Elmenreich: »Eine feine Ansicht von der Liebe!«

Dr. Kranich: »Ansicht? Lieber Elmenreich, Sie scheinen den naiven Glauben

der Mindergebildeten zu teilen, daß der höhere Mensch seine »Ansichten« wie

Kleider trägt, die man an- und ausziehen kann --«

Elmenreich: »Na, zum Mindesten bemerke ich, daß er sie nach der Mode an-

und auszieht.«

Dr. Kranich -- »alle echten Ansichten aber sind Spiegelungen einer Seele.

Schicksale, Elmenreich. Warum bemoralisieren Sie meine »Ansicht« von der

Liebe? Hand aufs Herz, Elmenreich: geht es Ihnen denn besser?«

Elmenreich stößt einen unartikulierten Laut aus, ungefähr wie jemand, der

eine Fliege von seiner Nase wegscheuchen will.

Dr. Kranich lächelt unmerklich, zieht seine Dose aus der Tasche und

dreht sich mit wunderbarer Geschwindigkeit eine Cigarette. Während er sie

anzündet: »Zu Ihrer Zeit, Elmenreich, hat sich der höhere Mensch eben nur

seine »schönen« Gefühle eingestanden; heute weiß er, daß er sich alles

eingestehen kann, was in ihm ist, weil es in ihm ist. =Basta cosi.=«

Elmenreich, sehr gereizt: »Nein, lieber Arthur, zu meiner Zeit hat sich

ein Mensch mit niedrigen Ansichten überhaupt nicht als »höherer« Mensch

aufspielen können. Zu meiner Zeit hat man auch sein Glück bei den Frauen

nicht mit solchen Ansichten gemacht. Ob man es heute macht, weiß ich

nicht.«

Dr. Kranich lächelt etwas mehr, schnippt mit dem Finger ein klein wenig

Asche von seiner Cigarette weg. Dann bläst er eine dicke Rauchwolke vor

sich her und sagt ernst:

»Ja, Elmenreich, man macht es. Und dann hat man erst recht keine Ursache,

zu achten. Aber wenn Sie wollen, kann ich mein Axiom auch affirmativ

formulieren: Der Mann achtet im Grunde nur diejenigen Frauen, die ihm

widerstehen. Die aber langweilen ihn.«

[Illustration]

Das Fest des ersten Versuches.

Unterwegs.

Wir sind in einer geschlossenen Kolonne ausgerückt: vorne Elmenreich und

Eugenie, dann Dr. Kranich und ich, hinter uns der Graf und Pipin, als

Nachhut der Brunnhofer Seppl mit Pipins Körben und Plaids.

Elmenreich scheint einen seiner bewölkten Tage zu haben. Er spricht mit

Eugenie von seinem Alter -- immer ein Anfang zu unerfreulichen Stimmungen.

Ich ergreife die Gelegenheit, um Dr. Kranich einen Wink zu geben.

»Machen Sie doch ihm gegenüber keine anzüglichen Bemerkungen mehr über sein

Alter, Dr. Kranich. Es kann Ihnen gewiß nicht entgangen sein, daß das ein

wunder Punkt bei ihm ist!«

»Deshalb mache ich ja diese Bemerkungen, meine Gnädigste. Hätten sie sonst

einen Zauber für mich?«

Und dann entwickelt er seine Anschauungen über den »Fall Elmenreich«.

»Ein verwundeter Ehrgeiz ist die Quelle seiner Bitterkeit. Aber nie würde

er es seinem Ehrgeiz abgewinnen, das einzugestehen. Daß er nicht etwas

Großes werden konnte, hat ihn gehindert, überhaupt etwas zu werden. Er

ist ein =chercheur=, der nichts gefunden hat. So geht er herum wie

alle =ratés=, räsonniert über die gähnende Leere des Daseins, über das

Illusionäre der menschlichen Bestrebungen, und rechtfertigt sich selbst,

indem er alles, Menschen, Dinge und Gedanken, »durchschaut« und ihre

Nichtigkeit nachweist --«

»Er gehört zu den Menschen, die an sich selber leiden --«

»Das heißt, er ist so eine Art geistiger Flagellant. Er geißelt sich und

verschafft sich dadurch die Wollust, sein ohnmächtiges Selbstbewußtsein

in Zuckungen zu versetzen. Und er ist grausam wie alle Ohnmächtigen; er

geißelt auch die anderen mit. Wenn er schon vor sich selber nichts gilt,

so sollen auch die anderen nichts gelten. Das ist charakteristisch für die

Menschen mit defektem Selbstbewußtsein: es fehlt ihnen das Organ, das die

Wertschätzung anderer erst möglich macht. -- Warum erweisen Sie mir die

Gnade, mich anzulächeln?«

»Nun, Doktor Kranich, ich denke: Sie gehören nicht unter die Menschen mit

defektem Selbstbewußtsein --«

»Beim Zeus, nein!«

»Aber das »Organ der Wertschätzung anderer« ist bei Ihnen doch verkümmert

geblieben.«

Jauchzendes Gelächter.

Eine wunderliche Begleitung, dieses überschäumende Lachen, zu dem

Gespräche, das Elmenreich indessen mit Eugenie -- oder vielmehr mit sich

allein -- führt!

»Wozu unsere Geschäftigkeit, wozu alle die Pläne, Absichten, Entwürfe,

Aufgaben, Ziele? Der ganze Lärm, den wir machen, dient er nicht bloß dazu,

die eine furchtbare Frage in unserem Innern zu übertäuben, die Frage nach

dem Warum des Lebens --? ...... Es könnte ja sein, daß wir alle zusammen

wahnsinnig sind. Daß die ganze Menschheit bloß eine Schar von Verrückten

ist, die ihren Wahnvorstellungen nachjagt. Sind nicht vielleicht die

einzigen weisen und einsichtigen Menschen diejenigen, die hingehen und sich

einen Strick um den Hals knüpfen oder eine Pistole vor den Kopf schießen,

um diesem gräßlichen Narrenhaus endgiltig zu entrinnen?«

»Und wie er mit seinem Pessimismus Pfauenräder schlägt!« fuhr Dr. Kranich

belustigt fort. »Das wird doch eine originelle Methode sein, den Hof zu

machen!«

»Den Hof zu machen?«

»Vielleicht ist es übrigens keine ganz verfehlte Spekulation. Den lieben

kleinen Mädchen imponieren, das ist die Hauptsache, wodurch, das ist

Nebensache. =Faute de mieux= kann es auch durch Lebensüberdruß sein. Und

wie es scheint --« er warf einen spöttischen Blick aus den Augenwinkeln auf

mich -- »macht man damit Eindruck auf alle Frauenherzen --«

Wir gingen knapp hinter Elmenreich. Bei seiner lauten, heftigen Redeweise

war jedes seiner Worte zu hören. Und wie hätten diese Worte keinen Eindruck

auf mich machen sollen! »... Ich bin mit dem Leben unzufrieden; es ist mir

eine Last. Und warum sollte ich mich nicht davon freimachen können, wie

von einer anderen Plage und Last? Aber ich will die Entscheidung darüber

treffen als ein freier und besonnener Mensch; und ich will mir vorher das

Leben daraufhin ansehen noch ein paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich

so blind in den Tag hinein, als ob es sich von selbst verstünde, daß man

lebt. Aber in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß das Leben nichts

wert ist, soll man ein Ende machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter

Seele, göttlich überlegen über Tod und Leben ...!«

Dieselben Wendungen, derselbe Tonfall, dieselben Ausdrücke sogar!

»Ich muß das arme Mädchen von diesem unausstehlichen alten Klageweib

befreien«, sagte Dr. Kranich. »Sie gestatten, gnädige Frau? Da es meinen

bescheidenen Mitteln doch nicht gelingt, die Konkurrenz mit Ihren eigenen

Gedanken zu bestehen --«

Er war mit einem Satze neben Eugenie. Ich sah, daß sie sich sofort zu ihm

wandte. Ihr herrliches Profil zeigte keinerlei Gemütsbewegung; Elmenreichs

Worte schienen nichts weniger als einen erschütternden Eindruck bei ihr

hervorgebracht zu haben. Sie kehrte sich kein einziges Mal mehr nach ihm

herüber. In ihrer gemessenen Weise stimmte sie alsbald in das bekannte

jauchzende Lachen ein.

Nachdem Elmenreich eine Weile schweigend nebenher gegangen war, verlor er

sich zwischen den Bäumen. Eugenie schien es nicht zu bemerken.

*

Gleich darauf stürzte Pipin auf mich zu. Beunruhigt sah er sich nach allen

Seiten um:

»Wohin ist Doktor Elmenreich verschwunden? Ist etwas vorgefallen? Er wird

sich doch nicht im letzten Augenblick anders besonnen haben? Guter Gott,

das wäre ein Schlag für den Grafen --«

Und schon war auch der Graf da. Er schien in der That nahe daran, über

Elmenreichs Verschwinden außer sich zu geraten. Eine verzweifelte Unruhe

arbeitete in seinem blassen Gesicht; »er muß, er muß, er muß!« murmelte er

eigensinnig. Und dann gab er die widersprechendsten Befehle; Pipin sollte

allein hinaufgehen und dem Meister sagen, daß alles gescheitert sei,

der Brunnhofer Seppl aber sollte die Körbe niederstellen und den Wald

durchstreifen, um Elmenreich einzufangen und, wenn nötig, mit Gewalt

zurückzubringen.

Schließlich gelang es Pipin, ihn einigermaßen zu beruhigen: Elmenreich habe

versprochen, zu kommen, und Elmenreich halte unter allen Umständen, was er

verspreche.

Als wir kaum unseren Weg wieder aufgenommen hatten, begann es zu regnen.

Neue Schwierigkeit. Bei Regen konnte das »Fest des ersten Versuches« nicht

abgehalten werden. Das Zimmer des Meisters war nicht geräumig genug, um

sechs Zuhörer zu fassen; auch wollte er nur im Freien, »im Angesichte der

Natur« seinen Vortrag halten. Wenn der Regen nicht aufhörte, mußten wir

umkehren.

Eugenie und Dr. Kranich waren schon weit voraus; Pipin lief ihnen mit einem

Regenschirm nach, während wir drei Uebriggebliebenen uns unter die Bäume

stellten und abwarteten.

Die Zeit verging; der Graf trat vor Nervosität unaufhörlich von einem Fuß

auf den anderen und fragte alle zwei Minuten den Brunnhofer-Seppl um

seine Meinung als einheimische Autorität in Wettersachen. Aber der

Brunnhofer-Seppl machte es wie alle meteorologischen Autoritäten und gab

seine Meinung dahin ab, daß sich etwas Bestimmtes nicht vorhersagen ließe.

So gingen wir endlich dennoch im Regen weiter. Es kam mir vor, als ob das

»Fest des ersten Versuches« unter einem schlechten Stern beginne.

*

Vor dem Hause des Meisters.

Der Regen hat aufgehört. Als wir auf die Lichtung kommen, liegt das

Bauernhaus behaglich in dem ersten hervorbrechenden Sonnenstrahl und läßt

sein gesprenkeltes Schindeldach trocknen. Auf der Bank vor der Eingangsthür

sitzt der »Meister«, die Hände auf den Knien, den Kopf auf die Brust

geneigt, in einer Versunkenheit und Ruhe, die etwas Würdevolles hat.

Vielleicht aber auch etwas Künstliches; denn er muß uns wohl sehen, wie wir

aus dem Schatten des Waldes auf die Lichtung in die Sonne heraustreten.

Wir haben uns am Waldrand wieder alle zusammengefunden; auch der Vermißte,

der »verlorene Sohn« Elmenreich, stand dort und schloß sich an.

Konventionelle Begrüßung und Vorstellung. Der Graf nimmt den Meister

beiseite und flüstert mit ihm, während Pipin unter den alten hohen Fichten

neben dem Hause geschäftig seine Plaids ausbreitet und die Plätze anweist.

Dann verschwindet der Meister im Hause, und wir setzen uns im Kreise auf

die Plaids.

Die Sonne fällt in schmalen Streifen zwischen dem glitzernden Grün herein;

kleine Regenbogen glühen ringsherum in Tropfen und Tröpfchen. Ueber

die dürren Tannennadeln, die zu einem roten Teppich auf dem Boden

ineinandergewirrt sind, steigen Ameisen mit großen schwarzen Köpfen und

betasten angelegentlich alles, was ihnen im Wege liegt. Grünschillernde

Käfer gehen vorüber, schwerfällig, als hätten sie eine metallene Rüstung zu

tragen. Goldene Fliegen schießen herum und bleiben in der Luft stehen,

wo es ihnen gefällt. Mücken tanzen auf und nieder, spielen miteinander in

einem Reigen voll geheimnisvoller Seligkeit.

Oben durch die Wipfel schimmern weiße Wolken auf einem Himmel, der so

tiefblau ist, daß man hindurch zu sehen glaubt auf die ungeheure dunkle

Tiefe dahinter. In der Ruhe, die herrscht, hört man nur das leise Ticken

fallender Tropfen.

Ein großer Frieden, eine wundersame Harmonie. Nichts Störendes ist hier --

außer den eleganten Gestalten, die sich auf den Plaids, so bequem es

gehen will, einrichten, mit Bewegungen und Geberden, die ihre Herkunft

von gepolsterten Salonmöbeln nicht verleugnen können. Ja, diese elegante

Gesellschaft sieht in dieser Umgebung vollkommen überflüssig aus.

*

Nach einiger Zeit kam der Meister aus dem Hause heraus, mit bedächtigem

Pastorenschritt, den Blick zu Boden gesenkt. Als er zu sprechen begann,

heftete er seine Augen nicht auf die Zuhörer; er sah in die Bäume hinauf,

als richte er seine Worte nur an sie und nicht an uns.

Seine Augen haben etwas Sympathisches; hinter seinem goldenen Zwicker

hervor schauen sie unschuldig und mit einer sanftmütigen Zerstreutheit in

die Welt. Sie erwecken den Eindruck, daß sie keine deutlichen Wahrnehmungen

aus der Realität vermitteln. Es sind die Augen eines weltunkundigen

Menschen. Weniger sympathisch sind seine Mundbewegungen, während er

spricht. Die Unterlippe, die ein wenig nach rückwärts flieht, macht sich

durch allzureichliches Muskelspiel bemerkbar. Diese Unterlippe ist nicht

ganz bei der Sache; sie hat keine Naivität. Sie gehorcht nicht ohne

Widerrede dem Wort, sie lebt auf eigene Faust. Es ist die Lippe eines

selbstgefälligen Menschen.

Er spricht eintönig, fast larmoyant, mit einer farblosen Stimme, langsam

aber fließend, so fließend, als hätte er alles, was er sagt, auswendig

gelernt. Etwas Absichtliches liegt in seiner Art. Es ist die Art eines

Menschen, der seine Schüchternheit durch einen Willensakt überwindet.

Seine Predigt begann mit einer Apostrophe an die Welt, in einer lieblichen

und naiven Sprache, die deutlich verriet, daß sie eines anderen Geistes

Kind war. Doch vergaß er im Eifer der Rezitation, anzumerken, woher er sie

hatte. »O liebe Frau Schwester«, so redete er die Sonne an, und »lieber

Herr Bruder« den Wind, und so pries er das Wasser, das Feuer, die Erde und

Bäume, Kräuter und Getier als seine Geschwister. Bald aber verließ er diese

friedliche Höhe und stieg in die Arena der Polemik herab. Auf eine kurze

Formel gebracht, lautete der Sinn seiner umständlichen Ausführungen:

»Zurück ins Mittelalter«. Alles Spätere war Verirrung, Mißverständnis,

Unsinn, ein langer Weg in einer falschen Richtung. Und jetzt ist die Zeit

gekommen, da die Menschheit nicht weiter kann, da sie einzusehen beginnt,

daß sie sich in eine Sackgasse verrannt hat mit ihrem unzulänglichen

Streben nach Wissen, mit ihrem kurzsichtigen Aberglauben an die Macht der

Aufklärung. Jetzt fangen wir an, die Schuld der Väter am eigenen Leibe zu

büßen; wie Blei liegt es in unseren Gliedern ... »sind wir nicht alle

krank und möchten gerne genesen? Sind wir nicht alle müde und möchten

gern ausruhen? Wenn wir uns besinnen, ergreift uns nicht ein Schwindel?

Schaudern wir nicht, wenn wir in den schwarzen Abgrund des Nichts blicken,

der vor unseren Füßen gähnt? Fühlen wir nicht immerfort die Verzweiflung

wie eine kalte Faust im Nacken? Suchen wir nicht krampfhaft nach

Heilmitteln für die fressende Unruhe, von der unsere Seele erfüllt ist?«

Der moderne Mensch weiß eben nicht, welchen Weg er einschlagen muß; er weiß

nicht, was er thun muß, um dem Sansara zu entrinnen und in die große Ruhe

einzugehen ... »Ertrinkende sind wir, die wild um sich schlagen, um sich an

der Oberfläche zu erhalten. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil

wir nicht wissen, daß nur an der Oberfläche der Sturm wütet, von dem wir

umhergeschleudert werden. Wir wollen an der Oberfläche bleiben, weil wir

nicht wissen, daß in der Tiefe allein Ruhe herrscht. Wir kämpfen gegen

Wellen und Winde, todmüde und sterbenskrank, anstatt daß wir die Hände

auf die Brust legen ohne Widerstand und ergebungsvoll untersinken in die

stille, heilige Tiefe. Freudig zu ertrinken, das ist es, was wir lernen

müssen --«

Als der Meister ungefähr so weit gekommen war, stieß Elmenreich ein

vernehmliches »mna« aus und stand auf.

Pipin hatte unverwandt mit einem Ausdruck höchster Spannung auf Elmenreich

gestarrt. Er schien die Wirkung nicht erwarten zu können, die des Meisters

Worte auf ihn hervorbringen mußten. Jetzt fuhr er zusammen, wie mit kaltem

Wasser begossen. Auch der Graf, der bis dahin in einer aus Andacht und

Bequemlichkeit gemischten Haltung auf seinem Plaid saß -- er hatte die

Kniee hoch hinaufgezogen, auf die Kniee seine gefalteten Hände und auf die

Hände seine Stirn gelegt -- auch der Graf erhob seinen Kopf. Beschwörend

streckte er die Hand gegen Elmenreich aus. Es geschah aber nichts weiter,

als daß Elmenreich sich mit gekreuzten Armen weiter rückwärts an den

nächsten Baumstamm lehnte.

Der Meister fuhr unbeirrt fort. Er hatte nur einen flüchtigen Blick auf den

Störenfried geworfen. Aber nun, in der Tiefe, in die er unter Elmenreichs

skeptischer Interjektion versunken war, wurde seine Rede dunkel. Dort fand

er das ewige Urfeuer, die Zentralsonne, von der alle einzelnen Seelen

als Strahlen ausgehen. Dort sollte die Seele wieder eins werden mit

dem Allgeiste, der ihr Vater ist, dort sollte sie allwissend und

allgegenwärtig, sollte, aus der Sphäre des Individualbewußtseins entrückt,

selber Gott werden ...

Aber nur die Auserwählten sind es, die dort anlangen. Und nur die

Auserwählten kennen den Weg, der dorthin führt. Wenn wir ihn einschlagen

wollen, dann müssen wir vor allem den Verstand überwinden, denn das ist der

Erzfeind. Und das Schreiten in Begriffen, das Sohlen und Seelen schwer wie

Blei macht, das ist die Erbsünde. Die Gedankenwelt, das ist die Hölle, wo

wir von bösen Geistern ewig im Kreis herumgeführt werden, bis wir vor

Ekel und Ohnmacht zusammenbrechen. Darum weg mit dem Denken, als mit einer

vieltausendjährigen Verirrung, in die sich die Menschheit auf ihrem Suchen

nach Wahrheit verstrickt hat. Sobald der Druck des Denkens von uns weicht,

werden wir erkennen, was sich hinter der Erscheinungswelt verbirgt, die

Nebel der Begrifflichkeit, in denen wir sorgenschwer herumtappen, werden

sich teilen ... eine tanzende Freudigkeit wird unsere Seele erfassen, bis

sich uns in einem dyonisischen Rausch die verborgenen Herrlichkeiten der

jenseitigen Welt enthüllen. Unsere Füße aber werden leicht und frei sein

wie unsere Herzen, und wir werden tanzen, tanzen, tanzen --

Bei diesen Worten schürzte er seinen Prophetenmantel, indem er ihn von

rückwärts nach vorne zog und in den Ledergürtel steckte, der seine Blouse

zusammenhielt. Und mit ausgestreckten Armen begann er taumelnde Schritte

zu machen, ungeschlachte, groteske Bewegungen, wie sie ein Körper

hervorbringt, der ungewohnt aller Leibesübungen ist.

Die Sonne lag mit abendlicher Glut auf den Wipfeln der Fichten. Still und

unbeweglich standen sie; sie schienen zu erröten über ihren Bruder, dem sie

so überlegen waren mit ihrer in sich gekehrten Ruhe.

Da rutschte der Mantel aus dem Gürtel, der Tänzer trat darauf, stolperte,

verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin.

Der Graf sprang herbei. Mit dem Eifer eines Neubekehrten half er dem

Gefallenen aufstehen und schloß ihn in seine Arme.

»Ave, ave, Gottgeliebter«, sagte er laut zu ihm. »Und zum Zeichen, wie groß

und aufrichtig mein =empressement= ist, erlaubt mir, teurer Meister --« er

ergriff seine Hand und führte sie an seine Lippen.

Der Meister, verwirrt vielleicht durch seinen Sturz oder noch verloren in

die Gedanken seines Vortrages, beachtete diese Huldigung nicht. Zerstreut

und unruhig musterte er den Wiesengrund um sich herum.

Auch Eugenie trat auf ihn zu. Ihre Miene war so rätselhaft wie immer; kein

Zug verriet eine Bewegung ihres Innern. Sie verbeugte sich leicht gegen den

Grafen. »Ich folge dem Beispiel«, sagte sie und küßte die Hand des Meisters

auf die Stelle, wo eben früher die Lippen des Grafen sie berührt hatten.

Gerade in dem Augenblick, als diese Huldigungen dem Meister dargebracht

wurden, kam aus dem Walde hinter uns eine weibliche Gestalt. Es war die

Hausfrau des Meisters. Sie trug auf dem Kopf, in ein grobes Tuch mit den

vier Ecken zusammengebunden, ein ungeheures Bündel Heu -- die landesübliche

Art, das Heu von den steilen Berglehnen in die Scheunen zu bringen. Ihre

magere Gestalt verschwindet beinahe unter der Last, die sie auf ihrem Kopf

balanciert; und als sie nun stehen bleibt und nach dem Bündel faßt, kann

man sehen, wie diese dünnen, fleischlosen Arme vor Anstrengung zittern.

Etwas Hastiges, Unsicheres, Leidenschaftliches liegt in ihren Bewegungen.

Rasch hatte sie das Bündel über ihren Rücken auf die Erde gleiten lassen

und war auf den Meister hingestürzt. Sie faßte als die dritte seine

Hand, küßte sie mit Inbrunst und behielt sie in ihren gefalteten Händen

eingeschlossen. Dann, als würde sie jetzt erst die fremden Zuschauer

gewahr, ließ sie plötzlich die Hand fahren, und kehrte mit einem

unterdrückten Aufschluchzen zu ihrem Heubündel zurück, das sie hinter sich

her ins Haus schleifte.

Der Meister hatte alles ohne Widerstand über sich ergehen lassen. Er war

noch immer wie abwesend. Endlich stammelte er:

»Ich -- ich -- der Zwicker ist mir heruntergefallen -- meine hochgradige

Kurzsichtigkeit -- wenn Sie die Güte hätten, zu suchen -- aber mit

Vorsicht, bitte, damit er nicht zertreten wird -- ich habe keinen zweiten

bei mir --«

Sogleich begann ein eifriges Suchen nach dem Augenglas. Seite an Seite

mit Eugenie durchstöberte der Graf das Gras. Pipin, der während des Tanzes

verlegen und unglücklich zu Boden gestarrt hatte, kam dienstfertig herbei

und half mit.

Da erschien Elmenreich auf dem Schauplatz der Ereignisse. Auf seinen Wangen

brannten zwei scharfabgegrenzte Flecken, sein Bart war zerwühlt; er hatte

den Hut ganz auf die Augenbrauen herabgerückt.

Mit Heftigkeit ergriff er Eugenie beim Handgelenk.

»Fühlen Sie denn nicht, wie lächerlich alles das ist --?« rief er und seine

Stimme bebte vor Zorn. »Kommen Sie mit mir fort; ich kann es nicht sehen,

daß Sie in dieser Posse mitwirken --«

Eugenie sah ihn erschreckt an. Er zog sie einige Schritte mit sich; sie

folgte ihm widerstrebend.

Bei dem Wort Posse hatte der Graf sich aufgerichtet.

»Helfen Sie mir!« sagte Eugenie zu ihm mit einem ihrer flehendsten Blicke.

Aber der Graf näherte sich nicht. Er erhob nur mit seiner beschwörenden

Geberde stumm die Hände gegen Elmenreich; dann wandte er sich wieder ab.

Eugenie machte einen ungeduldigen Versuch, ihre Hand aus der Umklammerung

zu befreien. »Sie thun mir weh«, sagte sie unwillig. »Lassen Sie mich los,

Sie thun mir weh!«

»Nein, ich lasse Sie nicht! Ich will es nicht haben, daß Sie hier mitthun.

Ich erlaube es nicht --«

»Lassen Sie mich los!«

»Versprechen Sie mir vorher --«

»Ich verspreche nichts! Lassen Sie mich los!«

Ihre Wangen färbten sich mit einem lebhafteren Rot und ihr Gesicht belebte

sich mit einem Ausdruck des Trotzes. Sie strebte ihre Hand mit Gewalt

loszureißen. Elmenreich, der sich in diesem Ringen auch ihrer zweiten

Hand bemächtigt hatte, stand dicht an sie gepreßt. Es sah beinahe aus, als

wollte er sie im nächsten Augenblick in seine Arme schließen.

»Ein hinreißendes Weib!« murmelte Dr. Kranich neben mir. Er richtete sich

aus seiner nachlässigen, gelangweilten Stellung auf und verfolgte mit

einem seltsamen Lächeln das Schauspiel. Dann erhob er sich, immer den Blick

unverwandt auf die beiden Ringenden geheftet, gleichsam fasziniert.

»=Tiens!=« sagte er nähertretend, aber ohne sich einzumischen, »Elmenreich,

sind Sie auch ein Anhänger der Theorie, daß der Biceps am meisten

Ueberredung gegenüber den Damen besitzt?«

Elmenreich lachte nervös auf und gab Eugenie frei.

Schmollend betrachtete sie ihre Handgelenke, auf denen seine Finger rote

Streifen zurückgelassen hatten.

»Da! Sehen Sie nur, was Sie gemacht haben, Unhold --« und schon klang in

ihrer Stimme wieder eine Nuance des Entgegenkommens.

Elmenreich ergriff die Hände, die sie ihm hinhielt, und küßte die roten

Streifen.

»Ja, ein Unhold«, sagte er mit einiger Bewegung. »Aber wenigstens kein

Mensch des Mißbrauchs -- und vielleicht werden Sie eines Tages begreifen,

was das heißt.« Dann kehrte er sich um und verschwand in den Wald.

*

Inzwischen kriecht Pipin auf allen Vieren im Gras herum und sucht das

Augenglas. Jetzt hat er es glücklich entdeckt; der Meister nimmt es, putzt

es, setzt es wieder auf.

Damit tritt das Fest des ersten Versuches in ein noch unbehaglicheres

Stadium. Niemand weiß, was weiter geschehen soll; der Graf steht abseits

mit dem Meister, Eugenie steht abseits mit Dr. Kranich, Pipin steht abseits

mit mir. Pipin sieht sehr niedergeschlagen aus und ist vollkommen stumm.

Dann macht er einen Versuch, die gestörte Stimmung durch einen Imbiß ein

wenig zu heben. Er holt seine Körbe hervor, packt aus, ordnet an, wartet

auf, bedient alle.

Man setzt sich wieder auf die Plaids, der Meister gleichfalls, doch so sehr

vertieft in sein Privatgespräch, daß er nicht zu bemerken scheint, was um

ihn her vorgeht.

Als Pipin sich mit einem Teller, auf den er seine erlesensten Schätze

gehäuft hat, Eugenien nähert, entreißt ihm Dr. Kranich den Teller.

»Königinnen muß man kniend bedienen«, sagt er, und mit einer anmutigen

Wendung seines Pantherleibes kniet er vor Eugenie nieder. In dieser

Stellung bleibt er und hält den Teller, während sie mit zarten

Fingerspitzen die Beeren der Weintraube einzeln abzupft.

Er kniet dicht am Saume ihres Kleides. Aus den blaßlila Falten sieht ein

kleiner, brauner Schuh hervor. Und Dr. Kranichs Kniee nähern sich wunderbar

geschickt diesem kleinen, braunen Schuh, bis sie ihn zwischen sich

einschließen und verschlingen. Der kleine braune Schuh ergiebt sich willig

in sein Schicksal und macht keinen Versuch, sich aus dieser Gefangenschaft

zu befreien.

Mit unbewegtem Gesichte, die Augen auf den Teller gesenkt, aß Eugenie ihre

Weintrauben.

Nachdem Pipin alle bedient hatte, auch den Brunnhofer Seppl, setzte er

sich auf den Platz neben Eugenie, wo früher Dr. Kranich gesessen hatte.

In diesem Augenblick verschwand der kleine braune Schuh unter den blaßlila

Falten.

»Pipin, was fällt Ihnen ein?« ruft Dr. Kranich hochmütig ärgerlich aus.

»Dieser Platz gehört mir -- räumen Sie ihn gefälligst sogleich, sonst wende

ich Bracchialgewalt an.«

Pipin erfleht Eugeniens Beistand: ob er denn nicht zu guter Letzt die

Belohnung, an ihrer Seite zu sitzen, verdiene, da er doch den ganzen

Nachmittag diesen Platz anderen überlassen habe?

Gnädig sagt Eugenie: »Dr. Kranich wird sich zu Füßen der Königin

niederlassen, nicht wahr, damit der arme Pipin seine Belohnung behält?«

Und Dr. Kranich läßt sich zu Füßen der Königin nieder. Er stützt sich

halbliegend auf seinen linken Ellbogen; dieser Ellbogen versinkt in die

blaßlila Falten, unter denen der kleine braune Schuh verschwunden ist.

Während Pipin sein Obst verzehrt, hält ihm Dr. Kranich eine Predigt über

das Unmoralische des Essens, dieser doppelt egoistischen Beschäftigung.

Denn erstens esse man stets für sich und niemals für einen anderen, und

zweitens vernichte man dabei immer irgend ein Lebewesen, das doch die

gleichen Ansprüche auf das Dasein habe, als man selbst, und wäre es

auch nur ein Kohlhäuptel. Die einzige halbwegs moralische Nahrung seien

abgefallene Blätter -- weshalb die Menschheit, wenn sie sich auf ein

höheres sittliches Niveau erheben wolle, sich vor allen Dingen zum

ausschließlichen Genuß abgefallener Blätter bekehren müsse --

Pipin warf einen prüfenden Blick auf Dr. Kranich. Durch den Ernst in

dessen Mienen getäuscht, versuchte er einzuwenden, daß abgefallene Blätter

vielleicht nicht genug Nährwert besäßen, als daß die Menschheit dauernd

davon leben könnte --

Gut, die Menschheit könnte vermutlich dauernd nicht davon leben. Ob es

aber so notwendig sei, daß die Menschheit dauernd existiere? Ja, ob denn

überhaupt ein triftiger Grund für die Existenz der Menschheit vorhanden

sei, ein wirklich triftiger Grund? Er wenigstens kenne keinen. Ob Pipin

einen kenne?

Und da Pipin gleichfalls nicht in der Lage war, auf der Stelle einen

solchen triftigen Grund anzuführen, trug ihm Dr. Kranich auf, den Meister

darüber zu interpellieren. Der Meister, der sich in den Tiefen jenseits

des Denkens so gut auskenne, werde gewiß in dieser wichtigen Frage Bescheid

geben können.

Pipin antwortet nichts. Er scheint doch zu argwöhnen, daß Dr. Kranich ihn

zum besten hat.

*

Die Stimmung bleibt endgültig unbehaglich. Oede schleichen die Minuten; der

Meister führt immer noch ein halblautes Gespräch mit dem Grafen, der, an

den Brunnhofer Seppl gelehnt, ehrerbietig zuhört. Der Brunnhofer Seppl

gähnt laut, indem er dabei »jaujaujau« macht. Er versteht die abwehrende

Handbewegung des Grafen nicht und gähnt fort. In seiner ländlichen

Ungeniertheit drückt er damit aus, daß er bei diesem Zwiegespräch

vollkommen überflüssig ist. Ich fühle eine unwiderstehliche Neigung,

ebenfalls »jaujaujau« zu machen.

Beim Aufbruch näherte sich Eugenie wieder dem Grafen.

»Durch Ihren mächtigen Einfluß könnte mir vielleicht eine große Gnade

zu teil werden. Ich habe eine Bitte an den Meister -- wollen Sie mein

Fürsprecher sein?«

Der Graf verneigte sich zuvorkommend, während der Meister in linkischem

Schweigen verharrte.

»Wäre es allzu unbescheiden, wenn ich den Meister um eine Zeile von seiner

Hand für meine Autographen-Sammlung bäte?«

»Meister --?« sagte der Graf fragend.

»Bitte sehr«, versetzte der Meister nicht ungnädig. »Nur weiß ich nicht

-- ich habe weder Papier noch Bleistift -- ich gebe gewöhnlich nichts

Schriftliches von mir --«

Dr. Kranich überreichte ihm sein Notizbuch. »Diese Eigentümlichkeit teilen

Sie mit allen großen Lehrern der Menschheit«, sagte er dabei mit tiefem

Ernst.

Als der Meister Eugenien das beschriebene Blatt gab, setzte er hinzu:

»Meine Hand ist nicht geübt, Sie werden es schwer lesen können --« und er

rezitierte von dem Blättchen herab:

»Himmel oben, Himmel unten,

Sterne oben, Sterne unten;

Alles, was oben, ist auch unten,

Solches nimm und sei glücklich.«

*

Am Waldrand jenseits der Lichtung finden wir Elmenreich wieder.

»Ich habe einen Spaziergang während der übrigen Erbauungsstunde gemacht«,

sagt er zu Eugenie. »Da Sie zu den Bekehrten zählen, Fräulein Eugenie,

könnten Sie ja den Correpetitor des verlorenen Sohnes machen, wollen Sie

nicht? Von so schönen Lippen nehmen die verlorenen Söhne noch am liebsten

die Lehren der Weisheit an.«

Pipin gesellt sich zu mir. Nach einem beklommenen Schweigen sagt er mit

erstickter Stimme:

»Lieber Gott! Was für Hoffnungen habe ich auf diesen Tag gesetzt! Und jetzt

kommt es mir vor, als ob alle enttäuscht und schlecht aufgelegt wären,

nicht bloß ich.«

In meiner Verstimmung antworte ich: »Pipin, es wäre das Gescheidteste, Sie

würden endlich einen Strich darüber machen. Es kann Ihnen ja nichts als

Enttäuschung auf Enttäuschung bringen.«

»Einen Strich machen? Worüber einen Strich? Warum einen Strich?«

»Aber Pipin! Dieses viele Fragen ist wirklich ermüdend!«

»Verzeihen Sie! Ich« -- er schweigt hilflos. Nach einer Pause aber fährt er

doch fort: »Ich habe wirklich nicht verstanden, was Sie meinen.«

»Desto besser! Dann lassen wir die Sache.«

»Ach so -- jetzt verstehe ich! Sie meinen Elmenreich? Aber gleich einen

Strich über ihn machen, das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Es ist wahr, er

hat den Grafen durch sein Benehmen tief gekränkt -- aber sagen Sie selbst,

mußte man nicht etwas Aehnliches von ihm gewärtigen? Auf den ersten Anlauf

ist so eine Festung wie er nicht zu nehmen. Meinen Sie wirklich, daß da

alle Mühe vergeblich ist?«

»Ich habe nicht Elmenreich gemeint --«

»Ja, worüber soll ich dann einen Strich machen?«

»Ich glaubte, Sie hätten diesen Strich schon gemacht, Pipin. Aber wenn

nicht -- warum gehen Sie dann mit mir statt mit Eugenie?«

»Sie sehen ja, daß neben Fräulein Eugenie kein Platz frei ist. Ich

kann doch nicht Elmenreich oder Dr. Kranich mit Gewalt von ihrer Seite

wegreißen?«

»Wenn Sie sich immer freiwillig in den Hintergrund stellen --!«

»Ich stelle mich nicht, ich werde gestellt.«

»Sie müssen sich aber nicht stellen lassen! Sie müssen Ihren Platz

behaupten, um Ihren Platz kämpfen --«

»Das wäre zudringlich von mir.«

»Sie warten also darauf, daß Eugenie Sie auffordert?«

»Ja! Ich warte darauf, wie man auf ein unverdientes Glück eben warten muß.«

»Nun, Pipin, auf diese Weise werden Sie nichts bei den Frauen erreichen,

am allerwenigsten bei einem Mädchen, das durch Huldigungen so sehr verwöhnt

ist, wie Eugenie. Ich glaubte, oder vielmehr ich hoffte, daß Sie sich

Ihre Bewerbung um sie aus dem Sinn geschlagen hätten -- und aufrichtig

gestanden, es wäre das Gescheidteste, Sie thäten es wirklich.«

Pipin lächelte mit Seelenruhe; meine Worte brachten nicht den geringsten

Eindruck bei ihm hervor. Er wundere sich, daß ich ihn für so unbeständig

und wankelmütig halte. Wie? Vor vierzehn Tagen habe er den Entschluß

gefaßt, sich um Eugenie zu bewerben, und heute sollte er ihr schon

abtrünnig werden? Weil sie sich einen Nachmittag lang mit anderen mehr

abgegeben habe als mit ihm? Das sei zwar schmerzlich für ihn, aber

schließlich wäre es doch ungerecht, zu verlangen, daß sie sich mit ihm

besser unterhalten sollte als mit Elmenreich und Dr. Kranich, die beide so

überlegene Menschen seien --

Gut; nur wisse ich dann nicht, wie er sich die Sache in Zukunft vorstelle,

wenn er immer freiwillig jedem »überlegenen Menschen« den Vorrang einräumen

wolle --

Nun, was das betreffe, so könne ich doch nicht von ihm glauben, daß er

jemals, jetzt oder später, seiner Frau vorspiegeln werde, er selber sei ein

überlegener Mensch; oder daß er von ihr verlangen werde, sie müßte ihn für

einen überlegenen Menschen halten --

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 21 / 50 题