»Ich möchte -- eine Antwort geben.«
»Zu welchem Zweck?«
»Sie gestatten also nicht, daß ich Sie begleite?«
»Ich bedaure, Herr Graf -- aber Sie wissen, ich bin der Meinung, daß es das
Beste ist, wenn jeder von uns seinen Weg allein geht --«
Er lüftete höflich den Hut und wandte sich zum Gehen.
Aber noch einmal trat ihm der Graf entgegen.
»Ich habe gebeten -- ich bitte noch einmal!« Elmenreich knöpfte sich mit
einer ungestümen Bewegung seinen Rock zu. Der höfliche Ton schien ihn
Ueberwindung zu kosten, als er sagte:
»Und ich habe mir erlaubt, anzudeuten, daß ich jede Unterredung zwischen
uns für aussichtslos halte. Es fehlt jedes Mittel der Verständigung
zwischen uns. Ich bedaure, aber ich kann daran nichts ändern.«
»Tonuelo, Sie müssen mich anhören, Sie müssen! Ich habe mich ferngehalten
nach Ihrem Wunsche, ich habe gewartet mit übermenschlicher Geduld, ich habe
nur stumm um Gnade gebettelt, und Sie haben mich nicht verstehen wollen --«
»Genug! Ersparen Sie sich doch die Wiederholung dieser ebenso peinlichen
als unnützen Auseinandersetzungen.«
Er ging mit entschlossenen Schritten rasch dem Ausgang zu und verschwand.
Wortlos starrt ihm der Graf nach. Pipin stürzt voll Teilnahme zu ihm hin.
Mit einer heftigen, blinden Geberde schüttelt ihn der Graf ab. Seine Lippen
bewegen sich in einem unhörbaren Murmeln, und wie ein Nachtwandler, den
Blick starr in die Richtung gewendet, in welcher Elmenreich verschwand,
geht er ihm langsam nach.
Pipin giebt sich einer rebellischen Anwandlung gegen Elmenreich hin.
»Nein, das geht zu weit! Das ist nicht recht! Wirklich, ich begreife ihn
nicht --«
Dr. Kranich hatte mit beifälligem Interesse dem Auftritt zwischen
Elmenreich und dem Grafen zugesehen. Pipins Bemerkung reizt ihn, wie alle
Bemerkungen Pipins. Er antwortet mit funkelnden Augen, indes um seine
Lippen das gewohnte Lächeln spielt.
»Natürlich begreifen Sie ihn nicht, Pipin! Ich hoffe doch, Sie vermessen
sich nicht, Elmenreich begreifen zu wollen? Oder gar seine Handlungen zu
kritisieren? Ein Mensch, der so turmhoch über Ihnen steht, daß Sie ein
Fernrohr brauchen, nur um seine große Zehe zu betrachten --«
Dr. Kranichs Lächeln verleitet Pipin, gleichfalls zu lächeln.
»Für Sie ist er ein für allemal das =au-delà=, in das Sie nicht hineinsehen
können, weil Ihnen das Organ dafür fehlt --«
Und indem Dr. Kranich fortfährt, Pipin abzukanzeln, gelangt er dahin,
ein glänzendes Bild Elmenreichs zu entwerfen -- vielleicht weniger, um
Elmenreich zu verherrlichen, als um Pipin zu demütigen. Nach diesem Bilde
wird aus Elmenreich ein »Charakter«. Charakter auf niedrigen Stufen
der Intelligenz ist, nach Dr. Kranich, weder etwas Seltenes, noch etwas
Besonderes; bornierte Menschen sind sogar gewöhnlich charaktervoll, weil
sie Scheuleder vor ihrem Intellekt haben, die sie verhindern, rechts oder
links zu schauen. Aber Charakter auf hohen Stufen der Intelligenz -- das
ist das ganz Seltene, das ganz Große. Denn der erleuchtete Mensch muß in
jedem Augenblick der Entscheidung den ganzen Reichtum der Motive, die er
nach allen ihren Möglichkeiten überblickt, beherrschen und eine Wahl aus
überlegener Einsicht treffen. Und als Mensch der überlegenen Einsicht
habe sich Elmenreich gezeigt, indem er mit herrlicher Unbeugsamkeit
die Annäherung eines Menschen ablehnte, der durch alle seine verkehrten
Veranstaltungen bewiesen hat, daß er gänzlich unfähig ist, auf die
Bedürfnisse eines anders gearteten Geistes einzugehen.
Pipin macht einen tapferen Versuch, sich zur Verteidigung des Grafen mit
Dr. Kranich in eine Auseinandersetzung einzulassen. »Wie? Darf man einen
Menschen, der bittet, der sich demütigt, so hart von sich stoßen --?«
Aber Dr. Kranich wirft ihn gleich nieder.
»Ein Mensch, der sich demütigt, ist das Verächtlichste, was es giebt. Er
verdient vollkommen den Fußtritt, den er bekommt ... Uebrigens diskutiere
ich darüber nicht mit Ihnen. Ich, Pipin -- wenn ich einen Adler auf einen
Hasen herabstürzen sehe, so werde ich mich über die königliche Pracht des
Adlers freuen; Sie aber werden mit dem jämmerlichen Hasen um Hilfe schreien
und den Adler niederschießen, wenn Sie können --«
*
Mittlerweile war der Brunnhofer-Seppl hereingekommen und fragte um den
Grafen. Vor dem Hotel warte der »gspaßige Fremde« auf ihn, der droben bei
der Tressenbäuerin einlogiert sei, und habe dringend mit ihm zu sprechen;
es sei »drobmat was passiert«.
Dr. Kranich fragte, was denn passiert sei. Da der Brunnhofer Seppl nicht
gleich mit der Sprache herauswollte, schenkte ihm Dr. Kranich ein Glas Wein
ein und sagte mit seinem malitiösen Lächeln:
»Ich bin mit dem Grafen so vertraut wie du, Seppl; vor mir brauchst du
keine Geheimnisse zu bewahren. Sonst, wenn ich einmal schief gewickelt
bin --« er drohte ihm mit dem Finger.
Der Brunnhofer Seppl lachte verlegen und machte Dr. Kranich das Kompliment,
daß er »allerweil fidel« sei. Aber er sträubte sich hartnäckig, etwas zu
verraten.
»I därf nöt, der Herr Graf hat's verboten« --
»Nun gut, Seppl, da du mir nichts erzählen willst, werde ich dir was
erzählen. Vor ein paar Tagen bin ich beim Herrn Pfarrer gewesen; der hat
mich gefragt, ob ich denn nicht mit dem Grafen von früher her bekannt
bin, und was für ein Herr dieser Graf denn wäre. Denn sein Umgang mit dir,
Seppl, gefalle ihm gar nicht, sagte der Herr Pfarrer -- und wer Jahr aus
Jahr ein so viele Sünden gebeichtet bekommt, der kennt sich aus,
Seppl --. Ich habe dir und dem Grafen natürlich das beste Leumundszeugnis
ausgestellt; aber wenn du dich so wenig nett gegen mich benimmst --! Also,
was ist auf dem Tressenstein passiert, Seppl?«
Daraufhin gab der Brunnhofer Seppl schleunig seinen Widerstand auf und
vertraute uns an, daß es die Bäuerin sei, um die es sich handle. Der
gspaßige Fremde kenne sich nicht mehr aus und wolle den Grafen fragen, was
denn mit der Bäuerin jetzt geschehen soll.
»Ja, was ist denn der Bäuerin passiert, Seppl?«
Mit angehaltenem Atem antwortete der Brunnhofer-Seppl:
»A Wunder!«
Dr. Kranich setzte sogleich eine ernste Miene auf. »=A la bonne heure!= Das
läßt sich hören! Das freut mich! Das ist einmal ein Erfolg!«
Und diese ernste Miene behielt er, während er seinem Opfer alles entlockte,
was er wissen wollte. Schon gestern, als der Brunnhofer Seppl den Grafen
hinauf begleitete, habe er davon reden gehört, daß mit der Bäuerin was
Besonderes vorgehe. Sie sei den ganzen Tag nicht klar wach geworden,
habe der Fremde dem Grafen erzählt -- der Brunnhofer-Seppl dachte
einen Augenblick angestrengt nach: »er hat ihm gsagt, sie is immerfort
sommerbühl«, sagte er geheimnisvoll; und mit noch leiserer Stimme setzte er
hinzu: »sie hat gestern in ganzen Tag mit'n Erzengel Gabriel gredt. Der
is ihr erschienen, sie hat'n genau beschrieben, wie er ausschaugt. No und
heunt --«
Der Brunnhofer Seppl verstummte wieder, als könne er von diesen
Dingen unmöglich vor Uneingeweihten mehr mitteilen. Er suchte sich vor
Dr. Kranichs Fragen mit einem scheuen: »mehr woaß i selber nöt«, zu
salvieren; Dr. Kranich hatte ihn aber mittelst einer versteckten Drohung
ganz in der Gewalt: »Red', Seppl, sonst -- red' ich --« und so wand sich
der arme Seppl in den Klauen des schwarzen Panthers hilflos wie ein Kalb.
Wenn der Graf erfahren möcht', daß er so viel ausplauschen thät --! Und der
Herr Dr. Kranich sollt' do an Einsegn haben mit arme Leut'; das Leben is
gar hart im Winter, und wer nöt dazuschaugt im Sommer, daß er si a bißl was
zrucklegt --
Nach dieser kleinen, auf Dr. Kranichs »Einseg'n« zielenden Abschweifung
fuhr er zu erzählen fort. Vormittags habe ihn der Graf, der »die ganze
Zeit auf'n Dr. Elmenreich paßt hat«, mit einer Post an den Fremden
hinaufgeschickt; und da sei es der Bäuerin eben sehr schlecht gegangen.
Es verhielt sich nämlich so:
Die hohe Gnade, die der Tressenbäuerin widerfahren war, hatte den Neid
des Teufels herausgefordert, wie das bei allen außerordentlichen
Gnadengeschenken des Himmels der Fall ist. Und kaum war der Erzengel
Gabriel von ihr weggegangen, so fiel der Teufel über sie her, verdrehte ihr
alle Glieder, riß sie beim Kopf, und warf sie so heftig im Bett herum,
daß der Brunnhofer-Seppl dem Meister beistehen mußte, sie zu halten. Aber
schließlich mußte der Teufel doch wieder abziehen, weil die göttliche Kraft
den Sieg über ihn davon trug. Das alles erklärte die Bäuerin selbst, als
der Kampf mit dem Teufel überstanden war. Der Meister wollte sie bewegen,
etwas Suppe zu sich zu nehmen, denn sie hatte schon seit vierundzwanzig
Stunden nichts gegessen; aber sie weigerte sich und sagte, wer von dem
himmlischen Brode zu essen bekomme, der brauche keine irdische Nahrung
mehr. Dabei war ihr Gesicht so verklärt wie das einer Heiligen. Dann
schickte sie alle aus dem Zimmer; es sei ihr angekündigt, sie werde die
allerheiligste Jungfrau Maria von Angesicht zu Angesicht sehen und von ihr
mit wunderthätigen Gaben gegen den Teufel und seine bösen Werke in der Welt
begnadet werden --
Nachdem der Brunnhofer Seppl die Furcht, daß er zu viel »ausplauschen«
könnte, einmal überwunden hatte, legte er sich keine Zurückhaltung mehr
auf. Er erzählte mit jener atemlosen Gehobenheit, welche die Ueberbringer
einer sensationellen Nachricht zu empfinden pflegen; und als er den Lauf
der Begebenheiten erschöpft hatte, begann er ungesäumt von vorne. Er schien
den Meister, der vor dem Hotel wartete, völlig vergessen zu haben.
Pipin aber war gleich nach den ersten Andeutungen Seppls zu ihm
hinausgeeilt; jetzt brachte er ihn mit sich herein.
Der Meister sah sehr niedergeschlagen aus; er setzte sich gedrückt an den
Tisch und blickte mit seinen zerstreuten Augen ratlos im Kreise herum.
Dr. Kranich gratulierte ihm zu seinem »schönen Erfolge«, ganz ernst, ohne
die leiseste ironische Nuance. Dennoch nahm der Meister den Glückwunsch
nicht an.
»Die Sache ist sehr fatal«, sagte er, zu Pipin gewendet. »Ich begreife
nicht, wie das geschehen konnte -- ich habe keine Gewalt mehr über die
Frau -- und dazu diese Ideen, die da plötzlich auftreten, ich weiß nicht,
woher --«
Er sah sich nervös nach allen Seiten um. Wo denn der Graf bleibe? Man könne
die Sache unmöglich länger anstehen lassen; er möchte um keinen Preis noch
einen solchen Tag mitmachen, wie den heutigen. Es müsse etwas geschehen
-- der Graf müsse eine Entscheidung treffen. Denn der Graf habe von allem
Anfang an die Verantwortung übernommen. Er selber sei immer nur ungern mit
dieser Frau in Kontakt getreten. Man sollte sich nicht mit Medien abgeben,
die auf einer anderen Bildungsstufe stehen; da stoße man auf zu viele
unbekannte Mächte, die sich der Leitung widersetzen.
Pipin wagte eine Anfrage, ob man wohl daran denken dürfte, einen Arzt zu
konsultieren. Diesen Gedanken griff der Meister bereitwillig auf. Es werde
hier wohl einen Kurarzt geben? Den könnte man vielleicht dazu bewegen,
daß er mit hinaufkäme? Ob Pipin nicht die Freundlichkeit haben wolle, das
gleich zu veranlassen?
Aber Dr. Kranich ereiferte sich. Was? Einen Arzt? Unsinn! In solchen
Zuständen kenne sich kein Arzt aus, das wisse man doch. Ein Arzt würde
höchstens sagen, daß da in unverantwortlicher Weise mit einem labilen
Nervensystem herumexperimentiert worden sei, und wohl gar, um seine eigene
Hilflosigkeit zu bemänteln, eine Anzeige erstatten. Nein, nur keinen Arzt!
Jetzt müsse man den Dingen schon ihren Lauf lassen; jede fremde Hand würde
die Sache verpfuschen. Der ganze Fehler sei, daß der Meister =contre-coeur=
und unter dem Einfluß eines fremden Willens operiert habe -- unter solchen
Umständen ließe sich natürlich die Einmischung anderer Mächte nicht
verhüten --
Der Meister hörte ihm mit ängstlicher Spannung zu. Namentlich die
Möglichkeit einer Anzeige schien ihm großes Unbehagen zu verursachen.
Aufgeregt sagte er:
»Also dann -- also dann muß der Graf entscheiden, was hier zu geschehen
hat. Wo in aller Welt bleibt er denn? Seppl, schaffen Sie doch den Grafen
herbei. Oder Sie, Pipin -- weiß denn niemand, wo der Graf ist?«
Schließlich ging er mit Pipin und Seppl fort, um auf die Gefahr hin, von
Elmenreich insultiert zu werden, den Grafen bei ihm zu suchen.
Dr. Kranich lehnte sich in seinen Sessel zurück und blies aus seiner
Cigarette die denkbar vollkommensten Ringe in die stille Luft. Er machte
einen Versuch, seinen Ernst zu bewahren; dann übermannte ihn doch sein
mutwilliges Lächeln.
»Jetzt sitzen die beiden Revivalists mit ihrem Dilettantismus in der Tinte!
Wollen sehen, wie sie sich aus dieser Affaire ziehen werden!«
* * *
(Aus einem Briefe.)