12. September 1893.

... Dr. Kranichs Neugierde ist bald befriedigt worden. Die Revivalists

haben es vorgezogen, allen etwaigen Verwickelungen ihrer Angelegenheit

durch ärztliche oder geistliche Einmischung aus dem Wege zu gehen, und sind

abgereist. Ganz in aller Stille, ohne Abschied, selbst ohne einzupacken.

Für den Meister wäre das Einpacken freilich eine überflüssige Ceremonie

gewesen; denn er besitzt -- wenn Pipin recht unterrichtet ist -- außer dem,

was er auf dem Leibe trägt, nur ein Hemd und zwei Taschentücher. Diese Habe

steckte er zwischen Deckel und Vorsatzpapier seines großen Folianten und

schützte sie mit Bindfaden vor dem Herausfallen.

Schwieriger war die Frage des Einpackens für den Grafen. Er hinterließ

sie unter zahlreichen anderen Vermächtnissen Pipin. Und Pipin packte einen

halben Tag lang im Schweiße seines Angesichtes an allen diesen Anzügen aus

weißem Flanell, aus gelber Rohseide, aus silbergrauem Kammgarn, an Schärpen

und Krawatten, an weißen und bunten Seidenhemden, an gestickten Unterhosen

und karrierten Strümpfen, an silbernen Bürsten und elfenbeinernen Kämmen,

an Parfümflacons und Manicüre-Utensilien, an Schachteln, Dosen und Etuis

ohne Zahl. Er konnte sich diese raffinierten Anstalten zur Pflege des

irdischen Leichnams nicht ganz mit der Leidenschaft des Grafen für die

»Wissenschaft des Uebersinnlichen« zusammenreimen und fand, daß die

Tressenbäuerin im Grunde konsequenter sei, die keine Speise mehr anrühren

will, seit sie sich mit dem Göttlichen in Verbindung glaubt.

Die Tressenbäuerin ist auch ein Vermächtnis des Grafen an Pipin. Er hat

ihm strenge aufgetragen, dafür zu sorgen, daß sie nicht etwa in ihrem Wahn

Hungers stirbt und auf diese Weise zu lästigen behördlichen Rekriminationen

Anlaß giebt. Genau genommen, sei ja doch Pipin an diesem Zwischenfall

schuld, da er es war, der den Meister dort oben bei dieser

unzurechnungsfähigen Person einquartierte -- eine unpraktische Idee schon

deshalb, weil ihm, dem Grafen, dadurch die Unannehmlichkeit aufgebürdet

war, eine Stunde bergan zu laufen, so oft er mit dem Meister zusammenkommen

wollte.

Pipin geht getreulich jeden Tag hinauf, setzt sich an das Bett der Bäuerin

und trachtet, ihr einen Löffel Suppe einzureden. Bisweilen hält sie ihn

für eine der himmlischen Personen, mit denen sie verkehrt; dann thut sie

gutwillig, was er anordnet. Zu anderen Zeiten liegt sie teilnahmlos, starr

und stumm; dann nützt weder Güte noch Gewalt. Einen Arzt zu rufen, hat der

Graf ausdrücklich verboten; das Ganze werde in wenigen Tagen ohnedies von

selbst vorübergehen, wenn sie sich körperlich wieder ein wenig gekräftigt

hätte. Pipin möge nicht etwa glauben, daß er dieses Zwischenfalles wegen so

rasch abreise. Er bedaure im Gegenteil, daß er gerade jetzt gezwungen sei,

zu scheiden -- aber er könne unmöglich Elmenreichs Auftreten gegen ihn

länger ertragen. Und er hinterließ eine ganze lange Auseinandersetzung für

Elmenreich als drittes Vermächtnis an Pipin. Pipin sollte Elmenreich sagen

-- nun, Pipin hatte sich alle die leidenschaftlichen Vorwürfe, Klagen,

Bitten und Versprechungen nicht gemerkt, nur den Auftrag, ihm zu erklären,

daß der Graf im Begriffe sei, ein neues Werk in Angriff zu nehmen. Die

Zeitung sei eine Verirrung gewesen, Elmenreich habe vollständig recht

gehabt; aber jetzt sollte es etwas viel Wirksameres, viel Umfassenderes,

viel Großartigeres werden, etwas Ungeheures und Niedagewesenes. Näheres

darüber könne er noch nicht mitteilen; aber der Tag sei nicht ferne, an

dem Elmenreichs Sinn sich wenden und er seine Ungerechtigkeit tief bedauern

werde.

Dieses letzte Vermächtnis scheint Pipin nicht gerne übernommen zu haben. Im

übrigen bleibt er dem Grafen unwandelbar ergeben; er hat ihm den Schafskopf

vollkommen verziehen und ist nach wie vor bereit, an alle wunderbaren Dinge

zu glauben, die dem Neophyten versprochen sind ...

* * *

(Aus einem Briefe.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 33 / 50 题