7. September 1893.

... In der letzten Zeit hatte es den Anschein, als sollte Elmenreichs

Herz über den gelben Zwerg -- wie Dr. Kranich seinen Verstand nennt --

triumphieren. Seit Eugenie ihre Gunst dem Grafen zugewendet hat, oder

genauer gesagt, sich um die Gunst des Grafen bewirbt, hat er seine

ablehnende Haltung aufgegeben. Während er sich früher sorgfältig von

Eugenie fern gehalten und alle Gelegenheiten, mit ihr allein beisammen zu

sein, vermieden hatte, heftete er sich jetzt an ihre Fersen, verfolgte sie

auf Schritt und Tritt. Sogar in eine Tarockpartie mit dem Oberst hat er

sich eingelassen -- was beinahe mit einem Duell geendet hätte, da er

so zerstreut spielte, und der Oberst in seinen Ausdrücken nicht sehr

wählerisch ist, wenn es gilt, Vergehen wider den heiligen Geist des

Kartenspiels zu rügen.

Elmenreichs Benehmen war freilich nicht das eines zärtlichen Verliebten;

aber wenn man mit seiner Art und Weise vertraut ist, konnte man wohl aus

seinen bitteren und stacheligen Reden die Erregung heraushören, die in

ihm arbeitete. Ich weiß nicht, ob Eugenie verstand, daß er seinen Gefühlen

dieses rauhe Gewand anziehen muß, um sich mit ihnen abzufinden; so oft ich

sie und ihn beisammen sah, verfiel sie noch immer in jene Ratlosigkeit

ihm gegenüber, die von den ersten Zeiten an die Schwäche ihrer Stellung

bildete. Jetzt aber verbarg sie ihre Ratlosigkeit unter einer hochmütigen

Gleichgiltigkeit -- und, gespielt oder echt, diese Gleichgiltigkeit gab

ihr eine viel größere Macht über ihn als ihre früheren Bemühungen, ihm zu

gefallen. Damit hielt sie ihn beständig in Atem, damit lenkte sie diesen

widerhaarigen Liebenden nach ihrem Willen, zwang ihn, sich zähneknirschend

zu unterwerfen. Er hat wahrhaftig kein glückliches erotisches Temperament:

Die Liebe ist bei ihm kein Aufblühen seines ganzen Wesens, keine freudige

Verschmelzung der eigenen Person mit einem anderen Ich: sie ist ein wilder

Kampf gegen das Eindringen einer fremden Gewalt, eine Empörung, eine

Rebellion. Der gelbe Zwerg geberdet sich wie ein Rasender, verfällt

in Krämpfe, schlägt alles nieder, was in seinen Bereich kommt. Dennoch

unterlag er Schritt für Schritt. Elmenreichs Laune wurde im selben

Verhältnis schlechter und schlechter -- aber sie berechtigte zu der

Erwartung, daß in dem Augenblick, als die Entscheidung gefallen war, ein

jäher Umschlag eintreten müsse.

Nun, der Umschlag ist eingetreten, -- fast gleichzeitig mit dem schönen

Wetter -- aber die Entscheidung ist ausgeblieben. Irgend etwas hat sich

zwischen Elmenreich und Eugenie ereignet -- niemand kann erraten, was.

Mit einem Male hat er seine Ruhe und Sicherheit zurückgewonnen, geht mit

spöttischer Höflichkeit an derjenigen vorüber, die noch kurz vorher nur

in seiner Sehweite aufzutreten brauchte, um ihn in einen Zustand nervöser

Unruhe zu versetzen. Der Fieberanfall ist wieder überstanden -- auf einen

äußeren Anlaß hin, oder durch eine innerliche Wandlung, wer weiß es? Treibt

er bloß ein grausames Spiel mit ihr? Unterhielt er sich damit, bei ihr

Hoffnungen zu erwecken, um in dem Augenblick, als sie darauf eingehen will,

ihr hohnlachend den Rücken zu kehren? Ich bemühe mich vergeblich, einen

Schlüssel zu finden; wieviel er auch redet, über seine wahren Empfindungen

läßt er sich doch keine Andeutung entschlüpfen. Er geht mit einer

selbstzufriedenen Miene herum, die er sonst nicht hat, mit der Miene

eines Siegers, oder mindestens eines Menschen, der einer Gefahr glücklich

entronnen ist. Diese Miene scheint zu sagen: mich kann man nicht täuschen;

ich behalte immer Recht.

Aber du wirst sagen, daß solche Interpretationen fremder Mienen etwas ganz

Willkürliches sind. Ach, Liebster, unser ganzes Wissen von dem, was in den

Seelen unserer Nebenmenschen vorgeht, ist ja nichts als eine willkürliche

Interpretation! ...

* * *

Entwölkung. Eine unwiderstehliche Gewalt liegt in diesem Wetterschauspiel;

die Seele verwandelt sich mit dem Himmel. Alles Schwere, Trübe scheint zu

versinken, sich zu verflüchtigen, sich in eine himmlische Bläue aufzulösen.

Nun ruht das Firmament wie ein seidenes Zelt auf den beschneiten Gipfeln.

Und in der tiefen Windstille dieses Thalkessels, unhörbar und unsichtbar,

hebt die Luft ein wundersames Spiel an. Sie fließt von der blauen Kühle der

Felsenwände herab und bringt den Hauch des Schnees mit sich; sie legt sich

auf die sonnigen Matten hin, wo sie an den späten Blüten würziger Kräuter

nippt, und schwebt erwärmt empor, um sich mit dem feuchten Atem der Wälder

vollzusaugen, streicht über die taufunkelnden Wipfel, in deren Schatten

sie sich erfrischt, bis sie wieder herabsinkt und auf dem Spiegel des Sees

hingleitet, trunken von Düften, von allen zarten Gaben des Waldes, der

Wiese, des Wassers. In diesem Spiel wird sie zu einem reineren, leichteren,

freudigeren Element; man atmet sie, man überläßt sich ihr, geneigt, an

alles zu glauben, wovon die hohen und einsamen Geister geträumt haben,

wenn ihre Stimmung lauter, frei und spielerisch war wie die Luft des

Hochgebirges.

*

Wir fahren im Boot; Pipin rudert, Elmenreich sitzt ihm gegenüber und

steuert. Als Pipin bemerkt, daß Elmenreich ungewöhnlich guter Laune ist,

fängt er gleich an: »Aber nicht wahr, Herr Doktor, zeigen wenigstens darf

ich Ihnen die Vorarbeiten zu unserer Zeitung? Wenigstens ansehen werden Sie

sich ein paar Blätter?«

Elmenreich, zwischen Aerger und Gelächter: »Gott steh mir bei, was für eine

Wanze hab' ich mir in diesem Pipin zugezogen! Wenn ich gewußt hätte, daß

der Besuch da oben mir so teuer zu stehen kommen sollte --«

Pipin hört auf zu rudern, legt seine Hand auf Elmenreichs Knie und sagt

überredend: »Eines dürfen Sie aber nicht leugnen, Herr Doktor: der Meister

hat Dinge gesagt, die -- die Ihnen aus der Seele gesprochen waren, Dinge,

die einen Eindruck auf Sie gemacht hätten, wenn Sie sich nicht absichtlich

widersetzt hätten!«

Elmenreich wird sehr aufmerksam. Er richtet einen scharfen Blick auf Pipin.

»Dinge, die mir aus der Seele gesprochen waren? Ich verstehe nicht ganz,

Pipin -- was für Dinge denn?«

Pipin, arglos: »O verstellen Sie sich nicht, Herr Doktor! Ich habe es ganz

gut bemerkt, daß Sie wenigstens über den ersten Teil seiner Rede etwas --

etwas betroffen waren. Wie hätte das auch keinen Eindruck machen sollen, da

es doch nur Ihretwegen gesprochen wurde, sozusagen auf Sie gemünzt war --«

Elmenreich: »Also das war's! Eindruck sollte auf mich gemacht werden! Man

weiß die Stelle, wo ich verwundbar bin, und da läßt man auf diese Stelle

zielen. Lieber Pipin, sagen Sie dem Grafen, daß er sich verrechnet hat. Er

mag mich für einen Ertrinkenden halten, meinetwegen -- aber daß er glaubt,

er könne mich mit seinen ausgedroschenen Strohhalmen zu sich an's Land

ziehen, das ist einfach komisch. Das Land, auf dem er sitzt, ist keine

Gegend für mich, sagen Sie ihm das; lieber kämpfe ich mein ganzes Leben

lang mit Wellen und Winden, bevor ich dort vor Anker gehe. Wenn man

ausgefahren ist, um einen neuen Weltteil zu entdecken, darf man nicht

vor dem hohen Meer bange werden ... O diese Weltumsegler! Es geht ihnen

umgekehrt wie dem Kolumbus: sie verkünden mit Triumph, daß sie eine neue

Welt entdeckt haben, und bemerken gar nicht, daß sie in den wohlbekannten

alten Hafen eingelaufen sind, wo schon seit längeren Jahrtausenden alle

abgetakelten und seeuntüchtigen Herrschaften zu landen pflegen.«

Er war sehr vergnügt geworden. Etwas wie Stolz funkelte in seinen

Augen; unter seinem mächtigen Bart kräuselten sich seine Lippen in einem

mutwilligen Lächeln.

Als er Pipins niedergeschlagene Miene bemerkte, klopfte er ihm auf die

Schulter:

»Na Pipin, Kopf hoch! Sie sind als Lotse ausgeschickt worden, um ein

vermeintliches Wrack einzuholen, und Sie finden ein gutes Fahrzeug, das

seinen Kurs fortsetzt -- da haben Sie keine Ursache, Trübsal zu blasen,

alter Schwede!«

Ein gutes Fahrzeug, das seinen Kurs fortsetzt! War das wirklich derselbe

Elmenreich, der bisher das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit

betrachtete?

Ich konnte mich nicht enthalten, eine Anspielung darauf zu machen: »Aber

damals, als wir zum Fest des ersten Versuches unterwegs waren, haben Sie

ganz anders geredet, Elmenreich!«

Er sah mich groß an, und verstand zuerst gar nicht, was ich meinte. Pah,

eine momentane Verstimmung! Sollte man etwa für jedes Wort einstehen, das

man in einem Moment des Verdrusses von sich giebt? Als ob man immer das

ganze Programm seiner Existenz auf den Lippen hätte!

Ja aber -- wonach könne man einen Menschen sonst beurteilen, wenn nicht

nach seinen Aeußerungen?

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 30 / 50 题