... Der Herbst verkündigt sich. Und er verkündigt sich hier wie der
Frühling und der Sommer -- durch Regen. Aber dieser Regen ist noch
ausgiebiger, noch eindringlicher, noch hartnäckiger. Er fällt mit der
eiligen Wucht eines Platzregens vom Himmel, zwei Tage, drei Tage, vier
Tage, unausgesetzt, eintönig, hoffnungslos. Und kein Windstoß kommt
zwischen den hohen Bergwänden herein; unbeweglich liegen die Wolken auf den
Abhängen, und alles Wasser, das sie heruntergießen, steigt unverweilt aus
den Wäldern wieder zu ihnen hinauf.
Der Wirt und die Kellner gehen mit Armensündermienen herum und
entschuldigen sich von früh bis abends für dieses unverantwortliche Wetter.
Stündlich sehen sie nach, ob es denn noch nicht schneien will. Denn
»wenn's schneit, wird's schön«, und dann beginnt die große Herrlichkeit
des Herbstes, das beständige Wetter, auf das sie die Gäste unermüdlich von
Woche zu Woche vertröstet haben.
Aber jetzt ist der Zorn über den »ewigen Regen« nicht mehr zu
beschwichtigen. Die Langeweile wächst und mit der langen Weile der
Ueberdruß an den Genüssen des Landlebens. Alle Promenaden, alle
Aussichtspunkte, alle Jausenstationen hat man unzählige Male abgegrast; was
steht da noch Großes zu erwarten, wenn auch nächste Woche wieder schönes
Wetter wäre? Und die Vorstellung der Stadt mit ihren Kaffeehäusern und
Theatern, mit ihrem vielsagenden Lärm und ihrem geschäftigen Hinundher, das
den Eindruck einer so wunderbaren Wichtigkeit in der Seele der Müßiggänger
erzeugt, wird täglich unwiderstehlicher. Flucht, Flucht von allen Seiten.
Der Speisesaal ist schon halb leer, und so still geht es zu, daß Elmenreich
mit seiner lauten Stimme für sämtliche Anwesende spricht, sobald er eine
Bemerkung macht. Er ist der Chorführer der Mißvergnügten; von Tisch zu
Tisch steigert sich beim Eintreten sein Grimm über die unerhörten Unbilden
der Witterung. »Morgen früh reise ich ab«, das ist sein stehendes Wort. Da
er alle Anwesenden kennt und mit jedem dritten Menschen einen Händedruck
wechselt, dauert es stets ziemlich lange, bis er in den Hafen unseres
eigenen Tisches einläuft ...
* * *
Im Speisesaal. Dr. Kranich zu Elmenreich, der eben seine Bekannten
absolviert hat:
»Eine scheußliche Unsitte, dieser europäische =shakehands=-Verkehr! Man
sieht, daß Sie noch robuste Nerven haben, Elmenreich, die gesegneten
Nerven der früheren Generation! Alle diese heißen oder kalten, fetten oder
knochigen, schwitzenden oder klebrigen Hände der Reihe nach in die meine zu
bekommen -- =fi donc=! In diesem Punkt halte ich es mit den Chinesen,
die das Christentum ablehnen, weil die Missionäre ihnen gleichzeitig das
Handgeben angewöhnen wollen.«
Statt zu antworten, starrte Elmenreich mit angespannter Aufmerksamkeit
auf die Eingangsthür. Man sah durch die Scheiben eine Ansammlung
von Regenschirmen und Regenmänteln, die sich eine Zeitlang draußen
herumbewegten, ehe die Glasthür sich öffnete.
Dann trat Pipin mit Eugenie ein, hinterdrein die Stiefmutter an der Seite
des Grafen. Sie ließen sich an einem Tische in einiger Entfernung von
uns nieder. Der Graf schien sich verabschieden zu wollen, obwohl die
Stiefmutter ihn mit ihrem zuthunlichsten Lachen zum Bleiben nötigte, und
schon einen Stuhl zurechtrückte. Allein erst, nachdem Pipin sich ins Mittel
gelegt hatte, setzte sich der Graf, zögernd und widerwillig, nieder. Mutter
und Tochter bemühten sich fortwährend angelegentlich um ihn; Eugenie wurde
beinahe lebhaft und ihre Augen leuchteten in erhöhtem Glanz, so oft sie
sich auf das Gesicht des Grafen richteten.
Elmenreich hatte aufgehört zu essen. Sprachlos verfolgte er die Dinge,
die da drüben geschahen, als seien es die seltsamsten und unerhörtesten
Vorgänge.
Er murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Und dann zu mir gewendet,
blaß vor Erregung:
»Sehen Sie, das ist es, was ich an den Weibern verächtlich finde: diesen
Mangel an Ehrgefühl, diese Unfähigkeit zu unterscheiden! Unglaublich! Sich
so gewohnheitsmäßig anzubieten, ohne jede Empfindung dafür, was für ein
Exemplar man vor sich hat! Es ist eine Schmach!«
Das sagte er halblaut in seinen Bart, unverwandt hinüberstarrend. Endlich
stieß er seinen Sessel zurück, legte die Serviette mit einem Faustschlag
auf den Tisch und ging hinüber.
Dort begrüßte er kurzangebunden die Damen, übersah den Grafen und setzte
sich demonstrativ zwischen diesen und Eugenie. Das Gesicht des Grafen
hellte sich auf, dasjenige Eugeniens verfinsterte sich.
Ich bemerkte zu Dr. Kranich, Elmenreich mache es wie die Hunde, die einen
Bissen stehen lassen; aber wenn ein zweiter kommt, der danach schnappt, so
wollen sie ihn doch selber haben.
»Stimmt nicht ganz«, antwortete Dr. Kranich lächelnd. »Denn hier ist kein
zweiter Hund, der nach dem Bissen schnappt. Zum mindesten nicht der Graf.«
»Dann aber verstehe ich wirklich diese Eifersucht nicht.«
»Es ist auch nicht Eifersucht. Einer so simplen und primitiven Empfindung
ist Elmenreich gar nicht fähig.«
»Wenn nicht Eifersucht, was ist es sonst?« Dr. Kranich zuckt die Achseln.
»Giebt es nicht viele Empfindungen, für die wir noch keine Etikette
besitzen? Der Fall Elmenreich scheint so zu liegen: Elmenreich hält diese
junge Dame nicht für geeignet, die Würde seiner Frau zu bekleiden. Er
achtet sie nicht. =Néanmoins= ist er verliebt in sie -- und darum wird er
immer wild, wenn sie etwas thut, was ihm besonders unwürdig erscheint. Denn
seine Liebe möchte gar zu gern über seinen Verstand Herr werden, wie das
so üblich ist bei der Liebe. Elmenreichs Verstand ist aber nicht
unterzukriegen; er sitzt ihm auf dem Genick wie der gelbe Zwerg im Märchen,
und Elmenreich muß dorthin laufen, wohin der befiehlt. Und weil der gelbe
Zwerg um eine Nasenlänge über den Menschen Elmenreich hinausragt, so hält
ihn dieser für ein höheres Wesen, und reicht ihm unterthänigst sein Herz
zum Fraße hin. Manchmal aber will sich das Herz nicht gutwillig fressen
lassen -- und dann wird Elmenreichs Betragen eben »unverständlich«.
* * *
In einer Regenpause ging ich heute mit ihm den Fußweg um den See. Der Weg
ist beinahe einsam geworden, so viele Sommergäste hat das schlechte Wetter
schon vertrieben. Alle Uebriggebliebenen benützen den ersten trockenen
Augenblick, um wieder ihren Spaziergang anzutreten; Elmenreich findet noch
genug Hände zu schütteln.
Auch Eugenie mit ihrer Stiefmutter kommt uns entgegen.
Es war an einer Stelle unweit des Ortes, wo der Weg eine ziemlich lange
Strecke geradlinig fortläuft; man kann dort einen Kommenden schon von
weitem erblicken. Auf einmal machten die beiden Damen kehrt und gingen
ihren Weg wieder zurück. Nach einigen hundert Schritten bogen sie in einen
Seitenweg ein, der dort mündet. Es war die ganz unzweideutige Ablehnung
einer Begegnung.
Elmenreich hatte im ersten Moment seine Schritte beschleunigt; dann
blieb er stehen und sah starr den Verschwindenden nach. Mit einem finster
schmerzlichen Ausdruck schüttelte er ein paarmal den Kopf wie über etwas
Unbegreifliches, für das es nach dem normalen Verlauf der Dinge keine
Erklärung giebt. Es schien mir, als ginge ihm dieser kleine Zwischenfall
sehr nahe, mehr noch, daß er ihm unverhältnismäßig wehe that.
Da es ganz vergeblich ist, zu seiner Seele im Augenblick der Empfindung
einen Zugang zu suchen, begnügte ich mich, gleichfalls nur den Kopf zu
schütteln. Aber selbst dieses Kopfschütteln war schon ein zu eigenmächtiger
Eingriff in sein Erleben. Kaum bemerkte er es, da wurde seine Miene gleich
beherrscht und kalt. Er lachte höhnisch auf.
»Sie sehen, gnädige Frau, ich bin in Ungnade gefallen! Das Fazit ist, daß
man mich ausstreicht und sein Glück anderwärts versucht. Ist es der
eine nicht, so ist es der andere. Fräulein Eugenie scheint übrigens eine
Vorliebe für uneinnehmbare Festungen zu haben: je unzugänglicher man ist,
desto erpichter wird sie. Sie gehört offenbar zu jenen Weibern, denen
gegenüber man sich nach bekanntem Rezept mit einer Peitsche bewaffnen muß.
Mna! Jetzt ist sie aber an die unrechte Adresse gekommen; da könnte sie
höchstens reüssieren, wenn sie selbst die Peitsche in die Hand nähme. Pfui
Teufel! So gar keinen Instinkt zu haben!«
In dieser lieblosen und geringschätzigen Weise redete er einige Minuten
lang hastig, mit gezwungenem Lachen dazwischen. Dann verstummte er
wieder, verlor sich in Gedanken, vergaß seine Miene, die in ihren früheren
schmerzlichen Ausdruck zurückfiel. Endlich auffahrend:
»Verzeihen Sie, gnädige Frau: aber dieser langsame Schritt ist mir heute
unerträglich. Manchmal hat man das Bedürfnis, sich ordentlich auszulaufen.
Ich verabschiede mich -- Sie verzeihen!«
Er ging in heftigem Tempo vorwärts, bis er die Abzweigung des Weges
erreichte, welche die Entflohenen benützt hatten. Auf dieser Abzweigung
verschwand auch Elmenreich wie mit Siebenmeilenstiefeln ...
* * *
Pipin unternimmt unermüdlich neue Angriffe auf die Festung Elmenreich.
Als er heute abermals mit dem Zeitungsprojekt herausrückte, faßte ihn
Elmenreich wieder einmal bei den Schultern und schüttelte ihn, als ob er
ihn mit Gewalt aus einem Traume aufwecken wollte.
»Mensch, Mensch, so nehmen Sie doch Vernunft an! Wozu habe ich Ihnen denn
kürzlich meine Meinung gesagt? Nützt denn gar nichts bei Ihnen?«
Pipin richtete sich mit Heiterkeit seinen Rock, den ihm Elmenreich halb
ausgezogen hatte. Nun ja, Elmenreich habe neulich einige Witze über den
Meister gemacht -- aber er könne doch nicht annehmen, daß er, Pipin,
auf ein paar gelungene Witze hin im Ernst von dem Meister und dem Grafen
abfallen werde?
Und dann begann er gleich wieder, mit inständiger Beharrlichkeit in
Elmenreich zu dringen, daß er »mitarbeiten« solle. Er war mehr denn je
durchdrungen davon, daß etwas geschehen müsse, daß die Zeit gekommen sei,
und wiederholte alles, was er mir darüber gesagt hatte, mit eindringlichem
Nachdruck zu Elmenreich, ohne sich durch dessen unaufhörliche
Unterbrechungen beirren zu lassen. Der geduldige Zuhörer Pipin hatte
endlich selbst einmal das Wort an sich gerissen und behauptete es
dem ungeberdigsten aller Zuhörer gegenüber durch die Gewalt seiner
Ueberzeugung.
»Geschehen, geschehen, was soll denn geschehen?« schrie Elmenreich endlich
erbittert. »Können Sie die Gesetze ändern, nach denen sich alles Geschehen
unabänderlich vollzieht? Sehen Sie denn nicht ein, daß alles Geschehen bloß
der Ausdruck für einen Zustand ist? Ja, die Welt ist schlecht und gemein --
diese alte Wahrheit braucht gar keiner Bestätigungen mehr. Aber zu ändern
giebt es da nichts. Ich werde Ihnen das an einem naheliegenden Exempel
beweisen: wenn ein Mensch, der voll Güte und gutem Glauben ist, ausgenützt
und mißbraucht wird, so ist das sehr häßlich und sehr traurig -- aber er
wird ausgenützt und mißbraucht, weil er wehrlos ist gerade durch seine
Güte und seinen Glauben, sintemal die Menschen Raubtiere sind, die über den
Wehrlosen herfallen und ihn auffressen. Dieses einfache Exempel schreiben
Sie sich hinter die Ohren, Pipin, und geben Sie sich nicht dazu her, den
verkappten Ehrgeiz anderer Personen mit Ihrem guten Geld und Ihrem guten
Glauben zu bezahlen.«
»Aber wenn mich Ihr einfaches Exempel gar nicht überzeugt? Ich meinesteils
kann nicht finden, daß die Menschen der Güte und Gläubigkeit ausgenützt
und mißbraucht werden; warum sollte ich da annehmen, daß die Menschen im
allgemeinen Raubtiere sind --?«
»So, Pipin? Sie sind also in Ihrem Leben noch nie ausgenützt, noch nie
mißbraucht worden?«
»Ach Gott, mich meinen Sie mit Ihrem Exempel, Herr Doktor? Nun ja, es ist
ein paarmal vorgekommen, daß mir hinterdrein Gedanken darüber aufgestiegen
sind, ob ich in einer Sache nicht der Gefoppte war. Aber wenn auch -- was
liegt denn da dran? Sie sagen ja selbst, daß das schon einmal so ist und
nicht zu ändern. Also giebt es in einem solchen Fall nichts, als sich mit
Heiterkeit in das Unvermeidliche ergeben und sich denken, daß es auf ein
paar Gauner und Gaunerstreiche mehr oder weniger nicht ankommt; deshalb
bleibt die Welt doch voll von lieben, wunderbaren, großartigen Menschen --«
»Mna --«
»Und weil Sie schon mich als Exempel genommen haben: auf mich paßt es
am allerwenigsten. Denn ich bin ja ein besonders bevorzugter Mensch, ein
wahres Glückskind, dem lauter unverdiente Herrlichkeiten in den Schoß
fallen. Muß denn mein Herz nicht übergehen vor Glück und Dankbarkeit, wenn
ich sehe, wie ich unablässig von allen Seiten königlich beschenkt werde?
Gleich zum Beispiel -- Sie, Herr Doktor! Sie meinen es so gut mit mir, daß
Sie sogar dem Grafen und dem Meister Unrecht thuen, weil Sie denken, die
beiden könnten am Ende mit mir nicht ganz aufrichtig umgehen --«
Er ergriff Elmenreichs Hand und sah ihn mit seinen lichtblauen Augen
beweglich an. Unversehens fiel er ihm um den Hals.
Elmenreich machte sich von ihm frei. »Was sind das für Kindereien!« sagte
er unwirsch. Und gleich beschleunigte er seine Schritte, und ging allein
voraus.
Betrübt sah ihm Pipin nach. Als er aber bemerkte, daß Elmenreich in einiger
Entfernung stehen blieb, um uns wieder herankommen zu lassen, sagte er ganz
beglückt:
»Er wird doch nachgeben, glauben Sie nicht, gnädige Frau? Er hat ja ein so
weiches Herz; deshalb ist er immer so grob.«
* * *
(Aus einem Briefe.)