... Auf dem Rückweg fragte ich gestern Pipin, was denn zwischen ihm und
Elmenreich vorgegangen sei. Da schüttete er sein ganzes Herz vor mir aus.
Daß sich Eugenie für Elmenreich auf das Lebhafteste interessierte, war doch
niemandem ein Geheimnis, und gewiß diesem selbst am wenigsten. Trotzdem
trieb er nur ein zweideutiges Spiel mit ihr; sobald sie ihm entgegenkam,
kehrte er seine abstoßendste Seite heraus, sobald sie verstimmt war und
sich zurückzog, suchte er sie wieder auf, wollte sie versöhnen und benahm
sich so, daß er sie geradezu kompromittierte, falls er nicht die Absicht
hatte, Ernst zu machen. Und diese Absicht hatte er nicht, darüber konnte
kein Zweifel bestehen. Oder hatte er sie dennoch? Dachte er in Wahrheit
nicht vielleicht trotz allem anders als er vorgab? Was bleibe aber übrig,
als sich an seine Worte zu halten, wenn man über ihn gefragt werde?
Und Pipin war gefragt worden. Pipin war ausgezeichnet worden, Pipin war
zum dienenden Knappen avanciert, mit der Möglichkeit, dereinst zum Ritter
geschlagen zu werden.
Und schon war er seiner Dame mit Leib und Leben unterthan, und es
unterliegt keinem Zweifel, daß sie fortan das regierende Prinzip seines
Lebens sein wird.
Eugenie hatte ihn zu ihrem Vertrauten gemacht. Wenige Tage nach unserer
Abreise geschah es, daß Pipin sie allein im Garten traf. Sie war in tiefe
Melancholie versunken; Pipin glaubte Spuren von Thränen in ihren Augen zu
bemerken. Da wagte er es, ihr seine Dienste anzutragen. Und sie sah nicht
mehr kühl und gelangweilt über ihn hinweg; sie hörte ihn mit einer gewissen
Aufmerksamkeit an. Dann wurde sie zusehends heiterer und begann ein
Gespräch über gleichgültige Dinge. Aber schon allein, daß sie ihn eines
Gespräches würdigte, empfand er als eine Gunst, die sie ihm bisher noch
nie erwiesen hatte. Das Gespräch lenkte sich sehr bald auf Elmenreich;
halb scherzhaft, halb im Ernst behauptete sie, Elmenreich sei ein
Weiberfeind ... Auf diesem Wege kam Pipin dahin, ihr die ganze Unterredung,
die er mit Elmenreich über die Ehe gehabt hatte, mitzuteilen.
Seither glaubte Pipin in ihrem Betragen gegen Elmenreich eine Veränderung
zu bemerken; sie schien ihm auszuweichen, und wenn sie mit ihm
zusammentraf, beachtete sie ihn geflissentlich nicht.
Pipin war in großer Unruhe und Bedrängnis über die wahre Veranlassung
dieser Wandlung. Hatte er selbst sie mit seiner Mitteilung bewirkt? Oder
war schon vorher etwas zwischen Elmenreich und Eugenie vorgefallen? Die
bloße Möglichkeit, daß er da eine Ungeschicklichkeit begangen habe, daß er
Ursache an einer für Elmenreich ungünstigen oder unerwünschten Wendung sein
könnte, machte ihn fassungslos. Er rang die Hände.
»Nein, ich könnte mir das nie verzeihen! Daß ich daran Schuld sein sollte,
ich, der ich so sehnlich gewünscht hätte, ihm einen Dienst zu erweisen,
etwas zu thun, was seine Gemütsstimmung verbessern könnte! Natürlich bin
ich gleich, als ich anfing, etwas zu merken, zu Elmenreich gegangen, um ihm
alles zu sagen. Aber Sie wissen ja, wie schwer es ist, mit ihm zu reden.
›Eine Veränderung in Eugeniens Benehmen? Ist mir nicht aufgefallen;‹ sagte
er vollkommen kühl; und dann gab er mir den Rat, mir nicht anderer Leute
Angelegenheiten zu Herzen zu nehmen. Nun bitte ich Sie! Ihm sollte keine
Veränderung aufgefallen sein, wenn sogar ich diese Veränderung bemerkt
habe? Es war klar, er wollte ausweichen; aber ich ließ mich nicht irre
machen, ich bestand darauf, daß ihm diese Veränderung nicht entgangen sein
könnte, und daß ich alle Ursache hätte, zu fürchten, ich selber sei daran
schuld, weil ich nämlich -- also wegen des Gespräches über die Ehe. Da
lachte er -- es war aber kein ungezwungenes Lachen, das können Sie mir
glauben -- schlug mich mit der Hand auf die Schulter und sagte: ›Pipin,
das war das Gescheidteste, was Sie machen konnten. Ich bin sehr zufrieden
darüber.‹ Nun, ich will augenblicklich tot niederfallen, wenn das nicht
ganz gegen seine wirklichen Empfindungen gesprochen war! Aber was soll ich
thun? Kann ein Mensch wie ich Elmenreich durchschauen, wenn er sich nicht
durchschauen lassen will? Ich habe ihn angefleht, mir die Wahrheit zu sagen
-- aber er bleibt dabei, daß ich ihm nur einen Dienst erwiesen habe, für
den er mir dankbar sei. Und doch, und doch! Ich werde den Gedanken nicht
los, daß es in seinem Innern ganz anders aussieht, als er merken lassen
will ...«
* * *
Der Graf legt seine Serviette weg und tritt nicht ohne Feierlichkeit vor
mich hin.
»Ich hege die Hoffnung, daß sich etwas wahrhaft Außerordentliches begeben
wird. Ich richte die Bitte an Sie, gnädige Frau, daran teilzunehmen. Ich
gebe mir die Ehre, Sie einzuladen, übermorgen auf den Berg Alvernia zu
kommen« (lächelnd) -- »ich sage Alvernia, weil der Tressenstein nunmehr
würdig ist, genannt zu werden mit einem erleseneren berühmteren Namen. Ich
würde mich glücklich schätzen, wenn ich das Werkzeug sein könnte, einen
ungewöhnlichen Kreis zu versammeln um einen ungewöhnlichen Mann --«
Seine brennenden Augen heften sich auf Elmenreich und mit einer plötzlichen
Bewegung faßt er heftig dessen Arm, als wollte er ihn nötigen, auf der
Stelle mitzukommen.
Elmenreich weicht einen Schritt zurück.
»Sie lehnen ab?« murmelt der Graf tonlos.
Elmenreich versetzte kalt: »Ihre Einladung war nicht an mich gerichtet.
Und Sie wissen ja, Graf, ich bin ein zu gewöhnlicher Mensch für alle
ungewöhnlichen Vorgänge --«
Der Graf erhebt seine Hände. Seine Hände haben eine merkwürdige
Ausdrucksfähigkeit -- etwas überredendes, schmeichelndes, liebkosendes.
»Oh! wenn Sie so sprechen! Damit haben Sie Ihre Zusage gegeben --«
»Meine Zusage wozu? Ich müßte doch vorher genauer wissen, was geschehen
soll --«
»Sie werden kommen, Sie werden hören, Sie werden urteilen. Sie lieben es
nicht, über Dinge zu urteilen, die Sie nicht haben selbst gesehen. Sie
können nicht ablehnen, bevor Sie gehört und gesehen haben.«
Der Graf nähert sich ihm wieder um einen Schritt, und Elmenreich weicht
wieder einen Schritt zurück.
»Gut also. Ich habe zwar schon gesehen, aber ich will auch noch hören. Sie
sollen mir nicht nachsagen, daß ich voreingenommen bin.«
Der Graf greift mit beiden Händen nach Elmenreichs Hand.
»Ich danke Ihnen! Ich bin glücklich über Ihre Güte. Tonuelo, ich habe nie
aufgehört, zu hoffen --«
Elmenreich schüttelt die Hände des Grafen ab, wie man ein Insekt
abschüttelt, ungeduldig, mit Widerwillen.
»Ich heiße Anton«, sagt er, rot vor Zorn und in einem gereizten Ton, der
in gar keinem Verhältnis zu dem geringfügigen Anlaß steht. »Lassen Sie mir
meinen rechtschaffenen, gewöhnlichen Namen; ich wohne nicht auf dem Berg
Alvernia.«
Er dreht ihm schroff den Rücken. Stumm verbeugt sich der Graf; seine
Gestalt fällt in sich zusammen wie zerbrochen.
Diese Pedanterie mit dem Namen erschien mir kleinlich; und etwas wie
Auflehnung wider Elmenreichs Hochmut verleitete mich, als der Graf sich mit
Pipin entfernt hatte, eine Bemerkung über das Peinliche dieses Auftrittes
zu machen.
»Wie?« antwortete Elmenreich mit einigem Erstaunen; »Sie finden meine Art
und Weise peinlich? Und die Art und Weise des Grafen, die ist Ihnen nicht
peinlich?«
»Der Graf benimmt sich wie ein Mensch, der Versöhnung sucht -- dabei ist
nichts Peinliches, das ist eher rührend. Sie aber demütigen ihn vor anderen
-- und das ist es, was ich peinlich finde.«
»Und sonst fällt Ihnen in der That nichts auf?«
»Es fällt mir auf, daß er voll Wärme und Liebe für Sie ist, daß er
zu leiden scheint, während Sie ihm nur Gleichgültigkeit und Abneigung
bezeigen.«
»Nun, und glauben Sie nicht, daß wir da beide unsere Gründe haben, er für
seine Wärme und Liebe, ich für meine Gleichgültigkeit und Abneigung --?«
* * *
Im Hausflur wartete Pipin und nötigte mich in sein Zimmer. Dort stand der
Tisch mit großen Körben beladen. Er öffnete sie der Reihe nach und wühlte
behutsam in der Holzwolle, mit der sie gefüllt waren.
»Ich muß Ihnen doch meine Schätze zeigen« -- er hielt eine ungeheure Traube
in die Höhe --. »Pompös, was? Da erinnert man sich doch an die biblische
Geschichte, wo die Kundschafter aus dem gelobten Land mit der großen
Weintraube zurückkommen. Und diese Birnen! Und gar diese Pfirsiche! Muß das
eine Freude sein, wenn so ein Prachtexemplar reif wird! Dieser Duft! Diese
Farben! Dieser Sammet! Ein wahrer Triumph der Kultur! Und was für ein
lieber Gedanke ist es, daß die Natur solche Herrlichkeiten hervorbringt,
wenn man sie mit Verstand und Liebe behandelt!«
Er packte aus, räumte ein, packte wieder aus und freute sich wie ein Kind.
Dieses Obst ist für das »Fest des ersten Versuches« bestimmt, zu dem
uns der Graf eingeladen hat. Der Meister werde eine Predigt halten, so
vertraute mir Pipin an; und der Graf sei voll großer Hoffnungen und Pläne,
die aber vorläufig noch tiefstes Geheimnis bleiben sollten. Da aber das
Ganze in der Form einer Landpartie vor sich gehen werde, mußte man auch
an die Bewirtung denken. Der Graf habe es für unschicklich erklärt, in
Gegenwart des Meisters Schinken oder sonst irgend einen »Leichnam« zu
verzehren; deshalb ließ Pipin aus Görz diese Früchte kommen, die auch der
Meister trotz seiner strengen Lebensweise vielleicht nicht verschmähe.
Schon beginne sich die allgemeine Aufmerksamkeit dem »Einsiedler vom Berge
Alvernia« zuzuwenden; auf ihren lebhaften Wunsch hin werde auch Fräulein
Eugenie mit von der Partie sein -- ein Zugeständnis, das Pipin erst
nach eindringlichen Bitten von Graf Hermosa erwirkte. Denn der Graf sei
bekanntlich ein Sonderling in diesem Punkte; er liebe die Frauen nicht, und
je jünger und schöner sie sind, desto weniger. Das heißt: Nicht, als ob er
nicht alle Hochachtung vor ihnen hätte; aber zusammen wolle er nicht mit
ihnen sein, namentlich nicht mit unverheirateten. Ja, ja, ein merkwürdiger
Mensch, Graf Hermosa, nicht ohne Schrullen und Launen, zugegeben, aber
groß, kühn, hinreißend. Was für eine Phantasie! Was für eine Leidenschaft!
Die Welt, mit seinen Augen angesehen, erscheint wie in bengalischer
Beleuchtung. Wenn man ihm zuhört, wird man geneigt, an alle unerhörten
Ereignisse zu glauben, an Wunder und große Geheimnisse, denen wir gefühllos
und blind gegenüberstehen, während sie sich vor uns abspielen. Kein
Zweifel, der Graf wisse mehr von den verborgenen Dingen, als dem
gewöhnlichen Verstand offenbar werde, der Graf sei ein Führer in
unentdeckte Länder, in unsichtbare Gebiete des Lebens. Wundervolle
Perspektiven gebe es dort, herrliche Aussichten, Hoffnungen, so
berauschend, daß man nicht mehr begreift, wie man das alltägliche Leben mit
seiner platten Nüchternheit ausgehalten hat --
»Sie machen mich ja ganz neugierig, Pipin! Was für Hoffnungen denn, was für
Perspektiven? Können Sie mir nicht etwas Positiveres darüber verraten?«
»Positiveres? Offen gestanden, Positiveres weiß ich selber noch nichts. Ich
bin erst auf dem Wege, »im ersten Vorhof«, wie der Graf sagt. Und das ist
doch selbstverständlich, nicht wahr? Denn ich bin ein gewöhnlicher Mensch,
der bis vor kurzem nichts von alledem geahnt hat. Aber vielleicht, mit
redlichem Bemühen, werde ich einmal mehr davon wissen.«
»Also bis jetzt sind alle die Herrlichkeiten -- Versprechungen?«
»Ja, Versprechungen, wundervolle Versprechungen! Sagen Sie selbst: ist es
nicht Zeit? Muß nicht etwas geschehen? Sehen wir nicht alle ein, daß das
Leben regeneriert werden muß? Fühlen wir nicht alle im Innersten eine
Sehnsucht nach etwas Neuem? Nach einer anderen Form des Lebens? Glauben Sie
nicht, daß Tausende und Tausende nur auf denjenigen warten, der ihnen den
Weg zeigt? Ja, es muß etwas geschehen, das ist klar. Und es wird etwas
geschehen, Sie werden schon sehen. Herrgott, wie ich mich freue, wie ich
mich freue!«
Er rieb sich die Hände vor Vergnügen, hob seine Körbe vom Tisch auf den
Boden, vom Boden auf die Stühle, von den Stühlen wieder auf den Tisch und
sagte dabei nur immer: »So ein Glückskind wie ich! Bin ich ein Glückskind!
Wie ich mich freue, nein, wie ich mich freue!«
Dann ergriff er mich bei der Hand und sah mich mit seinen hellblauen Augen
beweglich an:
»Freuen Sie sich doch auch, gnädige Frau! Ich möchte so gerne jemanden
haben, der sich mit mir freut, damit ich nicht allein bin mit diesem
köstlichen Freudegefühl --«
»Aber Pipin, ich weiß wirklich nicht recht, worüber Sie sich so freuen, ich
meine, aus welchem Grunde --?«
»Ach Gott, ich weiß es ja selber nicht! Ich bin nur so glücklich, so voll
Freudigkeit -- das Leben kommt mir so reich vor, so vielversprechend, so
groß, so -- so -- ich habe so ein Gefühl der Dankbarkeit, daß ich da bin,
daß ich lebe, daß mir so viel gegeben wird! So ein Gefühl der Zuversicht,
als ob etwas Außerordentliches bevorstünde, etwas Großes und Wundervolles,
daß alle Menschen einander die Hände drücken werden vor überströmender
Glückseligkeit ...«
[Illustration]
Unter der Buche neben dem grauen Stein. Alle Menschen sind weit weg; es
giebt nur Bäume auf der Welt, unschuldige, schweigsame Bäume, die still
auf ihrem Platze stehen und den Himmel betrachten. Von ihren Wurzeln herauf
steigt ein feuchter Erdgeruch Er erweckt eine wundersame Stimmung, etwas
wie Andacht vor der Fülle, vor der ewigen unerschöpflichen Fruchtbarkeit
des Lebens. So innig beisammen Tod und Leben und so leidlos beide in dieser
Welt!
Auf den frommen grünen Moosgrund niederzuknien und auszusprechen das Wort,
das erst vernehmbar wird in dem großen Schweigen, wenn alle Geräusche des
menschlichen Treibens verstummt sind!
Und die Einsamkeit des Waldes antwortet. In dem großen Schweigen spricht
die Einsamkeit von dem, was unmitteilbar ist. Die Erde spricht; sie spricht
von der ewigen unerschöpflichen Fülle des Lebens. Sie spricht: Fühle,
fühle, mein Kind, ich habe dich, ich halte dich, ich trage dich durch die
Ewigkeit!
*
Ein Geräusch. Bricht ein Hirsch durch den Wald? Es ist der schwarze
Panther. Er geht über die Lichtung auf die Blockhütte zu. Das hohe Gras,
das noch vom Morgentau glänzt, steht hinter ihm wieder auf; leicht,
unhörbar, mit schwebenden Schritten geht er.
Bei der Blockhütte angekommen, reckt er seine schlanke Gestalt hoch auf,
und beginnt unter dem Dache Heu herabzuholen, so lange, bis er im
Schatten der Hütte ein aufgehäuftes Lager errichtet hat. Er wirft sich
in übermütiger Lust darauf hin; dann erhebt er sich zur Hälfte und blickt
sitzend rings herum. Sein Körper ist wie ohne Schwere; er gehorcht jeder
Bewegung in einem Linienspiel voll Anmut und Kraft.
Plötzlich schnellt er empor, springt wieder auf die Füße. Hat er mich
erblickt?
Jedenfalls thut er, als hätte er mich nicht gesehen. Er dreht sich um,
steckt die Hände in die Hosentaschen und schleudert mit dem Fuße den
Heuhaufen, den er eben aufgeschichtet hat, wieder auseinander. Zugleich
intoniert er ein wunderliches, rauhes Geschrei:
»Hoiho, Hoiho,
Hulli hulli hulli ho, hulli ho --«
Schreiend stellt er sich mitten auf die Lichtung in die Sonne.
Eine Zeit lang stieß er so in kurzen Absätzen dieses Gebrüll aus. Dann
verschwand er in den Wald.
Wenige Minuten später hörte ich ihn hinter mir sagen:
»=I beg your pardon=, meine Gnädigste! Wenn ich eine Ahnung gehabt hätte,
daß Sie hier meditieren, wäre ich früher nicht so lärmend gewesen. Sie
belauschen hier das »Schweigen im Walde«, nicht wahr? Oder haben Sie für
hier ein Rendezvous? Ein köstlicher Platz für solche Zwecke! Schade, daß
Sie mir mit dieser Entdeckung zuvorgekommen sind! Jetzt haben Sie das Recht
der Priorität.«
»Die Priorität zum Zwecke von Rendezvous kann ich Ihnen ohne Nachteil für
mich abtreten.«
Er lächelte und setzte sich neben mich:
»=Good gracious=, giebt es denn hier nur die kleinste Möglichkeit einer
=bonne fortune=? Eine einzige Erscheinung -- aber da müßte ich mich mit
Pipin und Elmenreich in ein Wettrennen einlassen. Und diese beiden sind
doch zu wenig =up to date=, als daß das einen Zauber für mich haben könnte.
So bleibt mir nichts übrig, als mir die Banalität dieses Aufenthaltes
mit meinen Reiseerinnerungen zu vertreiben. Ich muß mir von Zeit zu Zeit
vorstellen, daß ich nicht hier bin, um es hier auszuhalten. Eben früher war
ich in Norwegen. Was ich Ihnen unfreiwillig zum Besten gab, war der Ruf der
norwegischen Sennen, wenn eine Kuh sich verirrt hat. Echte Kehllaute,
an Ort und Stelle studiert. Dieses Europa hat doch nur mehr Interesse an
seinen Grenzgebieten; der Rest ist schauderhaft langweilig. Uniformierte
Trivialität. Die Polizei als segensreiche Himmelstochter: überall
Sicherheit, Ruhe, Ordnung. Kulturdevise: =è proibito di lordare= ... Das
neunzehnte Jahrhundert kommt mir vor wie ein langer Katzenjammer nach
dem Rausch des achtzehnten. Oder wie die gewissen älteren Herren, die
tugendhaft werden, nachdem sie sich ausgetobt haben; sie halten ihre
Schwäche für Moral.«
Er stand wieder auf und ging mit einiger Nervosität hin und her.
»Wollen Sie nicht lieber einen Spaziergang machen?« fragte er etwas
ungeduldig. »Da ich doch das Schweigen im Walde verscheucht habe, ist hier
nichts mehr zu holen --«
»Sie vergessen mein Rendezvous, Dr. Kranich --«
»Das heißt, Sie wünschen von mir befreit zu sein, meine Gnädigste. Ja, es
ist eine verdammte Sache um die unverhofften Zeugen bei Rendezvous. Die
Menschen haben so ein naives Gefühl der Daseinsberechtigung; sie merken
nie, wann sie überflüssig sind.«
Er warf aus seinen stechenden schwarzen Augen einen bösen Blick auf mich.
Dann lachte er laut auf, mit seinem jauchzenden, triumphierenden Lachen.
»Ja, gnädige Frau, Sie wünschen mich in Ihrem gnädigen Herzen zum Teufel,
und ich bleibe da und merke nichts. Wer wird nun eher das Feld räumen, Sie
oder ich?«
»Dr. Kranich, ein unverhoffter Zeuge wird doch nichts sein, worüber ein
»Herr des Lebens« sich nicht hinwegsetzen könnte?«
»Die lieben Frauen sind aber nie ›Herren des Lebens;‹ sie haben ewig andere
Herren über sich. O bitte, das soll keine Lästerung sein: es ist ja eine
sehr reizende Eigenschaft dieser teueren Wesen, daß sie so gerne abhängig
sind. Ich möchte diese Eigenschaft an ihnen nicht missen. Nur giebt es
Lebenslagen, in denen sie einem fatal wird -- und die unverhofften Zeugen
gehören zu diesen Lebenslagen, nicht wahr, meine Gnädigste?«
Unten aus dem Walde trat eine weiße Gestalt. Sie kam aus einer anderen
Gegend, als Dr. Kranich gekommen war; aber sie nahm wie er quer über die
Wiese die Richtung nach der Blockhütte zu, ohne zu zögern und ohne sich
umzusehen.
»Hei, was für ein schönes Wild«, rief Dr. Kranich. »Es scheint ja, daß auf
diesem lauschigen Plätzchen alle Rendezvous des Ortes abgehalten werden --«
Er trat rasch vor und stieß sein Geschrei von früher aus: »Hulli, hulli ho,
hoiho --«
Die weiße Gestalt blieb stehen wie angewurzelt.
»Hierher, Fräulein Eugenie, hierher! Hier finden Sie eine erlesene
Gesellschaft. Hulli ho, hulli ho!«
Die weiße Gestalt rührte sich nicht. Dr. Kranich sagte lächelnd zu mir:
»Ich hoffe, Sie verraten nicht, daß das ein Warnungsruf für verirrte Kühe
ist. Die norwegischen Kühe scheinen im allgemeinen intelligenter zu sein
als die hiesigen.«
Da die weiße Gestalt immer noch unbeweglich stand, setzte er hinzu: »Hier
muß man wohl deutlicher reden«, und lief ihr entgegen.
Sie standen einige Augenblicke in der Sonne beisammen, ehe sie herauf
kamen.
Eugenie sah aus wie eine aus den Wolken gefallene Göttin. Reizend
angezogen: ein Kleid aus weißer Battist-Stickerei, um die Taille ein
breites, rotblumiges Seidenband, das rückwärts in langen Schleifen
hinabfiel. Dazu ein hochroter Sonnenschirm.
In ihrer apathischen Weise sagte sie zu mir: »Was für ein Zufall! Ich
wollte einmal ganz planlos durch den Wald streifen -- und nun trifft man
sich doch wieder!«
Dr. Kranich lächelte spöttisch. »=I beg your pardon=, Fräulein Eugenie,
aber für einen solchen Streifzug sind Sie nicht ganz praktisch toilettiert!
Gestehen Sie's doch lieber: Sie haben hier herum ein Rendezvous, bei dem
Sie keine unverhofften Zeugen brauchen können. Die gnädige Frau und ich
werden Ihnen das Feld räumen.«
Eugenie sah ihn mit ihren großen, etwas zu runden Augen sprachlos an. Sie
war sehr rot -- aber es konnte auch vom Reflex des roten Schirmes sein, den
sie aufgespannt auf der Schulter liegen hatte.
* * *
Bei Tisch, nachdem der Graf sich mit Pipin entfernt hat.
Dr. Kranich: »Ich behaupte: Der Mann achtet im Grunde keine Frau, die er
-- =parbleu=, jetzt hätt' ich beinahe Ihre Anwesenheit vergessen, meine
Gnädigste! Wenn ich mich also für Damenohren ausdrücken soll: Der Mann
achtet im Grunde kein weibliches Wesen, in das er mit Erfolg verliebt ist.«