... In der letzten Zeit hatte es den Anschein, als sollte Elmenreichs
Herz über den gelben Zwerg -- wie Dr. Kranich seinen Verstand nennt --
triumphieren. Seit Eugenie ihre Gunst dem Grafen zugewendet hat, oder
genauer gesagt, sich um die Gunst des Grafen bewirbt, hat er seine
ablehnende Haltung aufgegeben. Während er sich früher sorgfältig von
Eugenie fern gehalten und alle Gelegenheiten, mit ihr allein beisammen zu
sein, vermieden hatte, heftete er sich jetzt an ihre Fersen, verfolgte sie
auf Schritt und Tritt. Sogar in eine Tarockpartie mit dem Oberst hat er
sich eingelassen -- was beinahe mit einem Duell geendet hätte, da er
so zerstreut spielte, und der Oberst in seinen Ausdrücken nicht sehr
wählerisch ist, wenn es gilt, Vergehen wider den heiligen Geist des
Kartenspiels zu rügen.
Elmenreichs Benehmen war freilich nicht das eines zärtlichen Verliebten;
aber wenn man mit seiner Art und Weise vertraut ist, konnte man wohl aus
seinen bitteren und stacheligen Reden die Erregung heraushören, die in
ihm arbeitete. Ich weiß nicht, ob Eugenie verstand, daß er seinen Gefühlen
dieses rauhe Gewand anziehen muß, um sich mit ihnen abzufinden; so oft ich
sie und ihn beisammen sah, verfiel sie noch immer in jene Ratlosigkeit
ihm gegenüber, die von den ersten Zeiten an die Schwäche ihrer Stellung
bildete. Jetzt aber verbarg sie ihre Ratlosigkeit unter einer hochmütigen
Gleichgiltigkeit -- und, gespielt oder echt, diese Gleichgiltigkeit gab
ihr eine viel größere Macht über ihn als ihre früheren Bemühungen, ihm zu
gefallen. Damit hielt sie ihn beständig in Atem, damit lenkte sie diesen
widerhaarigen Liebenden nach ihrem Willen, zwang ihn, sich zähneknirschend
zu unterwerfen. Er hat wahrhaftig kein glückliches erotisches Temperament:
Die Liebe ist bei ihm kein Aufblühen seines ganzen Wesens, keine freudige
Verschmelzung der eigenen Person mit einem anderen Ich: sie ist ein wilder
Kampf gegen das Eindringen einer fremden Gewalt, eine Empörung, eine
Rebellion. Der gelbe Zwerg geberdet sich wie ein Rasender, verfällt
in Krämpfe, schlägt alles nieder, was in seinen Bereich kommt. Dennoch
unterlag er Schritt für Schritt. Elmenreichs Laune wurde im selben
Verhältnis schlechter und schlechter -- aber sie berechtigte zu der
Erwartung, daß in dem Augenblick, als die Entscheidung gefallen war, ein
jäher Umschlag eintreten müsse.
Nun, der Umschlag ist eingetreten, -- fast gleichzeitig mit dem schönen
Wetter -- aber die Entscheidung ist ausgeblieben. Irgend etwas hat sich
zwischen Elmenreich und Eugenie ereignet -- niemand kann erraten, was.
Mit einem Male hat er seine Ruhe und Sicherheit zurückgewonnen, geht mit
spöttischer Höflichkeit an derjenigen vorüber, die noch kurz vorher nur
in seiner Sehweite aufzutreten brauchte, um ihn in einen Zustand nervöser
Unruhe zu versetzen. Der Fieberanfall ist wieder überstanden -- auf einen
äußeren Anlaß hin, oder durch eine innerliche Wandlung, wer weiß es? Treibt
er bloß ein grausames Spiel mit ihr? Unterhielt er sich damit, bei ihr
Hoffnungen zu erwecken, um in dem Augenblick, als sie darauf eingehen will,
ihr hohnlachend den Rücken zu kehren? Ich bemühe mich vergeblich, einen
Schlüssel zu finden; wieviel er auch redet, über seine wahren Empfindungen
läßt er sich doch keine Andeutung entschlüpfen. Er geht mit einer
selbstzufriedenen Miene herum, die er sonst nicht hat, mit der Miene
eines Siegers, oder mindestens eines Menschen, der einer Gefahr glücklich
entronnen ist. Diese Miene scheint zu sagen: mich kann man nicht täuschen;
ich behalte immer Recht.
Aber du wirst sagen, daß solche Interpretationen fremder Mienen etwas ganz
Willkürliches sind. Ach, Liebster, unser ganzes Wissen von dem, was in den
Seelen unserer Nebenmenschen vorgeht, ist ja nichts als eine willkürliche
Interpretation! ...
* * *
Entwölkung. Eine unwiderstehliche Gewalt liegt in diesem Wetterschauspiel;
die Seele verwandelt sich mit dem Himmel. Alles Schwere, Trübe scheint zu
versinken, sich zu verflüchtigen, sich in eine himmlische Bläue aufzulösen.
Nun ruht das Firmament wie ein seidenes Zelt auf den beschneiten Gipfeln.
Und in der tiefen Windstille dieses Thalkessels, unhörbar und unsichtbar,
hebt die Luft ein wundersames Spiel an. Sie fließt von der blauen Kühle der
Felsenwände herab und bringt den Hauch des Schnees mit sich; sie legt sich
auf die sonnigen Matten hin, wo sie an den späten Blüten würziger Kräuter
nippt, und schwebt erwärmt empor, um sich mit dem feuchten Atem der Wälder
vollzusaugen, streicht über die taufunkelnden Wipfel, in deren Schatten
sie sich erfrischt, bis sie wieder herabsinkt und auf dem Spiegel des Sees
hingleitet, trunken von Düften, von allen zarten Gaben des Waldes, der
Wiese, des Wassers. In diesem Spiel wird sie zu einem reineren, leichteren,
freudigeren Element; man atmet sie, man überläßt sich ihr, geneigt, an
alles zu glauben, wovon die hohen und einsamen Geister geträumt haben,
wenn ihre Stimmung lauter, frei und spielerisch war wie die Luft des
Hochgebirges.
*
Wir fahren im Boot; Pipin rudert, Elmenreich sitzt ihm gegenüber und
steuert. Als Pipin bemerkt, daß Elmenreich ungewöhnlich guter Laune ist,
fängt er gleich an: »Aber nicht wahr, Herr Doktor, zeigen wenigstens darf
ich Ihnen die Vorarbeiten zu unserer Zeitung? Wenigstens ansehen werden Sie
sich ein paar Blätter?«
Elmenreich, zwischen Aerger und Gelächter: »Gott steh mir bei, was für eine
Wanze hab' ich mir in diesem Pipin zugezogen! Wenn ich gewußt hätte, daß
der Besuch da oben mir so teuer zu stehen kommen sollte --«
Pipin hört auf zu rudern, legt seine Hand auf Elmenreichs Knie und sagt
überredend: »Eines dürfen Sie aber nicht leugnen, Herr Doktor: der Meister
hat Dinge gesagt, die -- die Ihnen aus der Seele gesprochen waren, Dinge,
die einen Eindruck auf Sie gemacht hätten, wenn Sie sich nicht absichtlich
widersetzt hätten!«
Elmenreich wird sehr aufmerksam. Er richtet einen scharfen Blick auf Pipin.
»Dinge, die mir aus der Seele gesprochen waren? Ich verstehe nicht ganz,
Pipin -- was für Dinge denn?«
Pipin, arglos: »O verstellen Sie sich nicht, Herr Doktor! Ich habe es ganz
gut bemerkt, daß Sie wenigstens über den ersten Teil seiner Rede etwas --
etwas betroffen waren. Wie hätte das auch keinen Eindruck machen sollen, da
es doch nur Ihretwegen gesprochen wurde, sozusagen auf Sie gemünzt war --«
Elmenreich: »Also das war's! Eindruck sollte auf mich gemacht werden! Man
weiß die Stelle, wo ich verwundbar bin, und da läßt man auf diese Stelle
zielen. Lieber Pipin, sagen Sie dem Grafen, daß er sich verrechnet hat. Er
mag mich für einen Ertrinkenden halten, meinetwegen -- aber daß er glaubt,
er könne mich mit seinen ausgedroschenen Strohhalmen zu sich an's Land
ziehen, das ist einfach komisch. Das Land, auf dem er sitzt, ist keine
Gegend für mich, sagen Sie ihm das; lieber kämpfe ich mein ganzes Leben
lang mit Wellen und Winden, bevor ich dort vor Anker gehe. Wenn man
ausgefahren ist, um einen neuen Weltteil zu entdecken, darf man nicht
vor dem hohen Meer bange werden ... O diese Weltumsegler! Es geht ihnen
umgekehrt wie dem Kolumbus: sie verkünden mit Triumph, daß sie eine neue
Welt entdeckt haben, und bemerken gar nicht, daß sie in den wohlbekannten
alten Hafen eingelaufen sind, wo schon seit längeren Jahrtausenden alle
abgetakelten und seeuntüchtigen Herrschaften zu landen pflegen.«
Er war sehr vergnügt geworden. Etwas wie Stolz funkelte in seinen
Augen; unter seinem mächtigen Bart kräuselten sich seine Lippen in einem
mutwilligen Lächeln.
Als er Pipins niedergeschlagene Miene bemerkte, klopfte er ihm auf die
Schulter:
»Na Pipin, Kopf hoch! Sie sind als Lotse ausgeschickt worden, um ein
vermeintliches Wrack einzuholen, und Sie finden ein gutes Fahrzeug, das
seinen Kurs fortsetzt -- da haben Sie keine Ursache, Trübsal zu blasen,
alter Schwede!«
Ein gutes Fahrzeug, das seinen Kurs fortsetzt! War das wirklich derselbe
Elmenreich, der bisher das Leben unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit
betrachtete?
Ich konnte mich nicht enthalten, eine Anspielung darauf zu machen: »Aber
damals, als wir zum Fest des ersten Versuches unterwegs waren, haben Sie
ganz anders geredet, Elmenreich!«
Er sah mich groß an, und verstand zuerst gar nicht, was ich meinte. Pah,
eine momentane Verstimmung! Sollte man etwa für jedes Wort einstehen, das
man in einem Moment des Verdrusses von sich giebt? Als ob man immer das
ganze Programm seiner Existenz auf den Lippen hätte!
Ja aber -- wonach könne man einen Menschen sonst beurteilen, wenn nicht
nach seinen Aeußerungen?