5. September 1893.

... Es ist, als ob er die Menschen von innen heraus erleuchtet sähe, in

strahlenden, feurigen Farben, wie seltene Blumen, deren Anblick das

Herz höher schlagen macht. Und das versetzt ihn zuweilen in Anfälle der

Entzückung, daß er mit nassen Augen herum geht und sich selig preist, daß

er auf der Welt ist. In solchen Augenblicken scheint sich die verborgene

Schönheit und unzugängliche Tiefe jeder Eigenart vor ihm aufzuthun und ihn

zum Eingeweihten ihrer letzten Geheimnisse zu erheben. Dann begreift er

alles mit liebreichem Verständnis, auch das ihm Entgegengesetzte, auch

das ihm Feindliche -- er betrachtet es durch ein anderes Medium als durch

seinen bescheidenen Verstand, mit einer Helligkeit und Ueberlegenheit der

Seele, die aus irgend einer unbekannten, besonderen Fähigkeit entspringt.

Wenn seine Psyche in ihren alltäglichen Zustand zurückfällt, wird

allerdings wieder die Unzulänglichkeit seiner intellektuellen Mittel das

Vorherrschende.

»Pipins =maîtresse facultée= ist die Dummheit«, sagte neulich Dr. Kranich;

»ehren wir sie und lassen wir sie walten, wie es ihr gebührt.« Dr. Kranich

hat etwas mit Pipin gemein: er betrachtet wie dieser alles, was geschieht,

als gut -- allerdings aus einer weniger liebevollen Grundstimmung der

Seele. Als das regierende Weltprinzip erkennt er das Gesetz an, daß

der Schwächere durch den Stärkeren aufgefressen wird: und weil es das

Weltprinzip ist, bedeutet es für ihn das Recht nach göttlicher Ordnung.

Daher spricht er diesen Grundsatz überall mit Offenheit, ja mit einer Art

Unschuld aus.

Als ich ihn fragte, ob er nicht auch glaube, daß die Gemeinschaft, die

der Graf mit Pipin angeknüpft hat, nur auf eigennützige Absichten

zurückzuführen sei, und daß Pipin in dieser Zeitungsgeschichte um sein Geld

gebracht werden wird, versetzte er beinahe entrüstet:

»Da fragen Sie noch, gnädige Frau? Das ist doch selbstverständlich --!«

Und auf meinen Einwand, daß man doch versuchen müßte, diesen armen Pipin

davor zu bewahren:

»Für einen Menschen wie Pipin ist es =by all means= eine Ehre, mit zwei

relativ interessanten Persönlichkeiten, wie der Graf und Herr Wendl,

zusammen zu sein. Und wenn er für diesen Umgang tüchtig zahlen muß, so ist

das nur in Ordnung ...«

* * *

(Aus einem Briefe.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 29 / 50 题