet. Bei diesem Angriff trat gleich eine von den heimatlichen
Gepflogenheiten abweichende taktische Lehre zutage. Sobald man den
Eingeborenen energisch auf den Leib rückt, wird ihr Schießen schlecht,
wogegen sie, wenn gar nicht oder aus unwirksamer Entfernung beschossen,
eine bedeutende Schießfertigkeit an den Tag legen. Demzufolge müssen
wir in den afrikanischen Kriegen von der Theorie des Ausnutzens der
größeren Schußweite unseres Gewehrs, d. h. dem Heranschießen von der
Grenze der Leistungsfähigkeit ab, absehen und an den Gegner, sobald er
sich lediglich verteidigungsweise verhält, sofort so nahe wie möglich
heranrücken und die Verluste in den Kauf nehmen. Andernfalls riskieren
wir, daß nach einer nutzlosen Schießerei auf weite Entfernungen der
Feind spurlos verschwindet und wir das Nachsehen haben. Das Schlimmste
aber würde sein, daß er bei einer derartigen Fechtweise keine Verluste
haben und ihm daher eine Verlängerung des Krieges auf unabsehbare
Zeit lediglich als eine angenehme Abwechslung erscheinen würde. Und
einem Gegner, der sich, wie unsere Eingeborenen, ausgezeichnet zu
decken versteht und dessen dem Erdboden gleichende Farbe ihn hierin
unterstützt, sind auch mit unserem vorzüglich schießenden Gewehr
empfindliche Verluste nur auf den nächsten Entfernungen beizubringen.