... Für Pipins Herzensangelegenheit war die Abreise des Grafen von
ausschlaggebender Bedeutung. Der Zusammenhang zwischen dieser Abreise und
der endgültigen Entscheidung Eugeniens sollte ihm nicht verborgen bleiben:
Die Stiefmutter nahm nunmehr die Verlobungsfrage in die Hand und machte mit
der ihr eigenen Resolutheit reinen Tisch.
Pipin ist eben von mir weggegangen, beseligt durch die Gewißheit, daß er
der Erkorene ist, und doch zugleich betreten über die Umstände, unter denen
er es ward.
Ganz unumwunden hat ihn die Stiefmutter aufgefordert, doch endlich »Ernst
zu machen«. Worauf er denn warte? Er sei in ihrem Hause täglich aus- und
ein gegangen, man habe ihm Vertrauen geschenkt, ihn für einen Ehrenmann
gehalten, die ganze Welt spreche schon davon -- er könne Eugenie unmöglich
kompromittiert haben, wenn er nicht daran denke, Ernst zu machen --.
Pipin war ja mit Freuden bereit, Ernst zu machen; aber niemals würde
er Fräulein Eugenie überreden, würde sie irgendwie zu einem Entschlusse
drängen --
Wie? Was? Drängen? Sollte Eugenie noch immer nicht zur Raison gekommen
sein? Was sie denn eigentlich denke? Ob sie wohl glaube, daß ihr Vater
wieder das Opfer dieses kostspieligen Landaufenthaltes umsonst gebracht
habe?
Und hierauf eine unverblümte Darstellung der Verhältnisse:
Dr. Kranich, ein Mensch ohne reelle Absichten, dem man nicht fünf
Schritt über den Weg trauen könne, Elmenreich, ein alter Junggeselle mit
grundsätzlicher Abneigung gegen das Heiraten, der Graf, ein Sonderling, der
aus Angst Reißaus nimmt, wenn ihm eine Dame in die Nähe kommt -- was gebe
es da noch zu schwanken und zu überlegen? Da sei die Wahl doch einfach
genug!
Armer Pipin! Das war die Art, auf welche er den »Rekord über alle
anwesenden höheren Menschen« erzielt hat ...
* * *
»Guter Gott« -- erzählte Pipin weiter -- »Sie werden mich doch nicht mit
solchen Argumenten dem Fräulein aufnötigen?«
»Aufnötigen?« antwortete sie ungehalten. »Wer spricht denn von aufnötigen?
Die bloße Vernunft genügt da, sollte man denken. Wenn ein Mädchen jung
und schön ist, und sonst nichts, muß sie ihre Zeit benützen. Eugenie ist
fünfundzwanzig Jahre alt; glaubt sie vielleicht, daß sie ewig jung und
schön bleibt? Aber es ist ihr ja keiner gut genug; sie will ja immer oben
hinaus, sie hat ja lauter romantische Ideen im Kopf, oder was weiß ich --
und eines schönen Tages wird sie verblüht sein und niemand wird mehr etwas
von ihr wissen wollen --« Zum Schluß erklärte sie, sie werde ihr jetzt
einmal selbst den Kopf zurecht setzen.
»Und nur nach vielem Bitten«, fuhr Pipin bewegt fort, »gelang es mir, sie
dahin zu bringen, daß sie das mir überließ -- nicht das Kopfzurechtsetzen,
sondern eine entscheidende Unterredung mit Eugenie.«
Und dann hatte Pipin die entscheidende Unterredung.
Er fand Eugenie in tiefer Verstimmung, nicht geneigt, ihm ihr Herz zu
eröffnen. Auf seine Frage, ob sie ihm nicht anvertrauen könne, was sie
so sehr bedrücke, schüttelte sie nur stumm den Kopf. Er beteuerte, daß er
bereit zu allem sei, was sie von ihm fordern möge; aber auch das brachte
nicht den geringsten Eindruck auf sie hervor; »denn«, sagte Pipin
entschuldigend, »das habe ich ihr schon allzuoft wiederholt, ohne doch
einen Finger für sie zu rühren. Solche Beteuerungen sind auch etwas
Abgeschmacktes. Aber wenn ich nur einen Weg zu ihrer Seele fände! Ein Wort,
mit dem ich ihr eine Freude machen könnte! Endlich sagte ich, um mit
etwas Positivem anzufangen: »ich habe eben mit Ihrer Frau Mama gesprochen,
Fräulein Eugenie.« Das war natürlich nicht das Wort, das ihr Freude machen
konnte. Sie antwortete in ihrer Verstimmung: »Nun, dann ist ja alles in
Ordnung. Dann haben Sie ohnedies alles erfahren, was Sie wünschen!«
Was er wünsche? Niemals habe er gewünscht, daß ein Zwang auf sie ausgeübt
werde, niemals würde er das zugeben! Wenn sie befehle, so verschwinde er
für immer aus ihrem Gesichtskreise --
Sie lachte bitter auf. Ja wenn mit diesem Verschwinden etwas gethan wäre!
Sie zu vergessen, das wäre für ihn einfach genug; doch sie selbst, wie
würde sie weiterleben in diesem Hause, in dem sie von Jahr zu Jahr mehr
als das Ueberflüssige, als ein lästiges Anhängsel behandelt werde! Wo
sie dahinlebe wie jemand, der kein Recht auf sein Dasein hat, der bloß
schandenhalber geduldet wird, weil man ihn nicht losbringt, weil man ihn
nicht abschütteln kann, obwohl man ihn knebelt und mißhandelt und mit Füßen
tritt --
Da fiel Pipin auf die Kniee und begrub sein Gesicht in den Falten ihres
Kleides:
»Eugenie, ich schwöre es Ihnen -- fordern Sie, was Sie wollen, ich werde es
erfüllen. Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen und Sie sind frei --
warum sprechen Sie das Wort nicht aus, das mir die Erlaubnis giebt, Sie zu
befreien?«
»Sie sind ein guter Mensch, Pipin, aber Sie können mir nicht helfen, Sie
können mir nicht helfen!«
Sie stand auf, irrte im Zimmer herum, rang die Hände. »Gott, Gott, warum
hat man nicht mehr Gewalt über sich, warum kann man nicht das, was man
möchte!« Sie betrachtete ihn traurig.
»Ich weiß, was Sie mir nicht sagen wollen, Fräulein Eugenie. Wie könnte es
mir verborgen geblieben sein? Aber habe ich denn die Anmaßung gehabt, es zu
verlangen? Glauben Sie mir doch, ich will nichts als Sie glücklich sehen.
Ein Lächeln auf Ihrem Gesicht ist eine solche Freude für mich, eine solche
himmlische Belohnung, daß mir um diesen Preis nichts zu schwer und nichts
unmöglich erscheint ...«
Er unterbrach sich und sah mit feuchten Augen vor sich hin. »Ja, es war
keine leere Beteuerung! Mir ist, als ob sie mein zweites, höheres Selbst
wäre, für das dieses niedrige und gewöhnliche Selbst, das mein eigenes ist,
sich ganz auslöschen sollte, sich ganz und ohne Rest hingeben sollte. Und
ich bin ihr so dankbar, so dankbar, daß ich sie so liebe! Daß sie mir diese
selige Empfindung geschenkt hat! Es ist etwas, das über alle Worte geht,
etwas Unaussprechliches. Und ich konnte es ihr auch nicht sagen. Ich sagte
bloß: »Ich will alles, was Sie wollen. Was Sie thun, ist mir recht. Denn
ich bin glücklich, daß ich Sie so lieb haben kann!« Aber sie wurde nur
immer trostloser: »Ich bin zum Unglück geboren«, seufzte sie, »ich werde
Sie nicht glücklich machen, Pipin. Wenn ich Ihre Schwester wäre, könnten
Sie mir vielleicht raten, mich vielleicht beschützen --«
»Dann lassen Sie mich Ihren Bruder sein, Eugenie!«
»Nein, o nein, das ist nicht möglich! Ich will mich mit Ihnen verheiraten,
ich will Ihre Frau werden, ja, ich will es! Ich habe den festen Vorsatz,
ich will es mit allem, was gut in mir ist -- und Sie werden mir Zeit
lassen, bis ich es mit -- mit meinem ganzen Wesen kann, nicht wahr, Pipin?
Ich gebe Ihnen mein Jawort, Pipin! Feierlich geb' ich Ihnen jetzt mein
Jawort -- erinnern Sie mich in jeder Stunde und in jeder Minute daran,
lassen Sie mich an nichts anderes denken, zwingen Sie mich, halten Sie mich
fest, Pipin!«
Sie warf sich wie aus einem plötzlichen Entschluß an meinen Hals. Ich
fühlte, daß durch ihren Leib ein Zittern lief, ein Schauder fast --. Da
wagte ich nicht, sie an mich zu ziehen; ich löste ihre Hände von meinem
Halse und sagte: »Ja, Eugenie, ich will Ihnen Zeit lassen, ich verspreche
es Ihnen.«
Sie aber wandte sich mit einem Ausdruck von mir ab, den ich nicht begriff,
mit einem Ausdruck der Enttäuschung, kam mir vor. Gott, hatte ich sie denn
mißverstanden? Erwartete sie, daß ich sie zu einem Kusse zwingen würde? Daß
ich ihr etwas abnötigen würde, was sie nicht freiwillig und gerne gab?
Sie verabschiedete mich kühl, indem sie sagte: »Gehen Sie nun, und teilen
Sie der Mama mit, daß wir uns verlobt haben.«
* * *
(Aus einem Briefe.)