... Dr. Kranichs Neugierde ist bald befriedigt worden. Die Revivalists
haben es vorgezogen, allen etwaigen Verwickelungen ihrer Angelegenheit
durch ärztliche oder geistliche Einmischung aus dem Wege zu gehen, und sind
abgereist. Ganz in aller Stille, ohne Abschied, selbst ohne einzupacken.
Für den Meister wäre das Einpacken freilich eine überflüssige Ceremonie
gewesen; denn er besitzt -- wenn Pipin recht unterrichtet ist -- außer dem,
was er auf dem Leibe trägt, nur ein Hemd und zwei Taschentücher. Diese Habe
steckte er zwischen Deckel und Vorsatzpapier seines großen Folianten und
schützte sie mit Bindfaden vor dem Herausfallen.
Schwieriger war die Frage des Einpackens für den Grafen. Er hinterließ
sie unter zahlreichen anderen Vermächtnissen Pipin. Und Pipin packte einen
halben Tag lang im Schweiße seines Angesichtes an allen diesen Anzügen aus
weißem Flanell, aus gelber Rohseide, aus silbergrauem Kammgarn, an Schärpen
und Krawatten, an weißen und bunten Seidenhemden, an gestickten Unterhosen
und karrierten Strümpfen, an silbernen Bürsten und elfenbeinernen Kämmen,
an Parfümflacons und Manicüre-Utensilien, an Schachteln, Dosen und Etuis
ohne Zahl. Er konnte sich diese raffinierten Anstalten zur Pflege des
irdischen Leichnams nicht ganz mit der Leidenschaft des Grafen für die
»Wissenschaft des Uebersinnlichen« zusammenreimen und fand, daß die
Tressenbäuerin im Grunde konsequenter sei, die keine Speise mehr anrühren
will, seit sie sich mit dem Göttlichen in Verbindung glaubt.
Die Tressenbäuerin ist auch ein Vermächtnis des Grafen an Pipin. Er hat
ihm strenge aufgetragen, dafür zu sorgen, daß sie nicht etwa in ihrem Wahn
Hungers stirbt und auf diese Weise zu lästigen behördlichen Rekriminationen
Anlaß giebt. Genau genommen, sei ja doch Pipin an diesem Zwischenfall
schuld, da er es war, der den Meister dort oben bei dieser
unzurechnungsfähigen Person einquartierte -- eine unpraktische Idee schon
deshalb, weil ihm, dem Grafen, dadurch die Unannehmlichkeit aufgebürdet
war, eine Stunde bergan zu laufen, so oft er mit dem Meister zusammenkommen
wollte.
Pipin geht getreulich jeden Tag hinauf, setzt sich an das Bett der Bäuerin
und trachtet, ihr einen Löffel Suppe einzureden. Bisweilen hält sie ihn
für eine der himmlischen Personen, mit denen sie verkehrt; dann thut sie
gutwillig, was er anordnet. Zu anderen Zeiten liegt sie teilnahmlos, starr
und stumm; dann nützt weder Güte noch Gewalt. Einen Arzt zu rufen, hat der
Graf ausdrücklich verboten; das Ganze werde in wenigen Tagen ohnedies von
selbst vorübergehen, wenn sie sich körperlich wieder ein wenig gekräftigt
hätte. Pipin möge nicht etwa glauben, daß er dieses Zwischenfalles wegen so
rasch abreise. Er bedaure im Gegenteil, daß er gerade jetzt gezwungen sei,
zu scheiden -- aber er könne unmöglich Elmenreichs Auftreten gegen ihn
länger ertragen. Und er hinterließ eine ganze lange Auseinandersetzung für
Elmenreich als drittes Vermächtnis an Pipin. Pipin sollte Elmenreich sagen
-- nun, Pipin hatte sich alle die leidenschaftlichen Vorwürfe, Klagen,
Bitten und Versprechungen nicht gemerkt, nur den Auftrag, ihm zu erklären,
daß der Graf im Begriffe sei, ein neues Werk in Angriff zu nehmen. Die
Zeitung sei eine Verirrung gewesen, Elmenreich habe vollständig recht
gehabt; aber jetzt sollte es etwas viel Wirksameres, viel Umfassenderes,
viel Großartigeres werden, etwas Ungeheures und Niedagewesenes. Näheres
darüber könne er noch nicht mitteilen; aber der Tag sei nicht ferne, an
dem Elmenreichs Sinn sich wenden und er seine Ungerechtigkeit tief bedauern
werde.
Dieses letzte Vermächtnis scheint Pipin nicht gerne übernommen zu haben. Im
übrigen bleibt er dem Grafen unwandelbar ergeben; er hat ihm den Schafskopf
vollkommen verziehen und ist nach wie vor bereit, an alle wunderbaren Dinge
zu glauben, die dem Neophyten versprochen sind ...
* * *
(Aus einem Briefe.)