21. September 1893.

... Die Kunde von dem »Wunder« beginnt sich zu verbreiten. Sie steigt

hinauf zu den einsamen Huben in den einsamen Hochthälern, wo die Menschen

stundenweit von einander entfernt wohnen, wo sie tagelang allein sind, bei

der harten, unbarmherzigen, eintönigen Arbeit auf dem steinigen Acker, auf

den abschüssigen Wiesen, im feuchtdunklen Wald. Und die Arbeit macht ihre

Gesichter faltig und verschlossen, ihre Lippen dünn und schweigsam. Aber

hinter ihrer schweigsamen Verschlossenheit verbirgt sich das, was sie

aufrechthält von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Jugend zu Alter, das,

was sie nicht aussprechen, weil sie keine Worte dafür haben, was nur in

seltsamen und unverständlichen Aeußerungen an die Oberfläche dringt. Ist es

die Hoffnung auf das Wunderbare, das sich endlich einmal ereignen und die

unerbittliche Eintönigkeit des Lebens zerbrechen muß wie eine steinerne

Grabplatte, unter der sich der verborgene Mensch als ein Wiedererweckter

und Auferstandener erheben wird?

Und so gehen sie in die Kirche, wo das Wunderbare aus festlichen Schnörkeln

und Schnitzereien, aus vergoldeten Heiligen und Engeln mit eindringlicher

Ueberredung zu ihren Herzen spricht; und so wallfahren sie zu den

Gnadenorten, wo sich vor Zeiten das Wunderbare erfolgreich festgesetzt und

sich durch die hartnäckige Gewalt des Gebetes noch immer zu ihnen herab

bewegen läßt; und so horchen sie mit offenem Munde, wenn über ihre Berge

die Kunde geweht kommt, daß ein neues Zeichen geschehen ist. Du lieber

Gott, und wenn es sich nun gar in ihrem Landl ereignet, auf dem Grund

und Boden, zu dem sie gehören, der wie ein Stück von ihnen selbst ist! Da

verfliegt ihr Mißtrauen, ihr Starrsinn, ihre hartköpfige Bauernlogik wie

Reif in der Sonne: man kann wieder staunen und schaudern, der eiserne

Ring des täglichen Lebens ist gesprengt, jetzt gilt es, den Augenblick zu

benützen!

Täglich wächst die Zahl der Besucher.

Alle Krüppel, alle Siechen und Bresthaften, alle, die von Kummer, von

Furcht, von irgend einer dunklen und unaussprechlichen Pein heimgesucht

sind, für die es sonst nirgends Erleichterung giebt, ziehen herbei. Mühsam

und stöhnend schleppen sie sich auf den Gebirgssteigen und Waldpfaden und

weichen mit ängstlichen Augen zurück, wenn sie einmal beim Kreuzen

eines Promenadeweges einem Fremden begegnen. Die ganze Gegend hat ihr

verheimlichtes Elend ausgespien, das sich, solange die Fremden da sind,

in den Winkeln der Viehställe, auf den Heuböden, in den Hinterstuben

verstecken muß. Jetzt aber giebt es kein Halten mehr. Man führt sie heraus

ans Licht, an die Wunderstätte; sie tragen ihre Kröpfe, ihre Eiterbeulen,

ihre verkrümmten, ausgemergelten, schlottrigen Leiber an das Bett der

Gebenedeiten, durch deren Mund die himmlischen Mächte, die über Segen und

Fluch, Heil und Unheil gebieten, ihren Willen kundthun.

Drinnen aber in der niedrigen Stube mit der schwarzen Holzdecke und den

weißgetünchten Wänden, in die blaukarrierten Federpölster versunken, weiß

und blutlos wie ein Leichnam, liegt die unbewegliche Gestalt. Die Läden

sind geschlossen; das Tageslicht dringt nur als Dämmerung zwischen den

Spalten herein. Auf einem irdenen Teller neben dem Kopfende des Bettes

brennen beständig eine Anzahl kleinerer und größerer Wachskerzen und

ersticken die Luft mit ihrem heißen Geruch. Das sind die Opfergaben der

Besucher. Schon hat sich ein Ritual herausgebildet, ohne daß jemand wüßte,

wie es entstanden ist. Dazu gehört außer der Darbietung der Wachskerze

auch ein Trunk und eine Besprengung aus dem Brunnen neben dem Hause, dessen

eiskaltes Wasser ununterbrochen in den Holztrog plätschert.

Dort sitzen sie herum und teilen sich im Flüsterton alle wunderbaren

Heilungen mit, die sich schon ereignet haben. Keiner von ihnen weiß es aus

dem eigenen Munde des Geheilten; aber je ferner er ist, je unauffindbarer,

desto sicherer und zuversichtlicher ist ihr Glaube. Und indem sie ihre

groben, rauhen Stimmen zu diesem ungewohnten Flüstern dämpfen, verleihen

sie dem Wunderbaren erst die rechte Stimmungsgewalt, etwas Feierliches und

Unwiderstehliches. Einige verzehren dort ihr Mittagessen -- zwei Stücke

hartes Schwarzbrot mit einem brüchigen, trockenen, graugelben Landkäse

dazwischen -- langsam und andächtig, wie Menschen essen, die am eigenen

Leibe erfahren haben, was für Plage und Schweiß an aller menschlichen

Nahrung klebt. Andere verbinden daneben mit schmutzigen Lappen und Fetzen

ihre gichtgeschwollenen Gelenke und wehen Füße, die Wunden, die ihnen

das unbarmherzige Klima und der geizige Boden schlägt, der Hunger und der

Frost.

Für den Fremden ist es nicht ratsam, sich dort einzudrängen. Dort sind sie

nicht die ehrerbietigen, scheuen unterwürfigen Geschöpfe der Dienstbarkeit,

die für ein Stück Geld ihre Haut verkaufen. Ihr Mißtrauen gegen den

Stadtmenschen, der heimliche Haß gegen ihn, den zu verbergen und zu

überwinden sie erst der Nutzen gelehrt hat, steigt dort wieder an die

Oberfläche herauf. Sie verstummen, wenn man sich nähert; ihre Mienen nehmen

einen finsteren und drohenden Ausdruck an -- und es könnte leicht sein, daß

ein skeptisches Lächeln oder ein geringschätziges Wort dem Frevler, an dem

sie es bemerken, verhängnisvoll würde. Eine Art Instinkt scheint ihnen zu

sagen, daß dieses Ereignis nicht von fremden Augen betrachtet werden

darf. Und sie sind eifersüchtig darauf; denn es ist eigens für sie vom

Himmelvater veranstaltet worden; eine der Ihrigen ist es, die er berufen

hat, und so gehört das Wunder ihnen ganz allein.

Neulich begegnete ich auf dem Promenadeweg einem alten Mann. Er humpelte

mit unsäglicher Mühe dahin; sein rechtes Kniegelenk war in einem stumpfen

Winkel gegen das linke eingebogen; ein Kropf, groß wie ein zweiter Kopf,

machte ihm das Atmen fast unmöglich. Als er mich kommen sah, blieb er

stehen und stammelte keuchend eine Entschuldigung, daß er sich hier auf dem

Promenadeweg antreffen lasse; aber auf dem anderen Weg sei halt das Gehen

»gar so viel hart«. Ich fragte ihn, wohin er denn gehe. Da sah er mich

prüfend einen Augenblick an; dann deutete er hinauf in die Richtung des

Tressensteines; sein verrunzeltes Gesicht, das wie aus Baumrinde geschnitzt

war, erhellte sich mit einem Ausdruck unwiderstehlicher Zuversicht, und er

sagte freudig: »O mei! Der Himmelvater hat halt do no nöt auf uns arme Leut

vergessn!«

[Illustration]

Pipin war beim Speisen ausgeblieben.

Später kam er mit Eugenie am Arm, zu seiner Linken den unvermeidlichen

Blumenhut, an unseren Tisch.

»Wir stellen uns als Verlobte vor«, sagte Eugenie in einem scherzhaften

Ton. »Gratulieren Sie uns, Dr. Elmenreich, gratulieren Sie uns,

Dr. Kranich --«

Sie nahm die konventionellen Redensarten mit einem halben Lächeln an,

während Pipin mit feierlicher und gerührter Miene dankte.

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 35 / 50 题