... Die Kunde von dem »Wunder« beginnt sich zu verbreiten. Sie steigt
hinauf zu den einsamen Huben in den einsamen Hochthälern, wo die Menschen
stundenweit von einander entfernt wohnen, wo sie tagelang allein sind, bei
der harten, unbarmherzigen, eintönigen Arbeit auf dem steinigen Acker, auf
den abschüssigen Wiesen, im feuchtdunklen Wald. Und die Arbeit macht ihre
Gesichter faltig und verschlossen, ihre Lippen dünn und schweigsam. Aber
hinter ihrer schweigsamen Verschlossenheit verbirgt sich das, was sie
aufrechthält von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, von Jugend zu Alter, das,
was sie nicht aussprechen, weil sie keine Worte dafür haben, was nur in
seltsamen und unverständlichen Aeußerungen an die Oberfläche dringt. Ist es
die Hoffnung auf das Wunderbare, das sich endlich einmal ereignen und die
unerbittliche Eintönigkeit des Lebens zerbrechen muß wie eine steinerne
Grabplatte, unter der sich der verborgene Mensch als ein Wiedererweckter
und Auferstandener erheben wird?
Und so gehen sie in die Kirche, wo das Wunderbare aus festlichen Schnörkeln
und Schnitzereien, aus vergoldeten Heiligen und Engeln mit eindringlicher
Ueberredung zu ihren Herzen spricht; und so wallfahren sie zu den
Gnadenorten, wo sich vor Zeiten das Wunderbare erfolgreich festgesetzt und
sich durch die hartnäckige Gewalt des Gebetes noch immer zu ihnen herab
bewegen läßt; und so horchen sie mit offenem Munde, wenn über ihre Berge
die Kunde geweht kommt, daß ein neues Zeichen geschehen ist. Du lieber
Gott, und wenn es sich nun gar in ihrem Landl ereignet, auf dem Grund
und Boden, zu dem sie gehören, der wie ein Stück von ihnen selbst ist! Da
verfliegt ihr Mißtrauen, ihr Starrsinn, ihre hartköpfige Bauernlogik wie
Reif in der Sonne: man kann wieder staunen und schaudern, der eiserne
Ring des täglichen Lebens ist gesprengt, jetzt gilt es, den Augenblick zu
benützen!
Täglich wächst die Zahl der Besucher.
Alle Krüppel, alle Siechen und Bresthaften, alle, die von Kummer, von
Furcht, von irgend einer dunklen und unaussprechlichen Pein heimgesucht
sind, für die es sonst nirgends Erleichterung giebt, ziehen herbei. Mühsam
und stöhnend schleppen sie sich auf den Gebirgssteigen und Waldpfaden und
weichen mit ängstlichen Augen zurück, wenn sie einmal beim Kreuzen
eines Promenadeweges einem Fremden begegnen. Die ganze Gegend hat ihr
verheimlichtes Elend ausgespien, das sich, solange die Fremden da sind,
in den Winkeln der Viehställe, auf den Heuböden, in den Hinterstuben
verstecken muß. Jetzt aber giebt es kein Halten mehr. Man führt sie heraus
ans Licht, an die Wunderstätte; sie tragen ihre Kröpfe, ihre Eiterbeulen,
ihre verkrümmten, ausgemergelten, schlottrigen Leiber an das Bett der
Gebenedeiten, durch deren Mund die himmlischen Mächte, die über Segen und
Fluch, Heil und Unheil gebieten, ihren Willen kundthun.
Drinnen aber in der niedrigen Stube mit der schwarzen Holzdecke und den
weißgetünchten Wänden, in die blaukarrierten Federpölster versunken, weiß
und blutlos wie ein Leichnam, liegt die unbewegliche Gestalt. Die Läden
sind geschlossen; das Tageslicht dringt nur als Dämmerung zwischen den
Spalten herein. Auf einem irdenen Teller neben dem Kopfende des Bettes
brennen beständig eine Anzahl kleinerer und größerer Wachskerzen und
ersticken die Luft mit ihrem heißen Geruch. Das sind die Opfergaben der
Besucher. Schon hat sich ein Ritual herausgebildet, ohne daß jemand wüßte,
wie es entstanden ist. Dazu gehört außer der Darbietung der Wachskerze
auch ein Trunk und eine Besprengung aus dem Brunnen neben dem Hause, dessen
eiskaltes Wasser ununterbrochen in den Holztrog plätschert.
Dort sitzen sie herum und teilen sich im Flüsterton alle wunderbaren
Heilungen mit, die sich schon ereignet haben. Keiner von ihnen weiß es aus
dem eigenen Munde des Geheilten; aber je ferner er ist, je unauffindbarer,
desto sicherer und zuversichtlicher ist ihr Glaube. Und indem sie ihre
groben, rauhen Stimmen zu diesem ungewohnten Flüstern dämpfen, verleihen
sie dem Wunderbaren erst die rechte Stimmungsgewalt, etwas Feierliches und
Unwiderstehliches. Einige verzehren dort ihr Mittagessen -- zwei Stücke
hartes Schwarzbrot mit einem brüchigen, trockenen, graugelben Landkäse
dazwischen -- langsam und andächtig, wie Menschen essen, die am eigenen
Leibe erfahren haben, was für Plage und Schweiß an aller menschlichen
Nahrung klebt. Andere verbinden daneben mit schmutzigen Lappen und Fetzen
ihre gichtgeschwollenen Gelenke und wehen Füße, die Wunden, die ihnen
das unbarmherzige Klima und der geizige Boden schlägt, der Hunger und der
Frost.
Für den Fremden ist es nicht ratsam, sich dort einzudrängen. Dort sind sie
nicht die ehrerbietigen, scheuen unterwürfigen Geschöpfe der Dienstbarkeit,
die für ein Stück Geld ihre Haut verkaufen. Ihr Mißtrauen gegen den
Stadtmenschen, der heimliche Haß gegen ihn, den zu verbergen und zu
überwinden sie erst der Nutzen gelehrt hat, steigt dort wieder an die
Oberfläche herauf. Sie verstummen, wenn man sich nähert; ihre Mienen nehmen
einen finsteren und drohenden Ausdruck an -- und es könnte leicht sein, daß
ein skeptisches Lächeln oder ein geringschätziges Wort dem Frevler, an dem
sie es bemerken, verhängnisvoll würde. Eine Art Instinkt scheint ihnen zu
sagen, daß dieses Ereignis nicht von fremden Augen betrachtet werden
darf. Und sie sind eifersüchtig darauf; denn es ist eigens für sie vom
Himmelvater veranstaltet worden; eine der Ihrigen ist es, die er berufen
hat, und so gehört das Wunder ihnen ganz allein.
Neulich begegnete ich auf dem Promenadeweg einem alten Mann. Er humpelte
mit unsäglicher Mühe dahin; sein rechtes Kniegelenk war in einem stumpfen
Winkel gegen das linke eingebogen; ein Kropf, groß wie ein zweiter Kopf,
machte ihm das Atmen fast unmöglich. Als er mich kommen sah, blieb er
stehen und stammelte keuchend eine Entschuldigung, daß er sich hier auf dem
Promenadeweg antreffen lasse; aber auf dem anderen Weg sei halt das Gehen
»gar so viel hart«. Ich fragte ihn, wohin er denn gehe. Da sah er mich
prüfend einen Augenblick an; dann deutete er hinauf in die Richtung des
Tressensteines; sein verrunzeltes Gesicht, das wie aus Baumrinde geschnitzt
war, erhellte sich mit einem Ausdruck unwiderstehlicher Zuversicht, und er
sagte freudig: »O mei! Der Himmelvater hat halt do no nöt auf uns arme Leut
vergessn!«
[Illustration]
Pipin war beim Speisen ausgeblieben.
Später kam er mit Eugenie am Arm, zu seiner Linken den unvermeidlichen
Blumenhut, an unseren Tisch.
»Wir stellen uns als Verlobte vor«, sagte Eugenie in einem scherzhaften
Ton. »Gratulieren Sie uns, Dr. Elmenreich, gratulieren Sie uns,
Dr. Kranich --«
Sie nahm die konventionellen Redensarten mit einem halben Lächeln an,
während Pipin mit feierlicher und gerührter Miene dankte.