12. August 1893.

... Auf dem Rückweg fragte ich gestern Pipin, was denn zwischen ihm und

Elmenreich vorgegangen sei. Da schüttete er sein ganzes Herz vor mir aus.

Daß sich Eugenie für Elmenreich auf das Lebhafteste interessierte, war doch

niemandem ein Geheimnis, und gewiß diesem selbst am wenigsten. Trotzdem

trieb er nur ein zweideutiges Spiel mit ihr; sobald sie ihm entgegenkam,

kehrte er seine abstoßendste Seite heraus, sobald sie verstimmt war und

sich zurückzog, suchte er sie wieder auf, wollte sie versöhnen und benahm

sich so, daß er sie geradezu kompromittierte, falls er nicht die Absicht

hatte, Ernst zu machen. Und diese Absicht hatte er nicht, darüber konnte

kein Zweifel bestehen. Oder hatte er sie dennoch? Dachte er in Wahrheit

nicht vielleicht trotz allem anders als er vorgab? Was bleibe aber übrig,

als sich an seine Worte zu halten, wenn man über ihn gefragt werde?

Und Pipin war gefragt worden. Pipin war ausgezeichnet worden, Pipin war

zum dienenden Knappen avanciert, mit der Möglichkeit, dereinst zum Ritter

geschlagen zu werden.

Und schon war er seiner Dame mit Leib und Leben unterthan, und es

unterliegt keinem Zweifel, daß sie fortan das regierende Prinzip seines

Lebens sein wird.

Eugenie hatte ihn zu ihrem Vertrauten gemacht. Wenige Tage nach unserer

Abreise geschah es, daß Pipin sie allein im Garten traf. Sie war in tiefe

Melancholie versunken; Pipin glaubte Spuren von Thränen in ihren Augen zu

bemerken. Da wagte er es, ihr seine Dienste anzutragen. Und sie sah nicht

mehr kühl und gelangweilt über ihn hinweg; sie hörte ihn mit einer gewissen

Aufmerksamkeit an. Dann wurde sie zusehends heiterer und begann ein

Gespräch über gleichgültige Dinge. Aber schon allein, daß sie ihn eines

Gespräches würdigte, empfand er als eine Gunst, die sie ihm bisher noch

nie erwiesen hatte. Das Gespräch lenkte sich sehr bald auf Elmenreich;

halb scherzhaft, halb im Ernst behauptete sie, Elmenreich sei ein

Weiberfeind ... Auf diesem Wege kam Pipin dahin, ihr die ganze Unterredung,

die er mit Elmenreich über die Ehe gehabt hatte, mitzuteilen.

Seither glaubte Pipin in ihrem Betragen gegen Elmenreich eine Veränderung

zu bemerken; sie schien ihm auszuweichen, und wenn sie mit ihm

zusammentraf, beachtete sie ihn geflissentlich nicht.

Pipin war in großer Unruhe und Bedrängnis über die wahre Veranlassung

dieser Wandlung. Hatte er selbst sie mit seiner Mitteilung bewirkt? Oder

war schon vorher etwas zwischen Elmenreich und Eugenie vorgefallen? Die

bloße Möglichkeit, daß er da eine Ungeschicklichkeit begangen habe, daß er

Ursache an einer für Elmenreich ungünstigen oder unerwünschten Wendung sein

könnte, machte ihn fassungslos. Er rang die Hände.

»Nein, ich könnte mir das nie verzeihen! Daß ich daran Schuld sein sollte,

ich, der ich so sehnlich gewünscht hätte, ihm einen Dienst zu erweisen,

etwas zu thun, was seine Gemütsstimmung verbessern könnte! Natürlich bin

ich gleich, als ich anfing, etwas zu merken, zu Elmenreich gegangen, um ihm

alles zu sagen. Aber Sie wissen ja, wie schwer es ist, mit ihm zu reden.

›Eine Veränderung in Eugeniens Benehmen? Ist mir nicht aufgefallen;‹ sagte

er vollkommen kühl; und dann gab er mir den Rat, mir nicht anderer Leute

Angelegenheiten zu Herzen zu nehmen. Nun bitte ich Sie! Ihm sollte keine

Veränderung aufgefallen sein, wenn sogar ich diese Veränderung bemerkt

habe? Es war klar, er wollte ausweichen; aber ich ließ mich nicht irre

machen, ich bestand darauf, daß ihm diese Veränderung nicht entgangen sein

könnte, und daß ich alle Ursache hätte, zu fürchten, ich selber sei daran

schuld, weil ich nämlich -- also wegen des Gespräches über die Ehe. Da

lachte er -- es war aber kein ungezwungenes Lachen, das können Sie mir

glauben -- schlug mich mit der Hand auf die Schulter und sagte: ›Pipin,

das war das Gescheidteste, was Sie machen konnten. Ich bin sehr zufrieden

darüber.‹ Nun, ich will augenblicklich tot niederfallen, wenn das nicht

ganz gegen seine wirklichen Empfindungen gesprochen war! Aber was soll ich

thun? Kann ein Mensch wie ich Elmenreich durchschauen, wenn er sich nicht

durchschauen lassen will? Ich habe ihn angefleht, mir die Wahrheit zu sagen

-- aber er bleibt dabei, daß ich ihm nur einen Dienst erwiesen habe, für

den er mir dankbar sei. Und doch, und doch! Ich werde den Gedanken nicht

los, daß es in seinem Innern ganz anders aussieht, als er merken lassen

will ...«

* * *

Der Graf legt seine Serviette weg und tritt nicht ohne Feierlichkeit vor

mich hin.

»Ich hege die Hoffnung, daß sich etwas wahrhaft Außerordentliches begeben

wird. Ich richte die Bitte an Sie, gnädige Frau, daran teilzunehmen. Ich

gebe mir die Ehre, Sie einzuladen, übermorgen auf den Berg Alvernia zu

kommen« (lächelnd) -- »ich sage Alvernia, weil der Tressenstein nunmehr

würdig ist, genannt zu werden mit einem erleseneren berühmteren Namen. Ich

würde mich glücklich schätzen, wenn ich das Werkzeug sein könnte, einen

ungewöhnlichen Kreis zu versammeln um einen ungewöhnlichen Mann --«

Seine brennenden Augen heften sich auf Elmenreich und mit einer plötzlichen

Bewegung faßt er heftig dessen Arm, als wollte er ihn nötigen, auf der

Stelle mitzukommen.

Elmenreich weicht einen Schritt zurück.

»Sie lehnen ab?« murmelt der Graf tonlos.

Elmenreich versetzte kalt: »Ihre Einladung war nicht an mich gerichtet.

Und Sie wissen ja, Graf, ich bin ein zu gewöhnlicher Mensch für alle

ungewöhnlichen Vorgänge --«

Der Graf erhebt seine Hände. Seine Hände haben eine merkwürdige

Ausdrucksfähigkeit -- etwas überredendes, schmeichelndes, liebkosendes.

»Oh! wenn Sie so sprechen! Damit haben Sie Ihre Zusage gegeben --«

»Meine Zusage wozu? Ich müßte doch vorher genauer wissen, was geschehen

soll --«

»Sie werden kommen, Sie werden hören, Sie werden urteilen. Sie lieben es

nicht, über Dinge zu urteilen, die Sie nicht haben selbst gesehen. Sie

können nicht ablehnen, bevor Sie gehört und gesehen haben.«

Der Graf nähert sich ihm wieder um einen Schritt, und Elmenreich weicht

wieder einen Schritt zurück.

»Gut also. Ich habe zwar schon gesehen, aber ich will auch noch hören. Sie

sollen mir nicht nachsagen, daß ich voreingenommen bin.«

Der Graf greift mit beiden Händen nach Elmenreichs Hand.

»Ich danke Ihnen! Ich bin glücklich über Ihre Güte. Tonuelo, ich habe nie

aufgehört, zu hoffen --«

Elmenreich schüttelt die Hände des Grafen ab, wie man ein Insekt

abschüttelt, ungeduldig, mit Widerwillen.

»Ich heiße Anton«, sagt er, rot vor Zorn und in einem gereizten Ton, der

in gar keinem Verhältnis zu dem geringfügigen Anlaß steht. »Lassen Sie mir

meinen rechtschaffenen, gewöhnlichen Namen; ich wohne nicht auf dem Berg

Alvernia.«

Er dreht ihm schroff den Rücken. Stumm verbeugt sich der Graf; seine

Gestalt fällt in sich zusammen wie zerbrochen.

Diese Pedanterie mit dem Namen erschien mir kleinlich; und etwas wie

Auflehnung wider Elmenreichs Hochmut verleitete mich, als der Graf sich mit

Pipin entfernt hatte, eine Bemerkung über das Peinliche dieses Auftrittes

zu machen.

»Wie?« antwortete Elmenreich mit einigem Erstaunen; »Sie finden meine Art

und Weise peinlich? Und die Art und Weise des Grafen, die ist Ihnen nicht

peinlich?«

»Der Graf benimmt sich wie ein Mensch, der Versöhnung sucht -- dabei ist

nichts Peinliches, das ist eher rührend. Sie aber demütigen ihn vor anderen

-- und das ist es, was ich peinlich finde.«

»Und sonst fällt Ihnen in der That nichts auf?«

»Es fällt mir auf, daß er voll Wärme und Liebe für Sie ist, daß er

zu leiden scheint, während Sie ihm nur Gleichgültigkeit und Abneigung

bezeigen.«

»Nun, und glauben Sie nicht, daß wir da beide unsere Gründe haben, er für

seine Wärme und Liebe, ich für meine Gleichgültigkeit und Abneigung --?«

* * *

Im Hausflur wartete Pipin und nötigte mich in sein Zimmer. Dort stand der

Tisch mit großen Körben beladen. Er öffnete sie der Reihe nach und wühlte

behutsam in der Holzwolle, mit der sie gefüllt waren.

»Ich muß Ihnen doch meine Schätze zeigen« -- er hielt eine ungeheure Traube

in die Höhe --. »Pompös, was? Da erinnert man sich doch an die biblische

Geschichte, wo die Kundschafter aus dem gelobten Land mit der großen

Weintraube zurückkommen. Und diese Birnen! Und gar diese Pfirsiche! Muß das

eine Freude sein, wenn so ein Prachtexemplar reif wird! Dieser Duft! Diese

Farben! Dieser Sammet! Ein wahrer Triumph der Kultur! Und was für ein

lieber Gedanke ist es, daß die Natur solche Herrlichkeiten hervorbringt,

wenn man sie mit Verstand und Liebe behandelt!«

Er packte aus, räumte ein, packte wieder aus und freute sich wie ein Kind.

Dieses Obst ist für das »Fest des ersten Versuches« bestimmt, zu dem

uns der Graf eingeladen hat. Der Meister werde eine Predigt halten, so

vertraute mir Pipin an; und der Graf sei voll großer Hoffnungen und Pläne,

die aber vorläufig noch tiefstes Geheimnis bleiben sollten. Da aber das

Ganze in der Form einer Landpartie vor sich gehen werde, mußte man auch

an die Bewirtung denken. Der Graf habe es für unschicklich erklärt, in

Gegenwart des Meisters Schinken oder sonst irgend einen »Leichnam« zu

verzehren; deshalb ließ Pipin aus Görz diese Früchte kommen, die auch der

Meister trotz seiner strengen Lebensweise vielleicht nicht verschmähe.

Schon beginne sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem »Einsiedler vom Berge

Alvernia« zuzuwenden; auf ihren lebhaften Wunsch hin werde auch Fräulein

Eugenie mit von der Partie sein -- ein Zugeständnis, das Pipin erst

nach eindringlichen Bitten von Graf Hermosa erwirkte. Denn der Graf sei

bekanntlich ein Sonderling in diesem Punkte; er liebe die Frauen nicht, und

je jünger und schöner sie sind, desto weniger. Das heißt: Nicht, als ob er

nicht alle Hochachtung vor ihnen hätte; aber zusammen wolle er nicht mit

ihnen sein, namentlich nicht mit unverheirateten. Ja, ja, ein merkwürdiger

Mensch, Graf Hermosa, nicht ohne Schrullen und Launen, zugegeben, aber

groß, kühn, hinreißend. Was für eine Phantasie! Was für eine Leidenschaft!

Die Welt, mit seinen Augen angesehen, erscheint wie in bengalischer

Beleuchtung. Wenn man ihm zuhört, wird man geneigt, an alle unerhörten

Ereignisse zu glauben, an Wunder und große Geheimnisse, denen wir gefühllos

und blind gegenüberstehen, während sie sich vor uns abspielen. Kein

Zweifel, der Graf wisse mehr von den verborgenen Dingen, als dem

gewöhnlichen Verstand offenbar werde, der Graf sei ein Führer in

unentdeckte Länder, in unsichtbare Gebiete des Lebens. Wundervolle

Perspektiven gebe es dort, herrliche Aussichten, Hoffnungen, so

berauschend, daß man nicht mehr begreift, wie man das alltägliche Leben mit

seiner platten Nüchternheit ausgehalten hat --

»Sie machen mich ja ganz neugierig, Pipin! Was für Hoffnungen denn, was für

Perspektiven? Können Sie mir nicht etwas Positiveres darüber verraten?«

»Positiveres? Offen gestanden, Positiveres weiß ich selber noch nichts. Ich

bin erst auf dem Wege, »im ersten Vorhof«, wie der Graf sagt. Und das ist

doch selbstverständlich, nicht wahr? Denn ich bin ein gewöhnlicher Mensch,

der bis vor kurzem nichts von alledem geahnt hat. Aber vielleicht, mit

redlichem Bemühen, werde ich einmal mehr davon wissen.«

»Also bis jetzt sind alle die Herrlichkeiten -- Versprechungen?«

»Ja, Versprechungen, wundervolle Versprechungen! Sagen Sie selbst: ist es

nicht Zeit? Muß nicht etwas geschehen? Sehen wir nicht alle ein, daß das

Leben regeneriert werden muß? Fühlen wir nicht alle im Innersten eine

Sehnsucht nach etwas Neuem? Nach einer anderen Form des Lebens? Glauben Sie

nicht, daß Tausende und Tausende nur auf denjenigen warten, der ihnen den

Weg zeigt? Ja, es muß etwas geschehen, das ist klar. Und es wird etwas

geschehen, Sie werden schon sehen. Herrgott, wie ich mich freue, wie ich

mich freue!«

Er rieb sich die Hände vor Vergnügen, hob seine Körbe vom Tisch auf den

Boden, vom Boden auf die Stühle, von den Stühlen wieder auf den Tisch und

sagte dabei nur immer: »So ein Glückskind wie ich! Bin ich ein Glückskind!

Wie ich mich freue, nein, wie ich mich freue!«

Dann ergriff er mich bei der Hand und sah mich mit seinen hellblauen Augen

beweglich an:

»Freuen Sie sich doch auch, gnädige Frau! Ich möchte so gerne jemanden

haben, der sich mit mir freut, damit ich nicht allein bin mit diesem

köstlichen Freudegefühl --«

»Aber Pipin, ich weiß wirklich nicht recht, worüber Sie sich so freuen, ich

meine, aus welchem Grunde --?«

»Ach Gott, ich weiß es ja selber nicht! Ich bin nur so glücklich, so voll

Freudigkeit -- das Leben kommt mir so reich vor, so vielversprechend, so

groß, so -- so -- ich habe so ein Gefühl der Dankbarkeit, daß ich da bin,

daß ich lebe, daß mir so viel gegeben wird! So ein Gefühl der Zuversicht,

als ob etwas Außerordentliches bevorstünde, etwas Großes und Wundervolles,

daß alle Menschen einander die Hände drücken werden vor überströmender

Glückseligkeit ...«

[Illustration]

Unter der Buche neben dem grauen Stein. Alle Menschen sind weit weg; es

giebt nur Bäume auf der Welt, unschuldige, schweigsame Bäume, die still

auf ihrem Platze stehen und den Himmel betrachten. Von ihren Wurzeln herauf

steigt ein feuchter Erdgeruch Er erweckt eine wundersame Stimmung, etwas

wie Andacht vor der Fülle, vor der ewigen unerschöpflichen Fruchtbarkeit

des Lebens. So innig beisammen Tod und Leben und so leidlos beide in dieser

Welt!

Auf den frommen grünen Moosgrund niederzuknien und auszusprechen das Wort,

das erst vernehmbar wird in dem großen Schweigen, wenn alle Geräusche des

menschlichen Treibens verstummt sind!

Und die Einsamkeit des Waldes antwortet. In dem großen Schweigen spricht

die Einsamkeit von dem, was unmitteilbar ist. Die Erde spricht; sie spricht

von der ewigen unerschöpflichen Fülle des Lebens. Sie spricht: Fühle,

fühle, mein Kind, ich habe dich, ich halte dich, ich trage dich durch die

Ewigkeit!

*

Ein Geräusch. Bricht ein Hirsch durch den Wald? Es ist der schwarze

Panther. Er geht über die Lichtung auf die Blockhütte zu. Das hohe Gras,

das noch vom Morgentau glänzt, steht hinter ihm wieder auf; leicht,

unhörbar, mit schwebenden Schritten geht er.

Bei der Blockhütte angekommen, reckt er seine schlanke Gestalt hoch auf,

und beginnt unter dem Dache Heu herabzuholen, so lange, bis er im

Schatten der Hütte ein aufgehäuftes Lager errichtet hat. Er wirft sich

in übermütiger Lust darauf hin; dann erhebt er sich zur Hälfte und blickt

sitzend rings herum. Sein Körper ist wie ohne Schwere; er gehorcht jeder

Bewegung in einem Linienspiel voll Anmut und Kraft.

Plötzlich schnellt er empor, springt wieder auf die Füße. Hat er mich

erblickt?

Jedenfalls thut er, als hätte er mich nicht gesehen. Er dreht sich um,

steckt die Hände in die Hosentaschen und schleudert mit dem Fuße den

Heuhaufen, den er eben aufgeschichtet hat, wieder auseinander. Zugleich

intoniert er ein wunderliches, rauhes Geschrei:

»Hoiho, Hoiho,

Hulli hulli hulli ho, hulli ho --«

Schreiend stellt er sich mitten auf die Lichtung in die Sonne.

Eine Zeit lang stieß er so in kurzen Absätzen dieses Gebrüll aus. Dann

verschwand er in den Wald.

Wenige Minuten später hörte ich ihn hinter mir sagen:

»=I beg your pardon=, meine Gnädigste! Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte,

daß Sie hier meditieren, wäre ich früher nicht so lärmend gewesen. Sie

belauschen hier das »Schweigen im Walde«, nicht wahr? Oder haben Sie für

hier ein Rendezvous? Ein köstlicher Platz für solche Zwecke! Schade, daß

Sie mir mit dieser Entdeckung zuvorgekommen sind! Jetzt haben Sie das Recht

der Priorität.«

»Die Priorität zum Zwecke von Rendezvous kann ich Ihnen ohne Nachteil für

mich abtreten.«

Er lächelte und setzte sich neben mich:

»=Good gracious=, giebt es denn hier nur die kleinste Möglichkeit einer

=bonne fortune=? Eine einzige Erscheinung -- aber da müßte ich mich mit

Pipin und Elmenreich in ein Wettrennen einlassen. Und diese beiden sind

doch zu wenig =up to date=, als daß das einen Zauber für mich haben könnte.

So bleibt mir nichts übrig, als mir die Banalität dieses Aufenthaltes

mit meinen Reiseerinnerungen zu vertreiben. Ich muß mir von Zeit zu Zeit

vorstellen, daß ich nicht hier bin, um es hier auszuhalten. Eben früher war

ich in Norwegen. Was ich Ihnen unfreiwillig zum Besten gab, war der Ruf der

norwegischen Sennen, wenn eine Kuh sich verirrt hat. Echte Kehllaute,

an Ort und Stelle studiert. Dieses Europa hat doch nur mehr Interesse an

seinen Grenzgebieten; der Rest ist schauderhaft langweilig. Uniformierte

Trivialität. Die Polizei als segensreiche Himmelstochter: überall

Sicherheit, Ruhe, Ordnung. Kulturdevise: =è proibito di lordare= ... Das

neunzehnte Jahrhundert kommt mir vor wie ein langer Katzenjammer nach

dem Rausch des achtzehnten. Oder wie die gewissen älteren Herren, die

tugendhaft werden, nachdem sie sich ausgetobt haben; sie halten ihre

Schwäche für Moral.«

Er stand wieder auf und ging mit einiger Nervosität hin und her.

»Wollen Sie nicht lieber einen Spaziergang machen?« fragte er etwas

ungeduldig. »Da ich doch das Schweigen im Walde verscheucht habe, ist hier

nichts mehr zu holen --«

»Sie vergessen mein Rendezvous, Dr. Kranich --«

»Das heißt, Sie wünschen von mir befreit zu sein, meine Gnädigste. Ja, es

ist eine verdammte Sache um die unverhofften Zeugen bei Rendezvous. Die

Menschen haben so ein naives Gefühl der Daseinsberechtigung; sie merken

nie, wann sie überflüssig sind.«

Er warf aus seinen stechenden schwarzen Augen einen bösen Blick auf mich.

Dann lachte er laut auf, mit seinem jauchzenden, triumphierenden Lachen.

»Ja, gnädige Frau, Sie wünschen mich in Ihrem gnädigen Herzen zum Teufel,

und ich bleibe da und merke nichts. Wer wird nun eher das Feld räumen, Sie

oder ich?«

»Dr. Kranich, ein unverhoffter Zeuge wird doch nichts sein, worüber ein

»Herr des Lebens« sich nicht hinwegsetzen könnte?«

»Die lieben Frauen sind aber nie ›Herren des Lebens;‹ sie haben ewig andere

Herren über sich. O bitte, das soll keine Lästerung sein: es ist ja eine

sehr reizende Eigenschaft dieser teueren Wesen, daß sie so gerne abhängig

sind. Ich möchte diese Eigenschaft an ihnen nicht missen. Nur giebt es

Lebenslagen, in denen sie einem fatal wird -- und die unverhofften Zeugen

gehören zu diesen Lebenslagen, nicht wahr, meine Gnädigste?«

Unten aus dem Walde trat eine weiße Gestalt. Sie kam aus einer anderen

Gegend, als Dr. Kranich gekommen war; aber sie nahm wie er quer über die

Wiese die Richtung nach der Blockhütte zu, ohne zu zögern und ohne sich

umzusehen.

»Hei, was für ein schönes Wild«, rief Dr. Kranich. »Es scheint ja, daß auf

diesem lauschigen Plätzchen alle Rendezvous des Ortes abgehalten werden --«

Er trat rasch vor und stieß sein Geschrei von früher aus: »Hulli, hulli ho,

hoiho --«

Die weiße Gestalt blieb stehen wie angewurzelt.

»Hierher, Fräulein Eugenie, hierher! Hier finden Sie eine erlesene

Gesellschaft. Hulli ho, hulli ho!«

Die weiße Gestalt rührte sich nicht. Dr. Kranich sagte lächelnd zu mir:

»Ich hoffe, Sie verraten nicht, daß das ein Warnungsruf für verirrte Kühe

ist. Die norwegischen Kühe scheinen im allgemeinen intelligenter zu sein

als die hiesigen.«

Da die weiße Gestalt immer noch unbeweglich stand, setzte er hinzu: »Hier

muß man wohl deutlicher reden«, und lief ihr entgegen.

Sie standen einige Augenblicke in der Sonne beisammen, ehe sie herauf

kamen.

Eugenie sah aus wie eine aus den Wolken gefallene Göttin. Reizend

angezogen: ein Kleid aus weißer Battist-Stickerei, um die Taille ein

breites, rotblumiges Seidenband, das rückwärts in langen Schleifen

hinabfiel. Dazu ein hochroter Sonnenschirm.

In ihrer apathischen Weise sagte sie zu mir: »Was für ein Zufall! Ich

wollte einmal ganz planlos durch den Wald streifen -- und nun trifft man

sich doch wieder!«

Dr. Kranich lächelte spöttisch. »=I beg your pardon=, Fräulein Eugenie,

aber für einen solchen Streifzug sind Sie nicht ganz praktisch toilettiert!

Gestehen Sie's doch lieber: Sie haben hier herum ein Rendezvous, bei dem

Sie keine unverhofften Zeugen brauchen können. Die gnädige Frau und ich

werden Ihnen das Feld räumen.«

Eugenie sah ihn mit ihren großen, etwas zu runden Augen sprachlos an. Sie

war sehr rot -- aber es konnte auch vom Reflex des roten Schirmes sein, den

sie aufgespannt auf der Schulter liegen hatte.

* * *

Bei Tisch, nachdem der Graf sich mit Pipin entfernt hat.

Dr. Kranich: »Ich behaupte: Der Mann achtet im Grunde keine Frau, die er

-- =parbleu=, jetzt hätt' ich beinahe Ihre Anwesenheit vergessen, meine

Gnädigste! Wenn ich mich also für Damenohren ausdrücken soll: Der Mann

achtet im Grunde kein weibliches Wesen, in das er mit Erfolg verliebt ist.«

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 20 / 50 题