»Ja, ja, wer das Glück hat, führt die Braut heim! Das hätt' ich mir nicht
gedacht, Pipin, daß Sie auch als =ladykiller= so viel Erfolg haben werden,
wie als Adept. Ich sehe, Sie sind ein =protégé= des Glücks, man muß sich
auf guten Fuß mit Ihnen stellen.«
Und mit seinem herrlich lachenden Munde, der immer seine ernstesten Worte
Lügen straft, sprach er eine Art Segen über das Brautpaar: »denn ich
bin ein frommer Mensch, wie Sie wissen. Ich liebe die schönen, heiligen
Ceremonien, wenn sie auch in einem Restaurationslokal deplaciert
erscheinen. Ja, Gott segne Sie, Pipin!«
Und dann rief er Eugenie, die er neben sich Platz zu nehmen gezwungen
hatte, als Zeugin an, ob er ihr nicht stets Pipin als den geeignetsten
Mann zum heiraten bezeichnet habe, als denjenigen, der alle erforderlichen
Qualitäten besitze, mit denen ein Gatte und namentlich der Gatte einer
schönen Frau, die auf den Händen zu tragen sei, ausgerüstet sein müsse --.
Eugenie warf unter halbgesenkten Lidern einen abwehrenden Blick auf ihn.
Als er aber so weit ging, zu behaupten, daß es seine Ratschläge seien,
denen Pipin sein Glück verdanke, fiel sie ihm ins Wort.
»Sie irren sich, Dr. Kranich«, sagte sie mit einem Versuch, ihn kalt und
von oben herab anzusehen. »Ich befolge Ihre Ratschläge nicht; es ist ganz
mein eigener Entschluß. Es ist meine eigene Wahl! Pipin ist der liebste,
beste Mensch von der Welt! Der einzige Mensch«, -- mit einem Seitenblick
auf Elmenreich -- »der mich wirklich liebt, der an mich glaubt. Ich werde
ihm das nie vergessen: ich werde ihm immer dankbar dafür sein! Wenn
Sie auch über alles spotten, Dr. Kranich, ich werde meine Vorsätze doch
ausführen, ja, das werd' ich!«
»=Sapristi!= dann bleibt mir allerdings nichts übrig, als meinen Irrtum
freudig einzugestehen. Ich bin ein Bewunderer der guten Vorsätze und
schönen Entschlüsse; sie sind ja in diesem gemeinen Leben, in dem sich
alles nach langweiligen Gesetzen und mit öder Notwendigkeit vollzieht,
das einzige Erhebende und Erbauliche. Hier aber sitzt so ein ruchloser
Skeptiker, der an dergleichen löbliche Bestrebungen nicht glauben will.
Auf, Elmenreich! Warum sind Sie so lässig? Lesen Sie dieser leichtsinnigen
Jugend, die da mit guten Vorsätzen in die Ehe treten will, tüchtig die
Leviten.«
Elmenreich antwortete nicht. Schweigsam und finster hatte er an seinem
Barte gedreht, und er blieb schweigsam, bis die Verlobten sich wieder
zum Gehen anschickten. Da sagte er zu Pipin: »Ich möchte mit Ihnen reden,
Pipin. Kommen Sie zu mir, so bald Sie Zeit haben.«
* * *
Gegen Abend erhielt ich ein Billet von Elmenreich: »=Adieu= in aller Eile.
Ich packe ein und reise mit dem Nachtschnellzug ab. Unwiderruflich. Sehe
ich Sie vielleicht noch vorher?«
Ich fand ihn inmitten einer chaotischen Unordnung; der Inhalt seines
Kleider- und Wäscheschrankes war über sämtliche Möbel des Zimmers
verstreut.
Er war so irritiert, daß ihm in diesem Augenblick jeder Handgriff als eine
unüberwindliche Schwierigkeit erschien.
Nicht ohne mißtrauisches Widerstreben ließ er es zu, daß ich seinen Koffer
packte; er warf sich mit abgewendetem Gesicht in einen Fauteuil, und blieb
sitzen, ohne sich zu rühren, bis ich fertig war und mich neben ihn setzte.
Da zündete er sich eine Cigarre an -- ein Zeichen, daß das Schlimmste
vorüber war. Melancholisch verfolgte er die blauen Ringe, die in der
Dämmerung gegen das Fenster hinzogen, wo das Abendrot sie mit violetten
Schatten färbte.
»Und so geht ein Jahr nach dem anderen dahin, und ich werde immer ärmer,
immer einsamer, immer kahler! Ich strecke meine Hand aus nach Liebe, nach
Freundschaft, nach Teilnahme -- aber ich ergreife nur faule Früchte, wohin
ich lange. Und wenn ich einmal etwas Wertvolles finde -- dann muß ich die
Hand dennoch leer zurückziehen, weil eine gewandtere und listigere mir
zuvorgekommen ist --!«
»Haben Sie denn die Hand ausgestreckt, Elmenreich? Haben Sie nicht vielmehr
ein Herz, das Ihnen entgegengetragen wurde, so weit es ein junges Mädchen
nur entgegentragen kann, auf das Entschiedenste abgelehnt?«
Elmenreich hatte aber ein anderes Herz gemeint.
Eugenie -- pah, das war nichts, worüber ein Mann in seinem Alter nicht
hinweg könne. Da spielen die erotischen Anziehungen nicht mehr jene große
Rolle, wie es die Frauen voraussetzen; der Ersatz für Liebe ist zu leicht,
und man hat sich zu sehr daran gewöhnt, Ersatz zu finden. Aber ein Freund,
das Herz eines Mannes, ein Jünglingsherz -- das ist das Unersetzliche, der
Verlust, für den nichts in der Welt entschädigt. Ueber die Bitterkeit des
Altwerdens kann nur eines hinwegtrösten: sich für die jüngere Generation,
und wär' es auch nur für einen einzigen Menschen dieser Generation, als
notwendig, als unentbehrlich zu fühlen, ihn zu führen, auf ihn den ganzen,
unverbrauchten Schatz zu häufen, den man mit sich trägt, das Pfund, mit
dem man selbst im Leben nicht gewuchert hat. -- Ein hohes und subtiles
Kulturproblem liegt in diesem Bunde zwischen zwei Generationen, zwischen
der kommenden und der gehenden -- --
Als Elmenreich so redete, ließ ich mich verleiten, ein Wort für den
Grafen einzulegen. Wenn er diese Verbindung zweier Generationen so hoch
einschätze, warum denjenigen unerbittlich zurückstoßen, der alles daran
setze, das zerrissene Band wieder zu knüpfen --?
Diesmal aber war Elmenreich nicht in der Stimmung, den Grafen als einen
Gegenstand der Unterhaltung zu behandeln.
»Nennen Sie nur den nicht! Erinnern Sie mich nur nicht daran, daß es einmal
eine Zeit gegeben hat, in der ich diese sumpfige Gegend für einen Garten
hielt, eine Zeit, in der ich mich durch diese Pose von Freundschaft und
Hingebung täuschen ließ. Nein, erinnern Sie mich nicht an den! Ich könnte
sonst Dinge sagen, die ich nicht sagen will. Wenn ein solcher Mensch große
Worte in den Mund nimmt, dann sollten von rechtswegen alle, die es mit
den großen Worten ehrlich meinen, sich zusammenthun und ihn aus dem Tempel
hinaustreiben --«
»Aber wäre es nicht doch möglich, daß Sie ihn jetzt zu hart beurteilen,
Elmenreich?«
»Das würde ich mir nur zur Ehre anrechnen. Nirgends muß man härter
sein, als gegenüber den Mißbrauchenden. Das sind die Menschen, die alles
entwerten, alles verderben, alles suspekt machen, was die echten Großen
hervorbringen -- schädliche Insekten sind sie, die das Fleisch der edelsten
Früchte fressen und sie wurmstichig, hohl, ungenießbar zurücklassen. Ich,
meinesteils, verkehre lieber mit Pfahlbauern und Spießbürgern als mit
solchen Falschmünzern des Geistes ... Der Graf existiert nicht mehr für
mich, ich habe ihn einfach ausgestrichen aus meinem Leben --«
»Verzeihen Sie, Elmenreich: Das kann ich Ihnen nicht glauben. Denn ein
klein wenig hat Sie sein Thuen und Treiben die ganze Zeit her dennoch
interessiert -- und wenn er Ihnen so ganz gleichgiltig wäre, hätten Sie
es nicht der Mühe wert gefunden, ihm den Streich mit der Zeitung zu
spielen --«
Er sah mich überrascht an und begann heftig zu werden. »Wie? So wird das
mißverstanden? Und obendrein von Ihnen? Ja, haben Sie denn nicht bemerkt,
daß es dieser verdammte Pipin war, um den es sich handelte? Der da vor
einer großen Dummheit bewahrt werden mußte? Wenn der Graf auf eigene Faust
seine Leiweriam hätte herausgeben wollen, dann hätte ich mich einen blauen
Teufel darum gekümmert. Oder wie? Hat er am Ende auch Eindruck auf Sie
damit gemacht? Aber das sage ich Ihnen im Voraus: wenn Sie« -- er sah mich
unter finster zusammengezogenen Brauen böse an -- »wenn Sie geneigt
sein sollten, für ihn Partei zu ergreifen, so wäre das ein =casus belli=
zwischen uns --«
»Sie fordern also, daß man sich Ihrem Urteil unbedingt unterwirft,
blindlings, ohne eigene Meinung --?«
»Herr des Himmels!« brauste er auf, »ich fordere gar nichts! Meinetwegen
mag jeder seinen Weg gehen wie er will, und sich das Genick brechen, wenn
es ihn freut --«
Er sprang auf, stellte sich ans Fenster und sah in die einbrechende Nacht
hinaus.
Nach einigen Minuten kam er zurück und entschuldigte sich. Mit diesem
Einwand habe ihn früher schon Pipin zur Raserei gebracht, nun käme ich
und wiederhole dieselbe Leier. Ob ich es auch darauf anlege, ihn fühlen
zu lassen, daß er der Ueberflüssige sei, der Unnütze und Unausstehliche?
Gewiß, er verlange, daß man an ihn glaube; wie anders wäre wohl ein
Verhältnis von Person zu Person möglich! »Hol mich Gott, es liegt keine
Befriedigung darin, den überflüssigen Warner zu spielen! Oder soll ich etwa
auf die Genugthuung warten, daß Pipin in drei, vier Jahren gekrochen kommen
und sagen wird: »Hätt' ich Ihnen doch gefolgt, Elmenreich!« Pfui Teufel
über dieses Rechtbehalten im Nachhinein! Wenn erst Thatsachen eintreten
müssen, und mir Recht geben, damit ein Mensch, dem ich zugethan bin,
an mich glaubt! Wenn ich, ich, meine Person, meine Einsicht, ihm nichts
gelten, keine Macht haben! Wenn ich meine Bestätigung von den Ereignissen
erwarten soll! Aber ich danke für diese Bestätigungen! Wer Recht behält,
ist immer unangenehm. Man geht ihm aus dem Weg, diesem beschwerlichen
Herrn, der alles besser weiß, man hat keine Freude, wenn man ihn trifft,
denn er erinnert einen nur daran, daß man eine Dummheit gemacht hat,
daß man unterlegen ist. Und wie die Menschen einmal sind, lassen sie das
denjenigen entgelten, der die Veranlassung zu dieser Erinnerung giebt. Da
steht er dann, der Ganzgescheite, der Einsichtsprotz, und begreift nicht,
warum man ihn meidet, warum er einsam ist! Da steht er draußen und kann
zusehen, wie die anderen in warmer Gemeinschaft leben, wie sie leben,
leben, während er zusieht, immer zusieht! Und eines Tages weiß er, daß er
der Ueberflüssige ist, weil das, was er zu geben hat, keine Macht unter
anderen Lebensmächten bedeutet, weil es nur als etwas Störendes und deshalb
Feindliches empfunden wird« ...
Da entstand auf dem Gange ein Geräusch.
»Ganz bestimmt, er ist noch nicht fort«, sagte eine weibliche Stimme.
»Aber es ist alles finster bei ihm, seine Fenster sind nicht beleuchtet«,
rief Pipins Stimme. Die Thür öffnete sich, ein Lichtstreifen fiel herein.
»Gott sei Dank«, sagte Pipin und faßte mit beiden Händen Elmenreich bei
den Rockaufschlägen, als müßte er ihn noch in diesem Augenblick festhalten.
»Gott sei Dank! Ich habe noch keinen Atem, so bin ich gerannt. Wenn Sie
schon fortgewesen wären, ich weiß nicht, was ich gethan hätte!«
»Und eben früher hatten Sie es doch so eilig, von mir fortzukommen«,
versetzte Elmenreich in dem gewohnten, trockenen und barschen Ton.
»Ich danke Gott, daß ich lieber davongelaufen bin. Ich danke Gott, daß ich
wenigstens so viel Verstand hatte -- denn jetzt sehe ich alles in einem
anderen Licht« --
Elmenreich machte eine überraschte Bewegung: »Also sind Sie inzwischen zur
Vernunft gekommen, Pipin?«
»Ja! mein ganzer Groll gegen Sie ist weg. Sie haben mir das Aergste
angethan, Herr Doktor, ich muß es Ihnen sagen, -- und als ich von hier
fortrannte, dachte ich, daß ich Ihnen nie im Leben würde verzeihen können.
Wenn Sie über mich geschimpft hätten, mir gesagt hätten, daß ich ein Esel
bin, ein Dummkopf, ein Taugenichts -- alles was Sie nur wollen, da hätte
ich Ihnen Stand gehalten; aber Sie haben jemanden angegriffen, den ich mehr
liebe als mich selbst, ein Wesen, das unendlich höher steht als ich -- und
wenn irgend wer anderer, als Sie es gewagt hätte, -- aber nein, nein, davon
wollte ich ja gar nicht reden! O Gott, wo soll ich nur anfangen -- ich habe
Ihnen so vieles zu sagen!«
Er fiel ganz gebrochen in den Fauteuil, in dem früher Elmenreich gesessen
hatte.
Das Mädchen brachte die Lampe. Bei Licht konnte man erst bemerken, wie blaß
und verfallen Pipin war. In sein junges, faltenloses Gesicht, in dem noch
keine Erfahrung und keine Sorge ein Zeichen eingegraben hatte, war ein
anderer Zug gekommen; die glatte Fröhlichkeit, die ihm etwas Ausdruckloses,
Unbedeutendes verlieh, war mit einem Male daraus weggewischt.
»Hören Sie mich an, Doktor Elmenreich! Ich habe in diesen paar Stunden
furchtbar gelitten -- mehr als ich imstande bin, Ihnen zu erklären --«
»Erklären Sie mir nichts, Pipin. Sagen Sie mir lieber ohne Umschweife: ja
oder nein? Alles andere interessiert mich nicht.«
Pipin machte einen schwachen Versuch zu lächeln. »Grade dieses andere
müssen Sie mir von der Seele nehmen. Das ist es, was ich Ihnen sagen muß!
Ich könnte nicht mehr ganz glücklich sein, wenn Sie mir nicht wieder gut
sein wollen --«
»Sie kennen die Bedingung, Pipin --«
»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, fangen Sie nicht wieder damit an! Wie
soll denn ein Mensch von meiner Beschaffenheit sich in einen Streit mit
Ihnen einlassen, sobald Sie sich auf Ihre überlegene Einsicht und Ihr
überlegenes Urteil berufen? Da bin ich ja im vorhinein geschlagen. Sie
waren doch sonst so voll Großmut und Wohlwollen gegen mich! Warum wollen
Sie mich jetzt ganz vernichten? Sehen Sie, als ich früher davon ging, hatte
ich wirklich die Empfindung, daß Sie mich ganz vernichten wollen. Ich war
so außer mir, daß ich zu allen bösen Dingen fähig gewesen wäre -- nein,
fähig war, zu allen bösen Gedanken nämlich. Ich konnte einfach nicht
glauben, daß Sie mit Ihrem hohen Verstand und Ihrer Ueberlegenheit im Ernst
von mir fordern sollten, ich müßte meine Liebe, mein Alles, den Inhalt
meines ganzen künftigen Lebens unter Ihren Schiedsspruch stellen! Was für
ein elender Mensch wär ich, wenn mein Herz durch fremde Einflüsterungen
irre zu machen wäre in seinem Glauben und Vertrauen --? Nein, nein, das
konnten Sie nicht annehmen! Und deshalb fragte ich mich: warum? Warum
handelt er so gegen mich? Warum handelt er so gegen sie, die ihm selbst
früher nicht gleichgiltig war? Wenn, wenn -- o Gott, wie soll ich es Ihnen
nur sagen, damit Sie mir wieder verzeihen? -- wenn er die ganze Welt nur
deshalb für krank und bitter hielte, weil er selbst eine kranke und bittere
Seele hat? Wittert er nicht überall unwürdige Hintergedanken, eigennützige
Beweggründe? War es nicht genau dasselbe mit dem Grafen und dem Meister?
Und -- und noch mehr: ist er denn in diesem Fall wirklich unparteiisch? Ist
er nicht vielleicht im innersten Grunde seines Herzens, dort wo die Dinge
geschehen, von denen wir nichts Genaues wissen, ist er nicht vielleicht
doch unbewußt böse auf mich und -- auf sie?«
Pipin hielt inne und ließ seinen Kopf auf seine Hände sinken, wie um den
Zorn Elmenreichs über sich ergehen zu lassen.
Elmenreich stand unbeweglich. Pipin faßte seine herabhängende Hand.
»Ich bin aber schon wieder bei Besinnung. Jetzt weiß ich, daß das Alles
undankbare, ungerechte, unsinnige Gedanken waren, wie sie der Schmerz
eingiebt! Jetzt bin ich gekommen, um Ihnen alles zu gestehen, um Ihnen
alles abzubitten; ich bin gekommen, weil ich es nicht aushielt, auch nur
eine Stunde lang ein schlechtes Gefühl gegen Sie auf der Seele zu haben --«
Elmenreich hörte nicht auf ihn. Er drehte Locken in seinen Bart, ganz
mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und führte ein Selbstgespräch in
unartikulierten Lauten.
Pipin hielt noch immer seine herabhängende Linke umfaßt. Er schüttelte ihn
ungeduldig daran: »Sagen Sie doch etwas! Sagen Sie, daß alles zwischen uns
wie früher ist! Was soll ich denn thun, daß Sie mir wieder verzeihen?«
Elmenreich befreite seine Hand und kreuzte seine Arme über der Brust.
»Wenn ein Mensch wie Sie, Pipin, mißtrauisch wird, muß wohl ein arger
Fehlgriff in der Behandlung geschehen sein«, sagte er kühl. »Ich hatte
gedacht, ich könnte durch mein persönliches Urteil, durch meine Autorität
Eindruck auf Sie machen. Da war ich aber gewaltig auf dem Holzweg, wie ich
sehe. Also gut, gehen wir einen anderen Weg! Sind Sie gar nicht auf
den Gedanken gekommen, Pipin, daß das, was ich als bloße Vermutungen
hinstellte, als meine subjektive Meinung über diejenige, die ich nicht
nennen will -- daß alles das einen realen Hintergrund hat? Daß es
Thatsachen giebt, Pipin --«
»Thatsachen?« fragte Pipin mit vibrierender Stimme. »Was wollen Sie damit
sagen?«
»Hören Sie mich an, Pipin. Ich wollte Ihnen und mir die Erwähnung dieser
Thatsachen ersparen -- da Sie aber meiner Unparteilichkeit mißtrauen, muß
ich mich rechtfertigen --«
»Nein, um keinen Preis!« rief Pipin heftig, sprang auf und hielt sich die
Ohren zu. »Ich will nicht, daß Sie sich rechtfertigen. Lieber Gott, warum
wollen Sie mich nicht mehr verstehen? Was würde alles Rechtfertigen
nützen, wenn ich keinen Glauben an Sie hätte? Und wozu brauche ich Ihre
Rechtfertigung, da ich meinen Glauben an Sie ohnedies wiedergefunden
habe --?«
Elmenreich drückte ihn in den Fauteuil zurück.
»Also nicht als meine Rechtfertigung, sondern um Ihnen zu beweisen, daß
Ihnen der Glaube eben jenen Possen spielt, den er gewöhnlich aufzuführen
pflegt -- er ist ein Vogel, der sich gern auf den unrechten Ast setzt.
Daher geschieht es, daß Sie dort glauben, wo Sie mißtrauen sollten, und
dort mißtrauen, wo Sie glauben sollten --«
Pipin wollte ihn unterbrechen, er wehrte ab.
»Beruhigen Sie sich, liebes Kind, ich bin nicht böse auf Sie«, sagte er mit
einer Art Lachen; es war aber in seiner Stimme, wenn auch keine höhnische
oder ärgerliche Note, so doch weder Wärme noch Herzlichkeit. »Ich verstehe
zu gut, daß Sie nicht anders konnten. Ich hätte Ihnen eben gleich mit
Thatsachen statt mit persönlichen Urteilen aufwarten sollen ... Eines Tages
also -- es ist noch nicht lange her, vierzehn Tage oder so dergleichen --
eines Tages verirrte ich mich im Wald. Lassen wir es dahingestellt, ob ich
mich ganz zufällig verirrte, oder ob ich die Spur eines Wildes verfolgte,
in der Absicht, mir durch Thatsachen Gewißheit zu verschaffen. Es giebt
ja bekanntlich Mittel, dem Zufall nachzuhelfen; man muß nur dem Zufall die
Hand bieten. Sie sehen, Pipin, ich selbst habe es meinem eigenen Verstand
gegenüber nicht anders gemacht, als Sie -- ich habe diesem ewigen
Besserwisser auch keinen Glauben schenken wollen, bevor ihn die Thatsachen
nicht gerechtfertigt hatten. Und nun merken Sie gut auf, Pipin: als ich so
durch den Wald irrte, weitab von allen Promenadewegen, wo die schöne Welt
mit ihren feinen Schuhen und zarten Füßen lustwandelt, kam ich nach einiger
Zeit auf eine kleine versteckte Wiese tief im Wald. Beileibe kein
neuer Aussichtspunkt, den man einmal aus Ueberdruß an den bekannten
Aussichtspunkten aufsucht, selbst wenn man nur auf einem morastigen
Bauernsteig hinkommen kann, sondern eine ganz nichtssagende, langweilige
Wiese, umgeben von lauter nichtssagenden, langweiligen Fichtenwipfeln. Das
einzige Interessante auf dieser Wiese war ein Heustadel -- und Sie werden
zugeben, Pipin, daß man hier zu Land nicht eine halbe Stunde über Stock und
Stein durch den Wald hinaufzuklettern braucht, um sich den Anblick eines
Heustadels zu verschaffen. Für mein Wild aber schien dieser Heustadel eine
magische Anziehungskraft zu besitzen; es ging schnurstracks darauf los wie
auf ein wohlbekanntes Ziel und verschwand alsbald dahinter. Ich wartete
-- nichts rührte sich. Mein Wild blieb verschwunden. Während ich nun
überlegte, wie ich es wohl anstellen sollte, dem Geheimnisse des Heustadels
auf die Spur zu kommen, ohne mein Wild zu verscheuchen, erschien ein
zweiter Jäger auf dem Anstand -- ein gewandterer und keckerer Jäger, Pipin,
einer, der sich besser als wir beide auf die Listen und Finten versteht,
mit denen man auf der Jagd sein Glück macht. Und dieser Jäger verschwand
gleichfalls, ohne eine Minute zu verlieren, hinter dem Heustadel. Da gab
ich es auf, diese interessante Welt von der anderen Seite zu besehen. Wozu
auch? Ich wußte jetzt vollkommen genug.«
»Nun, und?« fragte Pipin.
»Und so ging ich wieder den Wald hinunter nach Hause -- um eine Illusion
ärmer, aber um eine Erfahrung reicher, und so gründlich geheilt, Pipin, daß
ich mich wie von einem Alpdruck befreit fühlte.«
Pipin sah ihn erstaunt an. »Sie wollten doch -- Sie haben doch gesagt, daß
es »Thatsachen« giebt?«
»Noch mehr Thatsachen? Haben Sie nicht genug an dieser einen Thatsache?«
Da brach Pipin in ein lautes herzliches Lachen aus. »Liebster bester
Doktor Elmenreich! Und das ist alles? Und deswegen spannen Sie mich auf
die Folter? Wie soll ich denn das verstehen? Das kann doch nicht Ihr Ernst
sein?«
»Es scheint, Pipin, ich habe mich nicht deutlich ausgedrückt. Muß ich Ihnen
wirklich erst sagen, wer jener Jäger war --?«
»Nein; denn es versteht sich von selbst, daß es Doktor Kranich war --«
»Und sagt Ihnen das nicht genug? Aber natürlich! Sie »glauben« ja auch an
Doktor Kranich eher als an mich!«
Pipin wurde wieder sehr ernst. »Mißverstehen Sie mich nicht absichtlich!
Ich glaube nicht an Doktor Kranich, aber ich glaube -- an Eugenie.« Und mit
Lebhaftigkeit fuhr er fort: »Sie sagen, das sei vor vierzehn Tagen gewesen.
Nun, bis gestern war Eugenie vollkommen frei, konnte thun und lassen, was
ihr beliebte. Sie hatte niemandem ihr Wort gegeben, und niemand hatte ein
Recht, ihre Freiheit einzuschränken und ihre Schritte zu bewachen. Wenn
Doktor Kranich sie zu etwas verleitet hat, was mißdeutet werden kann, so
war das sehr unrecht von ihm; denn er hätte bedenken sollen, daß man es
nicht ihm, sondern ihr übelnehmen wird. Nein, ich begreife Sie nicht,
Doktor Elmenreich! Hatten Sie denn damals ein Recht, von Eugenie zu
fordern, daß sie sich ausschließlich mit Ihnen beschäftigen sollte?«
Elmenreich sah Pipin mit gerunzelter Stirne an.
»Sie glauben also trotz alledem, daß diese junge Dame zur Frau für Sie
geeignet ist?«
»Warum sollten mich Dinge, die vorher geschehen sind, irre machen an ihr?
Sie hatte die Freiheit der Wahl -- sie brauchte sich vorher nicht gebunden
zu fühlen. Jetzt hat sie mir ihr Wort gegeben, und an dieses Wort glaube
ich. Nichts in der Welt wird meinen Glauben an ihr Wort erschüttern! Wenn
es anders wäre, dürft' ich da sagen, daß ich sie liebe?«
Elmenreich antwortete nichts. Er stieß nur einen tiefen, ungeduldigen
Seufzer aus, wie ein Mensch, der es aufgiebt, sich mit einem andern zu
verständigen.
Es entstand eine lange Pause, eine Pause voll von unausgesprochenen Worten
und unauflöslichen Dissonanzen. Etwas Frostiges lag in der Luft, eine
Abschiedsstimmung, die nicht allein durch das Unbehagliche, das den letzten
Augenblicken vor einer Abreise stets anhaftet, erzeugt war.
Draußen fuhr der Wagen vor's Hausthor. Die Magd kam mit dem Kutscher
herein, um den Koffer zu holen. Elmenreich stand auf und verabschiedete
sich trocken. Pipin hielt ihn an der Hand fest.
»Und so wollen Sie fortgehen? Ohne ein gutes Wort?« rief er schmerzlich.
»Ich habe ein Gefühl, als ob -- als ob Sie mir noch so vieles zu sagen
hätten!«
»Gott bewahre!« versetzte Elmenreich, ohne ihn anzusehen; »ich habe Ihnen
schon viel zu viel gesagt. Das Fazit ist ja doch nur, daß man Mißtrauen
erntet --«
Da warf sich Pipin ungestüm an seine Brust, umschlang ihn mit den Armen und
drückte sich an ihn. »Sie stoßen mich also von sich, Sie wollen nichts mehr
von mir wissen? Sie verzeihen mir nicht? Dann nehmen Sie mir ein Stück von
meinem Leben, dann bin ich nur mehr ein halber Mensch --« Elmenreich fuhr
ihm mit der Hand über den Kopf.
»Armer Kerl!« sagte er nicht ohne Bewegung. »Aber wer von uns ist denn
nicht ein halber Mensch? Wir sind alle miteinander nur Stücke von dem, was
wir sein könnten, wenn -- mna, da läßt sich eben nichts ändern!« Er schob
Pipin von sich weg, lief zur Thür hinaus und sprang in den Wagen, ohne sich
noch einmal umzusehen.
Lange sah Pipin dem davonfahrenden Wagen nach, der rasch in der Dunkelheit
verschwand. Nachdenklich sagte er dann:
»Eines hätte ich ihm nicht sagen dürfen! Daß ich ihm nicht gefolgt habe,
das wird er begreiflich finden, wenn er sich nicht mehr darüber ärgert,
aber daß ich einen Augenblick an ihm irre geworden bin, das wird er mir nie
verzeihen!«
* * *
(Aus einem Briefe.)