... Es ist, als ob er die Menschen von innen heraus erleuchtet sähe, in
strahlenden, feurigen Farben, wie seltene Blumen, deren Anblick das
Herz höher schlagen macht. Und das versetzt ihn zuweilen in Anfälle der
Entzückung, daß er mit nassen Augen herum geht und sich selig preist, daß
er auf der Welt ist. In solchen Augenblicken scheint sich die verborgene
Schönheit und unzugängliche Tiefe jeder Eigenart vor ihm aufzuthun und ihn
zum Eingeweihten ihrer letzten Geheimnisse zu erheben. Dann begreift er
alles mit liebreichem Verständnis, auch das ihm Entgegengesetzte, auch
das ihm Feindliche -- er betrachtet es durch ein anderes Medium als durch
seinen bescheidenen Verstand, mit einer Helligkeit und Ueberlegenheit der
Seele, die aus irgend einer unbekannten, besonderen Fähigkeit entspringt.
Wenn seine Psyche in ihren alltäglichen Zustand zurückfällt, wird
allerdings wieder die Unzulänglichkeit seiner intellektuellen Mittel das
Vorherrschende.
»Pipins =maîtresse facultée= ist die Dummheit«, sagte neulich Dr. Kranich;
»ehren wir sie und lassen wir sie walten, wie es ihr gebührt.« Dr. Kranich
hat etwas mit Pipin gemein: er betrachtet wie dieser alles, was geschieht,
als gut -- allerdings aus einer weniger liebevollen Grundstimmung der
Seele. Als das regierende Weltprinzip erkennt er das Gesetz an, daß
der Schwächere durch den Stärkeren aufgefressen wird: und weil es das
Weltprinzip ist, bedeutet es für ihn das Recht nach göttlicher Ordnung.
Daher spricht er diesen Grundsatz überall mit Offenheit, ja mit einer Art
Unschuld aus.
Als ich ihn fragte, ob er nicht auch glaube, daß die Gemeinschaft, die
der Graf mit Pipin angeknüpft hat, nur auf eigennützige Absichten
zurückzuführen sei, und daß Pipin in dieser Zeitungsgeschichte um sein Geld
gebracht werden wird, versetzte er beinahe entrüstet:
»Da fragen Sie noch, gnädige Frau? Das ist doch selbstverständlich --!«
Und auf meinen Einwand, daß man doch versuchen müßte, diesen armen Pipin
davor zu bewahren:
»Für einen Menschen wie Pipin ist es =by all means= eine Ehre, mit zwei
relativ interessanten Persönlichkeiten, wie der Graf und Herr Wendl,
zusammen zu sein. Und wenn er für diesen Umgang tüchtig zahlen muß, so ist
das nur in Ordnung ...«
* * *
(Aus einem Briefe.)