Also nicht beurteilen, sondern sich eine Vorstellung von ihm machen, von
den inneren Zuständen seiner Seele --
Aber Elmenreich war entschieden nicht gesonnen, sich seine Laune durch
Reminiszenzen verderben zu lassen. Die Gelegenheit war zu günstig; nun ließ
er sich die Zügel schießen. Er begoß den unglücklichen Tänzer mit der
Lauge seines Spottes; er sprudelte von witzigen Einfällen und vernichtenden
Bosheiten über, und ergötzte sich selbst so sehr an dem Feuerwerk, das er
hervorbrachte, empfand eine so große Lust an dem glänzenden Spiel seiner
eigenen Gedanken, daß er ganz das Aussehen eines freudigen, selbstbewußten,
hochgemuten Menschen bekam, der das Leben als ein königliches Kampfspiel
aufnimmt und seinen Platz siegreich behauptet.
* * *
Pipin saß mit einer wunderlichen Miene bei Tisch. Wenn man ihn anredete,
antwortete er in feierlicher Geistesabwesenheit; er hörte gewissermaßen
nur mit einem Ohre zu, während er mit dem anderen einer fernen Musik zu
lauschen schien.
Kaum waren wir mit dem Essen fertig, als er Elmenreich bat, ihn nach Hause
begleiten zu dürfen. Und mir flüsterte er zu: »Kommen Sie mit, gnädige
Frau; wenn Sie dabei sind, ist er doch eher für etwas zu haben.«
Wir setzen uns an den Tisch im Freien, wo Elmenreich nachmittags seinen
Tschibuck zu rauchen pflegt und über die Hecke weg mit jedem dritten
Menschen, der vorübergeht, ein Gespräch abhält.
Dort zieht Pipin mit vieler Behutsamkeit ein kleines Paket beschriebener
Blätter aus seiner Brusttasche. Blaß vor Bewegung legt er sie Elmenreich
hin. »Die ersten Beiträge«, lispelt er fast unhörbar.
Elmenreich ergreift sie mißtrauisch und betrachtet sie von vorne und
hinten. »Von Ihrer Hand --?«
»Abgeschrieben«, ergänzt Pipin eilig. »Denn da der Meister eine so
unleserliche Schrift hat --«
»Danke. Da weiß ich schon genug!«
Er schiebt die Blätter energisch von sich weg. Pipin schiebt sie tapfer
wieder zurück.
»Aber anschauen können Sie sich doch die Sachen«, sagt er flehentlich. »Sie
wissen ja noch gar nicht, was drin steht.«
»Na, ich denke, die »Weisheit« des Meisters habe ich schon in seiner
Predigt genossen --«
»Das ist aber ganz was Anderes, etwas ganz Besonderes! Hier haben wir die
Visionen des Meisters --«
»Visionen? Ist der Meister mit dem Grafen zusammen schon bei Visionen
angelangt?«
»So buchstäblich dürfen Sie das nicht nehmen. Es ist nur die Form, in der
er seine Gedanken mitteilt.«
Elmenreich scheint doch neugierig geworden zu sein; er nimmt in der That
die Blätter und fängt an, darin zu blättern.
Pipin verliert beinahe die Fassung. Er giebt mir unter dem Tische seine
Hand: diese arme, einfältige Hand ist kalt und zittert.
»Donnerwetter«, sagt Elmenreich, »da giebt es ja gar verführerische
Leckerbissen: »Versuch über die Magie des Gebetes«, »Versuch über
die mystische Vereinigung mit der Allseele«, »die Entschleierung der
Lebensmysterien.« »Von den geheimen Entzückungen der Seele« -- -- Hier fing
Elmenreich an, laut vorzulesen.
»Sich hinzugeben! ...
Sich hinzugeben dem geliebten Menschen in der Inbrunst der geistigen
Vereinigung! Hand in Hand, Aug' in Aug', Brust an Brust überströmen zu
lassen in sich das berauschende Fluidum seiner Lebenswärme ......
Sich hinzugeben den Geboten eines Meisters, das Werkzeug seines Willens und
seiner Gewalt, vernichtet vor der Majestät eines Mächtigeren, hingestreckt
durch den, der uns unter seine beseligende Herrschaft zwingt! Ihn erleiden
in der mystischen Wollust der Entselbstung ...
Siehe, ich bebe, ich glühe, ich brenne -- nimm mich hin, ergreife mich,
erdrücke mich, laß mich der Schemel deiner Füße sein ...«
Elmenreich unterbrach seine Vorlesung. Was denn das heißen solle, daß Pipin
ihm die Machwerke des Grafen als Visionen des Herrn Wendl auftische? Ob der
Graf glaube, er brauche sich bloß hinter einem anderen zu verstecken, und
man werde ihn nicht erkennen? Und ob Pipin selber wirklich nicht genug
rechtschaffenes Empfinden habe, um die schielende Seele zu erkennen, die
sich hinter dieser zweideutigen Manier verberge? Pfui Teufel!
Zornig warf er die Blätter auf den Tisch, daß sie auseinanderflogen und auf
den Boden fielen.
Pipin sammelte sie behutsam und ordnete sie wieder. Einen Teil steckte er
zu sich, den anderen legte er vor sich hin. »Der Graf ist so eigensinnig«,
sagte er entschuldigend. »Was kann da ein Mensch wie ich machen? Ich habe
gleich gesagt, das ist nicht die richtige Manier -- aber er glaubt, er
kennt Sie besser als ich. Und da er Sie ja um soviel länger kennt als
ich --«
Elmenreich macht eine ungeduldige Bewegung.
»Hören Sie nur dieses eine noch«, fährt Pipin flehentlich fort. »Und -- und
lassen Sie mich es Ihnen lieber vorlesen, ja, darf ich?«
Ohne Elmenreichs Einwilligung abzuwarten, liest er mit steigender Bewegung
und einer Stimme, die vor Ergriffenheit bebt:
Die Stimme des Suchenden.
Eine Vision.
Und ich sahe ein Meer, das dehnte sich aus von Aufgang bis Niedergang
und hatte keine Grenze, so weit das Auge reicht.
Die Wellen gehen und kommen auf dem Meere, und niemand weiß, woher sie
kommen und wohin sie gehen.
Und der Himmel hing über dem Meere in tiefen Wolken, und der Sturm
trieb die Wolken vor sich her; aber es fiel kein Lichtstrahl durch die
Wolken.
Dämmerung lag auf der Welt und das Brausen des Sturmes scholl über die
Gewässer.
Und ich sahe einen Kahn, darinnen stand aufrecht ein Mensch, der
streckte aus seine Arme gen Himmel.
Nackend und bloß, wie er aus seiner Mutter Leibe gegangen war, stand
er; das Steuer hatte er weggelegt und die Segel ließ er flattern mit
dem Winde, und streckte seine Arme aus gen Himmel.
Und schrie zu Gott in dem Brausen des Sturmes. Aber der Sturm
verschlang seine Stimme, daß sie nicht gehört ward unter den Menschen.
Herr, Herr wo bist du? Warum hast du dein Angesicht verhüllt vor denen,
die dich suchen?
Warum lässest du uns in der Irre gehen und führest uns nicht aus dem
Dunkel?
Dein Tempel ist zerfallen, und die Stätten deiner Verehrung hat die
Wüste verschlungen. Der Sand weht über sie hin und begräbt sie.
Herr, Herr, wo bist du? Teile die Wolken, du Herr des Sturmes, und
laß mich sehen die Himmel, deiner Hände Werk und die Sterne, die du
bereitest.
Der du stillest das Brausen des Meeres, gebiete den Wassern, daß
sie mich tragen an die Schwelle, über die ich schreiten will in dein
Heiligtum.
Sende mir den Boten, der meine Lippen rühre mit der glühenden Kohle,
genommen von deinem Altare!
Dann will ich hingehen und Zeugnis geben, und mein Wort soll sein wie
eine glühende Kohle, daran die Herzen der Menschen sich entzünden.
Aber der Himmel that sich nicht auf und kein Stern leuchtete durch das
Dunkel.
Und ich sah, wie der einsame Kahn dahintrieb auf dem uferlosen Meere,
bis er ferne unterging in den Gewässern der Nacht.
*
Pipin seufzte tief auf, der Atem schien ihm stille zu stehen.
Pause.
Elmenreich betrachtet Pipin mit teilnehmender Verwunderung und schüttelt
den Kopf.
»Sie sind doch ein wunderlicher Patron, Pipin! Machen solche Travestien
wirklich einen so großen Eindruck auf Sie?«
»Travestien?« haucht Pipin. »Und das ist alles, was Sie dazu sagen?«
»Ja was denn sonst, Pipin? Was haben Sie denn sonst erwartet?«
»Daß Sie darauf antworten!«
Elmenreich schüttelt wieder den Kopf und nimmt das Päckchen Blätter Pipin
aus der Hand. Er blättert noch einmal darin; dann faltet er es zusammen und
steckt es in die Tasche.
»Lassen Sie mir diese Dokumente bis morgen«, sagt er mit enigmatischer
Miene. »Vielleicht habe ich bis dahin auch eine Vision, die ich der Welt
mitteile.«
* * *
Es klopft.
»Herein!«
Pipin tritt ein. Blaß, niedergeschlagen, verstört. Er entschuldigt sich
umständlich, daß er sich die Freiheit nehme. Aber die Ereignisse -- wenn
ein Mensch sich jeder Bemühung widersetzt und gar nichts gelten lassen
will! Wenn er es nur darauf abgesehen hat, alles zu negieren, zu
verspotten, zu zerstören! Kurz, es ist aus, es ist nichts mehr zu hoffen,
die Zeitung wird nicht gemacht, der Graf und Elmenreich werden sich nie
versöhnen; keine epochemachenden Werke, keine wunderbaren Enthüllungen,
keine Wiedergeburt der geistigen Kultur --
Er zog sein Päckchen Schriften aus der Tasche und gab es mir. Es hatte sich
um einige stark zerknitterte Blätter vermehrt, auf denen ich Elmenreichs
gewaltthätige Schrift erkannte. Das war der versprochene Beitrag
Elmenreichs. Pipin hatte ihn heute morgens bekommen -- durch den
Hotelportier, dem Elmenreich das an Pipin adressierte Couvert gestern beim
Fortgehen übergeben hatte.
In seiner Herzensfreude hatte Pipin den versprochenen Beitrag schon dem
Grafen angekündigt gehabt; wie hätte er ihn jetzt verheimlichen sollen?
So mußte Pipin -- nach seinem eigenen Ausdruck »wie ein begossener
Pudel --« den Ueberreicher dieses Schriftstückes machen, das doch eine
blutige Kränkung, wenn nicht sogar eine Beleidigung des Grafen enthielt.
Natürlich fiel denn auch der ganze Zorn auf ihn. Der Graf maß ihm alle
Schuld bei und überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er die Sache schlecht
eingefädelt, daß er durch seine Ungeschicklichkeit alles verdorben, daß
er mit seiner albernen und lächerlichen Weise Elmenreichs Spott
herausgefordert habe. »=Madre de Dios!=« rief der Graf, »warum habe ich
mich dieses Tölpels bedient! Wie konnte ich glauben, daß ein solcher
Schafskopf etwas erreichen werde!« Er fluchte und tobte; seine Leidenschaft
steigerte sich immer mehr, bis er sich die Haare ausraufte, sich die
Kleider vom Leibe riß, sinnlos schreiend im Zimmer herumrannte, die
Wasserflasche zertrümmerte und sich geberdete, als hätte er den Verstand
verloren.
Als dieser Ausbruch vorüber war, bat er Pipin wieder alles ab, indem er ihn
anflehte, auf andere Mittel und Wege zu denken, um Elmenreich zu gewinnen.
Wenn Elmenreich eine prinzipielle Abneigung gegen alles Gedruckte habe,
wenn er die Zeitung nicht wolle, gut, dann keine Zeitung -- Elmenreich möge
wünschen, verlangen, befehlen, aber nur in seiner kalten Ablehnung solle er
nicht verharren, nicht in seiner haßerfüllten Unzugänglichkeit. »Sagen
Sie ihm, wenn er fortfährt, mich von sich auszuschließen, so gehe ich
zu Grunde, sagen Sie ihm, er tötet mich, wenn er mich nicht an sich
herankommen läßt. Sagen sie ihm, ich will nichts von ihm, als daß er mir
seine Nähe erlaube, daß er mich um sich dulde wie einen Hund, den auch
Fußtritte nicht verscheuchen. Seinetwegen bin ich hierher gereist,
seinetwegen habe ich mich an diesen gemeinen Wirtshaustisch gesetzt,
seinetwegen denke ich Tag und Nacht darüber nach, etwas zu veranstalten,
womit ich ihn fesseln, womit ich ihm imponieren könnte ...«
Und nachdem auch diese Phase seiner Leidenschaft vorüber war, mußte Pipin
versprechen, daß er von alldem Elmenreich gegenüber kein Wort erwähnen
werde. Er sollte thun, als wisse er ganz und gar nichts von dem weiteren
Schicksal des Beitrages. Denn der Graf habe zum Schlusse den Vorsatz
gefaßt, sich selbst mit Elmenreich auseinanderzusetzen.
»So ist es auch in Ordnung«, sagte ich, als Pipin unter großer
Gemütsbewegung geendet hatte; »lassen Sie diese beiden ihre Sache allein
miteinander ausfechten. Der Vermittler erntet immer nur Undank, wie Sie
sehen.«
Aber Pipins Miene heitert sich nicht auf. »Was liegt mir an dem Undank«,
sagt er niedergeschlagen. »Was liegt mir selbst an der Freundschaft des
Grafen! Etwas ganz anderes steht auf dem Spiel. Hier ist viel mehr zu
gewinnen und zu verlieren, als irgend ein Mensch ahnt. O gnädige Frau, wenn
Sie alles wüßten! Wenn ich Ihnen alles sagen könnte! Es handelt sich
ja nicht bloß darum, diese in die Brüche gegangene Freundschaft wieder
herzustellen. Elmenreich -- ich weiß nicht ob ich es Ihnen sagen darf --?
Aber er hat es mir nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt.
Freilich war es in einer Stunde, die zu den heiligsten meines Lebens
gehört, und ich kann kaum davon reden, weil immer etwas von dem Schönen und
Hohen verloren geht, wenn man eine Sache wiedererzählt. Und nie werde
ich ihm vergessen, daß er mir dieses Vertrauen geschenkt hat, daß er mich
gewürdigt hat, so tief in seine Seele zu blicken -- nie, nie! Auch wenn er
zehnmal alles mit Füßen tritt, was mir am Herzen liegt --«
Er faßt meinen Arm und zieht mich ein wenig zu sich. Seine guten blauen
Augen sehen mich aus dieser Nähe mit einem so ehrlichen Ausdruck von
Bekümmernis und Sorge an!
Und mit einer Stimme, in der eine tiefe Ergriffenheit bebt, erzählt er mir
-- ja, er erzählt mir, daß Elmenreich mit dem Leben unzufrieden sei, daß er
daran denke, sich davon frei zu machen wie von einer Plage und Last. Doch
werde er die Entscheidung darüber treffen als ein freier und besonnener
Mensch und sich vorher das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit
ein paar Jahre lang ansehen. Dann wolle er ein Ende machen aus freiem
Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...
Da war in Pipins Kopf der Plan gereift, Elmenreich zu retten. Pipin konnte
nicht unthätig zuschauen, wie ein so überlegener Mensch zu Grunde ging,
bloß weil er nichts hatte, woran sein Herz erfreuen. Und es sollte in
der großen göttlichen Welt nichts geben, was dieser Seele neue Freude
einzuflößen vermöchte? Nichts, was Trost, Hoffnung, Mut zu schenken
vermöchte? Nichts, wodurch so hohe Gaben des Geistes zu einer Quelle der
Lebensfreude und Menschenliebe werden könnten? Wenn er, der arme, kleine,
beschränkte Pipin, schon nichts zu bieten hatte, gab es nicht höhere,
weisere, reichere Intelligenzen? Pipin wollte kein Mittel unversucht lassen
-- und was für zuversichtliche Hoffnungen hatte er auf den Meister und den
Grafen gesetzt! Was für Wirkungen hatte er sich versprochen, wenn nur
erst Elmenreichs Widerstand gebrochen wäre! Aber es war alles vergeblich;
Elmenreich verschanzte sich in seine hohnvolle Unzugänglichkeit, Elmenreich
spottete nur, wo die anderen ihren tiefsten Ernst und ihre heiligsten
Gefühle hergaben -- und so war Elmenreich ein Verlorener, so war er vor dem
sicheren Untergang nicht zu retten --
Pipin rang die Hände in aufrichtiger Verzweiflung.
Da konnte ich nicht länger an mich halten.
»Nehmen Sie Elmenreichs Aeußerung nicht so tragisch, Pipin«, sagte ich,
ärgerlich darüber, daß ich selbst sie einmal tragisch genommen hatte; »sie
ist ja nur ein Repertoirestück von ihm --«
»Was heißt das?«
»Das heißt, daß er sie jedem zum Besten giebt, auf den er Eindruck machen
will, oder vielleicht sogar allen, mit denen er einige Zeit beisammen ist.
Ich, zum Beispiel, weiß schon seit drei Jahren, daß er das Leben unter
der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachtet, um eines Tages aus freiem
Entschluß ein Ende zu machen; andere, die ihn länger kennen als ich, wissen
es vermutlich länger. Und noch andere, die er in zwanzig oder dreißig
Jahren kennen lernen wird, werden eben um so viel später erfahren, daß er
sich noch einige Jahre das Leben »daraufhin« ansehen will --«
In Pipins Mienen malte sich ein unbeschreiblicher Schrecken -- er starrte
mich mit weitoffenen Augen sprachlos an.
»-- Deshalb trösten Sie sich, Pipin. Elmenreich will sich nur Luft machen,
will nur seine Gedanken los werden. Wenn er sie ausspricht, wird er sie
los. Es genügt ihm, sie ausgesprochen zu haben. Und so braucht er bloß
einen Zuhörer; wer der Zuhörer ist, thut nichts zur Sache. Die Person des
Zuhörers ist ihm gleichgültig --«
Pipin unterbrach mich. »Guter Gott, Sie sind ja böse auf Elmenreich,
gnädige Frau!« rief er außer sich. »Und ich, der ich davon geträumt
hatte, in diesem Kreis auserlesener Geister die große, lebenslängliche
Freundschaft zu finden! Die wunderbare Harmonie, die alle Gegensätze in
Liebe und Freude verwandelt! Aber nicht wahr, das alles haben Sie
nur gesagt, um mich zu trösten, um mich glauben zu machen, daß es mit
Elmenreich nicht so gefährlich steht? Sie wollten mir in Ihrer Güte nur
beweisen, daß an diesem Mißlingen nicht so viel gelegen ist? O dieser arme
Elmenreich! Da geht er seit Jahren herum und sucht und sucht denjenigen,
der ihm die rechte Antwort geben könnte. Aber niemand giebt sie ihm!
Niemand! Und das sollte etwas Beruhigendes sein, daß er noch zwanzig,
dreißig Jahre herumgehen wird mit seiner innerlichen Trostlosigkeit, und
immer neuen Menschen sein Leiden klagen wird, und immer vergeblich --?«
*
Pipin ging so betrübt davon, daß er seine Schriften auf dem Tische vergaß.
Er ließ sie liegen wie etwas, das seine Bedeutung verloren hat und nicht
mehr wert ist, daß man die Hand danach ausstreckt. So sind sie in meinem
Besitz verblieben.
* * *
Aus den Visionen des Meisters.
Von dem alten Tempel.
Und ich sahe und sieh, da war das Land von geschäftigen Händen voll und
rings ein Gewimmel wie in einem Erdhaufen, den die Ameisen errichtet
haben.
Und ich sahe die Mauern des alten Tempels, die umfassen viele Morgen
Landes. Aber seine Vorhöfe waren verwüstet und seine Säulen geborsten,
daß sie das Dach nicht mehr konnten tragen.
Und Schutt lag zu Haufen weit über das Land und bedeckte die fruchtbare
Erde, daß die junge Saat nicht konnte aufgehen, und mußte ersticken
unter den toten Steinen.
Und viele sahe ich, die waren emsig am Werke und arbeiteten mit Spaten
und Aexten und Hämmern und wollten einreißen die alten Mauern und
abtragen den baufälligen Tempel.
Unter den Streichen ihrer Aexte beben die Pfosten und die geborstenen
Säulen wanken.
Und sie achten nicht des Staubes, der den Himmel verfinstert, noch des
Schuttes, der sich mehret und das fruchtbare Erdreich ersticket.
Und wenn ein Ziegelstein vom Dache fällt, erhebt sich ein Geschrei der
Freude unter denen, die da am Werke sind; und wenn ein Halm grünen will
auf dem Schutt, zu dem sprechen sie: Unkraut, und zertreten ihn mit dem
Fuße.
Und abermals sahe ich viele, die trugen herbei neue Bausteine und
Mörtel, die Sprünge zu verkitten, so die Mauern zerreißen, und
schnitten neues Holz, die morschen Balken zu stützen, und gruben in dem
Schutt nach den verlorenen Kleinodien des Tempels.
Und die zertrümmerten Gefäße suchten sie aus den Scherben zusammen, um
sie wieder jegliches an seinen Ort zu stellen, wo sie geglänzt hatten
in den Tagen der Väter.
Und sie sprechen: Lasset uns den Tempel unserer Väter erhalten, denn in
seinem Schatten ist gut sitzen und schlafen; er ist ein Bollwerk wider
unsere Feinde und hält seine Zeit aus. Was nach uns kommt, das sorget
uns nicht.
Aber unter den vielen waren ihrer Etliche, die sammelten die Wasser des
Himmels und begossen die Halme, so da sprießen wollten aus dem Schutt,
und senkten Schößlinge ein, wo sie gutes Erdreich fanden.
Und wollen nicht sitzen im Schatten des alten Tempels, noch stoßen das,
was fallen wird zu seiner Zeit.
Sondern wollen neue Wohnungen bauen an neuen Stätten und pflanzen
lebendige Gärten in den Verwüstungen, und wollen Korn säen, auf daß
das Brot des Lebens nicht ausgehe, und kommende Geschlechter bereitet
fänden den Boden und das Land bestellt.
Wer achtet ihrer, die da unter den vielen arbeiten im Schweiße ihres
Angesichts?
Die, so da pflanzen, werden verhöhnet von denen, die müßig gehen, und
die, so da weissagen, werden nicht gehöret in dem Getümmel.
Aber es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen; da werden alle,
die nicht säen wollen, sondern ausraufen, und alle, die da sitzen
wollen im Schatten und die Hände in den Schoß legen, wie Stroh sein,
und der künftige Tag wird sie anzünden und wird ihnen weder Wurzel noch
Zweig lassen.
* * *
Die große Kuh.
Eine Vision zu Ehren der neuen Zeitung, erfunden und mitgeteilt von
dem Propheten Elmenreich, der leider auch nicht gehört wird in dem
Getümmel.
Und ich sahe und sieh, ich sahe einen Sumpf, der dehnte sich aus
von Aufgang bis Niedergang und hatte keine Grenze, so weit das Auge
reichte.
Und ein ungeheures Faß stand errichtet, das war voll von einem
schwarzen übelriechenden Saft, und goß unablässig in den Sumpf einen
Strom, dessen Name heißt Tinte.
Und abermals stand ein ungeheures Faß errichtet, das war voll von einem
noch schwärzeren, noch übelriechenderen Saft und goß unablässig in den
Sumpf einen Strom, dessen Name heißt Druckerschwärze.
Mitten in dem Sumpf aber stand ein Tier, anzusehen gleich einer großen
scheckigen Kuh, die hatte zwei Hörner und zwei lange Ohren und auf
ihrem Bauche siebenhundert Euter.
Und die Kuh stieß mit den Hörnern gegen Abend, gegen Mitternacht und
gegen Mittag, und kein Mensch konnte vor ihr bestehen, noch vor ihr
errettet werden, sondern sie that, was sie wollte.
Und war sehr stark und hatte große, eiserne Zähne, fraß um sich und
käuete wieder alles, was sie gefressen hatte, und das Uebrige zertrat
sie mit den Füßen.
Und um sie her unzählbar standen die goldenen Kälber, die sie zur Welt
gebracht hatte; und es war ein großes Tanzen auf dem Sumpfe um alle die
goldenen Kälber, die Kinder und Enkel der großen scheckigen Kuh.
Schmettert, ihr Trompeten, dröhnet, ihr Pauken! Pauken und Trompeten
verkündigen den Ruhm der großen scheckigen Kuh, die mit Milch und
Butter versorget alle, so ihr dienen.
Und so einer verlanget, daß es ihm wohlergehe auf Erden, der tanze
mit und preise die große scheckige Kuh. Ihrer ist die Macht und die
Herrschaft, und alle Gewalt muß ihr dienen und gehorchen!
Also ging der Lobgesang auf dem Sumpfe. Und ich trat näher herbei und
siehe, da war das Tanzen kein festlicher Reigen und der Lobgesang kein
Psalm.
Denn die, so da tanzten um jegliches Kalb, hielten das ihrige für das
alleinige und rechte, und befehdeten grimmiglich alle, so da um ein
anderes tanzten.
Sie hoben den Schlamm auf aus dem Sumpfe und bewarfen die Tänzer
nebenan mit dem Schlamme, hinüber, herüber, daß die Luft davon
verfinstert ward.
Und ein großes Geräusch erscholl, das war wie das Kratzen von
zehntausendmal zehntausend Federn, die über zehntausendmal zehntausend
Bogen Papier fahren.
Und das Geräusch nahm zu und ward gleich dem Heulen des Sturmwindes,
und die schwarzen Ströme schwollen an gleich dem Meere, über das der
Sturmwind einherfährt.
Und aus dem Sumpf wirbelten schmutzig weiße Wolken auf, die ballten
sich übereinander gleich Ungewittern und bedeckten den Erdkreis mit
Finsternis.
Und ein ungeheurer Staub ging daraus hervor, und aller Sand, der von
dort kommt, wo es kahl und flach ist auf Erden, ward heruntergestreut
in die Augen und Ohren derer, die da Augen haben, zu sehen und Ohren,
zu hören.
Und ich fürchtete mich sehr und fiel auf mein Angesicht und schrie:
Erbarme dich, Herr! Eine neue Sündflut will hereinbrechen und ersticken
alles Lebendige in einem Element voll Gräuels und Unsauberkeit, das
tückischer ist denn Wasser und gefräßiger denn Feuer.
Da hörte ich eine Stimme durch den Himmel schallen, die war wie ein
großes Gelächter.
Und die Stimme des großen Gelächters rief: Mache die Augen auf, du
Menschenkind, und fürchte dich nicht! Denn siehe, es ist alles nur
Papier, eitel Papier!
[Illustration]
Als Elmenreich sich anschickte zu gehen, erhob sich auch der Graf.
Er hat die ganze Zeit bei Tisch noch aufmerksamer als sonst jede
Bewegung Elmenreichs belauert. In seinem blassen Gesicht, in dem die
feingeschnittenen Nasenflügel so nervös über dem kleinen, eigensinnigen
Mund beben, zuckt es von verhaltener Leidenschaft.
Aber Elmenreich übersieht ihn geflissentlich wie immer. Er unterhält
sich mit Pipin in der besten Laune von der Welt und voll Wohlwollen, ganz
menschlich sogar, fragt ihn, wie lange sein Vater schon tot sei, ob er noch
einen Vormund habe, wo seine Mutter und Schwester den Sommer verbrächten
-- lauter Dinge, um die er sich sonst nicht im Entferntesten kümmert. Es
scheint fast, daß er ihm ein ganz persönliches Zeichen seiner Gewogenheit
geben will, nachdem er seinen »geistigen Ehrgeiz« schnöde abgeführt hat.
Entschlossen stellte sich der Graf ihm in den Weg. Er machte unverkennbar
eine ungeheure Willensanstrengung; die Worte sprangen stoßweise über seine
Lippen. »Ich habe eine Antwort zu geben -- wird es mir gestattet, eine
Strecke zu begleiten --?«
Elmenreich blieb stehen und trat einen Schritt zurück.
Sehr höflich:
»Eine Antwort? Ich bin mir nicht bewußt, eine Frage gestellt zu haben.«
»Ich möchte -- ich möchte dennoch -- ich habe nur einige Worte --«
»Dann bitte -- vielleicht wollen Sie wieder Platz nehmen?«
»Ich möchte -- mit Ihnen -- ist es mir nicht gestattet, unter vier Augen zu
sprechen?«