Am 24. Februar 1894 fand dann Abmarsch meiner Abteilung von Windhuk

nach Gobabis statt, während der Major v. François sich bereits einige

Tage vorher über Rehoboth in Marsch gesetzt hatte. Die mir zur

Verfügung stehende Abteilung zählte etwa 100 Köpfe, darunter 70 Weiße

(ein Drittel beritten) mit einem Geschütz, gemessen an den heutigen

Verhältnissen gewiß eine geringe Macht. Indessen genügte zum Ausgleich

damals noch das einzige Geschütz vollständig. Vor diesem hatten die

Eingeborenen eine geradezu wahnsinnige Angst, während sie heutzutage

das Feuer ganzer Batterien aushalten. Der Mensch gewöhnt sich eben an

alles. Die der Abteilung zugeteilten Offiziere waren die Leutnants

v. François und v. Zieten. Der erstere hat mit seiner ausgedehnten

Landeskenntnis mir, dem Neuling, die schätzenswertesten Dienste

geleistet, was ich hiermit dankbar anerkenne.[8] Der Truppe hatten sich

auch etwa 20 bewaffnete Betschuanen von zweifelhaftem kriegerischen

Wert angeschlossen. Der Marsch ging auf dem nächsten Wege über die

zerstörte Betschuanenwerft Aais nach Naossanabis, dem damaligen

Hauptorte der Khauas. Ihrem Kapitän, Andreas Lambert, hatte ich mein

Kommen angekündigt. Er schwebte in vielen Ängsten und sandte der Truppe

-- wohl mit der Nebenabsicht des Spionierens -- zwei Boten mit den

friedlichsten Versicherungen entgegen. Letztere wurden festgehalten

und dafür ein ebenso tapferer wie verständiger Unteroffizier (Bohr) in

die Werft des Kapitäns vorausgesandt, um sich gleichfalls die dortigen

Verhältnisse anzusehen. Die nach einem tüchtigen Nachtmarsch am Morgen

des 17. März im Galopp einrückende berittene Abteilung überraschte dann

den Kapitän vollständig. Nach kurzer Verhandlung wurde das Lager mitten

in der Werft aufgeschlagen und dorthin der Kapitän mitgenommen. Für

den Abend waren die Großleute[9] des Stammes in das Lager bestellt.

In der nun folgenden Verhandlung wurde vereinbart, daß der Kapitän

die deutsche Schutzherrschaft anzunehmen und für die Ermordung des

deutschen Händlers sowie für die Ausraubung der Betschuanen eine

angemessene Buße zu entrichten habe. Unter dieser Voraussetzung wollte

ich ihm glauben, daß er an dem Morde des weißen Händlers unschuldig

gewesen sei und den Mörder, weil geflohen, nicht habe ausliefern können.

[Illustration: Station Salem.]

Behufs Anordnung des Erforderlichen wurde der Kapitän entlassen und

für ihn zwei Geiseln zurückbehalten, darunter sein Bruder und späterer

Nachfolger Eduard Lambert. Bald darauf meldeten indessen Spione, daß

der Kapitän Vorbereitungen treffe, die entweder auf Angriff oder auf

Flucht schließen ließen. Rasch wurde die Werft von zwei Seiten umfaßt,

abgesucht, die vorgefundenen Gewehre konfisziert, die -- durchweg

gesattelten -- Pferde weggenommen und der Kapitän wieder gefangen

gesetzt.

[Illustration: Station Haigamchab.]

Ein am andern Tag zusammengetretenes Kriegsgericht fand bestätigt, daß

der Kapitän die Absicht gehabt hatte, sich durch heimlichen Abmarsch

den eingegangenen Verpflichtungen zu entziehen. Nunmehr wurde auch

auf die früheren Anklagen gegen ihn zurückgegriffen und gefunden, daß

er zu der Ermordung des deutschen Händlers angestiftet, um auf diese

Weise seiner Schulden an jenen ledig zu werden, sowie daß er die bei

dem Raubzug gegen Aais gefangenen Betschuanen zum Teil eigenhändig

niedergeschossen hatte. Hieraus erfolgte seine Verurteilung zum Tode;

das Urteil wurde einen Tag später vollzogen.

[Illustration: Reisen Anfang 1894.]

Eines tragikomischen Zwischenfalles möchte ich noch Erwähnung tun.

Die unter den Khauas wohnenden Bergdamaras erkannten, unbeschadet der

Oberherrschaft der Khauas-Hottentotten, als ihr eigenes besonderes

Oberhaupt den sogenannten Kapitän Apollo an. Um die Ermordung des

deutschen Händlers anzuzeigen, wohl auch zugleich eigene Klagen

vorzubringen, war Kapitän Apollo Ende 1893 nach Windhuk gegangen. Von

Major v. François mit dem Verlangen der Auslieferung der Mörder zu

Andreas Lambert zurückgeschickt, erhielt er von diesem nicht weniger

als 150 Hiebe zudiktiert. »Was geht mich die deutsche Regierung an«,

schnauzte Andreas. Als dann im Verlauf der geschilderten Ereignisse

Apollo merkte, daß es mit den Khauas bergab ging, fand er sich

unaufgefordert als Zeuge vor dem Kriegsgericht ein und verlangte Sühne

für die in Erfüllung eines Auftrages des deutschen Regierungsvertreters

erhaltenen Hiebe. Auf die Frage, wieviel er verlange, antwortete er

prompt: »700 Pfd. Sterl.«. Auf meine Einwendung, daß 7 Pfd. Sterl.,

d. i. der Wert eines Andreas abgenommenen Pferdes, genügten, erfolgte

ebenso prompt die Zustimmung. Auf meine fernere Frage, wie ihm die 150

Hiebe bekommen seien, meinte Apollo, er hätte drei Wochen nicht sitzen

können, sonst hätten sie ihm nichts geschadet.[10]

An Stelle des Kapitäns Andreas Lambert wurde sein Bruder Eduard, dem

ein für einen Hottentotten denkbar bester Ruf zur Seite stand, zum

Regierungsverweser eingesetzt. Das Gefühl der Legitimität war in ihm

so mächtig, daß er die Kapitänswürde selbst nicht hatte annehmen

wollen, weil von seinem zweitälteren Bruder noch ein Sohn vorhanden

war, der unter den Stammverwandten in Bersaba lebte. »Und Kapitän

müsse man sein, ehe man geboren sei«, meinte er. Der erschossene

Kapitän Andreas selbst hatte keinen Sohn hinterlassen. Im übrigen

sind die Eingeborenenmachthaber nicht immer so skrupulös. Wenn für

einen Minderjährigen der nächste erwachsene Agnat die Häuptlingswürde

übernimmt, pflegt er sie nach erreichter Volljährigkeit des

eigentlichen Erben nicht wieder abzugeben. In dieser Lage befindet sich

z. B. auch der Oberhäuptling der Hereros, Samuel, dessen älterer Bruder

im Kriege gegen Witbooi gefallen ist und einen nunmehr erwachsenen

Sohn, Wilhelm Maharero, hinterlassen hat.

Bei dieser Gelegenheit erscheint eine Einschaltung über das Erbrecht

der Eingeborenen angezeigt. Bei den Hottentotten wie bei den Bastards

folgt in der Regel in der Häuptlingswürde der älteste Sohn. Er hat sich

indessen einer Wahl zu unterziehen, die mitunter auch einen jüngeren

Sohn trifft, wenn dieser für geeigneter gehalten wird. Doch bleibt man

stets innerhalb der Häuptlingsfamilie, solange in dieser überhaupt

noch ein Anwärter vorhanden ist. Bei den Hereros gilt dagegen, wie

bei allen Bantus, das Mutterrecht, d. h. sie huldigen dem ihren

Sittlichkeitsgefühlen entsprechenden Gedanken, die Mutter kennt man

immer, den Vater aber nicht. Infolgedessen geht die Häuptlingswürde

auf den Sohn der ältesten Schwester des Vorgängers über. Mit dem

Christentum und der Monogamie ist jedoch auch bei den Hereros dieser

Grundsatz allmählich durchbrochen worden. So war dem Oberhäuptling

Kamaharero, durch die Großleute Okahandjas gewählt, dessen zweiter

Sohn Samuel gefolgt, während nach Hererogesetz der Nächstberechtigte

der Häuptling Tjetjo, als Sohn der ältesten Schwester des verstorbenen

Häuptlings, gewesen wäre. Da dieser verzichtete, ging die Anwartschaft

auf Nikodemus über, der seinerseits gar keine Lust zum Verzicht zeigte,

vielmehr dem Oberhäuptling bis zu seinem -- des Nikodemus -- 1896

erfolgten Tode das Leben möglichst sauer gemacht hat. Zum zweiten

Mal wurde in der Folge das Mutterrecht bei den Hereros in Omaruru

durchbrochen, wo auf den Kapitän Manasse 1898 dessen Sohn Michael

folgte. Endlich folgten 1904 auf den Kapitän Kambazembi in Waterberg,

sich in die Erbschaft wie Herrschaft teilend, dessen Söhne David und

Salatiel. Alle die genannten jüngeren Kapitäne waren beim Ausbruch des

Hereroaufstandes 1904 am Ruder und an diesem als Führer beteiligt.

Nach dieser Abschweifung kehre ich zur Schilderung des Ganges der

Ereignisse zurück. Mit dem neuernannten stellvertretenden Kapitän

Eduard Lambert wurde dann ein Schutzvertrag abgeschlossen, sowie dem

Stamm etwa 500 den Betschuanen geraubte Ochsen wieder abgenommen

und letzteren zurückgegeben, die übrige Beute dagegen, bestehend

aus etwa 60 Gewehren und 30 Pferden, nach Windhuk geschickt. Der

Stamm der Khauas-Hottentotten erschien nunmehr verarmt und in seiner

Wehrfähigkeit wesentlich beeinträchtigt. Dies hinderte aber nicht, daß

er etwa ein Jahr später sich bereits wieder als gut bewaffnet und gut

beritten erwies; mit welchen Mitteln, konnte nie ergründet werden.

Am 9. März erfolgte dann der Aufbruch über den damals gänzlich

verlassenen Hauptort der roten Nation, Hoachanas, von da den

stark fließenden Auob abwärts nach Gokhas, bei welchem Platze die

Truppe am 17. März eintraf. Der dort residierende Kapitän der

Franzmann-Hottentotten, Simon Cooper, hatte sich an den Räubereien

seines Freundes Lambert vielfach beteiligt, so zuletzt auch an dem

Raubzuge gegen die Betschuanen. Da er indessen viel mächtiger war als

der letztere, ihm auch direkt Strafbares nicht nachgewiesen werden

konnte, so schien es angesichts des noch drohenden Witbooikrieges

ratsam, ein Auge zuzudrücken und den Kapitän als einen ehrenwerten

Mann anzusehen und zu behandeln. Von dieser meiner Gesinnung suchte

ich den letzteren durch eine vorausgesandte Botschaft zu überzeugen

(Unteroffizier Bohr). Indessen die Erschießung von Andreas Lambert

hatte Simon Cooper bei seinem bösen Gewissen nervös gemacht und

ihn, wie sein Volk, in die höchste Erregung versetzt. Durch den

zurückkehrenden Boten von dieser Sachlage in Kenntnis gesetzt, richtete

ich mich auch auf einen feindlichen Empfang ein. Ein Nachtmarsch

brachte die Truppe zur frühen Morgenstunde an die Werft, bei der die

ganze waffenfähige Mannschaft des Stammes in den Schanzen lag. Um

nochmals eine friedliche Einigung zu versuchen, ließ ich meine Truppe

zunächst außerhalb Schußweite in Gefechtsbereitschaft zurück, ritt

selbst mit wenig Begleitern in die Werft und fand den Kapitän mit

seinem Stab in deren Mitte auf einer Art Feldherrnhügel. Von seiner

Nervosität zeugte es, daß er sich bei meiner Annäherung schußfertig

machte. Indessen war er wieder entwaffnet, als ich ihm mit einem

freundlichen »Guten Morgen« die Hand bot. Es ergab sich nunmehr, daß

auch ihn nur eine geringe Kriegslust beseelt und er daher verboten

hatte, den ersten Schuß zu tun. Wir verabredeten um 10 Uhr eine

Zusammenkunft im Missionshause und trennten uns freundschaftlich.

Ganz war des Kapitäns Mißtrauen indessen noch nicht geschwunden, denn

er ließ mir um 10 Uhr sagen, er hätte mir nichts mitzuteilen. Nunmehr

ging ich in Begleitung des Leutnants v. François selbst zu ihm. Jetzt

zeigte sich doch ein ritterlicher Zug bei ihm. Als er sah, daß wir

beide unbewaffnet waren, schnallte er seinen Revolver ab und warf

ihn hinter einen Busch. In den nun folgenden Verhandlungen, die auf

Annahme der deutschen Schutzherrschaft abzielten, zeigte der Kapitän

jedoch einen hohen Starrsinn. Um diesen zu brechen, bedurfte es einer

dreitägigen Verhandlung und schließlich der Stellung eines Ultimatums.

Der Kapitän hatte sogar mit der Behauptung Zeit zu gewinnen gesucht, er

bedürfe auch noch der Zustimmung seiner Weiber und Kinder, aber diese

seien geflüchtet. Auf meine Frage, wann deren Rückkehr zu erwarten sei,

meinte er, dies könne einen Tag dauern, aber auch ein Jahr! Als dann

bereits unterschrieben war, fragte der Kapitän wieder, wie lange dieser

Vertrag gelten solle. Kurz, die Sache schien ihm höchst unbequem.

Anerkennen muß ich indessen, daß Simon Cooper in der Folge den Vertrag

bis zum Ausbruch des Aufstandes 1904 ehrlich gehalten hat.

Um Zersplitterung zu vermeiden, nahm ich von einer Stationsgründung in

Gokhas Abstand. Eine kleine Station erschien dort gefährdet, und zu

einer großen reichte es nicht. Dafür wurde eine solche an dem früheren,

jetzt verlassenen Stammsitz der Witboois, Gibeon, eingerichtet und ihr

befohlen, sich von Zeit zu Zeit durch Patrouillen von dem Wohlverhalten

des Kapitäns Simon zu überzeugen. Die Truppe traf -- von Gokhas kommend

-- in Gibeon am 24. März ein und ließ den bereits mehrfach genannten

Unteroffizier Bohr mit 14 Gewehren als Stationsbesatzung zurück. Als

Stationsgebäude wurde die noch wohlerhaltene Kirche eingerichtet.

Von Gibeon ging's den ebenfalls stark fließenden Fischfluß entlang

nach Bersaba, dessen Bewohner sich als durchaus friedlich gesinnt

erwiesen, wie sie dies auch bis zum heutigen Tage geblieben sind.

Sie sind der einzige geschlossene Hottentottenstamm, der sich 1904

dem Aufstande nicht angeschlossen hat. Das Verdienst hierfür gebührt

in gleicher Weise dem langjährigen Missionar des Stammes, Hegner,

und dessen Zögling, dem intelligenten Kapitän Christian Goliath. In

Bersaba traf ich auch den bereits erwähnten Erben der Kapitänswürde

bei den Khauas-Hottentotten, Manasse Lambert, der sich indessen als

ein bequemer, ängstlicher Charakter erwies und wenig Lust zeigte, die

gefährliche Bürde zu übernehmen. Er legte sie auch ein Jahr später

förmlich nieder.

[Illustration: Am Fischfluß.]

Während dieser Ereignisse hatte Major v. François das Namaland

durchquert und dessen wichtigsten Platz Keetmanshoop mit einer

Station unter Oberleutnant Bethe belegt. Von da war er nach Bethanien

marschiert, wo kurz vorher auch Witbooi gewesen war, um einen Streit

um die Kapitänswürde zu schlichten. Ein solcher war zwischen dem

berechtigten Erben, Paul Frederiks, der jetzt noch Kapitän ist, und

dessen Vetter, Cornelius Frederiks, dem Schwiegersohn Witboois --

neben Morenga zur Zeit Bandenführer gegen uns im Namalande[11] --

ausgebrochen. Da Witbooi sich damals nicht stark genug fühlte, um

zugunsten seines Schwiegersohnes einzugreifen, nahm er diesen nebst

Anhang mit, was für ihn einen Zuwachs von 60 Gewehren nebst einer

namhaften Rinderherde bedeutete. Behufs Vereinigung mit Major v.

François marschierte ich dann von Bersaba gleichfalls nach Bethanien.

Ersterer wollte mir den Rest seiner Abteilung übergeben, da er

beschlossen hatte, nach einer vierjährigen Tätigkeit im Schutzgebiete

auf Heimatsurlaub zu gehen. Da der Major über die Kapkolonie reisen

wollte, führte ihn später sein Weg über Warmbad, die Residenz des

bereits erwähnten Nebenbuhlers Witboois, Wilhelm Christian. Letzterer

hatte unseren Kampf mit ersterem mit erfreuter Genugtuung verfolgt

und die deutsche Fahne im Süden hoch gehalten. Auf meinen Wunsch

benutzte Major v. François die Gelegenheit, um auf der Durchreise auch

in Warmbad eine kleine Station zu gründen, da mir selbst die Zeit

zum Besuch des Platzes nicht mehr reichte. Auch in Bethanien blieb

eine stärkere Station unter Leutnant v. Zieten zurück. Den nunmehr

vereinigten Rest unserer beiden Abteilungen entsandte ich in das Lager

von Tsubgaus, wo er vorläufig unter Befehl des Leutnants v. François

verblieb, während ich mich persönlich nach Keetmanshoop begab. Auch die

Keetmanshooper Hottentotten zeigten sich als ein friedliches Völkchen,

das unter dem Missionar Fenchel aber auch einen Leiter besaß, der Kopf

und Herz an der richtigen Stelle hatte. In der Nähe Keetmanshoops

wohnten damals drei Weiße, bzw. Halbweiße, welche in dem Verdacht

standen, Munitionslieferanten für Witbooi gewesen zu sein. Sie wurden

alle drei ausgewiesen. Einer derselben, Duncan, erkaufte sich später

mittels freiwilliger Gestellung wieder die Rückkehr. Er wurde zu einer

Freiheitsstrafe verurteilt. Zur Unterbindung weiteren Schmuggels wurde

in Koes eine Grenzstation errichtet, womit auch zugleich Hand auf das

Gebiet der Feldschuhträger gelegt war.

Soweit die mäßigen Stationsbesatzungen dies verbürgen konnten, erschien

nunmehr das Namaland gesichert und als einziger Feind nur noch Witbooi

übrig. Ich begab mich jetzt persönlich in das Lager von Tsubgaus und

trat von da am 24. April den Vormarsch gegen Witbooi an.

Der letzte Entscheidungskampf mit Witbooi.

Kapitän Hendrik Witbooi befand sich noch an derselben Stelle, an der

die letzten Kämpfe mit ihm unter Major v. François stattgefunden

hatten, nämlich in der Eingangsschlucht des Naukluftgebirges. Indessen

war die Nachricht hierüber zunächst noch nicht als verbürgt anzusehen,

da von den Eingeborenen es niemand wissen wollte, teils aus Furcht

vor Witbooi, teils aus Sympathie mit ihm. Weder Führer noch Spione

waren zu finden. Zunächst blieb daher nichts anderes übrig, als aus

dem Lager von Tsubgaus aufs Geratewohl den Marsch nach der Naukluft

anzutreten. Unterwegs stieß der Führer der Bastards, Hans Dirgaard,

zur Truppe. Obwohl er nur 10 seiner Leute bei sich hatte -- die

Kriegslust der Bastards hatte stark abgenommen --, war mit seinem

Eintreffen dem Führermangel doch sofort abgeholfen. Hans Dirgaard ritt

eines Morgens los, hob eine abseits gelegene Buschmannswerft aus und

brachte deren Insassen ins Lager. Die vier Intelligentesten wurden als

Führer angeworben, der Rest beschenkt und entlassen. Diese Buschmänner

brachten die erste bestimmte Nachricht, daß Witbooi noch in der

Naukluft sitze.

Am 6. Mai traf die Truppe vor der Naukluft ein. Sobald ich Gewißheit

über den Aufenthalt Witboois hatte, war ich mit diesem in Briefwechsel

getreten, um über seine Persönlichkeit und seine Absichten Klarheit

zu gewinnen. Taktisch hat einem eingeborenen Gegner gegenüber ein

solcher Briefwechsel nebenbei auch den Vorteil, daß man stets über

dessen Verbleib unterrichtet wird. Die in Afrika für uns unliebsamste

Möglichkeit, daß der Gegner spurlos verschwindet und uns das Nachsehen

überläßt, wird so ohne viel eigene Anstrengung und Gefahr vermieden.

Aus diesem Briefwechsel möge das Wichtigste hier folgen:

[Illustration: Lager vor der Naukluft.]

Naauklof, den 4. Mai 1894.

Mein lieber hochedler Deutsch-Kaiserlicher Herr

Stellvertreter v. François.

Euer Edeln fragen mich, ob ich Frieden mit Ihnen will machen oder

Krieg? Darauf antworte ich: François weiß es ganz gut und Euer

Hochedeln auch, obwohl Euer Edeln nicht hier waren, daß ich von

alters her mit Ihnen, mit François und mit allen weißen Leuten

Frieden gehalten habe.[12] François hat mich nicht geschossen um

des Friedens willen, sondern darum, daß ich mit ihm in Frieden

war. Ich lag ruhig in meinem Hause und schlief, da kam François,

mich wach zu schießen, und das nicht um des Friedens willen oder

um einer Missetat, deren ich mich durch Wort oder Tat gegen ihn

schuldig gemacht haben könnte, sondern darum, daß ich etwas, was

allein mein Eigentum ist und worauf ich Recht habe, nicht aufgegeben

habe. Ich habe meine Unabhängigkeit nicht aufgegeben, denn ich

habe allein ein Recht auf das Meinige, um es jemand, der mich

darum fragt, zu geben oder nicht zu geben, wie ich will. François

hat mich bekriegt, weil ich mein eigenes Gut nicht geben wollte.

Das kann ich nicht verstehen, und ich bin erstaunt und höchlichst

verwundert, daß ich von dem Großmann François solch traurige und

schreckliche Vergewaltigung erlitten habe. Zuerst wurde mir das

Schießgut gestopft, und als ich dann mit leeren Händen dastand,

wurde ich geschossen. Solche Werke hatte ich von François nicht

erwartet, umsoweniger, als ihr weißen Menschen die verständigsten und

gebildetsten Menschen seid und uns die Wahrheit und Gerechtigkeit

lehrt. Ich kann nicht verstehen, daß das Sünde und Schuld ist,

wenn ein Mensch sein Eigentum und Gut nicht geben will, wenn ein

anderer Mensch dasselbe verlangt. Ferner sage ich Euer Hochedeln,

der Krieg und Frieden liegt nicht in meinen Händen, denn dieser

Krieg liegt nicht an mir und ist nicht durch mich verursacht,

da ich François in keiner Weise Schaden zugefügt oder beleidigt

habe. Nun sagen Euer Hochedeln in Ihrem Briefe, daß François nach

Deutschland zurückgereist ist und Sie vom Deutschen Kaiser als dessen

Stellvertreter gesendet sind, um mich zu vernichten, wenn ich keinen

Frieden haben will. Dies beantworte ich so: Der Friede ist etwas,

was Gott eingesetzt hat auf Erden, denn Gott hat gesagt in seinem

Worte, es ist eine Zeit des Krieges, und es ist wieder eine Zeit des

Friedens, darum will ich den Frieden nicht abschlagen, wenn Euer

Edeln mit freundlicher und wahrer Aufrichtigkeit zu mir von Frieden

sprechen, denn François hat meinen Frieden weggenommen, und wenn Sie

nun gekommen sind, um alles, was François unrecht und ungesetzlich

an mir gehandelt hat, in Richtigkeit zu bringen und die Sachen, um

welche François mich geschossen hat, totzumachen und allein Frieden

zu machen, dann will ich dem Frieden nicht widerstreiten. Ich werde

Euer Hochedeln dann den Frieden geben und bin gewillig, Ihnen Frieden

zu geben, um des Herrn willen. Dies ist mein letzter Hauptpunkt, und

ich will hier schließen und grüße Euch, hochedler Herr, Ich, Ihr

Freund und Kapitän,

Der Hauptkapitän von Namaland

gez. Hendrik Witbooi.

Lager vor der Naauklof, 5. Mai 1894.

An Kapitän Hendrik Witbooi, Naauklof.

Deinen Brief habe ich erhalten und will versuchen, ihn klar zu

beantworten. Auf Wunsch der meisten Kapitäne des Nama- sowie

des Hererolandes hat Seine Majestät der Deutsche Kaiser die

Schutzherrschaft über beide Länder übernommen, dabei aber diejenigen

Kapitäne, welche die Schutzherrschaft nicht annahmen, unbehelligt

gelassen, solange sie mit den anderen Kapitänen Frieden hielten. Du

aber hast letzteres nicht getan, sondern verschiedene Kapitäne des

Namalandes abgeschossen und schließlich Dich in Hornkranz festgesetzt

und von da Raubzüge in das Hereroland unternommen. Du hast mithin in

dem Gebiete, das unter dem Schutze des Deutschen Kaisers stand, Ruhe

und Frieden gestört. Seine Majestät hat Deinem Treiben lange in Geduld

zugesehen, dann aber, als Du nicht davon ablassen wolltest, befohlen,

daß auf Dich geschossen werde. Denn wie mit allen seinen Pflichten,

so nimmt es der Deutsche Kaiser auch ernst mit seinen Pflichten als

Schutzherr des Namalandes. Wenn Du ruhig in Gibeon geblieben wärest

und Dein Volk in Frieden regiert hättest, so würde nicht auf Dich

geschossen worden sein. Daß Du uns Weißen vorher nie etwas getan,

das weiß ich wohl; aber nicht unseres Vorteils willen ist auf Dich

geschossen worden, sondern, wie oben gesagt, lediglich um der Ruhe und

des Friedens des Namalandes willen.

Ob Dir der Herr Major v. François das alles so deutlich erklärt hat,

darüber habe ich kein Urteil; ich denke aber, daß er es getan und daß

Du ihn zu lange nicht hast verstehen wollen. Jedenfalls hat es keinen

Zweck, wenn wir jetzt darüber noch viele Worte machen. Unsere Pflicht

ist, jetzt nur zu reden von dem, was geschehen soll, und da finde ich,

daß Deine Antwort nicht deutlich ist. Ich habe Dir klargemacht, daß

Du jetzt keine andere Wahl mehr hast als bedingungslose Unterwerfung

unter den Willen Seiner Majestät des Deutschen Kaisers oder Krieg bis

zur Vernichtung, und darauf ersuche ich Dich um klare Antwort. Der

Wille Seiner Majestät geht dahin, daß im Namalande jeder in Ruhe und

Frieden seine Arbeit tun und kein Kapitän den andern bekriegen soll.

Welche weiteren Bedingungen Seine Majestät Dir persönlich noch stellt,

das kann ich Dir erst mitteilen, wenn Du mir gesagt hast, ob Du Dich

unterwerfen willst oder nicht. Ich habe Dir bereits geschrieben, daß

ich jetzt noch hoffen kann, Dir günstige Bedingungen auszuwirken.

Das eine sage ich im voraus und werde mich freuen, wenn Du dies ehrlich

Deinen Leuten mitteilen wolltest. Wir Deutsche führen keinen Krieg

gegen Deine Leute, sondern wir wollen in Frieden mit den Namas zusammen

arbeiten. Ich hoffe daher, daß Deine Leute von der Erlaubnis, bis zum

25. d. M. friedlich in ihre Wohnplätze zurückkehren zu können, recht

zahlreich Gebrauch machen.

Wir führen dagegen Krieg gegen Dich persönlich, solange Du Dich für den

Oberherrn des Namalandes hältst und glaubst, das Recht zu haben, andere

Kapitäne nach Belieben abzuschießen. Das hast Du früher so tun können,

das soll aber jetzt nach dem Willen Seiner Majestät aufhören.

Wenn Dir nun etwas noch nicht klar sein sollte, so halte ich es für

das Beste, wir treffen uns zur mündlichen Unterredung mitten zwischen

unseren Lagern; aber es muß bald geschehen, da ich wenig Zeit habe.

Ich bin mit freundlichem Gruß

Der Kaiserlich deutsche Landeshauptmann

I. V.:

gez. Leutwein, Major.

Naauklof, den 7. Mai 1894.

Mein lieber Kaiserlich deutscher Herr,

Stellvertreter v. François, Major!

Ich habe Ihren Brief empfangen und verstanden, stelle jedoch nochmals

dieselbe Bitte an Euer Hochedeln. Die zwei Tage, die Euer Hochedeln

mir gegeben, sind mir noch nicht genug, denn die Sache, die Euer

Hochedeln mich fragen, ist keine leichte und auch keine gewöhnliche

Sache. Sie lastet schwer auf des Menschen Gemüt und ist schwer für

einen Menschen, der ein unabhängiges freies Leben gewöhnt ist.

Darum bitte ich Sie, lieber Herr, sich doch erst in Frieden

zurückzuziehen, auf daß ich mehr Zeit habe, mir die Sache ernstlich

und reiflich zu überlegen, ich meine nicht allein, um sie

abzuschlagen. -- Lassen Sie mir doch meine eigene freie Wahl in

einem längeren Zeitraum, daß ich über die Sache nachdenken kann in

Tiefsinnigkeit, ob ich sie annehmen soll oder nicht. Solange Euer

Edeln mit Ihrer Kriegsmacht vor mir stehen, kann ich keinen Entschluß

fassen, zu dem ich die Zustimmung aller meiner Männer haben muß,

damit es nicht den Anschein hat, daß die Sache durch das Hiersein

Eurer Kriegsmacht übereilt und ich dieselbe angenommen hätte, ohne

daß ich von Herzen geneigt und willig wäre. Darum bitte ich Sie,

lieber hochedler Herr, doch vorläufig von mir zurückzugehen in

Frieden. Ich hoffe, daß Euer Edeln mich diesmal gut verstehen werden.

Hiermit will ich schließen und grüße Sie freundlichst.

Ich bin Ihr Freund und Kapitän

gez. Hendrik Witbooi.

Lager vor der Naukluft, den 7. Mai 1894.

An den Kapitän Hendrik Witbooi, Naauklof.

Mein lieber Kapitän!

Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika · 第 2 / 50 段