Die neueste christliche Zeit.
Es blieb also das einheimische Clanwesen die Grundlage der
neuen socialen Ordnung. Durch die Zwischenstufe der europäischen
Priesterclasse, die sich rasch über alle Dörfer verbreitete, und
deren einzelne Mitglieder an die Stelle der früheren heidnischen
Fürsten--der bagani's oder reyezuelo's--getreten waren, wurde das
eines gemeinsamen natürlichen Bandes bis dahin entbehrende Leben
der Bewohner in sehr künstlicher Weise mit dem fremden Staate
verknüpft. Während in dem Verhältniss der unteren, die eigentliche
Bevölkerung bildenden Classen zu einander keine oder nur eine sehr
unbedeutende Veränderung eintrat, blieb die Beziehung zwischen den
Gouverneuren des Landes und ihren Untergebenen eine so lockere,
der ganze Schematismus der Verwaltung der Colonie dem einheimischen
Verstande so unverständlich und fremd, dass sich dabei kein allgemein
verbreiteter würdiger Bürgersinn ausbilden konnte. Es war dies aus
verschiedenen Gründen unmöglich. Nach unten hin bekümmerten sich der
militairische Gouverneur und der juristische Alcalde gar nicht weiter
um das Volk, weil ihnen einestheils die Grenzen ihrer Thätigkeit
von Spanien aus zu eng gezogen waren und sie andererseits sich in
ihrem Verkehr mit den Bewohnern bis in die neueste Zeit hinein immer
der Mönche bedienen mussten. Diese aber suchten gegen die Angriffe
von oben her vor Allem ihre Gerechtsame, theils die persönlichen der
Priester des Dorfes, theils die des Mönchsordens, dem sie angehörten,
zu vertheidigen; während sie gegen ihre Pfarrkinder fast allein
die doppelte Pflicht zu haben glaubten, sie in ihren Streitigkeiten
mit den weltlichen Behörden so viel als möglich zu schützen und sie
ausser in der Doctrin allenfalls noch im Schreiben und im Lesen der
von der Kirche gestatteten Bücher zu unterrichten. Auf der anderen
Seite wurde es nie einem Eingebornen gestattet, sich über die Classe
der niedrigsten Civilbeamten emporzuschwingen. Nur ungerne bedienten
sich die Oberen der Mönchsorden der einheimischen Priester, und es
gehört zu den seltensten Ausnahmen, wenn sich ein dem Clero secular
angehörender _Eingeborner_ bedeutenden Einfluss erringen konnte. Alle
höheren Beamtenstellen der Militär- wie Civil-Verwaltung wurden von
Spanien aus mit Spaniern besetzt. Häufig wurden zu Gouverneuren und den
höchsten Beamten der Colonie politisch missliebige Personen genommen,
deren sich die Regierung in Madrid zeitweilig entledigen [1] wollte,
häufiger noch sah man in den Stellen Sinecuren, welche zur Belohnung
treuer Diener geschaffen und vertheilt wurden. Die Habsucht der
Beamten förderte man, anstatt sie zu hindern, indem man ihnen früher
einen Antheil an dem Monopol des Handels von Acapulco, später in den
Provinzen die Erlaubniss gab, auf eigne Rechnung Handel treiben zu
dürfen. Diese Erlaubniss war für manche Gouverneure gleichbedeutend
mit dem Monopol des Handels in ihrer Provinz. So spiegelt sich
denn natürlich in dem Wechsel, welchen die spanische Verwaltung des
Landes im Laufe der Zeit erfahren hat, immer nur der Umschwung in
der öffentlichen Meinung des Mutterlandes wieder. Die spanischen
Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts blieben dagegen gänzlich
ohne Einfluss auf die Stimmung der Bewohner der Philippinen; wohl aber
zeigt sich überall, wenigstens im materiellen Leben derselben, ein
mehr oder weniger direkter Einfluss der Eroberer auf die unterworfenen
Stämme. Wir wollen einige der hervorragendsten Aeusserungen dieser
Einwirkung hier näher untersuchen.
Im ersten Anfang der Eroberung liess man die 3 Classen der malaiischen
Periode ziemlich unverändert bestehen. Doch vertauschte man die Namen,
und als man die für jene Gegenden sehr complicirte Zusammensetzung
der Localbehörden spanischer Städte einführte, musste nothwendiger
Weise auch eine allmälige Verschiebung in der socialen Stellung der
Bewohner erfolgen. Die Sclaven wurden nun tributzahlende Bauern,
deren Name--sacop--an manchen Orten der Visaya's noch heutigen
Tages unter den Christen gebräuchlich ist. Den Freien oder den
tao-marayao's gab man gewisse untere Aemter im Dorfe, und zugleich
damit die Befreiung vom Tribute und die Vornehmen, die reyezuelo's
mit ihren nächsten Verwandten oder die Datto's erhielten die höheren
Stellen der localen Verwaltung. Noch heutigen Tages werden die
bagani's unter den der Regierung unterworfenen Manobo's von Mindanao
ausgezeichnet durch die Verleihung des Stockes, welcher ihre Würde als
"gobernadorcillo"--d. i. kleiner Gouverneur--bezeichnet. Ursprünglich
mochten wohl alle solche Aemter im Dorfe--deren specielle Aufzählung
hier unnöthig erscheint--ausschliesslich erblich gewesen sein. Als
nun hauptsächlich durch die Pfarrer der Dörfer veranlasst, die
Bewohner, statt sich von einander zu trennen, wie früher üblich, nun
sich immer mehr um ihren geistlichen Anführer drängten, die Kinder
der Mitglieder der verschiedenen Classen bei ihren Eltern im Dorf
blieben: da konnten nicht mehr jene scharfen Grenzen eingehalten
werden, welche anfänglich die Kasten von einander trennten. Die
Zahl der unter einem sogenannten "cabeza de barangay" [2]--Haupt eines
barangay--vereinigten tributpflichtigen Bewohner nahm rasch zu, so
dass bald diese aus der Classe der Freien hervorgegangenen Beamten
45-50 Familien unter ihre Aufsicht bekamen, mehr als vorher der
bagani desselben Dorfes Unterthanen je gehabt hatte. Es waren diese
cabeza's de barangay die früher erwähnten "taos-marayaos". Ihre
Frauen und Erstgebornen waren vom Tribute befreit. Aber ihre übrigen
Kinder zahlten Tribut, und es traten diese dadurch unwillkührlich
in eine tiefere Classe, die der "Tributantes" zurück, welche ja
aus derjenigen der "sacopes" hervorgegangen war. So wurde die
letztere Classe durch die innige Verschmelzung mit den Söhnen der
Freigelassenen etwas in ihrer socialen Stellung gehoben, während diese
von ihren früheren Vorrechten einbüssten. Zugleich aber wurde das
Amt, einem "barangay" vorzustehen--ihr hauptsächlichstes Geschäft
besteht in dem Eintreiben der Tribute, für welche sie persönlich
verantwortlich sind--wenigstens in manchen Provinzen ein Wahlamt; so
dass noch heutigen Tages durch Erbschaftsrecht und durch Wahl ernannte
cabezas de barangay nebeneinander existiren. Und ebenso wurden die
"gobernadorcillos", ursprünglich gewiss erbliche Aemter, nun mit
den übrigen, die sogenannte "principalia"--d. h. Aristokratie--des
Dorfes bildenden Beamten, den Tenientes, alguaziles, jueces etc.,
Ehrenämter, zu deren Besetzung alljährlich eine Wahl vorgenommen
wird. Der hierbei beobachtete Wahlmodus ist kurz folgender. Der
abtretende Gobernadorcillo und 12 durch das Loos bestimmte Einwohner,
welche zur Hälfte der Zahl der abgetretenen "gobernadorcillos" und
"cabezas", zur Hälfte derjenigen der activen "cabezas" entnommen
werden, sind die Wähler, welche nun aus ihrer Mitte nach absoluter
Majorität den neuen Beamten zu wählen haben. Obgleich von den
Priestern ein directer Einfluss bei diesen Wahlen ebensowenig, wie
den Gouverneuren der Provinzen gestattet war, so musste es doch dem im
Dorfe selbst lebenden und mit allen Heimlichkeiten des Familienlebens
seiner Pfarrkinder wohl vertrauten Pfarrer ein Leichtes werden,
auch bei diesen Wahlen einen weitgehenden Einfluss zu erringen;
während der militairische Gouverneur oder der Alcalde selten nur
in persönliche Beziehungen zu ihren Untergebenen treten und auf
sie einwirken konnten. So musste natürlich der locale Einfluss der
Priester ein sehr viel grösserer sein, und dies um so mehr, als sie
fast ausschliesslich im Besitze des Dialectes der Provinz waren, die
Gouverneure dagegen sich der Dollmetscher bedienen mussten, selbst im
Verkehre mit den Gobernadorcillos, welche trotz der Einführung der
spanischen Sprache als Amtssprache doch nur selten des Spanischen
mächtig waren. Vielleicht mögen sogar die Priester, in richtiger
Erkenntniss ihrer Stellung, die Ausbreitung ihrer Muttersprache
absichtlich so viel als möglich verhindert haben.
Wenngleich nun auf diese Weise, und dann vor Allem durch die noch näher
zu besprechende Mischlingsrace der Mestizen, eine nicht unbedeutende
Veränderung in der socialen Ordnung der Bewohner einzelner Dörfer
hervorgebracht wurde, so blieb doch das einheimische Clanwesen im
Wesentlichen unverändert. Noch heutigen Tages gelten im Verkehr
der Bewohner untereinander eine Menge alter aus der heidnischen
Epoche überkommener Gebräuche--unter denen wir hier nur die Sitte
hervorheben wollen, dass der Mann, um sich seine Frau zu erwerben,
eine Zeitlang der Familie seiner Geliebten Dienste thun muss. Vor
Allem aber blieb das Verhältniss der einzelnen Ortschaften zu einander
gänzlich unverändert. Kein gemeinsames Band der Selbstverwaltung oder
gleichartiger politischer Interessen vereinigte sie untereinander und
wenn sie dem überkommenen Hass gegeneinander nicht mehr, wie früher
unter der Herrschaft der baganis, durch Kriege Ausdruck zu geben
versuchten, so hielt sie davon gewiss nicht Friedensliebe oder das
Gefühl der Stammesverwandtschaft zurück, sondern nur ihre Feigheit
und die Ueberzeugung, dass hinter den zum Frieden ermahnenden Pfarrern
schliesslich doch die gefürchtete Macht der spanischen Waffen stand. Wo
die Dörfer sich dem Arme der höchsten Autorität entrückt wähnten, wurde
das alte Spiel des kleinen Krieges fortgeführt. So haben die Bewohner
der beiden auf der Insel Siargao bei Surigao liegenden Dörfer Dapa und
Cabuntug noch in der Mitte dieses Jahrhunderts offene Fehde miteinander
geführt und noch heutigen Tages besuchen sie sich gegenseitig nur
ungerne, weil sie Vergiftung durch ihre alten Feinde fürchten. Nur
im Norden Luzon's und auf den Visaya's etwa in jenen Provinzen, in
denen eine starke Mestizenbevölkerung gefunden wird, wie in Iloilo,
hat sich ein gewisser Provinz-Patriotismus ausgebildet, der in den
früher nicht seltenen Reibereien zwischen den aus verschiedenen
Provinzen genommenen Soldaten eines Regimentes seinen Ausdruck
fand. Keine gemeinsamen politischen Volksinteressen verbinden die
Colonie mit dem, nur uneigentlich sogenannten Mutterlande.
Ebensowenig wie in der politischen Sphäre hat der christliche Spanier
sonst in geistiger Beziehung grossen Einfluss auf den Charakter der
Bewohner zu gewinnen gewusst. Der Volksunterricht lag von jeher und
liegt auch jetzt noch, in den Provinzen sowohl wie in der Metropole,
gänzlich in den Händen der Priester. Mit Ausnahme der Professoren für
Völkerrecht und römisches Recht sind alle Lehrstühle der Universität
von Santo Tomas in Manila in Händen der Priester, welche natürlich
nicht blos die theologischen Vorträge, sondern auch die über
Metaphysik, Physik und Logik nach den Grundsätzen der katholischen
Kirche einrichten müssen. In den Provinzen hat jedes Dorf allerdings
seine öffentliche Schule, in welcher der Unterricht obligatorisch
ist; aber ausser Lesen und Schreiben wird hier nur noch geistlicher
Gesang und die christliche Doctrin gelehrt. Dieser Unterricht aber
geschieht noch lange nicht überall in spanischer Sprache; wenigstens
ist die allgemeine Einführung derselben als Schulsprache noch so
neuen Datum's, dass es noch lange dauern mag, bis sich überall der
spanische Beamte selbst mit seinen nächsten Untergebenen wird in
Spanisch unterhalten können. An der Ostküste Mindanao's, einer der
ältesten und ergebensten Provinzen, wurde noch vor 40-50 Jahren nur der
einheimische Dialect gesprochen, und die Priester bedienten sich hier
sogar, wie man sagt, in ihrem officiellen Verkehr bis in den Anfang
des 19. Jahrhunderts hinein der alten malaiischen Buchstaben. Die Zahl
derjenigen Eingebornen--die Spanier nennen sie immer Indier--welche
lesen und schreiben können, soll ziemlich gross sein; aber bei der
vollständigen Unzuverlässigkeit aller statistischen Angaben lässt
sich hierüber nichts Sicheres behaupten. Im Jahre 1863 versuchte die
spanische Regierung eine allgemeine Zählung der Kopfzahl mit Umgehung
des bisher üblichen Systems der Tributzählung vorzunehmen, wobei auch
angegeben werden sollte, wie viele des Lesens und Schreibens kundig
wären. Das Factum, dass die Regierung niemals die Resultate dieser
Zählung veröffentlichte, scheint für die damals oft gehörte Meinung
zu sprechen, dass die ungeheuerlichsten Resultate herauskommen
würden. Die überraschende Leichtigkeit endlich, mit welcher sich
das Christenthum gleich im Anfang der Eroberung über die Inseln
ausbreitete, lässt erwarten, dass es nur wie ein passendes Gewand
die alten religiösen Gebräuche [3] deckte, und sich theilweise wohl gar
mit ihnen amalgamirte. Ehrliche Mönche hört man noch jetzt darüber
klagen, dass dieselben Menschen heute in die Kirche gehen, um zu
ihrem christlichen Gotte zu beten und morgen ihrem heidnischen Götzen,
dem Diuata oder dem Anito bei der Aussaat oder der Erndte ihre Opfer
bringen. An einzelnen Orten scheint sogar ein Rückfall in die alten
heidnischen Zeiten stattgefunden zu haben. Es existirt in dem Archiv
des Gouvernements von Cayan, Provinz Lepanto, im Nordwesten von Luzon,
ein Document, aus welchem, wenn es überhaupt echt ist, hervorgeht,
dass die Bewohner des Districts vor dem Jahre 1700 bereits zum grössten
Theil Christen gewesen sind. Jetzt sind sie alle wieder Heiden. In der
reichen Familie des Ygorroten Lacampa wird der Titel "Maestre de Campo"
geführt, welcher einem ihrer christlichen Vorfahren im Anfang des
18. Jahrhunderts gegeben wurde; jetzt ist die ganze Familie heidnisch.
So scheint weder in politischer noch religiöser Beziehung ein tiefer
geistiger Zusammenhang zwischen den Eingebornen und ihren Herren aus
Spanien hergestellt zu sein. Sie beugten sich willig vor der fremden
starken Macht, deren staatliche Organisation ihnen aufgedrungen wurde;
und die dennoch vorhandene grosse Sympathie zwischen den Eroberern
und den Unterjochten beruht auf der absichtlich oder unabsichtlich
geübten Schonung der lokalen Eigenthümlichkeiten, der Leichtigkeit,
mit welcher sich der katholische Cultus dem bestehenden Glauben
anpassen liess, dem regen persönlichen Verkehr zwischen ihnen und
wohl vor Allem auf der allmäligen Entwickelung eines sicheren und
jedem Einzelnen greifbare Vortheile gewährenden Handels.
Die Entwickelungsgeschichte des philippinischen commerciellen Verkehr's
ist in mehr als einer Beziehung interessant und lehrreich.
Schon bei der Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert scheinen die
Bewohner der Inseln einen ziemlich lebhaften Handel [4], namentlich
mit China, getrieben zu haben. Ausser den gewöhnlichsten Producten
chinesischer Industrie waren es besonders Seide und die noch heutigen
Tages in Borneo so beliebten grossen irdenen Gefässe, welche sie im
Tausch gegen Reis, Gold und Trepang erhielten. Leider fehlen alle
bestimmteren Angaben über diesen Verkehr, so dass nicht zu sagen ist,
wie weit sich derselbe erstreckt haben mag; doch lässt sich aus der
ungemein raschen Entwickelung des Verkehrs und Handels in Manila
in den ersten 10 Jahren von Legaspi's Ankunft an wohl schliessen,
dass auch schon früher wenigstens nach China und Japan hin ein
bedeutender Handel stattgefunden haben muss. Einer der ältesten
philippinischen Historiographen, der P. Chirino, welcher seine
Geschichte der philippinischen Inseln 1604 in Rom herausgab,
war voll der Bewunderung über die von allen Seiten nach Manila
herbeiströmenden Nationen des Ostens. Die Chinesen brachten nun,
um das Silber der Spanier, die "Reales de à quatro, i de a ocho" zu
erhalten, ihre Seidenzeuge und Gefässe; zahlreiche gewerbtreibende
Männer kamen hinüber und arbeiteten für so geringen Lohn, dass damals
z. B. die von chinesischen Schustern gemachten Stiefel nur 2 Realen =
1 Gulden kosteten und ihrer Billigkeit wegen als Handelsartikel nach
Mexiko geführt wurden. Von Indien, Malacca, den Molucken erhielten
die Manilesen männliche und weibliche Sclaven, die sich trefflich
zu allen häuslichen Geschäften brauchen liessen, ferner die Gewürze,
kostbare Steine, Elfenbein, Teppiche und Perlen. Japan endlich sandte
Mehl, Weizen, Silber, Metalle, Salpeter und Waffen "und viele andere
Merkwürdigkeiten: was Alles den Menschen das Bewohnen dieses Landes
bequem und begehrenswerth gemacht hat und noch macht: und in der That
ist es ein anderes Tirus gleich dem von Ezechiel so gepriesenen."
Dieser Ausspruch des glaubwürdigen Jesuiten zeigt wohl besser als
eine lange Aufzählung die Bedeutung, welche schon im Jahre 1604,
also nur 33 Jahre nach der Landung Legaspi's in Cebú, der Handel
von Manila für den Gesammtverkehr der Nationen gewonnen hatte. Noch
waren China so wenig wie Japan mit den Völkern des Westens in direkte
Verbindung getreten. Der portugiesischen Eroberung von Malacca und
den Molucken waren beständige Unruhen und Kriege, keine den Handel
ermunternde Periode der Ruhe gefolgt. Im Jahre 1611 erst langte der
erste holländische Gouverneur in Bantam an, von wo aus seit 1602
ein ziemlich lebhafter Handel mit den Engländern in Achin eröffnet
worden war. Dagegen hatte Manila schon seit 1512 fast völliger Ruhe
genossen--mit einziger Ausnahme des Ueberfalls durch den chinesischen
Piraten Limahon. Der schöne, gegen den Nord-Ost-Monsun vollständig
geschützte Hafen, die günstige Lage gegenüber China, Japan und den
hinterindischen Inseln und vor Allem die direkten, durch die sogenannte
Nao oder die Silberflotte vermittelten Beziehungen zu Neu-Spanien
machten die Hauptstadt der Philippinen rasch zu dem Ausfuhrhafen jener
östlichen Länder. Nur äusserst gering war der ursprüngliche Antheil,
welchen die Provinzen von Luzon oder der Visaya's an jenem Handel
nahmen. So war Manila fast bis in den Anfang unseres Jahrhunderts
hinein ein Stapelplatz für die östlichen Producte, welche hier gegen
das von Mexiko eingeführte Silber eingetauscht wurden.
Schon die ersten Expeditionen, welche Carl V. ausgesendet hatte,
fassten auch den Handel mit den neu zu entdeckenden Ländern in's Auge;
wie sie selbst ja ursprünglich aus dem Wunsche entsprungen waren,
die kostbaren Producte der Gewürzinseln, welche bis dahin nur auf dem
Wege über Indien und Arabien ihren Weg nach Europa gefunden hatten,
auf direktem Weg nach Spanien zu bringen und dadurch den Handel mit
diesen zu monopolisiren. Alle höheren Officiere dieser Expeditionen
hatten einen gewissen Antheil an der Befrachtung des Schiffes, und
ebenso wurde ihnen eine bestimmte Tantième von dem Gewinn des Handels
zugesichert, zu welchem die Regierung das ausschliessliche Recht
zu haben glaubte. Was vielleicht ursprünglich nur eine vom Könige
ergebenen Dienern geschenkte Gunst war, wurde nun bald ein Recht der
Einzelnen, und so entstand allmälig die Form des Handelsverkehrs,
wie er bis zum Jahre 1733 durch die Nao von Acapulco vermittelt
wurde. Aller socialer Verkehr zwischen den Philippinen und Spanien
fand, der durch die Demarcations-Linie gezogenen Richtung folgend,
bis dahin über Acapulco statt, und alle Civilbeamten wie Soldaten und
Priester, welche von hier aus mit der Nao alljährlich im Januar sich
nach Manila hin einschifften, hatten ihren durch besondere Gesetze
bestimmten Antheil an der Befrachtung des Schiffes, welches gewöhnlich
im Juli Manila verliess. Der Gehalt dieser Schiffe war durchschnittlich
1200-1500 Tonnen. Die Regierung befrachtete wohl immer den grössten
Theil des Schiffes; was sie übrig liess, wurde in Theile getheilt,
welche den Beamten, den in Manila ansässigen Wittwen derselben und den
Clerigo's, d. h. den Weltgeistlichen gegeben wurden mit dem Rechte,
ihren Theil frei von Kosten zu laden. Da aber diese Leute selten nur im
Besitze hinreichender Capitalien waren, um auf eigene Rechnung Handel
treiben zu können, so verkauften sie die Scheine, die sogenannten
"boleta's", an die eigentlichen in Manila ansässigen Kaufleute oder
Gesellschaften um einen mitunter recht hohen Preis. Die von Acapulco
zurückkehrende Nao brachte dann ausser dem durchschnittlich etwa 2
Millionen Dollars betragenden Baarvorrath den Soldaten und Priestern
noch Cochenille, Weine und Süssigkeiten aus Spanien. Fast das ganze
17. Jahrhundert hindurch scheint der Handel in dieser Weise geführt
worden zu sein. Zu den natürlichen Schwierigkeiten eines solchen
Systemes kam nun bald auch die Rivalität von Cadix und Sevilla, deren
Ausfuhr europäischer Industrieproducte nach America hin sehr durch
die Concurrenz mit den chinesischen Seidenzeugen und Baumwollenwaaren
vermindert worden war. Drückende Bestimmungen hinderten noch mehr die
Entwickelung des Handels von Manila, als es so schon der Zwang that,
alle Speculationen auf eine Karte, die glückliche Fahrt der Nao von
Acapulco zu setzen. Bald auch drängte die zunehmende Wichtigkeit des
holländischen und englischen Handels zum Aufsuchen eines direkteren
Weges, besonders, weil allmälig auch die Landesproducte namentlich
Zucker, Indigo und Baumwolle zu Ausfuhrartikeln wurden: und so entstand
im Jahre 1733 [5] die Real Compañia de Filipinas, welche das Privilegium
des Handels zwischen Spanien, den östlich vom Cap der guten Hoffnung
liegenden Ländern und Manila auf 25 Jahre erhielt. Das Capital dieser
Gesellschaft, welcher der Handel mit Amerika untersagt war, betrug
4 Millionen Dollars. Als dann 1785 die Gesellschaft von Caracas ihr
Ende erreichte durch Erlöschen ihres Monopoles wurden diese und die
philippinische Gesellschaft unter dem alten Namen "Real Compañia
de Filipinas" vereinigt, welche nun einen mehr und mehr zunehmenden
direkten Handel nach Spanien mit einem Capital von 8 Millionen Dollars
trieb. Auch ihr blieb der Handel nach Acapulco untersagt. Das 1788 von
Manila auslaufende Schiff "La Concepcion" hatte ausser chinesischen
Stoffen Indigo, Baumwolle und Sibucao an Bord, 1789 wurden in drei
Schiffen von Landesproducten ausgeführt: Indigo 45,825 lbs., Sibucao
3550 lbs., Baumwolle 29 Ballen, Zucker 1200 lbs., Perlmutterschalen
12,740 lbs., Wachs 1000 lbs. und einige andere Sachen mehr. Mehr und
mehr gerieth nun der Handel von Acapulco in Verfall. Ohne ganz mit den
alten Traditionen der monopolisirenden Schutzzollpolitik zu brechen,
sah sich doch im Anfang dieses Jahrhunderts die spanische Regierung
genöthigt, sowohl den Fremden Theilnahme am Handel der Compania
de Filipinas zu gestatten, als den Hafen von Manila den fremden
Schiffen zu öffnen. Schon 1789 war nichtspanischen Schiffen der
Import europäischer Waaren für einen Zeitraum von 3 Jahren gestattet
worden. 1809 wurde das erste englische Haus in Manila etablirt, 1814
das Niederlassungsrecht allen Fremden gegeben. Und als nun endlich
durch die Abtrennung der amerikanischen Besitzungen vom Mutterlande
der Handel von Acapulco seinen Todesstoss erhielt, zugleich aber
auch die Menge der neuen englischen Häfen an der östlich-asiatischen
Küste von Singapore nach Shanghai hinauf geöffnet wurden, welche
den Verkehr zwischen den zwei grössten handeltreibenden Nationen
der Erde direkt vermittelten; da verlor Manila seine Anziehungskraft
als Stapelplatz für die asiatischen Waaren gänzlich. Was in früheren
Zeiten vielleicht für die ganze Colonie ein grosses Unglück gewesen
wäre, konnte jetzt nur segensreiche Erfolge haben; denn nun wurde die
hauptsächlich von den Fremden entwickelte Energie im Handel der nächste
Anlass zur raschen Ausbildung der natürlichen in dem überreichen Boden
dieser Inseln liegenden Hülfsquellen des Landes selbst. Auch fanden
sich die Bewohner der Provinzen zur Steigerung ihrer Thätigkeit
hinreichend vorbereitet. Langes Zusammenleben mit den Europäern,
mit denen sie sich theilweise zu Mischlingsracen verbunden hatten,
und der allerdings oft unterbrochene Verkehr mit den Chinesen, diesen
Engländern des Ostens, hatte den Eingebornen allmälig grössere
Bedürfnisse eingeimpft, als sie im Anfang gehabt hatten. Der
grosse Luxus im Bau der europäischen Häuser, die Pracht, welche
die einzelnen Dorfschaften bei ihren festlichen Aufzügen und in der
Kirche zu entfalten suchten, die immer mehr zunehmende Neigung zu
prächtigen Gewändern und glänzendem Schmuck--alle diese und noch
manche andere Ursachen steigerten die Bedürfnisse der Bewohner
und erhöhten allmälig auch wohl ihre Arbeitskraft. Auf der andern
Seite hatten von jeher die Regierung oder vielmehr die einzelnen
Beamten des Landes die Thätigkeit ihrer Untergebenen künstlich zu
erhöhen versucht. Ein jeder tributpflichtige männliche Bewohner wurde
gezwungen, alljährlich 40 Tage im Dienste der Regierung zu opfern; es
wurden diese sogenannten "polistas" zum Bau der öffentlichen Strassen
und Brücken, der Tribunale und andern Regierungsgebäude verwendet. Der
Bau des Tabacks und Handel mit demselben, ursprünglich gänzlich frei,
wurde 1782 Monopol der Regierung, die die Anpflanzung desselben in
einigen Provinzen untersagte, in anderen dagegen mit solchem Eifer
betrieb, dass den Bewohnern dieser Provinzen fast zu gar keiner
anderen Beschäftigung mehr Zeit blieb. Trotz des scheinbar Gehässigen
solcher Zwangsmassregeln haben doch diese Tabacksprovinzen sich zu
grossem Reichthum emporgeschwungen, der sich namentlich in ihren
oft mit europäischem Luxus ausgestatteten Tribunalen [6] zu erkennen
gibt. Bis vor nicht gar langer Zeit war es noch den Gouverneuren und
den Alcalden der Provinzen gestattet, Handel zu treiben. Wenn auch
diese Erlaubniss, verbunden mit der politischen Macht, welche in
ihre Hände gelegt war, sie häufig zu weitgetriebenem Missbrauch der
Arbeit der Eingebornen verleitet haben mag; so kann doch wohl kaum
der Nachtheil den nothwendig damit verbundenen Vortheil überwogen
haben. Gegen allzu starke und allzu lang fortgesetzte Bedrückung
standen den Eingebornen immer die Priester als Widersacher jener
Beamten zur Seite. Ohne das persönliche Interesse aber, welches den
Gouverneuren durch den zu erwartenden Profit an der Entwickelung des
Ackerbaues und des Handels gegeben war, würden sie sich schwerlich
viel um die private Thätigkeit der Einwohner gekümmert haben;
ja es ist anzunehmen, dass sie Alles gethan haben würden, um die
Priester in ihren commerciellen Unternehmungen zu hindern, wodurch
sie dann indirekt auch wieder die mit den Mönchen in Verbindung
stehenden Bewohner mehr oder minder geschädigt hätten. Die durch
die politische Stellung der Mönche und der Beamten leicht erzeugte
Uneinigkeit endigte nun auf dem commerciellen Gebiete häufig in einem
Compromiss, aus welchem beiden Theilen ein sicherer Verdienst erwuchs,
während andererseits die Bewohner von der geistlichen wie weltlichen
Localbehörde zu immer grösserer Thätigkeit angespornt wurden. Es
war also wenigstens im Anfang der Occupation diese den Lehnsherren
zuerst und nachher den Gouverneuren gegebene Erlaubniss sicherlich
ein wichtiges Mittel zur Vermehrung des nationalen Reichthums. Als
nun endlich bei mehr und mehr zunehmender christlicher Bevölkerung
das freie und zum Ackerbau vorwiegend günstige Land der Ebenen und
Thäler immer seltener wurde und zugleich der Werth des schon in Besitz
genommenen Landes immer höher stieg, konnten nun die Eingebornen
nicht mehr das frühere, wie es scheint, allgemein übliche System der
"cainines" anwenden; vielmehr mussten sie nun das alljährlich mit
Reis bepflanzte Feld besser bearbeiten, als es bei jenem System nöthig
gewesen war, oder bei der Ausnutzung ihrer Zuckerplantagen europäische
Maschinen einführen, um durch gesteigerten Verdienst den wachsenden
Lebensbedürfnissen genügen zu können. Nun kam die mächtige Anregung,
welche durch die Einwanderung nichtspanischer Europäer gegeben wurde,
nicht mehr unzeitgemäss. Dass es in der That wohl zum grössten Theil
der Einfluss der Kaufleute angelsächsischer Race war, welchem das
rasche Wachsen der Ausfuhr einheimischer Producte zu verdanken ist,
geht unwiderleglich aus folgenden Zahlen hervor. Im Jahre 1810, also
ein Jahr nach Etablirung des ersten englischen Hauses, betrug die
Ausfuhr nur 500,000 Dollars, die Einfuhr dagegen 900,000 Dollars. Im
Jahre 1841 betrug der Gesammtumsatz über 5 1/2 Millionen Dollars und
in demselben Jahre schon hatten englische und amerikanische Häuser
mehr als 55 Prozent des Handels in Händen. In diesem Jahr überstieg
die Ausfuhr die Einfuhr schon um nahe 1 1/2 Millionen Dollars. 1863
betrug der Gesammthandel schon mehr als 16 Millionen Dollars, der
Export fast 9 Millionen. Jetzt ist die Zeit eines gesunden Handels
gekommen. Zwar mögen immer noch monopolistische Neigungen oder
schutzzöllnerische Vorurtheile der Spanier dem fremden d. h. nicht
spanischen Handel allerlei Hindernisse in den Weg zu legen versuchen,
und so den Verkehr auf einer niedrigeren Stufe erhalten, als vielleicht
nach den im Boden vergrabenen Reichthümern des Landes zu erwarten
wäre. Aber es sind doch endlich die Philippinen ganz und voll in
die Reihe der producirenden und damit auch consumirenden Länder
getreten. Nun erscheinen Manila--und mit ihr die anderen seit einigen
Jahren geöffneten Häfen--nicht mehr als Entrepotplätze für einen
nur durch zufällige Umstände oder künstlich dem Handel aufgedrängte
Richtungen hervorgerufenen Austausch der Waaren fremder Nationen;
sondern als die natürlichen Ausfuhrhäfen eines von der Natur auf's
Reichste ausgestatteten Landes.
Aber es würde das Bild, welches wir so von dem Einfluss der Spanier
und der modernen Zeit zu entwerfen gesucht haben, wesentlich
unvollständig bleiben, ja vielleicht sogar seines auffallendsten
Lichtes--oder Schattens?--entbehren, wollten wir hier nicht auch noch
einer Einwirkung gedenken, bei welcher sich geistige wie materielle
Momente vereinigten, um ein gemeinsames Resultat zu erzielen. Wir
meinen die theils durch die Spanier, theils durch die Chinesen
hervorgebrachten Mischlingsracen. Schon in den ersten Jahren der
Occupation fanden Heirathen zwischen Spaniern und Frauen von Cebú und
Manila statt. Zahlreiche Beamte--Soldaten wie Civilbeamte--liessen
sich im Laufe der Jahre hauptsächlich in Manila nieder. Durch ihre
Heirathen untereinander und mit den Eingebornen entstand theils die
Classe der sogenannten Hijo's del Pais, den von 2 ganz spanischen
Eltern stammenden Kindern ungemischten Blutes, und die eigentlichen
Mestizen, in deren Gesichtszügen die meist tagalische Mutter immer
einige Spuren ihrer Race zurückliess. Zahlreicher aber und an manchen
Orten auch durch ihre grosse Strebsamkeit wichtiger sind die aus der
Vermischung der Malaien und Chinesen hervorgegangenen Mischlinge,
die sogenannten Mestizos de Sangley, welche unter dem Einflusse der
aus Europa eingeführten Cultur und angetrieben durch die ihnen von
väterlicher Seite her mitgegebene Rührigkeit bald einen Einfluss im
commerciellen Verkehr des Landes erlangten, der dem der spanischen
Mestizen gewiss völlig gleichsteht. Leider ist aus den alljährlich
in Manila publicirten Zählungen nicht zu sehen, wie viele spanische
Mestizen dort leben, und ebenso leidet gewiss auch jede Angabe über die
Menge der chinesischen Mestizen an demselben Mangel, wie er überhaupt
dem dort geübten System der Zählung nach Tributos anklebt. Nach dem in
der "Guia de forasteros" für 1864 publicirten Census würden sich in
den 3 Provinzen Manila, Cavite und Pampanga fast 45,000 chinesische
Mestizen befinden, gegen eine einheimische Bevölkerung von etwa
226,000 tributpflichtigen Individuen. Es lässt sich hieraus schon
der grosse Einfluss entnehmen, den jene thätige und intelligente Race
auf den Verkehr sowohl wie auf den Geist des Volkes üben muss; noch
bezeichnender aber ist in der ersten Richtung wohl das Factum, dass
das grösste Bankgeschäft in Manila, das Haus Tuason, einen Chinesen
zum Begründer hatte und auch bis jetzt immer in den Händen seiner
Kinder und Kindeskinder geblieben ist, die er mit einer Tagalin oder
Mestizin erzeugt hatte. Alle diese Mischlinge zeichnet aber nicht blos
die grössere körperliche Rührigkeit, das Bedürfniss nach Ansammlung von
Reichthum, grössere und edlere Genussfähigkeit aus, als sie den rein
malaiischen indolenten Eingebornen eigen zu sein pflegen; sondern
auch in intellectueller Beziehung stehen sie weit über ihnen. Es
dürfte schwer sein, in dieser Classe Individuen zu finden, welche
nicht des Lesens und Schreibens kundig wären. Das ihnen innewohnende
Bedürfniss nach höherer geistiger Ausbildung spricht sich in den von
Tag zu Tag sich mehrenden Reisen nach Europa aus, wohin selbst häufig
schon die Kinder in zartem Alter geschickt werden, um sich so viel als
möglich europäische Sprachen und Bildung anzueignen. Neben dem, für
den Reisenden wohlthuenden Gefühl höherer Selbstachtung, als sie die
Tagalen oder Visaya's zur Schau tragen, hat sich endlich auch bei ihnen
das Bewusstsein, einem Stamme anzugehören, entwickelt, so dass eine
schwache Spur politischen Lebens--soweit solches überhaupt in dieser
ganz von Spanien aus regierten Colonie möglich ist--sich wenigstens
in dem Interesse ausspricht, mit welchem die intelligenteren Mestizen
des Landes an der Ausbildung mancher gemeinnütziger Institutionen des
Landes und ganz besonders der Hauptstadt theilnehmen. Ja, es scheint,
als ob das Bedürfniss nach grösserer politischer Selbständigkeit und
nach Selbstregierung, das offenbar in der Classe der Mestizen stark
verbreitet ist, vielleicht mit der Empörung des Militairs im Jahre
1823 zusammenhing. Die militärischen Leiter der Erhebung des 2. Juni
waren 2 in Manila geborne Offiziere niedrigen Grades. 4 Monate früher
schon hatte die Regierung Nachricht erhalten von einer Verschwörung
und in Folge der Untersuchung eine Anzahl in Manila geborener Spanier
sowie einige hervorragende Mestizen als Gefangene nach Spanien
geschickt. Unter letzteren befand sich D. Domingo Rojas, ein Mann,
dessen Familie noch heute in Manila und in den tagalischen Provinzen
durch Talente und grosse Reichthümer ausgezeichnet dasteht und grossen
Einfluss besitzt. Bei dem in Spanien sowohl von der Regierung wie von
den einzelnen Männern seit jeher geübten System der Verheimlichung und
Verschönerung darf es nicht Wunder nehmen, wenn in den Erzählungen über
diese und ähnliche Vorfälle, wie sie spanische Autoren enthalten, Alles
verschwiegen wird, was der Regierung oder der spanischen Nation etwa
zum Nachtheil ausgelegt werden könnte. Es geht denn auch in Manila
selbst nur ein dumpfes Gerücht von der Betheiligung der Mestizen
an jener Revolution; und nur selten deuten unbedachte Aeusserungen
eines mit den dortigen Verhältnissen vertrauten Mannes an, dass die
stärksten Widersacher des spanischen Regiments die Mestizen sind und
die "Hijos del pais".
Für einen Spanier, dessen Wunsch vor Allem ist, die Colonie dem
Mutterlande wie eine zu melkende Kuh zu bewahren, mögen wohl die
Mestizen als gefährliche, oder wenigstens nicht zu missachtende
Gegner erscheinen. Dennoch ruht auf ihnen die Hoffnung des
Landes. Eine Einwanderung zahlreicher Europäer, die das Land--wie
es die Engländer in Neu-Seeland und Australien gethan haben--in ein
europäisches verwandeln würde, ist vorläufig wenigstens undenkbar. Der
europäische Ackerbauer würde hier den Kampf um's Dasein nicht
durchfechten können. Der reine Malaie lebt aber heute noch fast
ebenso, wie früher, ohne Bewusstsein erhöhter persönlicher Würde,
ohne Interesse an dem gemeinsamen Geschicke des Landes. Sollte ein
unglücklicher Umstand dem Lande die politische Freiheit geben und
die Macht zerstören, welche allein durch Jahrhunderte hindurch im
Stand war, die Bewohner zur Annahme höherer Cultur zu zwingen, so
würde trotz des Christenthums und der Pfaffen und trotz der Sympathie
zwischen Spaniern und Malaien augenblicklich ein Zerfall in das alte
Clan-Wesen eintreten, das ja noch bis auf den heutigen Tag in der
bürgerlichen Ordnung fortlebt. Dies könnte nur die kräftige Hand
eines neuen Besitzers und Herrschers verhüten. Und es liegt in der
Natur des Entwickelungsganges unserer Zeit begründet, dass dann an
jene Mestizenrace die Aufgabe heranträte, dem Untergang des blühenden
und zu noch grösserer Blüthe berufenen Gemeinwesens mit kräftiger
Hand zu steuern. Hoffen wir, dass ein solches Experiment dem Lande
nicht bevorstehen möge in Folge des Kampfes, der sich jetzt abermals
zwischen den Parteien Spanien's erhoben hat.
Anmerkungen.