11. August 1893.

... Der mich am freudigsten begrüßte, war Pipin. Er kündigte mir gleich an,

daß eine Ueberraschung bevorstehe und fragte, ob ich ein paar Stunden Zeit

für ihn habe.

Dann führte er mich einen Weg den Wald hinauf, abseits von den großen

Heerstraßen des Promenandenpublikums.

Unterwegs teilte er mir mit, daß es dem Grafen gelungen sei, mit jenem

»Fremdling«, der kurze Zeit vor deiner Ankunft hier durchgekommen war,

Beziehungen anzuknüpfen. Damit habe der Graf einen tüchtigen Rekord

über Doktor Kranich erzielt. Denn während Dr. Kranich sich begnügte, die

Unerschrockenheit dieses außerordentlichen Menschen hervorzuheben, und

es bloß bis zur Absicht brachte, sich ihm vorzustellen, sei der Graf ihm

nachgereist, habe seine Bekanntschaft gemacht und ihn bewogen, sich für

einige Zeit hier niederzulassen --

Einen Rekord über Dr. Kranich? Es sei mir gar nicht bekannt gewesen, daß

der Graf solche Ambitionen gegenüber Dr. Kranich hege --

Dr. Kranich habe doch einmal von sich gesagt, er sei =champion of the

world= in allen Fragen der höheren Geisteskultur -- müsse man das nicht als

eine direkte Herausforderung für Elmenreich und den Grafen betrachten,

die beide sicherlich den gleichen Anspruch auf diese Weltmeisterschaft

hätten --?

Im Grunde seines Herzens natürlich finde der Graf diesen beständigen

Wettbewerb unwürdig und beschwerlich; deshalb habe die Erscheinung des

Fremden ihm den Plan eingegeben, diesen Mann als den wahrhaft Ueberlegenen,

als »geistige Potenz =hors concours=«, der sich alle freudig unterordnen

könnten, hierherzubringen und in unserer Mitte festzuhalten.

Vorerst aber mußte für den Fremden eine entsprechende Unterkunft geschaffen

werden. Ihm ein Hotelzimmer anzubieten, wo über ihm, unter ihm, neben ihm

lärmende Gäste mit Husten, Spucken, Schnarchen, mit Geplapper und Gepolter

ihr Wesen trieben, das lehnte der Graf auf das Entschiedenste ab. Und

alle Wohnungen, jede Kammer, jede Dachluke jetzt in der =haute saison= von

Kurgästen und Sommerfrischlern besetzt!

Wer anders konnte da Rat schaffen, wenn nicht Pipin? Und Pipin rannte drei

Tage lang von früh bis Abend die ganze Gegend ab; dann glaubte er seine

Aufgabe gelöst zu haben. Am Abhang des Tressensteines, ganz einsam auf

einer Lichtung im Wald, liegt ein kleines Gehöft, inmitten von Scheune und

Stallung ein Bauernhaus mit einem weißgetünchten Vordertrakt und vielfach

geflicktem Schindeldach. Dort hatte Pipin den Gast eingemietet, in der

guten Stube des Hauses, in der das Gastbett der Bäuerin steht.

Eine noch junge Frau, abgemagert bis auf die Knochen und von jener

mißfarbigen Blässe, die durch den Sonnenbrand in ein schmutziges Gelb

verwandelt worden ist, begegnete uns im Flur. Ihre eingefallenen Wangen

röteten sich ein wenig, als sie Pipin, der vor mir eingetreten war,

erblickte. Ich sah zwei glühende, in tiefen Höhlen liegende Augen

erwartungsvoll von ihm zu mir gehen. Aber gleich darauf erlosch diese

belebte Miene in einem Ausdruck der Enttäuschung. »I han gemoant, der gnä'

Herr bringt 'n schon mit«, sagte sie mit tonloser Stimme.

Pipin lachte. »Ja ja, so sind die Frauen!« versetzte er scherzhaft. »Zuerst

haben Sie ihn durchaus nicht bei sich aufnehmen wollen, und jetzt können

Sie seine Ankunft nicht erwarten.«

Aber die Frau schien nicht geneigt, auf diesen Ton einzugehen. Sie

verschwand wie ein Schatten, ohne eine Antwort zu geben.

»Ich habe ihr einiges über den Fremden erzählt und vielleicht ihre

Neugierde dabei zu hoch gespannt«, sagte Pipin zur Erklärung, während wir

über die schmale Holztreppe in das Zimmer hinaufstiegen. »Aber ich mußte

sie doch vorbereiten, daß da nicht ein Stadtmensch von der landläufigen

Art einziehen wird, sondern jemand Besonderer -- so eine Art Einsiedler in

härenem Gewand, hab' ich ihr gesagt, der halt auf seine eigene Façon

selig werden will. Mir scheint gar, sie stellt sich jetzt einen wirklichen

Einsiedler und Heiligen vor, der mit Händeauflegen die Krankheiten

vertreiben kann. Armes Weib! Da fehlt's wohl auch irgendwo gewaltig! Sie

hat alle ihre Kinder und zuletzt ihren Mann kurz hintereinander verloren

-- und jetzt ist sie selber krank, wenn nicht gar übergeschnappt. Und da

glauben wir immer, die Bauern, das sind noch die gesunden und natürlichen

Menschen!«

Das Aussehen des Zimmers scheint allerdings seine Worte zu bestätigen.

Ringsherum an den Wänden, über dem hochgetürmten Bett, das bis zur halben

Höhe des Zimmers hinaufsteigt, über dem harten, mit schwarzer Wachsleinwand

überzogenen und mit weißen Porzellannägeln beschlagenen Sofa, bis in die

hinterste Ecke, die ein großer grüner Kachelofen einnimmt, hängen zahllose

Heiligenbilder, billige Farbendrucke in grüngelben Tönen, darstellend

schönfrisierte Heilandsgesichter mit Dornenkronen, von welchen das Blut in

dicken Tropfen herabrinnt, Mariengestalten, denen sieben Schwerter in

die blaudrapierte Brust gestoßen sind, herausgeputzte Heilige, die ihre

Marterwerkzeuge als Trophäen in den Händen halten -- eine Galerie

des Leidens, die durch den Kontrast zwischen dem Gegenstand und der

fabriksmäßig gleichgültigen Darstellung ganz unerträglich wird. Ein

Glasschrank ist mit Wachsstöcken angefüllt, mit Rosenkränzen, mit

Wallfahrtsmedaillen, mit Weihbrunnkesseln aus Blech oder Porzellan, mit

quecksilberbelegten Glasleuchtern, in denen bunte Wachskerzen stecken;

obenauf unter einem Glassturz steht ein Kruzifix, auf dem ein vergilbtes

wächsernes Brautkränzlein hängt, daneben in einer blaugläsernen Vase ein

Bouquet graurötlicher Blumen aus geknetetem Brot.

Und in der halben Dämmerung, die von den schwärzlichen Balken der Decke auf

die grauviolett schablonierten Wände herabzufließen scheint, glimmen

alle diese Dinge mit fahlen Glanzlichtern und verleihen dem Raum etwas

Unheimliches. Eine unbefriedigte und gewaltsame Frömmigkeit redet hier, die

Not einer gepeinigten Seele, die sich nicht genug thun kann in Opfern und

Gebeten vor der zürnenden, unerbittlichen Macht auf dem Throne der Welt.

»Gerade komfortabel ist das Zimmer nicht«, sagte Pipin entschuldigend;

»aber meinen Sie nicht auch, gnädige Frau, daß man es einem so

ungewöhnlichen Menschen eher anbieten kann als ein Hotelzimmer?« ...

* * *

(Aus einem Briefe.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 19 / 50 题