Die Negrito's und die heidnischen malaiischen Stämme.
Auf der Bühne, deren Bretter und Coulissen, Drähte und Maschinen wir
jetzt hinreichend kennen gelernt haben, spielte seit Jahrhunderten, wie
überall, der Mensch sein blutiges Drama. Auf den Philippinen, wie bei
uns, ist das erste Auftreten des Menschen in fast undurchdringliches
Dunkel gehüllt. Wie aber in Europa die Ueberreste der Pfahlbauten mit
ihren Waffen und Kochgeschirren, Schmuckgegenständen und Skeletten
unsere Phantasie im Aufbau einer vorkeltischen Menschenperiode Europa's
unterstützen; so haben uns die früheren Bewohner der Philippinen
zwar keine Denkmäler, wohl aber einige lebende Stämme überliefert,
die uns in ihren Sitten und Gebräuchen ein ziemlich getreues Bild
vergangener Jahrhunderte liefern.
Hier scheinen nun Negerstämme die ersten Besitzer des Landes
gewesen zu sein; wenigstens hat man von anderen Völkern, die ihnen
vorangegangen wären, keine Kunde, und auch die Steinbeile [1], welche
man mitunter auf diesen Inseln findet, lassen sich ganz ohne Zwang
auf eine schwarze Bevölkerung beziehen. Der Papua-Race auf Neu-Guinea
und den angrenzenden Inseln, sowie den Bewohnern der Fidji-Inseln und
anderer Inselgruppen im stillen Ocean nahe verwandt [2] in psychischer
Beziehung und in vielen ihrer Sitten und Gebräuche, stehen sie doch in
Bezug auf Cultur und Gesittung auf einer viel niedrigeren Stufe, als
die Negerracen der Inseln im stillen Ocean. So könnte man entweder in
ihnen einen auf niedriger Entwickelungsstufe stehengebliebenen, oder
einen unter dem, Jahrhunderte alten, Einflusse späterer Einwanderer
degenerirten Zweig des allgemeinen Papua-Stammes sehen, von welchem
eine Anzahl frischer noch grünender Aeste als die Repräsentanten des
höchsten Culturzustandes, den diese Race erlangen konnte, anzusehen
wäre. Wenn man nach den spärlichen in Werken spanischer Autoren
niedergelegten Notizen über die Negritos der Philippinen sich den
Einfluss der malaiischen und christlichen Periode construirt, so glaubt
man freilich zu erkennen, dass man es nur noch mit den herabgekommenen
Enkeln einer einst viel höher stehenden Race zu thun hat.
Im Süden der Philippinen scheinen sie gänzlich ausgerottet zu
sein. Allerdings geben alle Autoren an, dass im Osten wie im Innern
Mindanao's noch echte Negritos leben, eine Meinung, die aber auf
vollständiger Unkenntniss der dortigen Stämme beruht. Nur die wenig
zahlreichen Mamanua's im Osten Mindanao's haben Negerblut in ihren
Adern, aber sie sind ein Mischlingsvolk, das als solches auf den
ersten Anblick kenntlich ist. Mit Ausnahme der Insel Negros, wo noch
einige wenige Negerfamilien namentlich in der Gebirgsgegend um den
Vulcan herum hausen sollen, sind die Autochthonen auf sämmtlichen
Inseln der Visayas verschwunden. Im südlichen Luzon scheinen sie auch
zu fehlen; mehr und mehr gegen den Norden zu aber treten sie immer
häufiger sporadisch auf--so an der Ostküste auf der Insel Alabat, bei
Mauban, in der Bergkette von Mariveles und Zambales, an der Ostküste
bei Baler, dann bei Casiguran, bis sie endlich von Palanan an bis
an das Cabo Engaño hinauf ausschliesslich die Küste sowohl, wie die
Gebirgsgegenden der östlichen Bergkette bevölkern. Wenn irgendwo,
so sind sie hier noch in ihrer grössten Reinheit der physischen wie
der geistigen Charactere zu finden.
Bei einer durchschnittlichen Körperhöhe von 4' 7'' par. (Männer) und
4' 4'' (Weiber) sind ihre Glieder dem entsprechend ungemein zart,
aber wohl gebildet. Mit rundem, namentlich bei den Weibern stark
ausgeprägtem Gesicht, äusserst dicker, braunschwarzer, glanzloser
und wollig-krauser Haarkrone; mit geradem, wenig vorspringendem
Kiefer und schwach gewulsteten Lippen, mit sehr flacher und breiter
Nase und dunkelkupferbrauner Körperfarbe--so bilden diese Neger
körperlich einen schroffen Gegensatz zu den grösseren und eckiger
gebauten malaiischen Usurpatoren. Durch die ungemeine Schmächtigkeit
ihrer Beine und die verhältnissmässig grossen Bäuche--muy barrigudos
nennen sie die spanischen Historiker--erinnern sie etwas an die
glatthaarigen Bewohner Australien's. Die Milde des tropischen Klima's
nimmt sich freundlich ihres fast gänzlich nackten Körpers an, den sie
unter leicht beweglichen Schirmen, wie sie auch unsere Steineklopfer
haben, gegen heftigen Wind und Regen oder die allzuheisse Sonne
schützen. Unter ihnen ausgestreckt liegen sie auf dem heissen Sande
des Meeresstrandes oder am Ufer der Gebirgsbäche, immer bereit,
die schnell gebaute Hütte einige Meilen weiter zu tragen, wenn
Mangel an Nahrung sie dazu zwingt. Mehr Sorgfalt, als den Schürzen
und Schenkelbinden, wenden sie ihren Zierrathen zu, die sie in Form
von wunderlich gestalteten Ohrgehängen, Ringen für Beine und Arme,
Halsketten und einigen Utensilien für den Taback und das Betelkauen
sich aus Wurzeln und Stücken Holz, sowie Fasern der Pandanus-Arten
flechten. Nur die Reichsten unter ihnen gestatten sich den Luxus
einer von den Christen erhandelten Matte zum Schlafen. Auch das
Tättowiren üben sie; wenngleich lange nicht in dem Maase, wie die
Malaien in der westlichen Cordillere Luzon's. In der Verbindung der
dabei angewandten Verzierungen, lauter gradlinigen Mustern, weichen
die an verschiedenen Orten lebenden Negritos nicht von einander ab;
wohl aber in der Weise des Tättowirens selbst. Die Neger der Ostküste
von Baler an bis hinauf nach Palanan brauchen dazu eine Nadel [3],
wie sie auch bei den Malaien in Gebrauch ist; die von Mariveles
dagegen bringen sich in ihrer Haut lange Schnitte an, durch deren
Combination sie die gewünschten Muster erzielen. Bei diesen erhebt
sich die Zeichnung in Form von hohen Narben, während bei den mit der
Nadel tättowirten Negern die Haut ziemlich glatt bleibt.
Ihr Charakter ist meistens besser, als sein Ruf. Von Natur sind
sie zutraulich, frei und offen, misstrauisch nur im Verkehr mit
den Christen, den Räubern ihres Landes; ausdauernd und an Muth den
malaiischen Nachbarn weit überlegen; bereitwillig zu Diensten, sobald
diese nur im Bereich des Gewohnten liegen; und von einer unbegrenzten
Liebe zur individuellen Freiheit und zum Wanderleben. Von ihrer
wirklich gutmüthigen Natur erhielt ich im Land der Iraya's [4] an der
Westseite der Cordillere von Palanan einen freundlichen Beweis. In der
einen Hälfte dieses Stammes fand ich eine sehr ungastliche Aufnahme,
und hier schienen sich die Bewohner fast gänzlich allen intimen
Umganges mit den Negern zu enthalten; in der andern aber hatte die
unverkennbare grosse Vermischung mit den Negern allen Leuten ein so
freundliches Wesen eingeprägt, dass mir der Gedanke an die Wochen, die
ich unter ihnen zubrachte, mit zu meinen liebsten Reiseerinnerungen
gehört. Grosse unbesiegbare Liebe zu ihrer Heimath und zu ihrem
Wanderleben spricht sich häufig in den Erzählungen der Spanier über
eingefangene und in Manila erzogene Neger aus. Doch irrt man sich wohl,
wenn man diesen nicht zu bändigenden Trieb nach dem Herumschweifen
in den Bergen und am Meeresufer für das wesentlichste Attribut
dieser bedürfnisslosen Naturkinder ansieht. Es scheint vielmehr die
allerdings wohl vorhandene Anlage dazu durch die Jahrhunderte alte
Verfolgung von Seiten der Malaien und nachher der Christen, und vor
Allem durch die immer mehr zunehmende Trennung eines politischen
Zusammenhanges unter den einzelnen Clan's dieser Negerstämme in ihr
jetziges Extrem ausgebildet worden zu sein. Eine gewisse Tendenz zur
Isolirung haben alle sogenannten wilden Völkerschaften; und wo sich
gewaltsam der in primitiven Zuständen, und bei geringer Dichtigkeit
der Bevölkerung überhaupt nie sehr innige und feste Zusammenhang der
Clan's untereinander löst, und sich zwischen sie nun feindliche Stämme
einschieben, welche jede Möglichkeit des Verkehrs abschneiden: da wird
diese Unabhängigkeitsliebe des Einzelnen sich immer mehr steigern,
das geringe Bedürfniss nach Einigung grösserer Massen in gleichen
Gesellschaftsformen nothwendig absterben müssen. Und wie sich so
in dem socialen Zustande der isolirt lebenden Familiengruppen, in
dem allmäligen Verlust aller ihnen eigenthümlichen Eigenschaften,
ja sogar ihrer Sprache [5], dieser verderbliche Einfluss der Trennung
des politischen Zusammenhanges naheverwandter Stämme ausspricht;
so drückt sich andererseits in dem täglichen Leben, in ihrem Kampfe
ums Dasein der für sie jetzt fast allmächtige Einfluss des Klima's aus.
Ohne bedeutenden Handel, ohne Ackerbau, bilden die Herzen der
Palmensorten und die Wurzeln der vielen wild wachsenden Aroideen,
sowie die jagdbaren Thiere des Waldes--Rehe, Schweine--und die Fische
des Meeres und der Flüsse ihre einzigste Nahrung. So ziehen sie in
kleinen Truppen von 6-8 Familien bald in den tiefen Schluchten der
Berge am Ufer der Giessbäche oder des Meeres einher, je nachdem die
Jahreszeit gerade hier oder dort eine beliebte Wurzel in Menge reifen
oder eine gesuchte Fischart in die Flüsse heraufsteigen und am Ufer
in Schwärmen erscheinen lässt. Die Werkzeuge, die sie beim Fischfange
und auf der Jagd gebrauchen, sind zugleich die einzigen Waffen. Mit
Bogen und Pfeilen stellen sie im Wald den Rehen und Schweinen, wie dem
feindlich gesinnten Ylungut [6], im Wasser des Meeres und der Flüsse
den Fischen nach. Mit ihren eisernen Messern, den sogenannten bolo's,
welche sie von den Christen erhalten, vertheidigen sie sich heute
muthig gegen einen hinterlistigen Angriff ihrer an Zahl überlegenen
aber feigeren Feinde, während sie morgen mit demselben Messer in
friedlicher Arbeit die Wurzeln ausgraben, die ihnen zum Unterhalt der
nächsten Wochen dienen sollen. Wenn dann alljährlich die aufsteigende
Sonne im April und Mai tausendfältiges Leben im Verein mit der grossen
Regenmenge hervorruft, und alle die Formen von Schmetterlingen und
anderen Insecten, die in kälterer oder in trockener Jahreszeit nur in
wenig Individuen lebten, nun auf einmal zu Hunderten erscheinen--dann
ist auch für die Negritos die Zeit festlicher Erndten gekommen. Denn
nun ziehen sie aus, Klein und Gross, in den dichtesten Wald hinein
und suchen die längst schon von dem Entdecker bezeichneten Baumstämme
aus, in deren Krone ein Schwarm wilder Bienen sich seit Monaten am
Aufspeichern des Honigs erfreut hatte. Jetzt sind die Waben gefüllt,
denn die Zeit naht, in welcher Feuchtigkeit und Sonnenwärme die
Larven der Bienen zum Ausschlüpfen bringen. Aber ehe diese zum Leben
erwachten, hat der nach Honig lüsterne Neger durch Rauch giftiger
Kräuter den Schwarm der Bienen aus ihrem Baume vertrieben. Den Honig
lässt sich der Negrito wohl schmecken, das Wachs aber presst er in
wenig gereinigte Kuchen, welche er gegen Glasperlen, Strohmatten,
etwas Reis und den über Alles geliebten Taback an den christlichen
Händler verkauft. Bald aber ist der Reis und der Honig verzehrt,
und nun geht das alte Wandern wieder an von einem Ort zum andern,
rast- und ruhelos, bald am Meer, bald in den tiefsten Bergschluchten,
bis ihnen endlich im nächsten Jahr das stärkere Schwirren der Insecten
die Rückkehr ihres Honigmonates anzeigt.
Auch über die erste Einwanderung der _Malaien_ fehlen uns jegliche
historische Documente und ebensowenig haben sie uns Monumente ihrer
früheren Lebensperioden hinterlassen. Wohl aber ist die Zahl der
noch unabhängigen, nicht vom Christenthum veränderten heidnischen
Stämme dieser Race eine sehr grosse, wenn man sie mit den spärlichen
Resten der Neger [7] vergleicht. Da sie wenigstens auf einigen Inseln
der Gruppe, namentlich im Osten Mindanao's und im Norden Luzon's noch
in ziemlich dichten Mengen bei einander leben, so können wir hoffen,
uns durch das eingehende Studium dieser Racen ein recht genaues
Bild von dem Culturzustande des Landes zu entwerfen, wie er hier
einige Jahrhunderte vor der christlichen Zeit etwa bei Ankunft der
muhamedanischen Priester herrschen mochte. Diese letzteren scheinen
sicherlich vom Südwesten herauf gegen die Philippinen nach Norden
und Osten vorgedrungen zu sein, und so finden sich dem entsprechend
gerade im Norden Luzon's und im Osten Mindanao's diejenigen Stämme,
welche in ihren Sitten und Gebräuchen noch den reinsten nicht durch
muhamedanische Glaubenslehren veränderten Charakter zeigen.
Innerhalb dieses gemeinsamen, am besten wohl durch das Wort
"malaisch" bezeichneten Wesens besitzen die einzelnen Stämme zahllose
Verschiedenheiten des Dialectes und der Sitten, der Kleidung, des
Charakters und Körperbaues, und in vielen Fällen lassen sich deutliche
Spuren fremder Beimischung aufzeigen, welche in einem Falle sogar
durch ein einheimisches der tagalischen Sprache angehöriges Wort
bezeichnet ist. Die _Mamanua_'s an der Ostküste Mindanao's führen
ganz das Leben der Negrito's, unterscheiden sich aber wesentlich von
ihnen durch die von den Angehörigen selbst zugegebene Vermischung
mit den malaiisch-christlichen Nachbarn. Das Wort "Mamanua" bedeutet
"Waldmensch". Als eine ähnliche gemischte Race zwischen Negern und
Tagalen gibt sich die in der Provinz Pangasinan lebende Race der
"_Baluga_'s" auf den ersten Blick zu erkennen. Hier aber zeigt
die Bedeutung des Wortes, welches nichts weiter sagen will, als
"_Mischling_", dass diese Race schon vor der Ankunft der Spanier
existirte und dass sie sich wahrscheinlich seit Beginn der malaiischen
Einwanderung zu bilden begonnen hatte. Endlich zeigen gar viele der
andern heidnischen Stämme eine deutlich zu erkennende Beimischung von
chinesischem Blut, für welche sich in einigen Fällen wenigstens auch
ein schwacher historischer Beleg auffinden lässt.
Wir wollen uns als Beispiele zur Illustrirung dieser malaischen
Periode einige Stämme im Norden Luzon's und in Mindanao ansehen,
die ich selbst Monate lang zu beobachten Gelegenheit hatte.
Wenngleich die im Westen der nordöstlichen Cordillere von Luzon,
nicht weit von Palanan, lebenden _Iraya_'s im Körperbau unverkennbar
malaiischen Typus zeigen, so lassen sie doch auch wieder ebenso
deutlich zweierlei verschiedene Beimischungen erkennen. Chinesisches
Blut fliesst sicherlich in den Adern eines Zweiges, welcher an dem
östlichen Arme des Rio de Ilagan, dem _Catalangan_, wohnt, von dem
sie den Namen der _Catalanganes_ erhalten haben. Die eigentlichen
Iraya's dagegen am _Ilarön_ leben gesellig mit den Negrito's der
Umgegend, verbinden sich mit ihnen und führen mit ihnen ein glückliches
harmonisches Leben. Auch mischen sich nicht selten mit ihnen sogenannte
"Cristianos remontados", christliche Bewohner der Ebenen, welche sich
vor dem strafenden Arme der Behörden in die ziemlich unzugänglichen
Berge der Iraya's geflüchtet haben. Solche Verschiedenheit der
Mischung spricht sich auch in ihren Sitten und Gewohnheiten, wie in
ihrem Charakter aus. Bei jenen, den Catalanganes, sind die Aecker,
trotz des Mangels an Büffeln und jeglichen Instrumenten zum Säen
und Erndten,--sie schneiden die Reishalme nur mit einem kleinen
Messer einzeln ab--völlig rein von Unkraut und Steinen, und der
üppig gedeihende Reis gewährt ihnen eine überreiche Erndte. Bei
den Iraya's--im engeren Sinne des Wortes--werden schon Büffel
benutzt, aber ihre Reisfelder geben ihnen wegen geringer darauf
verwandter Sorgfalt nur wenig einträgliche Erndten. Die Häuser der
Catalanganes sind meistens mit sehr dichten hohen Dächern aus Rohr
oder Gras--sogenanntem cogon--versehen, während die Iraya's die
leichter herzustellenden, aber wenig schützenden flachen Dächer aus
gespaltenen Bambusrohren vorzuziehen scheinen. Während bei jenen die
freien Plätze, um das Haus und unter demselben, auf welchen einige
kleine ihren Göttern geweihte Monumente stehen, auf das Sorgfältigste
rein gehalten werden, lassen diese allerlei Gras und Unkraut auf
ihnen wachsen und werfen wie die Tagalen bei Manila allen Kehricht
durch die Spalten des Fussbodens hinunter. In ihrer Kleidung und ihren
Zierrathen stimmen beide Stämme so ziemlich überein. Aber während die
Catalanganes als Tättowirungsmuster sowohl, wie als Ornamente für
ihre heiligen Plätze, ausschliesslich Schriftzüge anwenden, welche
mir chinesischen oder japanesischen Ursprungs zu sein schienen,
wenden die Iraya's überall nur die aus geraden oder einfachen
krummen Linien gebildeten Verzierungsmuster an, wie wir sie schon
bei den Negern gefunden haben. Als ich im Juni 1860 mit 21 Christen
von Palanan über die Cordillere gegangen war, waren wir nahe daran
inmitten der grossen in Scheunen der Catalanganes aufgespeicherten
Mengen von Reis und Mais Hunger's zu sterben; denn unsern Bitten um
Lebensmittel setzten sie beharrliche Weigerung entgegen. Ich sah mich
gezwungen, mit den Waffen in der Hand mir die Lebensmittel zu rauben,
die sie mir nicht gutwillig geben wollten, und für die ihnen dann
keine Bezahlung hoch genug zu sein schien. Nur die ernste Drohung
einer unnachsichtlich einzutreibenden Kriegssteuer brachte mir in
Minanga, von wo ich meine Leute nach Palanan zurückschicken wollte, so
viel Mais und Reis ein, dass ich Letzteren hinreichende Lebensmittel
mit auf den Weg geben konnte. Als stummen Zeugen ihres vollständigen
Mangels an Gastfreundschaft zeigten mir meine Begleiter, kurz vor der
Ankunft im Lande dieser Egoisten, mitten im Walde einen Steinhaufen,
welchen fromm geübter alter Brauch der Bewohner Palanan's zum Andenken
an einen hier vor Hunger umgekommenen Christen aufgeworfen hatte. Auf
seinem Durchmarsch durch ihr Land hatten die Catalanganes ihm auch
nicht ein Körnchen Reis für Geld oder gute Worte geben wollen. Wie
anders zeigten sich mir die wenige Meilen davon wohnenden Iraya's. Hier
machten überall die gastlichste Aufnahme, Geschenke aller Art für mich
und meine Leute, veranstaltete Feste und gern gewährte Unterstützung
beim Besteigen der Berge oder zum Rudern des Bootes das Reisen leicht
und zu einem wahren Vergnügen, so dass ich ihnen das Versprechen gab,
sie bald wieder zu besuchen, als ich durch heftiges Fieber gezwungen
wurde, ihr Land zu verlassen. Leider verhinderte mich die Entwicklung
meiner Reisepläne an der Ausführung dieses Vorhabens.
Der Glaube beider Stämme aber hat, trotz mannichfacher Abweichungen,
doch wieder so viel des Aehnlichen, dass wir wohl sicher annehmen
dürfen, in den wenigen erkennbaren Spuren, die auch noch allen übrigen
Wilden des Landes gemeinsam sind, die Reste eines religiösen Glaubens
zu sehen, wie er in der rein malaiischen Periode vor Ankunft der
Muhamedaner dort geherrscht haben mag. Ausser einigen Götterpaaren,
über deren Beziehungen und Attribute ich nicht recht klar zu werden
vermochte, huldigen sie ganz besonders den Seelen ihrer Vorfahren,
die sie unter dem Namen "Anito" in die Reihen ihrer niedrigeren
Götter aufnehmen. Es sind Hausgötter, wahre Laren und Penaten. Hier
steht in einer Ecke des Hausinnern eine Art Topf, der an und für sich
nichts Auffallendes hätte; aber man sieht leicht, dass die Glieder der
Familie diese Ecke mit grosser Ehrfurcht behandeln. In dem Topfe hat
einer ihrer Anito's seinen Sitz. Der Platz unter dem Hause, welcher
gemeiniglich auch als Begräbnissplatz dient, ist durch verschiedene
Abzeichen anderen Anito's geheiligt, ebenso der kleine vor dem Eingang
und noch unter dem Dache, des Hauses befindliche Platz vor der Leiter,
die Hütte, in welcher die Schmieden befindlich sind, und vor Allem die
durch besondere, kleinen Häusern ähnelnde Altäre ausgezeichneten Plätze
vor dem Hause. Auch die Erndte ist ihren Anito's geheiligt, denen sie
die Erstlingsfrüchte darbringen in grossen allgemeinen Festen. Jenen
andern höherstehenden Göttern scheinen sie auf der Seite des Catalangan
einen besonderen Dienst in einem Tempel zu weihen. Leider verhinderte
mich Krankheit, den Ort, wo dieser stehen sollte, zu besuchen.
So stehen die Iraya's mit ihrem schon ziemlich hoch ausgebildeten
Glauben und ihrem Ahnencultus, dem eifrig betriebenen Ackerbau und
dem sparsamen, für die kommende Zeit sorgenden Sinn, und der grossen
Kunstfertigkeit, die sich im Bau ihrer Häuser wie ihrer Ornamente
ausspricht, den reinen Negrito's weit überlegen gegenüber. Desshalb
auch erscheinen sie weniger abhängig von der Natur. Um ihre Reisfelder
und Tabacksplantagen vor den verheerenden Ueberschwemmungen zu
schützen, haben sie Dämme angelegt; im Flusse verfolgen sie die
grösseren Fische zwar noch mit dem Speere, aber durch Wehre wissen
sie die zu bestimmten Zeiten massenhaft auftretenden kleineren Sorten
in zahlloser Menge einzufangen, die ihnen eingesalzen für lange
Monate dienen; durch reich versorgte Vorrathshäuser bezwingen sie die
feindliche Gewalt der Heuschreckenschwärme oder der Misserndten und so
spricht sich fast in jeder kleinen Beschäftigung ihres Lebens die schon
beginnende Herrschaft des Menschen über die Naturgewalten aus. Aber
dem allmächtigen Einfluss der Jahreszeiten, des periodischen Wechsels
der Monsune mit ihrer Dürre oder ihrem Regenüberfluss gehorchen auch
sie, wie ihre Nachbarn, die frei wie das Wild herumschweifenden Neger,
und so regeln sich auch bei ihnen nicht bloss die Zeiten der Saat und
der Erndte, sondern auch die ihrer nationalen und religiösen Feste
nach dem Laufe der Sonne.
Auf der westlichen Seite der Insel leben in der Berglandschaft,
welche man gewöhnlich als Land der _Ygorrotes_ bezeichnet, eine
Anzahl von Stämmen nebeneinander, die sich untereinander sowohl,
wie von den ebengeschilderten Iraya's in mehr als einer Beziehung
unterscheiden. Während diese, im höchsten Grad friedlich, als fleissige
Ackerbauer zu bezeichnen sind, haben jene als muthige Vertheidiger
ihres angestammten Bodens schon häufig den eindringenden Spanier
abgewehrt, und die Proselytenmacherei der christlichen Pfaffen
mit heidnischem Trotze erschwert. Ganze Districte sind in diesem
Kampfe in den letzten Jahrzehenten [8] wüst gelegt. Hier wurden Dörfer
niedergebrannt und ihre Einwohner verjagt, weil einer derselben
einem Christen das Haupt abgeschlagen hatte; dort wurden die eben
der Blattreife nahenden Tabackspflanzen auf Hunderten von Aeckern
von den Soldaten der Regierung umgehauen, um den Schmuggel mit dem
Taback auszurotten; Wasserleitungen, welche die sorgsam gesammelten
kleinen Quellen der steilen Berggehänge den terassenförmig aufgebauten
Feldern entgegenführten, wurden zerstört und überall lässt sich der
verderbliche Einfluss nachweisen, welcher vor Allem die sogenannte
Comandancia de Ygorroles auszeichnete. Seitdem die Regierung aber eine
Anzahl kleiner Provinzen aus diesem Bergdistrict gemacht und namentlich
angefangen hat, die in _Mancayan_ zum Betriebe der Kupferminen
etablirte Empresa Cantabro-filipina zu unterstützen oder wenigstens
nicht zu hindern; seitdem hat der Handel und Verkehr in diesen Gegenden
und mit ihnen auch das gegenseitige Zutrauen in erfreulichem Maase
zugenommen. Obgleich vortreffliche Ackerbauern, die den stammverwandten
Iraya's selbst noch überlegen sind, drückt ihnen doch das kriegerische
Leben einen eigenthümlich herben und wenig freundlichen Charakter auf,
den sie aber häufig durch Zuverlässigkeit und Offenheit mildern. Nie
gehen die Männer an ihre Feldarbeit, ohne mit Lanze, Schild und einem
breiten, mit Spitze versehenen Beile ausgerüstet zu sein, welches
letztere ihnen sowohl zum Erklettern der Bäume wie zum Aufspiessen der
Köpfe erschlagener Feinde dient. Selbst in ihren Häusern legen sie
selten ihre Waffen ab. Dabei sind sie, vergleichsweise gesprochen,
die industriellsten der wilden Völkerschaften des Nordens. Sie
hatten von jeher den Ruf, die trefflichsten Schmiede zu sein, und
eben das erwähnte Beil, die sogenannte "aligua" wird von ihnen
in Massen nach dem Osten und Norden hin ausgeführt. Mit grosser
Kunst wissen sie metallne Ketten zu schlingen, und die von ihnen
selbst verfertigten kleinen Thonpfeifen stehen auf einer hohen
Stufe der Vollendung. Neben diesen findet man auch häufig kleine
kupferne Pfeifen, meistens die Gestalt eines in nationaler Weise
niederhockenden Mannes nachahmend, welche in dem seit alten Zeiten
berühmten Erzgiesserorte _Buguias_ verfertigt werden. Lange vor der
christlichen Zeit schon scheinen die Ygorrotes aus der Umgegend von
Mancayan die dortigen reichen Kupferminen ausgebeutet zu haben, aus
deren durch einfache Calcinirung gewonnenen Erträgnissen sie die wegen
ihrer Reinheit weitberühmten kupfernen Kessel verfertigten. Auch das
Gold, das sie theils aus Quarzminen gewinnen, theils aus dem Sand der
Flüsse auswaschen, wissen sie zu allerlei kleinen Schmucksachen zu
verarbeiten und mit dem im Handel erhaltenen Silber zu legiren. Was
sie aber ganz besonders, sowohl vor ihren heidnischen wie auch
christlichen Stammesgenossen auszeichnet, ist ihr erfinderischer
Geist in der Construction von Vogelscheuchen, die sie auf ihren
Feldern gegen die zahlreichen Reisvögel anbringen. Hierzu benutzen
sie die Kraft der zu den Feldern herabströmenden Bergbäche, die
sie durch ein geschickt angebrachtes und dem Stosse ausweichendes,
dann aber zurückschnellendes Bambusrohr einem oft sehr complicirten
Systeme von klappernden Stöcken und sich bewegenden Tuchfetzen,
menschenähnlichen Figuren etc. mittheilen. Leider sah ich, da ich
nach beendigter Erndte in diese Gegenden kam, nur noch ein einziges
und kleines dieser Instrumente in Bewegung.
Der etwas finstere und abentheuerliche Geist, der sich ihnen
durch solche Beschäftigungen einprägt, und der sich auch in den
übrigen Gewohnheiten des täglichen Lebens ausspricht, steht mit
der grossartigen Wildheit der sie umgebenden Natur in völliger
Harmonie. Nur dort, wo sie in den tiefsten Thälern sich des gleichen
sonnigen Klima's erfreuen, wie die christlichen Bewohner der
Ebene, schmücken sie sich mit den grellen Farben ihrer Kopftücher
oder dem reinen Weiss ihres langen Mantels, den sie um den Körper
schlagen. Wo aber in den hohen Bergthälern oder gar auf den 5-6000'
hohen Bergzügen die Bewohner im feuchten, nur Fichten, Gras und eine
gesellig lebende Farre erzeugenden Boden nach Gold wühlen oder an den
schroffsten Abhängen mit unsäglicher Mühe Felsblöcke zu einer Mauer
aufthürmen müssen, um sich einen kleinen Fleck horizontalen Landes
für ihren Reisbau zu gewinnen; da steht das vorherrschende Indigblau,
das mitunter von ursprünglich weissen Streifen unterbrochen wird,
mit dem düsteren Sinn und dem vielen Nebel der Landschaften und dem
dunkeln Grün der Fichtenwaldungen in Einklang. Nur der auch über den
höchsten Höhen schwebende philippinische Falke (Falco pondicerianus)
deutet dem Reisenden an, dass er sich im tropischen Lande befindet;
oder es grüsst ihn die 2 Zoll grosse blendend weisse Blüthe einer
Orchidee (Phalaenopteris), die sich auf hohem Fichtenzweige schaukelt,
wie eine Freundin aus sonnenhelleren Gegenden.
Ein ganz anderes Bild wieder zeigen uns die stammverwandten heidnischen
Stämme im Osten von _Mindanao_, unter denen vor Allem die _Manobo_'s
zu nennen sind. Trotz der gleichen psychischen Eigenschaften und
obgleich sich auch bei ihnen, und ganz besonders bei den _Mandaya_'s,
eine Vermischung mit Chinesen auf den ersten Blick erkennen lässt;
ungeachtet der in ihren Grundzügen auch bei ihnen geltenden
Anito-Lehre, und der innern Verwandschaft ihrer Sprache, haben
sich doch hier eine Reihe besonderer Eigenschaften entwickelt oder
erhalten, die sich in solcher Ausbildung nicht bei den Stämmen des
Nordens nachweisen lassen. Während diese schon sesshaft geworden sind
und Jahraus Jahrein dieselben Felder bewirtschaften oder dieselben
Waffen schmieden, vereinigt hier jeder Vornehme, jeder "bagani",
die wenigen von ihm direct abhängigen Menschen um sich herum und
lebt so in 2-4 Häusern im dichtesten Walde, weit entfernt von seinen
nächsten Verwandten oder Freunden. Hoch auf Pfählen gegründet, besitzt
jedes seiner Weiber, deren Menge seinen Reichthum bestimmt, ein Haus
für sich, in welchem sie mit ihren Kindern und den ihr zugehörigen
Sclaven lebt. _Eine_ unter ihnen ist die eigentlich legitime Gattin,
die auch den anderen Befehle gibt. Diese und die Kinder des bagani,
seiner Frauen Brüder, wenn diese selbst keinen Hausstand gegründet
haben, und eine Anzahl Sclaven, welche meistentheils Kriegsgefangene
sind, müssen für den täglichen Unterhalt sorgen. Neben Taback, Mais,
Bananen, Zuckerrohr und camote bauen sie vor Allem Reis in so grosser
Menge, dass sie nicht blos für sich selbst hinreichenden Unterhalt
des Jahres, sondern auch noch Ueberschuss zum Handel gewinnen. Als
ich im August 1864 bei dem "bagani" Adipan im Westen des Sumpfgebietes
des Agusan mehrere Wochen gelebt hatte, konnte er mir doch noch, als
ich abreiste, auf Monate dauernden Reisvorrath käuflich überlassen,
ohne dass in seinen Reisschuppen eine Abnahme des Vorrathes zu
bemerken gewesen wäre. Wenige Tage darauf begegneten mir auf meiner
Fahrt den Fluss hinunter eine grosse Anzahl Böte von Butuan, dessen
christliche Einwohner alle in's Land der Manobo's zogen, um sich für
das nächste halbe Jahr zu verproviantiren. Mehr als einmal schon haben
die Manobo's mit ihrem Ueberfluss an Reis die christlichen Nachbarn
vor dem Hungertode retten müssen.
Die nicht sesshafte Lebensweise dieser Manobo's liegt nun theilweise
in der Art ihres Ackerbaues begründet. Die geringe Dichtigkeit der
Bevölkerung im Verein mit der erstaunlichen Fruchtbarkeit des Landes
gestattet ihnen, der Neigung zur Isolirung zu folgen und zwingt
sie weder zur künstlichen Herstellung von Feldern und Bewässerung
derselben, noch zu sesshafter Lebensweise. Vielmehr ziehen sie es vor,
mit geringerer Arbeit bald hier und bald da ihre Aussaat zu machen,
die ihnen dann von dem überreichen Boden mehr als hundertfältig
wiedergegeben wird. Das System, das sie dabei befolgen, ist für viele
andere heidnische Malaienstämme charakteristisch und wird auch noch
von manchen christlichen Bewohnern der Philippinen geübt. Es besteht
wesentlich in der primitivsten Bearbeitung des Bodens. Die grossen
Waldbäume sowie das Unterholz werden umgehauen und dann, nach gehörigem
Austrocknen durch die Sonnenwärme abgebrannt. Zwischen die Asche und
die nur sehr flüchtig aufgewühlte Erde werden nun bald die einzelnen
Reispflanzen in Büscheln ausgepflanzt oder auch selbst der Reis direct
ausgesät. Manche der Körner oder Pflanzen gehen dabei natürlich zu
Grunde; aber der Reis, der aufgeht und zur Reife kommt, gibt ihnen
in diesen bevorzugten Gegenden nach mehreren an verschiedenen Orten
vorgenommenen Zählungen das 250fache Korn. In wenig Jahren erschöpft
sich dann der Boden dieses sogenannten "cainin", da sie weder
Dünger einführen, noch mit den angebauten Früchten wechseln. Dann
ziehen sie weiter, lassen sich auf dem ersten günstig aussehenden
Platz nieder und beginnen die Arbeit des Umhauens und Säens von
Neuem. Ihre Vorrathshäuser bauen sie auf Pfählen mitten in ihren
Feldern. Es ist dieses System der "cainines" auch unter den Christen
überall dort üblich, wo der dünngesäten Bevölkerung noch unbeschränkte
Bodenfläche zum Anbau zur Verfügung steht; wo aber die Einwohner sich
dichter drängen, da werden sie durch die Nothwendigkeit zu einem mehr
sesshaften Leben und geregelterer Ausnützung derselben Grundstücke
gezwungen. Es unterscheiden sich hierin die Christen durchaus nicht
von ihren heidnischen Stammverwandten.
Was aber die Manobo's ganz besonders auszeichnet vor allen übrigen,
mir aus eigener Anschauung bekannten philippinischen Stämmen, ist die
Form ihres religiösen Aberglaubens. Auch sie huldigen im Wesentlichen
dem gleichen Anitodienste, wie die Ygorrotes und Iraya's des Nordens;
aber es tritt dieser Ahnencultus hier mehr in den Hintergrund gegen den
Dienst, den sie anderen Göttern weihen. So halten sie den Donner für
die Sprache des Blitzes, den sie in der Gestalt eines abentheuerlichen
Thieres verehren; wenn der Blitz auf die Erde niederfährt und in
die Bäume einschlägt, so soll das Thier nach ihrer Meinung mitunter
einen seiner Zähne darin stecken lassen. Es sind alte, einer früheren
Periode angehörige Steinbeile, die in ihrer Gestalt manchen der
in unsern europäischen Pfahlbauten gefundenen ähnlich sehen, und
die mitunter von ihnen in Bäumen oder in der Erde steckend entdeckt
werden. Auch das Krokodil wird von ihnen heilig gehalten, Krankheiten
und Unglücksfälle aller Art personificiren sie; aber der wichtigste
ihrer Götter nächst dem "Diuata" (= Anito) der Erndtefeste ist ihr
Kriegsgott, der "tagbusau" [9]. Wenn in der Gegend des Sumpfgebietes
des Agusan, um welches herum sich die verschiedenen Familien der
Manobo's drängen, im October die Erndte begonnen hat, so fangen die
Männer an, ihre Lanzen und Schilde, die Dolche und kurzen Schwerter
zu putzen und zu schleifen und wenn dann die Erndte beendigt ist,
und der Talisman ihres Kriegsgottes ihnen günstigen Ausgang für den
Kriegszug angesagt hat, so schleichen sie in kleinen Trupps unter
Anführung ihres "bagani", welcher zugleich der Priester des Gottes ist
und dessen Talisman in den Kampf tragen muss, in heimlicher Weise nach
der Wohnung ihrer Feinde. Gelingt es ihnen diese frühmorgens noch im
Schlafe, oder sonst im Walde zu überraschen, so wird Jeder Erwachsene
niedergemacht, die Kinder und Weiber als Sclaven davongeführt. Selten
nur kommt es dabei zum offnen Einzelkampfe und dies fällt immer dem
anführenden bagani zu, da er als Muthigster seinem Volke voran zu
gehen und als Priester seinem Gotte ein Opfer zu bringen hat. Ist
der Feind glücklich niedergeworfen und getödtet, so zieht er ein
heiliges, nur diesem Dienste geweihtes Schwert, öffnet der Leiche
die Brust und taucht die Talismane des Gottes, die ihm um den Hals
hängen, in das rauchende Blut ein. Dann reisst er das Herz oder die
Leber heraus und verzehrt ein Stück davon, als Zeichen, dass er nun
seine Rache an dem Feinde befriedigt habe. Dem gemeinen Volk wird
es nie gestattet, Menschenfleisch zu kosten; es ist das Vorrecht,
aber auch die Pflicht des fürstlichen Priester's. Immer liegt ihren
Kriegen irgend ein persönliches Motiv zu Grunde. Meist aber nimmt die
Befriedigung ihrer Rachsucht einen anderen, nicht religiösen Charakter
an. Einzeln lauern sie auf Wegen dem Feinde auf, dessen Bewegungen
sie wochenlang ausgekundschaftet haben, und stechen ihn von sicherem
Versteck aus mit ihren langschaftigen Speeren nieder. Die Schädel
ihrer getödteten Feinde bringen sie dann im Triumphe nach Haus, aber
sie hängen sie nicht, wie es viele heidnische Stämme in Luzon thun,
in und vor ihren Häusern als Wahrzeichen ihrer Tapferkeit auf. Von den
Sclaven aber, die sie heimführen, sind immer einige dem Kriegsgotte
oder dem Gotte ihrer Krankheiten geweiht. Durch den heiligen Dolch oder
das Schwert wird ihnen, am Rande der für sie gegrabenen Grube stehend,
mit wenigen sicheren Streichen das Leben genommen. Die anderen Sclaven,
Verwandte oder Freunde des Opfers, müssen das Grab mit Erde füllen.
So stehen die Manobo's mit einigen anderen nahe verwandten Stämmen den
Ygorrotes und Iraya's als religiöse Fanatiker gegenüber, bei deren
Götterdienst Menschenopfer und Cannibalismus eine hervorragende
Rolle spielen. Und zwischen diesen drei, annähernd die Extreme
rein malaiischen Culturzustandes repräsentirenden Völkern fanden
sich wahrscheinlich alle möglichen Verschiedenheiten der Race, die
den Dialectverschiedenheiten parallel gingen. Die älteren spanischen
Autoren [10] erwähnen als ein auffallendes, nachher aber rasch
vergessenes Factum, dass die Negrito's alle nur eine einzige
gleichmässige Sprache sprechen, während die braunen Bewohner der
verschiedenen Inseln, obgleich sicherlich alle demselben Stamme
angehörig, sich doch durch die grosse Zahl ihrer verschiedenen Dialecte
unterscheiden sollten. Nur in einigen wenigen, allerdings aber
wesentlich charakteristischen Zügen, stimmten sie alle überein. Einmal
waren sie alle nach dem Zeugniss derselben spanischen Schriftsteller
Ackerbauer und cultivirten den Reis in solcher Menge, dass er schon bei
Ankunft der Spanier [11] einen Handelsartikel bildete. Manche der
Stämme mochten damals schon sesshaft geworden sein und den Ackerbau in
solcher Vollkommenheit getrieben haben, wie es jetzt die Ygorrotes
thun. Dann lebten sie alle in einzelne Clan's getheilt, deren jeder
einem Fürsten, einem "bagani", unterthan war. Obgleich die Spanier in
ihren Beschreibungen mit dem Worte König (rey) ziemlich freigebig
waren, so zeigt das oft gebrauchte Wort "reyezuelo", ein kleiner König,
und noch mehr die oft gegebene Erläuterung hierzu, dass die Macht
dieser Könige nur in den seltensten Fällen über das nächste Gebiet des
Dorfes hinausgriff. Der Anfang einer Staatenbildung scheint nur an den
wenigen Puncten gemacht worden zu sein, an denen kurz vor Ankunft der
Spanier die von Borneo und Ternate kommenden Muhamedaner sich
niedergelassen hatten.--Alle Civilstreitigkeiten wurden nach alter
Gewohnheit von dem Fürsten, der seine Stellung theils durch Rang,
besonders aber durch persönliche Tapferkeit bewahren musste, im Rathe
mit den Aeltesten des Dorfes geschlichtet. Endlich entwickelte sich
durch die Sitte der Vornehmen, sich unter den im Kriege geraubten
Sclavinnen ihre Concubinen zu wählen, im Laufe der Zeit, wie sich die
wenigen Häuser einer Familie zu einem Dorfe vergrösserten, die Classe
der Freien oder der "Timava's". Kinder derselben, oder auch ihre
Verwandten, die eine Zeit lang als Sclaven gedient hatten, wurden frei
gelassen, und diese Classe der Freien stellte sich zwischen diejenige
der Vornehmen, welche sich durch ihre Heirathen möglichst rein zu
erhalten suchten, und die der Sclaven, welche immer gewärtig sein
mussten, dem Kriegsgotte geopfert oder als Sühne für begangenes Unrecht
verkauft zu werden. So war der sociale Zustand der Bewohner der
Philippinen, als die Muhamedaner und die Spanier von zwei verschiedenen
Seiten her ihre Religion im Land einzuführen versuchten.